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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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X.

Brühl hatte die Zinne seines Strebens erreicht, er war alleiniger Minister.

Im Moment der Entscheidung hatten sich die Königin und die katholische Partei auf den Monarchen geworfen und aus dem Sturze der drei unglücklichen Kronenträger Brühl nicht nur gerettet, sondern ihn an die Spitze des Staates gestellt. Marie Josepha jubelte, daß endlich die Stunde geschlagen habe, ihre Hand an Sachsens Steuer zu legen, und Quarini und die katholische Fraktion träumten von einer systematischen Katholisierung des Nordens; denn Brühl, der liebe Brühl, war höchst gefällig. Für jeden hatte er einen »ergebenen Diener«, ein bereites Versprechen, eine befriedigende Antwort, und wohl nie hat ein Hofmann eine geschmeidigere Sprache als er gehandhabt, um . . . nichts von alledem zu tun.

Der größte Schritt zur Befestigung seiner Alleinmacht war dadurch geschehen, daß er in einer geheimen Audienz bei August III. aus dem Lager der Königin sofort in das des Königs übertrat. Josepha und Quarini täuschte er damit, daß er katholisch wurde. Er operierte gegen die Königin beim König, operierte durch Einführung des strengen, altspanischen Zeremoniells gegen die Nebenbuhlerei des Hofes, – und wenn Sulkowsky den König allein isoliert hatte, so isolierte nun Brühl zuerst das Herrscherpaar vom Hofe, um es dann unter sich durch Weckung gegenseitigen Mißtrauens wieder zu trennen. Er wurde das einzige Band, das das königliche Paar mit dem Land und Hofe einte, das einzige Sprachrohr aller Interessen, der einzige Kanal, durch den alles zu- und abfloß. Antonie von Brühl teilte sich als Oberzeremonienmeisterin mit der ihr ergebenen Gräfin Ogilva in den inneren und äußeren Dienst bei der Königin; die einzelnen Minister hatte Brühl zu einem Gesamtministerium vereinigt, die einen Geheimen Ministerialdirektor, einen Sekretär Brühls, zum Vorstand hatten. So kamen die Geschäfte in die Hände eines Siepmann, Saul, von Stubenberg, Kriegsrat Karbe und ähnlicher Männer.

Alle diese Kreaturen Brühls kannten nur die eine Aufgabe, den rücksichtslosen Willen ihres Chefs durchzusetzen; und wenn dieser einerseits stets ängstlich bedacht sein mußte, sich vor einem jähen Sturz zu sichern, andrerseits jedes, auch das verwerflichste Mittel anzuwenden, um des Königs wachsenden Geldbedarf zu befriedigen, – so kamen beide Teile auf ihre Kosten. Während Brühl von zehn Uhr vormittags bis acht Uhr abends fast ununterbrochen um den König war und sich dadurch die Möglichkeit schuf, alle Personen und Dinge von ihm fernzuhalten, die ihm Schwierigkeiten oder Schaden einbringen konnten, besorgten seine Vertrauten die übrigen Geschäfte in seinem Sinn. Besonders Siepmann, Saul und Karbe kannten keinerlei Hemmungen und ließen sich zu jedem Auftrag bereitfinden, wenn er nur Gewinn einbrachte.

»Habe ich Geld?« fragte August III. fast täglich seinen Premier, wenn er seufzend, aber doch voller Herrscherstolz und Eitelkeit einer besonders luxuriösen Gepflogenheit des verschärften Hofzeremoniells nachkam, – und Brühl antwortete jedesmal: »Jawohl, Euer Majestät!« Und wie er für den König die Mittel zusammenzuscharren verstand, die zur Aufrechterhaltung des Glanzes der Krone notwendig waren, so verstand er es auch, seine ergebenen, stets Beihilfe leistenden Freunde reichlich aus dem goldenen Born schöpfen zu lassen. Selbst den Pater Quarini, der mehr eitel und geldgierig als herrschsüchtig war, nahm er durch das Versprechen des Kardinalshutes und durch hohe und gesicherte Einnahmen für sich gefangen; zudem holte er in allen wichtigen Fragen seinen Rat ein, wohl wissend, daß der Geistliche hinwiederum der Königin berichtete, die somit im Glauben blieb, daß alles Geschehen vorher durch ihre Hände ginge.

