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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XIX.

Hell strahlte wieder Friedemanns guter Stern, der Doppelstern der Kunst und Liebe, als er an der Marienkirche zu Halle sein Amt als Musikdirektor und Oberorganist antrat. Von Wolff, der ihm als einem Lieblingsschüler der Merseburger Exilzeit ein gutes Andenken bewahrt hatte, mit offenen Armen empfangen, durch sein Wissen, sein einnehmendes, wieder elastisch gewordenes Wesen, besonders aber durch seine Kunst alle bezaubernd, wurde er bald ein Abgott der Musensöhne.

Sein Bestreben war, den musikalischen Teil der Studentenschaft in Instrumental- und Vokalmusik weiter auszubilden, einen großen Sängerchor mit Solis und endlich ein bedeutendes Orchester aus ihm zu schaffen. Für diesen wollte er komponieren und so alle Träume, die er von der Macht und Vielseitigkeit der Musik hatte, verwirklichen, durch ihn den Gipfel des Ruhms erklimmen.

Störend wirkte lediglich, daß ihm seine geistlichen Vorgesetzten, vor allem der Superintendent Spex, mit einer gewissen Reserviertheit begegneten. Mit Recht führte er ihr höflich-kühles Benehmen darauf zurück, daß sie sich noch beleidigt fühlten, weil ihre Wünsche und Meinungen bei Besetzung der Organistenstelle einfach übergangen worden waren und der König dekretiert hatte: »Der Bach bekommt das Amt!« – Friedemann, der gelernt zu haben glaubte, welch schwere Kunst das Leben ist, zog die Folgerungen und ging, soweit es seine Dienstgeschäfte zuließen, peinlich allem aus dem Wege, was ein geistliches Gewand trug. Desto mehr hielt er sich zu seinem früheren Lehrer der Philosophie, zu dessen geistiger Richtung er sich zudem besonders hingezogen fühlte.

Nach einem Diskussionsabend bei Wolff wollte Friedemann eben nach Hut und Stock greifen, um sich den aufbrechenden Professoren und Studenten anzuschließen, als der Hausherr ihn zurückhielt: »Auf ein Wort noch, lieber Bach! – Sie sind erst kurze Zeit hier, Sie kennen Halle und seine Verhältnisse noch wenig. Hören Sie auf den Rat eines alten Freundes! Sie wissen, wie lieb ich Sie habe und wie gern ich's sehe, wenn Sie mich recht oft besuchen und der Weltweisheit Ihre Vorliebe schenken. Aber eben weil ich Sie so lieb habe, bitte ich Sie: besuchen Sie mich nicht mehr so oft, es möchte Ihnen schaden! Halten Sie sich lieber, aus Klugheit wenigstens, etwas mehr zur Theologie, zu Ihren Vorgesetzten an der Marienkirche. Gottesgelahrtheit und Weltweisheit liegen einander in Halle ewig in den Haaren, und Sie werden – zumal jetzt, da die Theologie im Schatten steht – sich alle die auf den Hals hetzen, die sich ohnehin schon gekränkt fühlen, aber nun einmal Ihre Behörden sind, die Ihnen das Leben verbittern können.«

»Illustrissimus, Sie haben wohl recht, aber was soll ich denn machen? Ich kann doch den Leuten nicht das Haus einlaufen, wenn sie mich kalt und scheel ansehen und bei sich aufnehmen, als käme irgendein Hans Narr.«

»Ei, ja, das ist ganz gut! Sie sollen ja auch nicht den Speichellecker machen, das verlange ich am wenigsten von Ihnen, aber Sie sollen klug sein und sich die Leute nicht verfeinden. Man muß es dummen und brutalen Menschen, wenn man nun einmal mit ihnen leben muß, gar nicht zeigen, daß man ihre Narrheiten und Bosheiten merkt. Ist Spex grob, so seien Sie freundlich, ist er hochfahrend, seien Sie gelassen! Tun Sie im übrigen Ihre Schuldigkeit, seien Sie ein Philosoph für sich und besuchen Sie, wie gesagt, den alten Wolff nicht zu oft, es könnte Ihnen wirklich schaden, Bach. Jeder muß sich nach der Decke strecken!«

