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Friedhofsblume

Wilhelmine von Hillern: Friedhofsblume - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWilhelmine von Hillern
titleFriedhofsblume
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
year1883
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170702
projectid0a579e94
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Erster Theil.

Erstes Kapitel.

» Mortui vivos docent«, das ist die Inschrift über dem Thor des Anatomiegebäudes in einer kleinen süddeutschen Universitätsstadt. Es ist ein prächtiges, neues Haus mit spiegelblanken, großen Fenstern und einer gläsernen Rotunde, dem Anatomiesaal, die so verlockend mit weißen gestickten Gardinen verhangen ist, daß man immer im Vorbeigehen einmal hinein schielen möchte, um das zu sehen, was man nachher doch lieber nicht gesehen hätte. Die goldenen Buchstaben des » Mortui vivos docent« leuchten so tröstlich über dem hohen Portale. In der Morgensonne ringsumher schimmern ferne Gebirgszüge freundlich, träumerisch herüber und soweit das Auge reicht, dehnt sich eine endlose, grüne Wiese aus, über welche funkelnde, blitzende Reitergestalten dahin jagen: das Exercirfeld. Geht man ein paar Minuten weiter, so könnte man das » Mortui vivos docent« in: » Mortui vivos nutriunt« verändern, denn hier beginnt das Kirchhofsviertel, – die Todtenstadt des kleinen Ortes. Hier wohnen alle die braven Leute, die sich zum Unterschied von den Raubmördern, Hyänen der Schlachtfelder, Leichenräubern u. s. w. auf ehrliche Weise vom Tod ernähren: die Todtengräber, Friedhofsgärtner, Grabsteinhändler, Leichenkutscher, Sargträger, Leichenschauer und dergleichen, eine kleine stillvergnügte Gesellschaft bei einander.

Von der Anatomie an bis hinunter zu der letzten Stätte, wo der müde, vielfach herumgezerrte Leib endlich ausruht für immer, ist es ein freundlich, nachbarliches Zusammenleben und da die Rechnung auf das Sterben der Menschen immer die sicherste ist, so blüht und gedeiht das Geschäft und nährt seinen Mann.

Manch stattliches Haus prangt hier, das neben der schönen Aussicht auf die Berge, die nahe Eisenbahn und das Exercirfeld, die Abwechslung bietet, Morgens mit klingendem Spiele das Militär und Abends die Leichenwagen passiren zu sehen. Es sind daher recht unterhaltende und gesuchte Wohnungen da draußen, was auch noch einen Erwerbszweig bildet und zum allgemeinen Wohlstand beiträgt.

Eines der schönsten Anwesen ist das des Grabbildhauers Loreni, eines Italieners, der den weißesten Marmor aus seiner Heimath kommen läßt. Neben dem Hause ist ein freier Hof, wo immer Grabkreuze aller Art ausgestellt sind, daß einem die Wahl weh thut und man fast ein Grab auszuschmücken haben möchte, um etwas von den schönen Sachen kaufen zu können. Eine prachtvolle Allee führt dann von der lauten Verkehrsstraße ab, den stillen Pfad hin, dessen einzige Mündung das eiserne Portal des Friedhofs ist. Schon seitlings am Wege begrüßt eine Christusstatue den Nahenden und fordert ihn zur Sammlung auf, und nur ein Gärtnerhäuschen, tief im Grünen versteckt, mahnt noch an das Irdische. Dann und wann begegnen sich ein paar schwarz gekleidete Gestalten, die Blumen bringen oder gebracht haben, um frische Gräber zu zieren, oder die vor den Lebenden zu den Todten flüchten, um sich bei diesen Trost zu holen. Langsamen Schrittes, denn Herzen voll Thränen wiegen schwer, kommen sie, um hier zu weinen, oder gehen, nachdem sie sich ausgeweint haben. Die sehen sich stumm im Vorüberschreiten an, als wollten sie einander sagen: »Ich weiß, wie Dir zu Muthe ist!« – Dann ist das Thor mit dem winkenden Todesengel erreicht und die Stätte des Friedens nimmt den ernsten Besucher auf. Wenn es aber einen Fleck Erde giebt, wo der Tod alle seine Schrecken verliert, so ist es dieser Friedhof. Wer ihn zu einer einsamen Stunde betritt, wenn das Alltagsleben mit seinen Pflichten die Menschen ferne hält, der glaubt in einen Kindergarten zu kommen, denn eine Schaar rosiger Kindergesichter taucht da und dort zwischen den grünen Hügeln und den Grabsteinen auf. – Das sind die Kinder der Todtenstadt, die hier zu Hause sind, als ihrem angestammten rechtmäßigen Spielplatz.

