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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XX.

Unschlüssig stand der Wanderer am Kreuzweg. Die Julisonne brannte in voller Mittagsglut auf ihn nieder, und als er den verwitterten Hut abnahm, um sich den rinnenden Schweiß wegzuwischen, fiel ein Gewirr von schwarzen Haaren in sein zerfurchtes Gesicht. Wetter und Wind, denen es viel und lange ausgesetzt gewesen sein mochte, hatten es braun gegerbt; tiefe Falten um die Mundwinkel erzählten von Leid und Qual und vieler Not.

In der Ferne neckte sich ein leiser Wind mit einem Staubbällchen, drehte es um sich selbst und tanzte es küselnd über die Landstraße. Die Blicke des Mannes, leer und doch von einem seltsam tiefen Glanz durchleuchtet, folgten dem wirbelnden Wölkchen, bis es an dem Balken des Wegweisers verhauchte. Unwillkürlich sah er suchend nach oben, und dort las er: »Nach Leipzig«.

Er stutzte. Etwas wie ein schwerer, dunkler Vorhang wurde vor seinem Geiste weggezogen. Ein heißes Heimverlangen kehrte in seine Seele ein, er weinte. Er klemmte die Violine, die er mit sich trug, fest unter den Arm und stürzte davon, in der Richtung, die der Wegweiser ihm gezeigt hatte.

In abgeschabter Kleidung, die Schuhe zerrissen, bestaubt, gebückt und schwankend vor Schwäche schlich sich einige Tage später der Wandermusikant durch das Gerbertor in die Stadt. Ängstlich hielt er sich im Schatten der Häuser, obwohl es noch früh am Morgen und die Straßen menschenleer waren; er schritt um den Wall und an der Geisterpforte vorüber und strebte der Thomaskirche zu.

Am Kantorhause machte er halt. Er sah an seinem Anzug herunter und zögerte eine Weile. Er hob die Hand, ließ sie wieder sinken, und klopfte dann, in sich selbst überrumpelndem Entschluß, hart und laut an der Türe. –

Niemand öffnete, alles blieb still.

Er klopfte stärker, und wieder regte sich nichts.

Da bearbeitete er, von einem ungewissen Grausen vor dieser unbarmherzigen Todesruhe des Hauses geschüttelt, das Holz mit den Fäusten und dröhnenden Fußtritten. Von der Kirche her kam mit eiligen Schritten der halbangekleidete, noch schlaftrunkene Küster.

»Ja, was vollführt Er denn bloß für einen Lärm?! Sieht Er nicht, daß das Haus leer steht?«

»Leer?«

»Heiliger Himmel!« – und der Küster rieb sich verwundert die Augen – »Sie, Friedemann? – Weiß Gott, er ist's wirklich! . . . Ja, ja, Herr Friedemann, es ist ein rechtes Unglück, nicht wahr?«

»Was, – was ist ein Unglück?«

»Ja, haben Sie denn den Brief vom Herrn Altnikol nicht bekommen?«

»Brief? . . . Altnikol?«

»Mein Gott, da wissen Sie gar nichts? . . . Ja, zuerst wollte es der Herr Vater ja auch nicht haben, damit Sie sich nicht sorgen sollten.« Und der Küster erzählte in Hast, daß die letzten Jahre viel Ungemach und Leid über die Familie Bach gebracht hatten. Das Augenlicht des Vaters war, wohl infolge der Überanstrengung beim Stechen der Kupferplatten zur »Kunst der Fuge«, immer schwächer geworden, und schließlich war er ganz erblindet. Seine Amtsverrichtungen hatte er nach und nach einstellen müssen, erhielt aber einen Teil seiner Bezüge weiter ausbezahlt. Es kostete aber auch viel; denn die Ärzte hatten zu einer Operation geraten, und auch ein berühmter Professor aus England war der gleichen Meinung. Aber der Eingriff war zweimal erfolglos geblieben. Dann war der blöde David gestorben; Sebastian hatte nur gesagt: »Der arme Junge mache mir Quartier bei unserem Herrgott.«

»Weiter, weiter!« drängte Friedemann.

»Ja, Ihre Mutter weinte viel in dieser Zeit, besonders wenn Briefe aus Halle gekommen waren. Aber der Herr Vater konnte das ja nicht sehen, und ihm gegenüber war sie immer guter Dinge. Ich glaube, Friedemann, sie sagte ihm nur, was er gerne hören mochte. Und so wird's wohl so sein, daß der Vater nichts Rechtes von Ihnen – und Sie nichts von ihm wußten.«

»Ja, so wird das sein! – Und?«

»Und, es ist gerade ein Jahr her, es war am 28. Juli 1750, da . . . da starb er. – Einen Augenblick, Herr Friedemann, ich komme gleich zurück, ich habe noch ein Päckchen für Sie.«

Friedemann stand stumpf und regungslos und starrte das verödete Haus an. Er merkte nicht, daß der Küster forteilte, zurückkam und ihm einen dicken Briefumschlag in die Hand drückte, er hörte nur wie im Traum die weitere Mitteilung, daß die Mutter zum Herrn Altnikol nach Naumburg gezogen sei.