Friedemanns geradem Sinn kam es wie Heuchelei vor, daß er Wolff meiden und sich Leuten nähern sollte, die ihn abgestoßen hatten. Dennoch suchte er, seiner Stellung zuliebe, diese Annäherung zu bewirken und war in jeder Beziehung freundlich und gefällig. Er zwang sich dazu, die herausfordernden Blicke der Pastoren von St. Marien zu übersehen, wußte aber, daß ein Zusammenstoß mit seinem Unterorganisten Schnabel, er mochte sich biegen und schmiegen wie er wolle, unvermeidlich war. Schnabel, der zwar kein überragender, aber auch kein schlechter Organist war, hatte aus Berechnung die bucklige Schwägerin des Superintendenten geheiratet und dadurch, mit begründeter Aussicht auf baldiges Aufrücken in die Oberorganistenstelle, sein jetziges Amt erlangt. Bachs Auftauchen steckte seine Hoffnungen zurück, Bachs erstes Orgelkonzert zerstörte sie.

Für immer? War nicht Schwager Spex Superintendent, und konnte man ihn nicht veranlassen, wenigstens diese fatalen Orgelkonzerte des Konkurrenten, die solch rasenden Zulauf hatten, abzustellen? Waren diese rauschenden Tonphantasien noch Musik, wie sie der Heiligkeit des Ortes geziemte? – Schnabels Aufstachelung fiel auf fruchtbaren Boden, und nach einem Samstags-Konzert wurde Friedemann im Beisein des Unterorganisten von Spex gestellt: »Herr Organist Bach! Ich habe schon zu mehreren Malen bemerkt, daß Ihr das Haus des Herrn dazu benutzt, sogenannte Orgelkonzerte zu exekutieren vor einer Masse Menschen, die nur dann in die Kirche gehen, wenn Ihr Eure Tonspektakel loslaßt. Das ist bisher nie in unserem ehrsamen Halle Sitte gewesen, und ich erkläre Euch kurz und ein für allemal, daß ich nicht dulden werde, daß unsere liebe Kirche solchem heidnischen Divertissement und Zeitvertreib diene. Ich untersage Euch hiermit den Gebrauch der Orgel, außer zum Gottesdienst. Ihr seid ein Diener und Knecht der Kirche, auf deren Geheiß Ihr zur Verherrlichung des Höchsten beitragen dürft, die Euch aber verbietet, Allotria zu treiben!«

Alles Blut wich Friedemann aus dem Gesicht. Er wollte aufbrausen, besonders, als er den neben sich stehenden, höhnisch lächelnden Schnabel sah, faßte sich aber und antwortete ruhig: »Mein Herr Superintendent! Ich weiß wohl, daß Sie mein Vorgesetzter sind und daß ich Ihnen in allen meinen Amtsverrichtungen Folge zu leisten habe. Soviel ich weiß, ist das bis dato auch pünktlich geschehen. Ich bin aber nicht nur Organist, ich bin auch – Künstler, Herr Superintendent, und als solcher verwende ich während der Zeit, in der kein Gottesdienst stattfindet, die Orgel wie mir beliebt! Mein Vater gibt Orgelkonzerte, soviel ihm gutdünkt, und ein Orgelkonzert vor Seiner Majestät war's, das mir diese Stellung eintrug. Solange ich lebe, werde ich Orgel spielen, wann und vor wem ich will, – oder ich rühre keine Taste mehr an! Dabei bleibt es!«

»Nein, dabei bleibt es nicht!« polterte der Theologe. »So weit sind wir noch nicht, daß die Kirche zum Baalsdienst, zum Sinnenkitzel gebraucht wird! Fehlt nur noch, daß man die Bänke hinausschmeißt und drinnen tanzt und säuft! Und 's wäre nicht einmal eine größere Schändung als Seine Satansmusik! Ob er vor Potentaten spielt, ob Er's Seinem Vater nachmacht, geht mich nichts an! Und fängt Er so was wieder an, laß ich Ihm die Kirchentüre durch die Polizei zusperren, das sage ich Ihm!«

»Und ich sage Ihm, daß Er ein Narr ist!«

»Sie wagen, Mensch?! . . . Ich bin Superintendent und Ihr Vorgesetzter, Herr!«

»Ich bin Oberorganist und Musikdirektor zu Halle! Durch den König! Und ich bin Künstler!«

»Ich werde mich in Berlin über Sie beklagen! Sie spielen keinen Ton mehr in meiner Kirche!«

Aufs höchste empört und erregt, erzählte Friedemann noch am gleichen Abend Wolff den ganzen Verlauf der Sache; dieser riet zur Mäßigung, sagte aber bereitwillig seine Hilfe zu, falls sie sich als notwendig erweisen sollte.

