Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Douglas >

Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/douglas/owilde/owilde.xml
typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120506
projectide55e411f
Schließen

Navigation:

27. Kapitel – Mein Rennstall

Gleich nach dem Tode meines Vaters brach der Burenkrieg aus. Als der Krieg erklärt wurde, hatte ich schon ein paar Rennpferde gekauft. Sie wurden von George Woodhouse in Chantilly trainiert. Sobald ich die Nachricht vom Ausbruch des Krieges erhielt, kehrte ich nach London zurück und meldete mich bei ›Pagets Kavallerie-Regiment‹. Da sagte mir Oberst Paget: »Es ist wohl richtiger, Sie melden sich bei dem Korps des Herzogs von Cambridge, das ausschließlich aus Herren besteht, die ihre eigene Equipierung bezahlen.« Ich ging also zum Depot dieses Korps, ließ mich dort eintragen, und nachdem ich die Prüfungen im Reiten und Schießen bestanden hatte und auch von den Ärzten als tauglich befunden worden war, gab ich dem Sekretär einen Scheck auf zweihundertfünfzig Pfund für meine Equipierung und mein Pferd. Nach zwei Tagen wurde mir der Scheck zurückgeschickt mit einem Brief, in dem man mir mitteilte, daß meine Dienste nicht benötigt würden. Angesichts dieser feigen und unerhörten Kränkung blieb mir nichts anderes übrig, als an Lord Arthur Hill, der mit der Zusammenstellung des Korps betraut war, zu schreiben und ihm meine Meinung über ihn und den Herzog von Cambridge zu sagen. Nachdem ich meinen Gefühlen auf diese Weise Luft gemacht hatte, fuhr ich nach Chantilly zurück und kaufte noch ein Rennpferd.

Das Pferd hieß »Hardi«; ich erstand es bei einem Verkaufsrennen für zweihundertfünfzig Pfund. Es gehörte Edmond Blanc, dem Besitzer des Kasinos in Monte Carlo, und war tonangebend für seine Pferde in Chantilly gewesen. Es war ein sechsjähriger Wallach – ein wunderbarer Fuchs – und hatte noch nie einen Preis beim Rennen gewonnen. Ich ließ ihn in Lille laufen und er gewann dort einen Preis, während ich mit Frank Harris in Monte Carlo war.

Bei diesem Aufenthalt in Monte Carlo hatte ich ganz besonderes Glück. In den Pausen zwischen unseren »geschäftlichen Unterhaltungen« und den Einladungen zum Mittag- und Abendessen bei Harris ging ich ins Kasino, um zu spielen. Aber ich beschloß, nur die fünfundzwanzig Louis, die ich in der Tasche hatte, dazu zu verwenden und die Säle sofort zu verlassen, wenn ich das Geld verlor.

Harris wollte nicht mitkommen, weil er sagte, er betrete jetzt die Spielsäle nicht mehr, obgleich er früher – so behauptete er wenigstens – ein großer Spieler gewesen sei. Da ich gerade ein Rennpferd gekauft und mich eben an Harris' »Goldmine« beteiligt hatte, erschien es mir töricht, allzuviel Geld im Kasino auszugeben. Ich konnte aber der Versuchung nicht widerstehen, mein Glück mit diesen fünfundzwanzig Louis zu wagen, darum ging ich, nachdem ich mir geschworen hatte, bei meinem einmal gefaßten Entschluß zu bleiben, in den Saal und setzte einen Louis auf die Zahl dreizehn, die pünktlich herauskam. Ich verdoppelte meinen Einsatz und hatte wieder Glück. Damals spielte man im Kasino mit wirklichem Geld und richtigen Schemen. Wenn man mit einem »plein« Louis gewann, bekam man einen Fünfhundertfrancschein und zehn Louis in Gold ausbezahlt. Ich fuhr fort, ›en pleins‹ aufs Geratewohl zu setzen, fünf- oder sechsmal hintereinander, und jedesmal gewann ich. Wenn ich einen Louis gewann, steckte ich den Schein in die Tasche und spielte weiter mit dem Gold. Nach ungefähr zwei Stunden verlor ich mein letztes Goldstück und verließ den Saal mit neun oder zehn Fünfhundertfrancscheinen in der Tasche (ungefähr viertausend Mark).

