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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 39
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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37. Kapitel – Der katholische Glaube

Ein Jahr nachdem ich die »Academy« verkauft hatte, wurde ich Katholik. Als ich sie noch besaß, war ich Anhänger der Hochkirche Englands, und von diesem Gesichtspunkt aus behandelte ich alle religiösen Fragen in dieser Zeitschrift.

Von meiner Studienzeit in Oxford an, bis ich Herausgeber der »Academy« wurde, hatte ich überhaupt keine Religion. Ich war das, was die meisten Engländer sind, obgleich sie es nicht zugeben wollen: ein Heide. Ich übertreibe nicht. Neulich sah ich eine Statistik der Kirchenbesucher vom Ostersonntag des vorigen Jahres. Die Katholiken ausgenommen, erwies diese Statistik, daß nur sieben Prozent der ganzen Bevölkerung zum Ostergottesdienst gegangen waren.

Kurze Zeit nachdem ich angefangen hatte, die »Academy« herauszugeben, bekam ich Beiträge von Arthur Machen. Seine Artikel haben mich zum erstenmal veranlaßt, über die christliche Religion nachzudenken. Jede Woche überließ ich Machen ganze Spalten meiner Zeitschrift für seine Artikel. Ich veröffentlichte sogar in wöchentlichen Fortsetzungen ein ganzes Buch von ihm, das »Die Ansichten von Hochehrwürden Dr. Stiggins« hieß und einen sehr scharfen Angriff gegen den Protestantismus bedeutete. Ich (oder vielmehr Sir Edward Tennant) bezahlte ihm die höchsten Honorarsätze. Arthur Machen zeigte seine Dankbarkeit dafür, daß ich ihn bekannt gemacht hatte, durch einen Nachruf in der »Evening News«, als diese Zeitung irrtümlich eine Nachricht von meinem Tode veröffentlichte.

Meinen Übertritt zum Katholizismus schreibe ich an erster Stelle dem Umstand zu, daß ich Weltgeschichte zu lesen begann. Dadurch erst gingen mir die Augen über all die Lügen auf, die man in der Schule und auch in Oxford lehrt, und ein tieferes Eindringen in die Geschichte überzeugte mich, daß die Behauptungen der anglikanischen Hochkirche, sie sei trotz der Reformation die von Petrus gegründete, falsch wären. Das Ausschlaggebende für meinen Übertritt war die Schrift von Papst Pius X. »Enzyklika gegen moderne Anschauungen«. Allerdings wurde ich erst ein Jahr, nachdem ich sie gelesen hatte, Katholik.

Diese klare und überzeugende Schrift von Papst Pius X. wurde mir zur Prüfung eingesandt – das Original ist lateinisch, das Exemplar, das ich bekam, war eine englische Übersetzung. Ich wollte es gerade an einen Lektor schicken, als ich zufällig die ersten Zeilen las, die mein Interesse derartig fesselten, daß ich es selbst durcharbeitete. Nach der Lektüre war ich überzeugt, daß die römisch-katholische Kirche die einzig wahre sei. Ich entschloß mich endgültig, Katholik zu werden, aber ich schob den entscheidenden Schritt noch auf, hauptsächlich wohl, weil meine Bekehrung eine intellektuelle gewesen war und meine Seele nicht teil daran genommen hatte. Ich war sogar der Ansicht, daß mein Übertritt zum Katholizismus manche Unbequemlichkeiten mit sich bringen würde, und zögerte deshalb. »Jedenfalls hat es keine Eile damit«, sagte ich mir.