Plötzlich kehrte der frühe Besucher sich um, ließ den Küster ohne ein Wort des Dankes oder Abschieds stehen, klemmte seine Violine fester unter den Arm und stolperte davon. Er schlug den Weg zum Friedhof ein . . . .

Zwei Wochen später schritt der fahrende Musikant, dem ein langes Wanderleben nun schon den Stempel des Vagabundenhaften aufgeprägt hatte, auf der Straße, die von Ichtershausen her dem Thüringer Wald zustrebte, gemächlich nach Arnstadt. Bei den ersten Häusern angekommen, fragte er, wo der Organist Vogler wohne, und als er dessen Haus gefunden hatte, trat er ohne Umstände ein.

»Kennt Ihr mich noch, Vogler?«

»Herr, erhalte mir meine fünf Sinne! Seid Ihr's oder seid Ihr's nicht? . . . Friedemann Bach!«

»Richtig! Und komme von Leipzig. Mein Vater ist tot. In Halle haben sie mich fortgejagt, und meinem Schwager mag ich nicht zur Last fallen, er hat meine Mutter schon auf dem Halse. Nun hab' ich gehört, daß Ihr an zwei Kirchen Organist seid. Könnt Ihr mir vielleicht Beschäftigung geben?«

»So weit seid Ihr also herunter . . . hm . . . gekommen? Habt doch in Dresden und Halle ein so schönes Amt gehabt, und nun wollt Ihr in Arnstadt handlangern?«

»Das geht Euch alles nichts an! Ich frage Euch, ob Ihr mir Arbeit geben könnt. Ja oder Nein? Almosen brauche ich nicht!«

»Nein!«

»So hol Euch der Teufel, Halunke! – Alles, was Ihr jämmerlicher Kerl geworden seid, verdankt Ihr den Bachs! Wenn Ihr Ehre im Leib hättet, müßtet Ihr mir helfen und nicht fragen! Haltet's Maul, ein Halunke seid Ihr!«

Hastig trat er aus dem Hause, und zwischen Häusern und Gehöften hindurch klomm er den Berg empor. Der Wahnsinn sprach heimlich wieder aus seinen Zügen, und wie er so dahinschritt auf dem schmalen Weg, nicht achtend, wo er ging, klang seine Violine in solch furchtbaren Melodien, daß die Leute erschreckt aus den Häusern fuhren und dem Unhold nachstierten. Immer weiter ging er, immer mehr sank die Sonne, immer einsamer wurde es um ihn. Plötzlich, etwa vierzig Schritt vor ihm, trat ein Mann unter den Bäumen hervor und winkte ihm. Er folgte ihm mit dem Instinkt eines Tieres und trat am Ende der Wanderung in ein kleines Zimmer ein, das von Kerzen erhellt und mit seltenem Luxus ausgestattet war. Matt sank er auf den Diwan. Vor ihm standen Früchte und andere Speisen; mit der Hast eines begehrlichen Kindes und dem Heißhunger eines Verschmachtenden griff er zu.

»Mich dürstet!« – Der Fremde reichte ihm ein Glas mit einer herb duftenden, dunkelroten Flüssigkeit. Friedemann leerte es in einem Zuge. Wenige Minuten später sank er in sich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Der Hausherr schellte und befahl den Eintretenden: »Bringt ihn zu Bett in meinem Zimmer. Heute nacht wacht einer von euch! Vorwärts!«

Einige Wochen vergingen.

Viele der Arnstädter Kleinbürger, die beobachtet hatten, wie Friedemann von Doktor Cardin, einem Manne, der ihnen schon längst unheimlich und verdächtig vorkam, in sein Haus geführt wurde, warteten täglich, aber täglich vergebens, auf eine Rückkehr. »Der verrückte Kerl mit seiner Violine«, flüsterten sie sich zu, »ist von dem Alchimisten sicher gemordet worden; er braucht Menschenfleisch und Blut, um Gold zu machen.« – »Oder er hat ihn dem Teufel verschrieben, damit er selber noch Frist bekommt.« – »Ganz gewiß! Er ist ein Seelenverkäufer, ein Hexenpater, ein Satanspriester ist er!«

Doktor Cardin war Franzose. Er war vor einigen Jahren in Arnstadt aufgetaucht, hatte, ohne sich um die Neugierde der Leute zu kümmern, ohne jemals das Wort an sie zu richten, die ganze Stadt durchstöbert und die Umgebung kreuz und quer abgestreift. Nach Verlauf einer Woche teilte er dann dem Bürgermeister mit, daß er das Anwesen eines Gärtners, das mit Obstbäumen, Weinstöcken und Hopfengelände einen kleinen Hügel vollständig bedeckte, käuflich erworben habe; gleichzeitig beauftragte er ihn, der der einzige Architekt des Städtchens war, mit umfangreichen Neu- und Umbauten. Er zahlte prompt und großzügig. Bald stand eine kleine Villa, fast schon ein Schlößchen, inmitten eines großen, wohlangelegten Gartens, und aus der Fremde trafen kostbare Möbel ein und Kisten mit Büchern, Einrichtungsgegenständen und Gerätschaften nie gesehener Art. Zu seiner Bedienung behielt er die beiden Knechte des vorigen Besitzers bei und ließ ihnen zur Wohnung zwei kleine Häuser am Eingang zum Garten bauen.

