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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 28
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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26. Kapitel – Finanzangelegenheiten

Während der nächsten zwei Jahre sah ich Oscar häufig in Paris, wo ich in einer kleinen Wohnung in der Avenue Kléber lebte. Ich mußte mich in pekuniärer Hinsicht noch immer sehr einschränken, aber von dem wenigen, was ich besaß, gab ich ihm so viel, wie ich nur entbehren konnte. Eigentlich aber hatte Oscar damals mehr Geld als ich, denn obwohl er als festes Einkommen nur die drei Pfund wöchentlich von seiner Frau bekam, erhielt er sehr oft Beträge von seinen vielen Freunden, unter anderen auch von Frank Harris. Ich muß Harris die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er mit Geld immer sehr großzügig war und es noch ist. Seine Angaben über die Summen, die er Oscar gab, bezweifle ich keinen Augenblick. In dieser Zeit gehörte Harris die Zeitschrift »The Saturday Review,« die er leitete und schließlich mit großem Gewinn verkaufte. Es ging ihm also pekuniär sehr gut. Er behauptete immer, daß Oscar allein von dem Geld, das er ihm gab, bis zu seinem Tode hätte behaglich leben können. Ich könnte außerdem ein Dutzend andere Leute nennen, die ihm finanzielle Hilfe zukommen ließen, zum Beispiel Ernest Leverson, Dal Young und Claude Lowther. Er bekam auch eine Menge von seinem Verleger Smithers, so die Tantiemen für seine »Zuchthausballade«. Außerdem verkaufte er das Manuskript seines Stücks »Herr und Frau Daventry« an mindestens sechs verschiedene Leute. Das allein ist schon ein Beweis, daß er damals bereits allen Sinn für Anstand und Ehre verloren hatte, denn er beging tatsächlich einen Betrug an diesen Menschen, die ihm Geldbeträge vorstreckten unter der Voraussetzung, daß sie damit die ausschließlichen Rechte für ein wertvolles Stück erkauften.

Ich will lieber so wenig wie möglich über diese letzten Jahre Oscars sagen. Ich habe schon von den Geschehnissen nach meines Vaters Tod berichtet. Da erbte ich eine bescheidene Summe – noch nicht ganz fünfzehntausend Pfund –, von der ich zuerst bloß achttausend ausgezahlt bekam. Oscar lebte nur ein Jahr länger als mein Vater, und in dieser Zeit schenkte ich ihm mindestens tausend Pfund, während er, wie ich erst viele Jahre später erfuhr, jedem erzählte, ich gäbe ihm keinen Sou und sei ihm auch in keiner Weise behilflich. Ich glaube zwar nicht, daß er dies aus Bosheit gegen mich tat, denn während dieser ganzen Zeit war er sonderbarerweise immer sehr liebevoll zu mir, und wir verbrachten so manchen wirklich reizenden Abend bei Paillard oder im Café de la Paix oder im Grand Café zusammen – er als mein Gast. Der einzige Grund für sein Benehmen war wohl sein Wunsch, so viel Geld wie möglich aus jedem herauszuziehen. Er fand, daß die Erzählung von seinen Leiden und davon, daß ich, obwohl ich jetzt »reich« sei, ihm nichts gäbe, das wirksamste Mittel sei, die Portemonnaies seiner anderen Freunde zu öffnen. Ihr Mitleid mit ihm und ihre Empörung gegen mich machten sie freigebig. Daß dies sein Beweggrund war, glaube ich sicher, teils weil ich wirklich keinen anderen wüßte, und teils weil er dasselbe Mittel mir gegenüber anwandte. Jedesmal, wenn ich ihn traf, erzählte er von der »Kleinlichkeit und dem Mangel an Phantasie« (ein Lieblingsausdruck von ihm zu dieser Zeit) von Frank Harris, Robert Ross und allen denen, die ihm Zuschüsse gaben. Daß Harris ihm keinen Sou gäbe, konnte er nicht sagen, weil ich wenigstens zweimal mit eigenen Augen gesehen hatte, wie Harris nach einem Lunch bei Durand Wilde tausend Francs überreichte (und damals waren es tausend Goldfrancs und keine Papierfrancs). Doch später, als Harris ihm noch häufig beträchtliche Summen schenkte (wie ich nachher erfuhr), klagte Wilde mir gegenüber in sehr verbitterten Ausdrücken über Harris' »Kleinlichkeit« und »Geiz«, und dabei hatte er eigentlich nicht das geringste Anrecht auf Harris' Hilfe.

