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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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II.

Bach und sein Sohn hatten Volumier und was sonst noch von Musikern in Dresden war, gehört, sie hatten auch, wie versprochen, bei der Gräfin Königsmarck, Propstin von Quedlinburg, dem Spiel Marchands in einem Nebenzimmer gelauscht: es war, wie Friedemann mit des Vaters beliebtem Ausdruck meinte, ein verdammtes »Gemansche«. Weder Sebastian noch der Knabe waren jedoch vorderhand dahin zu bringen gewesen, eine Taste anzurühren; überhaupt hatte Friedemann, der Lehren des Vaters eingedenk, sich sehr zurückhaltend bewiesen.

Monsieur Marchand, der an einem der folgenden Abende bei der Gräfin Denhof in Gegenwart des Kurfürsten gespielt hatte und gerade mit liebenswürdiger Glätte die Lobsprüche der Anwesenden einerntete, empfing plötzlich ein großes versiegeltes Schreiben in französischer Sprache:

»Ew. Wohlgeboren!

Der Unterzeichnete Sebastian Bach, Organist zu Weimar, welcher, Euer Wohlgeboren weltberühmtes Renommée als Klaviervirtuose kennend, begierig ist, Dero Fertigkeit im Vortrag als auch in der Stegreifkomposition zu bewundern, ist eigens deswegen aus Weimar hierhergekommen. Da er nun auch etwas Weniges die Musika praktizieret und wohl wissen möchte, inwieweit die französische der deutschen Kunst überlegen ist, bittet er Euch um die Ehre eines musikalischen Wettstreites, indem er sich erbietet, jedes Thema, so Ihr ihm aufgeben werdet, zu variieren oder zu fugieren, in zwei oder mehreren Stimmen, versieht sich von Euch auch einer gleichen Bereitwilligkeit und bittet, Zeit und Ort des Kampfes zu bestimmen.

Achtungsvoll    
Sebastian Bach.«

Der Franzose erbleichte und mußte sich zusammennehmen, damit das Papier seiner Hand nicht entglitt. August der Starke, der wohl wußte, was der Brief enthielt, verlangte dennoch die Ursache zu wissen, durch die Marchand außer Fassung gebracht worden war. Diesem blieb nichts übrig, als den Brief zu zeigen, und August, sich ganz erstaunt stellend, fand den Antrag höchst naiv und pikant; er bestimmte einen Tag und das Haus des Grafen von Fleming zum Kampfe. Wohl oder übel mußte der Franzose nun annehmen.

Marchand hatte längst von Bach gehört; es waren ihm auch einige seiner Fugen zu Gesicht gekommen und, so eitel er auch war, ein Blick auf dieselben hatte ihm genügt, um zu wissen, was er von seinem Gegner zu erwarten hatte. Er war zudem Diplomat genug, um einzusehen, daß das alles ein angelegter Plan war, durch den die ihm mit hohem Gehalt vor kurzem angebotene Stelle eines sächsischen Hofkomponisten keineswegs mehr die ausgemachte Sache blieb, als die sie ihm vor dem letzten Besuch bei der Denhof erscheinen mußte. Sein Entschluß war indessen gefaßt, und kaltblütig ging er der Entscheidung entgegen.

Heute war der Tag . . .

Marschall Graf von Fleming hatte den Hof zu einer Soiree geladen, zu der auch die ganze königliche Familie erscheinen wollte. Die Galawagen rasselten die Pirnaische Gasse entlang und die Rampe des Palais empor; dort setzten sie ihren kostbaren, brillantenbesäten Inhalt ab, der sich wie ein Strom durch die orangeduftenden Vorhallen in die erleuchteten Säle ergoß mit ihren steifen, überladenen Vergoldungen, ihren Teppichen, Bronzen und Vasen im Widerschein von Hunderten von Spiegeln. Was nur immer der Luxus und die Mode damaliger Zeit ersinnen konnte, war aufgeboten worden, um die Soiree aufs glänzendste, der Ehre würdig zu gestalten, die dem Hause Fleming durch den Besuch Augusts widerfahren sollte. Mit lauter Stimme kündigte der Zeremonienmeister die Namen der Gäste am Eingange des ersten Salons an, in den man trat, um von hier aus mehrere prächtige Galerien zu durchschreiten, in denen zahlreiche Gruppen von Kavalieren in weißer Perücke und mit schwarzem Schnurrbart flüsternd umherstanden.

