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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XV.

Während Heinrich von Brühl seinen immer umfangreicheren und dornenvolleren Amtsgeschäften nachging, weiterhin seine Intrigen spann, weiterhin Geld für den König und sich selbst scheffelte, weiterhin von seinen Freunden nicht geliebt und von seinen Feinden und Widersachern gehaßt wurde, lag die Ministerin schwerkrank darnieder. Sie mochte nicht leben und konnte nicht sterben. Aber in ihren fieberfreien Stunden, wenn die wirren Träume, die wieder und wieder um Friedemann Bach kreisten, sie verlassen hatten, rollte sie ihr ganzes Leben schonungslos vor sich auf. Das wehleidige Selbstbedauern, das sie anfangs empfand, hielt nicht lange vor; Ekel und Reue stellten sich ein, und in einer tiefen Erschütterung ihres Inneren wurden alle guten Kräfte geweckt, die in ihr schliefen.

Ihr vertrautester Freund wurde Doktor Skrop, Arzt für ihren Körper und ihre Seele zugleich. Er reichte ihr ein Heilmittel, das sie nie besessen, ja nie gekannt hatte: die Religion. Langsam genas sie. Von nun an trug sie sich in dunklen Farben. Blaß und ernst trat sie wieder in die Welt, die ihr fremd geworden war, in der man sie fortan nur die »verheiratete Nonne« nannte. Unberührt ertrug sie das Gespött der Leute; in ihr lebte eine wahre, inbrünstige Frömmigkeit, ein liebendes Erbarmen für die Leiden ihrer Mitmenschen, eine gefestigte Entsagung. Sogar ihrem Gatten hatte sie verziehen und duldete es, daß er als Beweis seines glücklichen Ehelebens sie öffentlich mit seiner Galanterie umheuchelte. Ihre schon ziemlich zahlreiche Familie vermehrte sich fast jedes Jahr; Brühl hatte ihr mit dem Skandal einer Scheidung und einer Konkubine gedroht.

Namenlos litt die Frau und wurde in ihrem Schmerz edler und schöner. Was aber am meisten an ihrem Herzen nagte, war Friedemanns Schicksal, den sie immer noch auf der Festung wähnte. Da sie jedoch bei Hof nicht wagen durfte, um seine Freilassung zu bitten, wandte sie sich mit dem Ersuchen an die Königin, ihr jeden Karfreitag einen Sträfling des Königsteins freizugeben. Der Monarch lächelte still und gewährte es. – Ihr anderer großer Schmerz war die Sehnsucht nach der ihr entrissenen Tochter. Auf den Knien hatte sie Brühl angefleht: »Sagen Sie mir, wo mein Kind ist!«, aber nur die abweisende Antwort erhalten: »Sie werden es wiedersehen, wenn ich es verheiratet habe.« Auch eine Bitte an den König wurde mit dem Hinweis auf die Billigung der Maßnahmen Brühls abgelehnt, – und hinzugefügt, man möge ihn damit nicht weiter belästigen. Fortan suchte und fand sie ihr Glück in einsamen Studien, im Umgang mit ihren anderen Kindern, in ihrem Wirken im Dienste der Wohlfahrt. Der Politik hatte sie endgültig entsagt.

Um so stärker war der Minister dem Zeitgeschehen verhaftet. Er hatte seit jenem denkwürdigen Tag, an dem Friedrich II. in Dresden erschienen war und Fräulein von Klings energische kleine Hand ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, sich mit äußerster Vorsicht an allen Verwicklungen, die gefährlich werden konnten, vorbeilaboriert. Allerdings hatte er, da die Kling trotz aller ihr erwiesenen Artigkeiten nicht mit sich spaßen ließ, mit Österreich einen Bündnisvertrag geschlossen, in dem in einem geheimen Artikel gegen bares Geld und Aussicht auf Schlesien Sachsens Ansprüche an das österreichische Erbe verkauft wurden.

