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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 36
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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34. Kapitel – Crosland

Crosland hatte ich zwei oder drei Jahre vor dieser Zeit kennengelernt; er war mir eines Abends von einem Mr. Hannaford Bennett in einem Varieté vorgestellt worden. Crosland erzählte mir bei unserer ersten Begegnung, daß er Lektor bei Grant Richards gewesen sei, als man damals die Frage der Herausgabe meines Gedichtbands »The City of the Soul« erörterte. Er behauptete, er hätte Richards überredet, den Band zu erwerben, weil er die Gedichte für die besten des Jahrhunderts hielt. Ob er wirklich die Veröffentlichung veranlaßt hat oder nicht, kann ich natürlich nicht wissen. Ich glaube eher, daß es mein Vetter Wilfred Blunt war, der den Verleger Grant Richards bewog, mein Buch herauszubringen, und ich bezweifle, daß Crosland überhaupt irgend etwas damit zu tun hatte, obgleich ich natürlich glaube, daß er das Manuskript las und sehr gut fand.

Einige Jahre später bat er mich, ihm zu erlauben, ein Vorwort zu meinem Band Sonette zu schreiben, den der »Academy-Verlag« herausbrachte, während ich die Zeitschrift leitete. In diesem Vorwort erklärt er, daß meine besten Sonette den hervorragendsten, die jemals in der englischen Sprache geschrieben worden sind, gleichkämen, und daß man sie lesen würde, solange die englische Sprache bestände. Es ist erklärlich, daß ich gern die Bekanntschaft eines Mannes machte, der eine so hohe Meinung von meinem Können hatte. Von diesem Tage an war ich viel mit Crosland zusammen und mehrere Jahre lang eng mit ihm befreundet. Er war ein ganz eigentümlicher Mensch. Unzweifelhaft besaß er sehr hohe Gaben. Er hat wunderbare Gedichte verfaßt; viele der besten veröffentlichte ich in der »Academy«. Doch hat er noch zahlreiche andere geschrieben, die lange nicht so wertvoll sind und zuweilen sogar zu Knüttelversen herabsinken, besonders die, die er während des Krieges jede Woche »fabrizierte«. Aber jeden Dichter muß man nach seiner besten Arbeit beurteilen, und Croslands beste Arbeit war einfach herrlich.

Alle seine hervorragendsten Sonette schrieb er, während er mein Hilfsredakteur war. Leider aber hatte er, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein schlechtes Gehör für Rhythmus, sobald es sich um seine eigene Arbeit handelte. Er konnte nie ein Sonett schreiben, in dem nicht wenigstens eine Zeile hinkte. Ich mußte dann meine ganze Überredungskunst anwenden, um ihn zu bewegen, den überflüssigen Versfuß zu entfernen. Obwohl ich äußerst taktvoll zu Werke ging und meine ganze Geduld aufbrachte, pflegte er immer wütend zu werden und zu behaupten, daß er die in Frage kommenden Zeilen »absichtlich so geschrieben hätte, um eine rauhe Wirkung hervorzurufen«. Wenn nichts anderes nutzte, pflegte ich eine Miene gekränkter Resignation aufzusetzen, die Crosland »Schmollen« nannte. Zum Schluß erreichte ich es aber doch immer, daß er das Gedicht nach meinen Angaben änderte. Folglich sind alle Sonette, die er für die »Academy« schrieb, formvollendet, während die, die er für andere Zeitungen oder Zeitschriften verfaßte, Fehler aufweisen.

Ehe ich Crosland persönlich kennenlernte, wußte ich nur, daß er der Autor des Buchs »The Unspeakable Set« sei, das ich aber bis heute nicht gelesen habe. Ich sprach einmal mit ihm darüber und bat ihn, mir ein Exemplar zu leihen, aber er erklärte, er besitze keins. Selbst wenn er eins hätte, meinte er, würde er es mir nicht borgen. Er bat mich dringend, es nicht zu lesen, und ich mußte ihm versprechen, es nicht zu tun. Ich habe auch Wort gehalten. Er sagte mir, es sei »größtenteils Unsinn«, und er habe es seinerzeit geschrieben, um Geld zu verdienen und auch um sich an ein paar schottischen Journalisten in der Fleet-Street zu rächen, gegen die er einen besonderen Groll hegte. »Dabei sind fast alle die wenigen Menschen, die anständig zu mir gewesen sind,« meinte er bei dieser Gelegenheit, »ganz abgesehen von Ihnen, meinem treuesten und besten Freund, Schotten gewesen.« Nach unserer Entfremdung begann Crosland wieder mit seinen unsinnigen Schmähungen gegen die Schotten und Schottland, die er in der Zeit, als er mit mir zusammenarbeitete – ungefähr sieben oder acht Jahre – eingestellt hatte.