Die Geschicklichkeit, Geld »zu machen«, ließ Brühl sich selbstverständlich auch selbst zugute kommen. Bei dem gefährlichen Spiel, das er mit verbrecherischen Mitteln begonnen hatte und mit bedenklichen weiterbetrieb, mußte er immer mit der Möglichkeit eines Entdecktwerdens und des dann unvermeidlichen Sturzes rechnen. Aus einem Dasein der Angst und des Mißtrauens, der Furcht und Schlaflosigkeit, der ewigen Aufregung und lauernden Spannung sollte zum wenigsten eine Zukunft der Sorglosigkeit, der Behaglichkeit und des uneingeschränkten Wohllebens ersprießen. Er legte bedeutende Gelder in Grundstücken an, deponierte große Kapitalien auf ausländischen Banken, stattete seinen Palast, das »Hotel Brühl«, mit aller erdenklichen Pracht und den auserlesensten Kostbarkeiten der Kunst aller Länder aus.

»Habe ich Geld?« fragte an einem rauhen Oktobermorgen des Jahres 1740 der König wieder einmal mit besorgtem Klang in der Stimme, und als Brühl wie stets bejahte, fuhr er fort: »Ich fürchte, wir werden es in nächster Zeit besonders nötig haben. Ich habe mich nämlich entschlossen, lieber Graf, die Erbansprüche Ihrer Majestät gegen Österreich auf jeden Fall und unter allen Bedingungen anzumelden und zu verfechten.«

»Und die pragmatische Sanktion, Majetät?«

»Kehrt sich Preußen daran, kümmert sich mein Schwager Karl Albert auch nur einen Deut darum?«

»Gewiß, Euer Majestät, – aber es sind da doch gewichtige Unterschiede nicht zu vergessen! Euer Majestät erlauchter Schwager, der Kurfürst von Bayern, hat die pragmatische Sanktion niemals anerkannt . . .«

»Ob oder ob nicht, bleibt sich gleich! Er hat ebenso eine Tochter Josephs I. – Gott hab' ihn selig! – zur Gemahlin wie ich, – und ich hab' die älteste.«

»Nicht darauf gründet er seine Ansprüche, Majestät, sondern, als Nachkomme einer Tochter Kaiser Ferdinands I., auf ein Testament von 1547. Der König von Preußen vollends stellt keine Erbansprüche, er verlangt – ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben – Teile von Schlesien als alten Besitz seiner Ahnen zurück.«

»Eine verwickelte Geschichte, Brühl! Aber der Unterstützung Frankreichs sind wir doch sicher?«

»Das sind wir schon, Majestät! Indessen hat es nicht nur uns, es hat auch Spanien zur Anmeldung von Erbansprüchen ermuntert.«

»Hm . . . na schön, lieber Brühl; wir haben ja Geld, sehen Sie zu, wie wir's am besten halten. Jedenfalls verzichten wir nicht!«

»Keineswegs, Euer Majestät!« bestätigte der Minister die Willenskundgebung seines Königs; und er machte sie um so mehr zur Richtschnur seines Handelns, als er sich der Hoffnung hingab, mit dem Tode Karls VI. und der Thronbesteigung durch dessen Tochter Maria Theresia aller Befürchtungen wegen seiner damaligen Tat entraten zu dürfen, und als es seinem Ehrgeiz schmeichelte, sich bei einer erfolgreichen Handhabung seiner diplomatischen Künste vom Minister des kleinen Sachsens zu dem des »Deutschen Reiches« emporschwingen zu können.

Mehr noch als sonst war Brühl nun am Hofe und in vertrautem Umgang mit dem König, mehr noch als sonst war seine Zeit und Kraft in Anspruch genommen, die verworrenen Fäden des Geschehens straff und sicher in Händen zu behalten. Selbst Antonie vernachlässigte er darüber, und die zu voller Entfaltung erblühte, leidenschaftliche Frau hatte, obwohl der Dienst bei der Königin sie immer noch reichlich fesselte, mehr Mußestunden, als ihr lieb und gut war. Sie sann auf jede mögliche Weise, Abwechslung in die sie bedrückende Eintönigkeit, belebenden Schwung in die einschläfernde Ruhe zu bringen; sie ging daran . . .

