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Friedemann Bach

Albert Emil Brachvogel: Friedemann Bach - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAlbert Emil Brachvogel
titleFriedemann Bach
publisherHera Verlag Wilhelmshaven
year1949
noteBearbeitet von Carl Peter Rauhof
printrun4
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050212
modified20150331
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I.

Wer, von Halle kommend, den nördlichen Teil des lieben Thüringens betritt und das helle, regsame Weimar grüßt, hat kaum einen Begriff von der Stille und Abschlossenheit, in der das Bethlehem deutscher Poesie zu Anfang des 18. Jahrhunderts lag. Die wenigen Wege, die in die träumerische, von duftenden Matten durchzogene Talmulde führten, waren kläglich, und wenn unser aufkeimendes Geschlecht eine Fahrt nach Paris, London oder gar Amerika für eine halbe Bagatelle hält, so war doch damals eine Reise von wenigen Tagen ein gar bedenkliches Ding, das sehr lange erwogen und ohne die äußerste, peinliche Vorsicht und Vorbereitung kaum unternommen wurde, von den unverhältnismäßig hohen Kosten gar nicht zu reden.

In jenen Zeiten der idyllischen Selbstgenügsamkeit waren auch die geistigen Verkehrsmittel, das Zusammenströmen, Verschmelzen und Ausdehnen der Ideen durch Wort und Schrift noch höchst lückenhaft; daher kam es, daß einer ein sehr großer Mann sein konnte und doch weniger gekannt war als heutzutage ein Schneider, der seine Ware in jeder Zeitungsnummer lobpreisen darf.

Auch Weimar barg zu jener Zeit einen solchen Schatz, einen Künstler, dessen ewig junge Schöpfungen schon damals bewundert, aber von den wenigsten gewürdigt und begriffen, von der Masse indessen ignoriert wurden. Hier und da kannten ihn wohl einige der Besten seiner Zeit und flochten ihm den Lorbeer, doch kein Zeitungsartikel erhob sein Verdienst; auch die große Kunst der Reklame war noch nicht geboren, und – wäre sie schon erfunden gewesen, der schlichte Meister im engen Häuschen zu Weimar, dort bei der Kirche, der hätte sich ihrer geschämt.

An einem reizenden Sommermorgen des Jahres 1717 kam auf schweißbedecktem Gaule ein Reiter die sogenannte große Straße, die von Sachsen herauf über Weimar nach Eisenach führte, einhergesprengt. Die Schöße seines zeisiggelben Rockes, der Busch seines ungeheuren, barettartigen Hutes fegten die Luft, und die unförmlichen Reiterstiefel kasteiten die Flanken seines Pferdes. Mit dem weißen Stabe, dem silbernen Wappen auf der Brust und dem Federmeer auf dem Haupte mußte man ihn für einen Herold halten, und wiewohl diese Gattung sehr werter deutscher Reichswürdenträger mit dem Dreißigjährigen Kriege schlafen gegangen war, schien er doch seinem Aussehen nach ein Glied dieser alten Gilde zu repräsentieren. Es war ein Kurier des Kurfürsten von Sachsen, August des Starken, an den Organisten Johann Sebastian Bach, der zum Staunen der guten Weimaraner vor jenem gebrechlichen, von einem Gärtchen umschlossenen Hause abstieg, auf dessen Stelle später das Haus erbaut wurde, in dem Herder gelebt und gedichtet hat.