War Crosland in guter Laune, gab es keinen reizenderen Gefährten als ihn, und damals war er fast immer in guter Stimmung. Ich glaube, er mochte mich ganz gern. Ich will es jedenfalls annehmen, obwohl er mich, als er kein Geld mehr von mir bekommen konnte, treulos verließ. Er hatte eine förmliche Gier nach Geld. Sein Gehalt, während er an der »Academy« arbeitete, betrug offiziell sieben Pfund die Woche, eine Summe, die vor dem Krieg den doppelten Wert von heute hatte. Es war zwar ein viel zu geringes Gehalt für seine Leistungen (er war damals der einzige Journalist in ganz London, der zugleich ein Genie und Dichter war), doch bekam er immerhin viel mehr als er je vorher verdient hatte. Ich gab ihm aber mindestens zehn Pfund die Woche (oft sogar viel mehr) und lud ihn täglich zum Mittagessen ein, so daß es ihm wirklich, solange er bei mir arbeitete, ganz gut ging. Ich möchte Wilde mit seinen Klagen in De Profundis nicht nachahmen und gönne Crosland jeden Pfennig, den ich für ihn ausgab (ich schenkte ihm zum Beispiel aus freien Stücken zweihundertfünfzig Pfund, als ich die »Academy« verkaufte), aber immerhin, seine spätere Undankbarkeit hat mich doch tief gekränkt. Doch daran will ich lieber nicht denken, sondern vielmehr bekennen, daß ich Crosland alle meine journalistischen und redaktionellen Kenntnisse verdanke. Damals war ich noch Amateur, außer natürlich im Gedichtschreiben. Croslands Artikel in der »Academy« (später in »Plain English«) waren Musterleistungen eines literarischen Journalisten. Niemals habe ich einen Schriftsteller gekannt, der so ausgezeichnete Artikel schreiben konnte. Er hatte einen vortrefflichen Stil, der auf einer gründlichen Kenntnis Shakespeares und der allerbesten Dichter beruhte. Außerdem war er außerordentlich geistreich und besaß einen fast shakespearischen Sinn für Humor. Durch seine Mitarbeit wäre jede Zeitung oder Zeitschrift ein Erfolg geworden; diese Tatsache entdeckten manche Dummköpfe von Zeitungsbesitzern erst, als seine beste Zeit fast vorbei war.

Doch als Leiter oder finanzieller Berater einer Zeitung war er unbrauchbar. Seine Ansichten in Geldfragen lassen sich am besten durch die Schilderung eines Vorfalls, den ich miterlebte, kennzeichnen. Ungefähr zwei bis drei Jahre, ehe ich die »Academy« leitete, brachte Crosland eine Zeitschrift heraus, die »The English Review« hieß. Sie hatte aber nichts mit der gegenwärtigen Zeitschrift gleichen Namens zu tun. Ich schrieb seinerzeit eine Serie leichter Verse für sie. Er hatte die Zeitschrift zusammen mit Juhus Beerbohm ins Leben gerufen. Eines Tages saß ich mit Crosland und Beerbohm im Redaktionsbureau (es war ein kleines Zimmer in Soho), als ein Mitglied des »Personals« plötzlich mit bleichem Gesicht und tragischer Miene ins Zimmer stürzte und rief: »Wissen Sie, was geschehen ist? Die verdammte Bank hat jenen Scheck für fünfzig Pfund honoriert!« »Großer Gott, so eine Schweinerei!« rief Crosland und sprang auf. »Das ist aber die Höhe! Dann sind wir erledigt!« Darauf verließen er und Beerbohm eiligst das Zimmer, nachdem sie sich bei mir entschuldigt hatten, denn sie hatten mich eben aufgefordert, mit ihnen essen zu gehen.

