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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XIV.

Johann Sebastian Bach verbrachte den Rest des Tages im Hause Merpergers. Er ließ sich von Doles alle Vorgänge der letzten Zeit – Friedemanns Benehmen gegen Ulrike, seine eigenartige Wandlung, seinen engen Anschluß an das Haus Brühl – nochmals genau berichten. Gemeinsam leiteten sie die sofortige Abreise der alten Hanne und die Rückführung sämtlicher Sachen Friedemanns nach Leipzig in die Wege. Die Stunden flogen dahin.

Es schlug neun Uhr. Der Tambour auf der Schloßwache trommelte zum Abendgebet, die Ablösung erfolgte, und eine Viertelstunde später erschien Herr von Tacker im Feldmantel. Eine Kutsche fuhr vor, und Sebastian stieg mit Doles und dem Offizier ein.

Schnee glänzte und verbreitete eine dämmernde Helle über die Landschaft. Die Reisegesellschaft war sehr still: Doles wollte den alten Sebastian nicht in seinen Betrachtungen stören, und der zartfühlende Offizier mochte das Gespräch auch nicht eröffnen; er beschäftigte sich mit seiner Pfeife. In den Wagen zurückgelehnt, saß Sebastian und starrte vor sich hin; Tränen des Harms, der Entsagung, der gebrochenen Hoffnung rollten langsam und schwer über sein vergrämtes Gesicht. Wo waren alle die Träume des Vaterstolzes? Was sollte nun mit Friedemann werden? Er war, in Gottes Namen, kein Kind mehr, das sich für dieses oder jenes noch entscheiden konnte! Wie sollte er von neuem den mühseligen Pfad der Kunst beginnen, er, der das Leben so wenig gemeistert hatte? . . .

Während solchermaßen Qual und Bitternis das Vaterherz zerrissen, wuchs finster und drohend ein Koloß auf ihn zu, wie ein schwarzer Sarg auf einem weißen Bahrtuch, der Königstein. Ungewiß glänzten oben ein paar schwache Lichter.

Mitternacht war längst vorüber, als sie durch das Städtchen gleichen Namens fuhren und in den Wald abbogen, der den Berg ringsum mit Ahorn, alten Birken und mächtigen Eichen bedeckte.

»Wir sind zur Stelle!« Es war das erste Wort, das der Offizier sprach. »Meine Herren, Sie erwarten mich also hier! Seien Sie von meiner Sorgfalt und Rücksicht auf Ihren Sohn fest überzeugt, lieber Herr Bach!«

»Ich danke Ihnen von Herzen, mein Herr; Gott geleite Sie!«

Die Gestalt des Offiziers verschwand unter den Bäumen. Es war bitterkalt. Doles und Bach mußten auf und ab gehen, um sich warm zu halten. –

Inzwischen hatte Tacker dem Festungskommandanten die Freilassungsorder des Königs überreicht, fand aber nur bedenkliche Bereitwilligkeit: »Ja, sehen Sie, Herr Leutnant, der Gefangene befindet sich nicht in bester Verfassung. Als er eingeliefert wurde, war er sehr erschöpft; er hatte, wie ich mir erzählen ließ, durch wildes Wüten, Schreien, Rasen seinen . . . hm . . . Begleitern allerlei Mühe bereitet, und wie er nun hier in seine Zelle gebracht und die Tür hinter ihm versperrt ward, erwachte er wie aus einer krampfartigen Erstarrung. Er bekam einen so furchtbaren Tobsuchtsanfall, daß wir nicht wagen konnten, uns ihm zu nähern.«

»Das ist ja entsetzlich, Herr Kommandant! Und wie ist nun sein Befinden?«

»Man kann da schwer etwas sagen. So viel ist jedenfalls sicher, daß eine Geistesgestörtheit vorliegt, die, wie ich hoffen möchte, nur vorübergehender Natur ist. Auf einen Paroxysmus folgt ein Zustand verhältnismäßiger Beruhigung; dann spricht er mit einer unsichtbaren Antonie, flüstert Liebesworte, singt dazwischen ein verworrenes Lied, in dem es heißt: ›Willst du dein Herz mir schenken?‹, wird dann allmählich wieder von Angst und Furcht vor einer Ministerin befallen, und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Raserei wieder losgeht. Er muß ein niederschmetterndes Erlebnis gehabt haben.«