Cardin verließ seine Besitzung, auf der er einsam und unzugänglich hauste, nur selten. Nie ging er in die Kirche, bezeigte vielmehr eine solche Verachtung gegen die Religion, daß ihm die gottesfürchtigen Arnstädter schnell aufsässig wurden. Er vergalt ihr Benehmen mit rücksichtsloser Grobheit; und als er erfuhr, daß seine Mitbürger aus seiner Lebensart, zu der es auch gehörte, in seinem Studierzimmer nächtelang Licht zu brennen, abergläubische Schlüsse zogen, spielte er ihnen Possen auf Possen, jagte er ihnen Schreck auf Schreck ein. So kam er in den Ruf eines Alchimisten und Hexenmeisters, der es mit der öffentlichen Meinung vollends verdarb, als bekannt wurde, daß er mit der Tochter des einen Knechtes, der ebenso schönen wie leichtfertigen Trude, in wilder Ehe lebte.

Nur der Bürgermeister-Architekt hielt dem Fremden immer die Stange, und so beruhigte er auch jetzt, als ihm die Bürgerschaft mit ihren Mutmaßungen über das Verschwinden des tollen Musikers in den Ohren lag, die Empörten: »Aber, Leute, das ist doch alles Unsinn! Gewiß, der Doktor Cardin ist ein Grobian und ein komischer Kauz, sonst aber ein guter Kerl und harmloser Mensch!« Aber er fand kein williges Gehör, und er konnte es nicht verhindern, daß eine Klage an das Hochpeinliche Halsgericht eingereicht wurde.

Einige Wochen vergingen, dann traf die Untersuchungskommission ein. Die drei Richter wählten den Bürgermeister zum Beisitzer, vernahmen die Zeugen, ließen sich genau den Weg zeigen, den Friedemann gegangen war, und begaben sich darauf zum Hause Cardins.

Die prächtigen Anlagen erweckten die Bewunderung der Beamten, und sie konnten sich nicht enthalten, diesen reizenden Landsitz laut zu preisen. Die Villa hatte nur einen Eingang, der verschlossen war. Sie zogen die Schelle, und nach einigen Minuten zeigte sich das hübsche Gesicht Trudes: »Was wollen Sie?«

»Die Kommissare des Kriminalgerichts wollen Doktor Cardin sprechen!« – »Treten Sie ein und warten Sie!«

Sie kamen in eine Vorhalle, die leer, ohne Fenster und von oben erleuchtet war. Drei Türen von schwarzglänzendem Holz lagen nebeneinander und starrten schreckhaft aus der weißen, kahlen Wand. Über der Mitteltür stand mit griechischen Lettern »Daimon«. Mitten in der Halle lag eine steinerne Sphinx, die einen Spiegel in der rechten Klaue hielt. Entsetzt ließen die Arnstädter Zeugen einen weiten Kreis um das Ungeheuer frei.

Cardin kam, in einen seidenen Schlafrock gehüllt, mit wohlgepuderter Perücke, lächelnd, mit graziöser Handbewegung grüßend, herein und fragte die Kommissare nach ihren Wünschen. – Feierlich wurde das Protokoll verlesen, schien aber auf den Verdächtigten keinerlei Eindruck zu machen. Er verbeugte sich ruhig und sagte: »Es wird also behauptet, meine Herren, daß der Fremde wahnsinnig war und daß er hier bei mir verschwand! Lassen Sie uns nachsehen!«

Cardin öffnete die Mitteltüre. In einem vornehm-behaglich eingerichteten Zimmer lag, hinter einem Tisch voller Bücher gemütlich in einen Sessel gestreckt, der verschwundene Friedemann Bach.

»Komm' doch, bitte, einen Augenblick herein!«

»Was soll das bedeuten, Doktor?« fragte er zurück und trat erstaunt näher.