Inzwischen hatte sich die Weltlage geändert. Der größte Nebenbuhler Maria Theresias, der Prätendent der Kaiserkrone, Karl VII., war gestorben, nachdem er noch die Verwüstung seiner bayrischen Erblande durch die wütenden Ungarn- und Kroatenhaufen Trenks und Bärenklaus gesehen hatte. Durch Fleurys Tod stockte die französische Einmischung in deutsche Interessen, und ein Atemholen im Kampfe trat ein, das von England benutzt wurde, um Österreich und Preußen – der Breslauer Friede war von beiden Teilen gehalten worden – dauernd zu versöhnen. Friedrich II. schien auch bereit dazu, nachdem er durch die Siege von Prag, Hohenfriedberg und Soor über Sachsen und Österreich seine schlesischen Besitzungen von neuem gesichert hatte.

Da war es Brühl, der als leibhaftige Zwietracht jede Vereinbarung unmöglich machte und den (allerdings kaum matter gewordenen) Haß Österreichs und Sachsens aufstachelte. War es sein häusliches Unglück, die spürbare Feindschaft des Volkes, dem er durch seine Finanzmanipulationen den letzten Groschen aus der Tasche zog, war es die allgemeine Verachtung des Adels, die betonte Kälte der königlichen Prinzen Xaver und Christian, die ihn zu dem Wagnis eines verzweifelten Spieles hinrissen? Wollte er durch einen glänzenden Erfolg befestigen, was zu zerbröckeln begann? Forderten die persönlichen Angriffe Friedrichs II., der ihn durch seine Witzworte zum Gespött des In- und Auslandes gemacht, der ihn erst jüngst wieder den »größten Hanswurst seiner Zeit« genannt hatte, – diese Angriffe auf den eifersüchtig bewachten Rest seiner Ehre die Initiative zur Verewigung des Völkerhasses heraus?

Wie dem auch sei, Brühl war die Triebfeder zu einem Beschluß, nach dem die Österreicher und Sachsen von der Lausitz her einen gemeinsamen Vorstoß gegen Berlin unternehmen sollten. Da packte Friedrich zu. Und das bittere Ende war, daß der »alte Dessauer« die sächsischen Truppen bei Kesselsdorf vernichtend schlug. Zehntausend seiner Soldaten büßte August III. an diesem Tage, dem 15. Dezember 1745, ein.

Mit Windeseile drang die Schreckensnachricht nach Dresden und zugleich mit ihr die Gewißheit, daß der Feind gegen die Residenz heranzog. Die Stadt, der Hof waren in grenzenloser Verwirrung, die Gesetze der bürgerlichen Ordnung begannen zu wanken.

Den einzigen Schutz Dresdens bildeten sechstausend Mann Landmiliz unter Kommandant Bose und die österreichischen Hilfsvölker, die einen Teil der Vorstädte, namentlich die Pirnaer Seite und die Gegend von Plauen, besetzt hielten, um sich den Rücken nach Böhmen freizuhalten. Flüchtiges Militär, Wagen mit Verwundeten bedeckten die Straßen, und vergebens wandte sich die entsetzte Bürgerschaft an die Regierung um Abwendung der Not. Aber Brühl und der Hof waren nicht mehr in der Lage, die Rache des Gegners, die man selbst heraufbeschworen hatte, abzuwenden; und als der König seinem Minister die übliche Frage nach Geld vorlegte, mußte dieser achselzuckend gestehen: »Im Augenblick ist keins vorhanden, Majestät, doch werde ich's schaffen.«

Das stolze Dresden war kleinmütig geworden und verzagt. »Der König samt dem Kurprinzen und Brühl sind in der Nacht nach dem Königstein!« hieß es, und die Menge stand murrend auf Plätzen und Gassen; »der König ist fort, nun kommen die Preußen, und mit ihnen die Plünderungen, die Massaker!« – Eine schwache Hoffnung auf Verhinderung des Schlimmsten erwuchs den Bürgern dann aber aus dem Verbleiben der Königin in der Stadt. An der Seite der Prinzen Xaver und Karl, die ebenfalls die Flucht verschmäht hatten, zeigte sie sich im offenen Wagen der verzagten Menge und mutlosen Miliz. Und die stolze, wenig geliebte Josepha errang sich mit ihrem Entschluß, in gleicher Not und gleichem Dulden bei ihrem Volke auszuharren, die dankbare Achtung und späte Zuneigung dieses Volkes.