Immer noch ärgerlich, aber doch beruhigt und ermutigt, schlenderte er der Marienkirche zu, in deren Nähe er im Talhaus seine Amtswohnung hatte; er überdachte sein künftiges Verhalten in dem ausgebrochenen Streit. Auf seinem Wege kam er am Marktplatz vorüber, an dem, an der Ecke der Brüdergasse, das Gasthaus »Zum goldenen Ring« lag, von den Studenten nur das »Saufloch« genannt. In den engen, immer tabakverqualmten Wirtsstuben wurde viel und gut gespeist, und auch Friedemann pflegte hier seine Mittagsmahlzeit einzunehmen. Abends und bis spät in die Nacht hinein gaben sich im »Saufloch« die buntbemützten Burschen der Landsmannschaften und die keine Farben tragenden Theologen, die »Schwarzen«, ein lärmendes Stelldichein. Übermütige Lieder klangen, die letzten Batzen lösten sich in »Tabak und Cerevis« auf, und manche mehr oder minder blutige Kontrahage nahm hier ihren Anfang.

Einer augenblicklichen Laune folgend, trat Friedemann ins »Saufloch« ein, das er seines Standes wegen um diese Stunde sonst zu meiden pflegte. In der »Bürgerstube« fand er den Postmeister, den Syndikus und andere gute Bekannte und Verehrer seiner Kunst. Jubelnd begrüßten sie ihn, und bald gewahrten auch die nebenan weilenden Studenten seine Anwesenheit. Ehe er sich's versah, war er der Mittelpunkt seiner Anhänger, die ihn mit Wort und Lied, vor allem aber mit Zutrinken, weidlich feierten. Je mehr es sich jedoch die Gesellschaft angelegen sein ließ, seine mürrische Stimmung zu bannen, um so verstimmter wurde er, bis plötzlich sein verhaltener Ärger sich in der Erzählung dessen Luft machte, was ihm widerfahren war. »Der verdammte Duckmäuser! Der Lump!« schrien die Studenten durcheinander und ließen einen Hagel weiterer Schimpfworte fallen. In der ersten Hitze wollten die Empörten dem Spex vors Haus ziehen und die Freigabe der Orgel verlangen; nur die Bitten und Vorstellungen des Syndikus, daß man dadurch Bachs Stellung noch mehr gefährde, brachten die jungen Leute zur Vernunft.

»Ich gebe Ihnen mein Wort«, rief Friedemann ihnen zu, als er nach Hause ging, »daß der Pastor Spex schon morgen froh sein soll, wenn ich seine Orgel wieder spiele!«

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von dem Vorfall durch die Stadt, und am Sonntagmorgen war die Marienkirche schon vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt. Friedemann Bach erschien, als die letzten Glockentöne verhallt waren, aber nicht auf dem Chor, sondern unten im Schiff, wo er sich mitten unter die Gemeinde setzte. Man sah ihn erstaunt an, man flüsterte, drehte den Kopf nach der Orgel um. »Ja, ich bin selbst neugierig«, beantwortete er halblaut die stummen Fragen seiner Nachbarn, »wer heute die Orgel spielen wird.«

Aber da kam auch schon der Küster, der den überall Gesuchten schließlich hier entdeckt hatte, auf ihn zu und ersuchte im Auftrag des Superintendenten, doch endlich mit dem Präludium zu beginnen.

»Ich? – Nein! Ich will einmal zuhören. Spiele, wer Lust hat!«

»Aber, mit Verlaub, Herr Oberorganist, der Herr Schnabel hat ja die Orgelschlüssel nicht!«

»Das weiß ich wohl! Ich hab' sie in der Tasche, und da sollen sie auch bleiben!«

Der Küster ging, kehrte aber gleich darauf zurück und bat Friedemann zu einer Unterredung mit Spex in die Sakristei.

