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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XXI.

Brühls geheimer Unterhändler in Wien, Herr von Siepmann, hatte in jener geräuschlosen und unterirdischen Art, in der er Meister war, gut gearbeitet. Durch Bestechung war es ihm gelungen, sich in den Besitz des Schlüssels zur Chiffre der preußischen Gesandtschaftsdepeschen zu bringen, und somit waren die Gestalter der sächsischen Außenpolitik, Josepha und ihr Ministerregent, über alle Absichten und Schritte Friedrichs II. genau unterrichtet. Infolge einer Unvorsichtigkeit Brühls erhielt der preußische König jedoch Kenntnis von dem Geschehenen; die Chiffre wurde geändert und – wieder gestohlen. Aber die Entschlüsselung der ferneren diplomatischen Berichte nützte nicht mehr viel. Friedrich war nicht nur vorsichtig geworden, er setzte auch List gegen List. Der sächsische geheime Kanzlist Menzel wurde »gekauft« und gab nun von allen Verhandlungen, die Dresden mit den übrigen Höfen führte, Abschrift der entscheidenden Abmachungen. Friedrich erkannte, daß schwache Frauenhände es fertiggebracht hatten, eine mit Erdrückung drohende Klammer immer enger um ihn zu schließen: Elisabeth von Rußland, Maria Theresia von Österreich, Josepha von Sachsen und endlich die Marquise von Pompadour, die im Mai 1756 König Ludwig XV. von Frankreich zu einem geheimen Bündnis vermocht hatte.

Noch aber war man mit den Rüstungen nicht zu Ende. Erst im folgenden Jahre sollte der Angriff erfolgen. Friedrich hatte seinen Gegenschlag, der nur darin bestehen konnte, den Gegnern zuvorzukommen, bereits geplant. Er richtete eine Anfrage an Maria Theresia, ob die beobachteten Rüstungen gegen ihn gerichtet seien, und als er zweimal eine ausweichende Antwort erhielt, marschierte er.

Mit einem Heer von fünfundsechzigtausend Mann rückte Friedrich II. Ende August in Sachsen ein. Die Truppen Augusts III., die nach Brühls Rechenkunststücken eine Stärke von dreißigtausend Gewehren haben sollten, in Wirklichkeit aber nur siebzehntausend betrugen, bezogen bei Pirna ein festes Lager. Der Hof flüchtete wiederum auf den Königstein, wiederum waren es Josepha und der Erbprinz Christian, die allein es wagten, dem heranziehenden Feind in der Residenzstadt zu begegnen.

Friedemann Bach hatte bei seinem zurückgezogenen und selbstbeschaulichen Leben in Arnstadt von den Vorkehrungen zu dem Drama, das sich zu entwickeln begann und für sieben lange Jahre die europäischen Länder mit allen Schrecken, Leiden und Nöten des Krieges heimsuchen sollte, nicht das mindeste gemerkt. Er war in der schlimmen Nacht, die seinen Schicksalsweg plötzlich und unerwartet in eine neue Richtung drängte, bis Ichtershausen durchgewandert, hatte im Gasthaus gefrühstückt und sich vom Wirt einen Wagen nach Erfurt besorgen lassen. Von dort war er nach Weimar weitergefahren, nicht von einem vorbedachten Plan bestimmt, sondern nur von der Überlegung, irgend etwas unternehmen zu müssen. Warum also, als Herr seiner Zeit und im Besitz recht beträchtlicher Geldmittel, nicht die Stätte seliger Jugenderinnerungen einmal wieder besuchen?

Aber die Bilder, die Friedemann aus der Vergessenheit längst verklungener Tage heraufzubeschwören vermochte, blieben matt, und schon am folgenden Morgen sah er sich in die Notwendigkeit versetzt, nunmehr endgültige Beschlüsse zu fassen. Wohin jedoch? – Nach Naumburg, – dort in engen Verhältnissen leben, seine Unabhängigkeit verlieren, sich schief ansehen lassen? Nein! – Kein beschränktes Dasein mehr, kein Zwang zur Arbeit! Frei schaffen, die alte Kraft und Virtuosität zeigen, beweisen, daß Friedemann Bachs Künstlertum würdig ist, mit dem des Vaters in einem Atemzug genannt zu werden! Und wo sollte man solches Ziel schneller und sicherer erreichen können als in Berlin, der kunstfreudigen Hauptstadt eines musikbegeisterten Königs?! Auf also nach Berlin! . . . Astrua? – Nun, man hatte über die Liebe in des Daimons Schule anders denken gelernt! Man würde der Stolzen höchstens zu zeigen haben, wie gleichgültig einem die Weiber waren! Nicht ausgeschlossen jene andere Zerstörerin seines Lebensglückes, Antonie! . . . Wie es ihr wohl ergehen mochte, der Treulosen? . . . Na ja, vollkommen gleichgültig war auch das, – aber schließlich kam es nicht darauf an, einen Umweg zu machen und über Dresden zu fahren!

So rollte denn bei herrlichstem Reisewetter, das die Übergangstage vom August in den September bescherten, das Fuhrwerk gemächlich auf der Landstraße dahin. Naumburg wohlweislich vermeidend, nahm es seinen Weg über Jena und Gera nach Chemnitz, dann weiter über Freiberg und Tharandt. In den Orten, die man unterwegs berührte, vernahm man mancherlei Bedenkliches von einem Vormarsch der Preußen. Friedemann war das Gemunkel gleichgültig, den Kutscher aber erfüllte es doch mit Besorgnis; in Chemnitz konnte er nur noch durch das Versprechen einer besonderen Vergütung zur Weiterfahrt bewogen werden, in Freiberg streikte er endgültig. Die wildesten Gerüchte schwirrten durch die Luft, und jeder, der sie hörte, trug sie, von der eigenen Angst noch um eine Schattierung schwärzer gefärbt, dem Nachbarn zu. Nur soviel schien gewiß, daß Dresden noch frei, der Hof aber schon geflüchtet war und jede Stunde die feindliche Besetzung bringen konnte. »Bravo!« – Friedemann vermochte die Äußerung nicht zu unterdrücken – »dann ist die Alte mit ihrer Tochter gewiß noch dort, und wenn der preußische Fritz in der Residenz aufräumt, wird der frühere Musiklehrer den Kehraus dazu spielen!«

Die fürstliche Entlohnung, die Friedemann für eine sofortige Fahrt nach Dresden ausgesetzt hatte, bewog einen armen Teufel von Fuhrmann, seinen elenden Karren anzuspannen und aus dem Pferd herauszuholen, was an Kräften in ihm war. Am frühen Nachmittag hatten sie bereits Tharandt hinter sich gelassen, und es stand nun fest, daß man Dresden noch vor Anbruch der Dunkelheit erreichen würde. Je mehr sie sich aber der Stadt näherten, desto stiller, merkwürdig still, wurde es um sie her; kein Militär begegnete ihnen, keine Flüchtlinge kreuzten mehr ihren Weg. Sollte der Feind schon . . .? Friedemann trieb den Kutscher zu noch größerer Eile an.

Die Straße durchschnitt ein Gehölz. Und wie aus dem Boden gewachsen, stand plötzlich die Gestalt eines zerlumpten Buben da, trabte neben dem Wagen her und streckte bettelnd die Hand aus. Friedemann warf ihm ein Geldstück zu. Sofort bekamen die Bäume Leben. Hier tauchten zwei Männer, dort eine Frau, ein paar Kinder hinter ihnen hervor und jammerten laut um ein Almosen.

»Geben Sie nichts, Herr!« warnte der Kutscher, »Sie werden sonst das Teufelsvolk nicht mehr los. Es sind Zigeuner, und wo die sind, ist der Feind nicht mehr weit.«

Aber schon war eine Handvoll kleiner Münzen unter die Bettlerschar geworfen. »Mehr, mehr! Gib uns mehr!« tönte es ihm als Dank entgegen, und ein Haufe weiteren Gesindels gesellte sich dem ersten zu. »Du bist reich! Her mit deinem Gelde!« Der Wagen wurde angehalten.

Friedemann zog mit erheuchelter Ruhe seinen Degen: »Diese Silberstücke noch, dann ist's genug! Wer mir zu nahe kommt, mag sich vorsehen!«

Ein kurzes Signal, aus einem Kuhhorn ausgestoßen, erschallte, und unversehens wie sie erschienen waren, verschwanden die halbnackten Gesellen wieder. Nur ein junges Frauenzimmer stand noch beim Wagen und sah den Reisenden mit einem brennenden Blick aus den dunklen Augen an: »Mir auch, schöner Herr!«

Friedemann griff in die Tasche, gab ihr, was seine Hand gerade faßte; es waren drei Goldstücke. Erstaunt wechselten die Blicke der Zigeunerin von dem Geld zu dem großzügigen Spender: »Schmeißt du so damit um dich? Wirst's noch einmal bitter brauchen können!« Und auch sie war im Gebüsch untergetaucht.