Der Musiksaal, das Ziel der Gäste, strahlte mit seinen Lüstern und Girandolen, seinem weißrötlichen Marmorstuck und seiner schweren Vergoldung im Glanze zahlreicher Wachskerzen. Er war von ansehnlicher Höhe und Weite und, zur Förderung der Akustik, in einem regelmäßigen Achteck erbaut. Links vom Eintretenden befanden sich drei hohe Fenster, in jedem Wandfelde eins, deren vergoldete Läden und rotdamastene Vorhänge dicht geschlossen waren. Dem Eingang gegenüber lag eine reich vergoldete, geöffnete Tür, die den Anblick des Speisesaals freiließ; dieser trug eine besonders aus Paris verschriebene himmelblau mit Silber garnierte Atlastapete. Dem Mittelfenster gegenüber befand sich der Eingang zu einer Gemäldegalerie; und hier stand, das Feld des Kampfes bezeichnend, ein Pianoforte von Schröters neuester Bauart. In den beiden Zwischenwänden, die von den Türen abgeteilt wurden, waren in roter Nische auf schwarzen Marmorsäulen die Büsten Augusts des Starken und Ludwigs XIV. aufgestellt. Schwer vergoldete Sessel, rings an den Wänden gruppiert, waren bereits von den Gästen eingenommen worden, während drei Diwans mit schwellenden Kissen, dem Instrument gegenüber, noch auf den König, die Königin und den Kurprinzen warteten.

Welch eine stolze Versammlung alles dessen, was Sachsen an Reichem, Schönem, Vornehmem und Berühmtem bot! Welche Fülle strahlender und froher Gesichter!

War es nicht gerade, als wüßten diese Leute nicht, was eine Träne ist? Als wäre unter ihnen der Schmerz ein Fremdling? . . . Wie das lacht und schwatzt und lustig ist, als sei die Ewigkeit ein Traum und das Glück eine gefesselte Magd! Und doch! Und doch tanzt dieses ganze Geschlecht auf seinem Grabe, und doch ist so manches Lächeln erlogen, und doch schlägt unter seidenen Gewändern oft ein gemartertes, wimmerndes Herz, windet sich unter Ordenssternen ein falsches, treuloses und gequältes Gewissen . . .

Der, dem das militärische Kleid so gut steht, ist der Oberstleutnant von Spiegel, eine ritterliche Gestalt mit flammendem Blick – und doch nur ein dienstwilliger Sklave, der mit dem Abhub vorlieb nimmt, den ihm sein Herr aus Übersättigung gelassen; er wurde mit Fatima, einer orientalischen Schönheit, die von den Preußen bei Ofens Erstürmung zum Beutestück gemacht und später Flemings Kusine, der Frau von Brebentau, geschenkt worden war, beglückt, nachdem sie das Herz Augusts gerührt hatte. Eifrig unterhält er sich mit der Gräfin Haugwitz, die, in meergrünem Moiré, mit schwarzen Spitzen und der dreifachen Perlenschnur, recht schwärmerisch dreinblickt, wie eine gekränkte Unschuld, eine verkannte Seele; sie ist melancholisch geworden, die Gute, seitdem sie Frau Hofmarschallin ist, und als man sie noch Fräulein von Kessel nannte und sie Augusts diamantene Rosen an der Brust trug, war sie selbstbewußter. Nicht weit von dieser untergegangenen Sonne ruht auf schwellendem Sessel eine Dame in gelbem Atlas mit eitlem Unterkleid aus Silberzindel, ein sieghaft aufgehendes Gestirn: das blendend schöne Fräulein von Dieskau, die größte Meisterin in der Unschuldskoketterie, so dumm sie sonst auch sein mag. Nachlässig mit der Hand auf dem Arm des ernsten, biederen Gouverneurs von Dresden, General von Klenzel, trommelnd, erzählt sie ihm eine jener geheimen Anekdoten, die bei Hofe nicht allzu selten sind.