»Die guten Arnstädter glauben, daß ich dich an mich gelockt und ermordet, zumindest aber dem Teufel verkauft habe. Und das sind die Herren Kriminalkommissare von Sondershausen, die sich überzeugen wollen.«

»Danke für die gütige Nachfrage! Und hier meine Erklärung: die Bürger von Arnstadt sind Hornochsen, und Doktor Cardin hat mich nicht nur dem Elend und der Armut entrissen, sondern mir auch meinen Verstand wiedergegeben! Ich befinde mich hier sehr wohl und werde mit meinem Willen bestimmt nicht weggehen. Guten Morgen!«

Die Arnstädter entfernten sich mit langen Gesichtern, und die Herren Kriminalisten, die auf Cardins Kosten im Gasthof ein reiches Diner vorfanden, reisten ab, indem sie den Zeugen den guten Rat gaben, in Zukunft lieber »das Maul zu halten«.

Cardin kehrte zu Friedemann zurück. »Willst du noch einen besseren Beleg für die Erbärmlichkeit der Menschen? Sieh, ich wußte, daß mir unter Umständen die Tortur bevorstand, aber ich sagte dir nichts, um dich den vollen Eindruck dieser Erbärmlichkeit empfinden zu lassen. Nicht der Wahrheitsbeweis hat mich nämlich geschützt, sondern lediglich der Umstand, daß ich Geld habe und daß es mir möglich war, der Regierung in Sondershausen den einen und anderen an mich gerichteten Brief Diderots und Voltaires vorzulegen, freundschaftliche Zeugnisse berühmter Männer, die mich ins rechte Licht setzten.«

»Der Haß dieser Menschen ist unerklärlich!«

»Mir, mein Sohn, ist er's nicht! Daran ist die Erbsünde schuld, die Dummheit, die sie mit sich herumschleppen. Dummheit und Langeweile brachten den Menschen von jeher dazu, die Freiheit anderer zu gefährden. Weil es ihm an Kraft fehlt, sie für sich selber zu beanspruchen, will er sie auch anderen nicht gönnen. Er bekümmert sich um unsere Moralität, unser Seelenheil, um das, was wir tun und unterlassen sollen, aber um sich selber kümmert er sich nicht. Ich sage dir: je weniger du dich um andere Menschen bekümmerst, desto freier bist du! Ob du sie beherrschst oder von ihnen beherrscht wirst, ist dabei gleichgültig; immer hast du mit ihnen zu tun, und das ist genug, dir das Leben zu verleiden!«

»Es ist wahr, je mehr man mit sich allein ist, je enger man sich vor der Welt ins Gehäuse seiner Selbstgenügsamkeit zurückzieht, desto glücklicher ist man. Ich wünschte, ich hätte das früher getan.«

»Ein Glück für dich, daß du's nun kannst! Dieser empfindsame Muskel hier drinnen, den die Menschen Herz nennen, auf dessen edle Qualität sie sich so große Stücke einbilden, hat in Wahrheit den ganzen Jammer der Erde zu verantworten. Dieses dumme Herz ist's, das unsere grübelnden Gedanken mit besseren Welten, besseren Zeiten, schönen Hoffnungen, die sich nie erfüllen, abspeist, uns in Träumen unsere Zeit verschwenden läßt, während wir genießen sollten; das Herz ist's, das unseren Verstand, der uns allein vom Tier unterscheidet, stets hindert, sein alleiniges Herrscherrecht auszuüben. Du hast bisher nur gefühlt, das war dein Unglück; das hat dich unfähig gemacht, dem Leben draußen und diesem gemütvollen Gesindel deiner Mitmenschen zu widerstehen. Sie haben dich elend und wahnsinnig gemacht, und als du's warst, haben sie dich liegen gelassen! Du wurdest geisteskrank, weil du Herz hattest. Jetzt bist du gesund geworden, weil ich den eigentlichen Menschen in dir, deinen Verstand, geweckt habe. Gegen dich habe Herz, mit dir tue schön, meinetwegen, aber sonst laß nur den kalten, klaren Kalkül walten!«

»Wenn Sie nun aber kein Herz haben und allein den Verstand sprechen lassen, wie kamen Sie darauf, mich, den Bettler, den Wahnsinnigen aufzunehmen?«

»Weil ich in dir ein Objekt fand, mir selbst die Wahrheit meiner Doktrin zu beweisen. Weil es für den freien Menschen ein Selbststolz ist, wieder freie Menschen zu machen. Ich freute mich über mich, wenn ich dich belehrte, wenn ich dem Verstand wieder einen Repräsentanten mehr gewann.«

»Egoismus also?«

»Und wenn du tausendmal ein schiefes Gesicht ziehst, Friedemann, weil ich dich nicht aus Edelmut und Großherzigkeit aufnahm: jawohl, es war Egoismus! Ich bin ein Ichmensch, ich bin selbstsüchtig und sehe nicht ein, was ich Besseres tun könnte; aber ich habe die Anständigkeit, das, was ich bin, frei zu sagen, weil ich mir dessen klar bewusst bin.«

