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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 31
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authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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29. Kapitel – In Amerika

Nach Oscars Beerdigung kehrte ich nach London zurück und lebte in gemieteten Zimmern in der Duke-Street am Portland-Place und nachher bei meinem Bruder auf seinem Besitz Smedmore in Dorsetshire. Mein Bruder Percy, der inzwischen Marquis von Queensberry geworden war, hatte keine Ländereien von meinem Vater geerbt, das ganz kleine Nest Glen Stewart in Dumfrieshire ausgenommen, das zusammen mit ungefähr zweitausend Morgen Land mein Onkel und meine Tante gepachtet hatten. Das übrige Land sowie das Familiengut Kinmount hatte mein Vater verkauft. Percy erbte jedoch in bar zirka dreihunderttausend Pfund. Unglücklicherweise hatte er aber bereits sehr viel Geld auf seine Anwartschaft geborgt, und zwar zu so hohen Zinsen, daß fast die Hälfte seines Erbteils sofort von den Geldverleihern verschlungen wurde. Infolge seines Zwists mit unserem Vater war kein neues, für ihn günstigeres Testament gemacht worden.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, daß, wenn Ross, Harris und ihre Anhänger behaupten, ich hätte Oscar Wilde »ruiniert«, ich auch beweisen kann, daß Oscar Wilde nicht nur mich, sondern meine ganze Familie ruinierte. Die Ross-Harris-Anhänger haben festgestellt, daß, wenn Wilde mir nie begegnet wäre, mein Vater sich nicht um ihn gekümmert hätte und er nie verklagt und ruiniert worden wäre. Dies war in der Tat das Hauptargument der Verteidigung in dem Ransome-Prozeß, wodurch Ross den Prozeß gewann. Wenn ich dasselbe Argument anwenden würde, könnte ich sagen, daß ich mich niemals mit meinem Vater entzweit hätte, wenn ich Oscar Wilde nicht begegnet wäre; auch mein Bruder Percy, der Partei für mich ergriff, würde nicht in einen lebenslangen Zwist mit meinem Vater verwickelt worden sein; das Testament meines Vaters hätte anders gelautet, und Percys Sohn, der jetzige Marquis, wäre Erbe der Besitzungen geworden, so daß diese seit vielen Jahrhunderten den Douglas gehörenden Ländereien nicht in fremde Hände übergegangen wären.

Aber sich über diese Wenn und Aber den Kopf zu zerbrechen, hat meines Erachtens wenig Zweck. Selbst nachdem Percy seine Gläubiger befriedigt hatte, war noch immer so viel Geld übrig, daß er ein Einkommen von ungefähr sechs- bis siebentausend Pfund jährlich hätte haben können. Damit hätte er nicht nur seinen ältesten Sohn, sondern auch seine anderen Kinder ganz gut versorgen können, wenn er nicht unglücklicherweise »in der City« gelebt hätte und in die Hände von gewissen City-Beutelschneidern gefallen wäre, die ihm in sehr kurzer Zeit sein ganzes Geld abknöpften. Der arme Percy wurde gewissermaßen durch sein anfängliches finanzielles Glück ruiniert. Er verließ schon mit neunzehn Jahren die Marine, und nachdem er einige Jahre auf einer Farm in den Weststaaten und auf einer Teepflanzung in Ceylon verbracht hatte, fuhr er nach Australien, von seinem besten Freund David Carnegie, dem jüngsten Sohn von Lord Southex, begleitet, um sein Glück auf den Goldfeldern in Perth zu versuchen. David und er erreichten nach vielen Abenteuern die Goldfelder gleich zum Beginn des Massenansturms. Sie erwarben Parzellen und fuhren dann nach London, um sie dort zu verkaufen. Nach anfänglichen vergeblichen Versuchen, sie loszuwerden, kam plötzlich die westaustralische Goldfelder-Hausse, und Percy verdiente eine Menge Geld, ungefähr zwanzigtausend Pfund oder noch mehr. Zu dieser Zeit war er nur Lord Percy Douglas, ein jüngerer Sohn mit keinen Aussichten. Als mein ältester Bruder Francis, Viscount Drumlanrig, durch das zufällige Entladen seines Gewehrs ums Leben kam, wurde Percy der Erbe eines großen Vermögens.