Als der Abend dämmerte, fuhr Friedemann Bach durch das Leipziger Tor unbehelligt in dem außer Rand und Band geratenen Dresden ein; in einer Ausspannung in der Kleinen Meißnergasse nahm er Quartier. Er hielt sich jedoch nur solange darin auf, als es brauchte, seine geleerte Geldbörse aus der Brusttasche wieder aufzufüllen; es drängte ihn ins Stadtinnere.

Dort war alles mutlos, alles atmete Verteidigung. Die Elbebrücke hatte einen Verhau erhalten, zwischen dem sich die Fußgänger mühsam hindurchschleichen konnten; vom jenseitigen Ufer starrten Kanonen. Das Brühlsche Palais war von Milizen besetzt, das königliche Schloß von der Schweizer Kronengarde. Alle öffentlichen Gebäude waren verrammelt und bewacht. Friedemann sah die Aussichtslosigkeit ein, in dieser Verwirrung und bei Dunkelheit noch einen Bekannten zu finden, er kehrte zum Gasthof zurück.

Als er in sein Zimmer trat, das einzige, das für anständige Gäste bewohnbar war, fand er es zu seinem Erstaunen von zwei Fremden eingenommen. Seine Vorstellungen beim Wirt, das Angebot einer hohen Zuzahlung zum Quartiergeld hatten keinen Erfolg. Die Zimmergenossen boten das Gleiche, indem sie erklärten, große Summen mit sich zu führen und damit nicht unter dem gemeinen Volk in der Wirtsstube übernachten zu können. Friedemann schickte sich ins Unvermeidliche, ja, er ließ sich sogar beim Abendbrot die Gesellschaft des einen der Fremden, eines Mannes von wohlgebildeter Gestalt und guter Lebensart, der sich ihm mit »Hans von Schackwitz, Fechtmeister aus Prag« vorgestellt hatte, nicht ungern gefallen. Nach Tisch unterhielten sie sich noch eine ganze Zeitlang und tranken eine Flasche Wein zusammen.

Wie die beiden anderen knöpfte Friedemann, als sie gemeinsam zur Ruhe gingen, den Rock behutsam über die Ledertasche mit seinen Papieren und Schätzen und legte sich angekleidet aufs Bett. Er erwachte ziemlich spät am anderen Morgen, fühlte sogleich nach der Tasche auf seiner Brust und fand sie – mit einem Seufzer der Erleichterung stellte er es fest – prall und in guter Ordnung an der gewohnten Stelle. Seine zufriedene Laune wurde noch zufriedener, als er vernahm, daß der eine Schlafgenosse, ein etwas schmieriger Geselle, bereits abgereist war und er in der kommenden Nacht Alleinbesitzer des Zimmers sein würde: denn auch Herr von Schackwitz mußte nach dem Frühstück, das sie gemeinsam einnahmen, seinen Weg fortsetzen.

Friedemanns erster Besuch galt seinem Freund und Mitschüler Homilius. Durch aufgeregte Volksmassen hindurch erreichte er das Hotel Brühl, wurde willenlos zur Sophienkirche gedrängt, an ihr vorüber zum Hause Merpergers. Aus seinen Fenstern sahen fremde Gesichter auf ihn herunter. Sinnend zögerte er eine Weile . . . bis das Aufbrüllen der Kanonen, das Geknatter von Gewehrschüssen ihn im Strom einer kopflos flüchtenden Menge hinwegriß. Mit Mühe rettete er sich durch die Willsdruffer Gasse nach dem Altmarkt und schließlich ins Kantorhaus der Kreuzkirche. Als er den Fuß über die Schwelle setzte, ging es ihm erst auf, wie ungeeignet zu einem Besuch diese Stunde höchster Kriegsnot war. Trotz aller herzlichen Begrüßung durch den Freund fühlte er seine Überflüssigkeit und wollte gleich wieder aufbrechen; Homilius ließ ihn aber erst wieder von sich, als auf den Straßen einigermaßen die Ruhe zurückgekehrt war.

Wenige Stunden hatten genügt, um Dresden zu besetzen, die Garden zu entwaffnen, die öffentlichen Gebäude unter Bewachung zu stellen. Der Belagerungszustand wurde verhängt, und es erging der Befehl, daß alle Ortsfremden ohne preußischen Logierschein binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen hatten.

Als Friedemann, nicht ohne große Schwierigkeiten, in seinen Gasthof zurückgelangte, wurde er gleich von zwei uckermärkischen Grenadieren in Empfang genommen und, kaum daß sie ihm Zeit zur Begleichung seiner Zeche ließen, von Posten zu Posten weitergeschoben, bis er sich, weit außerhalb der Stadt, auf freiem Feld befand.

»Ist mir recht geschehen!« schalt er in ärgerlichem Spott sich selber. »Wer wie ein Verrückter handelt, darf sich nicht wundern, wenn's ihm entsprechend ergeht! Wandern wir also wieder einmal, im nächsten Dorf wird schon Rat werden!« Mit langen Schritten stelzte er über die Ackerfurchen davon, blieb aber nach einer Weile noch einmal stehen: »Teufel, da hätte ich ja beinahe vergessen, die Handbörse aufzufüllen!« Er vergewisserte sich, daß er allein war und trat ins nächste Gebüsch. »Es wird in allen Wirtshäusern dieses gelobten Landes wohl nicht anders aussehen als in Dresden. Nie ungestört und ohne Zuschauer, und Vorsicht bei den tollen Zeiten . . .«

Er stockte. Auf der Erde lagen seine Brieftasche, die »Kunst der Fuge« und zwei vergilbte Notenblätter, und daneben . . . Nägel, Blei, Scherben. Sonst nichts.

»Barmherziger Himmel!« – und er sank gebrochen neben die Trümmer seiner Habe. »Also wieder ein Bettler, – arm, ärmer und elender denn je!« Er weinte, krallte sich mit den Fingern in den Boden, tobte . . . Er betete: »Gott, o mein Gott, lieber himmlischer Vater, erhalte mir wenigstens meinen Verstand!«

Mit übermenschlicher Kraft erhob sich der Bestohlene, packte seine letzten und einzigen Besitztümer in die geleerte Tasche, klemmte, wie in früheren Tagen, seine Violine unter den Arm und schritt davon. Wieder einmal: irgendwohin . . .

Auf einem einsam gelegenen Gehöft in der Nähe von Heidenau fand er bei gutherzigen Bauern gegen bittende Worte und den kleinen Rest seiner Handbörse ein billiges Unterkommen. Als jedoch das scheußliche Herbstwetter, das mit Kälte, Sturm und Regen aufgewartet hatte, wieder der Sonne wich, und als gleichzeitig durch die Waffenstreckung des sächsischen Heeres, dessen Mannschaften kurzerhand in preußische Uniformen gesteckt wurden, durch Verwundetentransporte, Rückkehr Geflüchteter und neue Flucht anderer von der Kriegswalze Erfaßter lebhafte Bewegung auf allen Straßen war, wanderte auch Friedemann weiter. Bleiben konnte er nicht länger, und eine trostlose Lage ertrug sich vielleicht am leichtesten unter Trostlosen.

Er wandte sich der Elbe zu und ging dann an ihrem Ufer entlang, um nach dem Städtchen Königstein zu gelangen. Dicht davor sah er an einer Weggabelung, halb von einem Gesträuch verdeckt, gekrümmt und vornübergeneigt, einen Leidensgefährten sitzen, der anscheinend nicht mehr weiterkonnte. Er näherte sich dem Ermatteten. Die Gestalt erhob sich, ein Tuch sank von ihren Schultern, – es war ein Weib. Es war dasselbe Weib, das ihn schon einmal aus ihren großen, leuchtenden, rätselhaft tiefen Augen angeblickt hatte, es war die Zigeunerin, der er drei Goldstücke zugeworfen hatte. Sie stand auf dem Weg und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen.

»Du?« – und er legte zögernd seine Rechte in die ihre – »was machst denn du hier?«

»Ja, Towadei ist's! Ich wartete auf dich.«

»Du wartetest auf mich?«

»Du mußtest kommen, und du kamst! Frage nicht weiter! Du bist einer von den Klugen, die nach dem Warum haschen. Und wenn sie's wissen, wissen sie doch nichts. Du hattest Verstand, solange du Geld hattest. Was bist du nun? Nichts!«

»Das festzustellen, ist nicht schwer, Towadei; jedes Kind sieht mir's an! Was soll das heißen, daß du mich erwartet hast? Willst du mich verspotten, so geh und laß mich!«

»Es ist ein Geist zwischen Himmel und Erde, ein Hauch, der den Menschen begleitet und vorwärts zieht, daß er geht nach seiner Bestimmung. Ich wußte, wir werden uns wiedersehen! Willst du von mir gehen? Allein in dieser Welt voll Elend und selber elend? Haben dir die Mächtigen und Reichen so Gutes erwiesen, daß du die helfende Hand der Bettlerin von dir stößt?«

Vom schmerzlichen Gefühl seiner Verlassenheit überwältigt, verzagt und zugleich beschämt, warf er sich ins Gras und drückte sein Antlitz gegen die Erde.