»Das mag wohl sein, Herr Kommandant! Wie immer aber auch die Dinge liegen, ich muß den Befehl des Königs ausführen und den jungen Bach den Händen seines Vaters überantworten.«

Der Offizier ließ sich in die Zelle Friedemanns führen, weckte ihn, der gerade eingeschlummert war, sacht aus dem Schlaf und erzählte, aus dem Instinkt des Mitleids das Rechte treffend, vom Vater, von Doles, von Merperger, die gekommen seien, um ihn abzuholen.

Wie helle Kinderfreude zuckte es über des Irren Gesicht, er klatschte jubelnd in die Hände, tanzte in Seligkeit um Tacker herum und tanzte, diesem willenlos folgend, inmitten einiger Begleitsoldaten den Weg vom Königstein hinab. Laut sang er: »Willst du dein Herz mir schenken, fang's heimlich an!« . . .

»Friedemann!« rief Bach laut in die Dunkelheit hinaus, als er die verwehten Liedfetzen und das ferne Klirren von Waffen hörte. Und wie ein Tier, hervorstürzend aus brechendem Gestrüpp, brüllend, mit grinsend verzerrten Zügen, warf sich eine Jammergestalt in des Vaters Arme.

»Mein Sohn! O mein Sohn!«

Ohnmächtig brach Friedemann zusammen.

»Stark sein, Herr Bach!« sagte der Leutnant in schwer erkämpfter Selbstbeherrschung, und Doles, selbst einer Ohnmacht nahe, wiederholte: »Stark sein, Vater Bach!«

Sie hoben Friedemann in den fahrbereiten Wagen, kamen aber überein, in einem geeigneten Wirtshaus vor den Toren Dresdens einzukehren, um dem Kranken ein paar Stunden Ruhe zu gönnen und über die nächsten Schritte zu beratschlagen; denn das war ihnen von vornherein klar, daß es ganz unmöglich sei, den Unglücklichen in seinem jetzigen Zustand sogleich bis Leipzig zu bringen.

Tacker nahm es auf sich, den König bei dem zu erstattenden Rapport zur vorläufigen Zurücknahme seines Aufenthaltsverbotes zu bewegen und, falls der Bescheid günstig lautete, Merperger zu bitten, dem armen Friedemann Asyl in seinem Hause zu gewähren.

August III. war gerade beim Diner, und der Kammerdiener fand sich erst bereit, den Offizier zu melden, als dieser ihm mit militärischer Schärfe erklärte, er stehe in Geheimdiensten des Königs; dabei drückte er ihm einen aus seinem Notizbuch gerissenen Zettel in die Hand, auf den er schrieb: »Ich muß meine Instruktion überschreiten, der Arrestant ist wahnsinnig, v. Tacker.«

Der Monarch, dem der Diener auf silbernem Tablett zögernd dieses unzeremonielle Blatt Papier darbot, sah argwöhnisch auf, nahm es aber doch und las. Die Hand sank ihm herab; er warf einen durchdringenden, verächtlichen Blick auf den gegenübersitzenden Brühl, entschuldigte sich bei Josepha: »Dringende Geschäfte rufen mich ab, Majestät!« und schritt hinaus.

Bewegt hörte er den Bericht Tackers und gab ohne Zögern seine Einwilligung zu den Vorschlägen, die ihm unterbreiten zu dürfen der Offizier gebeten hatte.

