Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Douglas >

Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/douglas/owilde/owilde.xml
typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120506
projectide55e411f
Schließen

Navigation:

41. Kapitel – Im Gefängnis

Ungefähr zwei Monate nach Croslands Freispruch – ich glaube es war im Oktober 1914 – kehrte ich nach England zurück, denn ich sah ein, daß es ganz zwecklos für mich sei, noch länger in Boulogne zu bleiben. Ich erlebte nach Kriegsausbruch die Landung der Argyller und Sutherlander Regimenter in Boulogne. Sie waren die ersten Regimenter, die in Frankreich ankamen. Ich brannte darauf, an die Front zu gehen, und schrieb darum an Lord Kitchener, den ich flüchtig kannte. Ich hatte ihn in Ägypten, als ich bei den Cromers wohnte, gesehen und noch einmal bei einem Essen bei Lady Henry Gordon-Lennox; nach dem Essen hatte er mich gebeten, mit ihm durch den Park zu gehen. Ich schrieb an ihn, ob er nicht irgendeine Verwendung für mich hätte, und teilte ihm mit, daß ich fließend Französisch spräche und vielleicht als Dolmetscher dienen könnte. Aber er erwiderte sogleich, daß er im Augenblick leider keine Verwendung für mich hätte. Es war kaum anders zu erwarten, denn er konnte eigentlich einen Mann nicht in das Heer aufnehmen, gegen den eben drei Haftbefehle erlassen worden waren! Aber ich war sehr enttäuscht. Ich dachte erst daran, mich bei der Fremdenlegion zu melden, und schrieb darum an »Taffy Lewis«. Oberst Lewis, ein angesehener Offizier, war eine Zeitlang König Edwards Adjutant gewesen. Früher hatte er militärische Bücher in meiner Zeitschrift »The Academy« besprochen. In seiner Antwort schickte er mir einen Empfehlungsbrief an den Offizier, der die Fremdenlegion befehligte. »Taffy« war zum Ehrenmitglied ihres Kasinos ernannt worden, als er Kriegskorrespondent der »Times« in Marokko war. Er riet mir jedoch dringend ab, in die Fremdenlegion einzutreten, und sagte, es wäre »eine verrückte Idee« von mir, weil ich die Zustände dort niemals würde aushalten können. Er hatte ohne Zweifel recht, und nachdem ich das erste Kriegsfieber überwunden hatte, beschloß ich, daß ich vor allem – wenn ich am Krieg teilnehmen wollte – nach England zurückkehren und die Custance-Verleumdungsaffäre in Ordnung bringen müßte. Von Ross' Anzeige gegen mich wußte ich noch nichts. Nach seiner verheerenden Niederlage im Crosland-Prozeß dachte ich, daß er erledigt sei, und ich bin auch überzeugt, daß kein anderer Anwalt auf der Welt außer Sir George Lewis ihm zu einer Klage gegen mich geraten hätte.

Wenn ich auch gewußt hätte, daß Ross einen Haftbefehl gegen mich erwirkt hatte, wäre ich trotzdem zurückgefahren, denn ich konnte nicht ewig in Frankreich bleiben, und ich sehnte mich danach, etwas zu tun, was die Luft reinigen würde. Jedenfalls schrieb ich an den Richter und sagte ihm, daß ich zurückkäme; ich bat ihn auch, mir mildernde Umstände zuzubilligen, da ich von meinem Schwiegervater, der mein Heim zerstört und mir meine Frau entfremdet hatte, stark provoziert worden sei. Ich schrieb auch an die Polizei und sagte, daß ich mit dem Dampfer am folgenden Tag in Folkestone ankäme.