Am 18. Dezember zog Friedrich II. als Sieger in Dresden ein und residierte im Palais Lubomirsky. Die Österreicher, Sachsens Bundesgenossen, traten eilends den Rückzug an, nicht ohne vorher die Vorstädte Dresdens, das Feldschlößchen und Plauen selbst angezündet zu haben. Friedrich, der Feind, löschte die brennenden Straßen und verteilte zur Linderung der ersten Not achtzehntausend Laib Brote unter die Armen. Gegen die zurückgebliebene Königin bezeigte er sich äußerst rücksichtsvoll. Wo er konnte, trocknete er die Tränen der Bedrängten, hörte er die Klagen der Menge, half er . . .

Auf der höchsten Zinne des Königsteins aber stand in sich versunken der Minister Brühl, schaute hinüber nach dem verlorenen Dresden und murmelte Verwünschungen. Unweit von ihm fuhr ein Sträfling seinen Karren vorüber: »Auch einmal bei uns zu Besuch, Herr? – Ja, ja, wir sind alle Komödianten des Lebens, manche spielen nur verteufelt schlecht!«

»Siepmann?!«

 

Der Stoß Friedrichs II. gegen Dresden hatte in der Hauptsache den östlichen, an Preußen angrenzenden Teil Sachsens getroffen und somit Leipzig vor dem Ärgsten bewahrt. Zwar war der Handel, die Existenzgrundlage der Stadt, gelähmt, zwar flüchteten sich die Kapitalien vor der drohenden Kontribution in das unauffindbarste Kellerversteck, zwar hielt die Angst vor den möglichen Geschehnissen der nächsten Stunden und Tage die Gemüter ständig in Aufregung, aber man hungerte nicht, man hatte ein Obdach, man lebte ungestört, – das Leben ging weiter.

Weniger noch als die Allgemeinheit wurde Sebastian Bach von dem schnell verebbenden Wellenschlag der Zeit getroffen. Eng auf sich und den kleinen Kreis der Seinen beschränkt, blieb er um so mehr teilnahmslos, als er das hereingebrochene Unheil als eine Art göttlicher Vergeltung ansah. Er war überhaupt mürrisch und, im geflissentlichen Bemühen, sein Familienunglück vor Leipzigs Augen zu verbergen, fast ein wenig wunderlich geworden. Immer weniger fühlten sich seine Freunde und Kollegen, fühlte sich die Außenwelt zu ihm hingezogen.

Sebastian Bach trug schwer an dem völligen Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, die er für den Lieblingssohn gehegt; schmerzvoll sah er seine stillen Träume, in denen das Talent Friedemanns, das seine überstrahlend, wie ein leuchtendes Gestirn über dem Abend seines Lebens aufgegangen war, zerrinnen . . . wie Träume eben zerrinnen. Er wäre schon glücklich gewesen, seinen Ältesten, etwa wie Altnikol ehrenvoll plaziert zu wissen.

Friedemann hatte sich, als er damals nach Leipzig zurückgekehrt war, mit allem Eifer auf die Musik geworfen, den Vater unterstützt und auch einiges komponiert. Doch die Freiheit des musikalischen Gedankens, die Begeisterungsglut fehlten. Er arbeitete korrekt, geistvoll und mit Geschmack, aber aus einem Herzen heraus, das ohne Poesie der Liebe, ohne Größe der Entsagung, ohne jenen lächelnden Schmerz war, der den Künstler über sich selbst erhöht, und so mangelte seinen Tongemälden der Duft, die Weihe, die innerste Seele, die dem Kunstwerk erst wirkliches Leben einhaucht. Ätzend und bitter waren seine Gefühle, glühend und verzehrend seine Wünsche geworden, und nicht der hohe Enthusiasmus, sondern der wunde Stolz war's, der ihn zum Schaffen trieb. Friedemann wollte mit stürmender Gewalt sein verlorenes Leben wiedererobern, – darum brachte er es zu nichts.

