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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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V.

Der König war in Warschau, – aber krank. Die höchst anstrengende Reise im tiefsten Winter hatte seinen Fuß verschlimmert und ihm eine heftige Entzündung der Wunde zugezogen.

Die sächsischen Regimenter garnisonierten in der Stadt, die polnische Leibwache, die sofort doppelte Löhnung erhielt und deren Offiziere fast alle dem König treu ergeben waren, versah den Schloßdienst. Die Edelleute, die zu Leszczynski hielten, verließen schon nach wenigen Tagen die Stadt oder verhielten sich wenigstens abwartend, während diejenigen, die vom Hofe zu Dresden gekommen waren, schon um ihres eignen Vorteils willen nicht verfehlten, für die Sache Augusts zu wirken. Der König war erstaunt, bei der Mehrzahl der angesehensten Notabeln eine Bereitwilligkeit zu finden, die er bisher von dieser Seite nicht gewohnt war. Allerdings galt Lubomirsky unter seinen Landsleuten viel mehr als Sulkowsky. Dieser war, da Brühl anscheinend doch nicht als besonderer Vertrauter Augusts für diplomatische Missionen ausersehen, sondern lediglich zu seiner Pflege erkoren war, wieder in den Vordergrund getreten und hielt die Geschäfte allein in seiner Hand. Wie mußte er daher nicht erstaunen, sich von dem größten Teil der Warschauer Edelleute kühl behandelt zu sehen, und gerade von denen, die des Königs wärmste Anhänger zu sein schienen. Lubomirsky indessen war trotz seiner Jugend allgemein beliebt und viel gesucht.

»Sehen Sie wohl, Graf, wie unsere Maßnahmen wirken?« sagte einmal Brühl zu ihm. »Ihre Briefe halten Sulkowsky in Schach, weil jeder der Ansicht ist, Sulkowsky arbeite nur für sich und nicht für Polen, er wolle die freie Konstitution hintertreiben, zu der ich dem König geraten habe. Sie sind durch diese Nachrichten der Staatsmann Ihres Landes geworden, der Vermittler zwischen Adel und König, und wenn Sie so, von dem Vertrauen Ihrer Landsleute getragen, vor Seine Majestät treten, erlangen Sie die Wichtigkeit, die Sulkowsky verloren hat. Begreifen Sie nun? Und ich bin Ihr Kompagnon, der den König wieder mit dem Lande verbindet. Mort de ma vie, wir werden beide Minister! – Nun aber schweigsam, und nie mehr als mit einem von der Sache reden! Wo drei sind, ist immer ein Verräter, und die anderen sind Zeugen. Bei zweien hört jede Verantwortlichkeit auf.« Lubomirsky war sehr beschränkt, aber das verstand er doch . . .

Siepmann, der vor Augusts Ankunft die bewußten Briefe an die Vornehmsten der polnischen Aristokratie überbracht hatte, war überzeugt, daß Garnison und Stadtadel die Sache Leszczynskis vollständig aufgegeben hatten. Nun galt es noch, den Adel des flachen Landes gefügig zu machen, und zum Schluß einen Reichstag zu halten, auf dem dem König noch einmal der Treueid geleistet werden sollte. Siepmann war überall.

König Augusts Krankheit hatte sich inzwischen mit jedem Tage verschlimmert, und die beiden Leibärzte erklärten eines Abends, daß plötzlich der Brand in die Wunde getreten und keine Hilfe mehr möglich sei. Brühl mochte so etwas schon während der Reise geahnt haben; denn die liebevolle Aufmerksamkeit, die er dem König gewidmet hatte, stach grell von der geschäftigen Nachlässigkeit Sulkowskys ab, der, überdies gereizt von dem Benehmen seiner Landsleute, stets in schlechter Stimmung war. Als nun die Ärzte Brühl die Trostlosigkeit von Augusts Zustand mitteilten, nahm er ihnen auf ihren Amtseid das Versprechen des Schweigens ab. Tags darauf bereitete er in ihrer Gegenwart den starken August auf den letzten, unvermeidlichen Schritt vor.

Inzwischen hatte er nach Dresden geschrieben und die königliche Familie auf die Möglichkeit eines Ablebens des Monarchen schonend vorbereitet. Zu Siepmann aber sagte er: »Halten Sie sich bereit, sofort als Kurier nach der Residenz zu gehen!« Siepmann war immer bereit.