Ich muß gestehen, daß meine Stimmung auf dem Dampfer keine sehr beneidenswerte war und vielleicht – nur zehnfach verstärkt – mit der eines Jungen verglichen werden konnte, der eine Aufforderung erhalten hat, sich bei seinem Direktor einzufinden, um »Senge« in Empfang zu nehmen. Wenn ich aber gewußt hätte, was mir bevorstand, wäre ich noch sehr viel niedergeschlagener gewesen. Sonderbarerweise hatte ich eine Vorahnung, daß etwas Furchtbares auf mich wartete. Während der ganzen Überfahrt betete ich meinen Rosenkranz ab. Als der Dampfer einlief, bat mich der Kapitän sehr höflich, als erster das Schiff zu verlassen. Ich ging das Fallreep hinunter und wurde von einem nett aussehenden, gut angezogenen Kriminalbeamten in Zivil in Empfang genommen, der mir sofort meine Handtasche abnahm und sonst sehr entgegenkommend und höflich war. Er sagte, ich könnte mein anderes Gepäck später bekommen. Ich dachte natürlich, daß wir gleich nach London führen, aber er sagte, daß ich erst nach der Polizeiwache in Folkestone gebracht werden sollte, um dort verhört zu werden. Ich verstand nicht, was er meinte, und dachte, es handle sich um den von meinem Schwiegervater gegen mich erwirkten Haftbefehl. Doch der Beamte erklärte mir, daß der Haftbefehl von Robert Ross beantragt worden sei. Aber selbst da verstand ich nicht, um was es sich wirklich handelte, und glaubte, es sei eine bloße Formalität, die mit dem alten Haftbefehl zusammenhing, der gegen Crosland und mich erlassen, aber durch Croslands Freispruch hinfällig geworden war.

Der Beamte brachte mich in einer Droschke nach der Wache. Dort wurde ich eingesperrt, und es hieß, daß ich jetzt auf den Kriminalbeamten warten müsse, der meinen Fall bearbeitete. Da dieser aus London käme, könne er frühestens in zwei bis drei Stunden eintreffen. Man brachte mir etwas Tee und Brot und Butter und ein Stück Kuchen, und dann wurde ich allein gelassen.

Nach zwei bis drei Stunden Wartens öffnete sich die Tür, und ein zweiter Beamter aus Scotland Yard trat ein. »Ich will Ihnen Ihren Haftbefehl vorlesen,« erklärte er, »muß Sie aber vorher darauf aufmerksam machen, daß alles, was Sie sagen, gegen Sie benutzt werden kann.« Dann verlas er den Haftbefehl, in welchem ich beschuldigt wurde, Robert Ross öffentlich verleumdet zu haben. Als er fertig war, sagte ich: »Gut. Ich werde den Wahrheitsbeweis antreten. Jedes Wort, das ich über Robert Ross veröffentlicht habe, ist wahr, und ich kann es beweisen.«

Im Augenblick war ich sogar ganz froh, wie immer, wenn der entscheidende Augenblick vor einem Kampf unmittelbar bevorstand. Der Kriminalbeamte war im übrigen freundlich. Er hatte schon mein ganzes Gepäck holen lassen, und wir fuhren in einer Droschke nach dem Bahnhof, wo er zwei Fahrkarten erster Klasse nach London besorgte. Dann bot er mir einen Whisky mit Soda an, den ich sehr gern annahm. Er weigerte sich, etwas bezahlt zu nehmen. Auf der Fahrt nach London öffnete er meine Handtasche und nahm eine Anzahl meiner Briefe heraus, die jedoch absolut nichts mit dem gegenwärtigen Fall zu tun hatten. Ich bekam diese Briefe viele Monate später zurück, aber erst, nachdem ich vor Gericht darum gebeten hatte.

Als wir in London ankamen, wurde ich nach der Polizeiwache gebracht. Die Polizeibeamten waren wie immer sehr freundlich und liebenswürdig. Sie machten es mir so behaglich wie möglich in ihrem Haftlokal, anstatt mich in einer Zelle einzusperren. Ich durfte mir auch warmes Essen kommen lassen, und dann legte ich mich in diesem Zimmer schlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich Paul Taylor vorgeführt. Ein Anwalt, dessen Namen ich im Augenblick vergessen habe, weil er mich nur dieses eine Mal vertrat und mir, soviel ich weiß, von Crosland geschickt worden war, tauchte auf und erwies sich als sehr tüchtig. George Lewis vertrat Ross und verlas verschiedene Auszüge aus meinen gedruckten Pamphleten und Briefen, worauf er den Untersuchungsrichter bat, mich dem Gericht zur Aburteilung überweisen zu lassen. Der Richter fragte mich, ob ich etwas zu sagen hätte, und ich antwortete: »Ja, ich werde den Wahrheitsbeweis antreten.« Darauf sagte er: »Gut, aber es ist Ihnen wohl bekannt, daß Sie dieses nicht hier tun können, sondern erst bei der nächsten Sitzung des Kriminalgerichtshofes.« Ich bat, gegen Kaution entlassen zu werden, denn mein Vetter Sholto war anwesend, der bereit war, die Kaution für mich zu bezahlen. Doch in diesem Augenblick erhob sich George Lewis und sagte: »Nein, der Angeklagte kann nicht gegen Kaution entlassen werden, da ein Haftbefehl von einem höheren Gerichtshof gegen ihn vorliegt, den einer meiner Mandanten, Oberst Custance, erwirkt hat.«