»Versteht sich, versteht sich! Sagen Sie dem Pastor, daß ich ihm meinen Leibarzt schicken werde und eine Anweisung auf zweihundert Reichstaler, damit er nichts spart. Wenn das Geld zu Ende ist, soll er's mich durch den Medikus wissen lassen. Aber ohne Ostentation!«

»Ich verbürge mich dafür, Majestät, und auch dafür, daß der junge Bach gleich abreist, wenn er gesund ist.«

»Das ganz besonders! Gehen Sie, ich danke Ihnen!«

Als Tacker abgetreten war, ließ der König den Minister Brühl rufen: »Am Ostertage habe ich Friedemann Bach nicht gesehen. Wo ist er bloß?«

Eine kurze Pause erfolgte, dann antwortete Brühl mit kecker Selbstverständlichkeit: »Auf dem Königstein, Majestät!«

»Und das wagen Sie mir zu sagen, Herr? Ohne Fug und Recht, ohne Richterspruch machen Sie einen Menschen ehrlos, der höchstens nur leichtsinnig gewesen ist und dessen Eitelkeit Sie selber und Ihre Frau flattiert haben? Das ist ein ehrloser Streich der Selbsthilfe, Herr von Brühl, und ich sage es Ihnen ins Gesicht: von diesem Augenblick an haben Sie meine Achtung verloren!«

»Majestät, darauf ausführlich zu antworten, ziemt mir nicht. Ich habe den Friedemann Bach heimlich aufheben lassen und wußte, daß ich damit einen Akt der Gewalt beging. Nicht, weil er sich meiner Tochter in unerlaubter Weise genähert, habe ich's getan – mir hätte es genügt, ihm mein Haus zu verschließen – aber er hat sich an königlichem Blute, in seinem verblendeten Ehrgeiz an der Majestät selbst versündigt!«

»Was? Was sagen Sie da?«

»Ich sage, Majestät, daß er nicht meiner Tochter den Hof gemacht, sondern sich in entweihender Weise dem Sprößling meines in Gott ruhenden Fürsten genähert hat, und ich in diesem Augenblick noch nicht weiß, ob die Tochter König Augusts II. nicht in neun Monaten einen Musikantensprößling haben wird!«

»Brühl! ist das wahr?«

»Majestät, ich weiß es nicht, ich ahne es nur! Wenn dem aber so ist, mögen sich Euer Majestät selbst fragen, ob die Strafe zu groß für das Vergehen war. Ich habe die junge Dame aufs Land geschickt, um das Faktum abzuwarten. Daß ich den Menschen sans façon aufheben ließ, liegt in der Sache selbst und in Rücksicht auf den notwendigen Schleier, den ich auf die verunglimpfte Majestät werfen mußte. Wenn Euer Majestät mir es als Entehrung anrechnen, daß ich in übergroßer Sorgfalt die Heiligkeit der Majestät – selbst in ihren verlorensten Zweigen – verehre und schütze, nun – ich bitte um meine Entlassung!« Brühl schwieg; sein Auge ruhte mit kühner Sicherheit auf dem König, der sinnend vor ihm stand.

»Sie haben recht, Brühl! Ja, die Heiligkeit unseres Blutes muß selbst in seinen traurigen Abirrungen geehrt werden. Sie sind ein rechtschaffener Mann! Ich bin zufrieden! Sehen wir die Sache als nicht geschehen an. Ich nehme mein Urteil über Sie zurück!« August reichte Brühl die Hand, die dieser an seine Lippen drückte.

»Und Sie glauben, daß das Mädchen . . .?« Der König stockte.

»Ich hoffe, daß meine Befürchtungen trügen. Antonie ist wenigstens den Blicken der Welt entzogen, und wenn es irgend gelingt, Majestät, eine anständige Partie von Distinktion für sie zu finden . . .«

»Versteht sich, sofort soll sie heiraten, sofort! Sie wird königlich dotiert werden. Lieber Brühl, ich bin zufrieden mit Ihnen!«

Während der Minister, überlegen lächelnd, den König verließ und im stillen beschloß, den jungen Offizier im Auge zu behalten, um seinen Übereifer bei passender Gelegenheit mit Kassation zu belohnen, war dieser bereits auf dem Wege zu Merperger.

