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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 27
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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25. Kapitel – Wilde und meine Dichtungen

In Neapel war Wilde, solange ich bei ihm war, gesund und in guter Stimmung gewesen. Hauptsächlich war er damit beschäftigt, seine Zuchthausballade zu beenden, deren Konzept er in Berneval geschrieben hatte. Er arbeitete sehr fleißig daran, was meine Behauptung bestätigt, daß jede gute Dichtung ein Ergebnis vieler Mühe und Arbeit sei, und daß wirkliche Dichter, trotz aller Begabung, nicht »Worte heraussprudeln« können wie inspirierte Grammophone.

Beim Lesen der Briefe Wildes an Robert Ross, die er ihm von meiner Villa in Neapel aus schrieb, und die kürzlich von More Adey veröffentlicht wurden, erinnerte ich mich daran, wie Oscar an der Zuchthausballade feilte. Nebenbei möchte ich bemerken, daß er in diesen Briefen auch in anerkennenden Ausdrücken meine drei Sonette erwähnte und sie »Dreiklang im Mondlicht« benannte; sie sind späterhin in dem Band »Die Stadt der Seele« erschienen und außerdem auch in anderen Bänden veröffentlicht worden. Wilde schreibt im ersten Brief dieser Sammlung: »Bosie hat drei wunderbare Sonette geschrieben, die ich ›Dreiklang im Mondlicht‹ genannt habe. Sie sind ganz herrlich. Er hat sie an Henley geschickt. Ich habe ihn auch überredet, sein Sonett an Mozart der Zeitschrift ›The Musician‹ anzubieten.« Ich hatte schon ganz vergessen, daß Oscar den Titel »Dreiklang im Mondlicht« für meine drei Sonette ausgedacht hatte. Auch mein Sonett an Mozart war mir ganz entfallen. Doch jetzt erinnere ich mich dessen sehr gut, nur ist mir der Text bis auf zwei Zeilen vollkommen entfallen. Ich weiß nur, daß »The Musician« es nicht veröffentlichte. Angesichts der verächtlichen Worte Wildes über meine »Studentenergüsse«, wie er meine Gedichte einmal, als er wütend auf mich war, nannte, freue ich mich, dieses einwandfreie Zeugnis von ihm selbst dafür zu besitzen, daß er nicht immer geringschätzig von meinem dichterischen Können dachte.

Es ist ebenfalls ganz interessant, aus diesen Briefen festzustellen, daß mein Einfluß, wenn es sich um literarische Fragen handelte, in mindestens zwei Fällen den von Ross überwog. Ross beanstandete Oscars herrliche Wendung in der Zuchthausballade, mit der er einen Richter beschreibt: » The man in red who reads the law« mit der Begründung, sie erinnere ihn an den Ausdruck » the man in blue«, den man oft für einen Polizisten gebraucht. Ich bestand jedoch darauf, daß Wilde diese Worte beibehielt, und diesmal siegte ich über Ross' törichten Einwand.

Ferner behauptete Ross, daß Wilde seine Ballade mit jenen Worten beschließen müßte: »Ausgestoßene trauern stets«, und Wilde sagt in einem Brief an Ross: »Sie haben ganz recht, wenn Sie sagen, das Gedicht müsse mit den Worten ›Ausgestoßene trauern stets‹ enden, aber dort fängt das gerade an, was ich dem Publikum sagen will.« Es ist unleugbar, daß Ross ein schlechter Kritiker war. Wenn er seine Ansicht durchgesetzt hätte, wäre die Zuchthausballade, das einzige wirklich schöne, von echtem Empfinden zeugende Gedicht Wildes, vollkommen verdorben worden. Wiederum also überwog mein Rat den von Ross. Wenn die Ballade dort geendet hätte, wo Ross wollte, wäre es ein schwerer Verlust für die ganze englische Literatur gewesen. Es war ein großes Glück, daß ich zufällig gerade bei Oscar weilte, als er dieses herrliche Gedicht schrieb, denn sonst wäre es sicher Ross' albernen Angriffen zum Opfer gefallen. Wilde verteidigte auch seine Worte » The black dock's dreadful pen« gegen Ross und behielt sie bei, trotz Ross' Bemühungen, ihn zu bewegen, sie zu streichen. Seine Kämpfe und seine erstaunlich demütigen Bitten, daß man ihm erlauben möchte, sein Gedicht auf seine Weise zu schreiben, erinnern mich an ähnliche Bitten Byrons zugunsten des »Don Juan«, als dieses Werk fortwährend von mittelmäßigen Geistern angegriffen wurde, die sich im Hinterzimmer des Verlags Murray versammelten und es Gesang für Gesang kritisierten.