Mit der behaglichen Würde eines Mannes, der sich einer wichtigen, aber gewohnten Pflicht entledigt, schwang sich der Bote von seinem erschöpften Tier, band es bedächtig an und trat, nachdem er einen Moment seine dampfenden Weichen betrachtet hatte, in das Gärtchen ein. Alles war still, nur eine Löhnerin begoß die Beete, und in einer Geißblattlaube, die dicht am Eingang des Hauses stand, saß ein dreizehnjähriger Knabe und schrieb emsig auf einer Schiefertafel. Seine Arbeit schien ihn so ganz in Anspruch zu nehmen, daß sein Auge sich nicht vor dem Nahenden erhob. Auf der hohen Stirn, die fast zu breit und ausgebildet erschien für die dreizehn Sommer des Kleinen, perlte der Schweiß, – der Schweiß der Arbeit, wie er nur dem rastlos Strebenden eigen zu sein pflegt. Es lag überhaupt etwas Eigenes in dem Buben. Er war geistig frühreif; an jeglicher Bewegung, der Klarheit seines Auges, der straffen Haltung seines Körpers sah man, daß er sich schon jetzt seines Zweckes bewußt war, daß ihm der Gedanke, was er wohl wolle und könne, keine Skrupel mehr machte. In diesem dreizehnjährigen Buben hatte sich die qualvolle Arbeit der Jünglingsjahre, das Feststellen seiner Lebensziele bereits abgetan. Dieser sinnige Ernst, diese gedankenvolle, gewissermaßen eigensinnige Überzeugung seines Selbst, die in der schon ausgeprägten Plastik eines Kopfes lag, der auf dem schwächlichen Körper eines Kindes ruhte, verlieh ihm etwas Groteskes, fast Komisches, eine Art dünkelhafter Pathetik, in der ein weltkluger Beobachter den Keim zum tragischen Weh eines großen, unbefriedigten Strebens und Lebens voraussehen mochte.

Zweifelsohne lag diese Beobachtung dem kurfürstlichen Sendling fern; denn ungeduldig über die achtungslose Stille, fragte er: »Junge, gehörst du ins Haus?«

Langsam erhob der Knabe das Haupt, legte den Stift auf die Tafel und fragte: »Was will Er?«

»Das geht dich nichts an, dummer Junge! Ich will wissen, ob hier der Konzertmeister Sebastian Bach wohnt.«

»Das ist mein Vater; also geht mich das wohl an, weiß Er? – Er kann jetzt ohnedem nicht mit ihm reden, er komponiert.«

»Das geht mich nichts an!« Und ungesäumt schickte der Würdenträger sich an, die steinernen Stufen zu ersteigen und die Tür zu öffnen, als der Kleine mit beiden Händen die Klinke erfaßte, sie in die Höhe drückte und den Mann so drohend ansah, daß er, verblüfft über diese Keckheit, einen Schritt zurücktrat.

»Weiß Er, was Komponieren ist? – Das ist eine heilige Arbeit! So erhaben, wie wenn der Pfarrer sein göttlich Amt verrichtet; und wie Er den Pfarrer nicht stören darf in der Predigt, so darf Er auch meinen Vater nicht stören! Er mag wollen, was Er will: Er muß warten, bis der Vater vom Schreibtisch aufsteht!«

»Hm! – Was das für eine Wirtschaft ist! – Sendet mich der Herr Volumier her im Auftrag des allerdurchlauchtigsten Kurfürsten, soll den Brief abgeben und Antwort bringen, und muß wie ein Maulaffe hier an der Tür stehen, die mir so ein Bengel vor der Nase zuhält!«

»Haltet einmal, Mann!« sagte der Knabe. »Wenn Ihr einen Brief von Meister Volumier an meinen Vater bringt, so gebt ihn her. Ich warte an der Tür, bis er fertig ist; dann soll er ihn gleich lesen. Geht indes nur ruhig Eures Weges, in einer Stunde habt Ihr Antwort. Ein Trinkgeld kriegt Ihr auch, gebt nur her!«

Die letzte Bemerkung schien, trotz des Bewußtseins seiner Würde, Eindruck auf den Kurier zu machen; auch überlegte er, der Bach müsse doch wohl eine vornehme Person sein, da er, der sonst nur an Gesandte und Fürsten geschickt wurde, an ihn eine Sendung habe, und überdies flößte ihm das sichere Wesen des Kleinen, das Wort »komponieren« und der Vergleich mit dem Prediger solche Achtung ein, daß er langsam den Brief aus der breiten ledernen Tasche zog, die das kursächsische Wappen trug. Während er dem Knaben das Schreiben übergab, sagte er nicht ohne Ängstlichkeit: »Du scheinst mir ein vernünftiger Junge zu sein . . . da ist's! Daß du's ja aber auch gleich abgibst! So du's verlierst, kriegst du so viel Hiebe, daß du dein lebelang genug hast. In einer Stunde komme ich nach der Antwort!« Damit entfernte er sich und bemerkte den verwunderten Blick des Knaben nicht, der das Wort »Prügel« ebensowenig zu begreifen schien wie den Verdacht, er könne den Brief seinem Vater nicht abgeben.