Er verlangte den Oberprediger allein zu sprechen, und der greise Diener Gottes wollte schier verzweifeln, als er das Entsetzliche vernahm. Er konnte nicht anders: er nahm sein Käppchen vom kahlen Scheitel, kniete nieder und betete. Dann stand er hastig auf und sagte: »Ich will meine Tochter rufen, Herr Leutnant.«

Ulrike trat ein. Ihr Herz schlug in banger Ahnung, sie zitterte heftig. – »Mein liebes Kind, ich habe dir etwas mitzuteilen, das dich sehr erschüttern wird. Gott hat dir aber eine edle Seele, ein großes Herz und einen Lebensmut gegeben, der dir über alle Trübsal hinweghilft. Wer aber ein großes Gemüt empfangen hat, dem gibt der Herr auch viel zu tragen und bürdet ihm Lasten auf, die andere zerschmettern würden. Der arme Friedemann ist an dem schlimmen Ort – gemütskrank geworden!«

»Er ist wahnsinnig! Gott, mein Gott, er ist wahnsinnig!«

»Ja, mein Kind! Aber vielleicht wird's besser mit ihm, wenn eine liebevolle Hand ihn pflegt.«

»Ja, Vater!« sagte das Mädchen einfach, aber in diesem Ja lag so viel Adel der Gesinnung, so starker Tatwille zur werktätigen Liebe, daß es Tacker ganz andächtig zumute wurde. »Nimm ihn zu dir, Vater; drüben im Gartenhaus ist Raum genug, dort kann er ganz ungestört leben. Und wenn ich ihn pflege, wird er auch gesunden. Der Herr möge mir diese Gnade gewähren!«

»Bringen Sie ihn also her, Herr Leutnant! Hier ist er sicher und ungefährdet; ich werde ihn schon schützen vor dem Brühl. Gottesdienst geht vor Menschendienst!«

»Ich danke Ihnen in des Vaters Namen, lieber Herr Pastor! Bereiten Sie, bitte, alles vor; in der Nacht kommen wir.«

Froh, seine selbst übernommenen Verpflichtungen mit solch gutem Erfolg erledigt zu haben, eilte der Offizier zu den Wartenden zurück und traf Friedemann in wesentlich ruhigerem Zustand an. Zwar war er noch einmal in tobsüchtige Erregung gefallen und hatte nach deren Abklingen mit tierhaft-schrillen Lauten wiederum das Lied »Willst du! dein Herz mir schenken?« angestimmt, hatte es mit der Methodik des Wahnsinns gar als Fuge zu variieren versucht, war dann aber von Doles zum Verstummen gebracht worden. Mitten im Gesange war der Freund plötzlich aufgesprungen, hatte wie unsinnig aufgeschrien und dem Irren ins Ohr geflüstert: »Antonie stirbt, Antonie stirbt! Friedemann, singe nicht mehr! Der Tod hat mir diese Nacht gesagt: ›Will sie ihr Herz dem Friedemann schenken, so soll er's gerade nicht haben, dann mach' ich, daß Antonie stirbt!‹ Laß also ja das Singen!«

Seit dieser Minute war der junge Bach ruhig, gleichsam nachdenklich geworden, und folgsam wie ein Kind bestieg er, als die Nacht hereinbrach, den Wagen, der ihn zu Merperger brachte.

In dem massiven Gartenhäuschen, das Zimmer, Kabinett und eine kleine Sommerküche enthielt, heizbar war und mitten in dem baumbestandenen großen Pfarrgarten lag, wurde der Kranke gut und zweckmäßig untergebracht. Von Ulrike und ihrem Vater, Doles und dem alten Bach stets umgeben und gepflegt, hatte er nie Zeit, sich Reflexionen zu überlassen, und wenn er wirklich einmal in unheilvolle Betrachtungen zu verfallen drohte, wurden seine Gedanken sofort von ihnen erfaßt und in eine Richtung geleitet, die gefahrlos war. Trotzdem kam es mitunter vor, daß er unversehens zur Monomanie zurückkehrte und das verhängnisvolle Lied anstimmte; aber es bedurfte dann nur eines Winkes von Doles, und er beruhigte sich sofort wieder. Langsam wurde der Wahnsinn gebrochen, aber behoben war die Krankheit darum nicht. Und je vernünftiger er nach und nach wurde, um so mehr empfand er das Entsetzliche seiner gesellschaftlichen Lage, den Ikarussturz seiner Hoffnung, den Tod seiner Liebe, den Zusammenbruch seines künstlerischen Wollens.