In der Mitte des Saales, seine Gäste empfangend, steht der Minister und Feldmarschall Graf von Fleming neben seiner Gemahlin. Er ist sich des Einflusses bewußt, den er auf den König durch seine Freundin und Schülerin, die Komtesse von Denhof, ausübt, jenes schöne Weib, das, strahlend in rotem Damast und besät mit Spitzen und Rubinen, am Arm der Mutter zu ihm tritt; er hat die Gräfin, nachdem er die allverhaßte Kosel gestürzt, zur Gebieterin über Augusts Herz gemacht und hofft, durch sie dauernder als alle anderen den König zu fesseln. Sein Herz hebt sich bei dem Stolz des heutigen Tages, an dem er den Hof zum erstenmal empfängt, an dem er als Mäzen des allseits bewunderten Marchand glaubt träumen zu dürfen, ein kleiner Ríchelieu zu werden.

Links vom Eingang in den Saal stehen, in ein angeregtes Gespräch vertieft, der Oberkämmerer von Vitzthum, der sich noch nie in Regierungsgeschäfte gemischt und sich bislang in der Gunst Augusts gehalten halt, und der Baron Hektor von Klettenberg, Kammerherr und Schloßhauptmann von Senftenberg, ein schmächtiges, in schwarzen Atlas gekleidetes Männchen von teufelsmäßig verschmitztem Profil; er ist geheimer Adept des Königs, der für die von ihm geübte Kunst des Goldmachens so lange die ungeheuersten Summen verlaborieren wird, bis August, trotz allen Aberglaubens und aller Habsucht, die Augen aufgehen und er ihm den Kopf abschlagen läßt.

Die Unterhaltung der beiden wird von einem kleinen, falstaffdicken Kerl, dem Hofnarren und königlichen Hoftaschenspieler Josef Fröhlich, und dem immer melancholischen Baron Schmiedel gespannt verfolgt. In silbergrauen Taft gekleidet, einen Flor am Arm, mit blassem, verhärmtem Gesicht ist er ein Mensch, der alle Dinge von der Grabesseite ansieht; aber in der ständigen Luft französischen Esprits brauchte man seinen ewigen Schmerz ebenso zur Belustigung wie die sächsische Pöbelkomik und den plumpen Humor seines heiteren Gegenteils. Nie wird es der Baron versäumen, am Morgen nach dem Tage, an dem ein Günstling oder eine Mätresse gefallen ist, seine Kondolenzkarte mit dickem Trauerrand an dieses neueste Opfer Augusts zu senden.

Dicht bei dem Platze der königlichen Familie, alle Blicke auf sich lenkend, sitzt die interessanteste Frau der Zeit, die Gräfin Königsmarck, Propstin von Quedlinburg, angetan mit einem schwarzseidenen, mit Spitzen verbrämten Kleid, das fast wie ein Trauerkostüm wirkt; sie unterhält sich mit dem Kabinettsminister Graf Heinrich von Hoymb, dem geschiedenen Gemahl der Kosel, dem ewigen Ränkeschmied, und mit dem Hofmarschall von Haugwitz.

Aurora von Königsmarck, die trotz ihrer vorgerückten Jahre noch nicht den Reiz der Jugend verloren hatte, war nicht nur die schönste, sondern auch die geistreichste und achtungswerteste von Augusts Liebschaften. Sie hatte eine tiefe und wahre Neigung für ihn, die seine Treue weit überdauerte; und sie war uneigennützig genug, ihm auch dann noch eine ergebene Freundin, eine opferfähige Dienerin zu sein, als sie ihre Zukunft in Quedlinburg gesichert wußte und sich von ihm auf immer gemieden sah. Ihre Neigung war um so reiner und besser geworden, als sie fern von Wünschen und Plänen war. Vor Antritt ihrer Propstei hatte sie sich mit der Königin versöhnt, die, durch Auroras rührende Liebe, Verehrung und Reue besiegt, sich in ihre wohlwollende Gönnerin verwandelt hatte. Und da auch August den hohen Wert dieser Frau, zu spät vielleicht, erkannte und es gern sah, wenn sie am Hof erschien, so rechnete man sie wieder zur königlichen Familie.

In diesem einzigen Saale war außer dem still lächelnden Sebastian Bach, der, ans Klavier gelehnt, neben Volumier stand und die Gruppen beobachtete, nicht eine Person, deren Herz und Hirn unbeschwert und nicht beunruhigt gewesen wäre. Das war der Hof Augusts des Starken, der mit Ludwig von Frankreich um die Ehre buhlte, der glänzendste, geistreichste und gesittetste Repräsentant der Kronen Europas zu sein.

