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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XXIII.

Man konnte es den Berlinern nicht verargen, wenn sie zwei seltsamen Figuren, die in den Mauern ihrer Stadt lebten, zwei Sonderlingen wunderlichster Art, neugierige Aufmerksamkeit zuwandten und sie, je nach Einstellung und Temperament, mit Anteilnahme, gutmütiger Neckerei oder mit Spott, Hohn und Grobheiten bedachten. Bei allen Gegensätzlichkeiten in ihren Verhältnissen – denn der eine der Sonderlinge war weiblichen, der andere männlichen Geschlechtes, der eine war reich, der andere arm, der eine besaß ein stattliches Haus, der andere nur eine notdürftige Schlafstelle – besaßen sie doch auch Gemeinsames: beide waren alt, schon in den siebziger Jahren, und beide waren Musikenthusiasten, nur daß den einen musikausübende Frauen nicht interessierten, den anderen aber Frauen überhaupt nicht. Wohlmeinende Kreise nannten die eine Person die »seltsame Witwe«, das Volk nannte sie die Musikantenschachtel; den Mann bezeichneten beide als den »alten Musiker« oder auch den »tollen Musiker«.

Die »seltsame Witwe« bewohnte, solange man zurückdenken konnte, das große Eckhaus an der Jerusalemer- und Krausenstraße. Früher war es ein tonangebender Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Residenz gewesen, und in den dort verkehrenden Zirkeln heimisch zu sein, galt für eine besondere Ehre und Auszeichnung. Schon einige Jahre vor dem Tod des Gatten, des Tribunal- und Hofrates Friedrich von Eichstädt, hatte sich das geändert. Eine plötzliche Melancholie war über die Frau des Hauses gekommen, sie wurde in sich gekehrt, von frostiger Höflichkeit; mehr und mehr mied die vornehme Gesellschaft ihren Salon, zogen sich die Freunde von ihr zurück. Als Eichstädt gestorben war, vereinsamte Antonie, deren Ehe auch ein Kindersegen versagt geblieben war, in noch stärkerem Maße. Sie vermietete den größten Teil des Hauses und behielt als Wohnung für sich nur das erste Stockwerk; dort führte sie mit ihrem steinalten Kammerdiener, dem längst verwitweten ehemaligen Müller von Trotha, und einer Köchin ein Leben eigener Art. Fast jeden Abend fand in den Räumen der »seltsamen Witwe« eine intime musikalische Veranstaltung statt. Dann wurde an nichts, was von dem alten Glanz des Hauses erwartet werden durfte, gespart, und neben unbekannten und aufstrebenden Talenten, die auf Unterstützung oder Förderung bedacht waren, gehörten Reichardt, Agricola, Fasch, Zelter, André und andere Größen der Tonkunst zu ihren Gästen. Aber sie blieben immer nur Gäste, ihr Vertrauter wurde keiner. Die einzigen Menschen, vor denen sie die Pforten ihrer innerlichen Vereinsamung zuweilen öffnete, waren die alten, bewährten Freunde Moses Mendelssohn und der Maler Rode.

Den Beinamen »Musikantenschachtel« erwarb sich Antonie von Eichstädt jedoch weniger durch diese Musikabende als durch eine Gepflogenheit ihres Tagewerks. Es war nämlich zur feststehenden Regel geworden, daß sie, ihren Kammerdiener hinter sich, täglich einen Gang durch die Stadt machte und jedesmal einen anderen Weg wählte. Kam sie irgendwo vorbei, wo eine Violine, eine Zimbel, ein anderes Instrument ertönte, blieb sie stehen, hörte ein Weilchen zu, trat dann ins Haus und suchte den Musikbeflissenen auf, riß ihn durch vielerlei Fragen über seine Verhältnisse, seine Lehrer, seine musikalischen Bekanntschaften aus seinen Träumen und ging dann wieder ihres Weges. Ob sie dadurch verrufen und zum Gespött wurde, ob man von ihr die gemeinsten Dinge sagte, sie verhöhnte, oft mit Grobheiten und Schimpfworten davonjagte, konnte sie nicht beirren. Und da sie reich war und von keinem Bedürftigen schied, ohne freigebig gewesen zu sein, wurde sie schließlich sogar willkommen; manch einer wartete schon darauf, durch erlogene Geschichten und erheuchelte Armut ihren Geldbeutel möglichst großzügig in Anspruch zu nehmen.

Die alte Dame schien auf ihren Wanderungen irgend etwas mit drängender Hast zu suchen; aber sooft sie auch mit ihrem Diener heimkehrte, sooft mußte sie müde und enttäuscht feststellen: »Es war wieder nichts!« Und wieder schloß sie ihr Nachtgebet mit dem Anliegen: »So laß mich ihn denn morgen finden, o Herr!«

Als Antonie von einem Suchgang eines Abends verspätet zurückkehrte, obwohl die heutige musikalische Feierstunde durch das Erscheinen des berühmten Dresdener Opernkomponisten Naumann, der wegen der Aufführung seiner »Cora« für einige Monate in Spreeathen weilte, eine besondere Weihe erhalten sollte, traf sie ihren Freund Moses bereits an. Er küßte ihr teilnahmsvoll die Hand: »Sie sind heute länger geblieben als sonst?«

»Und bin doch, wie immer, vergebens gegangen, mein Freund! Ach, diese stets neue Enttäuschung, das nagende Weh in mir: es ist schon eine harte Buße, die ich mir auferlegte! Und keine Aussicht auf Erlösung!« Die Tränen kamen ihr.