Der Kleine betrat das Haus, eilte durch den engen Flur in die Küche und hielt den Brief einer stattlichen Frau in mittleren Jahren von vollen, mit Gesundheit gesättigten Formen entgegen, die augenscheinlich beschäftigt war, der Dienstmagd beim Kochen zur Hand zu gehen.

»Liebe Mutter, da ist ein Brief von Herrn Volumier aus Dresden, ein Bote vom Hofe hat ihn gebracht. Ich hab' ihn auf eine Stunde wiederbestellt, da soll er sich Antwort holen und ein Trinkgeld.«

Die Gattin Bachs wischte die Hände sorgfältig an der Schürze ab und besah den fünfmal gesiegelten Brief nicht ohne Neugier. »Das dürfte was Wichtiges sein, Friede! – Trag ihn 'nauf, und wenn der Vater aufhört, sieh, daß er ihn gleich liest. Und sag mir's!«

Der Knabe nickte zustimmend, nahm das Schreiben wieder an sich, schlich auf den Zehen die ziemlich schmale Treppe, die nach dem Dachstübchen führte, hinauf und faßte an einer kleinen Tür Posto, hinter der für ihn der Inbegriff alles Schönen und Edlen, alles Glückes auf Erden verborgen lag: denn hinter dieser Tür saß lautlos am Pulte sein Vater, der große Bach, und schrieb an einer Motette.

Er war eine markige Gestalt in den dreißiger Jahren, die da in einem alten baumwollenen, oft geflickten Schlafrock im engen Stübchen saß, durch dessen offenes Fenster der fröhliche Morgenstrahl fiel, und die, von Büchern und Noten umgeben, ernst und still arbeitete. Die Ruhe wurde durch nichts unterbrochen, – nur jetzt . . . durch einen plötzlich aufjauchzenden Finkenschlag, der aus dem Wipfel der Linde herübertönte. Und den mußte Sebastian gerade gut gebrauchen können; denn lächelnd hob er sein Haupt, über seine ernsten stillen Mienen flatterte es wie ein Jubel und eine Rührung, seine Lippen öffneten und schlossen sich, als ob er eben seinem Gotte inwendig eine Antwort gegeben habe. Und dann schrieb er. Er schrieb, und die Noten wallten und wogten und türmten sich auf, flatterten zusammen und umschlangen sich, und eine Stimme hob sich nach der andern und wiederholte den Sang und brauste und schwoll im Chor und dehnte sich aus zu den Wolken in einem riesigen, seligen Halleluja.

Unvermittelt brach er ab; hielt ein, obwohl noch ein gutes Dutzend Takte an der Motette fehlten. Er wußte: sein Ältester steht wieder an der Tür, sein Friedemann, der ihm mehr wert ist als alle Motetten der Welt. Über alle Wonne des Vollendens geht die Vaterfreude, und so soll der Friedemann, der dreizehnjährige Junge, die Komposition vollenden!

Sebastian Bach sah lächelnd nach der Türe und hustete, und herein schlüpfte ehrfurchtsvoll der Knabe, in der Hand den Brief. »Bist du wohl fertig, lieber Vater?«

»Nein, Friedemann. Aber setze dich her, löse die Fuge auf und mach' den Schluß!«

Glühende Röte schoß über Stirn und Wangen Friedemanns, in seine Augen stiegen Tränen, und indem er zitternd die Feder nahm, küßte er die gütige Hand des Vaters. Dabei fiel der Brief zur Erde.

»Was hast du da, Friedemann?«

»Herr Volumier hat den Brief mit einem kurfürstlichen Boten geschickt. In einer Weile will er Antwort,« sagte hastig der Knabe, reichte dem Vater den aufgehobenen Brief hin und eilte mit ungestümer Hast an seine Arbeit.