Nachdem er in so frühem Alter so leicht zu Geld gekommen war, glaubte Percy, daß er dazu bestimmt wäre, Millionär zu werden. Als er in die Stelle des ältesten Sohns und Erben hinaufrückte, hatte er bereits sehr viel Geld zur Verfügung, denn ich brauche kaum zu sagen, daß er die gewonnenen zwanzigtausend Pfund nicht als Kapital betrachtete, sondern als Geld, das er ausgeben konnte. Er begann Spekulationen in großem Maßstab zu betreiben und borgte Geld auf seine Anwartschaft, um, wie er dachte, rasch zu einem großen Vermögen zu kommen. Leider trank er aber viel, eine Gewohnheit, die er als Goldsucher und Farmer angenommen hatte, und unter dem Einfluß des Alkohols war er eine leichte Beute für skrupellose Spekulanten.

Obgleich Percy einen ganz guten »flair« für eine aussichtsreiche Spekulation hatte und immer Konzerne schuf, an denen andere reich wurden, konnte er nie seine eigenen Interessen richtig wahrnehmen. Er brachte die Bruce-Bergwerke wieder in die Höhe, und sie waren auch eine Zeitlang in seinem Besitz; es sind dieselben Kupferminen, die heute zu den einträglichsten Geldquellen Sir Alfred Monds gehören. Zum Schluß aber wurde er immer herausgedrängt, und andere ernteten, was er gesät hatte. Ich könnte tausend solche Fälle nennen. Der verstorbene Alan Stoneham, der als schwerreicher Mann starb, verschaffte sich riesige Vorteile durch die Tips meines Bruders; er erwarb auch seine Besitzungen in Westaustralien, die ich vorhin erwähnt habe.

Mein guter Bruder war äußerst freigebig, unglaublich vertrauensselig und verschwenderisch. Wenn er gerade in Laune war, konnte er das Geld buchstäblich »aus dem Fenster werfen«. Ich erinnere mich, wie er einmal in einer bitterkalten Nacht am Themseufer entlang ging und fast tausend Pfund in Banknoten an die Obdachlosen verteilte, die die Nacht auf den Bänken dort verbrachten. Er hatte auch Freunde in der ganzen Welt; bei seiner Beerdigungsfeier, die in der katholischen Domkirche zu Westminster im Jahre 1920 stattfand, strömten Hunderte von Menschen herbei, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Zugleich kann man nicht leugnen, daß der tragische Tod unseres lieben Bruders Francis, durch den er frühzeitig zur Würde und Stellung des ältesten Sohnes und Erben gelangte, die eigentliche Ursache der schlechten pekuniären Verhältnisse unserer Familie war. Sein Sohn jedoch, mein Neffe, der jetzige Marquis, hat in den letzten Jahren schon sehr viel getan, um sie zu bessern.

Ich verbrachte schöne Zeiten bei Percy in Smedmore, wo die Jagd ausgezeichnet war, und später auf Colonsay, einer wunderschönen Insel der Hebriden, wo er auf ein Jahr eine noch bessere Jagd gepachtet hatte. Zu ihr gehörten ungefähr vierzehntausend Morgen, ein reizendes Haus und viele Fasanengehege, eine große Seltenheit auf diesen Inseln, die meistens völlig baumlos sind.

Kurz vor dieser Zeit, im Oktober 1901, fuhr ich nach den Vereinigten Staaten. Ich besaß noch meine Pferde in Chantilly, aber meine finanzielle Lage war damals nicht gerade sehr rosig. Als ich beim Tode meines Vaters meinen Pflichtteil erbte, kam ich leider nicht auf die Idee, daß ich von den Zinsen leben könnte, die ungefähr sechs- bis siebenhundert Pfund jährlich ausgemacht hätten, mehr, als ich jetzt habe! Ich gab einfach das Geld mit vollen Händen aus, da ich fest entschlossen war (ich schäme mich jetzt noch, es sagen zu müssen), sobald das Geld verbraucht war, eine reiche Amerikanerin zu heiraten. Um diesen edlen Ehrgeiz zu befriedigen, scharrte ich achthundert Pfund zusammen und begab mich auf die Reise nach New York, mit einigen Empfehlungsbriefen bewaffnet. Darunter war einer von meinem Onkel Percy Wyndham an seinen Neffen und Namensvetter, meinen richtigen Vetter Percy Wyndham, den Sohn des Sir Hugh Wyndham, der Zweiter Sekretär an der britischen Botschaft in Washington war.