In der Nacht des 31. Januar 1733 wurde auch dem herbeigerufenen Sulkowsky und den vornehmen Häusern des Landtages das Unvermeidliche mitgeteilt: August würde den nächsten Morgen sterben.

Beklommene Stille herrschte in dem matterleuchteten Gemach; nur der König ächzte in Todesschmerz. »Geht alle hinaus! Alle! Ich will allein sein! . . . Nein, nicht alle! Brühl soll bei mir bleiben!«

Als sich die Anwesenden entfernt hatten, verlangte der König Tinte und Feder, und mit zitternder Hand warf er ein paar Zeilen aufs Papier. »Lesen Sie es, Brühl, und handeln Sie danach! – Die Ärzte!« – Brühl warf einen Blick auf das Papier, rief die Ärzte und entfernte sich.

»Sie können nichts mehr für mich tun, meine Herren? Ja oder Nein!« – Die Ärzte schüttelten traurig das Haupt.

»Können Sie mir nichts Stärkendes geben? Ich brauche noch Kräfte diese Nacht, und wenn ich doch sterben muß, ist es gleich, ob eine Stunde früher.«

»Majestät!« riefen die Ärzte entsetzt. – »Ich sage euch, ich muß diese Nacht noch tätig sein, sonst sterbe ich in Verzweiflung. Gebt mir etwas!«

Die Ärzte sahen sich fragend an. Dann reichten sie ihm ein Medikament, das den verendenden Löwen zu beleben schien. »Ah, das ist gut! . . . Kommt Brühl noch nicht?«

Brühl trat ein. Er trug einen großen, würfelförmigen Kasten von rotem Leder unter dem Arm und stellte ihn neben des Königs Bett.

»Laßt mich mit Brühl allein!« – Die Tür fiel hinter den Ärzten zu. Brühl öffnete den Kasten, und hastig griff der König hinein. In seinen schwankenden Händen hielt er die Krone Polens, die Brühl auf sein Geheiß aus dem Staatstresor geholt hatte.

»Brühl, die Krone vertraue ich Ihrer treuen Hand, wenn ich tot bin! . . . Sie kennen Ihre Pflicht!«

Ein paar Tränen fielen herab auf das schimmernde Kleinod und hingen zwischen den Perlen, – Tränen, von einem sterbenden König auf eine unheilvolle Krone geweint . . .

»Hier, nehmen Sie, Brühl! Ich will an meinen Sohn schreiben.« Brühl legte das Kleinod in den Kasten zurück und reichte dem König nochmals das Schreibgerät. Die Arznei mußte dem König frische Kräfte gegeben haben, denn er schrieb schnell, wie von etwas Unsichtbarem gepeitscht, und er schrieb lange. Endlich war er fertig, faltete das Papier zusammen und legte es zwischen die Spangen des Diadems. Brühl schloß den Kasten.

»Versiegeln Sie den Kasten, hier mit meinem Siegel! . . . Brühl, ich nehme heute schon von Ihnen Abschied. Morgen überlassen Sie mich Gott und den übrigen. Ihre Treue ist das einzige, was mir jetzt wohl tut; und wenn mir der Tod leichter wird, als ich es verdiene, so ist es nur, weil ich überzeugt bin, daß Sie meinen letzten Willen vollführen werden!« – »So wahr mir Gott helfe, Majestät!« – »Fort damit! Adieu, lieber Brühl! . . . Die Ärzte!«

Brühl, der sein bleiches Gesicht von der feuchtkalten Hand des Monarchen erhob, setzte den Kasten in eine dunkle Ecke des Zimmers unter einen Stuhl, auf den er ein Tafeltuch warf. Die Ärzte kamen.

In der Frühe des 1. Februar lag der König in den letzten Zügen. Er hatte das Abendmahl genommen. Sulkowsky, Lubomirsky, die Ärzte, die polnischen Grafen und alle, die von Dresden mit ihm gekommen waren, umstanden sein Bett in düsterer Stille. Brühl hielt Wache am Stuhl, auf dem das Tafeltuch lag, und wich nicht. Er konnte hinab auf den beschneiten Hof des Schlosses sehen. Unter dem Fenster standen zwei vierspännige Wagen und warteten. In dem ersten saß Siepmann und sah starr empor.

Ein krampfhaftes Wimmern . . . ein kurzes Aufstöhnen . . . »Der König ist tot!« sagten leise die Ärzte.