»Ach, die Mutter wollte ja, ich sollt's ihr sagen, wenn du aufhörtest,« erinnerte sich der Knabe und erhob sich noch einmal.

»Laß nur, ich werd' die Mutter selber rufen,« und die Tür öffnend, rief Sebastian: »Frau, komm doch herauf!«

Während der Knabe wie vererzt an der Arbeit saß und Sebastian das Schreiben durchlas, war Dorothea Bach rasch eingetreten; auf des Gatten Schulter gelehnt, sah sie in den Brief. »Was will denn der Volumier, Bastian? Der schreibt solche Krillhaken, daß man kein Wort erkennen kann. – Was gibt's denn Neues in Dresden?«

»Hör nur zu,« sagte Bach, »ich will's dir vorlesen: Herzlieber Meister Sebastian! – Vor allen Dingen schönsten Gruß von mir und meiner Frau. Gesund sind wir alle, und was die Neuigkeiten bei uns anbelangt, so gibt's Witze hier genug und Anekdoten, – man darf sie halt nur nicht so aufs Papier setzen. Aber in Dresden, bei einem Gläslein Punsch, wenn wir allein sind . . .?!

Kurz und gut, damit Ihr wisset, warum ich Euch einen Expressen schicke, höret folgende Geschichte:

Der Franzose Marchand ist nach Dresden gekommen, hat sich hinter die Denhof gesteckt und ihr die Schürze gestrichen, und so ist er zu einem Konzert bei Hofe gekommen. Es ist richtig, der Kerl hat Schmalz in den Fingern, er appliziert die Sätze ganz meisterhaft und hat so einen weichen Druck der Klaves beim Adagio und macht das Crescendo verzweifelt gut, aber – hol mich der oder jener – Ihr macht's auch so! Von den Sachen aber, die er spielt, laßt mich nur ja still sein. Da ist kein Salz und kein Schmalz drin, seine Gedanken sind flach und leer und ohne Kraft. So ein altes süßes Genudel und Gedudel, wißt Ihr! Aber die Schürzen bei Hofe finden es schön, und – staunt nur! – der Allerdurchlauchtigste hat sich breit schlagen lassen und bietet dem Kerl eine Unsumme, er soll nur bleiben als Hofkomponist und weiß nicht was. Daß uns Dresdener Musiker das ärgert, könnt Ihr Euch denken! Die Allergnädigste Frau sieht auch scheel dazu, und wo sie den Schürzen eins aufflicken kann, freut sie sich herzlich. Da hab' ich denn ein paar Worte von Euch wiederum fallen lassen, und das kam ihr gerade gelegen. So hat sie nun neulich den Marchand bei Tafel vor dem Serenissimus schlecht gemacht und gesagt, Ihr könntet viel mehr als der Franzose. Darüber hat sich ein Streit erhoben. Der Allerdurchlauchtigste ließ mich rufen und fragte mich um meine Meinung. Ich sagte, ich wollte beweisen, daß, wenn Marchand mit Euch eine Art musikalischen Zweikampf machte, der Franzose den Spieß wegschmeißen müßte. – So soll ich Euch denn hierdurch im Namen des Allerdurchlauchtigsten einladen, auf eine Woche nach Dresden zu kommen und mit dem Marchand um die Wette zu spielen. Sperret Euch nur nicht und kommt; man kann nicht wissen, was es für Folgen hat.

Grüßet Eure Frau Liebste schön; und sie soll keine Geschichten machen und Euch reisen lassen!

Nun bin ich mit meinem Auftrag fertig und erspar' mir alles andere aufs mündliche. – Also, günstige Antwort!

Gott segne Euch und die Euren, das wünscht Euer alter Volumier.«

 

Es entstand eine Pause, während der nur die leise Bewegung der Feder Friedemanns hörbar war.

