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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 35
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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33. Kapitel – Die »Academy«

Die ersten Jahre nach unserer Heirat waren ereignislos. Unser Sohn wurde in einem Haus in Chelsea geboren. Wir machten eine Reise ins Ausland, nach Korsika und an die Riviera, dann kehrten wir nach London zurück und siedelten bald darauf in ein schönes Landhaus in Wiltshire über, das Lake Farm hieß. Meiner Cousine, der damaligen Lady Edward Tennant, späteren Lady Glenconner und dann Lady Grey of Falloden Inzwischen ist das von allen tief bedauerte Ableben von Lady Grey of Falloden erfolgt., verdankten wir das Haus. Damals waren wir sehr befreundet; ich hatte sie schon als Kind gekannt. Sie machte mich auf die Schönheit des Hauses Lake Farm aufmerksam, das ungefähr einen Kilometer von dem ihren entfernt lag, und hat unseren Hauswirt, den lieben alten Mr. Lovibond, dem es gehörte, der es jedoch nicht bewohnte, bewogen, uns das Haus zu vermieten.

Das Gebäude lag an der schönen Landstraße zwischen Amesbury und Salisbury, nur ungefähr hundert Meter vom Fluß Avon entfernt, einem der besten Forellenflüsse Englands. Während wir dort wohnten – ungefähr zwei Jahre – durfte ich nicht nur in den Herrn Lovibond gehörenden Gewässern fischen, sondern auch in denen, die unseren Nachbarn in Amesbury Abtei, Sir Edmond Antrobus und Lady Antrobus gehörten, und auch in anderen, in der Nähe Hegenden Flüssen, so daß ich schließlich ein ganz geübter Fischer wurde.

Während wir in Lake Farm wohnten, waren die Tennants (später Glenconners) und Mr. Lovibond unsere nächsten Nachbarn, und sie erwiesen uns stets viele Freundlichkeiten. Unsere besten Freunde in dieser Zeit waren der entzückende »Strobus« und seine reizende, vielleicht etwas exzentrische Frau »Wavie«. Ihre große Güte und Gastfreundschaft trugen am meisten dazu bei, die Zeit, die wir in Lake verbrachten, zu den glücklichsten Jahren unseres Ehelebens zu machen. Leider sind inzwischen »Strobus« und auch »Wavie« gestorben und ihr einziges Kind »Toots« ist im Krieg gefallen. Der augenblickliche Besitzer der alten Abtei, Sir Cosmo, der Bruder des Sir Edmond Cosmo, wohnt nicht dort, und das prächtige Gebäude steht leer. Es ist übrigens von meinem Ahnen, dem Herzog von Queensbury erbaut worden, der es mit Kitty, der Herzogin von Queensbury, bewohnte, derselben, die durch ihr Protegieren des Dichters Gay, der seine weltbekannte Oper »Die Groschenoper« in diesem Hause schrieb, und durch ihre »aristokratische Arroganz« Georg dem Dritten gegenüber berühmt geworden ist.

Während ich in Lake war, im Jahre 1907, überredete meine Cousine Pamela Tennant (Lady Grey of Falloden) ihren Mann, Eddie Tennant, später Lord Glenconner, die Zeitschrift »The Academy« zu kaufen und mich zum Herausgeber zu ernennen.