Erst nachdem ich schon lange in die katholische Kirche aufgenommen worden war, wurde ich auch mit der Seele Katholik. Zuerst ließ mich, wie gesagt, die Religion völlig kalt. Der Ritus übte, obgleich ich ihn immer sehr schön gefunden hatte, keinen Eindruck auf mich aus und tut es auch heute nicht. Aber als ich ungefähr achtzehn Monate Katholik gewesen war, begann ich unter der grausamen Verfolgung zu leiden, die ich mit kurzen Unterbrechungen mindestens zehn Jahre lang erdulden mußte. Die Folge davon war, daß ich mich immer mehr in die Religion flüchtete. Jahrelang war sie während der fast unerträglichen Schicksalsschläge, die mich trafen, mein einziger Trost. An Stelle meiner früheren Kälte trat jetzt Inbrunst, und ich wurde tief religiös, sogar Mystiker. Ich vertiefte mich in Bücher wie das »Leben der Heiligen«, die Schriften der heiligen Therese und des Johannes am Kreuz. Schließlich begann ich, mich über meine Leiden zu freuen und sie als ein Zeichen besonderer Gnade zu betrachten, die sie auch zweifellos waren. Ich hatte sogar Visionen und übernatürliche Erlebnisse, doch in diesem Buch kann ich nicht darüber sprechen, nur von einem will ich später berichten, obgleich ich heute nicht mehr ganz sicher bin, ob es wirklich ein übernatürliches Erlebnis war.

Ich muß mit großem Bedauern feststellen, daß ich jetzt nicht mehr so tief religiös bin wie damals. Trotzdem aber bin ich ebenso fest entschlossen wie früher, als frommer Katholik zu leben und zu sterben. Doch die wunderbaren Empfindungen, die ich einstmals hatte, habe ich jetzt nicht mehr; die übernatürlichen Erlebnisse ebenfalls nicht, und obgleich mir ein Priester bei der Beichte einmal sagte, es geschähe darum, weil ich sie nicht mehr so brauche wie früher, und daß es ein viel größeres Verdienst sei, ohne diese Seelenstärkungen auszukommen, halte ich das nicht für den wahren Grund. Damals hatte ich die Absicht, ein Heiliger zu werden, sicher ein lobenswertes Ziel, selbst wenn es ein unerreichbares ist. Jetzt aber habe ich leider kein Verlangen mehr danach. Es ist sehr bedauerlich, aber es entspricht der Wahrheit. Vielleicht werde ich eines Tages wieder anders denken. Inzwischen bin ich leider viel weltlicher geworden als ich es zur Zeit meiner Verfolgung war, in der mich alle Welt haßte und ich sogar ins Gefängnis geworfen wurde.

Die Verfolgung begann mit dem von Ross veranlaßten Angriff gegen mich in Ransomes Buch. Ich habe bereits darüber berichtet und möchte meine Leser nicht mit zu vielen Einzelheiten meiner verschiedenen Prozesse ermüden. Mein Streit mit Ross begann schon zwei Jahre vor dem Erscheinen des Buches von Ransome »Oscar Wilde, eine kritische Studie«, und zwar, weil ich wegen verschiedener Vorfälle und gewisser Informationen, die ich über ihn erhalten hatte, beschloß, meiner Bekanntschaft mit ihm ein Ende zu machen. Ich wünschte ihn nicht mehr in meinem Hause zu sehen. Seit meiner Heirat war ich in meinen Anschauungen über die Art Dinge, deren sich Ross vor aller Welt rühmte, viel weniger tolerant geworden. Ich wollte keinen offenen Streit mit ihm anfangen, sondern einfach allmählich mit ihm brechen.

Davon wollte er aber nichts wissen. Ich hatte meinen Dienstboten Anordnungen gegeben, immer, wenn Ross kam, zu sagen, daß wir nicht zu Hause seien. Zwei- oder dreimal ließ er sich dies gefallen. Dann schrieb er an meine Frau und verlangte den Grund zu erfahren, warum er nicht mehr bei uns vorgelassen würde. Olive gab mir den Brief, in welchem ich versteckte Drohungen zwischen den Zeilen las. Ich war sehr böse, daß er sich erlaubte, sich an meine Frau zu wenden. Wenn er sich überhaupt beklagen wollte, hätte er seine Beschwerde an mich richten müssen. Ich schrieb ihm einen Brief, den er wahrscheinlich aufbewahrt hat – und teilte ihm mit, daß ich nicht länger mit Männern verkehren wollte, die, wie er, sowohl theoretisch als auch praktisch allen Lastern frönen, vom Kommunismus angefangen bis zur Päderastie.