Ich will natürlich keinen Augenblick den Eindruck hervorrufen, als wollte ich sagen, ich hätte Wilde geholfen, diese großartige Ballade zu schreiben. Ich kann mich nur auf eine einzige Stelle besinnen, die er in gewisser Beziehung einem meiner unveröffentlichten Sonette verdankt, das ich schrieb, als Oscar im Gefängnis war. Ich zeigte es ihm damals, als er die Ballade schrieb. Es enthielt die zwei folgenden Zeilen:

»Into the dreadful town through iron doors,
By empty stairs and barren corridors »In diese furchtbare Stadt der Eisentüren,
Der leeren Treppen und öden Korridore«

Wer die Zuchthausballade kennt, wird ein Echo dieser Worte in den zwei Zeilen der Ballade hören, die folgendermaßen lauten:

»That night the empty corridors ...«

Wilde entschuldigte sich auch bei mir wegen dieses »Borgens«, und ich versicherte ihm, daß ich gar nichts dagegen hätte; ich meinte es auch so. Dies war also das einzige Mal, daß er mir dichterisch etwas verdankte, es sei denn, daß ich ihm als Dichter, dessen Gaben er wirklich sehr hoch schätzte, den Rücken gegen die »klugen« Kritiken von Ross stärkte. Ich behaupte nur – und ich würde es auch heute jedem gegenüber tun –, daß Wilde ein viel besseres literarisches Urteil besaß als Ross, der nicht einmal, wenn sein Leben davon abhinge, ein Gedicht von einigen Zeilen hätte zustande bringen können, und dessen Urteil am besten daran zu ermessen ist, daß er immer erklärte, Shakespeare würde »sehr überschätzt«, Marlowe oder gar Webster überträfen ihn seiner Meinung nach.

Leider kann ich mich nicht mehr sehr genau an diese Zeit in meiner Villa in Neapel erinnern. Ich weiß, daß wir eine Köchin namens Garmine, ein Hausmädchen Maria und zwei Jungen, Peppino und Michele, zu unserer Bedienung hatten. Dienstboten kosteten damals in Neapel kaum mehr als ihr Unterhalt; die Beköstigung von Wilde, von mir und den Dienstboten war mit der geringen Summe von ungefähr zwölf Francs täglich zu bestreiten. Ich erinnere mich auch, daß die Villa, die reizend gelegen war, mit einer Terrasse und Marmorstufen, die zur See hinunterführten, von Ratten wimmelte. Es war so schlimm, daß ich, der stets ein Grauen vor Ratten hatte und (um ganz offen zu sein, auch vor Mäusen) lächerlicherweise gezwungen war, ein Zimmer in der gegenüberliegenden Villa zu mieten, wo ich nachts schlief. Nach einer Weile jedoch vertrieben wir die Ratten, teils mit Hilfe eines Rattenfängers von Beruf, aber auch (und Oscars Meinung nach hauptsächlich) durch die Dienste einer Zauberin, die Michele uns als unfehlbar empfahl. Sie kam zu uns, »verbrannte Kräuter und murmelte Zaubersprüche«, denen – so versicherte sie uns wenigstens – keine Ratte widerstehen konnte. Wir haben uns von ihr wahrsagen lassen, und Oscar behauptete, er halte sie für eine wundertätige und mächtige Zauberin. Äußerlich glich sie ganz der Hexe oder Wahrsagerin des Melodrams. Sie hatte einen merklichen Bart und »war vor Alter und Neid ganz krumm«. Jedenfalls verschwanden die Ratten, und ich konnte in die Villa zurückkehren, wo ich blieb, bis ich durch die Drohung meiner Mutter gezwungen wurde, abzufahren.