Zitternd vor Wut und Ärger, doch alle Kraft aufbietend, um sich nicht noch mehr bloßzustellen, empfing ihn der Prediger. »Herr Oberorganist Bach, ich bitte mir die Orgelschlüssel aus!«

»Herr Superintendent Spex, die gebe ich nicht. Die Orgel ist unter meinem Verschluß!«

»Und Sie weigern sich, im Hause des Herrn an Ihre Amtsverrichtungen zu gehen?«

»Ich weigere mich, weil Sie mich derselben enthoben haben und ich damit einverstanden bin. Mein Amt, das mir Seine Majestät gegeben hat, können Sie mir nicht nehmen, wohl aber mir den Gebrauch Ihrer Orgel entziehen. Hinwiederum habe ich als Oberorganist dafür zu sorgen, daß kein Pfuscher über sie gerät!«

»Aber ich bitte Sie, um Gottes willen, was soll denn geschehen?«

»Das weiß ich nicht!«

»Wollen Sie denn die Orgel überhaupt nicht mehr spielen?« fragte Spex ängstlich und doch voll verhaltener Wut.

»Nein! Entweder habe ich über die Orgel zu befehlen und spiele sie, wann und wie mir gefällt, oder gar nicht!«

»Nun, so spielen Sie in . . . Himmels Namen, wann und wie Sie wollen; ich gebe mich drein!«

Wenige Minuten später umrauschten in ungewöhnlicher Pracht die Orgeltöne die Gemeinde.

Spex, besiegt und dem Gespött der akademischen Jugend preisgegeben, fühlte, wie tief seine Autorität bei den Gläubigen sinken mußte, und er beschloß, auf der Stelle etwas dagegen zu tun. Er bestieg also die Kanzel und überschüttete, indem er das Evangelium von den »anvertrauten Pfunden« und dem »unnützen Knecht« zum Grundtext der Predigt nahm, den armen Friedemann Bach mit seinem ganzen Haß. Er verlieh mit seiner wütenden Kapuzinade dadurch aber dem Streit, der bis jetzt noch den Charakter eines Geheimnisses getragen hatte, eine schrankenlose Öffentlichkeit.

Das Opfer seines Grimms saß währenddessen regungslos im Orgelstuhl und hörte, bitter lächelnd, der eigenartigen Predigt dieses eigenartigen Gottesdieners zu. Wieder stürzten einige Pfeiler seines Kinderglaubens ein, und sein schmerzlich bewegter Geist wandte sich der Weltweisheit zu, in der er wenigstens Redlichkeit fand . . .

»Und wollet ihr wissen«, donnerte Spex gerade von der Kanzel herab, »wer schuld ist an dem Elend und der Herzenshärtigkeit dieser Zeit? Ich will's euch sagen! Das ist jener Newton, jener Leibniz, in denen Satan und Luzifer dem zehnfachen Höllenpfuhl entstiegen, um die Welt zu füllen mit allen Greueln des Unglaubens und der Verderbnis! Das ist jene ›Ratio‹, die alte Buhlerin von Babel, deren Mund voll ist von Atheismus und Lästerung! Aus ihrem Becher haben getrunken die Könige dieser Zeit, die den Unglauben und Afterwitz in Schutz nehmen und der reinen Lehre und Gottseligkeit ein Bein stellen! Sie sind's, die, weil sie selbst unnütz sind, unnützen Knechten das Pfund anvertrauen, das ihnen Gott gegeben, und . . .«

Alle Register hatte Friedemann gezogen, und ein Fortissimo, dessen Gewalt die Gewölbe der Kirche schier zu sprengen drohte, erstickte in einer Kaskade von Orgeltönen die Strafrede des Predigers. Noch einmal versuchte er, mit seiner eifernden Stimme durchzudringen, dann gab er das aussichtslose Bemühen auf und verließ die Kanzel.

Vor der Kirchentüre sammelten sich dichte Gruppen gestikulierender Musensöhne, ehrsame Bürger und Bürgerinnen strebten kopfschüttelnd nach Hause; Wolff verließ die Kirche durch eine Seitentüre und gelangte unbemerkt an den Studenten vorüber, und auch Friedemann konnte sich einer Schar Anhänger schnell entziehen. Nur Spex wagte nicht, die Kirche zu verlassen, weil er gewisse »Liebesbeweise« der Wartenden befürchtete.

Nach einer bangen Stunde erschienen endlich, vom Kanzler Wolff geschickt, die Pedelle in ihrer Amtstracht und ersuchten die Studierenden im Namen des Senats, sich durch keinen Zornesausbruch zu entehren und den rein geistigen Streit nicht in die Wirklichkeit hinüberzuziehen. Das wirkte.

Die Studenten verließen den Platz und legten sich im »Saufloch« vor Anker, um zu beraten, was zu tun sei.

