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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XVII.

Friedrich II. klappte das Buch zu, in dem er gelesen hatte. Er war heute nicht in besonderer Stimmung, und weder Voltaires zynische Gedankenblitze noch La Mettries scharf deduktives Wesen, weder Diderots liebenswürdige Klarheit noch d'Alemberts rhetorische Grazie oder Rousseaus schwermütiger Idealismus wollten ihn befriedigen. Er war froh, daß die Stunde des allabendlichen Kammerkonzertes gekommen war. Quanz oder der König spielten dabei gewöhnlich die Flöte, Emanuel Bach das Klavier oder Cello, Graun hatte die Violine prime, Kirnberger und Benda führten die zweite Violine und Agricola die Bratsche. Salimbeni und die Astrua bestritten, im Bedarfsfall von anderen Mitgliedern der Oper unterstützt, die Gesangspartien. Jede Etikette war verbannt.

Als Friedrich den Konzertsaal betrat, in dem außer den mitwirkenden Künstlern die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses seiner bereits harrten, schlug es von der Schloßkirche eben neun Uhr. Die Tambours der Wache wirbelten den Zapfenstreich, und mit dem letzten Hall trat der diensttuende Offizier herein und überreichte dem König den Tagesrapport. Der überflog ihn mit schnellen, etwas gleichgültigen Blicken, stutzte aber freudig überrascht, als er in der Liste der angekommenen Fremden, die er persönlich zu überprüfen pflegte, um Spione, Unterhändler, Aufpasser fremder Mächte rechtzeitig zu erkennen, einen langersehnten Namen fand.

»Meine Herren«, sagte er zu den Musikern, »ich hätte heute wirklich gerne etwas aus Grauns neuer Oper gehört, aber wir werden uns den Genuß für ein andermal aufsparen: der alte Bach ist gekommen.«

»Mein Vater?!« rief Emanuel und sprang vom Stuhl auf.

»Ja, es ist Sein Vater, und der Bruder auch. Sie sind in Seiner Wohnung abgestiegen. Geh Er zu ihm, er soll gleich aufs Schloß kommen, hört Er? Gleich! Ich muß ihn sehen!«

Unruhig schritt der König auf und nieder, die Künstler flüsterten miteinander, Kirnberger und Agricola stießen sich in der frohen Erwartung, ihren verehrten Meister gleich wiederzusehen, heimlich in die Seiten.

»Nun, Ihr beide freut Euch auch wohl recht, daß der Alte kommt?«

»Ach gewiß, gar sehr, Majestät!« riefen beide zugleich.

»Ich bin neugierig, was aus Friedemann geworden ist«, bemerkte Graun; »in Merseburg versprach er viel.«

»Verspitz Er sich nicht auf zu Großes! Der Friedemann ist irritiert, er tut mir leid; er soll ein guter Organist sein.« Wieder ging der König sinnend auf und nieder. Alles war still. Endlich flogen die Flügeltüren auf, und Emanuel Bach führte freudestrahlend seinen Vater herein. Friedemann folgte blaß und etwas angegriffen. Das Auge des greisen Musikers begegnete dem Blick des Königs; er verneigte sich.

Friedrich reichte Bach die Hand: »Pfui, ist Er schlecht, daß Er so lange auf sich warten läßt! Weiß Er denn gar nicht, wieviel Freunde und Anbeter Er hier hat?«

»Majestät, daß ich nicht eher kam, war gewiß nicht meine Schuld.«

»Ja, ja, meine war's! Ich hätte Ihm eher die Husaren auf den Pelz schicken sollen.«

Sebastian lächelte: »Nicht doch, Majestät! Der liebe Gott war auch ein wenig schuld; der hat mir so mancherlei geschickt, daß ich nicht abkommen konnte.«

»Ja, ich weiß! – Das ist also der Friedemann?«

Der junge Bach trat schüchtern vor und verbeugte sich.