Da fühlte er die Arme des fremden Mädchens sich um seinen Nacken schlingen. Es legte des Mannes Kopf in seinen Schoß und preßte ihn mit krampfhafter Gewalt an die pochende Brust. »Sei gegrüßt von der Tochter der Armut, Nacht und Schande, gegrüßt von dem Volk, das, verdammt von den Menschen, über die Erde zieht ohne Ruh' und ohne Heimat! Eine neue Welt und eine neue Sonne sollst du schauen, alle Qualen vergessen und glücklich sein!« Ihr Lippen senkten sich und küßten seinen Mund. Und sein Verstand zerbrach lachend in sich selbst, um ganz im Gefühl aufzugehen; der erste Schatten vom Glück breitete ein Helldunkel über die Sorgen seiner Seele.

»Willst du nun mit mir gehen?«

»Ja, ich will! Wäre es auch nur um des Mitleids willen, das du mir in diesem Augenblick geschenkt hast.« Er reichte ihr die Hand, die sie hastig ergriff und an ihr Herz preßte.

Sie schritten wortlos der Stadt zu, und Friedemann konnte sich nicht enthalten, seine Begleiterin, der zu folgen ein rätselhafter Zwang ihn trieb, verstohlen anzublicken. Sie war nicht über mittlere Frauengröße, von schlanken Formen, die die Frische und saftige Fülle der Jugend an sich trugen. Die Haut war bräunlich getönt, ihr Haar tiefschwarz und fiel, unter ein Kopftuch gebunden, links und rechts in einem Zopf auf Wangen und Nacken. Sie trug einen vielfach geflickten Rock, ein Mieder umschloß ihre üppige Brust, und ein langes wollenes Tuch ersetzte den Mantel. Die feurigen, großen Augen, in denen zuweilen etwas Drohendes aufblitzte, verrieten kräftige Leidenschaften und einen eigentümlichen Geist.

Ringsum war's still. Der Abend streute seinen violetten Schatten, und die Sterne tauchten verstohlen aus der tiefblauen Flut des Himmels.

»Solche Augen hatte auch Antonie! So brannte einst ihr Kuß auf meinen Lippen!« murmelte Friedemann im gemächlichen Dahinschreiten. Plötzlich faßte die Zigeunerin nach seinem Arm und zog den Überraschten in den Graben am Weg: »Schnell, schnell! Mir nach! Eine preußische Patrouille ist hinter uns her!«

Gebückt, mit der Behendigkeit einer Katze, schnellte sie vorwärts, Friedemann hinter sich herziehend. Atemlos verhielten sie am Ufer der Elbe. Towadei nahm ihr Tuch ab und wickelte es sich um die Hüften: »Faß den Zipfel! Schnell! Komm!« Mit den Füßen nach dem Grund fühlend, schritt sie voran ins Wasser. Es reichte ihnen bis unter die Arme, Friedemann mußte seine Tasche und Violine hochhalten. Im Uferschatten gingen sie stromaufwärts bis in die Nähe eines Gehöfts, schlüpften durch die Lücke eines Zaunes, durchquerten einen Gemüsegarten und standen vor einem morschen Brettertürchen. Das Mädchen öffnete es vorsichtig und vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, daß das davorliegende Gäßchen menschenleer, der Marktplatz von Königstein, auf den es mündete, hingegen durch biwakierende Soldaten, Marketender, neugieriges Volk desto belebter war. Weder hier noch dort konnte das wassertriefende Paar auffallen, als es mit aller Vorsicht vorbeischlich und in dem Dunkel einer gegenüberliegenden Straße verschwand. Vor einem halbverfallenen Häuschen, in einem verwilderten Garten am Stadtrand versteckt, machte es halt, und die Zigeunerin gab ein Erkennungszeichen. Sofort wurde die Tür geöffnet, und die Ankömmlinge gelangten durch einen finsteren Flur in ein kahles Zimmer. Die Lehmwände waren zerbröckelt, die Dielen waren herausgerissen und dienten zum Unterhalt eines Feuers, das im Herd brannte. Drei Zigeuner saßen davor und blickten träumerisch in die Flammen; sie wandten kaum den Kopf, um den späten Besuch zu begrüßen.

Towadei richtete das Wort sogleich an einen Mann in grauem, wallendem Bart, den ältesten der drei, von dem eine ehrwürdige, patriarchalische Würde ausgegangen wäre, wenn nicht in dem olivenfarbenen Antlitz ein Zug des Hasses und der Bitterkeit ausgeprägt gewesen wäre; sie erzählte ihm in einer unbekannten Mundart eine lange Geschichte.

»Ich heiße dich willkommen«, sagte nach einer Pause des Nachdenkens der Alte zu Friedemann, »wie der Hirt den Wolf, wie die Eule den Tag! Es ist deine Bestimmung, unser zu sein! Wir sind an einem schlimmen Ort, wo der Tod lauert, verhalte dich ruhig. Wenn ich dir sage, daß wir österreichische Spione sind und uns unter den Preußen als Musikanten umhertreiben, wirst du wissen, was dich erwarten kann. Du spielst Violine, also können wir dich im Handwerk brauchen. Wenn du aber fliehen oder uns verraten willst, stirbst du wie ein Hund! Wenn sie uns hängen, hängst du auch! Wärme und trockne dich, und wenn du müde bist, leg' dich hin; wenn du Hunger hast, iß – es gibt Brot und Speck.«

Das Mädchen fuhr gereizt auf den zynischen Sprecher, ihren Vater los, und er begütigte die heftigen Vorstellungen seiner Tochter mit sanften Worten und Liebkosungen.

Friedemann hatte sich auf ein Bund Stroh geworfen; er war grenzenlos elend und verzweifelt. Von der philosophischen Höhe seiner Selbstbestimmung herabgerissen, zum Werkzeug des Abschaums der Menschheit, zum Genossen von Verbrechern erniedrigt, in ein Vorhaben gezogen, an dessen Ende nur der Galgen stehen konnte, fühlte er tiefe Reue über den Leichtsinn, mit dem er einer Unbekannten, einer Zigeunerin, gefolgt war und sich ins Chaos der Ereignisse gestürzt hatte. Sein Stolz und sittliches Entsetzen verboten ihm, diesen Elenden nur ein Wort zu gönnen, sie mit Vorwürfen oder Bitten zu ehren, deren Nutzlosigkeit er zudem einsah. Seine einzige Hoffnung war, daß sich ihm irgendeine Gelegenheit zur Flucht bieten würde. – Er schloß die Augen; von den dargebotenen Speisen rührte er nichts an.

Es war eine seltsame Gesellschaft, die da um den niedrigen Herd kauerte und von der unsteten Flamme beleuchtet wurde. Neben dem Alten, dem Dadi, und seiner Tochter Towadei hockte ein etwa zehnjähriger Junge. Bald stand er auf, eilte in die Nacht hinaus, kehrte nach kürzerer oder längerer Zeit zurück, flüsterte mit dem Dadi. »Gut, Papinori!« lobte der ihn dann, und der Knabe wärmte sich am Feuer, um wieder zu verschwinden und wieder zu kommen. Der dritte im Bunde war Tzoukel; die Merkmale des Zigeuners waren nur schwach in seinen Zügen ausgeprägt, dafür aber um so mehr die eines skrupellosen Verbrechers. Er sprach nur Rotwelsch, das Gauneridiom.

Friedemann war in einen unruhigen Dämmerschlaf gesunken. Er kam erst zu sich, als ihn jemand bei den Händen nahm und in schmerzlichem Tone sagte: »Du verachtest mich?« – Unwillig aufspringend wollte er die Zigeunerin von sich stoßen, aber sie drängte sich an ihn, umklammerte seine Schulter: »Bleib! Ich weiß, du willst fliehen. Ich habe dich errettet vor dem Schlimmsten, habe dich hierher in das Versteck derer gebracht, die ich liebe, und sie der Gefahr ausgesetzt, verraten zu werden. Mich magst du verachten, aber nimmer werd' ich zugeben, daß die Meinen dafür leiden, daß ich mit einem Elenden Erbarmen hatte. Die Nacht ist bald um, wir gehen aus der Stadt. Wenn wir außer Gefahr sind, sollst du deines Weges ziehen – wenn du kannst! Das aber sage ich dir: gehst du tatsächlich, so wirst du enden wie ein Tier!«

Sie ging hinaus, und der Mann, gedemütigt und doch mit unerklärlicher Gewalt von diesem zerlumpten Weibe voll aufreizender Schönheit angezogen, folgte ihr nach. Durch Gärten und Felder über heimliche Pfade schleichend, erreichten sie das freie Feld vor der Stadt. An den Gräsern schimmerte der Reif, und eine eisige Kälte schüttelte Friedemanns Glieder.

