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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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XI.

Unter den mannigfachen Freunden und Bekannten Friedemanns, der nun schon an die acht Jahre an der Sophienkirche wirkte, immer noch keine Frau gefunden hatte und weiterhin von der reichlich gebrechlich gewordenen »alten Hanne« betreut wurde, war der Oberprediger Merperger einer der ausgezeichnetsten. Er war ein Mann, der wegen seiner hohen Tugenden und seines weiten und tiefen Wissens in allgemeinem Ansehen stand; er war ein entschiedener Anhänger der Wolffschen Doktrin. Durch seine Stellung war Friedemann in der Familie Merpergers heimisch geworden, und der dort herrschende philosophische Geist, der ihm die schöne Merseburger Studienzeit wieder naherückte, hatte ihn an dieses Haus gefesselt. Was aber den Abendgesellschaften des Predigers noch mehr Anziehungskraft verlieh, war seine Tochter Ulrike, die seit dem Tode der Mutter dem Hauswesen vorstand. Sie war ein liebliches Mädchen, schlank und klein, von nicht allzu üppigen Formen. Still, Fremden gegenüber fast schüchtern, gab sie sich, wenn sie erst ihre natürliche Befangenheit überwunden hatte, in so reizender Sinnigkeit, brachte sie solch seelenvolle, tief innerliche Wärme in das Gespräch, daß sie einen unauslöschlichen Eindruck bei jedem hinterließ, der sie länger kannte. Dabei hatte sie eine nicht zu verachtende musikalische Bildung.

Ulrike trug, seit sie Friedemann zum erstenmal gesehen, eine tiefe, mädchenhaft scheue Liebe zu ihm in ihrem Herzen. Der Einunddreißigjährige aber, der wohl für Frauenschönheit nicht unempfänglich war, ihr seither jedoch nur tändelnd gehuldigt hatte und nie von dem Verlangen angerührt wurde, aus Huldigung ernsthafte Bewerbung werden zu lassen, sah auch sein Verhältnis zur Predigertochter mit keinen anderen Augen an. Um so mehr mußte jede vertraulichere Geste, jedes unbedachte Wort, das er arglos an sie richtete, eine schmerzliche Wunde in dem kranken Herzen verursachen.

Der alte Merperger sah es zu spät, und da er sein Kind innig liebte und zugleich bemerkte, wie wenig Neigung Friedemann hatte, beschloß er, ein schnelles Ende herbeizuführen. Er besuchte, ernst und bewegt, den jungen Bach: »Störe ich Sie, mein Freund?«

»Nein, Hochwürden, ich stehe ganz zu Dero Diensten.«

»Gut denn! Lassen Sie mich also offen mit Ihnen reden, wie ein älterer mit dem jüngeren, wie ein ehrlicher Mann mit dem anderen es muß. Hören Sie mich ruhig an und sehen Sie als Anlaß zu diesem Gespräch nur mein Pflichtgefühl! Sie sind ein Mensch, dem der liebe Gott alle Erdengaben in reichster Fülle verliehen hat. Sie stammen aus einer Familie, deren Ruhm durch die ganze Welt geht, und Sie sind selbst ein großer Künstler, der die Gnade und Gunst unseres Regenten und aller ausgezeichneten Menschen genießt und verdient. Zu dem allen hat Ihnen der Schöpfer ein liebenswürdiges Äußere und weltmännisch-gewandtes Auftreten geschenkt, Eigenschaften, die Ihnen überall Freunde machen müssen. Ich denke also, daß Sie Ursache haben, dem himmlischen Vater recht dankbar zu sein. Als Ihr Patron und derzeitiger Seelsorger habe ich das Recht, Ihnen zu sagen, daß Sie jedoch verpflichtet sind, diese großen Glücksgaben nicht zu mißbrauchen! Daß Sie sich immer fragen sollten, ob Sie Ihren Mitmenschen mit diesen Vorzügen nicht wehe tun, so wehe, daß dieselben wünschen müssen, Gott hätte Ihnen weniger Liebenswürdigkeit, aber mehr Lebensernst und Seelentiefe gegeben.«

Merpergers Stimme zitterte, Friedemann war sprachlos und erstaunt.

