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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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IX.

Friedemann Bach hatte seine Stellung als Oberorganist der Sophienkirche in Dresden angetreten. Zu der geistigen und künstlerischen hatte er nunmehr die materielle Freiheit des Lebens erlangt.

Im Hause des Vaters hatte er sich den Regeln, der Sitte, der Denkungsart des Hauses streng unterwerfen müssen; denn der alte Bach hielt in diesen Dingen unabweisbar an der Sitte der Väter, am ehrwürdig Hergebrachten, und selbst die Freude trat in einer Form auf, die mehr einem Abglanz der Frömmigkeit als einem selbstvergessenen Übersprudeln im Glücksrausch der Minute glich. Die unabänderliche Ordnung des Tages, der Geschäfte und selbst der Erholung hatte in Leipzig für Friedemann oft etwas Drückendes gehabt; um so mehr, als er durch seine Studienzeit in Merseburg den freien Flügelschlag des akademischen Jugendlebens empfunden, als er durch seine kecken skeptischeren Ansichten von der Welt und vom Leben, schließlich aber durch seine feurigere Künstlernatur einer größeren Ungezwungenheit zuneigte.

Hier in Dresden hatte sich das geändert. Herr seiner Zeit und Entschließungen, seines Hauses und Amtes, hatte er sich plötzlich in eine Freiheit versetzt gesehen, die ihm neu und ungewohnt war und anfangs ein gewisses Gefühl der Einsamkeit und Bangigkeit gab. Daher frischte er häufig Erinnerungen aus dem Vaterhause auf und pflegte einen eifrigen Briefwechsel mit den Seinen. Die Arbeitsstube richtete er wie die des Vaters ein, seine Hausordnung wurde der in Leipzig angepaßt, und durch öftere Besuche des Vaters, der Geschwister oder der jungen Künstler, die seine Unterrichtsgenossen gewesen waren, riß die Verbindung mit der alten heimatlichen Welt nicht ab. Sebastian war dessen froh; denn er wußte, daß Friedemann ihn als Künstler vielleicht, als Sohn und Mensch aber noch nicht entbehren könne.

Der junge Bach besaß Seiten in seiner Veranlagung und seinem Wesen, die ihm das Vorwärtskommen auf eigene Hand schwer machen mußten. Sebastian hatte nichts als sein Talent besessen, und er mußte zusehen, wie er sich mit diesem durch die Dürre des Lebens schlagen, wie er die mannigfachen Widrigkeiten und Hindernisse auf seinem Weg bewältigen würde. Aber dieser ständige Kampf stählte seine Kräfte, machte ihn zu fernerem Ringen desto geschickter. Er lernte, sich zu schmiegen und zu biegen, »fünfe auch einmal gerade sein zu lassen«, sein zuweilen jähzornig aufwallendes Blut zur Ruhe zu zwingen. Friedemann war von Jugend auf behütet und umsorgt gewesen; des Vaters Hand hatte ihn vor jedem schmerzhaften Anprall an die rauhe Wirklichkeit zu bewahren gewußt. Seine Leidenschaften schliefen noch. Er erlebte das Dasein fast wie einen lichten Traum, und sein Geist lustwandelte ständig im Reich der Töne. Alles, was er tat, auch das scheinbar Abgeschlossene, hatte immer noch etwas Fragmentarisches an sich.

In der Musik war dem jungen Bach die ganze Fülle der Kunst seines Vaters zu eigen; aber so sehr er auch deren innerstes Wesen in sich zu verlebendigen verstand, seine eigene strebte doch nach anderer Richtung. Der Geist von Sebastians Musik war die Religion, nicht Religion im allgemeinen, sondern der strenge, tiefinnerliche, mit aller Kraft des Gemüts und der schöpferischen Begeisterung erfaßte Evangelienglaube. In ihm lebte und schuf er dergestalt, daß er durch die Töne den heiligen Text Wort für Wort, Begriff um Begriff, wiedergab und interpretierte. All das Unendliche, das im Wort nicht zu erklären war, machte er mit der Gewalt und Hoheit, der Tiefe und Unerschöpflichkeit, der Empfindungskraft und dem Stimmungszauber seiner Melodien begrifflich.