Da sagte der Richter, er bedaure, meine Bitte nicht erfüllen zu können, in diesem Fall jedoch liege es nicht in seiner Macht, mir Kaution zu bewilligen. Darauf wurde ich in einer Droschke nach dem Brixton-Gefängnis gebracht. Jetzt war es also meinem Schwiegervater doch gelungen, mich ins Gefängnis zu bringen, wenn es sich auch nur um eine Untersuchungshaft von einigen Tagen handelte.

Als ich nach dem Gefängnis kam und in einer kleinen Zelle im Erdgeschoß eingesperrt wurde, sank mir doch der Mut. Es wurde mir klar, daß ich mit meinen Vermutungen über die Falle, die George Lewis mir gestellt, recht gehabt hatte. Jetzt saß ich hier fest mit der Aussicht, eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten zu bekommen und dann vielleicht noch ein Jahr oder anderthalb Jahre für die Verleumdung gegen Ross dazu, und war aller Möglichkeit beraubt, das Beweismaterial zu sammeln. Ich würde meinen Wahrheitsbeweis gegen Ross nicht antreten können, und Ross würde freigesprochen werden und sich wieder einmal als der reine, edle und uneigennützige Freund Wildes im Gegensatz zum verkommenen Lord Douglas aufspielen können!

Ich erlebte zwei Stunden der furchtbarsten seelischen Pein, während welcher ich mit Gott haderte und ihm vorwarf, mich verlassen zu haben.

Obgleich es ein sehr kühler Abend war, rann der Schweiß mir das Gesicht herab. Schließlich sah ich mich in tiefster Verzweiflung um, und mein Blick fiel auf ein Neues Testament, das einzige Buch in meiner Zelle. Ich ergriff es und las folgende Worte:

»Und da ihn Herodes wollte vorstellen, in derselbigen Nacht schlief Petrus zwischen zween Kriegsknechten, gebunden mit zwo Ketten, und die Hüter vor der Tür hüteten des Gefängnisses.

Und siehe, der Engel des Herrn kam daher, und ein Licht schien in dem Gemach; und schlug Petrus an die Seite und weckte ihn und sprach: Stehe behende auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.«

Damals (und auch heute) erschien mir dies wie eine überirdische Antwort auf meinen Schrei der Verzweiflung. Gleich nachdem ich die Worte gelesen hatte, war ich ruhiger und zuversichtlicher. Ich wußte zwar nicht, wie ich aus dem Gefängnis herauskommen und meine mächtigen Feinde besiegen sollte, aber ich war jetzt überzeugt, daß es mir irgendwie gelingen würde.

Kurz vor diesem seelischen Zusammenbruch hatte ich den katholischen Kaplan des Gefängnisses gesprochen (er ist jetzt nicht mehr dort). Ich freue mich, daß ich seinen Namen vergessen habe. Auf meine Bitte hin kam er zu mir, aber er stellte mir nur taktlose und unverschämte Fragen über meine Familie: warum ich einen Titel habe und so weiter. Ich antwortete mit so viel Geduld, als ich aufbringen konnte. Dann fragte er, warum ich im Gefängnis sei. Ich erzählte ihm das Geschehene, und er fragte, ob ich die Wahrheit meiner Beschuldigungen beweisen könnte. Ich sagte: »Das weiß ich noch nicht; ich weiß nur, daß sie wahr sind.« Er erwiderte: »Nun, meiner Meinung nach haben Sie aus Rachsucht gehandelt und verdienen jede Strafe, die Sie bekommen«« Auf diese Bemerkung gab ich keine Antwort. Ich fragte, ob er mir am nächsten Morgen das Abendmahl geben könnte. »Nein, das kann ich nicht«, antwortete er und ging fort. Da sagte ich mir: »Jetzt beginnt meine Leidenszeit«, und gleich darauf folgten jene zwei Stunden der Verzweiflung und seelischen Qual. Im Vergleich zu dieser Pein war alles andere, was ich bisher durchgemacht hatte, nichts gewesen.