»Nimm meine Decke«, sagte Towadei, als sie es bemerkte, »ich friere nicht. Die Kinder unseres Volkes wissen nicht, was Hitze und Kälte ist, aber du bist's nicht gewöhnt.«

»Nein!« wehrte er ab, »ich werde Armut und Kälte ertragen lernen.«

Sie schlug das Tuch wieder um sich und zeigte auf den Berg, der, matt vom Mondlicht beschienen, vor ihnen auftauchte: »Kennst du ihn?«

Ein tiefer Seufzer entrang sich Friedemanns Brust: »Den Königstein? – O ja, Ich kenne ihn recht gut . . . Aber dort, Towadei« – und er verhielt den Schritt – »dort am Waldrand auf der Straße . . . siehst du? . . . Lichter, die hin und her wandern. Was bedeutet das?«

»Ha, das ist die Vergeltung! Jetzt flieht er außer Landes, der Verfluchte, der Leuteschinder! Bhowané, die alte Mutter der Liebe und des Hasses, hat über ihn gerichtet. Sie geißelt ihn, Brühl muß fliehen!«

»Was, was sagst du da, Weib? Brühl, der Minister Brühl, muß fliehen?«

»Ja! Nach Polen zu seinem Herrn.«

»Ich danke dir für diese Nachricht, Mädchen! Komm, laß uns eilen, damit wir ihn sehen!«

Sie liefen die Straße entlang und trafen mit Dadi, dem Jungen und Tzoukel zusammen, die Klarinette, Tamburin und Stockfiedel trugen und einem Trupp Wandermusikanten glichen. »Los, aufgespielt!« schrie ihnen Friedemann zu, nahm seine Violine unters Kinn und tanzte geigend einer Lichtung zu, in der bei Fackelschein letzte Vorbereitungen zu einer eiligen Abreise getroffen wurden. »Aufgespielt, Gesindel!« brüllte er noch einmal seine neuen Lebensgefährten an, »aufgespielt zum Kehraus für den großen Brühl!«

Der fliehende Minister zog sich fröstelnd den Mantel enger um die Schultern. Die Pferde zogen an. Da tat Friedemann einen plötzlichen Sprung, stand auf dem Trittbrett des Wagens, rief gellend: »Glückliche Reise, Herr Schwiegervater!«

»Mein Gott«, ächzte der Minister, »Friedemann Bach!«

Der Kutscher gab seinen Tieren die Peitsche. Vielstimmiges Gelächter flog der Equipage nach.

»Nun aber weiter!« mahnte der Dadi, als das Räderrollen verhallt war. »Der Morgen ist nicht mehr fern, und wir haben keine Lust, den Preußen in die Hände zu fallen.«

»Geht schon voraus!« entgegnete Towadei. »Ich habe noch allein mit ihm zu reden.«

Und wieder brannten die großen Rätselaugen der Zigeunerin in verzehrendem Feuer, als sie dem vor sich hinbrütenden Manne das einzige Wort hinwarf: »Nun?«

»Nein«, sagte Friedemann, »verraten werde ich euch nicht, denn du hast mir Gutes erwiesen, Towadei. Aber ich gehe nicht mit euch! Ich will nicht unter Dieben und Räubern leben, ich will mich ehrlich durch die Welt bringen, mir mein Brot mit meiner Geige von Dorf zu Dorf erspielen. Es ist nicht zum erstenmal!«

»Höre mich denn, ehe du ins Verderben gehst«, erwiderte Towadei mit einer Mischung tiefsten Mitleids und feierlichen Ernstes, »und verflucht sei die Seele meiner Mutter, wenn ich lüge: Ich verspreche dir, daß du nie stehlen, nie etwas gegen dein Gewissen tun sollst! Komm mit mir! Komm, ehe es zu spät ist!«

»Mädchen, ich kann nicht! Wo du die Macht über mich her hast, ich weiß es nicht, aber du übst einen furchtbaren Zwang auf mich aus. Ich fürchte mich vor dir! O, mich haben Frauen schon elend gemacht, Towadei! – Geh zu deinem Vater!«

Towadei trat zu ihm hin, faßte seine Hand und sah ihn schmerzbewegt an: »Gut, du willst es so! Dein Auge soll mich nicht mehr sehn, es sei denn, du rufst mich im Herzen. Eins nur sage ich dir: so gewiß du verderben mußt ohne mich, so gewiß mein Volk elend ist, so gewiß hättest du bei uns eine heilige Freistatt gefunden! – Du fürchtest dich vor mir? Weißt du, weshalb? Weil dein Verstand sich vor dem sträubt, was er nicht weiß! Ich stehe in der Hand Abaridschedis, des Anfanglosen, des dreieinigen Gottes. Von ihm und seiner Liebe habe ich das Erkennen, mit dem unser Volk gesegnet ist, – dem einzigen, das wir haben. – O komm, Lieber!«

»Laß mich! Laß mich, wenn du ein fühlendes Herz hast! Elend, wie ich bin, ohne Hoffnungen diesseits und jenseits, beschwöre ich dich, laß mir einen Augenblick Ruhe, sonst werde ich wieder wahnsinnig!«

»Ich werde auf dich warten!« sagte Towadei, und nach einer Weile, als sie den Kampf in seinem Innern sah: »Du hast keinen mehr, niemand als mich!« Ihr großes Auge ruhte wissend auf seinen bleichen Zügen.

Langsam hob er den finsteren Blick. Er sah das Mädchen, verlumpt, aber verführerisch schön, mit bittender, zärtlicher Miene vor sich stehen.

»Ich will gehen – wohin du Lust hast!« stöhnte Friedemann.

Ein heißer Kuß brannte auf seinen Lippen. Dann zog sie ihn eilends weg, den anderen nach. Dicht bei Cunnersdorf holten sie die Gefährten ein. Vereint wanderten sie durch das Örtchen, um jenseits, in einem Gebüsch gelagert, einen kurzen Imbiß und einen Schluck Branntwein zu sich zu nehmen. Friedemann hatte seit dem Mittag des vorigen Tages nichts über die Lippen gebracht. Wohlig stieg ihm der Fusel in den Kopf und lullte sein wundes Herz, seine trüben Gedanken, das nagende Weh um verlorene Erdenfreuden in Vergessenheit.

Sie zogen weiter und erreichten, sich zwischen Klein-Gießhübel und Schöna haltend, am Zirkelstein vorbei die Elbe. Die Fähre, die nach dem jenseitigen Herrnskretschen hinüberfuhr, war verschwunden, und Tzoukel nahm kurzerhand von einem Fischerhause einen Kahn weg und ruderte die Gesellschaft ans andere Ufer. Als alle ausgestiegen waren, stieß Friedemann den Nachen in den Strom zurück. Er blickte ihm nach und lachte.

Nach einer Strecke Wegs fing Towadei an, eins jener einfachen, schwermütigen Lieder, die die Zigeuner so lieben, halblaut vor sich hinzusingen. »Die Gefahr ist überstanden«, sagte sie zu dem Mann an ihrer Seite, »bis hierher sind die Preußen noch nicht gekommen, und wenn die Sonne untergeht, werden wir in den ›Steinen‹ sein. Zu Hause!«

Auch der Dadi, der Friedemann bisher nur finstere Blicke gegönnt hatte, wurde freundlicher und richtete einige Fragen an ihn. Er erhielt jedoch zuerst keine, dann die mürrische Antwort: »Ihr habt mich nichts zu fragen! Ich bin ein Vagabund, der nichts ist und nichts hat. Nennt mich Friedemann, dann ist's recht, alles andere schert Euch den Teufel!«

Sie waren mittlerweile ein gutes Stück in dem Gewirr der wildzerklüfteten Sandsteinfelsen, die in gewaltiger, bizarrer Mächtigkeit die Gegend beherrschen, vorgedrungen und bogen in eine schmale Schlucht ein, deren vielfach verzweigte Gänge sich zwischen dem Prebischtor und den Karlsteinen wie in einem Irrgarten verloren. Der Dadi hielt Friedemann am Arm zurück: »Höre! Du weißt selbst am besten, daß du in der Welt nichts mehr hast. Du gehörst unter die große Zahl derer, die das Unglück ausgestoßen hat aus der bürgerlichen Gesellschaft. Wo du jetzt hinkommst, findest du Leute, denen es geht wie dir. Wenn du vernünftig bist, wird dir's bei uns gefallen. Es soll dir an nichts fehlen, du darfst tun, was dir behagt, und hast du keine Lust zum Arbeiten, so faulenze! Eins nur hast du zu beobachten: Du mußt dich unseren Gesetzen fügen!«

»Wenn ich will!«

»Wenn du nicht willst, wird man's dich lehren! Mit der Nacht und dem Tode! – Hast du einen Begriff von der Nacht und dem Tode?«

Friedemann war still. Ihn fröstelte.

»Mach Licht, Tzoukel!« befahl der Alte.