»Das ist eine schöne Geschichte!« sagte die Bachin. »Sollst so mir nichts dir nichts reisen? Und bis nach Dresden? – Mein Gott, wer soll denn so rasch alles herrichten?«

»Ja, aber hin werd' ich wohl müssen, Schatz, sonst denken sie, ich hab' Angst vor dem Parlewu. Und das geht doch nicht!«

»Ja freilich, freilich! Das seh' ich ein. – Aber ich seh' auch ein, daß Volumier den Marchand los sein will, und da ist der ehrliche Bach gut genug dazu, wenn die Dummköpfe nicht können. Wenn aber einer für dich was tun soll, damit du nach Dresden kämest und eine Stelle beim Kurfürsten kriegtest, da ist kein Mensch zu Hause.«

Bach lachte: »Natürlich! das wäre auch zu viel verlangt! Sieh, Frau, beim Handwerk hört die Freundschaft auf. Sie werden sich doch nicht den Marchand vom Halse schaffen, damit ihnen der Bach das Spiel verdirbt! Was schadet's denn auch? Ob ich in Dresden sitze oder hier: kann ich denn da mehr werden als der Sebastian Bach? Na, willst du mit?«

»Wo denkst du hin! Ich bleib' bei den Kindern, und« – setzte sie leiser hinzu – »du weißt, ich muß mich jetzt mit dem Fahren in Obacht nehmen. Nimm dir nur den Friedemann mit! Du machst dem Jungen eine Freude und bist nicht allein. Heute abend sprechen wir weiter. Ich muß gleich dazu tun, daß du reisen kannst.«

Damit eilte die Bachin hinab, und an den Geräuschen im Hause konnte man erkennen, daß die Reisevorbereitungen bereits im Gange waren.

Vater und Sohn blieben allein. Sebastian Bach betrachtete mit innerer Genugtuung den Knaben, der mit fliegenden Pulsen die letzte Note hinschrieb, dann einen langen Blick auf die Arbeit warf, die Hand noch einmal zögernd nach der Feder streckte, dann aber, rasch den Vater anschauend, doch aufstand.

Lächelnd trat der Vater ans Pult. »Du wolltest wohl was ändern? Man muß nie gleich nach der Arbeit verbessern. Was steht, das steht!« Damit setzte er sich und prüfte die Arbeit. – »Was hast du denn ändern wollen?« fragte Sebastian plötzlich.

»Ich dachte, da wäre eine schlechte Ausweichung, es müßte halt einen besseren Übergang geben.«

»Ich weiß keinen, der besser paßt. Du siehst also, daß man in der ersten Hitze nicht gleich drauflosstreichen soll. Als ich so alt war wie du, habe ich mir auch immer Fehler hineingebessert. Na, ich bin aber zufrieden. Der Schluß ist ganz im Sinne des Übrigen geschrieben. Du wirst ein braver Musiker werden, wenn du so fortmachst, Friedemann.« Und er zog den seligen Knaben auf seinen Schoß, und Friedemann, seine Arme um des Vaters Hals schlingend, preßte sein glühendes Gesicht an dessen Brust.

»Na, laß es jetzt nur gut sein,« sagte Bach hastig nach einer Weile, »ich muß auf eine Woche nach Dresden an den Hof zu Meister Volumier; die Mutter kann nicht mit wegen der Geschwister, da sollst du mich begleiten.«

Lauter Jubel war Friedemanns Antwort. Was Wunder, daß sich in seiner Seele von den Meistern in Dresden, von der Hofkapelle, der Kammermusik und der glänzenden Oper, die Kurfürst August damals hielt, Vorstellungen gebildet hatten, vor denen die Märchen aus Tausendundeiner Nacht verblassen mußten.

Dies wußte der alte Bach sehr wohl, und den Knaben mit einigen leichten Aufträgen fortschickend, überließ er ihn sich selbst und seinen phantastischen Träumen . . .

Einige Tage später verließ Sebastian Bach mit Friedemann das stille Weimar. Einen letzten Gruß noch, ehe das heimische Dach ihren Blicken entschwand, sandten Gatte und Sohn der daheimbleibenden Bachin zu; sie hatte, das jüngste ihrer Kinder, Bernhard, auf dem Arm, genug zu tun, um den wilden Christoph zurückzuhalten, während der dreijährige Emanuel laut weinend dem Vater nachschrie, weil er meinte, der komme nicht wieder.