Währenddessen ging Friedemann in seinem Zimmer unruhig auf und nieder. Etwas wie Reue, wie das Bewußtsein, nicht ganz vernünftig gehandelt, die Kunst des Lebens wieder einmal nicht recht begriffen zu haben, versetzte ihn in einen Zustand von Ärger, Schmerz, Verlegenheit und Besorgnis für seine Lage. Er hatte sich in einen Skandal verwickelt, der ihm schmachvoll für beide Teile erscheinen mußte, dessen Öffentlichkeit er fürchtete, zumal wenn er an seinen Vater dachte. Er würde ihm die unerquickliche Geschichte gern verheimlichen. Das aber war ihm selbst ein schlechtes Zeichen für sein Recht in dieser Sache, und doch konnte er nicht finden, daß er irgendwie unrecht gehandelt habe. Wenn ihm auch die klare Erkenntnis fehlte, so fühlte er doch instinktiv, daß die Ursachen der Auseinandersetzung tiefer lagen: daß sie in dem alten Streit zwischen Philosophie und Theologie zu suchen seien, in den sich beide Parteien erbittert und starrköpfig immer mehr verbissen hatten, und der zu einem offenen Ausbruch einmal kommen mußte. Schlimm war es eben nur, daß Friedemann zwischen die Gegner geraten war und selbst die Gefahr heraufbeschworen hatte, zwischen ihnen zerrieben zu werden. – Uneins mit sich selbst, nahm er Hut und Stock und ging zu Wolff.

»Das ist ein schlimmer Handel, lieber Bach!« meinte der mit keineswegs rosiger Laune. »Ist mir sehr unangenehm und kann für Sie Folgen haben, die wir uns nicht träumen lassen.«

»Aber, mein Gott, was habe ich denn Übles getan? Habe ich nicht das Recht, die Orgel wie mein Vater zu gebrauchen? War es denn länger zu ertragen, die Wissenschaft, Sie selbst, sogar einen Fürsten beschimpft zu sehen, dem wir alles verdanken?!«

»Mein Gott, wer bestreitet denn das, Freund, daß uns unrecht geschehen ist? Aber ist das ein Grund, selbst ein solches zu begehen? Sie in Ihrer Stellung als Diener der Kirche durften sich unter keiner Bedingung, wenn Sie die Wissenschaft auch noch so sehr lieben, in deren Streitigkeiten mischen! Geben Sie acht, was nun geschieht! Die Studenten werden nicht ruhig sitzen; ich kenne das, und ich werde alle Hände voll zu tun haben, um Exzesse zu unterdrücken.«

Nun erst eröffnete sich Friedemann die ganze Tragweite seines unklugen Benehmens. »Aber, mein Gott, Illustrissimus, was kann ich denn tun, was hätte ich denn vermeiden sollen?«

»Sie wissen, bester Bach, wie lieb ich Sie habe. Ich achte Sie als Künstler wie als Mensch und schätze Ihre wissenschaftliche Reife. Was Ihnen aber fehlt, ist Lebensklugheit. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe! So sehr Sie Philosoph sind, müssen Sie sich doch sagen, daß Ihre Kunst allein in der Theologie, im kirchlichen Ritus ihre Wurzeln hat. Als Musiker können Sie gar nicht fromm genug sein, aber sehr leicht zu spekulativ, das müssen Sie sich klarmachen. Nun, ändern läßt sich das Geschehene nicht, aber es muß wenigstens alles vermieden werden, was den Skandal noch weiter ausdehnen kann. Da Sie nun leicht in den Fall kommen können, für die Wissenschaft bluten zu müssen – Spex wird nicht versäumen, Sie in Berlin anzuschwärzen – werde ich meinerseits, sobald man etwas gegen Sie im Schilde führt, einen ausführlichen Bericht an die Behörde senden, um Sie vor den Folgen zu schützen. Sie sind in der öffentlichen Meinung nun einmal auf unsere Seite getreten, so sehr Sie auf die andere gehören! Versäumen Sie daher von nun an keine Gelegenheit, um zu beweisen, daß Sie kein Gegner jener Leute sind! Im übrigen wird die Wahrheit der Wissenschaft auch ohne Sie siegen! Wenn Sie in Ihrer Stellung für sie kämpfen wollen, wird Ihnen wie der Sache nur geschadet. Nehmen Sie das als aufrichtige Meinung eines alten Mannes, der Ihnen wohl will!«

Als Friedemann Wolffs Haus verließ, war es bereits dunkel geworden, aber in den Straßen herrschte noch ungewöhnlich reges Leben. »Die Studenten bringen Wolff und Bach einen Fackelzug, der Spex kriegt ein Pereat«, flüsterten die Leute und standen erwartungsvoll vor den Türen. Auf dem Markt, um des Pastors Amtswohnung, am Talhaus und beim »Saufloch« lagerten dichte Massen und harrten der kommenden Dinge.