Friedemann beherrschte die Form ebenso großartig wie der Vater. Alles, was dieser an Begabung, Kenntnissen, Ausbildung, Fertigkeit und Schöpferkraft besaß, hatte auch er. Nur eins fehlte ihm, und mit dem einen auch alles: ihm fehlte der eigentliche Inhalt, der allein diese unendlichen und verwickelten Tonmassen zu der inneren, nur ihr eigenen natürlichen Harmonie des Geistes beleben, ihr die pulsierende Seele, den Gotteshauch des Lebens geben konnte. Sebastian konnte nie aus sich selber heraus erzeugen, er bedurfte eines äußeren Anstoßes, er bedurfte der Bibel. Friedemann hingegen ging diese demütige Strenge, diese Unbedingtheit des Glaubens ab, er konnte sich nicht damit begnügen, lediglich Erklärer der Bibel zu sein. Das Ziel seiner Kunst lag in weiten, einsamen Höhen, über denen zwar auch der Geist Gottes schwebte, um deren Schründe und Grate es jedoch von weltlichen Lichtern flackerte . . . Wenn bei dem Vater alle Gefühle, namentlich Liebe und Freundschaft, still und sonnig wie ein Maienmorgen alles, Gott, Welt und die Seinen, umschlossen, so hatten sie bei Friedemann eine verzehrende, vulkanische Gewalt, waren tief, eigensinnig und beharrlich. Des Vaters äußeres Auftreten in der Welt war herzgewinnend, ruhig, behaglich und von einer etwas pedantischen Einfachheit. Er glich in etwa einem Prediger, der sich den Menschen nur nähert, um sie an sich heranzuziehen. Sebastian Bach lebte wesentlich nach außen, so still er sonst auch scheinen mochte, – Friedemann, trotz der weltmännischen Glätte, Galanterie und Grazie der Unterhaltung, fast nur nach innen. Alles, was ihm im Leben begegnete, wurde ihm Stoff der Imagination; es fiel ihm oft schwer, das Sein von der Einbildung, die Wirklichkeit von der Phantasie, die Dichtung von der Wahrheit zu unterscheiden. Noch war er nicht gefeit durch Erfahrung, noch nicht geläutert in der Schule des Elends und der Schmerzen.

Friedemanns Leben und Stellung in Dresden waren überaus angenehm und glänzend. Getragen von dem Namen seines Vaters, seiner eigenen künstlerischen Genialität, galt er für den höchsten Träger der Kirchenmusik, des ernsten großen Stils, und alle anderen Organisten drängten sich um den aufgehenden Stern, von dem sie verstohlen Strahlen borgten. Der Ruhm seiner Orgelkonzerte, die der Hof, die Oper und alles, was Dresden Glänzendes barg, nie versäumten, drang über Leipzig, wo er wohlgefällig des Vaters Ohr umschmeichelte, weit hinaus nach Deutschland und verkündete, daß Friedemann – selbst den Vater nicht ausgeschlossen – der König aller Orgelvirtuosen sei.

So, im Vollgenusse seines jungen Ruhms, stieß er einst, als er von Holzendorf kam, auf Doles. Er hatte ihn lange Zeit nicht gesehen, – seit jenem Vorfall nicht mehr, da Doles im Oberbewußtsein seiner Fähigkeiten die Fuge als etwas in der Kirchenmusik vollkommen Unstatthaftes bezeichnet und sich dadurch mit Sebastian entsetzlich entzweit hatte; dieser hatte ihn damals »Er dummer Junge!« genannt und mit einer Ohrfeige zum Teufel gejagt. Seitdem lebte er in Dresden und fristete sein Dasein recht kümmerlich durch Privatstunden. Er sah verhärmt und sehr herabgekommen aus. »Herrgott, Doles! Bruder! Um Himmels willen, wie geht es dir?«

»Mir? – Du willst wissen, wie mir's geht und siehst doch, wie ich aussehe?«

»Und warum, wenn du hier bist und Not leidest, bist du nicht zu mir gekommen?«

»Himmelwetter! was bildest du dir ein, Herr Oberorganist? Meinst du, nachdem mich dein vornehmer Herr Vater wie einen Halunken behandelte, werde ich beim Sohne betteln?«

»Doles, Kerl, sei vernünftig! Waren wir nicht immer Freunde? Müssen wir uns denn voneinander wenden, wenn du dich mit meinem Vater entzweit hast? Du kennst mich doch genug und solltest wissen, wie nahe mir's ging, als mein Vater so heftig gegen dich verfuhr.«