»Da ich ein alter Freund und Mitwisser Ihres Geheimnisses bin, fühle ich mich, meine liebe gnädige Frau, schon lange versucht, Ihnen das Nutzlose Ihres Beginnens vorzustellen, das Ihnen nichts als ewig neue Schmerzen und lieblosen Spott einbringt.«

»Das weiß ich, mein Bester! Glauben Sie ja, daß ich mir schon tausendmal alles das selbst sagte, was Sie mir sagen könnten!«

»Wenn er nun aber tot ist?«

»Es ist meine Bußpflicht, ihn solange für lebend zu halten, bis der Beweis seines Todes in meinen Händen ist. Selbst wenn er im äußersten Elend gelebt hätte, er kann nicht so vergessen wie ein anderer gestorben sein! Eine Seele wird doch von ihm wissen, ihm die müden Augen zugedrückt haben!«

»Muß er denn aber gerade hier, in Berlin, leben?«

»Er war hier! Ich habe ihn kurz nach meines Mannes Tod gesehen, verlor aber seine Spur. Er muß auch noch hier sein; denn in seinem Zustand konnte er nicht weiter. Ich muß ihn finden, lebend oder tot!«

Mendelssohn ergriff ihre Hand: »Es schmerzt mich, daß Ihnen nicht zu helfen ist.«

»Den Verdammten ist nicht zu helfen, Moses! Außer durch Gott! Die Vernunft, die Philosophie ist eine schöne Sache, aber für die Unglücklichen, die Herzkranken ist sie nichts! – Und wenn mein Tun töricht ist, lassen Sie mich! Wenn ich gestorben bin, werde ich vernünftig sein!«

Sie nickte Mendelssohn zu und wandte sich nach der Türe, durch die der Kammerdiener zwei Besucher einließ, einen stattlichen Herrn von etwas hochmütiger Noblesse, der es jedoch an Gutmütigkeit nicht gebrach, den Komponisten Naumann, und ein hageres, bewegliches, kokett-zierliches Männchen, den königlichen Kapellmeister Reichardt. Kurz darauf erschienen noch Rode und Plümicke, der Dramaturg des Döbbelinschen Theaters, der sich durch seine »Miß Jenny Warton« und andere Bühnenstücke einen geachteten Namen erworben hatte.

Frau von Eichstädts sorgenbeschwerte Mienen glätteten sich zu konventioneller Höflichkeit; unter der erheuchelten Anteilnahme an der allgemeinen Unterhaltung verbarg sie die Zerrissenheit ihres Herzens. Erfrischungen wurden herumgereicht, und unversehens wollte das Gespräch vom Tagesallerlei ins Politische hinübergleiten. Mendelssohn winkte ab: »Bleiben wir bei dem, was uns hier zusammengeführt hat, meine Herren, bei der Kunst.« Er legte Reichardt, der sich in der Rolle eines Freigeistes und Republikaners besonders gefiel, die Hand auf die Schulter: »Im Reich der Musik sind Sie Herr und Meister, lieber Freund, aber von der Politik – glauben Sie es mir! – verstehen Sie nichts, – und ich auch nicht. Die schönen Gefilde der Empfindungen, des rein menschlichen Fühlens und Denkens sind unser Besitz! Würde ich politisch, hörte ich auf, Philosoph zu sein. Und Sie?«

Nicht ohne Beschämung verfügte sich Reichardt zum Klavier und begann mit dem Vortrag seiner berühmten Arie: »Weh, unter allen Qualen«, in die Naumann dann mit seinem hübschen Bariton einfiel. Später setzte er sich selbst ans Instrument. Er intonierte eine Badische Sonate. Voll und rein strömten die Klänge unter den Fingern des Dresdener Meisters hervor, trug die Abendluft die zauberhaften Melodien durch die geöffneten Fenster weithin über den Dönhoffplatz.

Auf der Straße stand, unter einem Baum verborgen, ein stiller Zuhörer. Er schüttelte häufiger den Kopf, und als Naumann die Sonate beendete, rief er mit einer Stimme, die vor Mißbilligung bebte, laut zum ersten Stockwerk hinauf: »Falsch! Niederträchtig falsch! Den Schluß hat Bach niemals komponiert! Ein Pfuscher ist drüber gekommen!«

»Die Stimme kenne ich!« schrie Frau von Eichstädt auf und stürzte ans Fenster. »Er ist's! Moses, er ist's!«

Der Philosoph zog den Dramaturgen mit sich fort: »Rasch, Plümicke, kommen Sie! Den Menschen müssen wir haben!« Und auf der Treppe raunte er ihm zu: »Er ist, müssen Sie wissen, nämlich des großen Bachs Sohn Friedemann. Es bleibt aber bei Ihnen!«

»Auf Ehrenwort!«

Sie suchten den Dönhoffplatz ab, sie streiften durch die Leipziger Straße, die Kronenstraße, sie umschritten die Hausvogtei, bogen in die Oberwallstraße ein . . . Sie fanden ihn nicht, den »alten Musikanten«.

Und sie konnten ihn auch nicht finden! Denn seine Behausung, in die er sich längst verkrochen hatte, lag in jenem Stadtviertel der Armut und des Lasters um den Alexanderplatz herum, das von einem ehrbaren Bürger nie betreten wurde. In einem engen, schmutzigen Quergäßchen der Linienstraße, das von Trödlern, Kesselflickern, Buhldirnen und allerlei lichtscheuem Gesindel bewohnt wurde, besaß auch ein armer Sargmacher ein schon recht baufälliges Häuschen, und in die vier undichten Wände der kleinen, schrägen Dachkammer dieser Baracke teilten sich ein ewig betrunkener Flötist und Friedemann Bach.

Wenn der lange, magere, verwitterte Kerl, in schäbige Lumpengarderobe gehüllt, sein Versteck verließ, um sich in irgendwelchen Budiken, in den Zelten oder in Moabit, des Leibes Notdurft zu erspielen, geschah es oft, daß mitleidige Seelen ihm ein Gläschen Schnaps nach dem anderen zuschoben; er verschmähte keines, wurde in der Trunkenheit aber etwas wunderlich, sprach viel und überheblich oder war schweigsam und finster. Leicht wurde er dann gemein, während er sonst nur grob war.

Von dieser Grobheit konnten besonders die Musikmeister ein Lied singen; denn wenn »es über ihn kam«, tauchte er plötzlich bei einer musikalischen Veranstaltung, einer Opernaufführung, einem Kirchenkonzert auf, schnauzte den Violinisten, den Zimbalspieler oder Organisten an: »Steh auf, los!« und nahm seinen Platz ein. Niemand widersetzte sich ihm, und man durfte sicher sein, daß dem Auditorium ein vollendeter, nicht zu überbietender Kunstgenuß bevorstand. Im Anfang seines Auftretens hatten manche Kapellmeister versucht, dieses seltene Genie für sich zu gewinnen; aber er schlug einen ihm angetragenen festen Posten entweder rundweg ab, oder er versah sein Amt so liederlich, gab sich so hochmütig und selbstbewußt, daß sie froh waren, wenn sie ihn wieder abgestoßen hatten. In diesen Zeiten komponierte er auch noch zuweilen, konnte aber seine Partituren nie an den Mann bringen. Wer wollte schon was mit dem »tollen Musiker«, diesem verkommenen, groben, unheimlichen Kerl, zu schaffen haben?!