Welch eine Abwechslung bieten die hundertfältigen Gräber von den stolzen Grüften mit den hohen Marmorkreuzen und den dunkelschattigen Cypressen an, bis herunter zu den armen, kleinen Gräbern mit den schiefen Holzkreuzchen, von denen, als einzige Gabe der Liebe, ein paar Schleierfetzen herabhängen, die vielleicht aus einem alten, vom Trödler gekauften Ballkleid gerissen sind.

Da sind überall gar lauschige Plätze zum Versteckensspielen. Und was für Märchen lassen sich da träumen, in diesen Nischen unter den überhängenden Zweigen im Abendwind rauschender Weiden. Das flüstert und raunt, das huscht und schlüpft unsichtbar durch die wehenden Schleier der Kreuze und knistert in den vertrockneten Kränzen. Und da und dort blickt traurig ein steinernes Kind von einem Monument herab und sieht sehnsüchtig zu, wie die lebenden Genossen da herum spielen, als möchte es gern mitmachen. Und die marmornen Rosenguirlanden, die solch' ein Denkmalskind immer in der Hand hält, glühen auf im Abendroth, als sollten sie sich beleben und duften, wie ihre blühenden Genossinnen unten auf dem Grab. Und als ahnten die Kinder, daß das steinerne Bild auch mitthun möchte, ziehen sie es hinein in ihre Spiele und plaudern mit ihm und fragen es und beantworten sich dann selbst an seiner Statt die Fragen; denn so machen sie es ja auch mit ihren Puppen.

»Hat Deine Mutter arg geweint, als Du starbst?«

»Ja – sehr!«

»Bist Du jetzt im Himmel, ist es dort schöner als hier?«

»Ja, noch viel schöner!«

Und dann erzählt das steinerne Kind vom Himmel und die anderen hören andächtig zu. Mittlerweile wird es kühler und dunkler und mächtig hebt sich hier und dort ein marmorner Engel vom verglimmenden Horizont ab und deutet mit dem erhobenen Arm empor, als wolle er bestätigen, was das steinerne Kind erzählt. Und die Kleinen werden stiller und es ist, als hätten sie über vielerlei nachzusinnen. Länger strecken sich die Schatten der Kreuze über die Gräber hin. Aus den Erdhügeln heraus entwickelt sich ein seltsam Leben und Regen, ein Rascheln und Zischeln, ein Auftauchen und wieder Verschwinden. Tausende kleiner Mäuse sind es, die nun mit dem sinkenden Tag ihr nächtliches Treiben beginnen; sie kommen aus ihren Verstecken hervor und eilen geschäftig her und hin, zwischen dem Gespinnst und Gerank durch. Aber es ist ein eigen Ding für das ungewohnte Auge, auf den Stätten der Todesruhe und Erstarrung plötzlich im Abenddämmerschein sich etwas bewegen zu sehen, gleichsam, als habe sich der Todte da unten gerührt und jage nun die lichtscheuen Mitbewohner aus der engen Zelle heraus. Gewöhnlich fangen auch die Kinder um diese Zeit an, müde zu werden und schleichen an den seltsam belebten Hügeln vorbei nach Haus.