 

Die Einfachheit und Ruhe, die fast nie gestörte Gleichförmigkeit einer kleinen Stadt wie Weimar, eines Hauses wie des Bachschen, bildete den schreiendsten Gegensatz zu dem wirren Treiben der Residenz Dresden, zu dem vielfarbigen Wechsel der Begebenheiten am Hofe Kurfürst Augusts des Starken.

Weimar hatte sich während der letzten dreißig Jahre wenig verändert, und Hof und Stadt lebten in einem patriarchalischen Gleichmaß der Tage. Weder Staats- noch Skandalaffären, weder üppige Pracht noch drohende Wetter der Zukunft hatten die Bewohner dieses Ländchens beunruhigt. Weimarisch Thüringen war einfältig, genügsam und anspruchslos; Elend und Mangel waren aber auch noch fremde Gäste in diesen friedlichen Tälern. Man war zufrieden und glücklich in Genügsamkeit. In Dresden und Sachsen indessen hatten die letzten dreißig Jahre tiefe Spuren ihres Daseins hinterlassen, – und wenn Weimar einem einfachen, ehrlichen und genügsam tätigen Landmanne glich, so war Dresden der üppige, arbeitsscheue Abenteurer, der hirnlose Schuldenmacher, der, ohne eigene Kraft, ohne Mittel, lediglich durch Aufwand den Kredit erkaufte, um größeren Aufwand zu treiben.

Ludwig XIV., von seiner Zeit der Große genannt, hatte das blendende Menuett des Jahrhunderts eröffnet. »L'état c'est moi!«, das war die Formel, der Lehrsatz, die Devise, die Ludwig auf das Banner der Zeit, den Kampfschild der Ausschließlichkeit geschrieben hatte. »Der Staat bin ich!«, das war die eherne Waffe, mit der die absolutistisch gewordene Autorität alles bekämpfte, was ihr vom Mittelalter her noch im Wege lag. Und in diesem Fürsten sahen alle Höfe, selbst die feindlichen, ihr Ideal. Der nie geahnte Glanz, den er um sich zu verbreiten wußte, war zu verführerisch, um nicht in Wien, Dresden und Petersburg begierig nachgeahmt zu werden. Es lag im ganzen Prinzip dieser Art von Regierung, gegen das eigentliche moralische Wesen der Herrschaft sich ignorant zu erweisen, von königlichen Pflichten nichts zu wissen, in allen den Dingen fördernd und bildend zu wirken, die zum individuellen Bedürfnis und Gelüst des Herrschers dienen mochten, hingegen allem mit eisernem Drucke entgegenzutreten, was diesen persönlichen Bedürfnissen widerstrebte. In jene Zeit fällt die Ausbildung des Militärwesens als eines Mittels zur Befestigung der Allmacht, in jene Zeit fällt der ausgesuchte Glanz und die Ermunterung der Industrie, soweit sie eben Luxus schuf, fiel das Ausbeuten und Großsäugen der Künste zum Nutzen der Höfe.

Unter allen gekrönten Nacheiferern des großen Ludwig war aber keiner bedeutender und konsequenter als Kurfürst August der Starke von Sachsen, König von Polen. Nächst Paris galt Dresden für den elegantesten Hof, und alles, was nach französischer Schablone zugestutzt war, wurde gangbare Münze im Herzen Deutschlands.