Über den »tollen Musiker« unterhielten sich auch Naumann und Plümicke, der der Einladung des Komponisten zu einem kleinen Frühstück mit Rheinwein und Lachs um so lieber nachgekommen war, als ihm der Auftrag zum Libretto einer neuen Oper des Dresdeners winkte.

»Erklären Sie mir, um Himmels willen, lieber Plümicke«, sagte Naumann, »wieso Frau von Eichstädt beim Vernehmen seiner Stimme in solche Bewegung geriet, warum Sie und Mendelssohn bis in die Nacht hinein Jagd auf den Alten machten?!« Plümicke zuckte, eingedenk seines gegebenen Wortes, die Schultern, und der andere fuhr fort: »Der Mensch muß jedenfalls gewußt haben, daß ich konzertiere; denn nach Ihrem Weggang erzählte der Diener der Gnädigen, daß der Mann schon lange zugehört habe und, als ich Reichardts Lied sang, sich erkundigte, wer da oben Musik mache. Hat er mich oder Frau von Eichstädt insultieren wollen?«

»Sie müssen die Geschichte nicht wichtiger nehmen als sie ist! Ich glaube nicht, daß der Mann Ihnen eine Beleidigung zufügen wollte; es liegt so in seiner tollen Manier, seine Nase überall hineinzustecken, wo sich's um Töne handelt. Was nun unsere gute Freundin anbelangt, so werden Sie längst von ihren Marotten unterrichtet sein, allem, was zur Tonkunst gehört, nachzuspüren. Irgendein Vorgang in der Familie, der Verlust eines musikalischen Freundes . . . was weiß ich!«

Das Gespräch wurde durch Naumanns Bedienten unterbrochen: »Herr Kapellmeister, mit Respekt zu vermelden, draußen steht ein Mensch, der sehr schofel aussieht, aber den Herrn unbedingt sprechen will. Er sagt, wegen der Bachschen Sonate von gestern abend.«

Naumann fuhr auf, aber Plümicke sagte rasch: »Lassen Sie ihn auf jeden Fall herein!«

Die Tür öffnete sich, der alte Musiker trat ein, und der Opernkomponist ging mit vornehmer Miene auf ihn zu: »Was will Er? Will Er vielleicht seine ungewaschene Kritik fortsetzen? Er sieht gerade aus, als ob Er mich verbessern könnte!«

»I, das will ich gar nicht! Sie will ich nicht verbessern, Herr Kapellmeister – wer möchte so etwas tun, wenn er Ihren dicken Bauch und das Fettgesicht sieht? – aber die Sonate will ich verbessern! Die ist falsch! Den Schluß hat Bach nicht gemacht! Von Ihrem Spiel red' ich nichts, das ist leidlich, aber die Komposition ist verhunzt. Wer Bachsche Sachen spielt, der soll sie richtig spielen – oder es ganz bleiben lassen!«

Naumann war außer sich vor Zorn: »Ist mir sowas vorgekommen! Tut der Kerl nicht gerade, als wenn er der Herr Apollo selber wäre? Ich werde noch toll! Setz Er sich doch selber hin, zum Kuckuck, und spiel Er's besser! Aber arretieren laß ich Ihn, wenn Er nicht zeigt, wie man's machen muß, Er Skandalmacher!«

»Na, was haben Sie denn? Dazu bin ich hergekommen. Sperrt die Ohren auf, Herr Kapellmeister aus Dresden, damit Ihr den Schluß richtig hört!«

Naumann stand vor dieser gewichtigen Grobheit still, und der Musiker setzte sich ans Klavier. Der Kapellmeister reichte ihm die Noten hin, aber der Alte schob sie verächtlich beiseite: »Ach was, Unsinn, ich kenne den Bach auswendig!«

Er begann mit dem Spiel. Und nicht allein, daß er das Tonstück, in meisterhafter Beherrschung der Technik, mit dem Glanz einer unendlichen Reinheit und Innigkeit umzauberte, er fügte ihm auch einen Schluß bei, der, als Krone des Ganzen, nun erst die völlige Tiefe des Gedankens erschloß. Den Zuhörer erfaßte eine scheue Ehrfurcht vor der musikalischen Bedeutsamkeit des alten Mannes.

»Verzeihen Sie mir! – Sagen Sie, wer sind Sie bloß, daß Sie solche Sachen spielen können und doch im Elend sitzen? Wie kommen Sie zu dem Schluß?«

Der Musiker erhob sich, er sagte, einfach und etwas schamhaft: »Ich muß meines Vaters Stücke wohl am besten kennen!«

»Friedemann Bach!« schrie Naumann auf, und Plümicke murmelte: »Das ist also der Verlorene!«

»Ja, ich bin's! Das ist mein Stolz, aber – auch mein Elend!«

Die behäbige Gestalt des stolzen und berühmten Komponisten und Kapellmeisters krümmte sich zusammen; er bückte sich tief, nahm die Hand des bettelhaften Greises und drückte sie an seine Lippen. »Erlauben Sie mir, Herr Bach, daß ich Ihnen danken darf! Was ich geworden bin, wurde ich durch Sie, durch das hohe Beispiel, das Sie mir gaben! Erinnern Sie sich noch des Bauernjungen, der in Dresden immer auf den Chor kam, um Sie zu hören, des armen Tölpels, dem Sie so wohlwollten, der Sie besuchen durfte, den Sie immer wieder ermunterten? O, ewiger Gott, du führst uns wunderbare Wege! – Das hier, Plümicke, ist der erste Musiker der Erde; keiner war größer, nur sein Vater!«