Spex, der von dem, was ihm bevorstand, Wind bekommen hatte, war von den »Schwarzen« umgeben, die nicht versäumt hatten, zum Schutze der Theologie die Schläger mitzubringen. Das Hauptquartier der Gegner befand sich im »Saufloch«, und als Wolff von dem Beginn ihrer Vorbereitungen erfuhr, schickte er zwei Pedelle und ließ die Herren Seniores zu einer Unterredung zu sich bitten. Diese leisteten, von den Korpsbrüdern begleitet, der Einladung sofort Folge.

Wolff empfing sie mit der liebenswürdigen Versicherung, daß er die Ehre, die man ihm zugedacht, wohl zu schätzen wisse und aufrichtig dafür danke. Gleichwohl müsse er bitten, sie als empfangen ansehen zu dürfen. »Immer schon habe ich in den verehrlichen Landsmannschaften« – so endete er – »den Hort der Wissenschaft gesehen, und gerade deshalb darf ich nahelegen, gleich dem Löwen in der Fabel, des Hasen zu schonen und mir zuliebe von jeder Demonstration abzusehen. Bedenken Sie, meine Herren Kommilitonen, daß die Philosophie sich selbst entehrt, wenn sie am Feind nicht stolze Großmut übt!«

Restlos konnte der Kanzler mit seinem Appell die aufgeregten Gemüter allerdings nicht beruhigen. Wenigstens dem Mann, der sich so mutig und entschieden zur Sache der Wissenschaft bekannt hatte, wollten die Landsmannschafter eine sichtbare Anerkennung zuteil werden lassen. Sie zogen vor das Talhaus und brachten dem Herrn Musikdirektor ein Ständchen mit tosendem Vivat. – Friedemann ließ sich gefallen, was zu verhindern er nicht in der Lage war; verlegen stammelte er ein paar Dankesworte.

Unglücklicherweise wohnte nebenan der Unterorganist Schnabel. Verärgert über die neue Ehrung seines Widersachers, erbittert über die nebensächliche Rolle, die er im Parteienstreit bislang gespielt hatte, vertrauend auf die Hilfe der »Schwarzen«, die irgendwo auf der Lauer liegen mußten, riß er das Fenster auf: »Ich verbitte mir hier jede Ruhestörung und ermahne Sie, wie sich's für anständige junge Leute geziemt, nach Hause zu gehen!«

»I, das ist ja der krummbeinige Schnabel!« tönte es im Chor dem verwegenen Rufer entgegen. »Haut doch dem Kerl das Leder voll!« Und unter schallendem Gelächter schickte man sich an, die Haustüre zu erbrechen. Jetzt aber zeterte die entsetzte Ehegenossin auf den aschfarbenen Gatten los, der da gewagt hatte, den halleschen Löwentrotz zu wecken. Die Senioren beschwichtigten ihre Korpsbrüder, und auch Friedemann eilte herbei, um Schlimmes abzuwenden. Aber wenigstens einen Ulk wollten sich die Studenten nicht entgehen lassen, und unter furchtbarem Geschrei und Gepolter wurde der »Kopf des Elenden« gefordert. »Schnabel raus! Raus mit 'm Schnabel! Will Er wohl raus, alter Storchschnabel« – und, von seiner jammernden Ehefrau beschworen, erschien zähneklappernd der arme Schnabel am Fenster.