Nur zwei Spätlinge sind noch übrig geblieben; die scheinen auf nichts zu achten, was um sie her vorgeht, so ganz in sich versunken, als ob sie vom Tode nichts wüßten und nichts vom Leben. Es ist ein wunderschönes Pärchen, das Mädchen von etwa elf, der Knabe von fünfzehn Jahren. – Sie haben auf zwei nebeneinanderliegenden Gräbern Waldblumen und Farren gepflanzt und Unkraut entfernt und scheinen eben fertig geworden zu sein. Um die zwei schlichten Holzkreuze hat das Mägdlein ein paar rothe Vogelbeerschnüre geschlungen und betrachtet zufrieden sein Werk: »Schau, wie schön!« sagt sie zu dem Knaben. Der drückt das eine der Kreuze, das ärmere, das etwas windschief geworden, wieder besser in die Erde und nickt bewundernd. Die rothen Beeren glühen wie Feuer in der Abendsonne. Jetzt nimmt das Mädchen eine Gießkanne und sagt: »Komm, ich muß noch das Grafengrab begießen.« Dann winkt sie, wie zum Abschied, dem Grabe zu: »Gute Nacht, Mutter!« Und der Knabe küßt das andere Kreuz, das er eben zurecht gerückt, und spricht leise nach: »Gute Nacht, liebe Mutter!« Das kleine Mädchen umschlingt ihn und eilt mit ihm dem Grafengrabe zu. Und wie die Kinder so dahinschreiten, die hellen Kieswege entlang, da ist es, als drehten die marmornen Engel, die Blumen und Vögel die Köpfe und schauten ihnen nach – so schön ist das Pärchen.

Freilich sind es nur dürftige Lappen, die sie bekleiden; aber die Gestalten so wunderlieblich, – der Knabe so frisch und stolz mit edeln fast klassischen Zügen und dunkeln, träumerischen Augen unter eng zusammengewachsenen Brauen und die Kleine so elfenhaft und leicht dahinschreitend, auf winzigen, marmorweißen, nackten Füßchen. Ihr rothgoldenes Haar weht gleich einem sonnendurchglühten Zauberschleier um den schön getragenen Kopf und weithin strahlen, blaue Lichter umherstreuend, ein Paar große, tiefe Vergißmeinnicht-Augen. –

Sie haben das Grab nun erreicht, wohin das Mägdlein wollte. Eine Rosenlaube wölbt sich wie ein grüner Tempel über einer reich geschmückten Gruft. Es ist kein steinernes Denkmal, mit welchem die Liebe dieses Grab geziert, nur Blumen und nichts als Blumen. Aber, was ferne Welttheile nur Schönes und Seltenes hervorbringen können, das wächst hier und breitet seine glänzenden Blätter aus, wie grüne Flügel. Darüber wölbt sich, mit kunstreicher Hand gebaut, das schützende Dach der Rosenlaube. Eine umsponnene grüne Gitterthür schließt den kleinen Tempel ab. Diese öffnet das Kind mit einem Schlüssel, den es aus der Tasche zieht und tritt ein, der Knabe folgt ihr. Rasch hat es die dürstenden Pflanzen erquickt und ein erfrischender Hauch entströmt den feuchten Kelchen. Ganz versteckt hinter Palmen und Blumen steht eine steinerne Bank, auf die setzt sich das seltsame Pärchen und wer im Zwielicht des aufgehenden Mondes hineinschauen könnte, der würde sicher bunt schimmernde Flügel an ihren Schultern zu sehen glauben, als wäre es ein Elfenpaar, von einem bösen Zauberer hier herein gebannt und gefangen.

Das Grab mit seinem räthselhaften Schweigen – denn es erzählt nicht einmal, was jedes Grab erzählt: wer da drunten liegt und von wem beweint, die fremdartigen, exotischen Blumen und das fest verschlossene Gitter ringsherum, – es ist ein Sommernachtstraum auf dem deutschen christlichen Kirchhof.