»Ihr Erstaunen, lieber Bach, zeigt mir klar, daß bei Ihnen nicht von einem absichtlichen und ehrlosen Spiel mit Gefühlen und Neigungen die Rede sein kann, – aber so innig lieb ich Sie habe, muß ich Sie doch bitten, künftig mein Haus zu meiden. Ich bitte darum als Vater! Als wohlmeinender Freund aber sage ich Ihnen: seien Sie haushälterisch mit Ihrer Galanterie, damit man Sie nicht für einen leichtfertigen Menschen hält und Ihnen vielleicht gerade dann mißtraut, wenn die echte Flamme der Liebe Ihrem Munde Worte eingibt, die Gewicht und Wahrheit haben sollen! Gott erhalte Sie, junger Freund!«

Friedemann war wie vom Blitz getroffen. – Ulrike liebte ihn, und er hatte durch sein leichtsinniges, übertrieben liebenswürdiges Verhalten sie in den Glauben versetzt, er empfinde gleichfalls Neigung für sie. Inniges Mitleid und tiefe Reue bemächtigten sich seiner, denn sein Herz war zu groß und edel, um bei fremdem Leid ungerührt zu bleiben, erst recht, wenn er – obwohl ohne Absicht – die Ursache davon war. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, sah im Geist das leidende Mädchen und beschloß, nichts ungetan zu lassen, um wiedergutzumachen. Ulrike jedoch zu lieben, das lag nicht in seiner Kraft. Voll Beschämung entschloß er sich, an Merperger zu schreiben, ihn seiner heftigen Reue zu versichern und, sein Benehmen bitter anklagend, ihm als seinem Seelsorger Besserung zu geloben. Mehr konnte er nicht tun.

Sein Erlebnis war indessen von so tiefgreifender seelischer Wirkung, daß von dieser Zeit an eine auffallende Änderung in ihm vorging. Seine weltmännische Glätte blieb zwar; aber wenn sie bisher von dem Schwung seines Geistes, von einem Abglanz seines phantasiereichen Innern schillernd belebt war, so bekam sie nun etwas Starres, Kaltes, Abweisendes. Er schien voller Mißtrauen erst die Seele des mit ihm Redenden geistig abzutasten, und wenn hinfort eine schöne Frau durch Entfaltung aller Liebenswürdigkeit ihn in seinen alten Ton zurückzubringen versuchte, sah er darin nur Schlingen, die die Heiratslust der Mädchen ihm stellte. Er wurde dann oft unartig und begann schließlich, das weibliche Geschlecht möglichst zu meiden.

Friedemanns Freunde bemerkten seine eigentümliche Wandlung, doch kannte keiner, außer Merperger und Doles, den wahren Grund; beide empfanden vor seiner Willenskraft und seinem sittlichen Stolz gerechte Bewunderung, sahen aber auch zu ihrem Bedauern, wie er in ein Extrem verfiel, das seinem inneren und äußeren Leben nur gefährlich werden konnte. Der Prediger hätte ihn gern aufmerksam gemacht, fühlte jedoch nur zu lebhaft, wie wenig gerade er einschreiten konnte, und Doles, dessen rücksichtslose Freundschaft eines Tages einen Vorstoß wagte, lief schief an. »Ich will's so!« hatte Friedemann nur gesagt und jede weitere Erörterung abgelehnt.

Merperger sah Bach nur noch in der Kirche oder bei einem kleinen Abendzirkel von Herren, der sich allwöchentlich einmal bei Friedemann einfand, und den der Prediger gern besuchte, weil er den geistreichen Künstler, der ihm in seinem Amte so nahestand, nicht missen wollte. Außer ihm und Doles bestand die Gesellschaft noch aus dem Stadtsyndikus Weinlich, einem alten musikalischen Hagestolz, Homilius und dem Musiklehrer Transchel, der ein alter Mitschüler Friedemanns bei Bach gewesen war. Diesen Kreis beschloß der Hofmathematikus Walz, ebenfalls ein alter Junggeselle, bei dem der Hausherr seine Studien, besonders in Algebra, Physik und Philosophie, fortsetzte. Wenn Hasse und seine schöne Faustina in der Oper nichts zu tun hatten, sprachen auch sie häufig vor und brachten mit ihrem leichten italienischen Melodiengetändel eine gefällige Abwechslung in die Diskussionen über Wolffschen Rationalismus oder Voltaires »Lettres philosophiques«.

