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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XVI.

Seit diesem glücklichen Weihnachtsabend war ein segensvoller Umschwung im Hause Bachs, besonders aber bei Friedemann, eingetreten. Er begann auf seine künstlerische Schöpfungskraft zu vertrauen und mit Freudigkeit zu arbeiten, hielt jedoch stets dabei den kritischen Argwohn gegen sein Können in sich rege. Von günstigem Einfluß auf seine geistige und seelische Verfassung war auch das allmähliche Vergessen seines Liebeskummers. Antonies Spur blieb ihm vollständig verborgen; er warf ihr grollend, in verwundetem Stolze vor, daß sie nicht den leisesten Versuch gemacht habe, sich ihm, der ihretwegen so schimpflich gelitten, zu nähern und in seine Jammernacht das Licht des liebenden Mitgefühls zu tragen. »Sie ist eine herzlose Komödiantin«, rief er aus, »wie alle Glieder ihrer Familie. Es lohnt sich nicht, ihr eine Sekunde des Lebens zu weihen. Wieviel Gastfreunde mag ihr Herz, während ich um sie ein Narr gewesen bin, wohl beherbergt haben? Zum Kuckuck mit allen Weibern! Die Kunst sei meine Geliebte!«

Auch der übrigen Welt schien der vergangene Christabend Segen spenden zu wollen. August III. und seine Alliierten, denen die Affäre von Kesselsdorf mächtig in die Glieder gefahren war, hatten sich beeilt, mit Friedrich Frieden zu schließen. Der König und Brühl kehrten nach Dresden zurück, und die preußischen Truppen sollten, sobald die Kriegsentschädigung von einer Million Taler beigetrieben war, Sachsen verlassen.

Brühls Stellung blieb unerschüttert, obwohl die begangenen Fehler offenkundig vor aller Augen lagen. Aber der König, der auf seinen Minister angewiesen war, stellte sich blind, und der Königin lag leidenschaftlicher Haß gegen Friedrich, diesen Ketzerfürsten, der nicht nur ihr Land erobert, sondern auch die Herzen ihrer Untertanen gewonnen hatte, näher als der Zorn über Brühls Treulosigkeit. Sie versöhnte sich mit ihm, und zum Dank für ihre Gnade räumte er ihr das ganze Gebiet der äußeren Politik ein, wohl wissend, daß damit der Kampf gegen Preußen nie in Vergessenheit geriet . . .

Der neue Bund zwischen Josepha und Brühl hob auch zwei Personen, die solches zu hoffen niemals mehr gewagt hätten, aus der Verschollenheit empor: Hennicke und Siepmann. Jenen wünschte die Königin als Dritten im Bunde und war gern bereit, dem Minister als Gegengabe zur Würde eines »Ministerregenten« zu verhelfen und eine geheime Kabinettsorder zu erwirken, nach der Brühls Testament unantastbar, sein Vermögen steuerfrei und keinerlei Kontrolle unterworfen war, – Siepmann aber brauchte Brühl, um ihn als geheimen Unterhändler nach Wien zu schicken, wo sich neue Konspirationen gegen Friedrich II. vorbereiteten.

Rasch war nach dem Dresdener Frieden die erlittene Not vergessen, und das alte Leben kehrte zusamt dem alten Leichtsinn und der alten Frivolität in die Residenzstadt zurück. Mit dem Wiedererscheinen des Hofes und des Adels waren auch die kostspieligen und prunktvollen Feste, die Brühl so geschickt zu veranstalten wußte, von neuem aufgelebt. Besonders bei der dreifachen Vermählung der Prinzessin Maria Josepha, Maria Anna und des Kurprinzen, durch die sich Sachsen mit Österreich, Frankreich und Bayern für immer zu verketten hoffte, entfaltete man die verschwenderischste Pracht, wartete man mit jeder nur denkbaren Schwelgerei raffiniertester Überfeinerung auf. Drei Monate lang wechselten Illuminationen mit Sarabanden, Tanzlustbarkeiten mit Maskenspielen und Karussells ab, und selbst das Volk wurde in den Taumel von Frohsinn und Vergnügen hineingerissen und entschädigte sich gründlich für die Trübsal vergangener Tage.