»Du siehst also ein, daß ich mit der Fuge recht habe?«

»Nein, unrecht hast du! Ich halte dich gewiß für einen achtbaren, tüchtigen Musiker, aber wegen der Fuge bist du ein Esel, und . . . Nein, nein! renn' nicht weg, Doles, sei gescheit, ich kann doch für die Geschichte nichts! Laß sie uns endlich vergessen! – Du bist mein Jugendfreund, dir geht's schlecht – willst du, daß dir dein alter Friedemann helfen soll?«

Zögernd stand Doles in seinem schäbigen Kittel vor ihm; er sah Friedemann starr an, eine stille, tiefe Wehmut überkam ihn, und mit dieser Wehmut zog die alte Freundschaft wieder in sein Herz. Er legte seine Hand in die Friedemanns: »Ja, hilf mir also! Aber . . .«

»Aber? Kein Aber, Doles! Ich helfe dir, und damit ist's gut. Nur eine Bitte hab' ich: versprich mir, daß du kein einzigsmal böse von meinem Vater sprechen oder über die Fuge schimpfen willst! Du schreibst keine, ich schreibe welche. – basta! Und jeder mag sehen, wie er besser fährt.«

»Gut. Friedemann, wenn du's so willst! Aber das sage ich dir: schenken laß ich mir von dir nichts, Friede; ich zahle dir alles wieder, was du an mir tust, – das bin ich mir, das bin ich dem Schimpf schuldig, den mir dein Vater angetan, hörst du? Und wenn dir Gott ein Unglück oder einmal sonst ein Elend schickt, dann bist du ein schlechter Kerl, ein Lump bist du, wenn du nicht zu Doles kommst, verstanden?«

»Ja, ja, dann komme ich auch zu dir, Doleschen!« lachte Friedemann, und Arm in Arm schritten beide zum Organistenhause . . .

Die allgemeine Gunst, deren Friedemann sich erfreute, brachte ihn in die ausgesuchtesten Zirkel der Residenz. Außer dem Oberprediger Merperger, dem Stadtsyndikus Weinlich, dem Bürgermeister Vogler und dem Konsistorialpräsidenten von Loß, die seine Patrone waren, beeiferten sich die Räte von Gersdorf und Zeh, der Hausmarschall von Erdmannsdorf und der Kammerherr von Holzendorf, ihn in ihren Häusern zu empfangen. Die Männer fanden ihn geistreich und angenehm, die Frauen schön, poetisch und galant; er war im besten Zuge, Modeartikel zu werden. Was aber einen besonderen Glanz auf ihn warf, war, daß er im Hause Brühl wohlgelitten war, und daß er bei außerordentlichen Gelegenheiten mit höchstem Beifall am Hofe gespielt hatte. Er stand auf einem Gipfelpunkt seines Glanzes, und nur die Schöpfung eines großen Werkes konnte ihn über sich selbst erheben. – Ein stolzer Augenblick war ihm eben wieder beschieden gewesen: sein Vater war zum Hofkomponisten des Königs ernannt worden, und zu seiner Freude und Genugtuung durfte er ihm die Nachricht selber bringen, einen neuen Zweig der Anerkennung um des Vaters ergrauten Scheitel winden. Mit tausend lerchenhellen Jubelstimmen, die alte Hanne mit sich nehmend, reiste er mit dem kostbaren Diplom nach Leipzig. Die Engel der Liebe und Sehnsucht flogen vor ihm her zum Vaterhause, das er mehr als vier Jahre nicht mehr gesehen hatte.

Was mochte sich dort wohl verändert, wie stark der Fluß der Dinge das gewohnte Bild in dieser Zeit verrückt haben? War er auch durch häufige Besuche der Seinen und die allwöchentlichen Briefe mit den Vorgängen im Elternhause ziemlich vertraut, so konnte er sich doch denken, daß ihm mancherlei, besonders alles Schmerzhafte und Betrübliche, nur unvollkommen berichtet worden war. Von seinen Schwestern waren kurz nacheinander die zweit- und letztgeborene gestorben, ein paar liebe Mädchen. Die Familie hatte sich aber auch um drei Söhne vergrößert: Abraham, den Magdalena anno 33 geboren, war schon im folgenden Jahre gestorben; 1735 war Johann Christian, den man nachmals den »Englischen« nannte, zur Welt gekommen, und vor einem Jahre David. Dieses jüngste und letzte war ein Schmerzenskind; mit ihm war in das sonst so gesegnete Haus Sebastians das Unglück eingezogen, denn der Knabe war blödsinnig . . .