Im Gegensatz zu den Berichten Harris' und Ross' (die ich beide damals als meine Freunde betrachtete) schenkte ich diesen Erzählungen Oscars keinen Glauben. Da ich schon zu jener Zeit aus Erfahrung wußte, daß Wilde seit seiner Entlassung aus dem Zuchthaus vollkommen skrupellos in Geldangelegenheiten geworden war, und daß er oft dazu neigte, seine Freunde unbegründet zu verunglimpfen, wiederholte ich seine Äußerungen nicht. Sie gingen, wie man sagt, »in ein Ohr hinein und aus dem anderen hinaus«. Harris und Ross hingegen merkten sich alles, was Wilde gegen mich sagte, und posaunten es in die Welt hinaus, obgleich sie wissen mußten, daß die Beschuldigungen falsch waren und die schwärzeste Undankbarkeit bewiesen. Wenn ich sage, daß sowohl Ross als auch Harris diese Beschuldigungen verbreiteten, muß ich hinzufügen, daß Harris es erst meiner Meinung nach viele Jahre später tat, weil wir zu jener Zeit äußerlich die besten Freunde waren, obwohl er die Tatsache unserer Freundschaft in seinem Buch über Wilde unterschlägt. Er nannte mich damals »Bosie« und ich ihn »Frank«. Ich mochte ihn gern und schätzte es sehr an ihm, daß er stets für Oscar eintrat und ihn oft zu Durand zum Essen einlud, ein Restaurant, das damals von der britischen Gesandtschaft sehr bevorzugt wurde.

In seinem Buch »Oscar Wilde, eine Lebensbeichte« gibt Harris eine unglaublich entstellte Schilderung einer Unterhaltung, die ich einmal mit ihm hatte (er sagt, in Paris, aber in Wirklichkeit fand sie im Hotel Condé in Chantilly statt, wo ich damals wohnte). Er stellt den Vorfall so hin, als hätte ich in recht verbitterten und verärgerten Ausdrücken über Oscar gesprochen, und deutet sogar an, daß ich ihm »selbst die kleinen Geldsummen«, die ich ihm damals gab, »nicht gönnte«.

In Wirklichkeit verhielt es sich folgendermaßen. Harris besuchte mich in Chantilly, und wir aßen zu Abend. Dann blieben wir plaudernd beisammen bis zwei Uhr morgens. Er erzählte mir, daß Oscar sich bei ihm über meine »Kleinlichkeit« beklagt hätte. Darauf erwiderte ich, daß ich Oscar eine Menge Geld gegeben hätte (mehrere hundert Pfund), und daß ich natürlich beabsichtigte, ihm noch mehr zu geben, solange er es brauchte und solange ich es hatte. Aber ich sagte ihm auch – und das entsprach den Tatsachen –, daß Oscar mir vor einigen Tagen erklärt hätte, es sei meine Pflicht, ihm eine sehr große Summe zu geben, mehrere tausend Pfund, oder »mindestens zweitausend«. Ich setzte Harris meine finanzielle Lage auseinander, wie sie sich nach dem Tode meines Vaters gestaltet hatte, und fragte ihn offen und ehrlich, ob er der Meinung sei, ich wäre verpflichtet, Oscar zweitausend Pfund aus meinem kleinen väterlichen Erbteil zu schenken, von dem ich außerdem die Hälfte erst erhalten hatte. Ich sagte ihm auch, daß ich Wilde nicht zweitausend Pfund auf einmal geben wollte, obwohl er wahrscheinlich am Ende noch viel mehr als zweitausend Pfund von mir bekommen würde. Harris entgegnete, daß er mir vollkommen recht gäbe und es unerhört von Oscar fände, eine solche Forderung an mich zu stellen, besonders da er, Oscar, sicher die ganze Summe sofort in wenigen Monaten vergeuden würde. Darauf schlug er vor, daß ich die zweitausend Pfund lieber ihm geben sollte statt Oscar: er würde mich dann bei einem seiner Projekte beteiligen, das mir zum Schluß zweitausend Pfund jährlich einbringen würde. »Dann könnten Sie«, fuhr er fort, »nicht nur Oscar sehr reichlich geben, sondern Sie würden noch eine Menge für sich übrig behalten.«