»Er hat Unglück gehabt? Nun, Dresden ist nicht die Welt. Bedenk Er auch, daß der Schmerz den Künstler wie den Menschen erst reif macht. Er wird uns doch auch was von Seiner Geschicklichkeit sehen lassen?«

»Soviel ich vermag, Majestät!«

»Nun, Meister Sebastian, wenn Er von der Reise nicht allzusehr ermüdet ist, möchte ich Ihm gleich die neuen Silbermannschen Pianofortes zeigen, und wohl wissen, wie Er sie findet.«

»Zu Befehl, Majestät! In seiner Kunst darf man nimmer müde sein.«

Friedrich nahm Sebastian am Arm, und sie schritten, von der Hofgesellschaft begleitet, von Zimmer zu Zimmer. Wo eins der berühmten Pianos stand, bildete sich ein Kreis, und Sebastian prüfte durch seine schönen Variationen, die alle Zuhörer entzückten, die Güte des Instrumentes. Der König lachte vor Behagen. Als sämtliche Silbermanns durchgespielt waren, sagte Sebastian: »Der im grünen Pavillon, Majestät, ist der beste!«

»Wahrhaftig! Graun und Quanz meinen's auch.«

»Ein Beweis, daß die Herren gewiß keine schlechteren Ohren haben als ich. Die Instrumente sind alle vorzüglich, und es gehört schon ein eigenes Gefühl dazu, das beste herauszuhören. – Wenn Majestät befehlen, wollen wir in den Pavillon zurückkehren, damit ich nach dem Probieren nun was Besseres spielen kann.«

»Wenn Er das bloß probieren nennt, dann gnade uns Gott, wenn Er ordentlich spielt; da werden wir bald einpacken müssen.«

»O, nicht doch! Die Berliner Musika verfolgt nur ein anderes Ziel als die meine. Beide Künste sind groß für sich. Ich werde nie eine Oper schreiben, wie Meister Graun, Majestät. Dazu gehören Dinge, die ich nicht habe und nimmermehr erlangen kann!«

»Das ist gewiß ein Künstler, der alte Bach, meine Herren, denn er ist bescheiden!« Friedrichs Auge ruhte mit Wohlgefallen auf Sebastian. »Laß Er also nun hören, was Ihn von Graun unterscheidet.«

Man begab sich in den Pavillon zurück. Der Hof ließ sich auf den bereitstehenden Sesseln nieder, Quanz, Graun und Salimbeni traten hinter Bachs Stuhl, der König beobachtete den alten Meister.

»Majestät sind selbst ein großer Musiker. Darf ich ergebenst bitten, mir ein Fugenthema zu geben?«

»Ei, ei, Er ist ein Schalk! Will Er mich aufs Glatteis führen? – Na, warte Er einen Augenblick! – Quanz, die Flöte!«

Der König besann sich einige Sekunden. Dann lächelte er in sich hinein, brachte das Instrument an die Lippen und gab das Thema: »b – a – c – h«.

Erschrocken starrte der alte Sebastian den Monarchen an, und ein Flüstern, leise wie ein Windhauch, ging durch die Reihen der Musiker. Nach und nach belebte sich das Gesicht des Alten; es erglühte, wurde durchzuckt von den Blitzen innerer Bewegung. »Und das soll ich spielen, Majestät?« fragte er stammelnd.

»Spiele Er mir das, Er ist's wert!«

B – a – c – h ! Es war sein eigenes Leben, das er in Tönen malte, sein Streben, sein Traum vom Höchsten und das tragische Erkennen, daß doch alles hienieden, selbst das Schönste, nie ganz erreichbar ist. Die alte Memnonsklage zur Mutter Sonne war sein Gesang. – Da hebt das sehnsuchtsvolle, bescheidene Herz sich auf und fliegt über des Daseins enge Schranke hin zu der Uridee des Idealen und ruht im Allschoße des Wissens, Tuns und Könnens . . . doch hier . . . ein bach? . . . ach! –

Wie zündende Lohe fuhr's durch die Versammlung. Tiefe Rührung zuckte über des Königs Antlitz, und, Sebastians Hände heftig schüttelnd, sagte er: »Ich danke Ihm! Er ist doch der König unter uns allen! Bei Gott, das Instrument soll kein Mensch mehr spielen als nur der alte Bach. Ich schenke es Ihm; Er soll es von Friedrich als Andenken an diese Stunde behalten.«

»Tausend Dank, Majestät! Sie ehren mich gar hoch!«

In den nächsten Tagen, in denen der König selbst Meister Bach in die verschiedenen Kirchen Potsdams führen wollte, um ihn spielen zu hören, hatte das Städtchen den Anstrich des Festlichen, Sonntäglichen. Die Leute strömten schon am frühen Morgen ins Gotteshaus, um sich einen guten Platz zu sichern, und sogar die Königin-Mutter und die Königin mit ihrem Hofstaat waren von Berlin und Schönhausen gekommen.