Es fällt mir sehr schwer, über dieses Thema zu schreiben. Meine Cousine Pamela, für die ich stets eine warme Zuneigung empfunden habe, war so allgemein wegen ihrer Schönheit und ihrer Talente bekannt – sie ist eine begabte Dichterin, – daß es sich für mich erübrigt, hierüber etwas zu schreiben. Jedes Lob, das ich ihr spenden könnte, würde doch in der ständigen Flut von Bewunderung, die sie von ihrer frühesten Jugend an umgeben hat, verschwinden. Nur eins möchte ich betonen, nämlich, daß sie stets sehr freundlich zu mir war, und als sie mir den Posten des Herausgebers der »Academy« verschaffte, nur von reinster Güte und Hilfsbereitschaft getrieben war, wofür ich ihr immer dankbar bin. Aber leider muß ich gestehen, daß Pamela sich nie mit mir über die Leitung dieser Zeitschrift einig war, obwohl das Blatt bekanntlich in der Zeit, als ich es leitete, seinen Höhepunkt erreichte und, nachdem ich herausgedrängt wurde, sehr bald einging. Vom Augenblick an, als ich »The Academy« herauszugeben begann, gab es stets Reibungen zwischen den Besitzern der Zeitschrift und mir. Was ich auch tat, niemals fand es ihren Beifall. Beständig wurde ich getadelt und über dies oder jenes zur Rechenschaft gezogen. Jeden Erfolg, den die Zeitschrift errang, während sie den Tennants gehörte, habe ich gegen einen ungeheuren Widerstand mühselig erkämpfen müssen.

Die Reibereien rührten sicher zum Teil von dem Umstand her, daß ich immer ein überzeugter Konservativer des »Diehard«-Typs war, Eddie Tennant hingegen, Asquiths Schwager, der Liberalen Partei angehörte. Obwohl ich die Zeitschrift nach konservativen Richtlinien leitete und in stärkster Opposition zu Asquith, Lloyd George und Winston Churchill, die ich damals und noch heute für den Ruin Englands verantwortlich machte, geschah es selbstverständlich nicht gegen den Willen des Besitzers der Zeitschrift, der das Geld zu ihrer Erhaltung gab und mir mein Gehalt bezahlte. Es betrug dreihundert Pfund jährlich, eine Summe, die kaum meine Unkosten deckte und nur die Hälfte dessen bedeutete, was ich für meine Arbeit hätte beanspruchen können.

Irgendein Verwandter sagte mir eines Tages, er fände es »eigentlich ziemlich stark«, daß ich Eddie Tennants Geld und Zeitschrift dazu benutzte, seine Partei und seinen Schwager Asquith zu bekämpfen. Diese Bemerkung beunruhigte mich, und ich schrieb sofort an Eddie darüber. Ich fragte ihn, ob er mit der politischen Richtung seiner Zeitschrift nicht einverstanden sei. »In diesem Fall«, schrieb ich, »will ich gern die politischen Artikel fortlassen. Ich kann natürlich nicht meine Ansichten oder diejenigen, die die Zeitschrift bisher vertreten hat, plötzlich ändern, aber ich bin gern bereit, Politik fortzulassen und nur über Literatur zu schreiben.« Eddie antwortete sofort, daß er durchaus nichts gegen die politische Richtung der Zeitschrift habe, er fände sie im Gegenteil sehr anregend und stimmte vielen meiner Ansichten bei. Durch diesen Brief war ich beruhigt und fuhr in der einmal eingeschlagenen Richtung fort. Ungefähr zwei Wochen später schrieb ich einen sehr heftigen Artikel gegen Mr. Asquith. Er behandelte die in letzter Minute zurückgenommene Genehmigung zu einem Festzug, der zur Feier der Tagung des Katholischen Eucharistischen Kongresses geplant war. Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, daß ich damals der Hochkirche angehörte; die Zeitschrift vertrat die Auffassungen dieser religiösen Richtung. Katholik wurde ich erst ein Jahr, nachdem ich die Leitung der »Academy« niedergelegt hatte.

Zu meiner großen Verwunderung und Entrüstung erhielt ich einen Brief von Eddie Tennant, den ich nicht anders als äußerst kränkend bezeichnen kann; er gab auch nachher zu, daß er sehr beleidigend war, und entschuldigte sich deswegen. In diesem Schreiben sagte er mir, daß mein Artikel über Asquith »außerordentlich geschmacklos« gewesen sei, und fügte hinzu (zum dritten und, wie es sich nachher herausstellte, zum letztenmal), daß er sich endgültig entschlossen habe, die Zeitschrift zu verkaufen und alle Beziehungen zu ihr zu lösen.