Erst als ich Oscar im Besitz meiner Villa und mit zweihundert Pfund Geld in der Tasche zurückgelassen hatte, schrieb er den berühmten Brief an Ross, in dem er sagt: »Sobald kein Geld mehr da war, verließ mich Bosie« und den Vorfall als die »bitterste Erfahrung eines Lebens voll Bitterkeit« bezeichnet. Wenn man bedenkt, daß ich sehr gegen meinen Willen gezwungen war, ihn zu verlassen, und daß auch er mit dem Verlust seiner elenden drei Pfund die Woche bedroht wurde, falls er weiter bei mir wohnte, und daß wir darum beide beschlossen, uns zu trennen, ist dieser Brief einer des merkwürdigsten Produkte der Literatur. Der Brief ist nicht in Herrn Adeys Sammlung aufgenommen worden, die er »Nach Berneval« betitelt hat, sondern wurde (mit meiner Einwilligung) von der Firma Dulau in der Old Bond-Street 32 zum Verkauf angeboten. Als ein Beispiel, wie wenig man sich auf Wildes schriftliche oder mündliche Behauptungen verlassen kann, ist dieses Schriftstück vielleicht das stärkste Zeugnis zu meinen Gunsten in dieser ganzen traurigen Geschichte unserer Freundschaft. Ich empfehle seine Lektüre jedem, der sich noch weigert, zu glauben, daß jemand sich tatsächlich so unerhört benehmen kann, wie Wilde und Ross sich benahmen. Ich schließe Ross ein, weil er diesen Brief im Prozeß Ransome gegen mich benutzte, obwohl er damals die wahren Umstände sehr gut kannte und genau wußte, daß ich Wilde nie schlecht behandelt, sondern im Gegenteil die größte Freigebigkeit ihm gegenüber gezeigt hatte und untröstlich war, als ich gezwungen wurde, ihn zu verlassen.

Ich habe versäumt, meine Übersetzung von Wildes französischem Stück »Salome« zu erwähnen. Obgleich sie einer Periode angehört, die weiter zurückliegt als diese soeben geschilderte, paßt sie wohl in dieses literarischen Dingen gewidmete Kapitel am besten hinein.

Ich übersetzte »Salome« auf Oscars Bitte, während ich noch in Oxford war, und schrieb auch seinerzeit einen sehr anerkennenden Artikel über das Stück für meine Studentenzeitschrift »The Spirit Lamp«, in der auch Oscars Sonett auf mich erschien, von dem ich im ersten Absatz des zwölften Kapitels dieses Buches gesprochen habe.

Als ich die Übersetzung beendet hatte, der ich sehr viel Zeit und Mühe widmete, gefiel sie Oscar nicht. Er gab sogar den Bitten Aubrey Beardsleys nach, als dieser behauptete, er könne sicher eine ganz ausgezeichnete Übertragung zustande bringen, weil er glaubte, er habe den Geist des Stückes besser erfaßt als ich. Oscar gestattete ihm also, die Übersetzung vorzunehmen. Ich war erklärlicherweise etwas gekränkt darüber und muß gestehen, daß ich eine kleine Genugtuung empfand, als Oscar vier Wochen später, nachdem er Beardsleys Übertragung erhalten hatte, sie für »vollkommen unmöglich« erklärte und jetzt sagte, er möchte doch lieber die meine haben, die ich inzwischen zurückgezogen hatte. Ich sagte Oscar, er könne natürlich meine Übertragung bekommen und jede Stelle, die ihm nicht gefiel, nach Belieben ändern. Doch fügte ich hinzu, daß, wenn er Änderungen vornehmen sollte, ich nicht als Übersetzer genannt werden möchte, da die Übertragung dann nicht mehr als die meine angesehen werden könnte. Oscar benutzte meine Übertragung und machte nur einige kleine Änderungen daran. Ich glaube sogar, daß er das Stück ursprünglich englisch schrieb und dann mit Hilfe von Pierre Louys und André Gide ins Französische übertrug. Denn damals, als er das Stück verfaßte, beherrschte er die französische Sprache noch nicht genügend, um es französisch schreiben zu können. André Gide erzählte mir viele Jahre später, daß Oscars erstes Manuskript so voll orthographischer und grammatikalischer Fehler gewesen sei, daß Pierre Louys und er es überarbeiten mußten. Als es hieß, eine englische Übersetzung davon zu machen, brachte Oscar es einfach in die frühere Fassung zurück und änderte meine Übersetzung bloß dort, wo sie von seinen eigenen Worten abwich. Folglich betrachte ich die gegenwärtig existierende Übersetzung, unter der mein Name als Übersetzer steht, gar nicht als die meine. Ich erkenne sie nicht an, denn offen gesagt, ich finde, daß die meine viel besser war.