Von Gesellschaften außer dem Hause hatte sich Friedemann tunlichst zurückgezogen, und unter den wenigen, die er noch besuchte, nahmen das Hotel Brühl und die Familie des Herrn von Schemberg die erste Stelle ein. Herr von Schemberg, der bei Hofe höchst beliebt war, hatte für Friedemann eine herzliche Freundschaft gefaßt; auch seine Frau hatte den jungen Künstler gern, und da sie älter war als er, nahm sie sich öfter die Freiheit, ihm rückhaltlos »den Marsch zu blasen«. Sie war eine höchst gebildete und geistreiche Frau, und Friedemann ließ sich von ihr gern alles gefallen.

Nicht mit der gleichen freundschaftlichen Herzlichkeit, aber doch mit betonter Liebenswürdigkeit und besonderer Auszeichnung wurde der junge Bach auch im Hause Brühl als stets willkommener Gast empfangen. Er war fast die einzige Privatperson, die der Minister aus seinen früheren Jahren mit herübergenommen hatte; denn außer Antonie war er der einzige Mensch, mit dem Brühl ehrlich umgehen konnte und wollte, in dessen Gesellschaft er sich menschlich frei fühlte, sich besser vorkam als sonst im Leben. Bei traulichen Gesprächen im engeren Familienkreise konnte er wahrhaft liebenswerte Seiten enthüllen, eine tiefe, solide Neigung, ein Herz, das doch empfänglich für Einfachheit war und ihn edel und gut erscheinen ließ.

Sogar Antonie von Brühl, die Frau, um deretwillen der Graf alles nur Erdenkliche auf sein Gewissen geladen hatte, die Frau, die sich in jahrelangem, rastlosem, unersättlichem Streben zum Ziel ihrer Wünsche durchzukämpfen gewußt hatte: sie begann einzusehen, daß der wahre Genuß des Lebens im Einfachen bestehe, wenn es nur von echter, tiefer, opferfähiger und heißerwiderter Liebe geboten wird.

Hatte sie solche Liebe jemals gegeben, jemals empfangen? War sie nicht im Grunde immer nur an eine ahnungsvolle, schmerzlich-süße Sehnsucht geschmiedet gewesen?

Von ihrer Mutter, der Fürstin Kollowrat, Oberhofmeisterin unter Königin Eberhardine, streng erzogen, war sie in eine ländliche Pension bei Dresden gebracht worden, um vor dem leichtsinnigen Leben des Hofes behütet zu bleiben. Aber gerade das, was ihr Schutz sein sollte, wurde ihr zur Falle. August der Starke, der es oft liebte, den romantischen Abenteurer zu spielen, traf die junge Antonie im Garten bei Tharandt und leitete sofort ein galantes Schäferspiel ein, dem die leicht Erregbare nicht widerstand, und dessen Folgen sie erst einsah, als sie nicht mehr zu ändern waren. – Antonie wurde aufs innigste bemitleidet; die eigentümliche Art ihres Unglücks, der Umstand, daß sie eine verführte Unschuld und keine Mätresse war, erwarben ihr die ritterliche Achtung und Zuneigung der Männerwelt. Zu sehr beeindruckt jedoch von dem schlimmen Verlauf ihres ersten Debüts in der Liebe, war sie von äußerster Zurückhaltung; sie legte ihrer Leidenschaftlichkeit Zügel an und gönnte ihrem Herzen nur dann ein Mitbestimmungsrecht, wenn zugleich ihr Ehrgeiz, ihr Hunger nach Macht, Reichtum, Luxus und Lebensgenuß befriedigt wurden.

Bei Brühl war das, nachdem er das aufregende und unterhaltsame Spiel der Nebenbuhlerschaft zu seinen Gunsten entschieden hatte, der Fall. Aber nun, heute? Aus der Hetzjagd nach Erfolg und Macht war gesicherter, ruhiger Besitz geworden, aus dem Sturm der Gefühle und Neigungen Windstille, aus ihrer Ehe Alltag. Was blieb, war Langeweile . . .

Und aus dieser Langeweile, die der Dreiunddreißigjährigen zu mancherlei Gedanken über sich selbst reichlich Anlaß und Gelegenheit bot, erwuchs ihr geheimer Abwehrwunsch von dem Gewesenen, ihre Unzufriedenheit mit der Gegenwart, ihre Sehnsucht nach einer Zukunft voller Glück und Märchenwunder. Sie geriet ins Träumen . . .

