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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 41
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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39. Kapitel – Kampf um meinen Sohn

Ich muß gestehen, daß ich nur mit Bedauern auf die Ereignisse zurückblicken kann, die ich nun schildern werde. Mein Verhältnis mit D... E... dauerte drei oder vier Monate. Im ersten Monat waren wir täglich zusammen, ohne daß intime Beziehungen zwischen uns bestanden; ich hatte ihr gleich erklärt, daß ich als Katholik kein unmoralisches Leben führen könnte. Zum Schluß jedoch erlag ich der Versuchung.

Um mir etwas Geld zu verschaffen, verkaufte ich die Bücher und Briefe Wildes. Außerdem bekam ich die Tantiemen von meinem Buch »Oscar Wilde und Ich«. Auf diese Weise konnte ich weiter in meiner nur noch teilweise möblierten Wohnung in der Church-Street, Hampstead, bleiben, den Kampf gegen das Vormundschaftsgericht führen und außerdem D... E... zu Abendessen in Restaurants oder zu ähnlichen Vergnügungen einladen. Ich ließ mich absichtlich viel mit ihr sehen, um meine Frau zu ärgern, die ich niemals wiedersehen noch sprechen wollte. Ich hatte ihre Photographien verbrannt und alles im Hause, was mich an sie erinnerte, entfernt. Ihr Vater und George Lewis ließen mich ständig von Detektiven bewachen. D... und ich sahen sie oft vor meinem Hause oder vor ihrer Wohnung stehen, und wir amüsierten uns darüber. Oberst Custance und Lewis setzten alle Hebel in Bewegung, um Olive zu überreden, die Scheidungsklage einzureichen. Dieses Ansinnen lehnte sie jedoch ganz energisch ab, und als sie einmal versuchten, sie dazu zu zwingen, wurde sie so heftig, daß sie niemals wieder wagten, ihr diesen Vorschlag zu machen.

Kaum vier Monate nach unserer Trennung telephonierte mich Olive eines Tages an. Nichtsahnend nahm ich den Hörer ab. Sie bat mich, sie zu besuchen. Der Klang ihrer Stimme überwältigte mich so, daß mein ganzer Groll sofort verflog, ich ging spornstreichs zu ihr, und wir versöhnten uns. Dieser Vorfall führte selbstredend einen Bruch mit D... herbei, und mein Verhältnis mit ihr nahm ein jähes Ende. Das war im Jahre 1913. Obgleich meine Frau und ich nie wieder zusammen gewohnt haben, sind wir sehr gute Freunde geblieben. Ich besuche sie oft, und wir führen eine rege Korrespondenz. Meine Versöhnung mit Olive war natürlich für meinen Schwiegervater und auch für Lewis, der mittlerweile den Feldzug gegen mich in einer recht häßlichen und persönlichen Weise zu führen begonnen hatte, ein harter Schlag. Diese Kampagne führte George Lewis lange nachher weiter gegen mich. Er war zum erstenmal mein Gegner, als er Ross verteidigte, der mir durch den Richter Astbury verbieten ließ, irgendwelche Briefe Wildes oder Stellen aus dem »unveröffentlichten Teil« von De Profundis zu meiner eigenen Verteidigung in meinem Buche zu zitieren. Lewis war auch mein Gegner bei den verschiedenen Gerichtsverhandlungen, die vor dem Richter Eve und später Peterson wegen meines Sohnes stattfanden (ich erinnere an mein Gedicht »Eve and the Serpent«). Ebenso war er Ende des Jahres 1914 in meinem Prozeß gegen Ross, und als ich im Jahre 1922 die »Evening News« verklagte, der Anwalt der Gegenpartei. Die »Evenings News«-Klage war unter seinen Prozessen gegen mich sein Waterloo. Die Veröffentlichung meines Gedichtbandes »Gesammelte Satiren« im Jahre 1926, der mehrere scharfe Hiebe gegen ihn enthält, diente hoffentlich dazu, ihn zu erinnern, daß ich noch lebe. Er ist erst vor einigen Monaten gestorben, während der arme Oberst Custance schon seit zwei Jahren tot ist. Ich bedaure sehr, daß es mir nicht vergönnt war, mich noch vorher mit ihm auszusöhnen. Ich habe lange aufgehört, irgendwelchen Groll gegen ihn zu empfinden, und als er bei seiner letzten Krankheit zu Bett lag, sagte ich meiner Frau, daß ich gern Frieden mit ihm machen möchte. Aber er blieb unversöhnlich, obgleich ich aus einer Bemerkung, die er kurz vor seinem Tode machte, entnahm, daß er sein Benehmen mir gegenüber bereute. Er liebte meinen Sohn innig, doch als dieser später erfuhr, wie man das vierzehnjährige Kind durch Lügen gegen seinen Vater aufgehetzt hatte, schrieb er mir und bat mich um Verzeihung für das, was er mir damals unbewußt angetan hatte. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ihm verzieh. Ich möchte auch bei dieser Gelegenheit erklären, daß ich George Lewis verzeihe und seit wenigstens zwölf Jahren für ihn und Oberst Custance – meine beiden ärgsten Feinde – täglich bete.