Ich gab dieses Geld Césari und sagte ihm, er möchte es in einen großen Briefumschlag tun und meine weiteren eventuellen Gewinne dazulegen. Er sollte mir aber unter keinen Umständen den Briefumschlag geben, ehe ich in den Zug stieg, um Monte Carlo zu verlassen. Nach dem Abendessen ging ich noch einmal ins Kasino, wieder mit fünfundzwanzig Louis in der Tasche. Ich fuhr fort bei jedem Coup ›en pleins‹ zu setzen und verdoppelte meinen Einsatz, wenn ich gewann. Aber ich setzte niemals mehr als zwei Louis auf eine Zahl. Ich führte meinen Plan, die Scheine zu behalten und weiter mit dem Gold zu spielen, aus, solange ich welches besaß. Das Ergebnis war ungefähr dasselbe wie am Vormittag. Kurz also, ich wiederholte dieses Verfahren jeden Tag während meines Aufenthaltes in Monte Carlo. Ich blieb nur vier Tage dort und besuchte die Säle dreimal täglich. Erst am allerletzten Tag verlor ich meine fünfundzwanzig Louis. Ich weiß nicht, wieviel Uhr es war, ich weiß nur, daß mein Zug in ungefähr einer Stunde abfuhr und daß ich Césari, der ganz rührend während dieser Zeit für mich sorgte, beauftragt hatte, mich mit meinem Gepäck zu diesem Zug auf dem Bahnhof zu erwarten. Zum erstenmal also, wie gesagt, verlor ich die fünfundzwanzig Louis. Ich stürzte hinaus und wechselte einen Fünfzigpfundscheck. Dann ging ich zurück in die Säle und verlor die ganzen fünfzig Pfund. Das Spielfieber hatte mich gepackt, und ich lief fort zur Bank, um noch einen Scheck zu wechseln, aber unterwegs sah ich nach meiner Uhr und merkte, daß ich nur noch fünf Minuten hatte, um meinen Zug zu erreichen. Ich zögerte einen Augenblick und lief dann nach dem Bahnhof. Als ich hinkam, war der Zug bereits eingefahren und Césari suchte verzweifelt nach mir. Ich hatte gerade noch Zeit, einzusteigen, und er warf mir meine Handkoffer nach, als der Zug sich in Bewegung setzte. Dann erst überreichte mir Césari den versiegelten Umschlag, der meine Gewinne enthielt, und ich fiel erschöpft auf meinen Platz zurück. Ich hatte keine Ahnung mehr, was ich gewonnen hatte, und öffnete begierig den Umschlag. Er enthielt zweiundvierzigtausend Francs. Wäre ich ein ›routinierter Spieler‹ gewesen und hätte mein Glück richtig auszunutzen verstanden, würde ich sicher noch viel mehr gewonnen haben. Aber ein wirklich routinierter Spieler sein, hat auch seine Schattenseiten!

Als ich in Nizza ankam, war ich drauf und dran, nach Monte Carlo zurückzufahren und mein Glück noch einmal zu wagen. Aber ich überwand die Versuchung und fuhr weiter.

Ich verbrachte die Nacht in Marseille (damals gab es noch keinen »blauen Zug«) und fand ein Telegramm von Woodhouse, meinem Trainer, vor, in dem er mir mitteilte, daß mein Pferd in Lille den Preis davongetragen hatte. Dies war das erste Rennen, das ich je gewann. Es brachte mir, soviel ich mich erinnere, nur dreitausend Francs ein, aber ich war ganz außer mir vor Freude. Ich hatte Woodhouse fünfzig Louis gegeben, die er für mich auf das Pferd setzen sollte. Damals konnte man in der französischen Provinz fast sicher sein, wenn man fünfzig Louis auf sein Pferd setzte, daß dieses als Favorit starten würde. Ich bekam, glaube ich, nur ungefähr 6 zu 1 für mein Geld.

Zwei oder drei Monate später lief Hardi beim Verkaufsrennen in dem Eröffnungsrennen bei dem französischen Derby in Chantilly. Wie bei allen Rennen um Paris herum war auch dort ein recht guter Absatzmarkt. Damals gab es auch eine ganze Menge Buchmacher (die inzwischen jedoch abgeschafft worden sind), sowohl dort wie auch im Pari Mutuel. Ich hatte große Hoffnungen, daß mein Pferd gewinnen würde, und riet allen meinen Freunden, darauf zu setzen. Weil ich wie ein Neuling oder gar wie ein Schuljunge aussah, obgleich ich in Wirklichkeit schon fast dreißig Jahre alt war, schien keiner zu glauben, daß ich ein Rennen gewinnen könnte; daher zweifle ich, ob meine Freunde Vorteil aus meinem Rat zogen, obwohl es wirklich ein ganz guter Coup war. Man setzte auf zwei andere Pferde im selben Rennen, und mein Pferd startete mit 6 zu 1. Ich hatte dreihundert Louis darauf gesetzt, und es machte das ganze Rennen und gewann um zwei Längen.