Brühl erhob die Hand zum Fenster, Siepmann fuhr ab; und wenig später rollte auch der zweite Wagen zum Tor hinaus. In ihm saß Brühl, in der rechten Hand ein gespanntes Pistol, in der linken die polnische Krone. »Nach Dresden« – – –

Dort war der Hof in Trauer. Den Tag vorher hatte Siepmann die Gewißheit gebracht, war aber am nächsten Tage geräuschlos nach Petersburg weitergegangen. Nun erwartete man den offiziellen Kurier von Sulkowsky mit umfassenden Berichten und einem Memorandum über die Lage der Dinge.

Düster lagerte das Gerücht von Augusts des Starken Hinscheiden auf Dresden, flatterte durch ganz Sachsen. Jeder dachte an die Möglichkeit einer bevorstehenden gänzlichen Veränderung der Verhältnisse, jeder sprach seine Hoffnungen und Befürchtungen über den neuen Herrscher aus. Frankreich jubelte und rüstete seine Regimenter, um in Polen einzufallen und den Schwiegervater seines Regenten auf den erledigten Thron zu setzen. Der Prinzregent, nunmehr Kurfürst August III., wußte, was alles auf dem Spiele stand . . .

Endlich sprengte ein Reiter in den Schloßhof. Es war nicht der erwartete Bote Sulkowskys. Er meldete atemlos, daß Brühl dicht hinter ihm folge.

Der Hof versammelte sich auf Wunsch Augusts III. im Salon der verstorbenen Königin Eberhardine. General Klenzel empfing Brühl an der Rampe. Blaß vor innerer Bewegung eilte der Ankömmling die Stufen hinan.

Die Wände des Saales waren schwarz verhangen, der Hof in tiefer Trauer. Nur Brühl nicht; er trug noch das Reisekleid, unter dem Arm den Maroquinkasten. August III. stand in der Mitte des Saals, neben ihm seine Gemahlin, rings im Kreise der Hofstaat.

»Majestät wollen mir das Unglück verzeihen, der Überbringer der furchtbaren Gewißheit zu sein! Seine Königliche Majestät August II. ist tot. – In der Nacht vor seinem Ende hat er Euer Majestät treuen Diener zum Überbringer des Letzten, Teuersten erkoren, was ihm auf Erden verblieb, seines letzten königlichen Willens!«

Obwohl man darauf vorbereitet war, löste diese Nachricht doch die tiefste Bewegung aus.

»Und unser hochseliger königlicher Vater hatte noch die Kraft und den klaren Willen dazu?«

»Das kann ich beeiden, Majestät! Er ist wie ein Löwe und bei vollem Bewußtsein gestorben. Empfangen denn Euer Majestät dieses Vermächtnis und das königliche Siegel, mit dem es verschlossen ward.« Knieend überreichte Brühl dem Herrscher den Maroquinkasten. Ein Schauer lief durch den Saal. Der Kurfürst öffnete den Kasten, und ein krampfhaftes Zittern durchschüttelte ihn. Der Sohn hielt Polens Krone in den Händen; zwischen den Spangen hing das Testament. – Der Kurfürst brach fast zusammen und mußte sich auf Brühl stützen, der die tief ergriffene, heftig atmende Kollowrat ansah.

»Sie haben mir die Krone so lange behütet, halten Sie das Kleinod noch einmal, Graf Brühl, damit ich den Willen meines erhabenen Vaters lesen kann.«

»Er ist Graf!« flüsterten sich die Höflinge in der langen Pause zu, die der mit den Tränen Kämpfende zum Lesen des Testaments benötigte. Dann griff er wiederum zur Krone und sagte: »So wahr ich dieses mein Erbteil in den Händen halte, will ich’s bewahren und den Willen meines geschiedenen königlichen Vaters ehren und vollführen! . . . Ich vollführe und ehre ihn sogleich! Graf Heinrich von Brühl, in Anerkennung Ihrer unwandelbaren Treue und der Kühnheit, mit der Sie über meines Vaters Willen und meinem Rechte gewacht haben, ernenne ich Sie zum Kabinettsminister. Sie sind ein guter Diener!« Und der neue König schloß Brühl in seine Arme.

Vierzehn Tage später kam Sulkowsky. Als er ins Portal des Schlosses fahren wollte, sah er zufällig nach dem Balkon hinauf. Dort stand der Kabinettsminister Graf Heinrich von Brühl, die schöne Kollowrat in seinem Arm, und beide lachten.

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