Ich war empört über diese Behandlung, und der Gedanke, die Zeitschrift, die ich erst ungefähr acht oder neun Monate geleitet hatte, aufgeben zu müssen, machte mich tief unglücklich. Es erschien mir eine grausame Handlungsweise und doch wiederum so charakteristisch für den reichen Mann und dessen völlige Nichtachtung der Gefühle und Rechte des »bloßen Literaten«, der zufällig diesmal auch nebenbei der Vetter seiner Frau und nach deren wiederholten Beteuerungen zu urteilen, einer der ersten Dichter des Jahrhunderts war. Zu dieser Zeit hatte ich Crosland schon als Hilfsredakteur engagiert; der lachte mich aus, als ich ihm meine Befürchtungen, das Blatt zu verlieren, mitteilte. Er brachte mich auf den Gedanken, auf den ich bestimmt nie von selbst gekommen wäre: daß ich gar nicht der arme, schlecht bezahlte, von der Laune eines Millionärs und nouveau riche abhängige Literat sei, sondern der Herausgeber einer einflußreichen Zeitschrift, der einen Posten innehatte, von dem man ihn nicht so leicht verdrängen konnte. Von Crosland ermutigt, erklärte ich (und meiner Meinung nach mit voller Berechtigung), daß Eddie Tennant kein Recht hätte, gerade als ich anfing, mich hineinzuarbeiten, und in zahlreiche Diskussionen verwickelt war, mich im Stich zu lassen und mir einfach zu erklären, daß er das Blatt meinen Gegnern verkaufen wollte, ganz gleich, was aus mir würde.

Schon vom juristischen Standpunkt aus betrachtet, konnte ich als Leiter und Herausgeber der Zeitschrift eine sechsmonatliche Kündigungsfrist beanspruchen, doch wurden meine Rechte mit keinem Wort erwähnt. Ich glaube allerdings nicht, daß Eddie die Absicht hatte, unanständig gegen mich zu sein. In allen geschäftlichen Angelegenheiten ließ er sich von seinem homme d'affaires beeinflussen, der »The Academy« von Anfang an mißbilligt hatte, weil sie seiner Meinung nach nur überflüssige Unkosten bedeutete. Darum wollte Eddie Tennant so schnell wie möglich eine Verantwortung abschütteln, die er niemals auf sich hätte nehmen dürfen, weil er von Natur aus vollkommen unfähig war, sie mit Würde oder Konsequenz zu tragen.

Crosland schlug vor, daß ich ihm die Vollmacht geben sollte, Tennant aufzusuchen und die bestmöglichen Bedingungen für mich herauszuschlagen, denn er meinte, ich würde mich nicht gegen Tennant behaupten können. Ich sagte ihm, er solle tun, was er für richtig halte. Crosland hatte nie ein sehr liebenswürdiges Wesen. Er nahm sofort eine herausfordernde Haltung und einen aggressiven Ton an, der meiner Meinung nach ganz überflüssig war. Jetzt bin ich überzeugt, daß, wenn ich Eddie selbst gesprochen und ihm meinen Standpunkt klargemacht hätte, er gleich alles bewilligt hätte, was man ihm schließlich mit Mühe und Not abringen mußte. Andererseits aber wäre ich, wenn Crosland mir nicht den Rücken gestärkt hätte, vollkommen beiseitegeschoben, und meine Zeitschrift wäre mir fortgenommen worden, denn nie wäre ich in meiner damaligen Arglosigkeit auf die Idee gekommen, daß ich eine Aussicht hatte, meine Rechte gegen Tennant und seinen homme d'affaires durchzusetzen.