Ob aber Feste rauschten oder der graue Alltag herrschte: niemals wurden die zarten Hände der Königin, niemals die gewissenlosen des Ministerregenten müde, an dem Netz zu knüpfen, das sich zwischen Österreich, Rußland und Sachsen spann und dazu bestimmt war, den preußischen Monarchen in den feingewebten Maschen zu verstricken.

Friedrich II. wußte mehr, als seine Feinde dachten; er beobachtete und war bereit . . . und ließ sich im übrigen in seinen Friedensaufgaben vorläufig nicht stören.

Sein Werk der Trockenlegung des Oderbruches, um Bauerndörfer zu gewinnen, machte gute Fortschritte; der beengende Gürtel aller Festungswerke um Berlin sank und machte neuem Wohnraum Platz, Kanäle zur Verbesserung des Verkehrs waren im Entstehen, Fabriken wurden begründet, Verwaltung und Rechtsprechung sahen einschneidenden Reformen entgegen. Kunst und Wissenschaft blühten.

Und nach des Tages wohlabgewogener Müh und Last suchte der König Erholung im Kreise auserlesener Männer, er las, studierte seine geliebten Philosophen, schrieb und dichtete selbst. Und wenn er die zierlichen Rokokolinien seines »Sanssouci« betrachtete, das sich in tändelnder Anmut dem Sandboden Potsdams entrankte, so dachte er vielleicht an das ebenso graziöse Gliederspiel der Barbarina und des bißchen Sonnenscheins, das sie seinem einsamen Herzen gab, und er lächelte weise und wissend. Und dann griff er wohl zur Flöte . . .

Es war Emanuel Bach nicht leicht geworden, sich in die freien und toleranten, so ungewohnt andersgearteten Verhältnisse seines hiesigen Wirkungskreises hineinzufinden. Aber er besaß geistige Frische und Anpassungsfähigkeit, und er war entschieden ein Talent. Friedrich selbst mochte ihn gut leiden, Graun umschloß ihn mit väterlicher Freundschaft, und mit keinem anderen konzertierten Quanz und Salimbeni so gern als mit dem kleinen sächsischen Kammerzimbalisten. So wurde es ihm nicht einmal sonderlich schwer, die Aufführung der »Hohen Messe« seines Vaters zu erreichen.

Der König hatte die Musik gehört, war ganz begeistert und ließ Emanuel zu sich bescheiden. »Hör Er, Bach, Sein Vater hat da eine kostbare Musik gemacht« – er griff zur Flöte und wiederholte einige Motive aus der Komposition – »ist's so richtig, Bach?«

»Gewiß, Majestät haben sehr genau gehört.«

»Er kann Seinem Vater schreiben, daß ich ein Verehrer von ihm bin, hört Er. Wenn er aber nach Potsdam kommen wollte, würd' ich ihn viel lieber haben. Sag Er mir, zum Teufel, warum kommt denn Sein Vater nicht? Ich hab' Ihm das nun schon zweimal gesagt, hat Er nicht geschrieben?«

»Wohl habe ich das, Majestät, aber der Vater hat mancherlei Unglück in der Familie gehabt, so daß er nicht weg konnte, und außerdem bekommt er keinen Urlaub, Majestät.«

»Ja, von der bösen Geschichte mit Seinem Bruder Friedemann hat Er mir erzählt. Das ist schlimm. Er soll ein guter Orgelspieler sein. Sein Vater sollte ihn mitbringen!«

»Majestät, es ist nur wegen des Urlaubs.«

»Ach was! Ich will haben, daß er kommt! Wenn Sein Vater mich böse macht, laß ich ihn von einem Pikett Husaren holen, schreib Er ihm das; und wenn ihm der Rat zu Leipzig auf den Brief nicht Urlaub gibt, werde ich's den Herren Senatores gedenken, wenn ich wieder einmal nach Sachsen komme!« Lächelnd klopfte Friedrich ihm auf die Schulter und entließ ihn.

Emanuel schrieb sofort, unterstrich die Unabwendbarkeit eines baldigen Besuchs und verfehlte auch nicht, auf die angedrohten Husaren entsprechend hinzuweisen. Und diesmal tat der Brief seine Wirkung. Von der eingeschüchterten Magdalena angespornt, legte er ihn dem Rat vor, und dieser säumte nicht, dem Kantor Bach »auf dringende Einladung hin« den erbetenen Urlaub zu erteilen und in die Begleitung seines Sohnes Friedemann einzuwilligen. Eine Woche später reisten beide ab.

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