»Herr Jeses, da is Leipzig! Sehn Se, sehn Se doch, Friede! Ich weeß och gar nich, Se sind e' junger Mensch und sitzen so kienstöckig da!« – Solchermaßen aus seinen trüben Gedanken gerissen, ging Friedemann auf das gutmütige Geschwätz der Alten ein. An der Post stiegen beide aus.

Es war an einem Wochentage und Friedemann wußte, daß Vater um diese Stunde zu Hause sein mußte. Anne Magdalene, die Mutter, saß in der Wohnstube, wo der einjährige Christian zu ihren Füßen spielte, und besserte Kinderkleider aus. In der Schlafstube daneben lag der unglückliche David in der Wiege. Sebastian, der Vater, war in seinem Unterrichtszimmer, das auf der anderen Seite des Flures lag, und als Friedemann leise vorbeischlich, hörte er den Vater laut und eindringlich sprechen, und ihm war's, als ob Altnikol oder Krebs bei ihm sei.

Die alte Hanne hinter sich, huschte Friedemann in die Küche, wo er seine älteste Schwester Friederike zu finden hoffte, die nun, seit Hanne in Dresden war und die Stiefmutter mit den kleinen Kindern Sorgen genug hatte, fast ganz allein die Wirtschaft führte. Sie stand, mit dem Rücken gegen die Tür, am Herd und besorgte den Kaffee; Friedemann schlich leise hinter sie und hielt ihr die Augen zu.

»Ach Gott! – I was ist denn das? Sie sind's gewiß! – Lassen Sie doch los, Altnikol! – Was das für Dummheiten sind! Mein Gott, wenn die Mutter das sieht!«

»Und was dann, Riekelchen?« und der Bruder lachte ihr ins Gesicht.

»Friedemann! – Ach Gott, du bist's? O, sei mir tausendmal gegrüßt, Herzfried!« und außer sich vor Freude fiel sie dem Langersehnten um den Hals und brach in solch jubelndes Entzücken aus, daß es in der Vorderstube gehört wurde und bald im ganzen Haus widerhallte: »Der Friedemann ist da!«

»Mein Junge, wo, wo ist er? Friedemann, Herzenssohn!« – Vater und Sohn lagen einander in den Armen.

Auch die Mutter war mit den anderen herbeigeeilt, stand bewegt dabei und küßte ihren Stiefsohn recht wacker, denn sie hatte ihn lieb wie ihren eigenen. Emanuel polterte unterdessen von seiner Kammer herunter, um einzustimmen in den Willkomm, und der treuherzige Altnikol, der beim Vater war, reichte ihm herzlich die Hand.

»Nun, lasset mir den Friedemann nur ganz, Kinder, ihr zerreißt ihn ja vor lauter Liebe!« lachte Vater Sebastian und zog den Ankömmling in die Wohnstube. – Dort aber wurde Friedemann feierlich: »Zuerst, ihr Lieben, setzt Euch einmal rings um mich her, und ihr, Herzvater und Herzmutter, gerade vor mich hin! Ich habe euch allen was Hochwichtiges mitzuteilen.«

»So? – Na, setz' dich neben mich, Alte!« sagte Sebastian und zog Magdalene zu sich aufs Sofa. »Nun, Friedemann?«