Ich will nicht zu viele Einzelheiten aus dem Kampf um meinen Sohn berichten. Es wäre unmöglich, die ganze Geschichte zu erzählen, ohne den Anschein zu erwecken, ich gebe meiner Frau einen Teil der Schuld, und das will ich auf keinen Fall tun. Eins ließ man mir trotz allem, und zwar die gesetzliche Vertretung für meinen Sohn. Der Richter, Eve, betonte diese Tatsache immer und schien sie als eine große Gnade anzusehen, für die ich sehr dankbar sein müsse. Aber ich war der Meinung, daß man mich mit der unerhörtesten Ungerechtigkeit und Grausamkeit behandelt hatte, wenn man bedenkt, daß er mich dazu verurteilte, die ganzen Kosten der Erziehung meines Jungen zu tragen, mich aber zwang, meinen Sohn während dreifünftel seiner Ferien zu seinem Großvater zu schicken. Dabei hatte ich absolut nichts getan, um der gesetzlichen Vertretung meines Sohnes unwürdig zu sein; man muß auch berücksichtigen, daß er die Ferien, die er bei mir verbrachte, stets im Hause meiner Mutter verlebte.

Schließlich konnte ich den lästigen Zwang, meinen Sohn für den größten Teil seiner Ferien zu Oberst Custance schicken zu müssen, nicht mehr ertragen und fuhr eines Tages mit ihm nach Schottland, wo ich als Schotte dem englischen Vormundschaftsgericht trotzen konnte. Ich ging mit meinem Jungen nach Fort Augustus, mietete dort ein Haus und verabredete mit Sir David Hunter Blair, dem Abt des Fort Augustus-Klosters, daß mein Sohn von den Mönchen unterrichtet werden sollte. Ich schrieb an den Richter, um ihm meinen Schritt mitzuteilen, sowie meinen Entschluß, meinen Sohn nie wieder zu Oberst Custance zu schicken, weil ich auf unbestimmte Zeit in Schottland zu bleiben beabsichtigte. Diese Handlungsweise war natürlich das, was man in England »Unbotmäßigkeit gegen das Gericht« Unbotmäßigkeit gegen das Gericht wird in England mit Gefängnis bestraft. Anm. d. Übers. nennt. Sie wurde auch bei meiner Verleumdungsklage gegen die »Evening News« gegen mich vorgebracht. Sir Douglas Hogg fragte mich bei meiner Vernehmung, ob ich mich nicht der »Unbotmäßigkeit gegen das Gericht« schuldig gemacht hätte. Ich erwiderte: »Jawohl, ebenso wie die Apostel es auch taten. Paulus zum Beispiel hat immer wieder das Gericht mißachtet.«

»Wollen Sie sich denn mit dem Apostel Paulus vergleichen?« fragte daraufhin Mrs. Hogg. »Ja, warum denn nicht?« Die Antwort wurde mit schallendem Gelächter begrüßt, an dem sich sogar der Richter beteiligte, aber ich fuhr fort und sagte: »Es heißt ja, wir sollen Christus nachahmen, darum meine ich, müssen wir auch den Aposteln nachzuahmen streben«. Darauf wußte Hogg nicht mehr zu antworten.