»Meine Herren, ich . . .«

»Maul halten, altes Kamel!« brüllte der Präses der Versammlung. Die entstehende Stille wurde von Frau Schnabel schnell dazu benutzt, um ängstlich zu flehen: »Ach, verzeihen Sie doch meinem Manne, er versteht nicht, mit Dero Hochgeboren umzugehen!«

»Bravo!« ertönte es von unten. »Die Mutter Schnabel ist eine kluge Frau, sie hat die Hosen an!« – Alles lachte. – »Will Sie die Wache über Ihren krummbeinigen Gatten übernehmen, Frau Schnabel, daß der Schnabel künftig den Schnabel hält?«

»Ach ja, gewiß, er soll's nicht wieder tun!«

»Gut! Lassen Sie ihn ans Fenster treten und bringen Sie eine Schlafmütze und einen Kochlöffel!«

Schnabel zeigte sich wieder, und seine Frau holte die verlangten Gegenstände herbei.

»Setzen Sie ihm die Mütze auf! – Halten Sie nun als seine Herrscherin den Löffel wie ein Schwert über sein Haupt! . . . Er aber, unwürdiger Schnabel, scheußlichster aller Schnäbel, die je in Neid und Dummheit geöffnet wurden, spreche Er nach, was ich Ihm sage!«

Und unter wieherndem Gejohle wiederholte der Gemarterte laut und deutlich die ihm vorgesprochenen Worte: »Ich bekenne hiermit, daß ich ein grenzenloser Esel bin, der größte mente captus meiner Zeit! In Anbetracht dessen und meiner Unzurechnungsfähigkeit gelobe ich, nie etwas anderes zu sagen, als das, was mir meine Ehefrau, die die Hosen anhat, erlaubt!«

»Amen!«

»Amen!«

»So sei denn frei, wackrer Schnabel, sehr werter Hauptesel der Theologie! – Es lebe die Landsmannschaft!« Und mit großem Lärm und Hallo verzog sich die jugendliche Volksjustiz.

Der Fluch der Lächerlichkeit, der seit jenem Tage dem Superintendenten anhaftete, ließ ihn nicht ruhen, bevor er seinen Rachegefühlen Genüge getan hatte. Er konnte sich zwar denken, daß er in Berlin kein leichtes Spiel haben würde, sandte nach geraumer Zeit aber trotzdem eine mit Schnabels Hilfe verfaßte geharnischte Klageschrift ab. Friedemanns Freund, der Postmeister, war jedoch wachsam gewesen und gab einen deutlichen Wink. Spex's Schreiben auf dem Fuße folgte daher eine »Wahrhafte Darstellung der Sachlage«, die durch unterschriebene Zeugenaussagen belegt war und Wolff zum Verfasser hatte. Das Landeskonsistorium getraute sich indessen nicht, von sich aus ein Urteil zu fällen und referierte dem König. »Dem Bach«, lautete dessen Entscheid, »stehe allein die Verfügung ober die Orgel zu, doch rate er ihm, sich nur um seine Kunst und sein Amt zu kümmern, sonst werde er ihn zum Teufel schicken. Dem Spex aber sei zu bedeuten, daß er ihn, wenn er die Kanzel noch einmal zu Allotria gebrauche, zum Zuchthausprediger in einer Festung machen werde.«

Als Spex diese Resolution empfing, wollte er schier in die Erde sinken. »Und doch!« trotzte er dann zu Schnabel, »und es wird doch die Zeit kommen, wo dem Herrn Bach ein Bein zu stellen ist!« Aber er behandelte von nun an Friedemann auf das zuvorkommendste, und dieser, so wenig Gutes er auch hinter diesem neuen Benehmen witterte, vergalt es mit freundlicher Artigkeit.

Friedemann war durch die Gefahren, die die unseligen Ereignisse unheildrohend wie Gewitterwolken um ihn geballt hatten, gewitzigt und vorsichtig geworden. Er lebte nun fast ausschließlich seiner Kunst. Regelmäßig veranstaltete er seine immer berühmter werdenden Orgelkonzerte; er verbesserte den von ihm geleiteten Chor, er schuf aus dem akademischen Orchester einen Klangkörper von hohem künstlerischen Niveau, er komponierte auch einige Stücke.

Seine ganze Leidenschaft aber, sein unbändiger Schaffensdrang, sein neubelebter Schöpferwille gehörten dem großen Werk, das er begonnen hatte: dem »Luzifer«. Noch tiefer, noch ergreifender, noch gewaltiger sollte es werden als das im Wahnsinn versunkene Fragment jener unheimlichen Karfreitagsnacht, sollte Krönung seines Künstlertums, Glanzpunkt seines Lebens sein!