Die Versammlung war nicht nur heute, sondern immer in zwei Heerlager, zwei Parteien geteilt, deren stiller, äußerlich wenig sichtbarer Kampf in der heutigen Soiree am deutlichsten durch den bevorstehenden Wettstreit Bachs und Marchands ausgesprochen war. Auf der einen Seite stand, freilich in der Minderzahl, die alte Autorität mit ihrem Glauben, ihrer Einfachheit und ihrem Ernst; sie war's, die auf die Kirche, den altehrwürdigen Ritus, den geistlichen Stil in der Musik, auf deutsches Wesen und die Ehrbarkeit der Väter hielt. Zu ihrer Fahne standen die Königin, ihre Favoritin, die alte Oberhofmeisterin, Gräfin von Kollowrat, General von Klenzel, Fürstenberg, die innerlicher gewordene Aurora von Königsmarck und noch ein Bruchteil älterer Hofdamen und Kavaliere, die die Gewohnheiten der Väter zumindest bequem fanden. Dieser spezifisch kirchlichen Partei gegenüber machte sich siegreich der Egoismus in französischen Kleidern breit, siegreich als Idee, siegreich als Praxis; doppelt siegreich, weil er neu und von der Mehrzahl unterstützt war. In diesem Lager, dem der Kurfürst selbst angehörte, gaben nächst ihm Fleming und die Denhof, Spiegel, Hofmarschall von Haugwitz, Hoymb und Klettenberg den Ton an. Frau von Haugwitz, die hoffte, noch einmal die verlorene Gewalt wiederzuerlangen, und die Gräfin Dieskau, die eben dabei war, sie zu erringen, schlossen sich an, weil sie wußten, daß dies ein bequemer Weg zum Herzen des Gebieters sei. Die eigentlich Indifferenten dabei waren Vitzthum, wie in allen Dingen bereitwillig zu jedem Geschäft und Freund mit jedermann, und der Kurprinz, dessen einzige Leidenschaft die Jagd war. Der junge polnische Adel war an sich schon für das Franzosentum eingenommen, weil es seinem leichten Blut zusagte. Der Page Sulkowsky, verarmter Nachkomme eines polnischen Fürstengeschlechts, und von Brühl, der Leibpage des Königs, hielten sich sehr zurück; beide, der eine ganz Ohr für den Prinzen, der andere ganz Auge für August II., waren noch Komparsen bei diesem Schauspiel.

Der Kampf Bachs mit Marchand war nur ein Seitenstück zu dem Kampf der Hofparteien, und Volumiers Schicksal war abhängig von seinem Ausgange. Daher war bei der Gesellschft begreiflicherweise auch von nichts weiter als diesem bevorstehenden Ereignis die Rede. – Bereits hatte Marchand in violettem Hofkostüm die Nebengalerie betreten, mit Herrn von Fleming einige Worte gewechselt und sich ins Ankleidezimmer des Marschalls zurückgezogen, um sich – wie er sagte – nicht eher als nötig mit seinem Gegner zu amalgamieren, als der König, die Königin Eberhardine am Arm, mit seinem gnädigsten Lächeln in den Saal trat. Hinter ihm folgte, in einfachem Militärrock, der Kurprinz, der die alte Gräfin Kollowrat führte, eine majestätische, immer noch schöne Frau. Den Schluß bildeten Sulkowsky, Brühl und der Kammerdiener Hennicke. – Marschall Fleming und Vitzthum eilten, die Herrschaften zu empfangen.

»Nun, lieber Fleming, Sie wollen uns also heute einen seltenen Genuß bereiten: wir sollen dem Turnier der beiden Meister französischer und deutscher Musik beiwohnen. Fürwahr, ich weiß noch nicht, wie ich mich gegen Sie revanchieren soll.«

»Durch dero Allerhöchst fernere Gnade, Majestät,« antwortete der wonnestrahlende Fleming.

»Auch unsere liebe Denhof hat sehr bedeutenden Anteil an der Schöpfung dieses Festes, wie ich mir sagen ließ?« Und einer jener elektrischen Blitze schoß aus den Augen des Königs auf die Gräfin nieder, die sich lächelnd verbeugte.