»Lieber Vater, ich und alle, die dich lieb haben, und was noch mehr heißt, dich kennen als den größten Musikus, der je dem lieben Gott zu Preis und Ehre gesungen, wir alle haben immer sehnlichst gewünscht, du möchtest eine so hohe, vornehme Stelle in der Welt einnehmen, wie sie dir von Rechts wegen gebührt. Damals, als die Stelle an der Hofkirche zu St. Sophien leer war, wolltest du nicht, und hast sie lieber deinem Friedemann, der gegen dich nur ein Stümper ist, gegönnt, um sein Glück zu machen. Lieber Vater«, und Friedemanns Stimme kam ins Zittern, »so du’s nicht ungütig nimmst, ist dein dankbares Kind nun zu dir gekommen, um dir eine ebenso große Freude zu bereiten wie du ihm damals. Unsere Königliche Majestät von Sachsen hat dich mit sechshundert Talern Gehalt zu Höchstihrem geistlichen Hofkomponisten ernannt, und ich soll dir mit seiner gnädigen Erlaubnis das Diplom geben und . . .« Der Sohn hielt das Dokument in der Hand, das Wort der Freude erstarb auf seinen Lippen. Sebastian erhob sich, sein gerührter und doch stolzer Blick überflog das Häuflein seiner jauchzenden Lieben, und Vater und Sohn drückten einander ans Herz. Magdalene aber schwenkte das ihrem Gatten entglittene Papier wie eine Siegesfahne, und alles drängte sich um den glücklichen Vater und Künstler, um ihm herzlich Glück zu wünschen. Und die Freude war um so größer, als das neue Amt ihn nicht von Leipzig riß, sondern ihm nur die Verpflichtung auferlegte, die für die kirchlichen Hoffeierlichkeiten notwendige Musik zu komponieren und sie bei außerordentlichen Gelegenheiten selbst zu dirigieren.

Friedemann hatte vierzehn Tage Urlaub, und der Vater gab Anweisung, ihn in seiner eigenen Arbeitsstube unterzubringen, damit er abends vorm Zubettgehen mit seinem Liebling noch ein bißchen plaudern könne. Friederike geleitete ihren Bruder nach oben, um ihm beim Auspacken behilflich zu sein, und Sebastian, im tiefsten Herzen zufrieden und glücklich, setzte sich zu Magdalene, hielt still lächelnd ihre Hand in der seinen und hörte dem unentwegten Geplapper der alten Hanne zu; durch Kaffee und Kuchen angeregt, ward sie nicht müde, sämtliche Neuigkeiten aus der Residenz auszukramen und die tausend neugierigen Fragen der Kinder zu beantworten . . .

»Friederike«, forschte mittlerweile Friedemann seine Schwester aus, »sag einmal, du bist dem Altnikol wohl ungeheuer gut?«

»Herr Jesus, Friede! Mein Gott! – Ach, was du auch denkst! – Pfui, du bist recht garstig!«

»Aber recht herzlich gut bist du dem Altnikol doch, Friederike!« und er umfaßte sie und sah ihr lächelnd in das verschämte Gesicht. »Keine Winkelzüge, Hand aufs Herz: bist du dem Altnikol gut?«

»Aber . . .« – »Kein Aber! Ja oder nein?«

»Na, dann also ja! Ich bin ihm gut, und er mir auch, – daß du's nur weißt. Er hat vor ein paar Tagen ein Angebot als Organist nach Naumburg gekriegt und weiß nicht, was er tun soll.«

»Zugreifen natürlich! Naumburg ist eine gute Stelle.«

»Aber dann muß er von Leipzig weg! . . . Dem Vater wagen wir's nicht zu sagen, und . . . Ach Gott, Friede, rat' uns, was wir tun sollen!«

»Ja, 's ist schlimm, Friederike! – Nun, Altnikol ist ein ganzer Kerl, dem gönnte ich schon meine Lieblingsschwester! Weißt du was? Pack' hier oben allein weiter, ich will einmal zusehen, ob ich Altnikol sprechen kann.«

»Ach Gott, daß der Vater nur nichts merkt!«

»Nein doch, sei nur ruhig!«

Friedemann ging zu den anderen hinunter und nahm seinen Freund beiseite: »Du, Nikol, weißt, wir wollen dem Vater heut abend ein Quartett machen; verschwinde, ehe er's merkt, und besorge das Nötige.« Altnikol winkte, nahm still den Hut und schlich sich fort . . .

»Lieber Vater, kann ich mit dir und der Mutter ein paar Worte allein reden?«

»Zehn für eins, Friede; komm hier herein in die Hinterstube! So! Und nun, was ist's?«

»Ich hab' eine recht große Bitte an dich, Vater. Du mußt mir aber versprechen, daß du nicht böse sein willst, wenn ich was sage, was du nicht gerne hörst.«

»Na ja, ich versprech' dir's. Heute kann ich gar nicht böse sein.«

»Also denn, lieber Vater, liebe Mutter: ich trete vor euch als Brautwerber für meinen Freund Altnikol, der die Friederike gar lieb hat. Er kann Organist in Naumburg werden, hat's nur noch nicht zugesagt, weil er . . . na, er fürchtet sich, ihr möchtet ihn abweisen.«