Ich muß ehrlich gestehen, daß es gar nicht schwierig gewesen wäre, »die reiche Amerikanerin« zu angeln. Ich hätte zwischen dreien wählen können, von denen die eine ein jährliches Einkommen von mindestens zwanzigtausend Pfund hatte, aber unglücklicherweise – im Sinne meines Plans – hatte ich mich vor meiner Abfahrt nach Amerika in eine Dame verliebt, die jetzt meine Frau ist, Olive Custance. Als ich England verließ, um mich auf die Suche nach der reichen Amerikanerin zu begeben, hegte ich nicht die geringste Hoffnung, daß ich Olive jemals würde heiraten können. Unsere Bekanntschaft fing sehr romantisch an – den ersten Schritt dazu tat Olive, die eine berühmte Dichterin war; ihr Buch »Opal« war damals vor einem Jahr bei John Lane erschienen. Sie schrieb mir, um mir zu sagen, wie schön sie meine Gedichte fände, und ich erwiderte in der üblichen Weise. Bald darauf lernten wir uns persönlich kennen; es war »Liebe auf den ersten Blick« – wer hat je geliebt, der nicht auf den ersten Blick liebte? – und dank der freundlichen Hilfe der Cousine Olives, der schönen Lily, Marquise von Anglesey, heute Mrs. John Gilliat, konnten wir uns zehn Tage lang in Paris jeden Tag sehen, als Olive in Begleitung von Lady Anglesey und anderen Freunden in einem Hotel in den Champs Elysées wohnte.

Olive und ich hatten uns bereits mehrere Male in London heimlich getroffen. Sie besuchte mich das erstemal, von ihrer Jungfer begleitet, in meiner Wohnung in der Duke-Street, nachdem vorher eine Verabredung im South-Kensington-Museum mißglückt war, und zwar weil ich durch eine falsche Tür oder in einen falschen Saal hineinging. Wir waren beide bei unserer ersten Begegnung sehr befangen; die Bekanntschaft entwickelte sich aber sehr bald zu einer Freundschaft. Olive machte mich mit ihrer Mutter, Mrs. Custance bekannt, und bei dieser Gelegenheit – das große Ereignis fand in einem Hotel in der Dover-Street statt – entdeckten wir, daß wir uns schon früher einmal begegnet waren, und zwar bei der Trauung meiner Cousine Rachel Montgomery in der Trinitatis-Kirche, und später im Hause meines Onkels Alexander und meiner Tante Rose, Cadogan-Place 56. Damals war ich noch ein Schuljunge und Olive eine kleine zehnjährige Brautjungfer. Keiner von uns erinnerte sich daran, aber es war nicht zu bezweifeln, daß wir uns dort gesehen haben mußten.

Kurz darauf schrieb Olive von Dinard aus, um mir mitzuteilen, daß sie und Lily Anglesey nach Paris führen und daß, wenn »der Prinz« (das war ich) herüberkommen würde, er seinen »Pagen« (das war sie) so oft sehen könnte, wie er wolle. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich sofort nach Paris fuhr. Ich wohnte im Hotel Rastadt, Rue Daunou, in dem wir später unsere Flitterwochen verbrachten.

Während der nächsten zehn Tage sah ich Olive täglich. Bei den Mahlzeiten bekamen »die Kinder« einen Tisch für sich, und wir gingen auch oft allein zum Mittag- oder Abendessen in Restaurants und verbrachten sogar einen ganzen Tag zusammen in Chantilly. Da zeigte ich Olive erst meine Pferde, und dann gingen wir Hand in Hand in den Wäldern spazieren. »Und unsere Gespräche dabei waren zart und schüchtern« – um aus einem von Olives Gedichten zu zitieren, die sie einige Zeit darauf schrieb.