Der Gerufene schlug Feuer, hielt einen Schwefelfaden an den Schwamm und entzündete an diesem eine kurze Harzfackel, die er aus einer Steinspalte hervorholte. Der Dadi nahm sie und hielt sie hoch über seinen Kopf. Ein wirrer Schein tanzte phantastisch an den Felsen.

»Noch hast du die Wahl! Ohne deinen Willen – so verlangt es das Gesetz – sollst du nicht in unseren Kreis treten. Bist du aber aufgenommen, so darfst du nicht mehr von uns weichen. Denk an die Nacht und den Tod!«

»Ihr Narren«, lachte Friedemann, »die ihr mir jetzt vom freien Willen redet! Beraubt, in der Nacht, in einer Einöde wollt ihr mich noch fragen, ob ich mit euch gehen will? – Vorwärts! Ich werfe mein Dasein hinter mich! Nur weiter, immer weiter, desto eher ist's aus!«

Da trat Towadei an seine Seite: »Ich bin bei dir! Solange meine Hand in deiner liegt, bist du nicht verlassen!«

Vor ihnen hergehend, stieß Tzoukel plötzlich einen mehrteiligen Schrei aus, ähnlich dem Beutegeheul des Wolfes, und weit aus der Ferne antwortete ein gleicher Ruf.

Aus der Schlucht führte ein Hohlweg jäh in die Tiefe hinab. Unten auf dem Grunde zitterte ein Licht wie ein Leuchtkäfer hin und her. Bald hatten sie es erreicht. Es war ein kleines Feuer in einer Felskluft, um das etwa zehn bis zwölf Männer lagerten; beim Nahen der Kommenden erhoben sie sich. Alle waren bewaffnet, und die nahen Schlachtfelder schienen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Garderobe geliefert zu haben. Ein riesiger Kerl, dessen schmutzverkleistertes Haar wie ein Rindendach auf seinem Kopfe saß, schritt gravitätisch auf sie zu und verbeugte sich tief vor dem Alten, indem er in orientalischer Weise die Hände über der Brust kreuzte.

»Kommt ans Feuer!« sagte der Dadi. – Der mit dem Haardach, Guru gerufen, nötigte Friedemann zum Sitzen und reichte ihm Brot und Speck, während ihm von der anderen Seite Branntwein angeboten wurde, um seine starren Glieder zu erwärmen. Der Hunger half ihm bald über Reinlichkeitsbedenken hinweg, und er aß tapfer.

»Willst du nun bei uns bleiben, mein Sohn?« fragte ihn Guru.

»Ich habe keine andere Wahl mehr!«

»Das ist gut! Und nun höre: du mußt uns jetzt alles geben, was du hast!«

Friedemann sprang auf. Towadei und seine anderen Reisegefährten hatten sich entfernt; er war allein. Die Rotte umringte ihn. »Alles, was ich habe? Ich habe ja nichts mehr!«

»Deine Kleider! Alles, bis aufs Fleisch! Los, 'runter damit, oder, beim Teufel, wir schlagen dich tot!«

Friedemann wollte sich zur Wehr setzen, aber die Vernunft siegte; er begann sich zu entkleiden. »Hört, ich will euch alles geben, aber die Violine und diese Tasche nicht! Es sind ein paar Andenken drin, die lasse ich nur mit meinem Leben!«

»Zeig her, was es ist! Ist's Gold? Wir müssen alles wissen!«

»Nein! Es ist vollkommen wertlos für euch. Nur der Towadei zeige ich's oder dem Dadi!«

»Gut, die Violine ist dein«, antwortete Guru nach einem Blick des Einverständnisses mit den anderen, »die Tasche aber wirst du dem Dadi zeigen! Solange behalte sie.«

Friedemann, der sich des Restes seiner Kleider entledigt hatte, hüllte sich in ein paar Lumpen, die man ihm hinwarf, und kroch in den dunkelsten Winkel. Seine Habseligkeiten wurden sofort unter die Gesellschaft verteilt. Es war bitterkalt, und Friedemann fror jämmerlich; trotzdem fiel er in einen kurzen Schlummer. Laute Stimmen weckten ihn. Mehrere Leute, die er vorher noch nicht bemerkt hatte, waren hinzugekommen; Hanick, ein älterer Mann, brachte ihm einen Schafspelz, der zwar schmutzig war, aber warm hielt, ein Fuhrmannshemd, eine Tuchhose und eine Pferdedecke. Als er in diese zunftgemäßen Gewänder geschlüpft war, bedeutete ihm Hanick, ihm zu folgen. Nach einer guten Strecke, die sie durch die Steine forttappen mußten, wandten sie sich in eine Seitenspalte und traten in eine Höhle, in deren Hintergrund ein großes Feuer knisterte. Nahebei lag ein Weib mit zwei Kindern unter einer Decke, unweit ein junger Mann, der schlaftrunken sein Haupt hob; ein großer Hund fletschte die Zähne, kuschte aber sofort, als der Alte mit ihm sprach. Dieser warf sich, nachdem er auch seinem Begleiter ein Bund Stroh angewiesen hatte, ohne weitere Umstände im nächsten Winkel nieder.

Durch eine breite Bergspalte sah Friedemann in den besternten Nachtimmel, und sein Herz wurde schwer. Wie dünner Nebel zog es durch die Luft, Stimmen der Kindheit hallten ihm sehnsüchtige Weisen ins Ohr, und dumpf wie Orgelton umwogte ihn das alte Lied: »Willst du dein Herz mir schenken?« . . .

Da huschte eine Gestalt herein in weiter, mantelartiger Verhüllung. Sie kauerte nieder zu seinem Haupt und zog es leise an sich: »Nun hab' ich dich!«

»Ja, Towadei!« hauchte er, und unter dem linden Streicheln ihrer warmen, weichen Hand überkam ihn eine gelöste, selige Müdigkeit. Er schloß die Lider und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

War es schon Tag, war es noch Nacht? Er erwachte. Undurchdringliche Finsternis umgab ihn, und ein feuchter, betäubender Duft zog in lauen Wellen über ihn hin. Ein banges Gefühl des Alleinseins und der Hilflosigkeit packte ihn. Irgendwoher kommend, nah und doch fern, hallte ein langgedehnter, dumpfer metallener Ton an sein Ohr, dem ein vielstimmiger, langsamer, fast klagender Gesang folgte:

»Mutter der Armen, o Nacht! o Nacht!
Hast den Verlornen zurückgebracht,
O Nacht!
Herrin von Liebes- und Todesweh,
Gepriesen seist du, Bhowané!
Schwarze Bhowané!«

Friedemann horchte auf. Der tiefe Schmerz, die geheimnisvolle, finstere Gläubigkeit und ein fremder, südlicher Zauber, der diese getragene Melodie durchströmte, machten auf ihn einen unbeschreiblichen Eindruck. Ihm war, als wenn seine Genossen, selbst unaussprechlich elend, ihn, den Unglücklichen, grüßten, und eine tiefe, kindliche Rührung, die er lange Jahre nicht empfunden hatte, kam über ihn. Eine Sehnsucht nach Liebe, nach einem heiligen Etwas, an das er sich klammern könne, das ihn mit trauten Armen an sich zöge, an dessen Brust er sich ausweinen dürfe, packte ihn mit steigender Gewalt, und das Grab des Vaters, alles, was er versäumt und worin er geirrt hatte, rüttelte mit Reue an seiner Seele. Er schrie auf in Schmerz und Verzweiflung.

In dem Dunkel um ihn glomm plötzlich ein Lichtfunke auf, ein zweiter und dritter; sie wurden zu Flammen, vereinigten sich zum breiten Schein, und in der wachsenden Helle zeigte sich die Weite einer großen Felsenhöhle, an deren Wänden dicht gedrängt die bettelhaften Zigeuner, Männer, Weiber und Kinder, hockten und ihm ihre Arme entgegenstreckten. Vor ihm saßen drei Gestalten im Dreieck, Rücken an Rücken auf einem schwarzen Tuch am Boden; sie waren in leinene Tücher gekleidet, deren Weiß die Bronze ihrer Gesichter grell unterstrich. Links saß der Dadi, das Oberhaupt der Genossenschaft; er trug als einziges Abzeichen seiner Würde eine kurze Riemenpeitsche. In der Mitte befand sich Towadei; sie hielt eine Alraunwurzel im Schoß, deren seltsam gestaltete Haarwurzeln wie ein Büschel über ihre Hände herabhingen. Rechts hockte Papinori; sein Kopf war kahl geschoren bis auf eine einzige schwarze, sehr lange Locke, die auf seine rechte Schulter fiel. In seiner Hand hielt er das Eisen einer Sense, deren Schneide sägeartig gezahnt war.