Doch da zerriß ein jäher Blitz die lastende Schwüle und fuhr zischend ebenso störend in die persönlichen Interessen des Brühlschen Ehepaares wie einschneidend in die der gesamten, mit Zündstoff überladenen europäischen Welt.

Friedrich II. von Preußen, gerade ein halbes Jahr an der Regierung, war überraschend in Schlesien einmarschiert. Im Januar 1741 zog er in Breslau ein, im April besiegte er bei Mollwitz das österreichische Heer unter Neipperg, am 5. Juni schloß er ein Bündnis mit Frankreich, und bald darauf rückten französische und bayrische Truppen in Österreich vor . . .

Das Kabinett zu Dresden betrieb eine hinhaltende Politik. Zwar hatte sich an dem Ziel einer irgendwie gearteten Verwirklichung der sächsischen Erbansprüche nichts geändert, doch war man sich über die Wege, wie es zu erreichen sei, nicht einig. Ohne Bundesgenossen konnte man gegen Österreich nichts ausrichten, und gerade unter ihnen fiel die Wahl schwer. Schloß man mit Frankreich, Rußland, Bayern ein Bündnis, so konnte man schlimmstenfalls mit Bayern halbpart machen und durch eine Verheiratung mit der Prinzessin Anna doch noch die Ernte in die Scheune bringen, – ging man an der Seite Preußens gegen Österreich – und seine Erfolge sprachen sehr dafür –, so winkte das Königreich Mähren als sichere Beute.

Brühl hatte sich schon für die französisch-bayrische Allianz entschieden, als ihm zwei Besuche angekündigt wurden.

Der eine betraf die Königin und konnte ihn nicht sonderlich aufregen. Deren alte Erzieherin, Fräulein von Kling, die seither auf dem Gut einer Freundin an der sächsisch-böhmischen Grenze gelebt hatte, war von solcher Sehnsucht nach ihrer ehemaligen Pflegebefohlenen ergriffen worden, daß sie kurzentschlossen nach Dresden eilte, um Josepha wieder einmal in ihre Arme zu schließen. Sie war eine überschlanke, tabakschnupfende Person, durch unfreiwilliges Zölibat vor der Zeit verwelkt, von Bigotterie, Intrigen und Neid verbittert und verkniffen.

Um so größer war die Aufregung, die der andere Besuch verursachte, und er ging alle an. Friedrich II. von Preußen war in Begleitung des Prinzen Heinrich überraschend am sächsischen Königshofe aufgetaucht.

Man empfing ihn mit jener übertriebenen Zuvorkommenheit, hinter der sich große Verlegenheit so geschickt verbergen läßt, und veranstaltete sogleich großen Abendempfang.

»Ich glaube, die Herren Sachsen haben sich bereits versagt«, bemerkte der preußische Monarch zum Prinzen Heinrich, mit dem er gedankenverloren dem Durcheinanderquirlen der Paare beim Galaball zusah, »wir wollen gleich erkunden, an wen.«

Er ging auf August III. zu und zog ihn, den Arm freundschaftlich unter seinen schiebend, in eine ungestörte Fensternische. Augusts Auge suchte verzweiflungsvoll nach seinem Brühl, der ihn dieser bösen Bedrängnis entreißen mochte, – und eben wollte der Minister, endlich den Blick auf sich fühlend und sogleich das Schlimmste befürchtend, zu den beiden Königen treten, als er von einer kleinen, vertrockneten und doch seltsam festen Hand zurückgehalten wurde. »Herr Minister, ich muß Sie sprechen!« sagte Fräulein von Kling leise, aber bestimmt.