Die Sonne ist indessen untergegangen, der letzte, rothe Streifen am Horizont verblaßt und die weiße Mondesscheibe, die schon längst glanzlos am Firmament gestanden, beginnt zu leuchten auf dem dunkleren Grund. Die Kinder hatten die Köpfchen aneinander gelehnt und träumten, die Laube thue sich auf und die gefiederten Palmen lösten sich aus der Erde, breiteten die Blätter aus und flögen auf, dem schwebenden Mondball zu, der so verlockende, spielende Lichter durch das Laubdach warf. Und auch sie fühlten, daß sie fliegen konnten und schwangen sich empor, den flatternden grünen Blumenvögeln nach. Aber der Nachtwind erfaßte die Beiden und riß sie auseinander, da umschlangen sie sich mit einem Angstruf und hielten sich fest Brust an Brust. »Nein, bleib bei mir!« Dann sahen sie sich lachend an, ob der seltsamen Träumerei.

In diesem Augenblicke ertönte von Ferne Wagengerassel. Es kam näher und die Kinder streckten neugierig die Köpfe vor. Man konnte von da aus nach dem Portal hinsehen. Die Wohnung des Todtengräbers war festlich erleuchtet, – er führte heute seine junge Frau heim. Die Hochzeit war bei den Brauteltern gewesen. Sie waren wohlhabende Leute, denn sie besaßen das einzige Sargmagazin im Städtlein, und nun fuhr der ganze Hochzeitszug in vier Wagen am Kirchhof an. Voran der Brautwagen mit dem glücklichen Paar. Der Hochzeiter mit dem weißen Strauß im Knopfloch führte die Braut triumphirend durch das große eiserne Portal herein. Die Gäste gaben ihnen lachend und plaudernd das Geleit zwischen den Gräbern hin bis zum Todtenhaus, wo die freundliche Wohnung ihrer harrte. Nur die nächsten Verwandten traten mit ein und warfen einen Blick in die hübsche Einrichtung der kleinen Wohnstube und des Brautgemachs. Es war schön mit Blumen geschmückt und über den schneeweißen Betten prangten grüne Guirlanden, von den Gehilfen des Todtengräbers aus besonderer Aufmerksamkeit gewunden.

Die Kinder sahen alles von Weitem durch die Fenster mit an und als die Gäste sich wieder entfernten und die Hochzeitswagen davon rasselten, als der Todtengräber droben seine junge Frau küßte und dann das Fenster und die Gardine schloß, – da dachte der Knabe, es müsse doch schön sein – Hochzeit halten; aber er sagte es nicht. Doch das Mädchen fragte nach einer Weile: »Gelt, wenn wir groß sind, dann heirathen wir auch und dann holst Du mich auch mit dem Brautwagen?«

Dem Knaben stieg es heiß ins Gesicht bei des Kindes unschuldigen Worten, er wußte selbst nicht warum: »Heirathen« – sprach er ihr träumerisch nach, als müsse er sich das Wort wiederholen, um es zu verstehen – »Heirathen?« dann wurde er tiefernst: »Wenn wir groß sind, dann werden sie uns von einander trennen – dann müssen wir dienen gehen – Jedes wo anders hin. Für uns giebt's keinen Brautwagen.«

»O nein, trennen lassen wir uns nie, nie!« sagte die Kleine und umschlang den Knaben. Der zog sie sanft und seltsam erglühend an sich und seine Augen leuchteten kindlich trotzig aus dem Blätterschatten auf: »Wenn sie es nun aber doch thun?« »Nun, dann machen wir, daß wir bald sterben, dann kommen wir mit einander in den Himmel – der liebe Gott wird uns schon beisammen lassen, er ist ja gut und er weiß ja, daß wir nicht ohne einander leben können! Nicht wahr?«

»Ja, aber werden wir denn auch beide zugleich sterben?« murmelte nachdenklich der Knabe.

»Natürlich,« sagte das Mägdlein, »was sollten wir denn anders machen?« Und die Kinder rückten zusammen, wie ein paar junge Vögel, über denen der Habicht schwebt.

»Ich würde nicht leben ohne Dich – aber Du vielleicht ohne mich!« murmelte der Knabe.