»Ich erinnere mich deiner noch sehr wohl, Naumann. Du bist ein tüchtiger Kerl geworden, und es freut mich, daß dir der Hochmut noch nicht ins Gehirn stieg und daß du mich nicht vergessen hast! Du wirst mir die Bitte erfüllen – und der Herr Theaterdichter wird es wohl auch tun – daß ihr aus Ehrfurcht vor meinem seligen Vater es jeder lebendigen Seele verschweigt, daß ein elender Kerl, wie ich, der Sohn des großen Sebastian ist. Seit ich Lumpen trage, habe ich meinen Namen abgelegt! Sollte mir aber Gott in meinen letzten Tagen noch vergönnen, ein Werk zu schaffen, von dem alle Welt fragt: ›Wer ist der Komponist?‹ – dann will ich sagen: ›Ich bin's, Bachs Sohn!‹ – So lange aber will ich ein Bettler bleiben, und Fluch dem ehrlosen Hund, der mich verrät!«

»Bei meiner Seligkeit, nie, mein Meister!« rief Naumann, und auch Plümicke beteuerte es. Als sich aber der Komponist, nicht ohne Zagen und Stocken, erkundigte, ob er, seinen ehrlichen Dank für erwiesene Wohltaten abzustatten, wohl imstande sei, mit irgend etwas zu dienen, bellte Friedemann ihn an: »Almosen?«, – beherrschte sich jedoch sogleich und fuhr in gnädigem Ton fort: »Ich dank' Euch schön, Naumann! Jetzt nicht! Der Meister darf sich vom Schüler nicht protegieren lassen. Um Euch aber nicht wehe zu tun, will ich Euch sagen lassen, wenn ich einmal krank bin und mir gar nicht mehr helfen kann.« Er nickte herablassend und verschwand.

Plümicke stand sinnend. Er ahnte nun den Zusammenhang des Geheimnisses um Friedemann und Antonie, und ein plötzlicher Gedanke, wie dem Sohn Sebastian Bachs zu helfen sei, durchzuckte ihn. »Naumann, ich habe eine Idee! In einer Stunde bin ich zurück!«

Der Dichter eilte Friedemann nach und traf ihn gerade noch, als er über die Jägerbrücke schritt. »Ein paar Worte noch, geehrter Herr! Ich habe die Absicht, eine Oper – oder besser: ein musikalisches Drama – zu schreiben. Darf ich mir anmaßen, Sie um Ihre Beurteilung des Planes zu bitten? Vielleicht wären Sie sogar geneigt, die Komposition zu übernehmen, und ich hätte die Ehre, meine schlichten Verse durch Sie gekrönt zu sehen!«

Friedemann blieb stehen und lächelte in freudigem Stolz: »O, das ist gut! Das ließe sich hören!« Dann aber sah er den Poeten ernst und mißtrauisch an: »Und was wollen Sie bei der ersten Aufführung auf den Zettel setzen?«

»Nun, ganz einfach: ›Lasus und Lydie‹, dramatische Oper vom ›alten Musiker‹, Text von Karl Martin Plümicke.«

»Das ist was anderes! – ›Lasus und Lydie‹ . . . hm . . . nun schön, wo wohnen Sie?«

»Behrenstraße 57.«

»Morgen nachmittag komme ich. Aber, ich finde Sie allein, und Sie schweigen über die Geschichte! Bis nach der Aufführung will ich ein namenloser Bettler bleiben. Guten Morgen!«

 

Antonie wußte nunmehr, daß Friedemann noch lebte, und zwar in Berlin – mehr nicht; Naumann wußte, daß der »alte Musikant« Friedemann Bach war – mehr nicht. Nur Plümicke besaß ein größeres Wissen um die Dinge, aber er schwieg und ließ die »seltsame Witwe« weitersuchen und den Kapellmeister weiterraten. Er durfte sich vorerst nicht die Berechtigung zuerkennen, das Geheimnis zu entschleiern, aber er versäumte nichts, um das künstlerische Vorhaben, durch das Friedemanns Not fürs erste ja zu lindern war, störungslos durchzuführen. Nach erfolgreicher Erstaufführung ergab es sich dann von selbst, den Musiker der Verborgenheit zu entreißen und dem Kreis der Freunde zuzuführen.

Friedemann Bach kam jeden Mittag um zwölf Uhr zu dem Dramaturgen; sie aßen zusammen und arbeiteten dann bis in die sinkende Nacht. Zum Abschied tranken sie ein Glas Wein, und der Alte verschwand in der Dunkelheit.

Hatte Plümicke im Theater zu tun, so blieb Friedemann allein in der Wohnung. Der Dichter hatte ihm sein geräumiges Schlafzimmer eingerichtet und das Klavier hineingestellt, so daß er selbst dann ungestört schaffen konnte, wenn Besuch anwesend war. Der Autor der »Miß Jenny Warton« war Junggeselle; er konnte von seinen literarischen Arbeiten zwar höchst anständig, aber nicht im Überfluß leben, und Vermögen besaß er nicht. Wenn er nun auch alles tat, was in seinen Kräften stand, um den Musiker zu unterstützen, so blieb es doch wenig genug. Er teilte sein Essen und Trinken, seinen Tabak, auch einmal seine Wäsche mit ihm, mußte aber immer vorsichtig dabei verfahren, da Friedemann im Annehmen sehr empfindlich war. »Es ist ja alles nur geliehen, Herr Bach«, mußte er regelmäßig betonen, »wenn erst unsere Oper heraus ist, sind Sie ein gemachter Mann!«

»Wenn sie noch herauskommt!« antwortete der Alte dann ernst und nachdenklich. Er konnte sich nicht verhehlen, daß seine Kräfte Woche um Woche mehr nachließen. Hatte schon sein ewiges Wanderleben, das Dasein zwischen dem Staub der Landstraße und der Fuselluft einer Fuhrmannskneipe, zwischen Hunger und Überfluß, Elend und dem Schnapsglas der Vergessenheit seine Gesundheit untergraben, so machte sich bei der nunmehrigen verzweifelten Überanspannung seines Geistes und Körpers eine ernste Erkrankung stets fühlbarer bemerkbar. Er hatte das Gallenfieber.

Immer häufiger sackte er, wenn Plümicke nicht zugegen war, zusammen und verfiel dann oft in jenen zwiespältig-fatalistischen Seelenzustand, der seinem weggeworfenen und verlorenen Leben entwachsen war, ein Zustand, in dem er das ganze Sein als ein nur planloses Walten von Zufälligkeiten betrachtete, in dem alles ebensogut sein wie nicht sein konnte. Man hatte dieses eigentümliche Sein ganz einfach hinzunehmen, mit Gelassenheit, Humor und Ironie! Man war gläubig und verneinte, man negierte und glaubte doch, man gab sich auf und strebte dennoch, man vegetierte, arbeitete und tat doch nichts, man zerfetzte sich selbst und machte sich gleichwohl geltend. Was hatte alles noch für einen Sinn?! . . .