Nur manchmal, wenn er auf der Orgel improvisierte, wuchs er zu unerreichbarer Größe auf. Dann stiegen aus der Tiefe seiner verschleierten Seele entbannte Geister empor und schritten wie Boten einer namenlosen Welt durch die Lüfte, Geister des Lichtes, Dämonen der Nacht, lächelnde Freudenlaute, dumpf grollender Schmerz. Aber diese Improvisationen blieben Goldkörner, in den Wind gestreut, blitzend im Sonnenstrahl, ins Leere verweht von der entflatternden Minute. Die kurzen Augenblicke der Weihe wurden immer seltener, und sie hörten ganz auf, als der Oberorganist – das »musikalische Hornvieh« nannte ihn Sebastian – es durch allerlei kleinliche Quälereien fertigbrachte, den unbequemen Konkurrenten vom Chor zu vertreiben.

Friedemann, der wohl fühlte, daß das alte Verhältnis zwischen dem Vater und ihm einen unheilbaren Riß erhalten hatte, war leicht verletzbar geworden; und Sebastian selbst, so sehr er seinen Ältesten liebte, war doch viel zu sehr Künstler, als daß sich sein Herz nicht unbewußt nun Emanuel, seinem zweiten Sohne, zuwandte, der hochgeehrt und geachtet den Hof Friedrichs II. schmückte und sich neben einem Quanz, Graun und Salimbeni zu behaupten verstand. Friedemann fühlte, daß er den Vater täglich mehr verlor, und das machte ihn noch elender und zerrissener. Nur Anna Magdalena, seiner Stiefmutter, die seine wunde Seele liebend an sich zog und alle Unebenheiten zwischen Vater und Sohn immer wieder auszugleichen wußte, war es zu verdanken, daß ein häufig drohender offener Zwiespalt verhindert wurde. Die peinliche Schweigsamkeit im Hause, die gedrückte Stimmung konnte sie indessen nicht bannen. Die fröhliche Friederike, die emsig waltende Christiane waren verheiratet, von den Knaben die meisten gestorben, und außer dem dreizehnjährigen Friedrich und dem elfjährigen Christian nur noch der blödsinnige David am Leben; auch die alte Hanne war tot.

So war das Häuschen, sonst zu eng für das bunte Durcheinander lieber Wesen, jetzt erstaunlich weit und beängstigend still geworden. Sebastian, von stetem Kummer, von Sorge und Gram umschattet, fühlte die wie etwas Fremdes und Unheimliches auf dem Hause lastende Bedrücktheit besonders stark, und er suchte sich vor ihr zu schützen, indem er rastlos, fast übermenschlich arbeitete. Er schuf nicht nur eine Fülle neuer Kompositionen, er begann auch das große Werk, in dem er alle Erfahrungen seines Tonlebens niederzulegen gedachte, die »Kunst der Fuge«.

Und noch ein anderes in dem stillen Hause hatte für Sebastian etwas Grauenhaftes, und doch konnte und wollte er nicht eingreifen: es war das Verhältnis Friedemanns zu dem blödsinnigen David.

Verwaist, wie er sich fühlte, widmete der ältere Bruder seinen ganzen Rest von Liebe dem Zehnjährigen, und das unglückliche Kind, sonst stumpf und trübe, zu jeglicher Fähigkeit des Lernens und jeder Regung menschlicher Selbsttätigkeit ungeschickt, hing ihm mit leidenschaftlicher Liebe an. Wenn Friedemann mit dem Knaben getändelt und ihn geherzt hatte, so daß gewissermaßen eine seelische Verbindung zwischen ihnen hergestellt war, führte er ihn, der ohne jede Kenntnis musikalischer Technik war, ans Klavier und schlug ein paar Akkorde oder Tonfiguren an. Es war, als wenn er eine Frage an das Kind richtete. Dann, ihn starr ansehend, lächelnd, nickend, brachte David die kleinen Hände auf die Tastatur und suchte das Gegebene zu haschen. Verworren, unklar zitterten dissonierend die Töne durcheinander, aus deren Chaos sich aber eine Melodie als Antwort schwang, die die Herzen der Hörer erbeben machte. Und wieder fragte der Bruder durch den Ton, und wieder antwortete der Kleine, modulierte das Thema, kehrte es um, sprang in Moll und Dur über und plauderte in nie gehörten Zungen mit dem Freunde seiner Seele. Eine geisterhafte Sprache war's zwischen den beiden, ein Verstehen, das über die Logik irdischen Verstandes ging. Erschrockenen Herzens lauschten die Eltern und flüchteten zum Gebet, weil ihnen solches Rätsel unerklärlich blieb. – Stille lag auch heute über dem stillen Haus, aber sie war weniger beklemmend, atmete sogar eine heimliche Fröhlichkeit, eine glückhafte Erwartung. Heute war Heiliger Abend.