Nachher erinnerte ich mich, wie mir in meinem halbleeren Haus in der Church-Street einmal ein Buch in die Hände gefallen war, das ich vor irgendeiner katholischen Kirche gekauft hatte. Es hieß »Die heilige Stunde« und enthielt eine Andachtsform, nach welcher man sich eine Stunde lang in die seelische Not und Leiden Christi versenken sollte. Damals war ich tief religiös, und auch viele Jahre nachher – ich ging täglich, wenn eine Kirche erreichbar war, zur Messe und zum Abendmahl. Die Erinnerung an diese Andachtsform, die das kleine Buch vorschrieb, faszinierte mich, und ich betete inbrünstig, daß ich an Christi Leiden teilnehmen dürfte, indem ich von allen meinen Lieben – meiner geliebten Mutter ausgenommen – verlassen würde und die Bitterkeit der Passion Christi schmeckte.

Das eben geschilderte Erlebnis im Brixton-Gefängnis war sicher eine Antwort auf meine Gebete. Nachher war ich ganz ruhig.

Ich blieb fünf Tage in Untersuchungshaft und wurde dann nach der Polizeiwache und von dort nach dem Old-Bailey-Gericht gebracht. Zu meiner Freude und zu meinem großen Trost begleitete Olive mich nach dem Gericht. Während wir durch die Straßen Londons fuhren, hielten wir uns die Hände, während der Gefängniswärter uns wohlwollend anblickte. Olive ging mit mir in die erste Etage des Gerichts, und während wir in den Gängen warteten, erschienen ihr Vater und Admiral Sir Reginald Custance. Als sie Olive bei mir sahen, wurden sie bleich vor Wut, und Sir Reginald schalt meine Frau mit Stentorstimme im guten alten Stil aus!

Doch es warteten ihrer noch weitere Enttäuschungen, denn der gütige Richter (Gott habe ihn selig!) tat nur so, als ob er furchtbar böse sei, und schalt mich aus, als wäre ich ein ungezogener Junge, der Marmelade gestohlen hatte. Nachher sagte er in strengem Ton: »Was soll man mit Ihnen machen?« Darauf entließ er mich zur tiefsten Empörung meines Schwiegervaters und seines Anwalts mit einer Verwarnung. Wenn ich zwei Bürgen stellte, war ich wieder auf freiem Fuß.

Falls ein Wunder geschehen würde, hatte ich mir schon im voraus Bürgen verschafft, und zwar meinen Vetter Sholto und einen anglikanischen Geistlichen, den Reverend James Mills, der sich, wie von der Vorsehung gesandt, erboten hatte, Kaution in jeder Höhe zu stellen. So wurde das Tor des Gefängnisses wie bei Petrus geöffnet. Von dieser Zeit an verlor ich während all der folgenden Prüfungen keinen Augenblick mein Gottvertrauen, ein einziges Mal ausgenommen. Ich hatte nur noch fünf Wochen vor mir, um Beweismaterial gegen Ross zu sammeln. Gelang es mir nicht, es in dieser Zeit zu beschaffen, konnte ich einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten bis zwei Jahren gewärtig sein, aber trotzdem war ich ganz zuversichtlich.

Obgleich ich zwei Bürgen hatte, die jeder zweihundert Pfund stellen wollten und nur darauf warteten, ihre schriftlichen Erklärungen vor Gericht abzugeben, kam ich doch noch nicht an diesem Abend frei. Plötzlich weigerte sich die Polizei – sicher von Sir George Lewis dazu veranlaßt –, meinen anglikanischen Freund als Bürgen anzuerkennen. Sie verlangten eine vierundzwanzigstündige Frist, um Nachforschungen über ihn anzustellen. Mr. Mills erbot sich, mit dem Polizisten nach seiner Bank zu gehen, damit dieser sich vergewissern könne, daß er mehr als das Fünffache des Betrags, den die Kaution ausmachte, zur Verfügung hätte, aber der Beamte lehnte diesen Vorschlag ab und bestand darauf, am nächsten Tag seine Nachforschungen in der Wohnung des Geistlichen vorzunehmen.