Der »Luzifer« war nicht eigentlich ein Oratorium, nicht eigentlich eine Oper; er sollte beides werden: eine religiöse Oper, die aber über den Raum der Bühne hinausging und nur in der Kirche aufzuführen war. Er wollte in dieser riesigen Tontragödie die Entstehung der Verneinung, das Werden des Schattens aus dem Licht, den furchtbaren Kampf beider Gegensätze, die tragische Vernichtung Luzifers durch den Herrn, der Finsternis durch das Licht, und die endliche Harmonie und Versöhnung beider Prinzipien darstellen . . .

Je mehr das Werk fortschritt, je zwingender und unbedingter zog es ihn zur Weiterführung in die Stille seines Arbeitszimmers. Dann flog die Feder übers Papier, bald am Text, den er selber dichtete, feilend und verbessernd, bald komponierend; dann sangen und klangen, wimmerten und weinten, jauchzten und jubelten die Saiten. Und über allem Tun strahlten, oben aus dem kleinen Bild über dem Klavier, die schönen Augen der Astrua wie leuchtende Sterne.

Ihr gehörte dieses Werk! Und wenn er es nächstens in ihre Hände legen und sagen würde: »Ich habe deine Worte nicht vergessen! Immer lag mir im Ohr: daß du zu sehr Künstlerin seiest, um nicht im größten Musiker den liebenswertesten Mann zu sehen!« – dann würden diese Hände, diese lieben Hände, sich warm und weich um seinen Nacken legen, und er würde wissen, daß er dieser liebenswerteste Mann ist, weil er der größte Musiker war.

Zu Ende des Jahres 1749 war die erste Abteilung des »Luzifer« beendet, und Friedemann beeilte sich, die Geliebte mit der Zusendung der Partitur zu überraschen. In siegesfroher, glücklicher Erwartung fieberte er der Antwort entgegen, und sie ließ nicht lange auf sich warten.

»Mein Bester! – Anbei erfolgt der erste Teil Ihres »Luzifer« dankbarst zurück. Ich würde es für ein Verbrechen an der Kunst wie an Ihnen halten, unehrlich zu sein und Sie mit Schmeicheleien zu betrügen. Das Werk enthält viele Schönheiten, – Schönheiten, deren Größe mich erschreckt, wie ich sie aber (nach meinen Begriffen) in der Kunst nicht wünschen kann. Ich bekenne, daß ich die ganze Tondichtung nicht verstehe! Obwohl Sie mir in Ihrem Begleitschreiben sogar den Plan des Ganzen auseinandersetzen, verstehe ich sie nicht! Das ist überhaupt kein musikalischer Stoff; denn selbst wenn man ihn verstehen könnte, müßte man wünschen, ihn nie gehört zu haben! Ich beklage aufrichtig, daß Sie sich künstlerisch so verirrt haben. Und nachdem ich die Überzeugung gewonnen habe, daß Sie von dem, was ich von Ihnen erhoffte, weiter entfernt sind als je, scheide ich von Ihnen mit dem Wunsche, daß Gott Sie in seinen Schutz nehmen möge! Leben Sie wohl! – Ergebenst Astrua.«

Aus dem in Liebe, Freude, Glück und Stolz traumhaft emporgeglühten Morgenrot eines neuen Daseins jählings in finsterste Nacht gerissen, brach er mit einem Schrei der Verzweiflung zusammen.

Es war Nacht, als er sich vom Boden erhob. Mühsam zündete er ein Licht an und sah sich wirr in der öden Stube um. Auf der Erde lag das Manuskript des »Luzifer«. Er hob es auf, schritt zum Ofen und warf es auf die halberloschene Kohle. Hell loderte die Flamme auf. Er hockte da, sah zu, wie seine Schöpfung sich bäumte und wand, in Asche zerfiel; er kicherte. Und dann sang er in näselndem Tone: »Willst du dein Herz mir schenken?«

Seitdem sagten die Leute: »Dem Friedemann Bach ist's nicht richtig im Kopf!« Er war nicht eigentlich wahnsinnig, aber wenn »es« über ihn kam, vollführte er die tollsten Streiche. Eine Weile sah man zu, dann wurde er für amtsuntauglich erklärt.

Und noch einmal leuchtete sein guter Stern. Er erhielt, ohne daß er etwas dazu getan hätte, das Patent eines Hessen-Darmstädtischen Kapellmeisters.

Er zerriß es! Und wie er ging und stand, schritt er zum Leipziger Tor hinaus. Irgendwohin . . .

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