In der Wohnstube saßen Friedemann und der Vater an einem Tisch, der ans Fenster gerückt war. Jeder hatte eine glänzende Kupferplatte vor sich, der ein altes Fensterkissen als Unterlage diente, und der stählerne Stichel grub, rastlos hin- und herfahrend, nach dem vorliegenden Manuskripte Noten auf Noten, Takte, Intervalle und Kadenzen auf die vorgerissenen Notensysteme. Sebastian Bach, zu arm, um die Arbeit von einem Graveur anfertigen zu lassen, zu wenig der modernen Musik huldigend, um einen Verleger zu finden, mußte mit seinem Sohne die »Kunst der Fuge« mühevoll selbst in Kupfer stechen. Eine grüne Brille schützte des Alten empfindlich und schwach gewordene Augen, um seinen Mund schwebte ein bitterer Zug: »Ha ja, ich bin kein Hasse, kein Rameau, kein Couperin oder Chiabran, der Opern schreibt oder süße Kanzonetten, da ist's kein Wunder! Wer, zum Teufel, soll Kirchenmusik kaufen oder anhören? Das Jahrhundert schickt sich langsam an, den Herrgott aus dem Weltall zu streichen, wo soll da Geschmack an seinen Hymnen herkommen?!«

Nebenan in der Unterrichtsstube putzte Anna Magdalena den Christbaum auf; Friedrich und Christian waren noch in der Schule, David saß auf der Erde und spielte mit Papierschnitzeln.

»Wie mag's dem Altnikol und der Friederike in Naumburg gehen?« fragte der Vater, der seine Arbeit unterbrach, um das stumpf gewordene Instrument zu schleifen. »Sie haben lange nicht geschrieben, ich hab' schon gedacht, daß sie Weihnachten vielleicht kommen.«

»Na, wie soll's denen anders als gut gehen«, sagte Friedemann, ohne aufzusehen, »sie haben ihren eignen Herd, ihre gute Stellung, sie mögen sich's wohl sein lassen!«

Der Vater sah ihn eine Weile nachdenklich an; dann legte er mit einer entschlossenen Gebärde den Stichel weg. »Friedemann, das geht so nicht länger! Dein Unglück macht dich neidisch und schlecht. Du hängst deiner trüben Stimmung zu störrisch an und wirst dich immer mehr deinen Mitmenschen entfremden. Wenn du die rechte Religion hättest, würdest du wissen, daß Gott am Ende alles wohl macht und man sein Kreuz ruhig tragen muß. Wenn du wirklich fromm wärest, würdest du im Gottvertrauen Kraft finden, aus deiner Betrübnis zur Hoffnung hinfinden, und die würde dir Kraft geben, fröhlich zu arbeiten!«

»Aber, lieber Vater, gebe ich mir nicht die größte Mühe? Was soll ich denn noch machen, in aller Welt?!«

»Das bloße Mühegeben hilft dir nichts, Friedemann. Du quälst dich ab und willst die Arbeit erzwingen, darum glückt dir's nicht. Ohne innere Freudigkeit, ohne Hoffnung ist jedes Kunstwerk schon in der Geburt tot. Ach, ich seh's immer klarer ein, daß dir der eigentliche Grund und Boden der Gottesgläubigkeit fehlt, der freudige Knechtesgeist, der aus der eigenen Demut Kraft zum Schaffen gewinnt. Heute ist unser Heiland geboren, der das arme Menschengeschlecht erlöst hat. Ach, wenn mir Gott die Freude schenkte, daß in dir auch so ein Heiland auferstände, der dich von dir selber frei machte, der dir ein neues Herz gäbe und einen neuen Mut, dann, lieber Sohn, würd' es auch gehen, glaube mir's!« Bewegt preßte er Friedemann an sich, und diesem, der den Notschrei des Vaterherzens wohl verstand, wollte es fast die Brust sprengen. Sanft schob er den Alten beiseite: »Warte einen Augenblick, lieber Vater, ich komme gleich wieder.« – Er war sehr blaß als er zurückkehrte, und hielt ein Notenblatt in der Hand. »Lieber Vater, ich hab' einen letzten Versuch gemacht. Ich wollte dir's eigentlich heute abend schenken, aber da dir und mir so weh ist, denk' ich, 's ist jetzt vielleicht besser.« Sebastian drückte ihm die Hand. Er nahm die Komposition und entrollte argwöhnisch das Papier. Furcht vor falscher Hoffnung lag in seinen Zügen.