Mein Pferd war ein Wallach; es gab damals nur wenige Rennen, bei denen Wallache qualifiziert waren. Am Freitag nach diesem Rennen fand ein Sechshundertmeterrennen in Maisons-Lafitte statt für chevaux entiers, hongres et juments. Gegen den Rat meines Trainers, der behauptete, daß das Pferd gar keine Gewinnaussichten bei einer Entfernung unter zwei Kilometern hätte, bestand ich trotzdem darauf, Hardi laufen zu lassen. Mein Hauptzweck dabei war, meine Farben sehen zu lassen, und ich hatte auch das bestimmte Gefühl, daß das Pferd gewinnen würde. Woodhouse war, glaube ich, ärgerlich auf mich, weil ich dabei blieb, daß das Pferd mitlaufen sollte. Es starteten ungefähr achtzehn andere Pferde, und auf mein Pferd wurde 50 zu 1 gesetzt. Auf alle Fälle hatte ich fünfzig Louis darauf gesetzt. Ich beobachtete das Rennen durch mein Feldglas, und auf halbem Weg vom Ziel sah ich mein Pferd anscheinend mittendrin ohne jegliche Aussicht zu gewinnen, doch bei den letzten zweihundert Metern holte es auf, überholte die geschlagenen Pferde und kam mit einem anderen zugleich zum Ziel. Ich weiß nicht mehr, wie das andere Pferd hieß, aber wir teilten den Einsatz, und meine Wette brachte mir über sechzehnhundert Louis ein.

Mein lieber alter Hardi, den ich vor dem Frühstück selbst zu reiten pflegte, beschloß die Rennsaison mit einem Fünfhundert-Pfund-Handicaprennen in Maisons-Lafitte, das er um eine Kopflänge gewann; dabei schlug er manche der besten Handicappferde Frankreichs, die beim Start 50 zu 1 gebucht waren. Im Pari Mutuel brachte er sechshundertneunundachtzig Francs für zehn. Bei diesem Rennen war ich nicht anwesend. Es war das einzige Mal, ausgenommen in Lille, daß ich nicht dabei war, wenn Hardi gewann. Wäre ich auf der Bahn gewesen, hätte ich sicher auf alle Fälle fünfundzwanzig Louis auf Hardi gesetzt, da ich damals auf jedes mir gehörige Pferd wettete, selbst wenn ich, wie diesmal, nicht an einen Sieg glaubte. Aber er war ein wirklich guter Renner, und ich hätte ihn nicht für tausend Pfund hergegeben. Wäre er nicht kurze Zeit darauf verunglückt, er wäre beim Hürdenrennen Goldes wert gewesen, denn er war ein geborener Springer.

An dem Tag, als das Rennen stattfand, regnete es in Strömen. Ich stand nicht auf, um wie gewöhnlich zum Trainieren zu gehen, sondern lag noch zu Bett in meiner Villa in Chantilly, als Woodhouse gegen zehn Uhr morgens kam und mich fragte, ob ich zum Rennen ginge. »Nein,« sagte ich, »heute werde ich mich wohl drücken; dieser Regen wird den Boden ziemlich aufgeweicht und alle Aussichten für unser Pferd in Frage gestellt haben. Außerdem habe ich eine Verabredung zu Mittag in Paris und würde sowieso nicht rechtzeitig fortkommen können. Ich werde nichts auf das Pferd setzen«, fügte ich hinzu. Aber dann gerade, als Woodhouse im Begriff war fortzugehen, rief ich ihn zurück und gab ihm zweihundert Francs mit den Worten: »Setzen Sie auf alle Fälle hundert Francs auf unser Pferd.«