Und plötzlich wußte sie, wen ihre Sehnsucht gesucht hatte, wem ihr Herz entgegenjubelte, die Ströme ihres Blutes in heißer Leidenschaft zurauschten: – es war Friedemann Bach. Die Ministerin liebte Friedemann namenlos, glühend, mit der ganzen Kraft ihres unbefriedigten Frauentums, – wenigstens glaubte sie das – und je mehr sie sich ihm zu nähern suchte, je vorsichtiger sie dabei zu Werke gehen mußte, desto mehr reizte sie diese Liebe. Es kam für sie vor allem darauf an, Friedemann an ihr Haus zu fesseln, ihn durch öftere, regelmäßigere Besuche stets in ihrer Nähe zu halten und doch jeglichen Schein zu vermeiden. – Da kam ihr ein glücklicher Gedanke: Friedemann sollte ihrer siebzehnjährigen Tochter täglich eine Musikstunde geben. Das Mädchen war noch kindlich, unbedacht, erfahrungslos. Welch bessere Gelegenheit konnte es geben als die, mit der Dummheit der Tochter die Pläne der Mutter zu verbergen?!

Brühl war mit dem Vorschlag seiner Gemahlin ganz einverstanden, und die Musikstunden begannen. Aber nach der fünften Stunde, die Friedemann der jungen Antonie, Komtesse von Kollowrat, erteilte, wurde er still und stiller, verlegen, einsilbig; er begann, sich strenger an die Pflicht des Unterrichts zu binden. Nach dieser fünften Stunde mußte sich Friedemann eingestehen, daß er seine Schülerin liebe.

Und auch Antonie liebte Friedemann, liebte ihn schon, seitdem er vor zwei Jahren ins Haus kam. Hocherrötend war sie, als die erste Musikstunde begann, vor ihn getreten, hatte scheu, ängstlich und schüchtern seine Finger berührt. Friedemann konnte sich dieses seltsame Verhalten anfangs nicht erklären, bis ihn in einem günstigen Augenblick ein Blick von solcher Innigkeit, von solch durchglutetem Glück traf, daß er, plötzlich über Antonie und sich selbst wissend geworden, gleichen Liebesgruß entbot. Danach wurden sie äußerlich zurückhaltender gegeneinander, errichteten aber ihrem verschwiegenen Glück einen goldenen Hoffnungsschrein in ihrem Innern.

Der Mutter Antonies konnte die merkwürdige Stille in Friedemanns Wesen nicht entgehen; aber weit davon entfernt, irgendwelchen Verdacht zu schöpfen, sah sie darin das unzweideutigste Zeichen der Gegenliebe. Ein Vorausgefühl der Wollust überkam sie, und sie stellte mit Genugtuung fest, daß Friedemanns betonte Zurückhaltung auch ihre Tochter zur Beobachtung allerstrengsten Abstandes herausgefordert hatte, obgleich sie schon den bloßen Gedanken als absurd verwarf, er könne vielleicht dem Mädchen – oder Antonie ihm gefährlich werden.

Aber gerade die Augen der Lebensunerfahrenen sahen am schärfsten. Sie hatte nicht nur in dem heißen Blicke Friedemanns die süße Gewißheit seiner Liebe erraten, sie hatte auch in der Seele ihrer Mutter gelesen. Sie erbebte.

Es war ein herrlicher Wintertag. Ende März, und noch Schnee. Es würde weiße Ostern geben. Hell spiegelte sich die Morgensonne in den farbensprühenden Zapfen, die an Dächern und Simsen der Häuser hingen. Friedemann machte Toilette; er wollte ins Hotel Brühl, um seinen Unterricht zu geben.

Friedemann war bleicher als gewöhnlich. Er hatte die letzten Nächte schlecht geschlafen: »Und wenn sie mich liebt, die Engelschöne, wenn sie mich wahrhaft liebt, warum soll ich schmachten und mich verzehren, warum soll ich nicht das süße ›Ja‹ von ihren Lippen hören? Bin ich denn so elend, so gering, daß der Wunsch nach ihrem Besitz vermessen wäre? Ist nicht die Ministerin mir Gönnerin und Freundin, wie's nie eine gab? Und wenn ich erst der Größte, der Allergrößte in meiner Kunst geworden bin, wenn mir in Bewunderung die Welt zu Füßen liegt, bin ich dann zu schlecht, der Schwiegersohn des Grafen Brühl zu heißen, der auch nur ein armer, unbeachteter Page war, als er zu streben anfing? Ich bin Friedemann Bach und des großen Sebastian Sohn! Ich wag's, und wenn zehnmal Mama dabeisitzt . . . Doch nein, ich könnte sie verletzen, beleidigen! . . . Es bleibt dabei: ich muß erst etwas geschaffen haben, was mir den Ruhm des schöpferischen Künstlers sichert, was mir ein Recht zu meiner Werbung gibt! Aber ein sicheres, unverfängliches Zeichen meiner Liebe muß ich ihr wenigstens geben! . . . Wie gut nun, daß ich es immer umging, wenn die Ministerin mich ersuchte, ihr einmal ein Lied zu komponieren! Nun soll sie's hören! Das alte Lied, ›Willst du dein Herz mir schenken‹ will ich ihr singen, und wenn ich dann Antonie – meine Antonie – verstohlen ansehe, wird sie mich bestimmt verstehen!« – –