Nachdem sie fort waren, erfuhr ich von jenem Angestellten, der die Schreckensbotschaft gebracht hatte, was eigentlich passiert war. Wie es sich herausstellte, betrug das Guthaben auf der Bank ungefähr siebzehn Pfund zehn Schilling, gerade genug, um das Mittagessen für Crosland, Beerbohm und mich für die nächsten Tage zu bezahlen oder auch für jeden zufällig auftauchenden Mitarbeiter, denn Crosland und Beerbohm waren sehr gastfrei, wenn sie auch, wie ich später erfuhr, nie die Honorare für die literarischen Beiträge bezahlten. Sie schuldeten also anscheinend jemandem fünfzig Pfund, der auf Zahlung drängte. Croslands Art, diese Schwierigkeit zu lösen, war ganz einfach. »Wir werden ihm einen Scheck geben, den er bei seiner Bank einreichen wird; das wird ihm einige Tage den Mund stopfen; unsere Bank wird den Scheck selbstverständlich nicht honorieren, und inzwischen müssen wir eben sehen, wie wir weiterkommen; für laufende Ausgaben haben wir ja immer noch siebzehn Pfund zehn Schilling.«

Das Entsetzen und die Entrüstung Croslands, als er erfuhr, daß der Scheck honoriert war, und daß er und Beerbohm nun statt siebzehn Pfund zehn Schilling Guthaben, der Bank ungefähr zweiunddreißig Pfund schuldeten, war eine der komischsten Szenen, die ich je erlebt habe.

Croslands Auffassung in Geldsachen während der zwei Jahre, die wir zusammen an der »Academy« arbeiteten, basierte auf der Annahme, daß ein »Lord«, der viele vermögende und einflußreiche Verwandte habe, unbedingt eines Tages »einen Haufen Moos« erben würde, wie er sich ausdrückte. Er sah die Zukunft der »Academy« in äußerst rosigen Farben. Einmal, als ich deprimiert war, sagte er: »In ungefähr zwei Jahren wird dieses Blatt einen Gewinn von mindestens zehntausend Pfund jährlich abwerfen. Sie werden hören, wie die Leute auf der Straße sich zuflüstern: ›Wer ist dieser blonde Jüngling?‹ Und die Antwort wird lauten: ›Das ist der schwerreiche Lord Douglas, der Besitzer der ›Academy‹.‹ Dann werden sie fragen: ›Und wer ist jenes strahlende Wesen an seiner Seite?‹ ›Das ist Crosland‹, wird es heißen.«

Die wahre Komik besteht, glaube ich, in drolligen Vergleichen. Der Gedanke, daß jemand Crosland als ein »strahlendes Wesen« bezeichnen könnte, war unsagbar komisch, denn er war vielleicht die sonderbarste Gestalt, die ich je gesehen habe. Er sah erstens immer unordentlich und ungepflegt aus, als ob er in seinen Kleidern geschlafen hätte; sein glattes Haar hing ihm in die Stirn, und wenn er verärgert war, wirkte er förmlich schreckenerregend. Andererseits konnte er unglaublich weichherzig sein und hatte oft sehr großmütige Impulse und Empfindungen. Sein Äußeres war allerdings nur dann erträglich, wenn er »richtig angezogen« war, das heißt, wenn ich ihn gezwungen hatte, einen Abendanzug anzuziehen, und eigenhändig seine Krawatte gebunden und ihm die Haare gebürstet hatte – eine Prozedur, die er sich manchmal unter vielem Stöhnen und Protesten gefallen ließ, ehe ich ihn zu einem Abendessen mitschleppte, bei dem wir prominente Leute treffen würden, oder wenn ich mit ihm ins Theater ging. Dann sah er ganz »menschlich« aus. Er hatte sehr schöne Augen. Diejenigen, die seine Seele kennenlernen möchten, wie sie in Wirklichkeit war, ohne die Hülle finanzieller Skrupellosigkeit und Rücksichtslosigkeit, die manchmal an Barbarentum grenzte, müssen seine besten Gedichte lesen, zum Beispiel das schöne Schwanenlied, seine hervorragendsten Sonette und ein prachtvolles Gedicht, »The Finer Spirit«, das voll wunderbaren Zaubers ist.

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