Aus jedem solchen Zusammenbruch richtete Friedemann sich aber gewaltsam immer wieder auf. Scham, der alte Stolz, Sebastians Sohn zu sein, erwachten in ihm, bannten die Gleichgültigkeit, spornten Geist und Phantasie, trieben ihn an, die versiegenden Kräfte seinem letzten Werk zu weihen, um wenigstens im Sterben sagen zu können: »Ich habe mich wieder zu Ehren gebracht, mein Vater!«

Das Bühnenstück »Lasus und Lydie«, dessen Stoff Marmontel geliefert hatte, war eine eigenartige Arbeit, nicht Oper, nicht Drama, eigentlich aber doch beides. Plümicke hatte seine Dichtung zu einer Tragödie mit Chören gestaltet, die wieder auf die Bretter zu bringen Friedemanns Lieblingswunsch war, und dieser versah sie mit musikalischen Entreakten, den Dialog teilweise mit Musik, so daß das Ganze ein melodramatisches Gepräge erhielt. Zwei Szenen wurden so eingerichtet, daß ihm Gelegenheit zu zwei Liedern, eins für den Helden, eins für die Heldin, gegeben war; sie sollten die künstlerische Spitze bilden und im Verlauf der Handlung überall anklingen. Friedemann gab überhaupt vielfache Anregungen für die Textgestaltung. Er war es, der, indem er rückhaltlos aus dem wildsprudelnden Born seiner eigenen Erlebnisse und Erfahrungen schöpfte, den handelnden Personen erst zur Geschlossenheit und tragischen Größe des Charakters verhalf, der durch spannungs- und leidenschaftsstarke Akzente den entscheidenden Auftritten die erschütternde Wirkung verlieh. Lasus, der liebende Held, bekam die Wesenszüge einer rauhen, selbstsüchtigen Friedemann-Natur, Lydie, die treulose und doch liebende, ewig den verlorenen Gegenstand ihrer Zärtlichkeit suchende Heldin glich Antonie, und in der Arie des Lasus, einer schwermütig-verzweifelten Klage um Lydies Untreue, weinte, auch musikalisch durch Anklänge an die Melodie des unvergeßlichen Zigeunerliedes ausgedrückt, der Sehnsuchtsschmerz um Towadei.

In rastlosem Fleiße war das Werk bis zum Ende des dritten Aktes gediehen, und nun wurde der vierte, letzte in Angriff genommen, der das tragische Wiederfinden von Lasus und Lydie im Tode darstellen sollte, das, wie Friedemann sagte, »mit dem Auflösen in die Harmonie des Jenseits« seinen Ausklang finden würde.

Aber das langsame Auflösen, das Näherrücken des Jenseits war es auch, was Friedemann täglich mehr spürte, und zu Ende des Winters stand er nicht länger ab, seine Krankheitsanfälle und schlimmen Befürchtungen Plümicke zu offenbaren. Dieser konnte sich der so augenscheinlichen Wahrheit des Vernommenen nicht verschließen, und er beschloß, ohne Zögern alles zu tun, um dem bemitleidenswerten Greise wenigstens einen letzten Lorbeerzweig um die todgezeichnete Stirne zu winden. Der Dramaturg war nicht nur die rechte Hand, er war auch der künftige Schwiegersohn Döbbelins, und so weihte er seine Braut in das Geheimnis des »alten Musikers« und sein eigenes Verhältnis zu diesem ein; er bat sie, den Vater zu vermögen, in einer Teilaufführung des Werkes, mit Bühnenbildern und in antiken Kostümen, die beiden Szenen mit den Liedern des Lasus und der Lydie herauszubringen. Mademoiselle Döbbelin war Feuer und Flamme, und da ihr die Rolle der Heldin selbst lag, da sie als ausgesprochener Liebling der Berliner das Publikum sozusagen in der Tasche hatte, fiel es ihr nicht schwer, den Vater für den Gedanken zu erwärmen. Herr Carl Theophilius Döbbelin entschloß sich, »das Ding zu probieren«.

Während der Nacht schrieb Plümicke die Partitur der beiden Szenen ab, der Kapellmeister André, dem man sagte, daß das Werk von einem hochgestellten Dilettanten sei, studierte die Musik und die Chöre ein, die Proben begannen. Da die beiden Auftritte einen Abend aber nicht ausfüllten und man nicht wissen konnte, ob die unbekannte Oper Zugkraft genug besitzen würde, gesellte man ihnen als gegensätzliche Ergänzung das Lustspiel »Der Egoismus«, nach dem Französischen des Cailhava, zu.

Friedemann hatte von dem in der Ausführung begriffenen Vorhaben keine Ahnung; der Dichter wollte ihm erst nach der Generalprobe, die am Vortag der Aufführung stattfinden sollte, Mitteilung machen. Der Alte arbeitete weiter, aber der vierte Akt ging ihm viel langsamer von der Hand als die anderen. Sein Übel steigerte sich von Tag zu Tag, und er mußte immer längere Pausen einlegen, um sich wieder zu erholen. Durch die Tätigkeit an der Oper verhindert, sonstigem Verdienst nachzugehen, und zu stolz und zartfühlend, um den hilfreichen Freund, der selbst nicht aus dem Vollen schöpfte, noch stärker in Anspruch zu nehmen, sah er keine Möglichkeit, der Dürftigkeit seiner Existenz auch nur in etwa zu steuern; es gab fast nichts mehr, was er nicht entbehrt hätte. Der Frühling mit seinem Ungestüm und brausenden Werden machte ihm besonders schwer zu schaffen, und in der letzten Maiwoche stand er einmal vor dem Spiegel, der in seinem Arbeitsraum, noch an dessen eigentliche Bestimmung erinnernd, hing und grüßte sein trauriges Ebenbild: »Ah, guten Tag, Herr Todeskandidat! . . . Ja, ja! wenn alles so käme, wie wir's gewollt haben, wie schön wäre das Leben! Aber es kommt nicht so! Ewig streckt das Schicksal seine Teufelskralle dazwischen, schiebt uns mit Gewalt aufs schwankende Brett der Minute, bläst uns hirnverwirrende Leidenschaften ein, quält uns mit Erinnerungen, reibt uns jede Versäumnis unter die Nase, – und sind wir endlich vernünftig geworden, treten wir auf den wahren Weg zu unserer Bestimmung, dann läßt uns der Hundekadaver im Stich und wir klappen zusammen! Die welkende Materie ist die einzige Logik im Sein! Faulen ist die Losung aller Dinge!