Das englische Vormundschaftsrecht hat gottlob keine Gültigkeit in Schottland. Solange ich also in Schottland blieb, hatte niemand das Recht, sich zwischen mich und meinen Sohn zu stellen. Aber Sir George Lewis hat sich nie viel um Recht und Gesetz gekümmert. Auf Antrag von Oberst Custance schickte er einen Privatdetektiv nach dem Hotel in Fort Augustus, wo ich einige Tage wohnte, ehe ich in das von mir gemietete Haus übersiedelte. Dieser Mann hat meinen Jungen entführt, als er allein angeln gegangen war, und ihn in einem Auto nach England zurückgebracht. Als er plötzlich verschwunden war, waren wir – die Mönche und ich – in großer Sorge und hegten die schlimmsten Befürchtungen, daß mein Sohn in den See gefallen sei. Zwei Tage lang ließ man uns ohne Nachricht. Es ist augenscheinlich den Lewis und Custance nicht eingefallen, daß ich mir Sorgen machen könnte und es nur menschlich gewesen wäre, mich wissen zu lassen, daß der Junge in Sicherheit und gesund sei. Ich hörte aber zwei Tage lang nichts und verbrachte furchtbare Stunden der Angst und Sorge, bis ich ein Telegramm von meiner Frau bekam, in dem sie mir mitteilte, daß unser Sohn in Weston, im Hause ihres Vaters in Norfolk sei.

Kurz vor dieser Kindesentführung, die in Schottland strafrechtlich verfolgt wird, hatte meine Frau geschrieben, sie wollte mich und den Jungen besuchen. Wenn sich diese Kindesentführung zwei Tage verzögert hätte, wären wir alle drei – Vater, Mutter und Kind – im selben Haus versammelt gewesen. Ich ging sofort zur Polizei und verlangte, daß ein Haftbefehl wegen Entführung meines Sohnes gegen meinen Schwiegervater erlassen würde. Man verwies mich an den Lord Advocate, der dasselbe Amt in Schottland hat wie der Staatsanwalt in England. Nachdem man mich viele Wochen hingehalten hatte, bekam ich eine abschlägige Antwort. Der damalige Lord Advocate war Mr. Munro-Ferguson, ein Freund von Mr. Asquith!

Oberst Custance gab sich aber nicht damit zufrieden, mir meinen Sohn zu nehmen, er ging mit Sir George Lewis nach dem Vormundschaftsgericht und bat Richter Eve, mich wegen Unbotmäßigkeit gegen das Gericht zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen. Dies jedoch lehnte der Richter ab. Er hätte sich auch nur lächerlich gemacht, und er hatte wohl auch bereits genug von mir und meinen Angelegenheiten, denn er übergab den Fall Richter Peterson. Der arme Custance hatte kein Glück bei seinen Versuchen, mich ins Gefängnis zu bringen. Dreimal hat er es versucht, aber es ist ihm nie gelungen!

Bei der Verhandlung, die Richter Peterson führte, bot er mir an, mir den Jungen zurückzugeben, aber unter denselben Bedingungen wie vorher: das heißt, daß er nur zweifünftel der Ferien bei mir verbrächte und dreifünftel bei Oberst Custance. Da ich aber inzwischen erfahren hatte, daß der Junge von der geplanten »Entführung« gewußt und damit einverstanden gewesen war, sagte ich dem Richter, daß ich nichts mehr von ihm wissen wollte und meine Hand von ihm abzöge. Ich sah ihn erst nach zehn Jahren wieder. Meine Frau war derselben Meinung wie ich, sie war ebenfalls entrüstet über unseres Sohnes Benehmen. Damals habe ich meinen Jungen geliebt. Dieses Erlebnis trug dazu bei, meine Verbitterung über die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Welt noch zu verstärken. Ich gab alle Gedanken an Glück auf dieser Erde auf und klammerte mich an meine Religion als einzigen Trost, obwohl ich damals von den Mönchen der Klosterschule und auch von den meisten Katholiken, mit denen ich zu dieser Zeit in Berührung kam, sehr schlecht behandelt wurde. Die Mönche hatten mich während meines Kampfes um meinen Sohn unterstützt, wandten sich aber, als ich mich endgültig entschloß, mich nicht mehr um ihn zu kümmern, gegen mich und schlossen hinter meinem Rücken Frieden mit meinen Feinden, Oberst Custance und George Lewis. Ich schrieb ein Sonett darüber, das in meinem Gedichtband »Collected Poems« erschienen ist. Das Ende der Geschichte habe ich schon erzählt – nämlich daß mein Sohn, als er mündig wurde, mir schrieb und mich um Verzeihung bat, die ich ihm auch natürlich gewährte. Seitdem sind wir sehr gute Freunde geworden und lieben uns innig. Dieser Schritt meines Sohnes war ein harter Schlag für Oberst Custance; er hat ihn nicht lange überlebt.

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