August der Starke schritt langsam weiter, nickte listig der mit seltener Geschicklichkeit errötenden Dieskau zu und wandte sich, indem er einen kalten Blick über die lauernde, bleiche Haugwitz schlüpfen ließ, an Klettenberg: »Wie weit sind Sie mit der letzten Prozedur? Ist die Mischung geglückt?«

»Fast, Majestät! Das Amalgam muß in Quantität oder Qualität zu stark gewesen sein, die Retorte sprang. Ich muß es noch einmal mit schwächerem Zusatz beginnen.«

»Mein Gott, wie langweilig und kostspielig das ist! Gibt es kein einfacheres Verfahren?« rief der Herrscher.

»Das Verfahren ist eben das Geheimnis, Majestät! Wer es erst hat, ist Herr der Welt! Daß sich kleinere Quanta des kostbaren Metalls liefern lassen, davon haben Majestät Allerhöchst selbst sich überzeugt; aber die Mischung in solcher Progression herzustellen, daß sie eine so grenzenlose Ausbeute gibt, wie wir wünschen, ist das Werk vieler Jahre.«

»Leider!« seufzte der Fürst. »Vitzthum, weisen Sie Klettenberg neue dreihundert Dukaten an!«

In demselben Augenblick hatte die Königin, die bis dahin, kalt nach allen Seiten grüßend, schwieg, Aurora von Königsmarck gesehen, die gesenkten Hauptes seitwärts in ihrer Nähe stand. »Was macht Moritz?« flüsterte sie leise und streckte ihr die Hand entgegen, »ich hörte, er sei ernstlich krank.«

Die Propstin küßte die Hand der Königin, auf die verstohlen eine Träne fiel: »Ich danke Eurer Majestät für die huldvolle Gnade. Der Himmel hat ihn mir erhalten, damit ich nie vergesse, wie demütig ich für die Huld meiner Königin sein soll!«

Ein krampfhafter Druck von der Hand der Königin, ein warmer, verzeihender Trostesblick aus ihren Augen war die Antwort. Gemeinsames Leid hatte die beiden Frauen zu Freundinnen gemacht.

Der König, der inzwischen mit Haugwitz und Fürstenberg einige leichte Scherzworte gewechselt, trotzdem aber Auroras leise Antwort gehört und verstanden hatte, biß sich auf die Lippen, bot schnell der Königin den Arm und geleitete sie zu den Plätzen der königlichen Familie.

»Sind die beiden Musikmeister bereit?« fragte er Fleming.

»Ja, Euer Majestät, und warten auf Allerhöchsten Befehl.«

»Stellen Sie mir den Bach aus Weimar vor!«

Fleming verbeugte sich, eilte zum Klavier und kam in wenigen Augenblicken mit Sebastian Bach, der einen einfachen, schwarzen Rock und den Hut im Arm trug, zurück. Hinter beiden folgte Volumier mit ängstlich bekümmertem Gesicht. Aller Blicke wandten sich auf die Gruppe.

»Das ist Bach, Euer Majestät,« sagte vorstellend Fleming mit etwas mitleidigem Lächeln.

»Er hat sich also angemaßt, dem Marchand eine Herausforderung zu einem musikalischen Wettstreit zu schicken?«

»Jawohl, Euer Majestät! Ich hab' aber nicht gemeint, daß ich mich vor Eurer Majestät damit großtun wolle.«

»Ah, und jetzt wird Ihm bange? Er hat sich wahrscheinlich zu viel vorgesetzt?«

»Nein, bange ist mir nicht, Majestät. Die deutsche Kunst braucht sich nicht zu fürchten vor der französischen.«

»So, so! Wollen sehen! Es scheint aber nicht, daß die deutsche Kunst soviel einbringt wie die französische,« und der König warf einen Blick auf das schlichte, unmoderne Gewand Sebastians.

»Da haben Eure Majestät recht. Daraus muß sich aber der Künstler nichts machen. Wer nach dem Guten strebt, soll sich vorher sagen, daß der Flitterkram und das Blendwerk, das die Sinne kitzelt und seicht ist, schneller Eingang findet und besser bezahlt wird als das ernste, ehrliche Streben. Wer das nicht vorher überlegt, muß nicht erst anfangen, Majestät!«

Alles war erschrocken über die beispiellos kecke Antwort des Organisten, und Volumier zupfte erbleichend Sebastian am Schoß. August runzelte die Stirn, seine Wangen überflog ein leichtes Rot, und er sah mit einem jener Blicke, die schon manchen Höfling zagen gemacht, auf ihn nieder. Als aber Sebastians klares, ruhiges Auge die stille Drohung so ruhig aushielt, lächelte der König.