Vor dem ersten Konzert, das um zwei Uhr beginnen sollte, versammelte sich die Elite der Tonkünstler bei Graun, der dem alten Bach und seinen Söhnen ein Frühstück gab. Und nie in seinem Leben war Sebastian so selig und frisch wie heute; es war, als ob des Greises jugendliche Urkraft sich noch einmal in ihrer vollen Größe entfalten wollte.

»Meister Graun, ich habe mir sagen lassen, daß ich Euch in der Aufführung verschiedener Stücke aus Eurer Oper ›Cinna‹ gestört habe, als ich kam. Wann denkt Ihr sie herauszubringen?«

»Nächsten Sonntag, Meister Sebastian.«

»Das sind freilich noch sechs Tage, und die Leipziger werden schimpfen. Schadet aber nichts! Ich bleibe, ich muß sie doch auch hören und helfen, Euern Triumph zu feiern. Meine Herren, der gute, vortreffliche Graun: hoch! Vivat hoch!«

Die Gläser klangen; in wechselndem Gedankenaustausch, bei frohen Scherzen, Erinnerungen aus alter Zeit und mancher musikalischen Köstlichkeit, die der eine oder andere aus freiem Antrieb auf dem Klavier zum besten gab, verging die Zeit.

»Kinder«, sagte Sebastian, »ihr macht doch verteufelt schöne Musik hier! Mir scheint, als ob in Berlin ein tüchtiger Kern säße, der nicht bloß dem Rameau oder den Italienern nachbetet, sondern ein Stück eigene, deutsche Musik machen kann. Ich bin auf den ›Cinna‹ neugierig! Aber, wie wär's, Mamsell Astrua, wenn ich Ihre Goldstimme schon vorher einmal hören dürfte? Haben Sie nichts Leichtes, das meinem alten Ohr glatt eingeht? – Oder halt, mir fällt was ein! Wollten Sie wohl einmal ein kleines Stück probieren, das ich bei mir habe?«

»Mit Vergnügen, lieber Herr Bach!« sagte die Astrua lebhaft, nahm das Notenblatt und ging zum Instrument.

Alle wandten sich der Sängerin zu, und Sebastians Auge suchte das seines Ältesten. Der saß beiseite, in einen Sessel gelehnt, und starrte unbeteiligt ins Leere. Der finstere Geist von ehemals war wieder über ihn gekommen; denn so sehr er sich auch über die Aufmerksamkeiten und Ehrungen, die seinem Vater in so überreichem Maß zuteil wurden, freute, so sehr kam ihm zum Bewußtsein, wie weit er selbst noch von solchem Ruhm entfernt, wie bedeutungslos er war.

Plötzlich merkte er auf, kehrte sich hastig, fast erschrocken der Sängerin zu, aus deren Mund es zart und weich, überirdisch schön erklang: »Kein Hälmlein wächst auf Erden . . .«

So hatte er es nie gehört, sein Lied, das Lied seiner Sehnsucht, seiner Schmerzen. Und wie ein flackernder Stern der Nacht, feucht schimmernd, umflort, senkten sich Astruas Blicke in die seinen. Sie trat zu ihm, nahm seine Hand und drückte sie, die Zusammenhänge ahnend, an ihr Herz: »O, lassen Sie mich das Lied abschreiben, als Angedenken an Sie, und – daß wir von heute an Freunde sind, ja?!«

»Wenn Sie es wünschen, Signorina, wer könnte es Ihnen weigern!« stammelte er. Erst jetzt ging ihm die seltene Schönheit, der fesselnde Liebreiz der großen Künstlerin auf, und es zog wie ein fernes Wehen von Glück und Freude über sein leeres Herz.

Emanuel warf einen finsteren Blick auf das Paar und eilte hinaus, um nach den königlichen Wagen Ausschau zu halten.

Als Sebastian mit seinen Söhnen und den anderen Musikern die Kirche betrat, war der Hof bereits versammelt; kurze Zeit darauf erschien der König, mit einem leichten Neigen des Kopfes nach allen Seiten grüßend.