August der Starke war ein von der Natur mit allen Geistes- und Körpergaben reich ausgestatteter Monarch, dessen ganze Charakteranlagen, Anschauungen und Neigungen mit dem Geist Ludwigs XIV. ungemeine Ähnlichkeit hatten; aber der große Unterschied zwischen beiden war, daß August doch ein derbsinnlicheres Naturell hatte, daß seiner ganzen Erziehung das schärfere geistige Element, die tiefere Bildung abging, die die Jesuiten Ludwig verliehen hatten. August war ihm mehr in allen äußeren, materiellen Be- ziehungen des Lebens und Herrschens ähnlich. Der andere gewichtige Grund der Unähnlichkeit beider lag darin, daß eben Sachsen nicht Frankreich war. Das Bedürfnis des verschwenderischen, heißhungrigen Paris stand zu der Produktions- und Zahlungsfähigkeit Frankreichs in ganz anderem Verhältnis als das Bedürfnis des Dresdener Hofes zur Opferfähigkeit Sachsens. Ludwig konnte alles, was er wollte; er war um die Mittel kaum verlegen, mit denen er etwas erreichen mochte, und die Größe seines Landes, das ihm eine fast tausendjährige Geschichte als Sockel seiner Taten geben konnte, imponierte der Welt weit mehr als das winzige Sachsen, dessen Existenz im Vergleich zu jenem Lande von gestern war. August wollte viel und konnte im ganzen doch wenig; und da er, von Eitelkeit und Stolz geblendet, nur das äußere glänzende Gewand des französischen Regimes zu erreichen strebte, versagten ihm die Kräfte, fehlten die Mittel, den inneren realen Glanz und Halt nachzuahmen, den Ludwigs höherer Geist dem Lande schaffte und der tiefer eingriff als das äußere Lappenwerk, das über seinem Katafalk zusammenfiel.

Die Weltlage im Jahre 1717 war für Sachsen unangenehm genug. Polen, dessen erledigte Krone August der Starke 1696 auf dem Reichstage zu Warschau durch das Wahlkomitee sächsischer Truppen gewonnen hatte, war ihm eine ewige Quelle des Ärgers, der Ausgaben und Unruhen gewesen, ohne daß er behaupten konnte, ein Volk, das seinem Arme so fern lag, wirklich zu regieren. Dieses Polen, das er besaß und nicht besaß, das ihn solche Summen kostete (man machte den Witz, er trage Sachsen nach Polen), das ihm den furchtbaren Jammer des Schwedenkrieges und ein ziemlich abhängiges Verhältnis zu Rußland eintrug: er mochte und konnte es nicht lassen! Und als das Slawentum unter Ledekusky sich abermals siegreich gegen ihn erhoben und alle Geldausgaben, alle blutigen Opfer des Schwedenkrieges dadurch vergeblich gemacht hatte, als das sächsische Heer auf allen Punkten geschlagen worden war, mußte er endlich froh sein, daß die Republik unter Vermittlung Peters von Rußland mit ihm Frieden schloß. Jener Mann, der es liebte, bei entsprechenden Gelegenheiten seine enorme Kraft zu zeigen und einen Pokal mit dem Druck seiner Faust wie Papier zusammenzubiegen, mußte sich nun zu den dunklen Schleichwegen der Intrige verstehen und das Maulwurfstalent verdächtiger Agenten in Bewegung setzen, um von jenem dünnen Königsreif noch zu halten, was möglich war. Versprechungen, Bestechung und der wollüstige Luxus, die üppige Weichlichkeit seines Hofes, in dessen Netze er die Elite des polnischen Adels zog, das waren die Mittel, die ihm den Königstitel und eine Schattengewalt erhielten, die freilich jeder neue Reichstag wieder fraglich machen konnte.

Die Kriegskosten, die der Schweden- und Polenkrieg August verursacht hatten, waren schon mehr als zuviel für Sachsen, und doch beanspruchten Augusts Liebschaften vom Lande zwanzig Millonen, und zwar zu einer Zeit, in der das Geld so schwer wie heute flüssig war.

Der schonungslos selbstsüchtige Wille, den die Autorität damals zur Befriedigung ihrer Lüste und Marotten als Recht beanspruchte, riß Tausende in schuldloses Verderben, er wirkte, von hoher Stelle als Dogma gelehrt, tief und ätzend auf die Familien und drückte sich mit dämonischem Siegel auf Unterricht und Erziehung, Sitte und Anschauung der Zeit . . .

