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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 7
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel – Keuschheit

Ich hoffe, keiner meiner Leser wird aus dem Vorhergehenden den Schluß ziehen, daß ich das Laster verteidigen will. Nichts liegt mir ferner. Im Gegenteil, ich hasse und verabscheue es und wage zu behaupten, daß ich mehr Recht als die meisten Menschen habe, diese Erklärung vor der ganzen Welt abzugeben. Ich hege bitteren Groll gegen das Schicksal, das mir, dem hilflosen Kind, meine Reinheit und Unschuld raubte, dadurch, daß man mich in ein Institut geschickt hat, das einer seiner prominentesten Schüler mit der Hölle verglichen hat. Wenn ich unverdorben aus Winchester und Oxford zurückgekommen wäre, würde es ein Wunder gewesen sein. Wäre ich als Katholik geboren oder in meiner frühesten Kindheit Katholik geworden, könnte ich tausend gegen eins wetten, daß ich unverdorben über jene Zeit hinweggekommen wäre, und darum beklage ich das Geschehene bitter.

Diese Dinge, die Schüler und Studenten treiben, die Oscar Wilde tat, die tausend andere Männer ihr ganzes Leben lang tun, verstoßen gegen die christliche Ethik, aber keineswegs gegen die heidnische. Damit will ich gewiß nicht sagen, daß sie nicht schon in der klassischen Zeit Griechenlands von den Idealisten verurteilt wurden, aber sie wurden nicht als eine Todsünde betrachtet und erweckten nicht das Grauen und die Bestürzung, die sie angeblich im heutigen England hervorrufen. Wenn nun England heutzutage im Grunde genommen ein heidnisches Land ist (die Statistiken über die Zahl der Kirchenbesucher sind die besten Beweise dafür), mit welchem Recht trägt es ein solches Entsetzen über heidnische Gewohnheiten zur Schau? Mit keinem! Erst wenn England zum Glauben seiner Väter zurückgekehrt ist, den es aus gewinnsüchtigen und anderen unedlen Beweggründen zur Zeit der sogenannten Reformation verleugnete, darf es sich wieder rühmen, die wahre, die katholische Haltung der Sünde gegenüber zu haben.

Unter den augenblicklich herrschenden Verhältnissen jedoch wirkt die Einstellung des Durchschnittsengländers in diesem Punkt nicht nur heuchlerisch, sondern lächerlich. Wenn er wirklich einen derartigen Abscheu gegen solche Dinge empfindet, warum schickt er seine Kinder schon im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren in jene Institute, wo sie todsicher so etwas lernen werden? Warum werden auch Knaben gezwungen, die griechischen Klassiker zu lesen, einschließlich der »Eklogen« des Virgil? Warum lehrte man uns in Oxford Plato bewundern und das Symposium als ein herrliches Werk betrachten? (Ich weiß natürlich, daß Sokrates im Symposium die Reinheit verteidigt, aber in dem Dialog merkt man durchaus nichts von jener empörten Haltung, die der Engländer meistens diesen Dingen gegenüber einnimmt.) Man muß also den Schluß ziehen, daß die Stellungnahme des Engländers nichts weiter als Heuchelei ist: »Tue, was du willst, es schadet im Grunde genommen gar nichts, wir alle tun es mehr oder minder zu irgendeiner Zeit unseres Lebens, aber wir dürfen es um Himmels willen nie zugeben und müssen um jeden Preis bestürztes Entsetzen zeigen, wenn uns irgendwelche Gerüchte zu Ohren kommen, daß andere diese Dinge treiben.«

Als ich zu Beginn dieses Kapitels sagte, daß ich mehr Recht als die meisten Menschen hätte, vor der ganzen Welt zu sagen, daß ich das Laster und besonders dieses Laster hasse und verabscheue, stellte ich eine Behauptung auf, die einer näheren Erläuterung bedarf. Diese lautet folgendermaßen:

Man wird mir zugeben, daß niemand ein Recht hat, einen anderen wegen eines Lasters zu verurteilen, dem er selber frönt. Dieser Behauptung wird niemand widersprechen. Ich will noch weiter gehen und erklären, daß kein Mensch, der nicht vollkommen keusch ist, ein Recht hat, einen anderen wegen irgendeiner Unkeuschheit zu verdammen. Ich hätte niemals gewagt, dieses Buch zu schreiben und die volle Wahrheit über mich zu erzählen, wenn ich nicht mit gutem Gewissen sagen könnte, daß ich seit über vierzehn Jahren vollkommen keusch lebe und die Absicht hege, bis an mein Lebensende auch keusch zu bleiben. Vor mindestens sechsundzwanzig Jahren (ehe ich heiratete) gab ich alle Beziehungen, die mit der Oscar Wilde-Episode zu tun hatten, auf. Aber das allein würde mir auch noch kein Recht geben, andere zu verurteilen. Weit davon entfernt. Später, als meine Frau mich kurz vor der Gerichtsverhandlung im Ransome-Prozeß verließ und ich ganz allein auf der Welt war, von allen verlassen, stand ich vor der Wahl, entweder ein ganz unmoralisches Leben zu führen oder nach dem strengen katholischen Ideal der Keuschheit zu leben. Vor vierzehn Jahren verkehrte ich, nachdem mich meine Frau verlassen hatte, ungefähr acht Wochen lang mit einem sehr schönen jungen Mädchen, das mich aufsuchte, weil ich ihm leid tat und weil es glaubte, daß ich ungerecht und brutal behandelt worden sei. Ich war damals schon seit achtzehn Monaten Katholik und wußte, daß ich eine ›Todsünde‹ beging, die ich noch verschlimmerte, weil ich darin verharrte.