»Wie Du so etwas glauben kannst,« sagte leise das Mädchen, und es lag etwas in dem Ton, daß es dem Knaben war, als habe er sich an ihr versündigt. Und er schaute ihr lange, lange in die träumerischen, unschuldigen Augen und es war als suchten sie Beide nach einem Wort, das sie in dem kindlichen Stammeln ihrer Seelen noch nicht fanden. Dann, – müde es zu suchen – legte die Kleine ihr Köpfchen an die breite Brust des jugendlichen Gefährten und leise, als solle sie es nicht merken, ganz leise küßten des Knaben Lippen ihr rothgoldenes Haar. –

Stille war's über und unter der Erde, die Todten schliefen ruhig da unten – nur die Nachtfalter schwebten, wie entfliehende Seelen von den Gräbern auf, hinaus in die monddurchschimmerte Ferne. Schneeweiß ragten, vom Geisterlicht übergossen, die steinernen Kreuze in die Luft. Ueber den beiden Kindern raschelte und rauschte es in den Zweigen einer Trauerweide; sie hörten es nicht. Des Knaben Lippen ruhten wie gebannt auf dem Haupte des Mädchens und dieses fühlte den heimlichen Kuß. Eine Ahnung namenlosen Glückes, unnennbarer Wunder, die ihnen noch verhüllt, zog mit seligen Schauern durch ihre unschuldigen Herzen. Aber über ihnen in den Zweigen der Weide auf der Kirchhofsmauer, da lauschte ein vergrämtes, trauriges Antlitz herab und spähte durch das Gitter des Laubdaches.

Wie in einer Glorie von Licht saß das Paar da unten und kein Zug der schönen Gesichter und kein Hauch und kein Wort blieb dem Lauscher da oben verborgen. – Auch er war halb Knabe, halb Jüngling, wie der andere, aber fremdartig und früher gereift. Der Nachtwind wühlte in des Jünglings langem Haar und auf der bleichen Stirn spielten die Schatten der Weidenblätter, wie Schatten künftigen Lorbeers. Wie ein Nachtwandler kauerte der Knabe, halb liegend, halb sitzend, auf dem schmalen Mauerrande und lauschte. – Es war kein Horchen und kein Spähen im gemeinen Sinn, es war ein sehnsüchtiges Schauen und Hören, wie der Durstige dem Trinkenden zusieht, wie der Ausgeschlossene bei einem Feste hinter der Thür der Musik lauscht.

Da schlug es vom Thurm des Todtenhäuschens neun Uhr. Die Kinder standen auf und traten Hand in Hand aus der Laube heraus in den vollen Mondschein. So schritten sie einträchtig dahin dem Thore zu und schielten im Vorbeigehen verstohlen nach dem Fenster des Todtengräbers hinauf, wo das Licht noch brannte. Dann schloß sich das Thor hinter ihnen und nun war der Lauscher allein der noch einzige Lebende auf dem nächtlichen Friedhof. Er blickte ihnen nach, so lange er noch die Umrisse der kleinen Elfengestalt des Mädchens sehen konnte. Denn das Kind hatte es ihm angethan, daß er ihm überall folgen mußte. Sobald er Feierabend hatte, suchte er es auf. Aber wo es ging und stand, da war auch der Andere! – Und er mußte es immer mit ansehen und mit anhören, wie sie sich einzig lieb hatten und wie sie sich Alles waren und er wußte, daß das nun einmal so sei und nicht anders sein könne. Und weil das Mägdlein den Andern so gern mochte und der gegen das Mägdlein so gut war, so hatte er sich auch gewöhnt, den Andern lieb zu haben. Er wußte, daß es für ihn kein Glück gab und daß ihm nichts gehörte, kein Geld, noch Gut, kein Menschenherz, – nicht einmal ein Grab! Die Kinder, wie arm sie auch waren, hatten es besser, sie hatten die Gräber ihrer Mütter, die da drüben neben einander lagen! Der kleine Fleck Erde war ihr Eigenthum. Da hatten sie sich gefunden, hatten geweint und geklagt und endlich mit einander geschwatzt und sich mit einander getröstet.