»Meine Gnädige, Seine Majestät . . .«

»Spricht mit seinem hohen Besuch. Sie werden mir ein paar Sekunden Zeit schenken; denn was ich Ihnen zu sagen habe, wird Ihnen wichtiger sein als alle Allianzen. Wenn Sie mit mir gesprochen haben, dürfte es Ihnen leichter werden, den König von Preußen abzuweisen.«

Es lag etwas im Ton der Dame, das Brühl wie Eis berührte. Die Gewißheit, die aus diesen grauen, stechenden Augen sprach, zwang ihn zur Furcht. Widerstandslos folgte er ihr.

Sie führte ihn weit weg, durch entfernte Säle, nach einem stillen, matt erhellten Foyer. Verloren drang der Schall der Musik zu ihnen.

»Herr Minister von Brühl, ich komme direkt von Wien und grüße Sie vom Fürsten Lichtenstein. Wenn Sie nicht binnen vier Wochen den Allianztraktat lösen«, und sie zog ein Papier aus der Tasche, »so läßt die Kaiserin-Königin dieses Dokument drucken!«

Er öffnete mechanisch das Papier: es war eine Abschrift des Teilungsplanes, den er seinerzeit dem Archiv entwendet hatte.

Brühl brach innerlich zusammen. Fräulein von Kling nahm das Pergament wieder an sich und ging in den Ballsaal zurück.

Erst geraume Zeit später erschien auch Brühl wieder unter den Tanzenden. August stand noch immer in der Fensternische, vor ihm Friedrich II., der ihm seine Absichten auseinandersetzte. Brühl schritt auf beide zu und blieb kurz vor ihnen stehen, den Wink seines Monarchen erwartend.

»Ah, gut, daß Sie kommen, Graf«, rief August; »ich habe mich bisher dringend bemüht, unserem hohen Gast das Schwierige unserer Lage auseinanderzusetzen. Unmöglich, daß wir uns sofort entscheiden können!«

»Ich meine, es ginge doch«, sagte Friedrich lächelnd zu Brühl, »denn über das, was man in der Politik will, kann man kaum uneins mit sich selber sein; es kommt nur auf das Wie an.«

»Sicher, Majestät!« antwortete Brühl rasch. »Sachsen kann ein Bündnis mit Preußen nur erwünscht sein, doch wie sich das realisieren mag, ist eben das Schwierige. Preußen steht Österreich gegenüber auf anderem Boden als Sachsen. Preußen erkennt Maria Theresia als Kaiserin-Königin an und verlangt nur das von ihr, was es sein altes Anrecht nennt. Wir bestreiten der jetzigen Herrscherin von Österreich aber überhaupt das Recht, Seiner apostolischen Majestät, dem verstorbenen Kaiser, zu sukzedieren. Unsere Ansprüche sind älterer Natur, und es handelt sich für uns um den Besitz Österreichs. Euer Majestät müssen zugeben, daß wir in dieser Frage auseinandergehen; und wenn es Wien beliebt hätte, der Krone Preußen in ihren schlesischen Ansprüchen gerecht zu werden, hätten wir vielleicht schon einen vollständigen Bruch mit Preußen zu beklagen gehabt.«

»Ah, nicht übel, Herr Graf, – dagegen ist eben ein Bündnis das beste Schutzmittel!« lachte Friedrich. Dann, seine Augen fest auf Brühl richtend, sagte er schneidend: »Ich bin kein Mann von Wenn und Aber, Herr Minister, und meine einfach, daß die pragmatische Sanktion, die Maria Theresia den Thron sichert, von allen Potentaten, außer Bayern, verbrieft und garantiert ist. Verstehen Sie, Herr Graf? Feierlich garantiert! Nur Bayern hat ein moralisches und juristisches Motiv zum Kriege; ich selbst habe nur gefordert, was mein ist. Es stimmt, Herr Minister, wir stehen nicht auf demselben Boden der Anschauung und der – Begriffe! Morgen werde ich mir erlauben, von meinem königlichen Bruder von Sachsen definitive Entschließung zu erbitten.«

Friedrich überließ den König mit seinem Minister sich selbst. Und während er im Weggehen zu Prinz Heinrich äußerte: »Wo Brühl aufhört, ein Narr zu sein, ist er ein Spitzbube!« – wurde der Graf von seinem Souverän mit einer Flut von Vorwürfen bedacht.