In dem Zustand der Nervenüberreizung, in dem Friedemann sich befand, kam ihm die seltsame Schaustellung in keiner Weise gaukelhaft oder auch nur verwunderlich vor, und es erschien ihm fast wie eine Selbstverständlichkeit, als nun vier Männer, darunter Guru und Hanick, händeschüttelnd zu ihm traten und ihn zwischen Feuer und Triasgruppe führten, während die Zuschauer in den Begrüßungsruf »Becrate, becrate!« ausbrachen. Er weigerte sich nicht im mindesten, sich niederzulegen und eine merkwürdige Prozedur an sich vornehmen zu lassen: Eine Schüssel mit Milch wurde Towadei zugereicht, und darin badete sie, den Kopf leise hin und her wiegend, die Alraunwurzel; dazu sang sie mit bewegter Stimme eine kurze Strophe, die von den anderen murmelnd wiederholt wurde. Einen Teil der solchermaßen geweihten Milch goß sie Friedemann auf den Leib, einen zweiten auf die Brust, mit dem Rest befeuchtete sie seine Stirne. Dann rief sie laut: »Du bist ein Geiger, ein ›Schetrar‹, und Schetrar sollst du heißen!«

»Becrate Schetrar!« jubelte die Versammlung ihm zu, und er wußte, daß die Zeremonie seine Zigeunertaufe gewesen war. Towadei richtete ihn auf, der Dadi küßte ihn und sagte: »So sei denn mein Sohn und unser Bruder! Gedenke der Nacht und des Todes! Liebe uns, wie wir dich lieben werden, und sei treu! Töricht sind noch deines Hirnes Gedanken, zähme sie im Gemüt und lerne in aller Not zufrieden sein!«

Auch die übrigen Zigeuner umdrängten ihn nun, streckten ihm die Hände entgegen und schüttelten sie mit lebhaften Versicherungen der Liebe. »Solange du bei uns bist, sollst du nicht Mangel leiden«, betonte Guru, »die große Mutter, die uns beschützt, wird sich auch deiner annehmen, und wir werden dich nicht verlassen!«

Noch einmal erscholl das Loblied der Nacht. Dann wurde die Höhle leer. Nur das Feuer brannte hell, und Towadei stand neben ihm. An ihrer Hand begann er sein neues Leben.

So himmelweit dieses neue Leben Friedemanns von dem in Arnstadt entfernt war, so grell die jetzige Dürftigkeit von dem Luxus bei Cardin abwich, so verändert war er auch selbst und, sonderbar genug, er mußte sich gestehen, daß er sich den Umständen nach ganz wohl dabei befand. Er hatte sich daran gewöhnt, sich äußerlich der Welt gegenüber aufzugeben, einer Welt, deren Zustände er nachgerade zu verachten anfing. Er wandte sich mit einer Art Dankbarkeit diesem elenden Volke zu, dessen Mitglied er war, und das ihm mit Samariterliebe beigesprungen war, als ihm nichts mehr übriggeblieben war als der Tod. Er fand sich in seine neue Lage um so mehr, als sie das beschauliche Faulenzen, das ihm schon zur anderen Natur geworden war, fortzusetzen gestattete. Er lebte sorgenlos und in den Tag hinein. Und wenn er am hellen Feuer saß und seine Violine spielte, hatte er an dem braunen Auditorium ein zumindest ebenso begeistertes Publikum wie in seinen besten Zeiten.

Die Höhle, in der man ihn in die Gemeinschaft aufgenommen hatte, und die der abendliche Sammelplatz der Zigeunergemeinde war, diente ihm zur Wohnung, die er nur des Nachts mit Guru und Papinori teilte. So lebhaft sich nun aber auch der Verkehr zwischen ihm und den anderen Mitgliedern der Genossenschaft entwickelt hatte, so sehr schien ihn gerade die Person, die seine Gedanken am meisten in Anspruch nahm, die schwarzäugige Towadei, zu meiden; und je weniger er sie sah, desto mehr beschäftigte er sich mit ihr, je achtloser sie ihn in den kurzen Augenblicken eines Zusammentreffens behandelte, desto größeren Anteil nahm er an ihr, desto mehr erfüllte Sehnsucht sein Herz.

Als er eines Tages, versunken in mancherlei Erinnerungen, allein in der Höhle saß, drängte sich ihm mit unabweisbarer Macht eine Fülle ungelöster Fragen und unbegreifbarer Beobachtungen auf. »Warum« – so sagte er sich – »hat Towadei mich hierher gelockt und geht mir nun aus dem Wege? Woher ihre Macht über mich? Warum drängt mein Herz ihr zu, obwohl mein Verstand widerrät? Was bedeutet die geheimnisvolle Drohung für den Fall meiner Flucht, was . . .?«

Er fühlte sich an der Schulter gefaßt, und als er sich umdrehte, stand die junge Zigeunerin vor ihm. Freudig überrascht ergriff er ihre Hand: »Warum hast du mich so lange warten lassen?« fragte er vorwurfsvoll, aber mit zitterndem Unterton in der Stimme. »Ich habe mich sehr nach dir gesehnt.«

»Ich wußte es, Schetrar, und deshalb bin ich gekommen. Und auch viele Fragen, die du in deiner Seele trägst, erheischen eine Antwort. Siehst du: seit undenklichen Zeiten lebt das Volk der Zigeuner verstreut, gejagt, unstet, gequält und verachtet in aller Herren Länder, aber Bhowané, die ewige Mutter der Liebe und des Hasses, hat uns zum Ausgleich die Herzen der Menschen und ihre Furcht gegeben, hat uns mit dem Wissen um die Zukunft beschenkt und – mit der Falschheit der Schlangen.«

»Hm . . . und wozu benutzt ihr diese Schlangenfalschheit?«

»Du willst wissen, was wir treiben, Schetrar? – Nun, wir tun zweierlei. Wir lieben einander in unserem Elend und tragen es. Wir hassen, betrügen, bestehlen, verraten die Menschen, verachten sie, wie sie uns von je getan! Hast du draußen den Krieg gesehen und das Blut? So treiben sie's untereinander, und wir gehen und holen die Beute von den Feldern des Todes. Wir sind ihre Späher, die sie gegeneinander brauchen, von denen sie aber alle verraten werden. Zu uns, den Unglücklichen, schleichen die gepreßten Herzen und erfragen die Zukunft, und wenn sie sie wissen, fluchen sie uns. Das ist unser Gewerbe! Was die Menschen wegwerfen und verschmähen, sammeln wir, was ihnen schimpflich erscheint, uns ist's Gewinn . . . Verachtest du uns auch, Schetrar?«

»O nein, Towadei, ich verachte euch nicht. Ich müßte mich sonst selbst verachten!«

Da beugte sie sich nieder zu ihm und küßte ihn. Friedemann umarmte sie und hielt sie an sich gepreßt: »Towadei, sage mir, warum hast du mich hierher gebracht – und mich dann gemieden?«

Sie erbebte: »Frage mich nicht, Schetrar! Und wenn du es weißt, o dann . . .«

»Ich weiß es, Towadei! – Du hast mich hierher geführt, weil . . . du mich liebst! Und Liebe ist's auch, – ja, ich fühl's, es ist Liebe, die mich dir folgen ließ. Gesegnet sei diese Stunde!«

Sie hielten sich eng umschlungen, und aus den Wollustschauern des braunen Weibes überströmte ihn zum erstenmal im Leben die süße Gewißheit köstlicher Erfüllung alles jemals erträumten Glückes.

Towadei suchte von nun an öfter die Gesellschaft des Geigers. Sie achtete indessen streng darauf, daß bei ihrem Umgang die Grenze eines zärtlichen Austausches ihrer Gefühle nicht überschritten wurde. Das Mädchen besaß die natürliche Kunst, den Geliebten zu reizen, ohne ihn ungeduldig zu machen; es entzog sich ihm stets mit liebevoller Schelmerei, wenn es fürchten mußte, daß er kühner werde.

»Du mußt mich erst ganz kennenlernen, erst wie ich werden, ehe du mein Mann sein kannst«, vertröstete ihn Towadei. »Du hast noch Gedanken, die nicht taugen. Warte auf den Frühling!«

Und auch der Frühling kam. Statt der Höhlen und Erdlöcher wurden lustige Zelte auf den Feldern, in den Gründen und auf einsamen Waldwiesen aufgeschlagen. Ein fröhliches Naturleben voll Finkenschlag und Sonnenschein, voll Blumenduft und Sterngefunkel begann, und weit, unendlich weit und still war die Seele Friedemanns, des aus der Welt Verschollenen.

Das von den Zigeunern in Besitz genommene Gebiet lag auf der sächsisch-böhmischen Grenze und umfaßte jene zahlreichen, dichtbewachsenen Felsgruppen, die sich vom Prebischkegel bis in die Gegend von Dittersbach erstrecken. Durch die Invasion der Preußen war die Grenzkontrolle unterbrochen, und so konnte die Horde ohne Störung oder Beunruhigung ihr Wesen treiben und, drohte doch einmal Gefahr, sich in das eine oder andere Gebiet zurückziehen.

Towadei begann jetzt Kräuter zu sammeln, die an die Apotheken der Marktflecken und Städtchen verkauft wurden. Friedemann pflegte sie zu begleiten. Die Wanderungen mit der Geliebten hatten einen namenlosen Reiz für ihn, und je mehr sich alle seine Empfindungen ihr gegenüber erschlossen, desto erstaunter wurde er über die vielfachen Kenntnisse und eigentümlichen Anschauungen des Mädchens.