Nach allem, was ich seitdem über Harris' Charakter erfahren habe, bin ich überzeugt, daß er absichtlich nach Chantilly kam, um mich für seinen Plan zu gewinnen, oder richtiger gesagt, um ›mir zweitausend Pfund abzuknöpfen‹. Er wird durch Oscars Klagen über meine »Kleinlichkeit« erst erfahren haben, daß ich Geld geerbt und überhaupt eine solche Summe zur Verfügung hatte. Sobald er wußte, daß ich Geld besaß und sehr freigebig damit umging, faßte er den Plan, mich zu schröpfen ...

Er stellte es sehr geschickt an – darin war er ein Meister. Ich war wie ein Kind in solchen Dingen. Er sagte mir: »Sie brauchen sich nicht gleich zu entschließen. Besuchen Sie mich in Monte Carlo als mein Ehrengast in meinem Hotel. Ich besitze ein »Hotel für Millionäre« in Monte und habe Césari, den berühmten maître d'hôtel als Verwalter engagiert. Dieses Hotel wird in sehr kurzer Zeit fünfzig Prozent Zinsen einbringen, und wenn Sie wollen, will ich Sie gern daran beteiligen. Aber ich habe eigentlich noch etwas Besseres, eine wahre Goldmine an der Hand! Ich will heute lieber noch nichts darüber sagen, aber kommen Sie nur nach Monte Carlo, wann es Ihnen innerhalb der nächsten vier Wochen paßt, und ich werde Ihnen alles zeigen. Dann, wenn Sie überzeugt sind, daß es eine sichere Sache ist, können Sie sich beteiligen und hundert Prozent Zinsen verdienen. Inzwischen aber sagen Sie keinem ein Wort darüber, auch Oscar nicht.«

Ungefähr vierzehn Tage darauf fuhr ich nach Monte Carlo und wohnte bei Frank Harris in seinem Hotel, das er Césari-Hotel nannte. Es war klein und bestand aus wunderbar und hyperluxuriös ausgestatteten Räumen oder vielmehr Appartements (Schlafzimmer, Badezimmer und Wohnzimmer). Harris dachte, er würde Amerikaner und Millionäre aus Südafrika und der ganzen Welt anziehen, denen es Freude machte, ihr Geld für Luxus und Komfort auszugeben. Er hatte einen ausgezeichneten Koch, und das Hotel war entschieden etwas ganz Besonderes. Ich glaube, daß Harris' Idee an und für sich ganz gut war, aber ohne Zweifel besaß er nicht genügend Kapital, um die erste kritische Zeit zu überwinden.