O, Friedemann, hättest du deinem Vater gefolgt, als er in Leipzig sagte: ›Heirate! Wem die Kunst das Leben ist, dem ist das Leben eine große Kunst!‹ – Ich stehe hier an der Schwelle des Grabes und muß mir sagen, daß ich das Leben nicht verstand! Und, zum Teufel, auch die Kunst hab' ich nicht verstanden! Da hat's mein verstorbener Bruder Christian besser gemacht, der Herr Italiener! Hat für die Frauenzimmer geduldet und ist ein großes Tier geworden! Ja, ja! wer die Schürzen für sich hat, der sitzt warm!

Und doch, so arm und alt ich bin, Ehre meinen Lumpen! In meinen Händen ist, wie in denen meines Vaters, die Göttlichkeit der Musik nie besudelt worden! . . . ›Lasus und Lydie‹ . . . Ja, gewiß! Es liegt etwas von der alten Hoheit meines Namens in dieser Arbeit, ein Menschheits-, ein Gottesgedanke liegt in ihr! . . . O, nur zu spät! jetzt ist's zu spät!«

Gebrochen war er auf dem Sofa zusammengesunken, und so fand ihn Plümicke noch, als er vom Theater zurückkam. »Bach!« rief er ihm zu, ohne dessen schlimmes Befinden nur im geringsten zu beachten, »sehen Sie mir an, was heute mit mir los ist?«

»Was soll schon los sein? Ein Glas Wein haben Sie getrunken, das ist alles!«

»Ja, Wein habe ich getrunken, Friedemann! Nicht nur eine Flasche, nein, ein ganzes Faß, ein Meer habe ich ausgezecht! Aber geistigen Wein, lieber Freund, und von jener taumelerregenden Sorte, die den Künstler beseligt fürs ganze Leben!«

»Das verstehe der Satan!«

»Friedemann! Herzensfreund, Kunstgenosse! Wollen Sie mir versprechen, nicht böse zu werden über das, was ich aus Liebe zu Ihnen tat?«

»Na, ja doch! Sagen Sie nur endlich, was los ist!«

»Ich komme eben von der Generalprobe eines Meisterwerks, das alle, die es hörten, zu maßlosem Jubel begeisterte. Morgen abend wird es gegeben. Hier haben Sie das Programm – es kam eben aus der Druckerei – sehen Sie selbst!«

Friedemann öffnete, verwundert über das seltsame Gebaren des Dramaturgen, den zusammengefalteten Zettel und las mit halblauter Stimme: »Sonnabend, den 26. Mai 1784. – Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung. – Döbblinsches Theater. – ›Der Egoismus‹, Lustspiel . . . Ja, in drei Teufels Namen, was soll ich damit?«

»Nur weiter, Bach!«

»Nach dem dritten Akt: Aus der neuen Oper ›Lasus und Lydie‹ von einem alten Musiker – Szene aus dem zweiten Akt mit Arie des Lasus und Szene aus dem dritten Akt mit Arie der Lydie. Chor des Volkes, Chor der Furien. Schauplatz der Handlung: Megara in Griechenland.«

Das Blatt entfiel seiner zitternden Hand, er taumelte, mußte sich an den Verkünder der Glücksbotschaft anklammern. Der Dichter sprach ihm gut und zuversichtlich zu: »Sie kommt heraus! Sehen Sie, sie soll heraus! Und wenn Sie noch so schwach sind, die Freude und Sehnsucht Ihres Alters soll Ihnen der Tod nicht stehlen dürfen!«

Als der erste Rausch der glückhaften Freude und Überraschung abgeklungen war, hatte Friedemann tausend Fragen an Plümicke: wie diese oder jene Stelle ginge, ob da das Horn, hier die Violine die Oberstimme richtig nähme, wie die Szenen sich im ganzen machten. Und der verfluchte Chor! Ob denn die Furien a tempo einfielen, ob denn . . .

»Nein«, sagte er, als er den Dramaturgen endlich verließ, »zur Aufführung komme ich nicht! Das kann ich nicht! Aber morgen mittag bin ich hier, wie immer.«

Während der Nacht trat in der Krankheit Friedemanns eine rapide Verschlimmerung ein; er bekam hohes Fieber.

Und während er sich schmerzzerquält auf seinem elenden Lager wälzte, entdeckte Plümicke seinen Freunden Mendelssohn und Naumann endlich die Vorgänge, die sich in den verschwiegenen Wänden seines Heims seit jenem Rheinweinfrühstück mit dem Kapellmeister zugetragen hatten. Der Philosoph eilte sofort zu Antonie, Naumann rührte in seinem großen Verehrer- und Bekanntenkreise die Werbetrommel und machte sogar dem Grafen Gotter einen Besuch, womit auch die Prinzessin Amalie von dem künstlerischen Ereignis des Abends genauere Kunde erhielt.

Eine größere und glänzendere Versammlung war denn auch, seit Brockmann den Hamlet gespielt hatte und seit Goethes »Götz von Berlichingen« gegeben wurde, in dem Theater Döbbelins nicht mehr gesehen worden. Mendelssohn, Rode und Naumann saßen zusammen in einer Loge; im Hintergrunde hielt sich eine alte, schwarzverschleierte Dame verborgen, die äußerst aufgeregt war.

Plümicke hatte hinter der Szene zu tun. Unruhe und Beklommenheit trieben ihn fahrig hin und her. Was mochte nur mit Friedemann Bach los sein? Am Mittag war er nicht gekommen, die Vermutung, er könne sich heimlich vielleicht doch im Zuschauerraum aufhalten, stellte sich als falsch heraus, und auch vor dem Gebäude war er nicht zu finden gewesen.

Die Vorstellung begann. Der Kapellmeister hob den Taktstock, es wurde still im weiten Raum . . .

