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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XIII.

Draußen läuteten die Osterglocken.

Minister von Brühl stand von seinem Schreibtisch auf, schloß das Fenster und wandte sich wieder seinem Besucher zu, einem schlanken, etwas blassen Herrn in einem schwarzen, advokatenartigen Gewand: »Also, lieber Saul, dann erzählen Sie mir einmal die Affäre!«

»Ihro Exzellenz Befehl zufolge hatte ich einen Mietwagen am Pirnaschen Platze postiert. Zur bestimmten Zeit begab ich mich nach der großen Brüderstraße und strich an bewußter Kutsche vorbei. Sie waren noch oben. Ich trat hinter die Kirche und wartete. Siepmann und drei andere brachten ihn und stiegen ein. Ich ging langsam zurück und fand den Kutscher meiner harrend. ›Die Kutsche ist schon weit voraus‹, sagte er, und wir fuhren, in einem Abstand von vielleicht einer Viertelstunde, hinterher. – Wir kamen an. Ich ward auf meine Order eingelassen und kam zum Kommandanten. Siepmann und die andern waren bei ihm; sie schienen ihr Geschäft abgetan zu haben. Siepmann schrie mich an: ›Teufel, was sollen Sie hier?‹ – ›Ich habe auch Geschäfte‹, antwortete ich und gab Euer Exzellenz Brief dem Kommandanten. Er erbrach ihn, sah mich an und kingelte: ›Führen Sie diese vier Delinquenten hier nach Nummer zwölf, morgen werden sie eingekleidet und in die Bausektion gesteckt.‹ Siepmann sprang wie ein Besessener empor, doch die Stockknechte warfen sich auf ihn, und eine Minute später war die Gesellschaft im Käfig!«

»Danke, ich bin mit Ihnen zufrieden! Sie haben Siepmanns Stelle. Sehen Sie aber zu, daß nicht Ihr Hintermann dereinst auch in Ihre Lücke tritt. Meine Justiz ist rasch!«

Damit entließ er Saul und suchte seine Gemahlin auf. Sie saß am Putztisch, als er eintrat, und er führte mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen.

»Ah, lieber Heinrich, Sie bringen mir den Ostergruß?«

»Gewiß, teure Antonie! Sie haben mich aus langem Schlaf befreit, und ich bin auferstanden. Und damit Sie wissen, daß ich's bin, grüße ich Sie heute!«

»Das klingt entsetzlich sibyllinisch, Lieber; Sie müssen das meinem armen Verstande schon faßlicher machen.«

»Wenn Sie mir versprechen wollen, Ihre Morgentoilette nicht zu unterbrechen, will ich Ihnen von meiner Auferstehung plaudern.«

Sie nickte lächelnd, er klingelte; die Kammerfrau trat ein und begann die Ministerin zu frisieren.

»Da die ganze Plauderei, liebe Antonie, unsere kleinen schalkhaften Privatangelegenheiten betrifft, wollen wir deutsch konversieren; unnötig, daß die französische Haarkünstlerin etwas davon versteht.«

»Es wird also sehr interessant sein?«

»Sehr, meine Gemahlin! Denn wenn ich Auferstehung feiere, muß ich ja zuvor geschlafen, geträumt haben, – und wenn ich träume, kann ich's nur von Ihnen. Und das ist doch gewiß sehr interessant!«

»Damit aber das Interessante ewig bliebe, Heinrich, müßte ich doch wünschen, Sie wären gar nicht auferstanden, sondern schliefen und träumten noch. Befinden Sie sich denn in Ihrer Auferstehungssituation besser? Das wäre eben kein Kompliment für mich.«

»O doch, Teuerste! Ich fühle mich jetzt unendlich freier und wohler als sonst, und das verdanke ich Ihnen. Ich lebe nun das Leben der Wirklichkeit, der Illusionslosigkeit. Alles, was ich besitze, habe ich dadurch fester, genieße es mehr; und daß ich das nun kann, weil ich erwachte, verdanke ich Ihnen, teuerste Antonie!« – und fast inbrünstig drückte er ihren schönen Arm.