Die Folge davon war, daß ich nicht gleich, wie der Richter es gewollt hatte, freigelassen wurde, sondern als verurteilter Gefangener dort bleiben mußte. Um sieben Uhr abends, nachdem ich mehrere Stunden in einer Zelle eingesperrt gewesen war, wurde mir mitgeteilt, daß meine Bürgen an diesem Abend nicht mehr kommen könnten, ich also vorläufig als ein Verurteilter betrachtet werden müsse und nach dem Wormwood-Scrubs-Gefängnis abgeführt werden sollte. Ich kam also in die »Schwarze Marie« zusammen mit einem Dutzend anderer Verbrecher, die alle Handschellen trugen. Diese Schande wurde mir erspart, weil ich am nächsten Tag gegen Kaution freigelassen werden sollte. Auf dem Wege nach dem Gefängnis durften wir Zigaretten rauchen und uns unterhalten. Wir fuhren durch Piccadilly. Es war ein merkwürdiges Gefühl, durch die Ritzen in diesem »Kasten« die Klubs und Restaurants und die Menschen, die essen gingen, zu sehen. Dieser Gefangenenwagen, in dem ich fuhr, war kein richtiger in Zellen geteilter Transportwagen, aber später lernte ich auch diesen kennen.

Als wir nach Wormwood Scrubs kamen, nahmen die Aufnahmeformalitäten ungefähr anderthalb Stunden in Anspruch. Die Kleider wurden uns fortgenommen, und man brachte uns in Badezellen, in denen warme Bäder bereitstanden. Als ich an die Reihe kam, sagte der Aufnahmebeamte, ein sehr netter Irländer, der andauernd Späße machte und sein möglichstes tat, uns aufzuheitern, indem er mich flüchtig ansah: »Sie sind sauber, Sie brauchen nicht zu baden.« Ich war sehr unglücklich und rief: »Ach bitte, ich möchte auch baden. Ich bin seit fünf Tagen im Brixton-Gefängnis und habe die ganze Zeit nicht einmal baden können.« Darauf erwiderte er: »Wenn Sie wollen, können Sie natürlich ein Bad haben.« So bekam ich mein Bad und schwelgte gerade im warmen Wasser, als ein Gefangener in Anstaltskleidung, der bei der »Aufnahme« half, den Kopf in meine Zelle steckte und sagte: »Schnell, mein Junge, du darfst nur fünf Minuten drin bleiben.« Darauf gab er mir ein Handtuch. Nachher wurde ich vom Arzt untersucht. Als ich zehn Jahre später die klassischen Schatten von Wormwood Scrubs wieder einmal aufsuchte, war derselbe Arzt noch da, ein Doktor Watson, der gütigste, rücksichtsvollste Mensch, den es gibt. Er hatte immer ein freundliches Wort für mich und lieh mir Bücher, als ich ins Gefängnis-Krankenhaus kam.

Dies alles nahm viel mehr Zeit in Anspruch, als man denkt. Man gab uns Kakao und Brot – das Brot war aber so hart, daß es ungenießbar war – und dann wurden wir nach unseren Zellen geführt. Ich kam in die zweite und oberste Etage dieses düsteren Gebäudes aus Eisen und Stahl mit seinen unzähligen Zellenreihen, das stark nach Gas roch. Ich war in der dritten Abteilung, in der die zu Zwangsarbeit Verurteilten sich befanden und war wahrscheinlich im selben Gebäude wie einstmals Wilde. Ich dachte an ihn, als ich mich »ins Bett« legte (ein Brett ohne Matratze), und sagte mir: »Der arme Oscar, wie hat er das nur zwei Jahre lang ausgehalten?« Es war das erstemal, daß ich eine verhältnismäßig mitleidige Regung für Oscar empfand, seitdem ich den »unveröffentlichten Teil« seines De Profundis gelesen hatte.

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.