Es blieb still, feierlich still im weiten Raum, bis Lasus, im halben Wahnsinn zur Laute greifend, sein Lied beendete, in das als fernes, grausiges Echo der Ruf der Furien: »Verderben . . . Verderben!« unheilverkündend hineinschrillte:

»Entzwei des Lebens Blütenkranz,
Verraucht des Ruhmes Träumen.
Verflucht seist du, verhaßter Tanz,
Des Lebens Wogenschäumen!
Gleich Luft und Schall verflattert sei
Mein Wähnen, Wähnen, Wähnen –
Das Ende meines Seins ist Reu'
Und Tränen, Tränen, Tränen.«

Der Vorhang fiel. Ein Sturm des Beifalls erschütterte das Haus. Man rief nach den Darstellern. Wieder und wieder mußte sich der Vorhang heben und senken. Man verlangte nach dem unbekannten Komponisten. Man wollte ihn sehen, diesen »alten Musiker«. Umsonst! Döbbelin gab dem Publikum eine entschuldigende Erklärung ab. Dann wenigstens den Namen! Auch den nicht!

Da erhob sich Naumann in seiner Loge, beugte sich weit über die Brüstung und rief: »Der Komponist ist Friedemann Bach, der Sohn des großen Musikers!«

Neuer Jubel brauste auf . . .

Und aus dem Schatten des Theatereingangs löste sich eine verlumpte Gestalt, die trotz der schönen Maiennacht von Frostschauern durchschüttelt wurde; sie wankte taumelnd davon, dem Stadtviertel des Elends zu, sie murmelte: »Ich hab's erreicht, Vater!«

 

Am folgenden Mittag wartete Plümicke wiederum vergeblich auf seinen greisen Freund. Er befürchtete nun das Schlimmste, vermochte aber in keinerlei Weise helfend einzugreifen, weil er den Aufenthaltsort des »alten Musikers« nicht kannte. Er beriet sich mit Frau von Eichstädt und Naumann, und sie kamen überein, den Grafen Gotter zu benachrichtigen.

»Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre Mitteilungen«, sagte der Graf, nachdem er sich auch über die kleinsten Nebenumstände unterrichtet hatte, »und darf Sie versichern, daß nichts unversucht bleiben wird, um Friedemann Bach zu finden. Ich fahre sofort zu Seiner Majestät.«

Fredersdorff, der alte Kammerdiener des Königs, wollte Gotter anfangs nicht melden, da sich die Minister zu einer wichtigen Konferenz im Arbeitszimmer des Monarchen bereits versammelt hatten, wagte auf die bittenden Vorstellungen des Audienzheischenden hin aber schließlich doch die Störung.

»Hat der Gotter keine bessere Zeit gewußt als jetzt?« fragte der König etwas ungehalten. »Na, er mag kommen!«

»Majestät wollen gnädigst verzeihen . . .« begann der Eintretende, wurde aber von Friedrich unterbrochen: »Schon gut, Gotter! Das muß schon was sehr Dringendes sein, wenn Er gerade jetzt kommt. Was will Er?«

»Majestät haben mir gegenüber einmal von der letzten Unterredung mit dem verstorbenen Johann Sebastian Bach gesprochen und dabei auch des Versprechens Erwähnung getan, das Sie ihm wegen seines Sohnes Friedemann gaben.«

»Na, und?«

»Dieser Friedemann Bach lebt unbekannt und verborgen, vollkommen verelendet und krank in Berlin. Er hat trotz seinem Zustand eine Oper komponiert, von der, bei maßlosem Applaus, gestern einige Teile aufgeführt wurden. Da der Mann nirgends zu finden und so herunter ist, daß man seine Auflösung befürchten muß, hielt ich's für meine Pflicht, sofort Meldung zu erstatten.«

Der König fuhr betroffen auf: »Was sagt Er da? In Berlin, krank, in Armut? Und hat ein Meisterwerk geschrieben? Bei Gott, der Fall ist mir wichtig! Philippi soll den Bach sofort suchen lassen, jede Minute ist kostbar! Ich bestelle Ihn zur Überwachung, Gotter, und mache Ihm die äußerste Fürsorge zur Pflicht, wenn man den Alten gefunden hat! Ich muß dem toten Vater mein Wort halten, und Er steht mir dafür, Graf Gotter, daß ich's kann! – Eile Er nun! Ich erwarte Ihn bald mit günstiger Antwort!«

Als Friedrich die Ministersitzung beendet hatte, ging er, jede Begleitung ablehnend, langsam ins Zedernzimmer. Er entnahm einem besonderen Fache seiner Bibliothek ein Notenmanuskript, das ihm Meister Sebastian einst dediziert hatte, griff nach der geliebten Flöte und hielt eine Andachtsstunde nach seiner Art.

Währenddessen flog der Wagen Graf Gotters nach Berlin. Er suchte sofort den Oberbürgermeister, Kriegsrat Philippi, der die Verwaltung der Polizei unter sich hatte, auf und machte ihn mit dem Befehl des Königs bekannt. Noch am gleichen Tage berief Philippi die Kommissare des abzusuchenden Stadtviertels; er trug ihnen auf, alle Armenvögte, Exekutoren, sämtliche mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Polizeibeamten aufzubieten und sie – bei Androhung strenger Bestrafung für jede Nachlässigkeit – zu verpflichten, des Meisters Friedemann Bach, genannt der »alte Musiker«, unter allen Umständen habhaft zu werden, auch alle Personen, die über ihn oder sein Verbleiben irgendwelche Auskunft geben könnten, festzuhalten und dem Kriegsrat persönlich vorzuführen.

Eine fieberhafte Suche nach dem Verschollenen setzte ein. Spuren wurden aufgenommen, verfolgt, wieder fallen gelassen. Der Musiker war wie vom Erdboden verschwunden. Endlich – der Juni war fast verstrichen – brachte der Polizeimeister der Königsvorstadt in Erfahrung, daß der »einäugige Anton«, ein alter Flötist, wohl der einzige zu einer Auskunft fähige Gewährsmann sei, weil Bach mit ihm zusammen am häufigsten in den Kneipen aufgespielt hatte.