»Ich weiß denn doch nicht . . .«

»Glaube mir, Friedemann, es lebt kein Mensch, der nicht Egoist wäre! Manchmal weiß er's nur nicht, oder er weiß es, schiebt aber sein Herz vor, um seinen Profit nicht sehen zu lassen. Ich bekenne mich nackt und ohne Beschönigung zur Selbstsucht! Wie ich aber für mich die Freiheit in Anspruch nehme, zu sein, wie ich bin, so gestehe ich sie auch jedem anderen zu. Was mir nicht gefällt, das lasse ich; wen ich nicht mag, den stoße ich ab. Wenn du mich nicht magst, so gehe!«

»Schön! Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen nun erklärte: Sie haben mich gepflegt und geheilt, aber – Ihre Philosophie gefällt mir nicht! Obgleich mein Verstand sie billigt, engt sie mir das Herz ein. Ich möchte von Ihnen gehen, denn die Überschrift an Ihrer Türe ist wahr, Sie sind ein Daimon, – aber ich kann nicht gehen! Ich kann nicht, wie früher, darben und dulden, den Bänkelsänger spielen, damit mein Magen voll werde! – Was, frage ich, würden Sie zu einer solchen, ganz auf der Linie Ihrer Eigennützigkeitslehre liegenden Erklärung sagen?«

Cardin betrachtete nachdenklich und bewegt eine Weile seinen Schützling, dann sagte er: »Ich will dir, mein Sohn, damit du nicht an den Magen zu denken brauchst, eine gute Summe geben. Dann versuch' es wieder draußen in der schönen Menschenwelt, wo die warmen Herzen schlagen! Gehe aber nicht zu weit von hier; denn ich sage dir: du lebst mit deinem Gelde nicht ein Jahr unter dem Gesindel – und du stehst wieder mit deiner Geige vor meiner Tür und spielst deinen wahnsinnigen Reigen! Dann aber – könnte ich tot sein. Nun, willst du's wagen?«

Mit großen Schritten ging Friedemann auf und ab. Dann legte er seine Hand auf die des Doktors: »Nie wieder, Cardin! – Sie haben recht: der Egoist allein ist glücklich, ich will es sein!«

»Bravo, mein Junge! Es lebe der Daimon über unserer Türe! – Wein her und einen Kranz von Rosen für unsere Schläfe!«

Monate ungestörten Wohlseins begannen nun für Friedemann, und die Monate rundeten sich zu Jahren. Und wenn er Rückschau hielt, so mußte er erkennen: Das Drängen und Treiben seines Ehrgeizes und seiner Liebe hatten ihn in einer ewigen Erregung gehalten, hatten ihm nie Zeit gelassen, über sich selbst nachzudenken. Plötzlich, im allerwildesten Wirbel, als der Nachen seines Daseins schon am Zerschellen war, warf ihn das Schicksal auf einen ruhigen Strand, eine einsame Insel, die ihm ein nie geahntes Paradies des Behagens und Friedens bescherte. Seine Seele wurde zum erstenmal auf sich selbst angewiesen, in sich versenkt zur Selbstliebe, Selbstanbetung. Durch die beständige Sorgfalt Cardins und die eigene Art seiner Behandlung der zweiten Seelenzerrüttung entrissen, genas er um so rascher, als dessen doktrinärer Spott ihn gewöhnt hatte, sich aller Herzensregungen, Erinnerungen und Hoffnungen zu schämen. Dadurch erreichten sein Körper und Geist eine solche Ruhe und Stetigkeit, ein zufriedenes Beharrungsvermögen im Genuß der Gegenwart, daß eine Wiederkehr des Wahnsinns nicht zu befürchten war. Das herrliche Landhaus, in dem er wohnte, aus dessen Fenstern er verächtlich herabblicken konnte auf die verlassene Welt, die Feinheit der Speisen und Weine, die geistreich schimmernden, verstandeskalten Gespräche mit dem Doktor, die Erkenntnisse, die er aus den philosophischen Werken schöpfte: das alles wurde für ihn ein Zauber, der unermeßlich, unzerstörbar schien. Seine Wangen wurden voll und rosig wie einst, und süße Faulheit zog wollüstig durch seine Glieder. Ohne Wunsch, ohne Begierde, dem Genusse des tatenlosen Daseins, der Freude seiner Selbstbeschauung, dem Überdenken seiner philosophischen Lektüre lebend, glitten ihm die Tage dahin.

Immer mehr entfremdete er sich dem bürgerlichen Leben, und sogar die Sehnsucht nach Frauenliebe ging in seinem starren Verstandeskult unter. Cardin hatte ihm klargemacht, daß die Liebe eine eingebildete Herzensaffektion sei, die aus dem Geschlechtstriebe entspringe, Tierisches aus Tierischem. Sie sei eine erbärmliche Schwäche, habe keinen Bestand und bedinge den Wechsel, mithin den Konflikt, den Kampf und das Weh der Gesellschaft. Weiber seien treulos, noch treuloser als die Männer. Darin liege der Beweis, daß die Liebe an sich ein Unglück ist, denn das Glück muß dauernd sein, sonst ist es keins. Dem Menschen zieme es nur zu denken, nicht zu lieben, es sei denn: sich selbst!

