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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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III.

Am anderen Morgen ging Sebastian Bach in seinem Zimmer auf und ab. Friedemann saß am Klavier, wagte aber keinen Ton zu spielen. Volumier sah seinen Freund Sebastian mit ungewissen Blicken an.

»So, so . . . Dahin hab' ich's also gebracht, daß mir Euer König, nachdem er nahe daran war, den französischen Lumpenhund zu engagieren, doch zugab, ich habe eine teufelsmäßige Geschicklichkeit! O, das ist das verfluchte Virtuosentum, Volumier, – das behält den Sieg! Wenn einer nur rechte Kapriolen machen kann auf dem Kasten da und wie ein Seiltänzer von einer Saite zur andern springt, der ist euer Mann!«

»Ihr habt recht!« antwortete Volumier betrübt. »Diese verdammte Manier bringt uns ganz herunter, und wenn wir hier unser Brot nicht verlieren wollen, müssen wir selber die Affenjacke anziehen. Legt dem König aber nicht alles zur Last. Seht, das Übel liegt auch in der Zeit! Die Leute hören auf, fromm zu sein; es ist Mode am Hofe, die Religion als eine bloße Staatseinrichtung zu betrachten, die bequem ist. Es wird aber in Zukunft besser werden! Die Königin denkt nicht so wie der König, und wenn erst der Kurprinz an die Regierung kommt . . .«

»Ja, Ihr habt recht! Ich will auch nicht undankbar sein. Der Kurprinz ist ein edler, vernünftiger Mann, der noch Gefühl fürs Bessere hat; und die Tränen, die die Königin geweint hat bei dem Choral, waren so schön und schwer und glänzender als diese Brillanten.«

In demselben Augenblick hatte Friedemann leise intoniert und begann: »An Wasserflüssen Babylons«. Er spielte das Thema und die ganze Variation dem Vater nach. Sebastian hatte krampfhaft Volumiers Arm gepackt, und die Männer lauschten atemlos.

Als Friedemann geendet hatte, umarmte Bach jubelnd den Knaben und rief: »Volumier, das ist ein liebes Kind! Der wird einst größer als ich, so wahr mir Gott helf'!«

Bei diesen Worten öffnete sich die Tür des Zimmers, und herein trat Brühl, des Königs Leibpage, fröhlich lächelnd, hinter sich einen königlichen Lakaien, der einen Beutel und einen Korb mit Wein trug. Brühl war etwa zwanzig Jahre alt, aber seine hohe, imposante Gestalt und die selbstbewußte Manier, mit der er sich bewegte, ließen ihn viel älter erscheinen. Dabei wußte jedermann, daß er beim Kurfürsten viel galt. Weil Brühl bei Hofe sonst eigentlich ein Nichts war, das halt eben mitlief, aber überall gern gesehen wurde, weil er niemand bei seinen Plänen im Wege stand, – kurz, eine Art neuer Auflage des alternden Vitzthum war, so konnte man eigentlich nicht wissen, was aus ihm alles werden konnte. Brühl war schlau und verschlossen, liebenswürdig, gefällig und hatte die eine Tugend, daß er alles wissen konnte und nie etwas verriet. Sein Kopf hatte etwas Intelligentes, man hätte sagen können Nobles, und wenn er auch nicht gerade das war, was man schön nennt, so eignete ihm doch eine Grazie der Bewegung, die allem, was er tat, einen bedeutungsvollen Anstrich verlieh.

Ehe Volumier Zeit hatte, ihn zu begrüßen, eilte Brühl auf Bach zu, schloß ihn in seine Arme und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Bach, wenn ich zu ungelegener Zeit komme, aber ich konnte kaum erwarten, mich des Allerhöchsten Auftrages zu entledigen. Herr von Vitzthum war eigentlich bestimmt, Sie zu besuchen; doch hat er mir, auf meine Bitte, diese Ehre überlassen, um mir Gelegenheit zu geben, einem Manne meine Verehrung auszudrücken, den ich und alle Kunstkenner für den Fürsten aller Klavierspieler halten.«

Bach, der durch Volumier mit der Stellung einer jeden Persönlichkeit bei Hofe vertraut war, nahm Brühls Huldigung mit größter Liebenswürdigkeit auf.

»Hier,« und Brühl nahm dem Lakaien den Beutel ab und bedeutete ihm zu gehen, »hier soll ich Ihnen im Auftrag Seiner Majestät einen Rekompens übergeben, der allerdings ein winziger Sold für Sie sein mag, gleichwohl aber der reale Boden bleibt, der es der Kunst erst möglich macht, sich zu entfalten. Mögen diese dreihundert Dukaten Ihnen wohl schmecken!«

»Aber ich bitte Sie, Herr von Brühl! Als Belohnung ist's . . .«

»Ist's nicht nobel genug!« fiel Brühl ein. »Ich weiß es, Seine Majestät belohnt die Kunst nicht, das kann er nicht, er bezahlt sie.«

»Für eine Bezahlung ist's aber zu viel!« rief Bach.

»O, schweigen Sie, nehmen Sie! König August kann Sebastian Bach nicht geringer bezahlen. – Da, Kleiner, trag den Mammon fort, dort in den Winkel, denn jetzt kommt die Ehre! Ich soll Sie nämlich sofort zu Ihrer Majestät der Königin bringen, die Sie noch einmal sehen und Ihnen für Ihre liebe Frau ein mit exzellenten Steinen besetztes Gesangbuch verehren will, das sie lange Jahre selbst gebraucht und in das ihr der alte Reinken zum Andenken eine Fuge geschrieben hat. Sie sagte gestern zur Frau Gräfin Kollowrat: ›Ich möchte dem lieben Bach was recht Schönes schenken, aber ich habe nichts Besseres, was ich so einem Manne geben könnte‹.«

Bachs Herz schwoll vor seliger Befriedigung. »Ja, das ist das Schönste, was mir in Dresden hätte zuteil werden können,« sagte er zitternd.

»Nun aber, ehe wir gehen, mon cher Bach, lassen Sie uns bei einem Glase Wein erst Freundschaft schließen! Es soll Brühls größter Stolz sein, den Musiker Bach gekannt zu haben. – Lieber Volumier, Gläser und was zum Beißen, bitte; ich revanchiere mich nächstens!«

Während Volumier eilig das Zimmer verließ, faßte der Page, noch bevor er eine Antwort erhalten hatte, Sebastian fest bei der Hand: »Bach, ein Wort! Der König ist nicht der Mann, Ihre Verdienste zu belohnen, aber der Kurprinz wird's einst tun, wenn er die Krone trägt. Auch ich habe, gleich Ihnen, meinen Ehrgeiz; wir sind zwei Hochflieger, jeder in seiner Art, die zur Sonne wollen, darum müssen wir Freunde sein. Bach und Brühl, die Namen passen zusammen! Wenn Sie, wie ich, die Tugend des Wartens kennen, die schwerste Tugend des Künstlers und des Staatsmannes, dann . . .«

Volumier trat ein. Ein Druck von Brühls Hand vollendete den Gedanken. »Füllt die Gläser, meine Herren! Es lebe die – Hautevolée und ihre Freundschaft!« – –

Nach ein paar Tagen fuhren Sebastian und Friedemann zurück nach dem stillen Weimar.

»Was meinte der Junker damit, Vater, daß er sagte, Brühl und Bach, die Namen passen zusammen?« fragte Friedemann.

»Das mag die Zeit lehren, mein Sohn! Ich verlaß mich bloß auf den Bach. Mach du's auch so!«

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