Die Ministerin überkam ein Frösteln und eine leichte Verlegenheit: »Und wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie wirklich nicht!«

»Ich werde mich deutlicher machen! – Es ist schon lange her, liebe Antonie, daß ich ein Nichts von einem Menschen war. Ich erinnere mich dessen noch ganz gut; um so besser, meine Daphne, als ich damals einen ehrenvollen Namen, ein fröhliches Herz und ein leichtes Gewissen hatte. – O, lassen Sie nur das Mädchen weiterfrisieren, es stört mich gar nicht. – Wie gesagt, ich erinnere mich noch lebhaft jener Zeit. Da sah ich eine Wunderblume, die stolzeste, süßeste in des Königs Garten, obgleich sie schon etwas fleur deflorée war. Ich warb um sie in verblendeter Liebe, preßte sie an mein Herz und – entschlief. Sie hatte mich in einen Traum gezaubert, in dem sie mir ihren Besitz verhieß, wenn ich ihr meine Seele gäbe. Ich gab sie ihr! Schlafwandelnd ging ich, von der Blume geführt, die Wege der Ehrlosigkeit, die aber zum Ruhme führten. Je höher ich stieg, je lieblicher mir die Blume erglühte, desto schwerer ward mein Weg durch die Last meines Gewissens. Da erwachte ich plötzlich zur guten Stunde. Ich fand, daß ein anderer eben dabei war, sich die Blume ans Herz zu legen, und – die Knospe dazu! Wissen Sie, was ich tat? Ich nahm meine verratene Seele zurück, nahm die Blume, die ich eben zu verlieren im Begriff war, und steckte sie fein zierlich wieder ins Knopfloch. Weil sie mich gar so gut kleidet! Und der arme, süße Zimbelspieler, der ›es gar so heimlich anfängt, wenn er sein Herz verschenken will‹, der sitzt seit Karfreitag nacht auf dem Königstein in der Züchtlingsjacke. Das ist die Geschichte von meinem Auferstehungsmorgen. – Im übrigen wird in drei Tagen meine liebe Pflegetochter, die sich auch ›sein Herz schenken ließ‹, zu einem Freunde aufs Land abreisen, wo sie so lange bleiben wird, bis sie die Schäferpoesie vergessen und einen Mann von trockener, solider Prosa geheiratet hat. Wir aber bleiben – wie immer – gute Freunde!« Er ergriff der Ministerin Hand, um sie mit zynisch lächelndem Gleichmut an sein Herz zu drücken.

Mit einer verzweifelten Bewegung riß sie sich von ihm los, wollte ihm ins Gesicht schlagen: »Elender, gemeiner Bösewicht, sei verdammt dafür!« – aber er fing ihre Hand ab und preßte sie, bis sie schmerzte.

»Wir sind alle Komödianten, es kommt nur darauf an, daß jeder seine Rolle gut spiele!« und er ging.

Mit einem Schrei brach die Ministerin zusammen und wand sich in Krämpfen. Die Diener eilten herbei. Der Arzt kam.

»Exzellenz haben ein schweres Nervenfieber!«

 

In derselben Stunde, in der Saul vor Brühl stand, fuhr durch das Leipziger Tor eine Kutsche in Dresden ein. Ihr einziger Fahrgast war Johann Sebastian Bach.

In einer Ausspannung in der Fleischergasse stieg er ab, brachte seine Kleider ein wenig in Ordnung und eilte, so rasch er konnte, zur Sophienkirche. Er betrat sie, als gerade der letzte Glockenton verhallt war, und stellte sich dem Orgelchor gegenüber auf.