Als Friedemann an der Sophienkirche vorbeiging, kam eine wohlbekannte, dunkelgekleidete Gestalt an ihm vorbei. Sie wandte sich um, es war Ulrike. Friedemann wurde rot und grüßte. Das arme Mädchen mit dem stillen, schmerzlich lächelnden Zug um die Lippen grüßte ihn wieder und schritt vorbei zum Hause des Vaters. Friedemann stand still. Ein Krampf packte ihn, er mußte tief Atem holen, daß er nicht schrie. Dann ging er vorüber . . .

 

Friedemann Bach und Komtesse Antonie saßen am reichvergoldeten Klavier und spielten eines jener vierhändigen Übungsstücke, die aufgegeben werden, um dem Schüler die Melodie leicht und angenehm zu machen und das Ohr an Harmonie zu gewöhnen. Die Ministerin saß auf einem Sessel, den sie so ans Instrument geschoben hatte, daß sie den beiden jungen Leuten ins Gesicht sehen konnte. Friedemann war heute aufgeregter und verlegener als sonst. Antonie merkte es sogleich; sie las in der Unbeherrschtheit seiner Züge, sie spürte am Zittern seiner Hände, die sie im Spiel berührte, daß der Geliebte heute ganz in der Verfassung war, eine Torheit zu begehen. Sie setzte sich daher in Bereitschaft, durch Geistesgegenwart die Gefahr abzuwenden, die der Unbedachte etwa heraufbeschwören würde.

Die Übungsstunde war vorbei, der theoretische Unterricht begann. Friedemann nahm die erwünschte Gelegenheit, durch Lehre und Beispiel den ganzen Schatz seines künstlerischen Innern entfalten zu können, um so lieber wahr, als es ihm darum zu tun war, der Geliebten von der Würde und Weihe der Musik die allerhöchste Meinung beizubringen, ihr seine Kunst als die edelste Art der Dichtung darzustellen. Aus dem Lehrer wurde er darüber zum Dichter und riß, wie nie zuvor, seine Zuhörerinnen hin. »Ja, Komtesse, die Musik ist die Sprache, die Unnennbares sagt, die dort lebendig wird und unser Ohr mit süßem Schmeichelton umplaudert, wo der Verstand umsonst nach Worten hascht, wo das Herz, die innerste Seele selbst in einer Zunge redet, die wir nicht verstehen, sondern allein fühlen müssen, wenn wir des heiligen Geistes voll sein wollen. Die Musik ist die Sprache des Herzens, die Sprache der Liebe und die Sprache Gottes, weil alle drei im höchsten Entzücken eins sind. Drum ist auch jede Melodie ein Gedanke und jeder Ton ein Wort.«

»Und die Harmonie, lieber Bach?« warf die Ministerin zärtlich-verstohlen hinüber.

»Die Harmonie, Exzellenz, wollte ich nun hieraus erklären: denke man sich die schönste Melodie der Welt, die seelenvollste«, – und seine Hand glitt mit einem süß flüsternden Adagio über die Tasten – »sie wird, solange sie allein steht, stets eintönig und unvollkommen sein. Tritt aber zu der einen Stimme, die die Melodie gibt, eine zweite, die den Gedanken wiederholt, neu beleuchtet, gewissermaßen als ein anderes Ich mit anderen Augen anlächelt, dann erst beginnt das wahre Leben des Tones, dann wird er zur eigentlichen Musik, und die einfachste Form, die des Liedes, kann erstehen. Es ist bei zwei solcher Stimmen wie bei zwei Menschen, die ein Gefühl durchglüht, eine Stimmung beseelt, ein Gedanke entzündet. Zwei Menschen, die in ihrer individuellen Freiheit dieses vereinte Gefühl, den Gemeinsamkeitsgedanken, zur höchsten Vollendung bringen, sich umflattern, durchdringen, gegenseitig wiederholen und ergänzen, sich umschlingen und küssen und selig zusammenrinnen. Und je mehr Stimmen dazukommen, desto höher wird die Wonne, desto reicher der Gedanke, und die Sehnsucht dehnt sich aus zum Himmel und wird unendlich weit und allmächtig, wird Welt und Seligkeitsgedanke, der Gedanke Gottes!«