Merperger konnte nur noch in einzelnen Stunden um ihn sein, da die Berufsgeschäfte ihn unausgesetzt in Anspruch nahmen, und auch Sebastian Bach, der sein Amt an der Thomasschule nicht länger vernachlässigen durfte, reiste nach einer Woche schweren Herzens nach Leipzig zurück. Doles schlief zwar bei dem Kranken, hatte aber auf Bitten des Predigers dessen Organistentätigkeit übernommen und war daher viel in der Kirche. So ruhte die schwere Pflicht der Samariterliebe fast ganz auf Ulrike und forderte von ihr eine unsägliche Kraft der Aufopferung und Entsagung, der Zähigkeit im Tragen bitterer Schmerzen; denn eine Belohnung winkte ihr nicht, es sei denn – jenseits des Grabes.

Friedemann erfaßte in seinen hellen Stunden die liebevolle Besorgtheit Ulrikes in ihrer ganzen Tiefe und Bedeutung, er empfand es mit einem Gefühl der Rührung, wie ungemein er dieses Mädchen verkannt hatte, – und wie wenig er trotzdem in der Lage sei, dieser nimmermüden selbstlosen Opferbereitschaft seinerseits ein Opfer zu bringen. Unauslöschlich brannte in ihm das Bild der fernen Antonie. Und um diesen Punkt drehte sich die Krankheit, die immer mehr die Form einer gleichsam erstarrten Melancholie annahm, im Kreise.

Von den alten Freunden Friedemanns wußten nur wenige von seinem Unglück und Verbleib, und wenn sie Kenntnis davon hatten, wagten sie aus Furcht vor Brühls Rache nicht, nach ihm zu fragen. Nur der biedere Stadtsyndikus Weinlich und Frau von Schemberg ließen sich nicht beirren und besuchten ihn regelmäßig. »Die größte Canaille, die je einen Thron umwedelt hat«, nannte Frau von Schemberg den Minister nur, und wie sie in weiblich-warmem, tiefem Mitempfinden sich in Liebesbeweisen für ihren leidenden Schützling erschöpfte, so machte sie aus ihrer Verachtung, ihrem Haß und ihren Rachegedanken gegen den Urheber des ganzen Unglücks auch in der Öffentlichkeit kein Hehl.

Sie erreichte damit jedoch nur, daß Brühl von dem Aufenthaltsort Friedemanns Wind bekam und sofort seinen Saul zu Merperger hetzte, um diesem ausrichten zu lassen, es werde höheren Orts übel vermerkt, daß ausgerechnet ein Religionslehrer einen bestraften Taugenichts in sein Haus aufgenommen habe; man lege ihm, wolle er höchst unangenehme Folgen vermeiden, dringend nahe, sich besagten Subjektes schleunigst zu entledigen.