Cardin war ein tiefer Denker; er stand mit dem Bureau d'Esprit in Paris, den Salons der Frau von Tencin, Madame Geoffrin, Deffant, Julie l'Espinasse in beständigem Verkehr, und Voltaires, Diderots, Rousseaus, d'Alemberts Briefe waren unablässige Besucher seines Hauses, so daß er scherzhaft sagen konnte, er sei stets in »ausgezeichneter Gesellschaft«. Cardin war außerdem ein bedeutender Naturhistoriker, von tiefem Wissen in der Mathematik, Physik und Antike, und indem er aus allen diesen Disziplinen den Extrakt seiner Philosophie zog, wurde diese für Friedemann zur unbedingten Unumstößlichkeit. Nur vor einem Begriff stand seine zagende Seele noch still und zögerte, ihn zu zersetzen, vor »Gott«.

Alles andere zu bezweifeln, war ihm erlaubt, denn er hatte alles verloren; aber der Glaube an seinen Gott und ebenso die kindliche Verehrung seines Vaters waren ihm geblieben, und wenn ihn Zweifel überkamen, flüchtete er sich in sein »Extrazimmer«.

Die beiden Freunde hatten ausgemacht, daß es jedem unbenommen sein sollte, sich zu jeder Zeit von dem anderen abzusondern, um vollständig mit sich allein zu sein. Daher hatte sich, in entgegengesetzten Teilen des Hauses, jeder sein »Extrazimmer« eingerichtet, das von dem anderen streng gemieden wurde und zu dem auch sonst niemand Zutritt hatte.

Friedemanns »Extrazimmer« war ein kleiner Raum, dessen Fenster nach Westen gingen, dorthin, wo die Abendsonne die fernen Zinnen der Drei Gleichen vergoldete, um dann in brennendem Farbenglühen zu versinken. An der Wand stand ein alter Tisch, auf dem aufgeschlagen das letzte Vermächtnis seines Vaters lag, die »Kunst der Fuge«, von der allzeit gütig gewesenen Hand mit Bemerkungen und mit Liebeslehren an den Sohn vollgekritzelt. Auch zwei vergilbte Notenblätter ruhten dort: »Willst du dein Herz mir schenken?« das eine, »Kein Blümlein wächst auf Erden« das andere.

Hier sank Friedemann in die Knie, hier wehte Erinnerung, hier stand die Vergangenheit auf mit all ihren Schmerzen und all ihrer Lust. Hier nahm er seine alte Violine in die Hand und sandte der scheidenden Sonne die Seufzer seines Herzens zu . . .

Diese Stunden waren, wie der Doktor sagte, die »kranke Stelle«, aber Friedemann konnte und mochte sie nicht missen. Ja, er gönnte sie sich im Laufe der Zeit sogar immer öfter.

Und seltsam, auch Doktor Cardin verschwand immer häufiger in seinem »Extrazimmer«. Wie dort die Feier seiner einsamen Stunden gestaltet war, das freilich blieb sein Geheimnis. Wie er nicht fragte, so teilte er sich auch nicht mit. Er war nur immer sehr ernst gestimmt, wenn er wieder zum Vorschein kam. Am meisten verändert, fast schon verstört war Cardins Wesen jedoch am Tage des 25. August. Schon eine Woche vorher wurde er einsilbig, hielt sich ständig in seiner Klausur auf oder machte einsame Spaziergänge. War der Tag gekommen, ließ er sich überhaupt nicht blicken und erschien erst wieder am anderen Morgen, bleich und übermattet, mit verfallenen Zügen. Es dauerte dann eine ganze Zeitlang, bis er sich wieder im alten Geleise zurechtfand.

Friedemann hatte diese Beobachtung in den vier Jahren, die er mit dem Doktor zusammen lebte, jedesmal gemacht, und er sah mit einer gewissen Besorgnis und Unruhe der diesjährigen Wiederkehr des ominösen Tages entgegen. Aber die ihm vorangehende Woche verlief in der schon gewohnten Weise, und nur am Morgen des Vortages trat insofern eine Abweichung ein, als Cardin sein Zimmer veließ und Friedemann zur Teilnahme an seinem Spaziergang einlud.