Der Streit endigte also damit, daß Eddie mir die Zeitschrift, für die er zweitausend Pfund bezahlt hatte, übertrug und mir gegen meinen Schuldschein fünfhundert Pfund gab, die ich ihm aber – offen gesagt – nie zurückzugeben beabsichtigte. Wenn er dies alles aus freien Stücken getan hätte, wäre es sehr hochherzig und anständig von ihm gewesen. So aber wurde er mehr oder minder dazu gezwungen. Die Übergabe der Zeitschrift an mich war nicht so großmütig, wie es den Anschein hatte, denn damals brachte sie nicht nur keinen Gewinn, sondern vielmehr zwei- bis dreitausend Pfund jährliche Unkosten, und um sie am Leben zu erhalten, mußte ich jetzt diese Summe selbst aufbringen, sobald die fünfhundert Pfund verbraucht waren (was nach drei Monaten der Fall war). Ich bin fast sicher, daß Eddie selbst und auch Asquith – der gewissermaßen der Drahtzieher bei der ganzen Angelegenheit war – dachten, meine Zeitschrift würde keine sechs Monate bestehen bleiben.

Eddies Ehrgeiz ging nach einem Barontitel, und man konnte sich, ohne besonders klug zu sein, denken, daß Asquith ihm keinen Titel geben würde, solange er dem Cousin seiner Frau das Geld zu einer Zeitschrift gab, die eine beständige Quelle des Ärgers und sogar eine wirkliche Gefahr – wie jedes gutgeleitete Blatt für seine Gegner sein muß – für sich und alle seine Lieblingspläne war. Ich leitete jedoch die Zeitschrift zwei Jahre lang, nachdem Eddie sie mir übertragen hatte; Eddie bekam seinen Barontitel erst, als ich das Blatt durch die Vermittlung meines Vetters George Wyndham an Lord Fitzwilliam und Lord Howard de Walden verkauft hatte. Im ganzen hatte ich die »Academy« etwas über drei Jahre geleitet. Während dieser Zeit gelang es mir, ihren Abonnementspreis zu verdoppeln und die Zahl der Abonnenten zu verdreifachen. Zum Schluß verkaufte ich sie für zweitausend Pfund. Aber ich hatte sehr viel in das Unternehmen hineingesteckt und schwere Verluste dadurch erlitten. Um es vor dem Eingehen zu retten, mußte ich Geld auf den Besitz meiner Mutter aufnehmen, und als ich die Zeitschrift endlich los wurde, hatte ich mindestens zweitausend Pfund zugesetzt.

Es erscheint mir eigentlich skandalös, daß im ganzen Land kein einziger reicher Mann aufzutreiben war, der bereit gewesen wäre, das Blatt zu unterstützen. Wenn das geschehen wäre, hätte ich natürlich die Krise bald überwunden und ein gewinnbringendes Unternehmen aus der Zeitschrift gemacht. Aber so gelang es mir nur, sie mit großen Opfern vor dem Bankrott zu retten.

Der einzige Mensch, der mir dabei half, war Lord Howard de Walden, der zweitausend Pfund für völlig wertlose Schuldscheine hergab. Als ich die Zeitschrift verkaufte, verzichtete er auf diese Schuldscheine, so wie ich auf die meinen, die das Geld, das ich in die Zeitschrift hineingesteckt hatte, darstellten. Aber während dieser Betrag fast mein ganzes Vermögen bedeutete, glaube ich nicht, daß der Verlust von zweitausend Pfund Lord Howard viel Kopfzerbrechen machte. Hätten er und Fitzwilliam mich als Redakteur behalten, dann wäre es mir bei der finanziellen Unterstützung, die er ihr dann gewährte, ein leichtes gewesen, sie zu einem gewinnbringenden Unternehmen zu machen, denn sie war schon damals ein einflußreiches Blatt mit einem großen succès d'estime, aber er vertraute die Zeitung einem Mr. Cowper an, der in journalistischen oder literarischen Dingen nicht die geringste Erfahrung hatte. Er war, glaube ich, ein Gütermakler, jedenfalls gelang es ihm in sehr kurzer Zeit, die Zeitschrift totzumachen. Sowie ich die Leitung niederlegte, sank die Zahl der Abonnenten auf die Hälfte, und in kurzer Zeit hatte das Blatt so an Prestige verloren, daß es mir nach einigen Jahren vom damaligen Besitzer für fünfundzwanzig Pfund angeboten wurde! Ich lehnte das Anerbieten ab, und das Blatt ging nach einer Lebensdauer von fast fünfzig Jahren ein.

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