»Mein Herr Saul«, antwortete der Prediger und pflanzte sich drohend vor dem Abgesandten des Ministers auf, »ich begreife die Ursache nicht, die mich Ihrer nie erbetenen Sorgfalt und Warnung teilhaftig macht. Ich begreife aber, daß die Anwesenheit des armen Menschen in meinem Hause gewisse vornehme Personen beunruhigt, die sich vor ihrem Gewissen ihrer unmenschlichen Tat sehr wohl bewußt sind. Das Ansinnen, das Sie an mich stellen, lehne ich als Diener der göttlichen Barmherzigkeit und Liebe ab! Sagen Sie Ihren Auftraggebern, daß ich der weltlichen Gewalt nur als Beamter des Staates untergeordnet bin. In der Ausübung meiner geistlichen Pflicht aber, als Diener Gottes, hat mir niemand etwas zu sagen. Ich werde den Kranken so lange in meinem Hause behalten, wie ich und der Arzt es für Menschenpflicht halten. Wenn er gesund ist, soll er zu den Seinen zurückkehren. Bis dahin aber warne ich jeden – bei der Heiligkeit meines Amtes als Priester! –, dieses Haus mit Absichten zu betreten, die dem Friedemann Bach feindlich sind, sonst werde ich an ihm, er sei, wer er wolle, ein Beispiel statuieren und ihn öffentlich zur Rechenschaft ziehen über die Schandtaten, die er sich gegen Gott und Vaterland, gegen Fürst und Volk zuschulden kommen ließ, – unbeirrt, ob man mich entsetzt und vertreibt. Sagen Sie das denen, die Sie geschickt haben!«

Verdutzt und äußerst beeindruckt entfernte sich Saul, erschien aber am gleichen Tage noch einmal und versicherte mit größter Freundlichkeit: so ernst seien seine Worte nun nicht aufzufassen gewesen; es solle lediglich verhindert werden, daß gewisse bedauerliche Vorfälle in die Öffentlichkeit dringen könnten, weil sie dort leider vollkommen falsch und schief beurteilt würden.

»Durch meinen Mund dringt nichts in die Öffentlichkeit, Herr Saul! Nicht aus Menschenfurcht, aber um des armen Opfers willen werde ich schweigen. Darüber kann man sich beruhigen! Vergessen Sie aber nicht: nur unter der Bedingung, daß man mich nicht in Ausübung meiner Liebespflicht hindert! Ergebener Diener, Herr Saul!«

Brühl war eingeschüchtert, und Friedemann blieb fortan im Predigerhause unbehelligt.

In stetem Gleichmaß kamen und gingen die Tage, brachten den Frühling, brachten den Sommer: das Befinden des Gemütskranken schien einer weiteren Besserung nicht mehr fähig.

An einem strahlend schönen Sonntag stand Friedemann am offenen Fenster seines Gartenhauses und sah gedankenverloren in die blühende Pracht hinaus. Von der Kirche her, in der Merperger und Doles ihres Amtes walteten, trug der Sommerwind leise Orgeltöne herüber. Düstere Schwermut lastete heute besonders stark auf ihm; er hatte noch nicht ein einziges Wort gesprochen. Ulrike saß am anderen Fenster und nähte; die Stille bedrückte sie, sie blickte den Sinnenden des öfteren schmerzlich an, sie bemerkte, daß ihm Tränen über die Wangen liefen. Besorgt legte sie die Arbeit weg, trat zu ihm und faßte seine Hand: »Kommen Sie vom Fenster, lieber Friedemann, die Orgel greift Sie an! Plaudern Sie lieber ein wenig, das lenkt Sie ab.«

Friedemann wandte sich zu ihr, über sein Gesicht zuckte es. »Ulrike, ich habe mir's eben überlegt, ob es wohl recht ist, daß ich bisher gegen Sie schwieg. Ach, wenn ich« – und er faßte an seinen Kopf – »hier nur erst richtig klar würde!«

»O, das sollen Sie schon werden, Friedemann! Wir pflegen Sie so lange, bis Sie ganz wohl sind. Und welche Freude für Ihren Vater, wenn sie erst wieder musizieren werden! Gewiß, in einem Vierteljahr haben Sie wieder erreicht, was Sie versäumten!«

»Nie, Ulrike! Das erreiche ich nie wieder!«

»Nicht doch! Wie kann ein Künstler, wie Sie, so sprechen? Was Sie sind und leisten, kann doch niemand von Ihnen nehmen!«

»Aber die Ehre, den Jugendmut! . . . Ulrike, Sie vor allen anderen sind meiner Bewunderung wert! Kommen Sie, hören Sie mich an! Ich will ganz ruhig sein und mich nicht erregen, aber ich muß endlich einmal mit Ihnen sprechen, damit Sie sehen, daß der arme Friedemann nicht undankbar ist.«