So fuhr ich denn in sehr niedergeschlagener Stimmung nach Amerika. Eine Heirat zwischen uns war mit keinem Wort erwähnt worden. Ich hatte kein Geld, und es erschien mir undenkbar, daß wir uns je heiraten könnten. Aber als ich nach New York kam, schrieb mir Olive öfter, und ich erwiderte, daß die »reichen Amerikanerinnen« mir immer weniger anziehend erschienen, je mehr ich von ihnen sah und hörte. Ich muß hier erklären, daß ich niemals so weit kam, eine oder die andere näher kennenzulernen; alles, was geschah, war, daß ich aus zuverlässiger Quelle in Erfahrung brachte (zweimal sogar durch ihre eigenhändig geschriebenen Briefe), ich würde nicht abgewiesen werden, wenn ich ernste Absichten hegte. Das alles klingt sehr häßlich und gemein, aber da es wahr ist, will ich es nicht verheimlichen.

Nachdem ich vier bis sechs Wochen in New York und zehn bis vierzehn Tage in Boston verweilt hatte – in beiden Städten verbrachte ich eine sehr hübsche Zeit und lernte reizende Menschen kennen – fuhr ich nach Washington. Dort besuchte mich im Hotel, in dem ich abgestiegen war, mein Vetter Percy Wyndham, der von unserem gemeinsamen Onkel Percy von meinem Kommen erfahren hatte. Er war außerordentlich liebenswürdig und gastfreundlich. Auch der Botschafter Lord Pauncefort gab seine Karte in meinem Hotel ab. Ich erwiderte seinen Besuch, und am nächsten Tag kam Percy Wyndham und forderte mich auf, meine Zimmer im Hotel aufzugeben und bei ihm zu wohnen. Ich nahm seine freundliche Einladung an und verbrachte ungefähr drei sehr unterhaltsame Wochen bei ihm, wo ich viele reizende Leute kennenlernte. Percy machte mich zum Ehrenmitglied des Metropolitan-Klubs (ich glaube wenigstens, daß er so hieß), des elegantesten Klubs von Washington. Dann, nachdem ich ungefähr vierzehn Tage Mitglied gewesen war, warf irgendein freundlicher Mensch die Frage auf, ob ich »wegen des furchtbaren Skandals, in den ich verwickelt gewesen war« ein wünschenswertes Mitglied dieses Klubs sein könnte. Als ich eines Tages zufällig in den Klub kam und mir etwas zu trinken bestellte, machte ein Herr, den ich nicht kannte und dessen Namen ich auch heute nicht weiß, mit absichtlich lauter Stimme eine beleidigende Bemerkung über Oscar. Ich tat so, als ob ich nichts gehört hätte, verließ, nachdem ich mein bestelltes Getränk genommen hatte, den Klub und kehrte zur Wohnung meines Vetters zurück. Dort erfuhr ich, daß Percy einen Brief von dem Komitee des Klubs erhalten hatte, in dem man ihn um eine »Erklärung« ersuchte, weshalb er mich als Mitglied eingeführt hatte.

Percy Wyndham antwortete, daß er gar keine Erklärung für notwendig erachte, da ich sein Vetter und Gast sei, aus einer sehr hochstehenden Familie stamme, mit dem britischen Botschafter und Lady Pauncefort befreundet und außerdem ein Mitglied eines der exklusivsten Klubs Londons sei; im übrigen hege er keinen Zweifel, daß ich nach dieser Handlungsweise des Metropolitan-Klubs keine Lust mehr verspüren würde, die Klubräume je wieder zu betreten. Da die Mitteilungen in diesem Brief unwiderlegbar waren, verzichtete das Komitee klugerweise darauf zu antworten, und damit wäre der Zwischenfall erledigt gewesen, wenn nicht die Zeitungen von der Geschichte erfahren hätten – das heißt, sie wurde ihnen von einem oder mehreren Mitgliedern des Klubs zugetragen. Der »New York Herald« brachte sensationelle, dickgedruckte Überschriften, und die anderen Blätter machten es ihm natürlich nach.