In seiner Begeisterung war Friedemann aufgesprungen, hatte den schwellenden Arm seiner Schülerin gepreßt, die andere Hand, als wolle er unsichtbare Rosen pflücken, emporgehoben; mit verzehrenden Blicken sah er die Ministerin an, willens, ihr zu einem Geständnis zu Füßen zu sinken . . . In diesem Augenblick stand die junge Kollowrat hastig auf. Er ließ ihren Arm los, errötete und bat stotternd um Entschuldigung.

Die Gräfin Brühl, die dem schönen Mann mit fieberigem Pulsschlag zugehört hatte, war über die scheinbare Prüderie der Tochter sehr ungehalten, faßte sich aber schnell und sagte: »Wenn Sie von uns volle Verzeihung für Ihre dichterische Kühnheit finden wollen, müssen Sie uns den lange erbetenen Beweis geben, daß Sie auch mit solch großem Gefühl zu schaffen vermögen, und uns ein Lied komponieren. Ja, wollen Sie das? So ein Lied, in dem zwei Stimmen sich begegnen, ein Liebeslied vielleicht, Friedemann.« Und seine Hand in der ihrigen haltend, sah ihn die Ministerin mit einem seltsamen Blick an. Friedemann gab den Blick zurück und setzte sich ans Klavier. Die Ministerin stand vor ihm.

Antonie von Kollowrat war leise hinter die Mutter getreten und hatte, im Instinkt der kommenden Katastrophe, seinen Blicken dadurch, daß sie die Mutter als Schutzschild benutzte, wenigstens das Verräterische genommen. Die Ministerin merkte nicht, was Antonie tat, sie war in Friedemanns Anschauen verloren und harrte des kommenden Gesanges, der, wie sie meinte, ihr ein Liebesbote werden sollte. Friedemann griff in die Tasten. Ein kurzes Vorspiel. Sein schwärmerisches Auge erhob sich, sah hinter dem Antlitz der Mutter das der Geliebten, und dankte ihr mit einem kleinen Lächeln für die Schalkheit. Plötzlich wurde er bleich; er fühlte, daß er an der Schwelle seines Schicksals stand. Er sang:

»Willst du dein Herz mir schenken,
So fang es heimlich an,
Daß unser beider Denken
Niemand erraten kann.
Die Liebe muß bei beiden
Allzeit verschwiegen sein,
Drum schließ die größten Freuden
In deinem Herzen ein.

Behutsam sei und schweige,
Und traue keiner Wand;
Lieb innerlich und zeige
Dich außen unbekannt.
Kein Argwohn mußt du geben,
Verstellung nötig ist;
Genug, daß du, mein Leben,
Der Treu' versichert bist.

Begehre keine Blicke
Von meiner Liebe nicht,
Der Neid hat viele Tücke
Auf unsren Bund gericht'.
Du mußt die Brust verschließen,
Halt deine Neigung ein,
Die Lust, die wir genießen,
Muß ein Geheimnis sein.

Zu frei sein, sich ergehen,
Hat oft Gefahr gebracht;
Man muß sich wohl verstehen,
Weil falsch ein Auge wacht.
Du mußt den Spruch bedenken,
Den ich vorher getan:
Willst du dein Herz mir schenken,
So fang es heimlich an.«

Er sprang auf, nicht mehr Herr seiner Sinne . . .

»Pardonnez, maman, mon mouchoir!« – und Antonie eilte hinweg, um ihre Bewegung zu verbergen und den Unsinnigen vor dem Schlimmsten zu behüten.

Ihr Weggehen hatte Friedemann die Besinnung wiedergegeben. Die Ministerin aber, das vergessene Tuch der Tochter segnend, trat hastig zu ihm, packte krampfhaft seine Hand und wollte den schönen Sänger eben zur Erleichterung seines Herzens ermuntern, als Antonie wieder eintrat und einen fragenden Blick auf beide warf. Die Ministerin fuhr zurück.

Friedemann war ernüchtert. Er begann zu ahnen, an welcher Doppelklippe er stand. Er faßte sich, machte eine Verbeugung und ging.

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