Anton wurde schnell gefunden. Er gab zu Protokoll: »Ich habe schon seit dem Spätherbst vorigen Jahres nicht mehr mit dem ›alten Musiker‹ zusammen gespielt. Früher wohnte er mit mir in dem Hause des Sargmachers, verschwand aber eines Tages. Wohin, wußte ich nicht. Später einmal, vor ein paar Wochen, war ich im Stelzenkrug; ich hatte da gespielt und trank gerade einen, als er in den Keller kam. Er sah sich nach niemand um, setzte sich in eine Ecke, ließ sich ein Glas Branntwein kommen und nahm ein altes Buch aus der Tasche, in dem er las. Ich ging zu ihm hin und sagte: ›Guten Abend, was tust du denn?‹ – ›Ich lese, laß mich zufrieden, Anton!‹ sagte er, und ich darauf: ›Was liest du denn da für eine alte Schwarte, daß du deinen Freund nicht einmal ansiehst?‹ – ›Schwarte?‹ fauchte er mich an, ›dieses Buch ist das größte Wunderwerk der Tonkunst, das es gibt, und es ist von meinem Vater!‹

Er steckte das Buch in die Brusttasche, knöpfte den Rock zu und ging. Ich schlich ihm dann nach, um zu wissen, wo er wohnte. Er ging nach der Neuen Königstraße, die Nummer weiß ich nicht mehr, aber es war das vorletzte Haus links. Vor der Türe stand eine Lumpensammlerin, die oben wohnt; sie empfing ihn, und ich dachte mir, daß er bei ihr wohl wohnen muß. Später wollte ich einmal ein Tanzstück von ihm; ich ging also hin, aber die Alte fuhr mich an und sagte: ›Hier wohnt kein Musiker!‹ – Das ist alles, was ich weiß.«

Philippi setzte sofort den Grafen Gotter von der Aussage Antons in Kenntnis, und die beiden Männer beschlossen, sich von dem Tatbestand selbst zu überzeugen, indem sie bei der Lumpensammlerin Haussuchung hielten. Naumann, der bei der Beratung zugegen war, weil er sich gerade über den seitherigen Verlauf der Ermittlungen hatte erkundigen wollen, nahm die Gelegenheit wahr, für sich, Frau von Eichstädt, Mendelssohn und Plümicke um die Erlaubnis zur Teilnahme nachzusuchen; sie wurde ihm ohne weiteres gewährt.

Es war so! Im dritten Stockwerk des von dem Flötenspieler bezeichneten Hauses wohnte Friedemann Bach, der über Nacht berühmt gewordene Meister der Töne, der sich vor seinem Triumph und Sieg versteckte.

Der »alte Musiker« ruhte auf einem Strohlager, hager und langgestreckt, abgezehrt, matt, mit schwachem Atem und stockendem Pulsschlag. Von den verkniffenen Mundwinkeln hatte ein feines, erdenfernes Lächeln alle Bitterkeit weggewischt.

Zu Häupten des Schwerkranken saß die Lumpensammlerin und umtreute ihn mit jener zärtlichen und behutsamen Sorgfalt, die nur eine tiefe, ein ganzes langes Leben ausfüllende und umfassende Liebe gewähren kann. In den auffallend großen, immer noch schönen, aber müde gewordenen Augen der alten Frau leuchtete es zuweilen wie ein heller Widerschein glückseliger Erinnerungen auf, und wenn sie nun mit linder Hand den Schweiß der Schwäche von der bleichen Stirn des Röchelnden nimmt, so taucht eine Felsenkuppe vor ihr auf, über der die Abendsonne strahlt und um deren Gipfel sehnsüchtige Melodien einer Geige schweben, und ein Ruhelager im schwellenden Moos und das Liebesschluchzen einer Nachtigall im Tal . . .

Und sie sieht sich wandern, rast- und ruhelos, jahrelang, durch Dörfer und Städte und Länder, von einem dunklen Drang getrieben, einem Schatten nach, der zerfloß, sooft man ihn zu greifen wähnte. Bis sie ihn dann doch fand, Towadei ihren Schetrar, und ihn zu sich nahm und seiner Armut von ihrer Dürftigkeit noch mitteilte, um ihn seinem Werk, dem letzten, wie banges Wissen ihr zuflüsterte, mit ganzer Hingegebenheit leben zu lassen. Und nun . . . nun würde ihr Schetrar, der einzige und ewig Geliebte ihrer Seele, der kaum Gefundene scheiden müssen . . . zur alten Mutter, zur Nacht, – Bhowané.

Die barmherzigen Hände strichen mit einem feuchten Läppchen über die vertrocknet-spröden Lippen des sterbenden Mannes. Er stöhnte auf, sprach verhauchend: »Ich danke dir, mein Herr und mein Gott, daß du mir die Kraft verliehen hast, meinen Namen wieder aufzurichten unter den Menschen! Ich danke dir, daß du mir mein Weib wieder zuführtest und meine letzten Tage seiner Liebe anvertrautest! . . . Bald werde ich alle wiedersehen, alle die lieben! Nur durch das dunkle Tor muß ich noch, dann bin ich in der anderen, schöneren Welt . . . Segen allen Menschen! Und auch dir, Antonie! Auch dir! . . . Alle Rätsel und Mißverständnisse des Lebens, sie lösen sich auf in der Ewigkeit, und keine Klage fällt ungehört auf die Erde! . . . Gib mir die Hand, Towadei! Sehnend werde ich da droben deiner warten!«

»Ich komme, Geliebter! . . . O, du mein Geliebter!«

Ein verklärender Schein überflog sein Antlitz, voll und strahlend umfaßte sein Blick die alte Zigeunerin und richtete sich dann weit, weit in überirdische Fernen: »Mein Vater, sei gegrüßt!«

Friedemanns Auge brach. Towadei sank schluchzend zusammen.

Leise öffnete sich die Türe. Die fünf Herren, die im Begriff waren, ins Zimmer zu treten, zögerten auf der Schwelle und nahmen still die Hüte ab. Eine tiefverschleierte vornehme Dame trat auf das zusammengesunkene Bettlerweib zu, kniete neben ihm nieder und lehnte den Kopf an seine Schulter.

 

Das geschah am 1. Juli 1784. Zwei Tage später wurde Friedemann Bach begraben.

In einer der folgenden Nächte brach bei der Lumpensammlerin Feuer aus. Sie selbst wurde nie mehr gesehen.

 


 

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