»Lieber Bach, kann Er nun beginnen?«

»Jawohl, Majestät! Es fragt sich nur, was in Dero Allerhöchstem Belieben steht. Ich bitte um eine Aufgabe, aber – eine bessere als gestern.«

»Das wird schwer sein! Sag Er mir, kann Er wohl so ex tempore eine Fuge mit sechs obligaten Stimmen machen?«

»Wollen mir Eure Majestät verstatten, daß ich mir selber ein Thema wählen darf, so will ich's versuchen; denn nicht jedes ist zu solcher Vollstimmigkeit geschickt.«

»Tu Er das! Ich hab' mir da eine einsame Ecke ausgesucht, wo ich Ihn sans gêne hören kann. Wenn ich was von ihm will, werde ich Ihm meinen Adjutanten schicken.«

Der König ging, und Bach begann jenes Wunderwerk der Polyphonie, bei dem den Hörern war, als lägen sie in einem holden, unvergänglich süßen Traume; als hörten sie die Stimmen der Seligen und Engel, die die Himmelsleiter auf- und abwärts steigen, sich neigen und grüßen, sich umarmen und hinaufziehen in das grenzenlose All, um in einem Brudertum, in einem Liebesreigen, in einer großen, alles durchdringenden Harmonie anbetend vor dem Unendlichen niederzusinken . . .

Was in des Königs Seele vorging, verschleierte der dunkle Chor. Als er nach einer langen Pause den Sitz verließ, sagte er zu dem Adjutanten: »Die Stunde ist mir heilig, hört Er, und ich will nicht, daß ein andrer Mensch weiß oder gesehen hat, wie mir zumute war.«

»Majestät kehrten mir den Rücken zu!«

»Schön! – Geh Er hinüber und sage dem Friedemann, daß er nun auch versuchen soll.«

Der König setzte sich wieder, und gewaltigen Schwunges rauschte eine jener Rhapsodien, in denen der junge Bach groß war, durch den weiten Bau; und wenn des Vaters Spiel die Hörer in eine süße Verzückung, in die selige Stimmung eines holden Maimorgens gesenkt hatte, so versetzte sie der Sohn in einen Wechsel von Erstaunen, Lächeln, Schauder und Enthusiasmus. Sein Spiel, die Art seiner Themen, die Behandlung des Instrumentes waren effektvoll, geistreich, zuweilen fast paradox; er gab sich glänzender als jemals, denn das Ohr Friedrichs lauschte seinen Tönen, das strahlende Auge Astruas ruhte auf ihm. Als er geendet hatte, brach das Auditorium in jenes verhaltene Beifallssummen aus, das unter allen Arten des Triumphes dem Künstler am meisten schmeichelt.

Der König schickte sich zum Aufbruch an. Er murmelte: »Cet homme est un génie, mais de l'enfer!« und beauftragte seinen Begleitoffizier: »Sage Er dem alten Bach, daß ich ihn gleich sprechen will!«

Eine Stunde später betrat Sebastian das Kabinett des Königs, der ihm mit ausgebreiteten Armen entgegenging und ihn küßte: »Bach, wenn Er immer bei mir wäre, ich glaube, ich könnte richtig fromm werden!«

»Majestät!«

»Nun, kurz und gut, ich hab' Ihm nichts zu sagen, sonst wüßte ich nicht, wo ich anfangen soll; aber ich will Ihn bitten, daß Er in Preußen bleibt und in meine Bedienstung tritt. Fordre Er, was Er mag, mir ist alles recht, – nur bleib Er! Und Sein Sohn, das ist ein Teufelskerl, aber er weiß noch nicht, was er will; brillant, doch ohne eigentlichen Stil. Na, den werden wir auch placieren. Entscheide Er sich!«

»Wenn es möglich wäre, Majestät, einen Blick in mein Herz zu tun, würden Sie mir alles verzeihen, was ich jetzt antworten will.«