Tiefe Frömmigkeit lag auf der ganzen Gemeinde, nur Sebastian war nicht recht andächtig. Er hörte und hörte, trippelte hin und her, hörte wieder und schüttelte den Kopf: »Sollte das Friedemann sein, der da spielt?« Es klang ihm so fremd, so anders! Er sah zur Empore hinauf, konnte aber nichts erkennen, und so ging er leise durchs Seitenschiff, um die Treppe nach oben zu gewinnen. Da trat Merperger aus der Sakristei, in vollem Ornat, winkte ihm und zog ihn zu sich hinein: »Gott grüß Sie in Dresden, Meister Bach! Sie wollten zu Ihrem Sohn, nicht wahr?«

»Ja, Hochwürden! Aber der da oben kann doch mein Friede nicht sein? Ich hatte in Leipzig, wie angefallen, eine richtige Sehnsucht nach ihm, und nun . . . ich fürchte, er ist krank.«

»Meinen Brief, lieber Herr Bach, haben Sie also nicht erhalten?«

»Nein! Haben Sie denn an mich geschrieben, Hochwürden?«

»Ja, liebster Herr Bach! Ich wollte Sie auf etwas vorbereiten. Sie sind stets ein wackerer Christ gewesen, der mit Gottvertrauen im Dienste des Herrn steht. Nehmen Sie all Ihren Glauben, Ihre Hoffnung, Ihren Mut zusammen: Gott hat Ihnen eine große Trübsal bereitet.«

»Herr Jesus! Hab ich's doch geahnt, daß dem Friedemann was begegnet ist! Ist er krank, oder . . . oder hat ihn mir der liebe Gott genommen?« und dem alten Mann liefen die Tränen über die Wangen.

»Ihr Sohn, Vater Bach, ist nicht krank oder tot. – Hören Sie mich ruhig an! Ihr Sohn ist bei Brühl ein und aus gegangen, und in letzter Zeit mehr denn je, mehr als für einen Organisten paßte und dem Friedemann gut sein mochte. Er hat sich einmal gegen Doles geäußert, daß er mit der ältesten Tochter des Ministers ein Verhältnis habe, und ich fürchte, da ist etwas Schlimmes vorgegangen; denn Karfreitag nacht ist er in der Stille arretiert worden und, wie man sagt, auf den Königstein gekommen.«

Der alte Sebastian fiel dem Prediger schluchzend um den Hals; Merperger preßte ihn krampfhaft an sich. »Der Herr hilft dem Schwachen, er wird ansehen dein Leid und dich trösten wie Hiob. Er wird sich freuen deiner Geduld und dich erheben aus deiner Trübsal!« sprach er ihm Mut zu. Sebastian wurde stiller.

Der Geistliche, der auf die Kanzel mußte, ließ Doles rufen, und Lehrer und Schüler standen sich zum erstenmal seit ihrer Entzweiung gegenüber.

»Doles, Ihr seid meines unglücklichen Jungen Freund gewesen, und wenn Ihr mir auch gram seid, so hoffe ich doch und bitt' Euch, Ihr wollt so viel christliche Liebe haben, einem armen Vater zu erzählen, was Ihr von meinem Sohne wißt, und ob der Friedemann wissentlich einen Halunkenstreich begangen hat, daß er eine solch entsetzliche Strafe verdient.«

»Vater Bach« – und Doles nahm seinen alten Lehrer bei der Hand und sah ihm treuherzig in die Augen – »Vater Bach, Gott mög's an mir heimsuchen, wenn ich Euch etwas nachtrage in dieser Stunde! Friedemann ist mein Freund und bleibt's in alle Ewigkeit, und, so gewiß ein Gott über uns ist, Euer Sohn hat keinen schlechten Streich begangen, das ist nun und nimmer wahr! Er hat sein Herz freilich an des Ministers Tochter gehängt, aber in aller Ehre und Sitte, und das ist keine Schande, wenn's auch unüberlegt war. Die Liebe überlegt halt nicht! Der Brühl hat eine vermaledeite Schlechtigkeit an Friede getan, nur weil er die Gewalt dazu hat; denn wenn er in seinem Recht war, könnte er die Gerichte anrufen. Nein, Friedemann ist unschuldig!«

»Ja, das ist er! Herr Gott, wie dank' ich dir, daß du mir diesen Trost geschenkt hast! – Doles, Gott mag Euch das segnen! Lebt wohl, ich komme bald wieder!«

»Wohin wollt Ihr denn gehen, Vater Bach? Tut nichts Unüberlegtes, nehmt mich mit!«

»Wollt Ihr mir als ein rechter Freund in der Not meinen Sohn wiederfinden helfen? Kommt her, laßt Euch die Wange küssen, die ich geschlagen habe!«