»Gibt es ein Gesetz in der Natur«, fragte er einmal während einer Sammelpause, »das den Menschen sicher leitet?«

»Das gibt es, Lieber! Schau mir ins Auge! Sieh die schwellende Blume, höre den lockenden Vogelgesang! Alles das spricht . . .«

Und in des Weibes glühenden Kuß verstrickt, rief Friedemann: »Liebe!«

»Ja, Schetrar, die Liebe! O, ergib dich mir ganz, ich werde dich leiten! Sieh, solange des Vaters Auge dich bewachte, bist du sicher gegangen. Als du von ihm wichest, dich selber als etwas Unerhörtes zu geben meintest, begann dein Abfall. Zertrümmert und elend bist du zurückgekehrt, bist – mein! Begreifst du das Lied, das dich in der Höhle begrüßte? Die Mutter der Armen, die Nacht, Bhowané, hat dich, den Verlorenen, wiedergegeben dem großen All und Gott. Ich, die Liebe!«

Sie blickte Friedemann mit einem trostreichen Lächeln an und widmete sich mit Sammeleifer wieder ihren Kräutern.

Je mehr der Frühling in den Sommer glitt, desto ungestümer bedrängte der Geiger die Geliebte, nach der Sitte ihres Volkes sein Weib zu werden. Und immer lehnte sie es ab: »Noch nicht, Schetrar! Warum willst du die Sehnsucht so schnell im Genuß ersticken? Weißt du, was folgt?«

Ihre Weigerung hatte ihn zuerst traurig gemacht, dann verstimmt und gereizt. Towadei merkte es wohl; sie beobachtete ihn eine Zeitlang, und als sie sah, daß sich sein Wesen nicht änderte, bat sie eines Tages: »Höre, Schetrar! In den Lazaretten verlangt man nach blutstillenden Kräutern. Sie sind nicht leicht zu finden, und es würde dir nur unnötige Mühe verursachen, an meiner Seite zu bleiben. Aber am Abend könntest du wohl auf den oberen Karlstein kommen.«

Die Sonne war schon tief gesunken, ein letzter goldener Schein lag auf den Spitzen der Berge, und leichter Dunst, der aus den schattenblauen Gründen aufstieg, webte zarte Feenschleier über die Waldwiesen. Wie ein Träumender stieg Friedemann langsam, öfter zu einem trunkenen Atemzug verweilend den Berg hinan.

Schon von weitem sah er Towadei. Sie saß auf einer Abplattung des Felsens, versunken im Anblick der scheidenden Sonne. Friedemann verhielt den Schritt, setzte seine Violine an und spielte die Melodie des Kamadewaliedes, eines oft gehörten Liedes ihres Volkes:

»Darum, mein Süßer, merke fein
Auf Bhowanés Gebot:
Was lebt, soll auch geliebet sein,
Denn einstmals kommt der Tod
Der Liebe, der Liebe, der Liebe!«

Towadei wandte dem Spielenden den Kopf zu und winkte. Sie löste, vom Sonnenpurpur umglüht, die dunkle Haarflut, die wie ein weicher Mantel niederrollte, öffnete die Spangen ihres Mieders. Tändelnd wehte der Abendwind das Tuch hinweg, das ihre Brust verhüllte.

Friedemann eilte auf die Geliebte zu und schloß sie, überwältigt von ihrer hinreißenden Schönheit, in die Arme. Sie drückte ihn leise von sich: »Liebst du mich wahrhaft, Schetrar? So, daß du dich an mich ketten willst durch Zeit und Raum, bis wir zusammen versinken im Quell des ewigen Urwesens? Dann schwör's bei der Nacht und dem Tode!«

»Bei der Nacht und dem Tode, ich bin dir zu eigen für alle Zeit!«

Die Erde versank. Im Tale unten schluchzte eine Nachtigall, sie sang von Liebe . . .

Als das Paar am anderen Morgen, Seligkeit im Herzen, Glückstrunkenheit im Auge, vor den Dadi trat, umwölkte sich zwar seine Stirne, aber er breitete dann doch seine Hände über ihm aus und segnete es. Schetrar und Towadei waren nun Mann und Frau.

Friedemann, dem der Panzer seiner Selbstsucht, die Doktrin Cardins, geborsten war, hatte sich aus der einseitigen Spekulationssphäre des Verstandes an der Hand der Liebe, umgeben von der hohen, geheimnisvollen Einfalt der Natur, umdrängt von einer fast patriarchalischen Gesellschaft, dem Gemütsleben, dem alten, poesievollen Eden seiner Jugend wieder zugewandt. Je mehr er einsehen lernte, daß mit der reinen Verstandesherrschaft nichts getan sei, um so tiefer versank er nicht nur in die wonnevollen Schauer der Liebe und Religiosität, sondern auch in die tiefe, nebelhafte Mystik der Naturanschauung, wie sie dem Zigeunervolke eignet. Er war, wie bei allem im Leben, auch hier ein Mensch der Extreme und ohne die nötige Kraft und den Willen, an den Grenzen stillzustehen, wo Verstand und Herz sich scheiden.

Alles das hatte Towadei mit der zwiefachen Weltklugheit des Weibes und der Zigeunerin bald erkannt und zugleich, daß das einzige Mittel, ihr Glück für immer zu sichern, darin bestehe, ihn immer tiefer in diese Mystik der Liebe zu verstricken, ihn von ihr vollständig abhängig zu machen. Ihr feines Ahnungsvermögen flüsterte ihr die Besorgnis zu, daß mit der Erreichung ihres Glückes auch schon seine Wandelbarkeit drohe. Aber es waren nicht nur diese in der inneren Wesenseigenart ihres Gatten liegenden Gründe, die ihr das Herz oft schwer machten, mehr noch ängstigten die gegenwärtigen Daseinsbedingungen der Horde, die Unsicherheit des Aufenthaltsortes, die greifbare Gefährlichkeit der Lage ihre Seele mit trüben Bildern. Mit vorsichtigen Andeutungen zuerst, dann mit immer bestimmteren Vorstellungen und Bitten suchte sie daher ihren Vater zu bewegen, die Zelte hier abbrechen zu lassen, um sie an einem weniger gefährdeten Platze wieder zu errichten.

Der Dadi schüttelte den Kopf. Kein Ort sonstwo in der Welt bot zur Zeit so günstige Gelegenheit zur Befriedigung aller Lebensgenüsse und zur mühelosen Bereicherung als ihr jetziges Standquartier. Das wechselnde Kriegsglück, die zahlreichen Schlachtfelder in Böhmen, Schlesien und Sachsen mit ihrer fetten Beute, der Schleichhandel, der mit Aufhebung der Grenzkontrollen ungeahnte Ausmaße angenommen hatte, die vollkommene Gesetzlosigkeit, die überall eingerissen war, – das alles gab die rechte Lebensluft für den Zigeuner, und der Alte dachte nicht daran, sie einer verliebten Ängstlichkeit der Tochter wegen aufzugeben. Hinzu kam noch die Spionagetätigkeit im kaiserlichen Solde, der sich die Hälfte der etwa zwanzig Familien starken Gesellschaft mit Eifer hingab. Solche Tätigkeit brachte etwas ein, und überdies hatte man dadurch von den Österreichern nichts zu befürchten. Und schließlich auch von den Preußen nicht; denn diesen verriet man wiederum, was man auf österreichischer Seite erspäht hatte. Von wo sollte also eine Gefahr drohen?

Vermittler für die Spionageberichte an die Österreicher war der Pfarrer von Dittersbach, ein grimmer Feind Friedrichs und der Preußen; er übersetzte die von den Zigeunern erhaltenen Nachrichten ins Griechische und ließ sie durch einen berittenen Ackerknecht dem kaiserlichen General zustellen, dessen Feldgeistlicher sie dann wieder rückübersetzte.

Auf die Dauer der Zeit konnte es indessen nicht ausbleiben, daß von der einen oder anderen Seite der Doppelverrat Dadis und der Seinen bemerkt wurde. Der österreichische Kommandant faßte zuerst Verdacht; er ließ ihnen eine geschickte Falle stellen, und als sie prompt hineingingen und damit den Verdacht bestätigten, erteilte er einem Detachement berittener Wallonen, der zügellosesten Truppe, die er besaß, den Befehl zu einer pardonlosen Strafexpedition.