Damals war ich noch sehr empfindlich gegen diese Art Kränkungen, und ich sagte meinem Vetter, daß ich Washington sofort verlassen möchte. Er bat mich, zu bleiben, der Marine-Attaché lud mich zum Lunch ein, und alle übrigen Mitglieder der Botschaft waren rührend in ihren Bemühungen, mir zu zeigen, daß sie zu mir hielten. Lord Pauncefort bat mich zu sich und sagte mir, daß dieser Metropolitan-Klub als ekelhafte »Klatschbude« bekannt sei, dessen Mitglieder keine Gelegenheit versäumten, gegen jeden, der zu der englischen Botschaft oder zu ihm freundschaftliche Beziehungen hätte, unhöflich zu sein, und daß es unter meiner Würde sei, irgendwelche Notiz von der ganzen Sache zu nehmen. Dann sagte er mir, daß Lady Pauncefort mich am nächsten Tag zum Abendessen erwarte, bei dem ich die Bekanntschaft einer prominenten Persönlichkeit machen sollte (ich weiß jetzt nicht mehr, wer es war, aber ich glaube fast, es war Mr. Choate), und daß Lady Pauncefort mich bitte, sie am Nachmittag in ein Konzert zu begleiten. Ich ging also mit Lady Pauncefort ins Konzert und auch zu ihrem Abendessen, aber nachher hatte ich ein Gefühl, als könnte ich Washington keine Minute länger ertragen. Die ganze Sache war mir auf die Nerven gegangen, ich war tief gekränkt und enttäuscht. Außerdem glaubte ich, daß mein Vetter, obgleich er mich dringend bat, zu bleiben, doch ganz froh sein würde, mich loszuwerden (spätere Ereignisse zeigten, daß ich mit meiner Vermutung recht hatte), und ich bestand darauf, nach New York zurückzukehren. Ich muß sagen, daß mein Vetter außerordentlich korrekt und herzlich zu mir war. Er mochte mich, glaube ich, ganz gern, und es machte ihm Freude, mich bei sich zu haben. Er war ein wirklich entzückender Mensch mit sehr viel Sinn für Humor und einem unerschöpflichen Fond von Güte; außerdem hatten wir viele gemeinsame Interessen. Bis zu diesem Zwischenfall waren wir sehr glücklich zusammen. Aber es hat wohl noch nie einen Diplomaten gegeben, der nicht, wenn er nach einem Posten im Auswärtigen Amt in London strebt, kalte Schauer im Rücken fühlt, wenn er an einen Zeitungsskandal denkt. Da er Engländer war, konnte er unmöglich mehr tun, als er getan hat; auch meine lieben Lord und Lady Pauncefort waren die Güte selbst. Es war eben nur wieder einmal einer der vielen Fälle in meinem Leben, bei denen ich für meine Freundschaft mit Oscar Wilde habe büßen müssen.

Drei Tage nach meiner Rückkehr nach New York bekam ich eine nachgesandte Einladung von Senator Lodge, der, soviel ich weiß, eine ziemlich hochstehende und angesehene Persönlichkeit in Washington war. Zweifellos, wenn ich noch etwas länger in Washington geblieben wäre, würden viele andere Menschen außer den Mitgliedern der englischen Botschaft sich bemüht haben, mir Freundlichkeiten zu erweisen, aber ich war so tief gekränkt und verbittert, daß ich es nicht riskieren wollte, mich vielleicht noch weiteren Beleidigungen auszusetzen. In New York blieb ich vierzehn Tage und wurde zum Ehrenmitglied des dortigen Universitätsklubs ernannt. Ich schrieb einen langen Brief für den »New York Herald«, in dem ich meine Version des Metropolitan-Klub-Zwischenfalls gab, und dann fuhr ich nach England zurück. Außerdem schrieb ich ein Sonett, leider kein sehr gutes, das im »New York Herald« erschien. Darin machte ich meinen Gefühlen über Amerika Luft. Seitdem bin ich in Amerika mehr beschimpft und verleumdet worden (ohne Grund und ohne die geringste Provokation, aber wahrscheinlich hauptsächlich auf Veranlassung der Bewunderer Oscar Wildes und derer, die Kult mit ihm trieben) als in irgendeinem anderen Land der Welt – was viel sagen will! Ich mache mir aber keinen Kummer weiter darüber, und mit einzelnen Amerikanern bin ich trotzdem immer sehr gut ausgekommen, und sie mit mir. Die Amerikaner, die mich beschimpfen, kennen mich gar nicht oder nur nach den lügenhaften Schilderungen von Frank Harris. Es ist darum kein Wunder, daß sie mich nicht mögen. Es wäre lächerlich von mir, wenn ich ihnen übelnehmen würde, daß ihnen diese Karikatur von mir nicht sonderlich zusagt.

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