Doles beugte sich nieder und küßte dem zitternden Sebastian die Hand: »Laßt immer meine Wangen brennen, Vater Bach; jetzt ist nicht von Musik die Rede, sondern nur von Eurem Sohn. Kommt!«

Stehenden Schrittes begab sich Bach mit Doles ins Ministerhotel. Doles mußte warten, der Alte trat ein und ließ sich melden. Nach einigen Minuten kam der Lakai zurück: »Seine Exzellenz sind so ohne weiteres nicht für irgendwelche Leute zu sprechen. Wenn Sie ein Gesuch haben, kommen Sie schriftlich ein!«

Johann Sebastian Bach wankte hinaus.

»Umsonst?« fragte Doles. »Das hab' ich mir gedacht! Und ehe Ihr die Bittschrift beantwortet kriegt, härmt sich Friedemann zu Tode!«

Beide Männer standen ratlos auf dem weiten Platz. Sebastians Hände waren zusammengepreßt und bewegten sich krampfhaft. Dabei fiel sein Blick auf etwas Blitzendes; es war der Brillantring, den ihm August damals als Kronprinz geschenkt und den Magdalena ihm an den Finger gesteckt hatte, als er abfuhr.

»Doles, Gott gibt mir einen letzten Weg ein! Ich gehe zum König, der muß ihn mir freigeben!«

Sebastian Bach betrat das Portal und meldete sich beim Offizier der Schloßwache, der, als er den Namen des Bittstellers hörte, sofort einen Garde-Sergeanten beauftragte, ihn nach dem Flügel zu geleiten, in dem sich die Zimmer des Königs befanden. – Im Vorsaal traf Bach den alten Kammerdiener, den er seit Jahren kannte, und trug ihm seine Bitte um dringende Audienz vor.

»Ja, Meister Bach, 's geht nicht! Ich darf keinen Fremden bei Seiner Majestät vorlassen, der sich nicht vorher beim Herrn Minister Brühl, Exzellenz, gemeldet hat.«

»Ich muß aber Seine Majestät sprechen, lieber Freund, ich muß! Wenn ich diesen Ring hier vorzeige, hat mir der König als Kurprinz gesagt, kann ich mir zu jeder Zeit eine Gnade ausbitten. Also melden Sie mich, Herr Oberkammerdiener!«

»Hm! Ja! 's ist schlimm! – Na, ich will sehen, was zu machen ist.«

Einige Minuten später schon trat Sebastian Bach ins Zimmer des Königs. August ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken: »Ei, Gott grüße Sie in Dresden, Bach! – Nun, was bringen Sie mir Gutes?«

»Majestät, ich bringe Ihnen was recht Schlechtes, Elendes und Unglückliches. Ich bringe Ihnen ein zerschlagenes Vaterherz, das um Gerechtigkeit fleht.«

»Herr Gott, was ist denn? – Wahrhaftig, Sie sehen ganz desolat aus!«

»Majestät, der Herr Minister Brühl hat meinen Sohn Friedemann heimlich aufheben und nach dem Königstein bringen lassen. Ich habe ihn eben fragen wollen, warum? – er hat mich ich aber nicht angehört.«

August stand betroffen still: »Das tut mir weh, lieber Bach. Wissen Sie bestimmt, daß dem so ist?«

»Dem ist so, Majestät!«

»Lieber Bach, da muß sich Ihr Sohn wohl etwas sehr Schweres haben zuschulden kommen lassen; denn Brühl ist ein rechtlicher Mann und hat überdies den Friedemann liebgehabt.«

»Majestät, wenn mein Sohn Friedemann einen Halunkenstreich begangen hat, so sind die Gerichte da, die ihn verurteilen können. Wenn aber der Herr von Brühl meinen Sohn, weil er so unbesonnen war, sich in Seiner Exzellenz älteste Komtesse zu verlieben, in der Nacht heimlich überfallen und fortschleppen läßt, dann, Majestät, ist der Minister Brühl kein rechtlicher Mann, sondern ein Spitzbube!«

»Bach!« fuhr der König auf, trat erzürnt an den Tisch und griff nach der Schelle, »was untersteht Er sich? Auf der Stelle aus meinen Augen, Mensch, oder ich werde Ihn Räson lehren!«