»Ich habe dich nie gefragt, Freund«, begann er unterwegs, »was du in deinem Zimmer treibst, dazu habe ich kein Recht und keine Lust. Ich wünsche dir nur, daß es deiner jetzigen Erkenntnis und Glückseligkeit nicht schade. Du hast gleichfalls mein Recht geehrt, ich danke dir! Nach den Gesetzen der Natur aber wirst du mich überleben und so hinter das Geheimnis meines Sonderlebens kommen, ohne meinen Wunsch und mein Zutun. Was du dann sehen wirst, wird dir, wenn du es nach unserer Denkweise betrachtest, die Wahrheit unserer Philosophie und zugleich die Ursache angeben, die mich zur Erkenntnis der Wahrheit geführt hat. Damit genug für jetzt! – Sage mal, Friedeman, glaubst du an einen Gott? – Nun, du schämst dich? Du glaubst also an ihn! Bist du so feige, das, was du denkst, zu verhehlen?«

»Nein! Ich glaube an ihn!«

»Siehst du! Nun, ich glaube nicht an ihn! – Warum? Weil ich ihn nicht weiß! Ich kann nur glauben, was ich weiß.«

»Ebensowenig können Sie aber auch sagen, daß er nicht ist; denn das wissen Sie ebensowenig.«

»Doch, das weiß ich! Ich kann sagen, daß er nicht ist. Seine Gegenwart kann ich nicht beweisen, aber seine Abwesenheit, folglich kann ich nicht glauben.«

In kalter Logik setzte er seine Gründe auseinander, zog er seine Schlüsse. Sie diskutierten lange, Friedemann mit wachsender Leidenschaftlichkeit, und fast schien es, als ob auch der Atheist innerlich bewegt wäre. Doch dann schloß er seine Meditationen: »Daß Gott in der Welt, im All nicht ist, haben wir gesehen. Außer dem All aber ist nichts, denn das All ist zugleich alles. Folglich, da nichts außer dem All ist, kann auch Gott nicht außer dem All sein. Mithin ist Gott, da er weder in noch außer dem All ist, gar nicht!«

Mit Verzweiflung raffte Friedemann sich auf: »Gut, er soll nicht sein! Und wie soll das Glück der Menschen sich gestalten? Wenn auch der einzelne, der Weise, in sich und der Natur Befriedigung finden kann, sind einer denn alle? Sieh die Not, die Armut, den Geiz, alle Laster und Schmerzen der Menschen: sollen sie denn ewig währen? Im Himmel kein Gott, das Jenseits ein Traum, auf Erden nur Jammer! Ich kann das nicht fassen und verstehen!«

Fast gleichzeitig unterbrachen sie ihren Spaziergang, wandten sich um und schritten wortlos dem Hause zu.

Am Abend saß Friedemann noch lange am offenen Fenster, starrte in die Landschaft und dachte an das, was er vernommen hatte. Er versuchte, die tausenderlei Eindrücke zu ordnen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Schließlich begab er sich zur Ruhe, doch der ersehnte Schlaf stellte sich nicht ein.

Plötzlich hörte er ein verhaltenes Wimmern und Schluchzen, dann leise Tritte. Die Geräusche kamen aus dem über ihm gelegenen Raum, seinem »Extrazimmer«. Schon wollte er aus dem Bett springen und nach seinem Degen greifen, um nach oben zu eilen, als er einen Lichtschein gewahrte, der von der Treppe her durch eine Ritze der Tür schimmerte.

Die Schritte schlichen näher. Friedemann stellte sich schlafend, hielt aber alle Muskeln zu sofortigem Handeln gespannt.

Die Türe klinkte geräuschlos auf, und auf der Schwelle stand Doktor Cardin, mit der Hand die flackernde Kerze abschirmend. Er war in ein langes schwarzes Gewand gekleidet, sein Gesicht wirkte gespenstisch bleich, mühsam unterdrückte er ein tränenloses Weinen. Lange und innig sah er auf den Schlummernden; er flüsterte: »Verzeihe mir, Friedemann! Ach, ich liebe dich so sehr und wollte dich machen, wie ich bin, um dich gegen das Leben zu stählen! Nur deinetwegen habe ich ja noch Liebe zum Leben! Verzeih mir und . . .«

Dumpf hallten von der fernen Kirche zwölf Glockenschläge durch die Nacht.

»Ach, der Fünfundzwanzigste! O, sie ruft mich . . . sie ruft mich!«

Wie ein Schatten flog er davon. Die Treppe knarrte, die Tür von Friedemanns »Extrazimmer« schlug zu. Ein Augenblick lastender Stille trat ein, – dann barst sie durch einen röchelnden Schrei, dem ein dumpfer Fall folgte, jäh auseinander.

Friedemann riß es von seinem Lager hoch. Eilig zündete er ein Licht an, hüllte sich in seinen Rock und lief die Treppe hinauf. Sein Zimmer war leer, aber in der Wand klaffte eine Spalte, durch die Licht fiel. Er trat näher und bemerkte eine Tapetentür, die nicht fest zugezogen war. Nie war sie ihm bisher aufgefallen, so genau war sie in die Wand eingepaßt.

Im Nebenzimmer regte sich nichts. Er faßte sich ein Herz und stieß die Tapetentür auf. »Entsetzlich!« stöhnte er, und sein Fuß blieb auf der Schwelle haften.