Seine Mutter lag eingescharrt irgendwo in Wälschland und längst war das Grab verschüttet und umgegraben. Sein Vater war als Steinhauer mit ihm in jenen Gegenden Südtirols herumgezogen, wo die Landstraßen mit Marmor gestreut werden und jeder Meilenzeiger von Marmor ist. In einem Steinbruch war er verunglückt und von dort nahm der Grabbildhauer Loreni den verwaisten Knaben als Lehrling mit. Der Kleine hatte neben dem Vater allerlei Figuren und Ornamente aus eigener Eingebung in die Steine gemeißelt. Der Grabbildhauer mochte etwas Besonderes an den kindlichen Bildnereien gefunden haben, denn er nahm ihn ohne Weiteres und unentgeltlich als Lehrling an. Nur knüpfte er die Bedingung daran, daß er ihm auch als Geselle einst so lange umsonst arbeiten müsse, als er Lehrling gewesen sei. –

So war er nun hier, und nichts nahm er mit herüber unter die kühlen Schatten der deutschen Tannenwälder, als das brennende Heimweh nach dem brennenden Staub und den grauen Oelbäumen der heimischen Landstraße. Er war das ärmste Geschöpf auf der Welt, von keinem Menschen geliebt – von keinem Menschen beachtet, und die Glücklichen, die hier auf dem Kirchhof ein Grab besaßen, das etwas Liebes – wenn auch Todtes barg, einen Hügel Erde, auf dem sie einen Blumenstock pflanzen durften und sagen: »Das gehört mir,« die erschienen ihm so reich, wie uns wohl ein Gutsherr erscheint, der seine Felder nach Meilen mißt. – Und nachdem die Beiden den Kirchhof verlassen hatten, sprang er von der Mauer herab, warf sich auf den nächsten besten Hügel und schluchzte: »Ein Grab, nur ein Grab, lieber Gott, das mein!«

Und als er wieder aufsah mit thränendem Blick, da stand ein Genius des Todes mit der umgekehrten Fackel vor ihm, strahlend im Mondesglanz und schien ihm Gewährung zu winken. Eine seltsame Tröstung kam über ihn, wie eine Gewißheit, daß er einmal ein liebes, ein über Alles geliebtes Grab haben werde. Aber – wenn er es hätte – wie wollte er es schmücken? Dann wollte er ein Denkmal meißeln – schöner – viel schöner als dieser Todesengel.

Und er fing an, die Figur zu betrachten, und wischte die Thränen aus den Augen und sah – sah einen Fehler um den andern. Das würde er so – jenes so gemacht haben! Und die Biegung des Armes war falsch und das Gesicht unschön. Wenn er ein Denkmal meißeln würde, so müßte es die Züge des geliebten kleinen Mädchens haben und ihre kleinen Füßchen – wenn er nur die einmal modelliren dürfte! O, welch' eine holde Gestalt war sie gegen diesen Engel! Und wie wollte er sie treffen, welch' ein Bild sollte das werden! Seine Seele hatte die Künstleraugen aufgethan und vor ihrem Seherblick offenbarten sich die ersten Umrisse wahrer Schönheit, in kindlichen, aber unverwischbar reinen Zügen. Es war ein Lenzeswehen – ein Werden und Wachsen, eine keimende Schöpferlust! –

Aber plötzlich durchzuckte es ihn wie ein Dolchstich: – »Was hoffst Du? Was träumst Du von einstigem Schaffen? Armer Geselle, woher den Marmor nehmen für Dein Werk? Sei still und bescheide Dich, Dir gehört ja nicht der Stein am Wege, nicht der Meißel in Deiner Hand!«

Und wieder sank die Stirn ins thaufeuchte Gras und stille ward's auf dem Friedhof, als poche kein lebendig hoffend Herz mehr zwischen den Reihen der Todten.

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