»Aber Friedemann!«

»O, bitte, lassen Sie mich!« Und er zog die leise Widerstrebende zu sich aufs Sofa. »Ulrike, ich bereue mein ganzes Leben. Es nagt an mir, daß ich so leichtsinnig gewesen bin und mich in die große Welt stürzte. Der Künstler, wenn er auch noch so bedeutend ist, muß nur für seine Kunst und den engsten Kreis seiner Freunde leben! Ich hätte mit mir mehr haushalten sollen. Wäre ich nicht wie ein Irrlicht umhergeflackert, hätte ich weniger Eitelkeit gehabt und mehr Sinn fürs Schlichte, ich hätte Sie lieben müssen, Ulrike! Aber ich versäumte meine gesegnete Stunde, kostete von dem verbotenen Trank des Schimmers, ich sah Antonie, wir liebten uns, und – es ist entsetzlich! – ich kann von dieser Liebe nicht lassen, so sehr ich sie bereue. Ich kann nicht aufhören, mich nach diesem Mädchen zu sehnen, – und weiß doch, daß ich sie nie besitzen kann! Ulrike, können Sie mir verzeihen, so von Herzen verzeihen?«

Er umarmte das in Tränen zerfließende Mädchen, preßte sein Gesicht an ihre Schulter und schien seinem Schmerz erliegen zu wollen.

»Lieber Friedemann«, – und mit aller Kraft der Seele bezwang sie sich – »Sie sind so edel und gut! Ja, Sie müssen Antonie ungeschwächt lieben, ich weiß es, – aber nun, da Sie langsam genesen, müssen Sie auch von dem ewigen Nachhängen Ihres Fühlens, Träumens und Sehnens sich frei machen und männlich handeln! Zerbrochene Liebe ist ein großes Unglück im Leben, aber Sie, der Mann, sind nicht allein zur Liebe gemacht. Die Menschheit, Gott und Welt sind die größeren, edleren und schöneren Ziele, die Sie zum Dienst anrufen. Vielleicht hat es der liebe Gott haben wollen, daß Sie erst recht groß und schön sein sollen in Ihrer Kunst, wenn Sie die Trümmer Ihres Herzens zum Sockel Ihrer Taten nehmen. Glauben Sie mir«, – wie eine Seherin stand das Mädchen vor ihm – »mit Freuden will ich mein armes Herz drum geben, und Ulrike wie Antonie mit ihrem Einzelschmerz sind nichts, wenn Sie fähig werden, wie David ein Königssänger für Gott und Menschheit zu sein!«

»Ja, Ulrike, du Einzige! Von dir geleitet, will ich's tun!«

»Wollen Sie das, Friedemann?«

»Ja, ja, ich will's! Sag mir, wie ich's kann?!«

Wie um Kraft und Segen bittend, faltete Ulrike ihre bebenden Hände: »Gott, mein Vater, laß es geschehen!« Sie führte Friedemann ans Klavier: »Ich unterwerfe Sie als Künstler, als Mann, als Diener Gottes einer schweren, – der schwersten Prüfung! Haben Sie meinen starken Willen und kaltes Blut?«

Friedemann sah sie an: »Ja, Ulrike!«

»So spielen Sie mir das schicksalsschwere Lied ›Willst du dein Herz mir schenken‹ und fugieren Sie es!«

Friedemann war starr und bleich; in ihm kämpfte es. Leise öffnete sich die Tür, und in der schmalen Spalte zeigten sich die verstörten Gesichter Doles' und des Predigers . . .

Friedemanns befestigter Wille siegte.

Er begann das Thema leise und ernst, modulierte es in Moll, aus dem Diskant in den Baß, durch alle Umkehrungen und Verschlingungen. Es war, als ob die Liebesklage mit der freien Kraft des Mannesstolzes kämpfte, bis aus Liebeslust und Liebesleid siegreich und triumphierend ein Choral emporstieg, ein hohes, freies Gotteslied, ein Dankopfer der Selbstbefreiung.