»Mein Gott, Brühl, wo waren Sie denn die ganze Zeit? Dieser preußische Furioso hat mir auf eine ganz unangenehme Weise zugesetzt.«

»Ich habe eine wichtige Nachricht erhalten, Majestät. Während der Köng von Preußen hier scheinbar für eine Allianz mit uns wirkt, ist er mit Bayern, Frankreich und Rußland in geheime Übereinkunft getreten, und wenn Theresia überwunden ist, wird man sich auf uns werfen.«

»Was? . . . Mein Gott, wäre das denkbar?! . . . Und woher haben Sie diese Nachricht?«

»Von einem meiner geheimen und zuverlässigen Unterhändler.«

»Aber, mein Gott, was ist zu tun?«

»Rasch handeln, Majestät! Preußen muß man loswerden, die bayrische Allianz sehr lau betreiben und Österreich nie so feindlich behandeln, daß man nicht jederzeit sich mit ihm versöhnen kann. Vor allem müssen wir gerüstet sein! Ich werde mir erlauben, Euer Majestät morgen definitive Vorschläge zu machen.«

»Gut, gut, Brühl! – Brühl, habe ich auch Geld?«

»Ja, Majestät!«

Der König trat zur Königin, der er zu einer Polonäse den Arm bot. Brühl engagierte das Fräulein von Kling.

»Haben Sie sich von dem Schreck erholt, Herr Minister?« fragte sie spöttisch.

»Wie Sie sehen, meine Gnädige!«

»Und bei Ihrem Geiste und der Elastizität Ihrer Denkart, Herr Graf, haben Sie zweifelsohne auch schon einen Entschluß gefaßt?«

»Wohl möglich, und ich hoffe, daß er gut ist. Gesetzt nun aber, ich ließe es auf das angedrohte Übel ankommen, was dann? Man hätte dann zwar in Wien die Freude, mich losgeworden zu sein, aber an meine Stelle würde die Königin selbst treten und in meinem Geiste weiterhandeln: und da ich, mein Fräulein, nie etwas Gewagtes unternehme, ohne daran das Schicksal anderer – höherer Personen zu knüpfen, so begreifen Sie leicht, daß ich so tief nie fallen kann, ganz einflußlos zu werden. Sehr leicht wär's also, daß die ganze Drohung auf den mit doppelter Wucht zurückfiele, der sie ausgestoßen.«

Die Kling sah ihn mit großen Augen an: »Sie sind unendlich vorsichtig, Graf! Nun wohl, ich will Ihnen eine Alternative stellen: im Falle Sachsen gegen uns ist, Veröffentlichung des Bewußten, falls Sachsen mit uns, erhält Ihre Frau Gemahlin eine Grafschaft in Böhmen im Betrage von zwei Millionen.«

»Nicht übel! – Nun, verehrtes Fräulein, ich bin ein Mann, der Vernunft annimmt. Sie können nach Wien melden, daß ich tun will, was in meiner Macht liegt. Freilich, von heute auf morgen können wir nicht herauskommen aus unseren Beziehungen . . . Sobald die Schenkungsurkunde der Grafschaft in meinen Händen ist, soll der Kaiserhof einen Alliierten mehr haben!« Brühl verbeugte sich verbindlich, froh darüber, daß der Schlag, mit dem er nicht mehr gerechnet, den er aber in heimlichem Ahnungsvermögen doch immer befürchtet hatte, in solch konzilianter Form, gleichsam mit goldverbrämtem Samthandschuh, erfolgt war.