»Nun spiele Er! – Fleming, lassen Sie Marchand rufen!«

Der König ließ sich nieder, die Versammlung nahm Platz, und Bach stand neben Volumier am Instrument, indes Fleming selbst nach dem Ankleidezimmer eilte, um den französischen Meister einzuführen.

Es herrschte eine lautlose Stille, in der jedermanns Beklemmung und Neugierde wuchs. Der König war augenscheinlich nicht in der besten Laune. Sei es, daß Klettenbergs wieder nutzlose Versuche oder Bachs Benehmen ihn verletzt, sei es, daß er unangenehme Herzensregungen bei Auroras Worten empfunden hatte: genug, jeder fühlte, daß der Unterliegende bei diesem Wettstreit keine beneidenswerte Rolle spielen würde. Schon sandte Gräfin Denhof ein mitleidiges Lächeln zu Bach hinüber, und Baron von Schmiedel sagte zu Fürstenberg: »Ich werde heute abend eine Kondolenzkarte schreiben.« – Da entstand bei der Galerie eine seltsame Bewegung, und Fleming, bleich und außer Fassung, schwankte auf den König zu.

»Was haben Sie, Fleming?«

»Majestät, ich bin sprachlos vor Entsetzen! Vor einer Viertelstunde war Marchand noch hier – in meinem Toilettenzimmer – und nun . . . ist er fort!«

»Fort?« Und der König erhob sich gereizt. Dunkle Röte überzog sein Gesicht. »Fort? Nein, Sie irren wohl! Es wird ihm unwohl geworden sein. Er hat vielleicht in der Eile seine Noten vergessen. Volumier und Vitzthum, eilen Sie in seine Wohnung und sehen Sie, was der Mann macht!«

Damit wandte sich der Fürst zur Königin und Propstin Königsmarck und ging in leichte Konversation über.

Man stand in Gruppen umher und besprach den ominösen Zwischenfall. Fleming stand allein und suchte sich durch ein Zeichen mit der Denhof zu verständigen, die, wie er, in Ängsten war, sich zu kompromittieren. Er sah sie starr an, zuckte unmerklich mit den Achseln, und die schöne Gräfin verbarg hinter dem Fächer zwei Tränen der Wut und Enttäuschung. Der alte General von Klenzel aber trat mit richtigem Taktgefühl zu Bach und fragte ihn in liebenswürdigster Weise nach seinen Verhältnissen . . .

Nach Verlauf einer Viertelstunde, in der es schien, als habe August bereits den ganzen Vorfall vergessen, kamen Vitzthum und Volumier zurück. Der Oberkämmerer, ein in grünen Samt gebundenes Notenbuch im Arm haltend, schritt auf den König zu, der ihn fragend anblickte.

»Majestät halten zu Gnaden: wir fanden die Wohnung von Monsieur Marchand leer; vor einer Viertelstunde hat er mit Sack und Pack Dresden verlassen. Das einzige, was von ihm zurückgeblieben, ist das Chanson mit Variationen, das er Euer Majestät unlängst dedizierte.«

Die Versammlung war starr vor Schreck. Aller Augen wandten sich nach der unglücklichen Denhof und nach Fleming, die den Franzosen so angelegentlich empfohlen hatten. Jeder wußte, daß August am wenigsten der Mann sei, eine Täuschung zu ertragen; er bezwang sich jedoch noch, nahm mit großer Ruhe das Chanson, das ihm Vitzthum reichte, entgegen und winkte Bach zu sich: »Sein Gegner hat, wie's scheint, aus irgendeinem Grunde für jetzt das Feld geräumt. Das beweist aber noch nicht, daß Er ihm überlegen ist. Wir haben hier eine seiner Kompositionen, die das Geistreichste und Schwierigste ist, was er vor uns spielte. Seh Er sie an! Traut Er sich, sie nachzuspielen?«

Bach blätterte einen Augenblick in den Noten.