Towadei, die sich nach des Vaters Ablehnung eines Ortswechsels kaum mehr um die Vorgänge in ihrer Umwelt bekümmert hatte und mit Friedemann ein selbstgenügsames Leben der Abgeschlossenheit führte, wurde gleichwohl gewahr, wie das dumpfe, bange Gefühl vor einem entsetzlichen Etwas, das schleichend näher und näher rückte, ihr von Tag zu Tag die Brust mehr beengte. Wenn sie in ihres Mannes Armen lag, in heißen Küssen das ahnungsvolle Stöhnen ihres Herzens erstickte, wenn er ihr zärtlich und tröstend zuredete, fühlte sie, wie die Bedrängnis wich und lichte Zuversicht von ihr Besitz ergriff; dann flüsterte sie ihm wohl zu: »Eine innere Stimme sagt mir, daß wir im Tode beieinander sein werden. Unzertrennlich sollen wir aufsteigen in der Wandlung. Nein, wir werden uns nicht trennen!« – Aber wenn dann der Tag mit dem bleiernen Schein des ersten Frühlichts nach ihrem Höhlenlager tastete, kehrten Beklemmung und Zukunftsangst wieder bei ihr ein. Endlich konnte sie es nicht mehr aushalten; sie offenbarte sich ihrem Vater, flehte ihn an, ihr zum Besten aller Gehör zu schenken und sofort weiterzuziehen. »Glaube mir, Dadi«, rang sie die Hände, »es ist Schlimmes im Anzug. Ich sehe Nebel auf dem Weg!«

Den Alten hatte die düstere Unruhe Towadeis, die er seit einigen Tagen an ihr bemerkt hatte und deren hellseherische Ursache er von früheren Geschehnissen her kannte, bereits aufgerüttelt; auch er witterte nunmehr Gefahr. »Gut!« sagte er, »der Tzoukel und ein paar andere sind noch draußen, aber sie müssen diese Nacht zurückkommen. Morgen früh brechen wir auf!«

Die Vorbereitungen und Verrichtungen, die der unerwartete Abmarsch von allen verlangte, füllten den Tag aus; die Nacht brach an. Die vier Feuer, die sonst im Norden und Süden, Osten und Westen des Lagers brannten, ließ der Dadi löschen und die Männer im Finstern, aber ihre Hunde neben sich, die Wachen versehen. Der Morgen graute schon, und immer noch nicht waren die Zurückerwarteten gekommen. Man beschloß, mit dem Abmarsch nicht mehr länger zu zögern . . .

Plötzlich schlugen die Hunde an. Das Gebell kam vom Prebischtor her, es kam aus der Richtung Dittersbach, es kam vom Niederkarlstein; nur zwischen Rudolph- und Falkenstein blieb es ruhig. Der Dadi stieß einen gellenden Schrei aus, und Towadei kam, Friedemann nach sich ziehend, aus der Höhle gestürzt: »Sie kommen! Sind ringsum, machen ein Kesseltreiben auf uns! Bhowané, hilf!«

»Nein, eine Seite ist noch frei!« schrie der Alte, setzte sein Widderhorn an den Mund und gab das Signal zum Sammeln. Eine grenzenlose Verwirrung entstand. Hier wurden Tragetiere beladen, dort die Karren bespannt, hier schleppte einer einen Packen mit seinem Beuteanteil herbei, dort versammelten sich die unverheirateten Männer, mit den seltsamsten Waffen ausgerüstet, drängten sich die Frauen zusammen, ihre Kinder auf dem Rücken oder an der Hand.

»Vorwärts!« kommandierte der Dadi, der in der rechten Hand eine Pistole, unter dem linken Arm einen Sack mit seinen Diebesschätzen trug; er setzte sich an die Spitze der Gesellschaft, die den Weg nach den Falkensteinen einschlug. Friedemann hatte seine Ledertasche um den Leib gelegt und die Violine an einen Knopf seines Kittels gehängt; er hielt sich mit Towadei an der Seite des Alten. »Bleibe immer dicht hinter mir, mein Kind! Und du, Schetrar, sieh zu, ob du für dein Weib was dransetzen kannst!« rief er ihnen zu. Friedemann zeigte auf das Zimmermannsbeil, das er in der Hand trug.

Der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt, als auch von den Falkensteinen her das Gekläff der Meute erklang. »Wir sind im Kessel!« stöhnte der Anführer . . . Und schon stürzten die Wachen, verwundet, wankend, schreiend, herbei, von den aufheulenden Hunden gefolgt . . . Und schon tauchten hinter ihnen die wippenden Köpfe der Soldatengäule auf, blanke Säbel blitzten in den ersten Strahlen der Sonne, aus knallenden Karabinern flog heißes Blei.

Der Dadi stieß ins Horn, und wie Regentropfen im Sande versickerte die ganze Horde in Felslöchern, Schründen, Höhlen und Gesteinsspalten, kletterte auf Bäume, suchte unter den Pferden der Wallonen hinweg zu entkommen. Nicht allen gelang es. Viele brachen unter den Hiebwaffen blutüberströmt zusammen, manchen holte ein gutgezielter Schuß kurz vor dem rettenden Versteck noch ein, und sein Leichnam rollte in die Bergschlucht, viele Frauen und Kinder wurden gefangen genommen. Die Wallonen warfen sich von ihren Tieren, um die Flüchtigen zu Fuß zu verfolgen. Auf Dadi, den Hauptschuldigen und Anführer, machten der Offizier und drei seiner Leute Jagd. Der Alte versuchte, gefolgt von seiner Tochter und Friedemann, eine von Gestrüpp überwucherte Felsenge zu erreichen, die in eine versteckte Schlucht einmündete. Da scheute ein Karrengaul, raste mit seinem Wagen den Drei entgegen, zertrümmerte ihn an den Steinen vor der Öffnung.

Der Dadi schrie auf. Eine Kugel hatte ihn in den Leib getroffen. Aber er verbiß den Schmerz, schleppte sich mit letzter Kraft zu dem Wagen, schob einen Warenballen vor sich. »Los, Towadei, krieche durch! Hinein in die Schlucht!«

Da war der Offizier heran, drückte seine Pistole auf den Alten los, zog seinen Degen, um dem flüchtenden Weib den Kopf zu spalten. Friedemann, von einem Wallonen angegriffen, warf ihm sein scharfes Beil an den Schädel, faßte gleichzeitig nach der Violine und schlug sie dem Bedränger Towadeis mit voller Wucht ins Gesicht. Der Hauptmann taumelte. Der Fluchtweg war frei.

»Schnell, Liebster!« feuerte die Zigeunerin ihren Mann an; sie drehte sich nach ihm um, bemerkte, daß sie verfolgt wurden. Sie erkletterten eine steile Höhe zu ihrer Linken, hasteten auf dem schmalen Grat des Berges dahin. Kugeln pfiffen. Sie eilten weiter.

»Barmherziger Gott, wir sind verloren!« Vor ihnen klaffte eine enge, tief abfallende Schlucht. »Nein, Bhowané wird helfen! Gleite hinunter, Schetrar, schnell! Die Bäume werden dich auffangen. Vergiß den Sammelort nicht!«

Bedenkenlos gehorchend hockte Friedemann nieder, gab sich einen Ruck, rollte mit wachsender Geschwindigkeit in die Tiefe. Die Sinne schwanden ihm.

Towadei maß mit einem schnellen Blick die Entfernung zur jenseitigen Plattform, nahm einen kurzen Anlauf und sprang. Wie eine Katze schnellte sie durch die Luft und landete unversehrt. Der verfolgende Offizier war ihr dicht auf den Fersen. »Du bist zu hübsch, Canaille, als daß ich dich mir entgehen ließe!« fluchte er und sprang nach. Ein kurzes Straucheln, ein kräftiger Stoß Towadeis, der dumpfe Aufprall eines schweren Körpers auf dem Grunde der Schlucht . . .

Als von einem fernen Dörfchen das friedliche Geläute der Mittagsglocke klang, lag über dem Schauplatz des grausamen Strafgerichtes die müde Stille des heißen Sommertages. Im Gebüsch regte es sich, ein Weib kroch heraus. Es suchte den toten Vater. Es fand ihn nicht. Es tauchte in die Tiefe der Schlucht. Es suchte den Geliebten. Es fand ihn nicht.

Der Abend kam.

Um das Gehöft des Pfarrers von Dittersbach schlich lautlos eine verhüllte Gestalt. Eine halbe Stunde später standen Haus und Scheune in lodernden Flammen.

Die Nacht kam.

Auf dem verabredeten Sammelplatz der Zigeuner fragte Towadei jeden der Anwesenden, jeden der Kommenden nach Schetrar. Keiner hatte ihn gesehen. Sie wartete Stunde um Stunde, der geliebte Mann erschien nicht. Da wußte sie, daß sie ihn verloren hatte. »Nebel auf dem Wege!« stöhnte sie und weinte.

Zu gleicher Zeit wanderte ein Mann die Landstraße entlang. Er richtete sich nach dem Sternbild des Großen Bären, dessen Deichselstern er drei Stunden nachgehen mußte, um das erste Wegezeichen der Zigeuner zu finden. Er war müde, übermüde, und im nächsten Dorfe brach er auf den Stufen des hölzernen Kirchleins zusammen. Im verdämmernden Bewußtsein klang's ihm in den Ohren: »Denn einstmals kommt der Tod der Liebe . . . der Liebe!«

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