Die unangenehmen Zwischenfälle rissen indessen nicht ab. Eines Tages trat Siepmann vor ihn hin und erinnerte ihn wieder an den Adelstitel: »Ich warte nun schon so lange auf diese Gunst, habe sie, wie mir dünkt, zehnfach erkauft, und möchte endlich darauf dringen, mir den versprochenen Rang gütigst auszuwirken.«

»Siepmann! seien Sie vernünftig. Lassen Sie doch endlich die alte Marotte fahren. Nehmen Sie lieber Geld. Ich will Ihnen die Adelsforderung abkaufen. Was haben Sie denn an dem Titel?«

Siepmann fuhr zurück. »Ah, das ist schön, Exzellenz! Diese ganze Reihe von Jahren haben Sie mich hingehalten, um mir jetzt zu verweigern, was durch meine aufopfernde Tätigkeit ein Recht geworden ist!« Das Gesicht des kleinen Mannes lief rot an.

»Ihr Recht?« – und Brühl fuhr auf – »Ihr Recht, Herr? Sie haben Dienste geleistet und sind dafür mit Geld und Ämtern überreichlich bezahlt worden, – ja, haben sich meiner besonderen Gunst zu erfreuen gehabt! Ist das für einen Menschen Ihrer Gattung nicht genug? Beim Himmel, das fängt an, mir etwas arg zu werden! – Den Adelstitel verleiht man nur Männern von großen Tugenden und unbefleckter Ehre, nicht . . .«

»Leuten, die die Spitzbübereien eines Kammerherrn unterstützen, daß er Minister werden kann! – Darf ich Sie daran erinnern, was ich alles für Sie getan habe? Wer hat den Sulkowsky gestürzt? Ich! – Wer hat Ihnen zur Frau Ministerin verholfen? Wer ließ die Medaille in Holland machen? Wer schützte den König vor Ledekuskys Kugel? Wer schrieb das Dokument für Lichtenstein ab? Alles: ich! Ich, Herr von Brühl, habe Sie zu dem gemacht, der Sie sind! Ich kann Sie auch wieder stürzen, wenn ich will! Oder glauben Sie nicht, daß Sie um die Ecke sind, wenn ich Seiner Majestät die Rechnung des Medailleurs oder die Kopie der Lichtensteinschen Depesche zusende? Im übrigen geht Sie's gar nichts an, wie viel und wie wenig mir an dem Adel liegt! Ich will von Siepmann heißen, Herr Graf! Und wenn ich Minister machen kann, könnt' ich wohl selber einmal einer werden!«

Bleich, zitternd vor Wut, standen sich beide Männer gegenüber in nun offenem Kampf. Brühl fühlte, daß sein Verderben vor ihm stand, und Siepmann, daß sein ganzes Sein an einem Faden hing. Sie starrten einander an, überlegten, suchten sich gegenseitig die Gedanken aus dem Hirn zu saugen.

Endlich ging Brühl langsam an seinen Schreibtisch. Ein Druck auf einen verborgenen Knopf genügte, und die beiden Türen des Zimmers schnappten in den Riegel, ein Griff, und eine Pistole glänzte in seiner Hand. Siepmann erbleichte und taumelte zurück.

Der Minister trat an eine verborgene Tapetentür: »Da wir uns so ehrlich ausgesprochen haben, Siepmann, können wir ebenso handeln. – Wenn Sie sich rühren, schieße ich Sie zusammen! – In einer Stunde werden Sie unterwegs nach dem Lilienstein sein, Bester!«

»Und was werden Sie davon haben, Herr Minister? Alle Dokumente sind selbstverständlich in der Hand eines Dritten, der das Paket sofort an den König sendet, wenn ich verschwinden sollte.«

»Es müßte erst in die Hände des Königs kommen, Herr Siepmann! Glauben Sie nur, meine Waffen sind den Ihrigen mindestens gleich!«

Siepmann, der seine Übereilung bereute, aber an der ganzen Art und Weise Brühls merkte, daß es nicht zum Äußersten kommen würde, sagte kleinlaut: »Ja, ich seh's ein, ich bin Ihnen nicht gewachsen, Exzellenz!«

»Das ist vernünftig, Siepmann! Ich könnte mich jetzt leicht von Ihnen befreien, aber ich wünsche es gar nicht, weil ich Ihr Talent ungern entbehre. Wir wollen offen miteinander reden. Nach dem, was vorgegangen ist, können Sie unmöglich glauben, daß ich zu Ihnen wieder Vertrauen fassen kann, – es sei denn, daß Sie ausliefern, was Sie als Waffe gegen mich gesammelt haben.«