»I, ich hab' längst schon so was gemerkt«, sagte die Mutter, »ich wollte dir nur nichts sagen, Bastian, denn du hättest doch nicht eher ja gesagt, als der Nikol eine Stelle hat.«

»So? Das ist ja recht hübsch! Und du Spitzbube, du Schlingel kommst nach Leipzig, lauschst mir meine Fidelität ab und überrumpelst mich? Na ja . . . soll halt die Friederike den Nikol haben, und heute abend ist Verlobung. Aber ganz still sein davon, und platzt mir nicht dazwischen! Weiß Friederike, daß du mir . . .?«

»Nein, lieber Vater! Sie hat mir's gebeichtet, und da sie Angst hatte, du möchtest es ausschlagen, hab' ich ihr gesagt, ich wollte erst mit Nikol reden. Der ist aber gerade einmal nach Hause gegangen, und da habe ich mir ein Herz gefaßt und bin vor die rechte Schmiede gezogen.«

»Das ist gescheit! Hast du was gegen Nikol, Mutter?«

»I bewahre, mich freut's von Herzen!«

»Also gut! – Die Mutter besorgt einen ordentlichen Braten, ich gebe ein paar Flaschen Wein, und das andere findet sich. Nur seid ernsthaft und verderbt mir einen Spaß nicht! – Du, Magdalene, wo hast du denn das Notenbuch, das ich dir damals schenkte? Da steht ein Lied drin, Friede, 's ist das einzige, das ich mein Lebtag komponiert hab'.«

»Du hast also doch einmal ein Lied komponiert, Herzvater?« rief Friedemann überrascht.

»Nicht bloß komponiert, sondern auch gedichtet, Friede, – als die Mutter und ich Brautleute waren. Ja, ja, was du dir denkst! Na, einem Liebhaber verzeiht man so etwas, selbst wenn er die Kunst ein wenig leicht nimmt. Aber sonst habe ich nur für den lieben Gott komponiert. – Also, such das Büchel, Magdalene! Das Lied soll heute abend die Friederike zur Strafe singen, und der Altnikol muß sie begleiten.«

»Ach, prächtig! Bastian, du bist prächtig! – Glaub mir, Friedemann, so lustig hab' ich den Vater noch nie gesehen!«

Je näher es dem Abend entgegenging, desto mehr nahmen die Heimlichkeiten zu. Jeder schlich herum und lächelte, als gälte es einen Spitzbubenstreich. Altnikol hatte alles zum Quartett besorgt, hatte Krebs gerufen und Emanuel eingeweiht. Der alte Bach war zum Weinhändler und Kuchenbäcker gegangen. Magdalene, Hanne und die Töchter werkten in der Küche, wo das Feuer prasselte und der leckere Braten seinen Duft entsandte. Nur die arme Friederike, der Friedemann gesagt hatte, Nikol sei einstweilen weggegangen, sie möge sich auf ein andermal gedulden, war traurig; die Tränen traten ihr in die Augen daß es die Mutter gewahr wurde. »Ach, der dumme Rauch beißt so in die Augen!« stotterte das Mädchen und eilte hinaus, um den Tisch zu decken . . .

»Wo bleibt denn der Altnikol?« fragte Sebastian, als er sich mit den Seinen an die einladend bestellte Tafel setzte. »Habt ihr ihm nicht gesagt, daß er heute unser Gast ist?«

Er sah unruhig umher, seine Augen hafteten auf Friedemann.

»Er wollte gleich wiederkommen«, antwortete dieser, »ich will doch einmal nachsehen!« – und Friedemann ging hinaus.

»Und der Emanuel fehlt auch? Was das für eine Trödelei ist!« brummte der Vater. »Meiner Seele, das junge Volk wird heutzutage immer unakkurater! Da war ich ein andrer Kerl, als ich . . .«

Eine gedämpfte Musik, die draußen erklang, schnitt seine weiteren Worte ab. Auf dem Flur saßen die vier alten Quartettgenossen und spielten des Vaters Lieblingssonate wie ehemals, Friedemann erste, Emanuel zweite Violine, Krebs Bratsche und Altnikol das schwermütig-sonore Violoncell.