»Majestät, solch Zeug spiele ich nicht. Die Musik ist eine schöne, edle Kunst, eine Gottesgabe, die nicht zu solchen Schnurren da ist. Wollen Euer Majestät das da aber hören, so hab' ich meinen Jungen, den Friedemann, bei der Hand; der kann sie spielen.«

»Was? Was sagt Er da?! Er kann oder will das nicht spielen?«

»Nein, das spiele ich nicht, Majestät! Ich bin mir bewußt, meinen Gott anzubeten durch meine Kunst, – und wie kein Diener des Herrn sich soll zum Narren machen, so wird's Sebastian Bach auch nicht tun!«

»Hm! – Nun, laß Er seinen Jungen rufen!«

Man ließ sich nieder. Bach trat in die Galerie und brachte Friedemann an der Hand herein. Der Knabe, rot vor innerer Bewegung, setzte sich an das Instrument, und Volumier wandte, in sich hineinlächelnd, die Blätter um. Bach, der Vater, trat zur Seite, als ginge ihn das alles nichts an.

Friedemann begann ruhig und sicher das Thema und führte die Variationen durch alle Umkehrungen und Verschlingungen mit solcher Reinheit und so leichter Ungezwungenheit aus, daß der König, der Hof und die ganze Versammlung in rauschenden Beifall ausbrachen.

»Er hat da einen exzellenten Jungen, Bach! Das ist ganz unerhört! Wie ist's möglich, daß man das in solchem Alter leisten kann?«

»Er hat mit vier Jahren schon angefangen, Majestät. Die Hauptsache aber ist, daß er sein Leben lang die ernste Musik, den großen Kirchenstil, in dem polyphone Gedanken sind, praktiziert hat. Die deutsche Musik blendet vielleicht nicht so, aber sie ist schwerer, und es gehört Kopf und Herz dazu, wenn man ihr etwas abgewinnen will.«

»Dann war' es schlimm für uns, daß man sie uns so lange vorenthalten hat. Kann Er uns nicht etwas davon zeigen?«

»Gewiß, Majestät! – Ich hab' mich gegen Marchand unterfangen, jedes Thema, das er mir stellen würde, zu variieren und zu fugieren. Wenn mir Euer Majestät ein Thema, womöglich ein kirchliches, stellen wollen, so bin ich bereit.«

»Das geht wohl mehr die Damen an,« sagte August, sich zur Königin wendend. »Wollen Euer Majestät das vielleicht übernehmen?«

Die Königin errötete leicht. – »Als ich vor einem Jahre in Hamburg war, hörte ich in der Kirche einmal auf der Orgel den alten Organisten Reinken einen Choral spielen. Der ergriff mich damals so sehr, daß ich mich heute noch des Eindrucks wie von gestern her erinnere. Ich glaube, das Lied begann: An Wasserflüssen Babylons.«

Da war's, als wenn Sebastian Bach erschauerte, und eine heilige Rührung kam über ihn.

»Ja, Majestät, das kenn' ich! Und wenn ich auch nicht wert bin, dem alten Reinken die Schuhriemen zu lösen, so danke ich doch Euer Majestät herzlich, daß Sie mich würdig erachten, ihm das nachzuspielen. Mit Gott will ich's versuchen!«

Er trat ans Klavier, nicht gebückt mehr wie der arme Organist aus Weimar, sondern wie Ariel, der zum Preise der Gottheit singt. Mit hastiger Gebärde warf er das Marchandsche Chanson vom Klavier aufs Parkett, legte das Pult um und setzte sich.

Sein Blick richtete sich nach oben, und in tiefer, feierlicher Stille begann er leise und ernst den Choral:

»An Wasserflüssen Babylons sitzen die verstoßenen Kinder des Herrn
Und weinen ob ihres Elends.
Der alte Serubabel singt schwer und klagend das Tränenlied,
Daß der Herr die Seinen verstoßen,
Und die Weiber und Männer und die lallenden Kinder fallen klagend und seufzend ein.
Zu ihren Füßen murmelt der Strom und trägt
Auf den Wellen ihre Sehnsucht weiter
Zu fernen Gestaden.
Der Wind hebt sie empor und führt sie über die ewigen Täler der Freude,
Breitet sie über das verlassene
Selige Vaterland.

Und die Klage wächst und die Träne,
Und eine Stimme hebt sich über die andere
Und zeihet sich laut
Der Hauptschuld am Elend der Brüder,
Und Flut und Winde und der Himmel
Klagen mit. – Es ächzt und bebt die Erde,
Die ganze Welt ist ein Erlösungsschrei!
Da spaltet ein Blitz die Wolken, und der Herr
Entsendet seinen Liebesboten nieder,
Kühlung zu fächeln mit ewiger Schwinge
Und zu bringen den Trank der Verheißung:
Einst sollt ihr wohnen im lieben Vaterlande,
Sollt den Heiland grüßen, den ich senden werde
Zu eurer Not, und der euch erlöset
Von aller Qual und ewige Freiheit bringt.