»Lassen Sie den alten Bach getrost zu seinem Sohne sperren, Majestät! Mich wird es nicht schänden, ebensowenig wie meinen Sohn! Aber Gott im Himmei wird jede Missetat vergelten, er wird von Ihnen das Pfund fordern, das er Ihnen mit der Krone anvertraut hat, und das Leben und die Ehre und das Recht jedes Untertanen, das Sie in den Staub getreten! – Lassen Sie mich nur nach der Festung bringen, Majestät, ich werde immer noch der Musiker Sebastian Bach bleiben, dessen Freundschaft dem Kurprinz August einst am Herzen lag. – Hier ist Ihr Ring wieder, Majestät, damit Sie nicht Ihr Wort zu brechen brauchen, wenn Sie mir die einzige Bitte, die ich je an Sie gestellt habe, die Bitte um Gerechtigkeit, verweigern!« Und Sebastian warf den Ring auf den Tisch, wandte sich um und trat ans Fenster.

August III. erwiderte nichts. Zorn, beleidigte Majestät und Verlegenheit kämpften in ihm. Die Hände geballt, ging er wieder im Zimmer auf und nieder. Endlich trat er zu dem Bittsteller: »Bach, Er hat schwere Worte gegen mich gesprochen, und wenn ich sie als gekränkter Monarch nicht ahnde, mag Er daraus erkennen, daß ich Sein Benehmen auf Rechnung des verwundeten Vaterherzens setze. Brühl hat Ihm und Seinem Sohn unrecht getan, und ich mag geneigt sein, so viel sich eben gutmachen läßt, gutzumachen; denn ich habe Ihn lieb, und Er tut mir von Herzen leid. Daß Sein Sohn aber ein ganz unbesonnener Mensch ist, steht fest, und Er kann weder verlangen noch glauben, daß ich meinen Minister um Seines leichtsinnigen Schlingels willen kompromittieren, Seinen Sohn öffentlich von der Festung zurückrufen und wieder in seine Stellung setzen soll. – Damit Er aber sieht, daß ich als König nicht den Kurprinzen vergessen hab', wie Er meint, so will ich Ihm seinen Sohn wiedergeben. Er muß mir aber versprechen, daß der Friedemann sich nie wieder in Dresden sehen läßt, daß Er ihn ohne Ostentation nach Leipzig nimmt und dort in Räson setzt, damit er sich die verliebten Grillen aus dem Kopf schlägt und seinen Geist auf die Kunst allein richtet. Will Er mir das versprechen, Bach?«

Sebastian beugte sich über die Hand des Königs und küßte sie: »Ich verspreche es Ihnen, Majestät!«

»Und Er will über den ganzen Vorfall schweigen?«

»Ich will schweigen, Majestät!«

»Nehme Er seinen Ring wieder, Sebastian! Und wenn irgendwo . . . hm . . . eine gute Stelle frei wird, soll sie der Friedemann haben!«

Sebastian steckte den Brillantring wieder an und bat den König aufrichtig um Verzeihung. August reichte ihm die Hand: »Schon gut, Bach!« Er trat an seinen Schreibtisch, schrieb eine Order und klingelte nach seinem Kammerdiener, dem er befahl, den wachhabenden Offizier herbeizurufen.

»Wie heißen Sie?« fragte er den Eintretenden. – »Leutnant von Tacker, Euer Majestät.«

»Schön! – Wenn Sie heute abend abgelöst sind, Tacker, so fahren Sie mit diesem Manne hier nach dem Königstein. Unten im Walde lassen Sie die Kutsche mit dem Herrn zurück und begeben sich allein zum Kommandanten. Auf diese Order erhalten Sie einen jungen Menschen, den Sohn dieses Mannes. Den bringen Sie seinem Vater zurück und sehen darauf, daß er sofort die Straße nach Leipzig weiterfährt. Der ganze Vorgang bleibt Geheimnis, auf Ihr Ehrenwort! Ich erwarte Rapport. Verabreden Sie untereinander das Nähere, meine Herren. Guten Morgen!«

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