Das Auge des Sohnes hing an seinem Gesicht, wie wenn ein Todesurteil von den Lippen des Vaters fallen solle. Sebastian wurde feuerrot. Bald blickte er auf Friedemann, bald auf das Papier, ganz als träumte er.

»Ach, es ist wohl schlecht, Vater?«

»Schlecht?! Bist du toll? Nein, Herzensjunge, gut ist's! So gut und schön ist's, daß ich – nimm mir's nicht übel – noch gar nicht begreife, daß du das gemacht hast!« Und eine selige Freude, der alte Stolz auf seinen Friedemann zogen wieder in Sebastians Herz. Wie ein Kind lachend und schluchzend, stürmte er, das Notenblatt hoch emporhaltend, hinüber zur Mutter. Friedemann war wie neugeboren. Die Sonne des alten Selbstvertrauens schien wieder auf sein wundes Gemüt, und leise öffnete die Hoffnung ihre Tempelpforten. Er folgte dem Vater. Da, in der Unterrichtsstube, saß schon der Alte am Klavier und spielte die Introduktion, und Mutter Magdalena sang mit ihrer lieben Stimme die Hymne, die wie ein Gebet emporstieg zum Allvater:

»Kein Hälmlein wächst auf Erden,
Der Himmel hat's betaut,
Und kann kein Blümlein werden,
Die Sonne hat's erschaut.
Wenn du auch tief beklommen
In Waldesnacht allein:
Einst wird von Gott dir kommen
Dein Tau und Sonnenschein;
Dann sproßt, was dir indessen
Als Keim im Herzen lag.
So ist kein Ding vergessen,
Ihm kommt ein Blütentag.«

Die Mutter war außer sich vor Freude, lachte und weinte in einem, und der Vater spielte und summte die Hymne immer wieder und konnte sich nicht zufrieden geben. Endlich sprang er auf: »Sag, Herzenssohn, wo hast du in aller Welt das schöne Gedicht her?«

»Auch das Gedicht hab' ich selber gemacht, lieber Vater!«

»O, siehst du wohl, Mutter, es ist doch noch die alte Kraft in ihm. Das ist ihm so recht aus der Seele gekommen, ist ein Stück von ihm selber, drum ist's so prächtig und mächtig geworden! – Nun sei auch wieder unverzagt, Herzensfriede, und nicht mehr mürrisch! Der alte Herrgott lebt immer noch und hat dir heute das schönste Christkind geschickt: den inneren Erlöser, ohne den wir im Leben nun einmal nicht bestehen können.«

Friedemann lächelte wieder, und »Christfest ist heute!« jubelte es wieder im Hause wie ehemals . . . »Christfest!« tönte es mit befreundeten Stimmen zurück, und die gute Friederike, zwei blonde Rangen an der Hand und den fröhlichen Altnikol hinter sich, stand auf der Schwelle.

»Herein, herein!« rief der selige Sebastian, »daß mein Haus voll werde!« Und Gruß und Kuß, Jubel und Tränen mischten sich in eins. Es war wieder einmal wie sonst! Die Tage des Leids sanken ins Vergessen vor den Stunden der Freude, vor dem Hoffen auf glücklichere Tage. Und noch einmal tat sich die Tür auf, und herein trat eine Deputation der Sozietät der musikalischen Wissenschaften und überreichte ihm im Namen der gesamten Musiker das Ehrenmitgliedsdiplom.

»Weiß Gott, Mutter, wenn einem der Himmel einmal Freude schickt, tut er's auch gleich recht!«

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