Bach war tief ergriffen. Schweigend hörte er zu und folgte jeder Passage, jeder Modulation mit lächelndem Neigen des Kopfes, grüßte jeden Ton wie einen alten lieben Bekannten. Vor ihm saßen seine beiden Söhne, zwei Talente von seltener Größe. Der eine, dessen Ruf schon weit erklang im deutschen Land, der andere, Emanuel, reif, hinauszugehen, um seine erste Lanze zu brechen; dort seine beiden liebsten Schüler, der eine seinem Herzen seit wenigen Stunden doppelt lieb. An seiner Seite das treue, fröhlich schaltende Weib, um ihn die Schar lieblicher Töchter, spielender Knaben, er selbst geschmückt mit dem Lorbeer des Ruhmes. Er durfte zufrieden sein . . . Aber da – nebenan in der Kammer – ein quirlend-greller Tierlaut, die Stimme seines blödsinnigen David.

»Der Herr hat's gegeben, der Name des Herrn sei gelobt!« murmelte Sebastian und preßte Magdalenes Hand, die rasch aufstand und zu dem armen Kleinen ging.

Das Quartett war beendet, alle saßen um den gastlichen Tisch und taten Hannes Kochkunst die gebührende Ehre an. Die Gläser kreisten, und bald ließ man die herrliche Frau Musika, bald den Altmeister Sebastian, die Hausmutter und Friedemann leben. Der Tisch wurde abgeräumt, die Gläser blieben.

»Nun, Kinder, aufgepaßt! Jetzt wollen wir den alten Ohrenschmaus der lustigen Thüringer halten; wer lacht, muß aufhören, wer gewinnt, dem schenk' ich ein Andenken an diesen Tag!«

Bei Sebastian war alles, selbst der ausgelassenste Zeitvertreib, Musik, und wenn er wirklich einmal übermäßig fidel war, wurde ein »Quodlibet« gesungen. Jeder Anwesende mußte etwas anderes singen, der eine etwa ein Volkslied, der zweite einen Choral, der dritte ein Menuett, der vierte ein Schelmenlied, – auf das Einsatzzeichen hin alle aber gleichzeitig.

Lange dauerte es nicht, dann platzte einer in herzliches Lachen aus und mußte aufhören, bis endlich der letzte standhaft mit seiner Weise schloß. Heute war Altnikol Sieger geblieben, und wahrscheinlich wohl nur deshalb, weil sein Herz gerade heute der Lustigkeit nicht sehr zugänglich war.

»Na, der Altnikol hat's also! Gut, – ehe Ihr geht, erinnert mich daran; ich hab's in meiner Stube oben, was Euch zugedacht ist. – Hier sind noch drei Flaschen Wein, die wollen wir 'nüber zum Klavier nehmen, damit wir etwas Tastenschmalz haben. Hast du das Buch, Mutter?«

Magdalene langte ein altes, geschriebenes Notenheft hervor und reichte es dem Alten.

»Jetzt paßt einmal auf, Kinder! In dem Buch da steht ein Lied, das hab' ich unserer Mutter gedichtet und komponiert, und seitdem keines wieder. Es ist eine artige Anweisung für Liebesleute. Da, Friederike, sing's einmal; Altnikol mag dich begleiten!«

Die beiden Angeredeten waren wie vom Schlage getroffen. »Nun, was ist denn? Habt euch doch nicht so, ihr seid ja kein Liebespaar.«

Friederike hätte zusammenbrechen mögen, aber sie durfte nicht zeigen, wie ihr ums Herz war, durfte nichts merken lassen, mußte singen. Altnikol setzte sich ans Klavier, das Buch wurde aufgeschlagen, und bebend begann Friederike:

»Willst du dein Herz mir schenken,
So fang es heimlich an,
Daß unser beider Denken
Niemand erraten kann.
Die Liebe muß bei beiden
Allzeit verschwiegen sein . . .«

und konnte ihren Tränen nicht mehr Einhalt gebieten; krampfhaft schluchzend fiel sie der Mutter um den Hals. Altnikol, im tiefsten Herzen verwundet, erhob sich, um nach Hut und Stock zu greifen.