»Es käme ganz darauf an, was Sie mir dafür gewähren wollen.«

»Nennen Sie den Preis!«

»Den Adelstitel und das Schloß Ubigau, das dem Fürsten Sulkowsky gehörte.«

Brühl fuhr zurück. Endlich sagte er: »Gut, Siepmann, Sie sollen den Adel und Ubigau haben.«

»Wann, Exzellenz?«

»Sie werden mit Karbe zu der Person gehen, die das Material hat, und es abholen, Karbe wieder hierher begleiten und mit ihm speisen. Inzwischen komme ich vom königlichen Diner zurück. Sie geben mir das Paket, ich Ihnen den Adelsbrief und die Schenkungsurkunde. Ja?«

»Mit Vergnügen! Ich bin wie immer Ihr treuer Siepmann, Exzellenz, und wenn ich den Adelstitel und Ubigau habe, will ich Ihnen etwas erzählen, was für Ihr ganzes künftiges Leben wichtig werden kann.«

Brühl sah den Sprecher forschend an, konnte aber in dem glatten, ruhigen Gesicht nichts lesen. Er klingelte, und als Siepmann mit Karbe das Hotel verlassen hatte, befahl er, Saul zu rufen.

»Saul, Sie sind doch Siepmanns Feind? – Keine Geschichten, bitte! Sie sind's, Sie beneiden ihn! – Wollen Sie seine Stellung haben?«

»Exzellenz!«

»Ja oder nein?«

»Nun, bei meiner armen Seele, – ja!«

»Folgen Sie mir ins Nebenzimmer, dort will ich Ihnen zeigen, wie Sie die Stelle in . . . sagen wir, in einem Vierteljahr haben können.«

Als Brühl vom Diner des Königs zurückkam, warteten Siepmann und sein Begleiter bereits auf ihn; sie betraten zu dritt das Zimmer, das schon so viele Intrigen sah, und der Minister bat um Aushändigung des Paketes. Siepmann überreichte es ihm lächelnd.

»Herr von Siepmann, hier ist das Adelsdiplom, hier die Ubigauer Schenkungsurkunde. Ich werde Sie am nächsten Courtage Seiner Majestät vorstellen. Ich hoffe, da nun Ihre Wünsche erfüllt sind, daß Sie bis dahin über ihren neuen Rang schweigen werden. Sie könnten durch Voreiligkeit den König sehr erzürnen, namentlich inbetreff Ubigaus, das er dem Grafen Rutowsky schenken wollte.«

»Ganz gewiß werde ich die Audienz abwarten, Exzellenz!« Zitternd griffen seine Hände nach den ersehnten Urkunden und rollten sie auseinander. Vor seinen Augen schwamm's: da stand, daß er adelig war, da stand, daß das königliche Ubigau ihm gehörte.

»Nun, Herr von Siepmann, sind wir wieder Freunde?« fragte Brühl, der inzwischen das Paket geöffnet und alle gefährlichen Dokumente in die flackernde Flamme des Kamins geworfen hatte.

»Ja, Exzellenz! Und was immer zu tun sein mag: Sie sollen mich stets bereit finden! Und damit Sie sehen, wie ich Ihre Interessen behüte, will ich Ihnen sofort etwas mitteilen, was seltsam klingen mag, aber doch wahr ist.«

Sich Brühl nähernd, flüsterte er ihm leise eine Nachricht zu. Dieser stand starr, atemlos; alles Blut strömte in siedenden Wellen zu seinem Herzen.

»Das ist nicht wahr, Siepmann! Das darf nicht wahr sein!« schrie er, und seine Hand griff nach einem Stützpunkt.

Siepmann führte ihn zu einem Sessel: »Es ist wahr, Exzellenz! Sie werden sich selbst überzeugen! – Gehorsamer Diener!«

Brühl saß im Lehnstuhl. Unentwegt sah er nach der gegenüberliegenden Wand, an der das Bild Antonies hing; er ballte die Hand krampfhaft vor die Stirn, er schluchzte bitterlich.

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