Mein Gewissen ließ mir keine Ruhe, bis ich schließlich das Verhältnis löste, und von jenem Tage an habe ich völlig keusch gelebt (zwei Rückfälle im ersten Jahr ausgenommen) und habe, wie es in meinem Gedicht »In Excelsis« auch heißt, meine Unschuld wieder zurückgewonnen:

And if, disvouching then my angel's voice,
I could, by natural spirit, so out-face
The frowning world and its proclaimed offence
Against my friend. Shall I not more rejoice
To hate and brave it now, bestead by Grace
And my long since recaptured innocence? Könnt' ich, von meinem Engel selbst verlassen,
Aus eigner Kraft dereinst der zürnenden Welt,
Die meinen Freund verleumdet und gehetzt,
Die Stirne bieten – sollte ich nicht jetzt
Viel freudiger noch ihr trotzen und sie hassen,
Da Glanz der Unschuld leuchtend in mich fällt?

Selbst dies aber gibt mir nicht das Recht, andere zu verdammen. Ich sehe es jetzt ein, obgleich es eine Zeit gab, in der ich das Gegenteil dachte. Damals, als ich Robert Ross verklagte (dazu war ich schon aus Notwehr und durch die Verpflichtung, ein großes Unrecht wieder gutzumachen, vollauf berechtigt), redete ich mir leider ein, daß ich eine Art Kreuzzug gegen die Unsittlichkeit führte. Diese Auffassung ist in mancher meiner Satiren und auch im Buch »Oscar Wilde und ich«, das ich zusammen mit Crosland schrieb, wiedergegeben. Ich möchte also an dieser Stelle betonen, daß ich diese innere Stellungnahme schon längst aufgegeben habe und inzwischen zu der Überzeugung gelangt bin, daß es nicht meine Sache ist, andere zu verdammen oder ein Urteil über sie zu fällen. Trotzdem möchte ich noch einmal wiederholen, daß ich jetzt mehr Recht als die meisten Männer habe, zu behaupten, daß ich jede Art geschlechtlichen Lasters verabscheue und hasse, weil es die volle Wahrheit ist und keine bloße Redensart, daß ich lieber sterben möchte, als irgendeinem solchen Laster zu frönen; und obgleich ich keinen Augenblick zweifle, daß es sehr viele keusche und ledige Männer in England gibt, die dasselbe behaupten könnten, zum Beispiel alle katholischen Priester, bin ich überzeugt, daß diese in der überwiegenden Minderheit sind.

Es versteht sich wohl von selbst, daß ich nicht alle diese intimen Einzelheiten über mein Privatleben erörtere, um mich gleichsam als bekehrten Sünder hinzustellen, den alle Leute bewundern müssen. Nichts liegt mir ferner. Ich bin nur leider wegen der Lügen, die man über mich verbreitet hat, zu dieser Offenheit gezwungen und weil es unmöglich wäre, meinen Entschluß, die Wahrheit über mich zu sagen, ganz gleich, was es mich auch an Seelenpein kosten mag, auszuführen, ohne erst genau klarzustellen, wie es um mich steht. Wenn ich auch meine »Verhältnisse« mit Frauen erwähnen mußte und es auch später nicht werde vermeiden können, darüber zu sprechen, so geschieht es ganz entschieden nicht, um damit zu »renommieren«, wie George Moore und Frank Harris es zu tun belieben. Ich bin weit davon entfernt, stolz auf solche Abenteuer zu sein, im Gegenteil, ich schäme mich ihrer, und es kostet mich große Überwindung, überhaupt davon zu sprechen. Ich tue es nur, um zu zeigen, daß ich genau so war wie alle anderen ebenso erzogenen jungen Leute aus meinen Kreisen und durchaus kein Ungeheuer, wie meine Feinde glauben machen wollen.

Vom Standpunkt der katholischen Kirche aus war ich natürlich sehr schlecht. Ich bin auch gern bereit, es zuzugeben, aber dann muß man mir auch zugeben, daß neunzig Prozent meiner Zeitgenossen genau so sind. Ich will mich auch gern von der Kirche Christi verurteilen und mir von ihr verzeihen lassen, wie es vor Jahren schon geschehen ist, nur dagegen lehne ich mich ganz energisch auf, daß ich vor dem Richter, Mr. Darling, oder irgendeinem anderen der zahlreichen »gefürchteten Meister des Kreuzverhörs«, die mich zu verschiedenen Malen auf Veranlassung des kürzlich verstorbenen Sir George Lewis einem wahren Kreuzfeuer unterstellt haben, Buße tue.

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