Friedemann stand auf: »Ulrike, das war die Krönung Ihrer Edeltat!« Er weinte Dankestränen.

»Er ist genesen!« hauchte das Mädchen und sank ermattet an des herzueilenden Vaters Brust; Doles schloß den Freund jubelnd in seine Arme.

Auch der Arzt, sichtlich verwundert über die plötzliche Wendung des Krankheitsverlaufes, erklärte ihn nach vierwöchiger unausgesetzter Beobachtung für geheilt. »Allerdings«, fügte er hinzu, »ist mit einem Wiederausbruch des Wahnsinns zu rechnen, sobald sein Gemüt einen neuen Stoß erleidet. Dann aber ist kaum mehr zu helfen!«

Merperger setzte Vater Bach von dem Geschehenen in Kenntnis, und Friedemann selbst schrieb an ihn, daß er sich stark genug fühle, wieder seinem Berufe zu dienen. Sebastian hatte längst beschlossen, den Sohn zunächst einmal bei sich in Leipzig zu beschäftigen und ihn nach Kräften für die Stürme des Lebens geschickter zu machen; er holte ihn ungesäumt von Dresden ab.

Friedemann nahm Abschied, und mit besonders tiefer Bewegung des Dankes und der Freundeszärtlichkeit von Ulrike: »Ob wir uns noch einmal wiedersehen im Leben? . . . Verzeihen Sie mir! Behalten Sie mich lieb!« –

Doles begleitete Vater und Sohn eine Strecke Wegs; dann ging er zu Fuß zurück, bei sich überlegend, daß er nun, nachdem Friedemann zum zweitenmal verzichtend an Ulrike vorbeigeschritten sei, das ehrliche, unantastbare Recht habe, um die auch von ihm heiß geliebte zu werben und sie für sich zu gewinnen.

Aber erst, als ihm der Ruf seines Orgelspiels eine Organistenstelle in Freiberg eingetragen hatte, trat er aus seiner stummen Anbetung und scheuen Zurückhaltung heraus. »Liebe Ulrike«, sagte er, als er von ihr schied, »ich möchte mit Ihnen, wenn Sie's nicht übelnehmen wollen, einmal so recht aus tiefster Seele sprechen. Ich weiß, ich bin ein etwas hölzerner Patron, aber, bei Gott, ich meine es ehrenwert!«

Ulrike lächelte matt: »Reden Sie immer, lieber Herr Doles!«

»Gut denn! Ulrike, ich kann nicht viele Worte machen, und heute erst recht nicht. Ich hab's mit ansehen müssen, wie schlecht sich Friedemann damals gegen Sie benommen hat, wie er selbst jetzt – ich muß es sagen, obwohl der Friede mein Freund ist und immer bleiben wird –, wie er selbst jetzt nicht die Tiefe Ihres Gemüts und die ganze Größe Ihrer Aufopferung begriffen hat. Sie sind mit Ihrem Herzen voller Lieb und Wehe nicht verstanden, sind nicht wiedergeliebt worden, und das schmerzt mich unsäglich! Aber Sie sollen wissen, daß es wenigstens einen im Leben gibt, der Sie versteht und – der Sie liebt, maßlos liebt, auch wenn er nie auf Gewährung hoffen darf. Ewig werden Sie in seinem Herzen sein, . . . in dem des mürrischen, trockenen Doles nämlich, Ulrike! Und wenn Ihnen das eine schwache Genugtuung geben kann, so ist's alles, was ich vom Schicksal verlange!«

Ulrike, über das unerwartete Geständnis erschrocken und doch auch wieder freudig bewegt, reichte dem Manne zitternd die Hand: »Ich danke Ihnen, lieber, mürrischer Doles! Sie haben mir unendlich wohlgetan!«

Doles reiste ab. Zwei Jahre später durfte er Ulrike als seine Frau in die neue Heimat führen.

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