Wer hätte aber wohl so bittere Gedanken haben sollen, wenn er, wie Bach, in das Tor Dresdens einfuhr? Durch Augusts Geschmack und Beispiel hatte die Residenz ein höchst majestätisches Ansehen erhalten. Eine gediegene, obwohl pomphaft steife Würde strahlte von den dunklen Mauern der Häuser und Paläste, zwischen denen sich geschäftige Handelsleute, Handwerker und Lakaien drängten, während das Elend in Winkelgassen und Gruben gedrängt wurde, die nur von Polizeidienern und Bettelvögten einen flüchtigen Besuch empfingen.

Der Wagen hielt, und freudestrahlend empfing Volumier den alten, hochverehrten Freund, streichelte Friedemann die Wangen und führte beide hinauf in das trauliche Stübchen, wo der Imbiß harrte, während Diener und Magd das Gepäck in Empfang nahmen.

Was hatten die Freunde nicht alles einander mitzuteilen! Ernstes und Drolliges, Kunstgespräche und Hofgeschichten, alles kam an die Reihe, aber keine Note wurde gespielt; Bach war von den Stößen der ehrwürdigen Landkutsche, die ihn hergebracht, doch sehr ermüdet. Volumier teilte ihm nur noch rasch mit, daß der Kurfürst – oder der König, wie er am Hofe genannt wurde – von Bachs Ankunft wisse, daß man Marchands Spiel am nächsten Tage an einem neutralen Ort unbemerkt hören könne und dann zum Kampf geschritten werden solle.

Als Bach mit Friedemann endlich das Schlafzimmer betreten hatte und sich auszog, sagte er: »Hör' einmal, Friede, ich muß dir noch ein paar Lehren geben, ehe du ins Bett steigst. Merk gut auf, sonst kannst du mir leicht Feinde machen, wenn du unvorsichtig bist. Du hast, denk' ich, im Hause deines Vaters nur gute Musik gehört. Du bist, ich weiß es, mit sehr hohen Meinungen von den Dresdener Meistern hergefahren, und ich habe dich dabei belassen; denn nur, was man selbst erfährt, glaubt man. Morgen kommen wir in den Trubel und unter die Leute, ich sag' dir aber im voraus: du wirst mordsschlechte Musik in Dresden hören!«

»Das hab' ich mir von dem Marchand gleich gedacht, lieber Vater.«

»Nein, nein! Nicht allein der Marchand, – in ganz Dresden hörst du keine gescheite Musik.«

»Von Volumier auch nicht?« fragte Friedemann erschrocken.

»Nein, auch nicht! Du wirst's wohl selber hören, aber ich sag's dir nur, damit du dir nichts merken läßt, und wenn du gefragt wirst, fein artig alles gerade sein läßt, – oder lieber sagst, du verstehst es nicht.«

»Aber dann bin ich dumm, Vater?«

»Laß das die Leute lieber denken, als daß sie dich für einen naseweisen Jungen halten; denn daß du recht hast, glaubt dir doch keiner. Wenn sie dich spielen hören, werden sie schon sehen, ob du dumm bist oder nicht.«

»Aber, lieber Vater, machen wir denn in Weimar allein nur gute Stücke?«

»Das weiß ich nicht, mein Junge. Du wirst hier aber keine hören. Der Künstler, mein Sohn, er leiste, was er wolle, muß billig sein und die Schwächen seiner Genossen übersehen; denn das wahrhaft Gute ist selten, und ein Wort genügt, um dir Feinde zu machen. Nur was du selber schaffst, muß gut, und was du selber lehrst, muß richtig sein! Wer dich nicht mißachtet oder verfolgt, den mußt du gelten lassen, – und ist er jämmerlich, ist er's für sich!«

»Aber, lieber Vater, Herr Volumier ist beim Kurfürsten? Und macht schlechte Musik? Und du bist bloß in Weimar . . .«

»Still, still, Friedemann! Der Herr Kurfürst ist halt eben – ein Kurfürst und kein Musiker; er versteht's nicht besser. Beschlaf dir's und denke an das, was dir dein Vater gesagt hat, eh' du den Mund auftust! Die Reise soll eine Probe für dich sein; denn wem die Kunst das Leben ist, des Leben ist eine große Kunst. Die aber sollst du erst noch lernen. – Morgen ist deine erste Lektion im Leben. Gute Nacht!«

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