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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 37
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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35. Kapitel – Prozesse, Prozesse

Obgleich Crosland, wie gesagt, sehr viel zum Erfolg der »Academy« beitrug, sogar vielleicht mehr als ich, hat er mir eine Menge Unannehmlichkeiten aufgehalst, die ich sonst nicht gehabt hätte. Er verwickelte mich persönlich und auch das Blatt in eine ganze Anzahl seiner privaten Streitigkeiten. Er empfand keine Skrupel, wenn er die Zeitschrift dazu benutzte, eigene Zwistigkeiten unter dem Deckmantel »des öffentlichen Interesses« auszukämpfen, und ich, als verantwortlicher Redakteur, erntete natürlich die ganze »Ehre« für das, was er geschrieben hatte. Die Artikel waren meistens ohne Unterschrift, und ich nahm selbstverständlich die Verantwortung für alles, was die Zeitschrift brachte, auf mich. Die Folge davon war, daß ich mir eine Menge Feinde machte. Viele der Leute, die böse auf mich waren und mich haßten, waren zwar Menschen, an deren guter Meinung mir nicht viel lag, im Gegenteil, ich betrachtete ihre Haltung mir gegenüber eher als ein Kompliment und einen Vorteil. Doch ist es nicht zu leugnen, daß ich mir dadurch eine Menge unnötiger Feinde zuzog. Ich würde manche Menschen heute noch mit genau demselben Mut wie damals »angreifen«, doch viele darunter waren ganz harmlose Leutchen, die man in Ruhe hätte lassen können. Fast der schlimmste Streich, den mir Crosland spielte, war, daß er mich in einen Prozeß mit dem armen Freddie Manners-Sutton (nachher Viscount Canterbury) hineinzog, der zwar mit einem Sieg für mich und Crosland endete, aber dieser Sieg war auf Kosten meiner Freundschaft mit Freddie allzu teuer erkauft. Er war mit meiner Frau befreundet gewesen, ehe wir uns heirateten, und hatte vor diesem Zwischenfall zu meinen besten Freunden gehört.

Der arme Freddie lebt jetzt nicht mehr, aber ich freue mich, sagen zu können, daß wir uns nach einer fast siebenjährigen Entfremdung doch vor seinem Ableben aussöhnten. Ich war gerade eine Woche, ehe er starb, bei ihm zu Gast in seinem Hause in London gewesen, und damals waren wir schon seit zwei Jahren wieder die besten Freunde geworden. Die Versöhnung wurde durch meine Frau herbeigeführt, die immer diesen Streit, in den ich sehr gegen meinen Willen hineingezogen worden war, aufs lebhafteste bedauert hatte.

Ich muß aber betonen, daß ich als Vorbedingung für eine Versöhnung, die ich von Herzen wünschte, auf Freddies Erklärung dringen mußte, daß die Schuld an dem Geschehenen nicht auf meiner Seite lag, weil er mich durch seinen eigensinnigen Versuch, Crosland, meinem Freund und Angestellten, eine Gefängnisstrafe wegen böswilliger Verleumdung aufzuhalsen, in eine Lage gebracht hatte, aus der ich nicht ohne Ehrenverlust herauskonnte. Crosland hatte ihm in einem Wutanfall, den Freddie selbst durch seine sarkastischen Bemerkungen heraufbeschworen hatte – Crosland konnte nie Sarkasmus vertragen, außerdem war er sehr eifersüchtig auf Freddie –, einen geharnischten Brief voller Beleidigungen und Anschuldigungen geschrieben. Freddie hatte sich leider von einem Anwalt schlecht beraten lassen und eine Verleumdungsklage gegen Crosland angestrengt. Crosland mußte sich vor Gericht verantworten. Er trat den Wahrheitsbeweis an und wurde freigesprochen. Seinen Freispruch hatte er mir zu verdanken, weil ich zu seinen Gunsten aussagte und erfolgreich, ja sogar in verheerender Weise für die Gegenpartei die Anklagen zurückwies, die Sir Edward Marshall beim Kreuzverhör gegen mich erhoben hatte. Dieser beging sogar die Geschmacklosigkeit (die mit schuld daran war, daß er den Prozeß für seinen Mandanten verlor), die Oscar Wilde-Affäre wieder hervorzuholen, um meine Aussage zu entkräften.