A Triad of the Moon.

Last night my window played with one moonbeam,
And I lay watching till sleep came, and stole
Over my eyelids, and she brought a shoal
Of hurrying thoughts that were her troubled team,
And in the weary ending of a dream
I found this word upon a candid scroll:
»The nightingale is like a poet's soul,
She finds fierce pain in miseries that seem«

Ah me, methought, that she should so devise!
To seek for pain and sing such doleful bars,
That the wood aches and simple flowers cry,
And sea-green tears drench mortal lovers' eyes,
She that is made the lure of those young stars
That bang like golden spiders in the sky.

That she should so devise, to find such lore
Of sightful song and piteous psalmody,
While Joy runs on through summer greenery,
And all Delight is like an open door.
Must then her liquid notes for evermore
Repeat the colour of sad things, and be
Distilled like cassia drops of agony,
From the slow anguish of a heart's bruised core?

Nay, she weeps not because she knows sad songs,
But sings because she weeps; for wilful food
Of her sad singing, she will still decoy
The sweetness that to happy things belongs.
All night with artful woe she holds the wood.
And all the summer day with natural joy.

My soul is like a silent nightingale
Devising sorrow in a summer night.
Closed eyes in blazing noon put out the light,
And Hell lies in the thickness of a veil.
In every voiceless moment sleeps a wail,
And all the lonely darknesses are bright,
And every dawning of the day is white
With shapes of sorrow fugitive and frail.

My soul is like a flower whose honey-bees
Are pains that sting and suck the sweets untold
My soul is like an instrument of strings;
I must stretch these to capture harmonies,
And to find songs like buried dust of gold,
Delve with the nightingale for sorrowful things.

Dreiklang im Mondlicht.

I.

Ein Mondstrahl spielt' an meinem Fenster lind,
Ich lag und schaute, bis von überall
Schlaf mich beschlich und innerer Bilder Schwall
Mich überfiel gespenstisch und geschwind.

Dann jäh erwacht und halb von Traum noch blind,
Las ich dies Wort und hörte seinen Hall:
»Wie Dichters Seele ist die Nachtigall,
Sie schwelgt in Schmerzen, die nicht wirklich sind.«

Ach! dacht' ich, daß dies Los ihr ausersehn,
Zu tönen so in schmerzlichem Gelüst,
Daß Wälder seufzen, alle Blumen bangen,

Und Augen Sterblicher in Tränen stehn –
Sie, die der jungen Sterne Wonne ist,
Die goldnen Spinnen gleich am Himmel hangen.

II.

Daß dies ihr Los und dies ihr ausersehn,
Nur immer so in Klage zu erglühn,
Dieweil die Freude hüpft durch Sommers Grün
Und aller Wonnen Tore offen stehn!

Schöpft sie denn Wohllaut immer nur aus Weh'n
Und träufeln ihre reinen Melodien
Nur immer leidvoll durch die Nacht dahin
Wie Wermutstropfen aus den dunklen Höhn?

Sie weint nicht, weil sie Trauerlieder weiß,
Sie singt nur, weil sie weint; und alles Glück
Muß ihrem Sang noch seine Süße leih'n.

Die warmen Wälder atmen rings den Kreis,
Dem Sommer tönen seine Lustschalmei'n
In Weh verwandelt wonnevoll zurück.

III.

Ja meine Seele ist die Nachtigall,
Die Gram aussingt in blaue Sommernacht.
Blind ist mein Auge in des Mittags Pracht,
Die Helligkeit ersticht der Stimme Hall.

Die Nacht erstrahlt von meiner Klage Schall,
Die alle Welt zu meiner Heimat macht,
Bis dann vergehn ins weiße Dämmer sacht
Die Geister meiner Qualen, bleich und schmal.

Blüte ist meine Seele, ihre Leiden
Sind Bienen, welche stechen; Bienen, die
Süße unsagbar aus dem Kelche saugen.

Geige ist meine Seele, Melodie
Schlummert geheim in ihr; ich muß die Saiten
In Schmerzen spannen, daß zum Klang sie taugen.

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