Ross antwortete nicht, aber ich hörte von verschiedenen Seiten, daß er vor Wut fauchte und überall verkündete, er würde sich an mir rächen. Ich kümmerte mich aber nicht um seine Drohungen. Das war vielleicht leichtsinnig von mir, denn man soll seine Feinde nie unterschätzen. Ich hatte keine Ahnung, daß Ross eine Menge meiner alten Briefe an Oscar Wilde besaß, und selbst wenn ich es gewußt hätte, würde ich nicht anders gehandelt haben, denn offengestanden hielt ich ihn einer solchen Schurkerei, wie er sie nachher fertigbrachte, doch nicht für fähig. Außerdem wußte ich damals nichts von dem »unveröffentlichten Teil« von De Profundis. Als ich Ross' Brief las, beschloß ich, gegen ihn vorzugehen. Meine Frau behauptet, sie habe mir abgeraten, gerichtliche Schritte gegen ihn zu unternehmen. Wir beide werden uns wohl über die Haltung, die sie damals und zur Zeit, als sie mich verließ, einnahm, nie einig werden. Daß sie mich verließ, geschah nicht wegen der Oscar Wilde- oder Ross-Affäre, sondern weil ich ihren Vater öffentlich angriff – obgleich ich es eigentlich mehr ihretwegen als meinetwegen tat. Andererseits möchte ich auch betonen, daß, obwohl ihre Handlungsweise mir seinerzeit sehr naheging, ich sie von jeder Schuld oder irgendwelcher Absicht, mich zu kränken, freispreche, denn ich bin überzeugt, daß sie nur das tat, was sie in ihrer sehr schwierigen Lage für richtig hielt. Damals war ich natürlich verbittert, aber spätere Ereignisse haben bewiesen, daß sie mir im Innersten ihres Herzens nie feindlich war.

Manche denken, es sei ein Fehler von mir gewesen, Ransome zu verklagen, und meinen, ich hätte einfach die Verleumdung in seinem Buch, die den meisten Menschen gar nicht auffiel, ignorieren sollen, weil ich nicht einmal mit Namen genannt war. Aber ich wußte, daß eine solche Handlungsweise nur ein Aufschieben des Kampfes bedeuten würde, da Ross die Verleumdung wiederholt hätte, und jedesmal deutlicher und offener. Alle Geschehnisse, die sich nach dem Ransome-Prozeß abspielten, auch Ross' schließliche Niederlage, waren nur die logischen Folgen dieses Prozesses. Der Ransome-Prozeß war – das wußte ich damals allerdings noch nicht – die erste Schlacht in einem Feldzug, bei dem ich letzten Endes alle meine Feinde schlug. Das Verlieren des Ransome-Prozesses veranlaßte mich schließlich, das furchtbare Risiko auf mich zu nehmen, Ross öffentlich zu beschimpfen und ihn auf diese Weise zu zwingen, gegen mich vorzugehen. Eigentlich hätte ich ohne die Erfahrung, die mir der Ransome-Prozeß brachte, trotzdem daß er anscheinend eine Katastrophe für mich bedeutete, weder Ross vernichten noch die Klage gegen die »Evening News« gewinnen, noch Oberst Custance und Sir George Lewis kampfunfähig machen können. (Die Anwälte Lewis & Lewis waren bei allen vier Prozessen meine Gegner.) Aber man kann kein Omelette machen, ohne Eier zu zerschlagen. Ich mußte eben die tiefe Erniedrigung erleiden, die das Verlieren des Ransome-Prozesses für mich bedeutete, ehe meine Seele gestählt wurde und ich, der Arme, der gefährlichen Gruppe meiner reichen Feinde gewachsen war. Kurz, hätte ich Ross nicht verklagt, so hätte ich ebensogut gleich Selbstmord begehen können, denn ich wäre in dieser Welt niemals wieder zu Ansehen gelangt.

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