»Ah, Er schlägt mir's ab, Er will nicht!«

»O nein, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach! Ich bin alt, Majestät, und die kurze Spanne Zeit, die mir der liebe Gott noch lassen will, möchte ich in Leipzig hinbringen, wo ich mich nun einmal eingebürgert und meine alte Thomasschule hab'. Zudem würde ich, wenn ich hier bedienstet wäre, am Ende meinen eigenen Sohn, den Emanuel, in den Schatten stellen. Das kann ich nicht, Majestät! Und auch die anderen Musici, so lieb sie mich haben, möchten scheel sehen. Besonders aber für meinen Friedemann – um Verzeihung, daß ich's sage! – habe ich von damals her eine unverwindbare Angst vor dem Hofleben und somit . . . Ich will's schon zufrieden sein, wenn mich Euer Majestät in gutem Andenken behalten.«

Friedrich ergriff bewegt die Hände des alten Mannes: »Er mag recht haben! Die Höfe sind nicht der beste Boden für arglose Menschen. Ganz abschaffen läßt sich aber die Sache nicht. Er tut mir weh, daß Er nicht bleibt. Kann ich Ihm sonst etwas gewähren?«

Sebastian schüttelte den Kopf. Aber plötzlich legte es sich wie ein dunkler Nebel über ihn, eine zukunftsbange Angst krallte sich ihm ans Herz, und er flüsterte, ohne daß sein Wille dabei beteiligt war: »Wenn ich tot bin, mein König, dann nehmen Sie sich meines Friedemann an! Beschützen Sie ihn! Denn mir ist's, als ob . . . als ob er untergehen würde.«

»Nein, er soll nicht untergehen, Bach, darauf mein königliches Wort! Ich werde für ihn sorgen!« Er drückte fest des Alten Hand, und während er ihn huldvoll zur Tür geleitete, dachte er über die seltsamen Rätsel des Menschenlebens nach.

Eine Woche danach stand der Reisewagen zur Abfahrt im großen Hofe des Stadtschlosses zu Potsdam bereit, und man war beim König versammelt, um Abschied zu nehmen.

Sebastian stand bei Graun und hatte die Hand vertraulich auf dessen Arm gelegt: »Ob der ›Cinna‹ eine gute Arbeit ist? Das ist er, bei Gott! Eins nur wünscht' ich, Graun. Daß Ihr mir nämlich den Gefallen tätet, einmal ein Stück guter Kirchenmusik zu schreiben. Etwas Großes! Ihr, mit Eurer Lerchenart in der Melodie, müßtet ganz gut die Englein im Himmel nachahmen können, wenn sie lobsingen. Nur anfangen müßt Ihr einmal!«

»Das ist schwer, Bach, sehr schwer! Aber gut, meine Hand drauf, ich tu's!«

Währenddessen sagte Astrua zu Friedemann und drückte ihm bedeutungsvoll die Hand: »Streben Sie recht, seien Sie rastlos und unermüdet in Ihrer Kunst, und – kommen Sie wieder, Friedemann, ich erwarte Sie!«

»O, ich werde, Astrua, ich werde!« Er küßte ihre Hand, fest entschlossen, durch die Kunst siegreich zur Liebe emporzusteigen.

Der König trat ein. Er ging auf Bach zu und sagte, indem er ihm eine goldene Tabatiere in die Hand schob: »Er schnupft ja wohl, nehme Er das! Gott erhalte Ihn der deutschen Musik noch lange! Sei Er überzeugt, ich vergesse mein Versprechen nicht!«

Sebastian neigte sich über die Hand des Königs, Friedrich aber zog ihn an sich, umarmte ihn und ging. Als er unter der Tür stand, winkte er Friedemann zu sich: »Wenn Er irgendeinmal einen Wunsch hat, wende Er sich an mich, ich helf' Ihm! Er ist von heute an Oberorganist und Musikdirektor an der Marienkirche in Halle; sein Diplom werde ich Ihm nachschicken!«

Als der Wagen mit den Heimkehrenden, denen die Freunde noch lange nachwinkten, außer Sicht kam, sagte Emanuel zu Astrua: »Signora, Sie lieben mich nicht mehr, Sie lieben meinen Bruder!« – und erhielt die Antwort: »Ich liebe ihn, Emanuel, weil ich Sie liebe. Ringe jeder von euch um mich, ich gehöre dem Besten!«

Gleichzeitig bemerkte Sebastian zu seinem Sohn: »Siehst du Friedemann, so ist kein Ding vergessen, ihm kommt ein Blütentag!«

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