Ich fuhr nach Paris zu einer Verabredung mit einer jungen Französin, die ich in Trouville (damals existierte Deauville noch kaum, seine Rennbahn ausgenommen, und alle Welt ging nur nach Trouville) kennengelernt hatte und in die ich ziemlich verliebt war. Ich ging also mit meiner jungen Freundin zum Mittagessen und machte nachher eine Spazierfahrt mit ihr im Bois. Am Boulevard trennte ich mich von ihr, und gegen sechs Uhr schlenderte ich nach einer amerikanischen Bar unweit des Gare du Nord und setzte mich auf einen Stuhl vor dem Lokal, um dort auf meinen Zug nach Chantilly zu warten. Ein Junge, der »Paris Sport« verkaufte, ging an mir vorüber. Er griente mich an und sagte: » Achetezmoi un journal, mon beau petit prince«. Ich gab ihm ein paar Francs für sein Kompliment, nahm ihm eine Zeitung ab und sah, daß mein Pferd das Rennen um einen kurzen Kopf gewonnen hatte. Ich war zugleich erfreut und ärgerlich: erfreut über die fabelhafte Leistung des nicht mehr jungen Pferdes und ärgerlich darüber, daß ich nicht mehr gewagt hatte. Ich hatte zwar zusammen mit den Einsätzen und meiner bescheidenen Wette doch ungefähr neunhundert Pfund gewonnen, aber der Gedanke, daß ich viermal so viel hätte gewinnen können, wenn ich auf dem Rennplatz gewesen wäre, ärgerte mich doch sehr, besonders da ich in letzter Zeit viel Pech gehabt hatte. Dies war Hardis letztes Rennen. Er hatte sich kurz vorher im Oos-Handicap als zweiter Preisträger ausgezeichnet; um einen kurzen Kopf war er geschlagen worden, und einzig und allein durch die Schuld des Jockeis, der ihn mit der Peitsche berührte, obgleich man ihn ausdrücklich vorher gewarnt hatte, daß das Pferd sofort stehenbleiben würde, wenn er es mit der Peitsche nur berührte. Als dies geschah, war ich nicht anwesend, da ich an dem Tag nach Deauville gefahren war, wo ich fünfhundert Louis auf Fourire für das Deauvillecup bei 5 zu 1 gesetzt hatte. Das Pferd wurde, obwohl es um zwei Längen gewann, disqualifiziert und der Preis Codoman zugesprochen. Diese Entscheidung der Stewards, die ich nie habe begreifen können und die mir einen Verlust von ungefähr dreitausend Louis bedeutete, rief einen Aufruhr unter der Menge hervor, die fast dreiviertel Stunden lang johlte und schrie und nur durch ein starkes Polizeiaufgebot verhindert wurde, die Tribünen und die Richterlogen zu stürmen.

Meine Rennkarriere erlitt durch diesen Vorfall einen Schlag, von dem sie sich nie ganz erholte, da er der letzte einer Reihe unglücklicher Zufälle aller Art war. Ich hatte noch zwei oder drei andere Gewinner, darunter ein als gut bekanntes Pferd (ein Springer) namens Guara, der ein Rennen in Auteuil und ein anderes in Enghien gewann. Nach Hardis Sieg behielt ich die Pferde noch einige Zeit in Maisons-Lafitte, hatte aber kein Glück mehr mit ihnen. Mein armer Hardi ist eines Tages beim Trainieren durchgegangen, hat den Jungen, der ihn gerade ritt, abgeworfen und ist die Chaussee zwischen La Morlaye und Chantilly ungefähr zehn Kilometer weit gelaufen, ehe man ihn einfing. Infolge eines sehr starken Frostes, der alles Trainieren eine Woche lang verhindert hatte, konnten die Pferde acht Tage nur Schrittübungen machen und wußten sich zum Schluß vor Übermut nicht zu lassen. Die Straße war wie Eisen, und als Hardi eingefangen wurde, war er an vielen Stellen schwer verletzt. Er wurde nie wieder so gesund, daß ich ihn laufen lassen konnte; schließlich mußte ich ihn zu meinem großen Kummer, als ich die anderen Pferde verkaufte, erschießen lassen, weil ich wußte, daß er sonst, da er ein Wallach war, als Droschkenpferd enden würde. Es war schade, denn wenn ich jemand gewußt hätte, der gut zu ihm gewesen wäre, hätte ich ihm das Tier gern geschenkt. Man hätte es noch sehr gut zu Jagd- oder anderen Zwecken benutzen können, obgleich es für jeden, der nicht an Vollblüter gewöhnt war, nicht leicht zu reiten war.

Viele meiner englischen Freunde, die nach Chantilly zum Trainieren herauskamen und sonst bei der Fuchsjagd ganz gut zu Pferde waren, verloren doch die Gewalt über die Gäule, sobald sie zu galoppieren begannen. Es ist selbst für einen erfahrenen Reiter ein großer Unterschied, ob er ein gutgeschultes Jagdpferd oder einen durchtrainierten Vollblüter reitet. Meiner Meinung nach versteht niemand, der nicht einige Erfahrung im Galoppreiten auf Vollblütern hat, wirklich zu reiten. Wenn man einen Durchgänger auf Trense reiten kann, vermag man jedes Pferd zu bewältigen. Aber wie Bacon sagt: »Das sind Spielereien.«

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.