»Einen Augenblick noch, Nikol! Wenn Ihr gehen wollt, muß ich Euch ja das Quodlibetgeschenk geben. – Da, Herr Organiste, wenn's Euch nicht zu gering ist: da, nehmt meine älteste Tochter Friederike! Ihr müßt sie mir nur noch ein bissel auf Borg lassen, bis Ihr in Naumburg eingerichtet seid.«

 

Der Freudentag war verrauscht. Die Verlobten hatten auf Friedemanns Bitte das reizende »Willst du dein Herz mir schenken« noch einmal und diesmal zu Ende gesungen, der letzte Ton war verhallt, das letzte Glas getrunken. Nach einem lustigen »Gute Nacht, Herr Schwiegersohn!« war Altnikol nach Hause gegangen, und die Familie Bach schickte sich an, zu Bett zu gehen. Sebastian, seinen Friedemann am Arm, ging hinauf in seine Stube.

Es war eine herrliche Maiennacht. Voll und groß stand der Mond am sternenbesäten Himmel und goß sein mattes Silber über über die Straßen, zärtlich-lind fächelte der junge Blütenwind durchs offene Fenster.

»Lieber Vater«, sagte Friedemann, »auch ich möchte dich um ein Andenken an diesen schönen Abend bitten, damit ich mich immer erinnern kann, wie glücklich ich heute war. So ein Tag hilft über manches Herzeleid hinweg. Ich möchte dich bitten, mir zu erlauben, daß ich das schöne Lied nach Dresden mitnehmen darf; ich will auch niemand sagen, von wem es ist.«

»Gut, Friedemann, nimm es mit! Und wenn du einmal ein Mädchen gefunden hast, das für dich paßt, so ein braves, gutes, einfach-schlichtes Herz wie unsere Mutter, dann sing's ihm vor, aber« – und Sebastian wurde sehr ernst – »versprich mir, daß du selbst nie ein Liebeslied komponieren wirst, Friede! Nie!«

»Nie, lieber Vater, ich komponiere niemals ein Lied!«

Vater und Sohn saßen einander gegenüber, das Licht in der Stube war gelöscht.

»Sag, Friedemann, hast du noch kein Mädchen gesehen, das dich gerne mag? Bist doch ein stattlicher Kerl; hast du kein Glück bei den Weibern?«

»Na, soll ich denn das selber von mir sagen, lieber Vater? – Es gibt wohl genug, denk' ich, in Dresden, die mich gern sehen, aber ich wüßte keine, die ich möchte. Meine Zeit ist auch noch nicht da, Vater; ich muß erst etwas Rechtes geschaffen haben, eh' ich dran denke, eine Frau zu nehmen.«

»Das läßt sich hören, Friedemann! Da denkst du ungefähr wie ich. Aber warte nicht zu lange, Sohn! Wenn man sonst sein Brot hat, kann man gar nicht zeitig genug heiraten. Weißt du, warum? – Erstens strebt man viel ernster, dann gelingt einem alles besser, und was man erringt, hat man zu zweien, das ist viel schöner. Wenn der Künstler auch noch so alt, noch so berühmt ist, er lernt doch nimmer aus; wer nichts mehr lernen kann, ist aber tot, Friedemann. Was man von seiner Frau lernt, ist gerade das beste in der Kunst und im Leben; denn die Kunst des Lebens, die Weltklugheit, und das Leben in der Kunst, die Empfindung, ist das, was die Weiber immer besser verstehen! Warte nicht zu lange mit deiner Häuslichkeit, Sohn; gerade du, du brauchst eine Frau, denn du bist einer von den Geistern, die nur im Himmel oder in der Hölle Raum haben. Solche aber müssen bald heiraten, damit sie fein auf der Erde gehen lernen. – Nein, nein, rede mir nichts drein, ich kenne dich gar zu gut! Du wirst ein großer Künstler werden, aber du kannst – nimm's mir nicht übel, Friedemann – du kannst auch ein großer Lump werden! Ich hab' manchmal schon recht mit Angst an dich gedacht, wie du bei dem noblen Volk unter den Weibsleuten in Dresden sitzest, und ›Frau Ministerin‹ hier und ›Frau Gräfin‹ da, und der Herr Kammerherr tätschelt dich, und der Herr Oberstallmeister zerrt an dir, – und alle verhunzen dich! Nicht als Künstler, das können sie gar nicht, als Künstler kannst du dich nur selber zuschanden machen, – aber als Mensch können sie dich verschimpfieren. Halte dich zu deinem Pfarrer, Sohn, und nimm dir ein Weib; denn so wahr mir Gott helfe, das Leben ist eine verteufelt schwere Kunst!«

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