Harris bewirtete mich in fürstlicher Weise und führte mich am ersten Tag meines Aufenthalts in einem Wagen nach dem Restaurant de la Réserve zum Mittagessen. Wir aßen wirklich ganz ausgezeichnet auf einer Terrasse, von der aus man einen Blick auf das Meer hatte, bei den Klängen einer ungarischen Kapelle. Das Restaurant schien voll besetzt und machte den Eindruck, als sei es ein fabelhaftes Geschäft. Als wir bei den Likören und Zigarren angelangt waren, sagte mir Harris, daß das Restaurant ihm gehöre. »Sie sehen selbst, welch Riesengeschäft wir machen,« sagte er, »dies ist meine Goldmine.« Ich antwortete nur: »Nun, es scheint ganz gut zu gehen, aber ich verstehe trotzdem nicht, wo die hundert Prozent Dividende herkommen sollen.« Harris lehnte sich zu mir hinüber. »Mein lieber Freund,« sagte er, »dies ist gar nichts – die wirkliche Goldmine haben Sie noch nicht gesehen. Hören Sie nur weiter. Ich habe die Erlaubnis von der französischen Regierung, Roulette und Trente-et-quarante hier spielen zu lassen!« Das imponierte mir allerdings sehr. Wenn Harris wirklich eine solche Konzession besaß, könnte das Lokal eine wahre Goldmine werden; ich war damals zu jung und unerfahren, um zu überlegen, daß er in diesem Fall nicht so furchtbar auf meinen bescheidenen Beitrag von zweitausend Pfund erpicht gewesen wäre. Nun, um mich kurz zu fassen, ich gab die zweitausend Pfund her, das heißt, an diesem Tag gab ich ihm einen Scheck auf fünfhundert Pfund und einen weiteren auf fünfzehnhundert Pfund ungefähr vierzehn Tage später in Paris. Dafür erhielt ich zweitausend Aktien des Konzerns, den er »Césari Réserve-Syndikat« genannt hatte.

Natürlich habe ich nie einen Pfennig von meinem Geld zurückbekommen. Später erfuhr ich, daß das Restaurant schon damals, als ich mit Harris dort zu Mittag aß, stark verschuldet war. Ein Jahr später wurde es wegen Zahlungsschwierigkeiten geschlossen. Ich entdeckte ferner, daß Harris' Erzählung von der Spielkonzession eine reine Erfindung gewesen war. Eine solche Konzession war ihm niemals versprochen worden, denn die französische Regierung hatte seit den letzten fünfzig Jahren keine Lizenz für Roulette oder Trente-et-Quarante mehr erteilt, weil diese beiden Spiele durch ein Gesetz in Frankreich verboten und nur Petits Chevaux oder Boule gestattet sind. Als Harris' Anspielungen auf die »Goldmine« immer seltener wurden und schließlich ganz verstummten, begann ich Nachforschungen anzustellen. Es leuchtete mir bald ein, daß ich mich hatte »hereinlegen« lassen. Ich hielt es für sehr unwahrscheinlich, daß ich jemals mein Geld von Harris zurückbekommen würde, und kam zu dem Schluß, daß es am besten sei, den Verlust zu verschmerzen und kein Wort weiter darüber zu verlieren. Ich war damals sehr naiv in Geldangelegenheiten. Ich konnte es nie glauben, daß ich nicht jederzeit eine Menge Geld bekommen könnte, wenn ich mich nur erst einmal richtig dafür interessierte, was ich eben niemals getan habe. Daher kam es wohl, daß ich tatsächlich kein Wort über die Geschichte verlor. Als Harris mir schließlich eingestand, daß der ganze Plan ins Wasser gefallen sei und daß man ihn, wie er sich ausdrückte, »um die versprochene Lizenz gebracht« habe, daß er jedoch entschlossen sei, mir meinen Verlust »auf andere Weise einmal wieder gutzumachen«, zuckte ich nur die Achseln und sagte: »Schön, alter Junge.«

Es ist die reine Wahrheit, wenn ich sage, daß ich nie den geringsten Groll gegen Frank Harris darum gehegt habe. Niemals habe ich ihm Vorwürfe deswegen gemacht; ich habe auch nur sehr wenigen Menschen die Geschichte erzählt. Ich hatte sie sogar fast vergessen und wurde erst im Jahre 1920 wieder daran erinnert, als ich zum erstenmal die Lügen las, die Harris über mich in seinem Buch über Oscar Wilde veröffentlicht hatte, insbesondere seine Schilderung unserer Unterhaltung in Chantilly. Ich berichtete dann den wahren Sachverhalt über die Unterredung und ihre Folgen in meiner Zeitschrift »Plain English« ungefähr mit denselben Worten, wie ich es hier getan habe.

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