An Wasserflüssen Babylons sitzen sie und weinen nicht mehr;
Im Halleluja begrüßen sie wieder
Die Himmelsschwestern Hoffnung und Glaube,
Und die Flut murmelt das Heil, Heil!
Und der Sturm brauset Heil, Heil!
Und trägt es hinüber ins Land der Verheißung,
Hinauf in die Gefilde ewiger Freuden!«

Kein Beifall erschallte, kein Lob . . .

Ein Schauer fuhr über die Versammlung, und in den Herzen regte sich ein eigenes, unermeßliches Etwas. – Die Königin, die Kollowrat und die Königsmarck schluchzten hörbar, der König war wie vom Schlage getroffen.

Volumier stand am Eingang der Galerie und hatte die Hände gefaltet; sein glühender, dankbar verklärter Blick hing an Bach, der leise aufgestanden war und still beiseite trat.

»Der Mann hat eine teufelsmäßige Geschicklichkeit!« platzte der König heraus. »So etwas hab' ich nie gehört!«

»Treten Sie zu Seiner Majestät!« flüsterte General Klenzel, und Bach trat einige Schritte auf den Monarchen zu.

»Woher hat Er das, zum Kuckuck, Bach?« fragte August.

»Von demselben Geber alles Guten, der Euer Majestät die Krone verliehen hat, von Gott! Deshalb will ich's auch allein zu Gottes Ehre ausüben!« sagte Bach, und ein seltsam bitterer Zug spielte um seinen Mund.

In diesem Augenblick trat Kurprinz August zu ihm, ergriff im überwältigenden Gefühl seine Hand und schüttelte sie. »Nehme Er das zum Andenken an mich!« – und er schob einen kostbaren Solitär auf Sebastians Finger.

»Ich danke Königlicher Hoheit für diese hohe Gunst! Ich will ewig Ihrer gedenken. Gott erhalte Euer Hoheit lange und gebe Ihr gesegnete Tage!«

»Wenn Ihr einmal etwas Großes zu bitten habt, erinnert mich an diese Stunde!« flüsterte der Kurprinz, nickte und trat zurück.

König August erhob sich und nahm den Arm der Königin. Fleming, der gerechnet hatte, der Hof werde bei ihm zu Nacht speisen, tat halb schüchtern einen Schritt zum König.

»Fleming, in Zukunft nehmen Sie sich mit den Franzosen besser in acht! Ich will außer der deutschen nur noch italienische Musik in Dresden! Guten Abend! – – Bach, ich danke Ihm für den Genuß, den Er mir verschafft hat! Lasse Er sich öfter bei uns in Dresden sehen! Ehe Er reiset, werde ich Vitzthum zu Ihm schicken.«

Eben wollte der König weiterschreiten, als die Königin Bachs Hand ergriff und sagte: »Hier danke ich Ihnen nicht. Aber wenn Sie morgen zu mir kommen wollen, habe ein Andenken für Sie, das Sie Ihrer lieben Frau mitnehmen sollen. Und vergessen Sie nicht, mir den Kleinen da mitzubringen!«

Bach verbeugte sich, das Herrscherpaar ging weiter und war schon im Begriff, den Saal zu verlassen, als August sich kurz umwandte und mit seinen Blicken die Gräfin Denhof suchte: »Eins hätte ich bald vergessen! – Liebe Denhof, Sie sehen seit einiger Zeit so angegriffen aus. Gehen Sie für ein Jahr aufs Land, das wird Ihnen dienlich sein! Ich werde Sie an einen recht gesunden Ort schicken!«

Der Hof verließ das Flemingsche Palais. Gräfin Denhof sank ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter. Ein leises Kichern flog durch die Reihen der Zurückgebliebenen. Da wollte sie sich aufraffen und, wie um Schutz flehend, zu ihrem Freunde Fleming treten. Der aber verbeugte sich kalt, bot Fräulein von Dieskau den Arm und wandte ihr den Rücken.

»Ich kondoliere von Herzen!« sagte laut und melancholisch Baron Schmiedel, und die ganze Versammlung brach in schallendes Gelächter aus. – Die Denhof verließ Dresden für immer.

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