Das Zimmer war schwarz tapeziert. Ein Kronleuchter mit sieben Lichtern brannte an der Decke. Auf einem Tisch, der altarähnlich schwarz verhangen war, flammten zwei Wachskerzen. Zwischen ihnen stand in einem schwarzen Kasten, wie ein Bild aufgestellt, der bleiche Kopf eines schönen Weibes. Der Schädel schien über der rechten Schläfe eingeschlagen und blutig. Ein Wachsmodell nur, aber in grausenerregender Naturtreue nachgeahmt.

Cardin lag, als sei er zum Gebet niedergesunken, mit dem Oberkörper über dem Tisch. Sein Kopf ruhte auf einem Buch.

Mit einem geheimen Schauer trat der Eindringling näher und legte dem Regungslosen die Hand auf die Schulter, um ihn wegzuziehen. Die Gestalt rührte sich nicht. Friedemanns väterlicher Freund war tot, ein Hirnschlag hatte dem Leben des Daimons ein Ende gesetzt.

Entsetzen wollte Friedemann zur Flucht peitschen, aber Dankbarkeit und Mitleid, das Gefühl der Bruderliebe siegten. Er ermannte sich und blieb, ließ aber den Toten unangetastet; nur den wächsernen Frauenkopf drehte er nach der Wand um.

Dabei fiel sein Blick auf das Buch. Es war eine Bibel. Sie war aufgeschlagen, und dicke Unterstreichungen wiesen auf die Textstelle hin: »Alle Sünden sind den Menschen vergeben, aber die Sünden wider den heiligen Geist sind den Menschen nicht vergeben!«

Neben der Bibel entdeckte er einen versiegelten Brief. Er trug die Aufschrift: »An Friedemann Bach, meinen lieben Sohn. – Mein Testament. – Sofort lesen! Bei meinem Fluch: alles tun, was ich darin verlange!«

Friedemann sank, den Brief in seinen zitternden Händen hin- und herwendend, auf einen Stuhl. »Seltsam«, sprach er vor sich hin, »seltsam und unbegreiflich: Cardin, der Egoist, hatte mich von Herzen gern; Cardin, der Atheist, ist über der Bibel gestorben; Cardin, der Egoist, hat ein Weib geliebt, bis zum letzten Atemzuge, selbst dann noch, als es tot war.« Er öffnete das Testament und las:

»Mein lieber Sohn! – Letzter, einziger Mensch, den ich liebend besessen, in dessen Umgang ich glücklich war! Höre mich an und tue, um was ich Dich bitte!

Von meiner Vergangenheit nur das: Ich war lange Arzt in Paris, daher meine philosophischen Bekanntschaften. Ich hatte eine Frau. Sie betrog mich. Ich behandelte sie infolgedessen hart; denn ich war früher ungemein jähzornig. Ich reiste mit ihr in die Provinz, wo ich ein Gut hatte. Ihr Liebhaber kam ihr nach, und als ich mich eines Tages verfrühte, fand ich – beide. Er entfloh! Sie erschlug ich am 25. August um Mitternacht. Ich machte mein ansehnliches Vermögen flüssig und ging nach Deutschland.

Ich schweige von dem, was in mir vorging! Nach einer Totenmaske, die ich von ihr genommen hatte, fertigte ich das Wachsbild und stellte es mir ewig gegenüber. Das hatte ich mir fürs Leben auferlegt! Ich habe sie geliebt! Außer ihr nur Dich!

Denke von mir, meinem Leben, meinen Doktrinen, was Du willst! Ja, ich war ein Daimon!

Du rührst im Hause nichts an, läßt alles, wie Du es findest! Haus und Garten gehören der Trude. Der Bürgermeister hat eine Abschrift des Testamentes.

Mit dem angehefteten Schlüssel öffnest Du den Schreibtisch in meinem Schlafzimmer! Dort liegt an barem Vermögen: tausend Dukaten und zehntausend Taler in Papieren. Nimm sie, sei Egoist und verwende sie nur für Dich!

Verlasse sofort Arnstadt und, wenn Du's kannst, vergiß mich! Wäre ich fromm, würde ich Dich segnen.

Cardin.«

Die Nacht rückte vor. Stumm brütend saß Friedemann. Als es zwei Uhr schlug, raffte er sich auf, sprach ein stilles Gebet und warf einen letzten Blick auf den Freund und das entschleierte Geheimnis seines »Extrazimmers«. Er kehrte den Frauenkopf wieder um . . . und da packte ihn doch das Entsetzen . . .

Das Geld aus Cardins Schreibtisch barg er in einer Ledertasche unter den breiten Patten seiner Weste, steckte seine Brieftasche, die »Kunst der Fuge« und die beiden teuren Notenblätter in die Rocktasche, nahm die alte Violine unter den Arm und verließ das Haus.

Geisterhaft schimmerte aus dem einzigen erleuchteten Fenster das Licht auf seinen Weg, flackerte noch einmal auf und erlosch.

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