Damit begann eine lange Reihe von Prozessen und Klagen, in die ich verwickelt wurde, und zum erstenmal in meinem Leben saß ich auf der Zeugenbank. Man hatte mich gewarnt, daß Marshall Hall die alte Oscar Wilde-Affäre gegen mich ins Treffen führen würde, und es hieß, daß er öffentlich geprahlt hatte, er würde mich »vernichten«.

Ich habe aber eigentlich keinen Grund, mich über Marshalls Handlungsweise zu beklagen, denn ich errang mir dadurch die begeisterte Sympathie aller Geschworenen, und es stellte sich dabei heraus, daß ich ein ausgezeichneter Zeuge sei. F. C. Phipps, der bekannte Autor des Buches »As in a Looking-Glass«, der zu meinen guten Bekannten gehörte und der beste Freund meines Freundes, des kürzlich verstorbenen Rowland Strong, war (des früheren Pariser Korrespondenten der Morning Post), saß zwischen den eng zusammengepferchten Juristen, die gekommen waren, um zu sehen, wie der große Marshall Hall mich »vernichtete«. Als F. C. Phipps nachher die Geschichte des Kreuzverhörs (das höchstens vierzig Minuten dauerte) Strong zum besten gab, sagte er: »Aber mein lieber Junge, Douglas hat ihn platt an die Wand gedrückt, ja, buchstäblich an die Wand gedrückt; es gibt keinen anderen Ausdruck dafür. Ich habe noch nie so etwas erlebt.«

Der Richter bei diesem Prozeß war Sir John Bosanquet (der durch einen sonderbaren Zufall von seinen Kollegen »Old Bosie« genannt wurde), und Marshall Hall war noch nicht zur Hälfte mit meiner Vernehmung fertig, als er sich schon an Bosanquet wandte, um Schutz gegen mich zu erbitten, da ich mich nicht damit begnügte, seine Fragen zu beantworten, sondern ihn angriff und »Reden an die Geschworenen hielte«, wie er sich ausdrückte. Marshall Hall war, wie alle sogenannten »gefährlichen Verteidiger«, mit denen ich zu tun gehabt habe, mit Ausnahme von Carson, »nur halb so schlimm«; sobald ich gegen ihn losging, klappte er wie ein zerstochener Luftballon zusammen. Ich hatte einen weit beweglicheren Geist und er war mir in keiner Weise gewachsen, so daß es ein Kinderspiel für mich war, mit ihm fertig zu werden. Von Bosanquet bekam er keine Hilfe, weil dieser zu gerecht war, um sich einzumischen. Wenn nur alle Richter so wären!

Ich bin jetzt überzeugt, daß, wenn Marshall mich nicht in so unfeiner Weise angegriffen und gereizt hätte, meine Verteidigungsfähigkeiten nicht entdeckt worden wären, er aber den Prozeß gewonnen hätte. Denn Croslands »Wahrheitsbeweis« war sehr kümmerlich, und selbst der fabelhaften Geschicklichkeit unseres Verteidigers, Mr. Valettas, eines der besten Anwälte Englands, der Marshall Hall in die Tasche stecken konnte, wäre es kaum gelungen, Croslands Freispruch zu erringen, wenn ich nicht in so wirksamer Weise für ihn eingetreten wäre. Nun aber waren die Geschworenen so entrüstet über Marshalls unprovozierten Angriff und von meiner Verteidigung derartig begeistert, daß sie nach einer sehr kurzen Beratung Crosland freisprachen. Aber auch Crosland hat sich bei seiner Vernehmung recht gut zu verteidigen verstanden, und wenn ich ihn diesmal übertraf, so war es nur, weil ich mehr Glück als er hatte. Kurz, wenn die Taktik der Gegenpartei von mir »bestellte Arbeit« gewesen wäre, hätte sie mir meine Aufgabe nicht leichter machen können, wie Marshall Hall es tat. Ob er später ein wirklich großer Advokat wurde, kann ich nicht sagen. Ich bezweifle es. Daß er jedesmal, wenn er einen Mörder verteidigt, von der Presse ad nauseam in den Himmel gehoben wird, macht ihn, und wenn er den Mörder auch freibekommt, zu keiner Größe. Die Presse sucht stets die schlechtesten und unfähigsten Anwälte oder Richter für ihre Lobhudeleien aus und schweigt die wirklich guten tot. Daß die Zeitungen Marshall Hall so sehr loben, ist mir gerade eher ein Beweis, daß er kein außergewöhnliches Produkt aus der »Werkstatt der Natur« ist.

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