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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 22
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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20. Kapitel – Vaters Ende

Das Strafverfahren gegen Oscar Wilde hat niemals irgendwelchen moralischen Sinn gehabt, und es zog auch deshalb nur so viel Schlimmes nach sich, weil es von Rachsucht und Heuchelei diktiert worden war. Der Mann, der es herbeiführte, war ein völlig unmoralischer Mensch, ein schlechter Vater, ein offenkundiger Atheist, einer, der keine Skrupel hegte, seinen eigenen Sohn zu opfern und das Herz seiner langmütigen Frau zu brechen, bloß um seinen Rachedurst zu stillen und sein Verlangen nach Rampenlicht zu befriedigen. Um ein Beispiel von der Auffassung meines Vaters über Moral und die ganze Wilde-Angelegenheit zu geben, will ich hier erwähnen, daß er mir nach Oscars Verurteilung schrieb, er sei, wenn ich verspräche, endgültig mit Wilde zu brechen, bereit, mir Geld und meine jährliche Rente wiederzugeben; zum Schluß schlug er mir sogar eine Reise nach den Südseeinseln vor, wo ich »so viele hübsche Mädchen finden würde«, wie ich nur wollte. Eine Sinnesänderung in moralischer Hinsicht bedeutete also für ihn nur, ein Laster durch ein zweites zu ersetzen. Wenn er mich in Ruhe gelassen und nicht einen öffentlichen Skandal verursacht hätte, wäre meine Freundschaft mit Wilde, die bereits einige Monate vor der Katastrophe ganz harmlos geworden war, von selbst allmählich eingeschlafen. Ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich, daß ich eine sentimentale Freundschaft mit einem Mann aufrechterhalten hätte, dessen »unermeßliche Liebe« zu mir, wie er sie im unveröffentlichten Teil des De Profundis nennt, ihn trotzdem nicht hinderte, Verkehr mit einem Dutzend Knaben-Geliebten weiterzuführen. Das hat sich bei der Beweisaufnahme herausgestellt. Die Aufregungen vor dem Prozeß fachten natürlich die schon im Erlöschen begriffene Glut unserer Zuneigung von neuem an. Kurz vor seinem Prozeß begann mir sein Treiben schon über zu werden, obgleich er selbstverständlich versuchte, seine »Untreue« so viel wie möglich vor mir zu verbergen. Wir hatten schon einige sehr heftige Auseinandersetzungen über diesen Punkt gehabt. Augenscheinlich war seine angeblich große Liebe zu mir eine sehr viel weniger dauerhafte und gewaltige Leidenschaft, als er sich einredete. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte niemals eine so plötzliche und völlige Wandlung in seiner Haltung mir gegenüber eintreten können, nachdem er kaum neun Monate im Gefängnis gewesen war. Ich verdenke es meinem Vater nicht, daß er mich von Wilde trennen wollte, das heißt, die Tatsache an und für sich; nur die Art, wie er zu Werke ging, beklage ich aufs bitterste, und vor allem seine Handlungsweise, als er fand, daß seine Versuche, uns zu trennen, vergeblich waren. Damals war es jedem unparteiischen Beobachter klar, daß er überhaupt nicht an mich und meine Interessen dachte, als er den Skandal hervorrief, der mein ganzes Leben und bis zu einem gewissen Grad auch seine eigenen letzten Jahre zerstörte.

Sein sensationeller Erfolg im Old-Bailey nutzte meinem beklagenswerten Vater schließlich herzlich wenig. Er wurde von dieser Zeit an bis zu seiner letzten Krankheit gleichsam von den Furien verfolgt. Eine ganze Anzahl Menschen aus seinen eigenen Kreisen, die sich nicht viel den Kopf darüber zerbrachen, was mit »Queensberrys Jungen« geschah, nachdem sein Vater ihn ruiniert hatte, wollten nachher doch nichts mehr mit Queensberry selbst zu tun haben. Er wurde von vielen seiner ältesten Freunde geschnitten und von den anderen mit kalter Höflichkeit behandelt. Mein Patenonkel, der liebe alte Lord Robert Bruce, der zusammen mit meinem Vater bei der Marine gewesen war und bis dahin zu seinen besten Freunden gehört hatte, sagte mir später einmal, daß er kein Wort mehr mit meinem Vater gesprochen habe nach dem, was er mir antat. Er war von seinem Sohn und Erben auf immer entfremdet und auch von dessen Frau und Kindern, und obgleich er mich für kurze Zeit wieder in Gnaden aufnahm, ungefähr ein Jahr vor seinem Tode, dauerte unsere Versöhnung nicht sehr lange. Nachdem er mir formell »verziehen« und mich mehrere Male unter Tränen im Rauchzimmer des Bailey-Hotel, in dem er gerade wohnte, umarmt und mir versprochen hatte, mir meine jährliche Rente wieder auszuzahlen, nachdem er sogar an seinen Vetter Arthur Douglas, der seine geschäftlichen Angelegenheiten regelte, deswegen geschrieben und mich »mein geliebter Junge« genannt hatte, schrieb er mir einen unglaublich beleidigenden Brief, in dem er mir mitteilte, daß er mir keinen Pfennig geben würde, bis ich ihm gesagt hätte, in welchem Verhältnis ich zu »jenem Biest Wilde« einstmals stand. Dies Benehmen war gänzlich unmotiviert, denn ich hatte bereits in einem Brief an meinen Vetter Algie Bourke, den Bruder des kürzlich verstorbenen Lord Mayo, genau auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis ich zu Wilde gestanden, und Algie hatte den Brief meinem Vater gezeigt. Daraufhin hatte mein Vater den Wunsch geäußert, mich zu sehen und mich wieder in Gnaden aufzunehmen. Der Verlauf der Versöhnung war folgender: Ich schrieb von Paris aus an Algie, sagte ihm, daß ich mich gern wieder mit meinem Vater versöhnen möchte, und fragte, ob er dies vermitteln könne. Ferner erklärte ich mich bereit, mein Bedauern für meine Handlungsweise auszusprechen, sagte aber, daß ich mich nicht verpflichten könnte, Wilde nicht von Zeit zu Zeit zu sehen. »Ich kann jedoch Dir und meinem Vater versichern,« schrieb ich, »daß meine Beziehungen zu Wilde vollkommen harmlos und einwandfrei sind, und mein Wunsch, ihn hin und wieder zu sehen, einzig und allein dem Gefühl entspringt, daß ich ihn jetzt, da er arm und einsam ist, nicht verlassen kann, nachdem ich in seinen guten Zeiten sein Freund war.« Ich sagte weiter, daß ich überzeugt sei, mein Vater würde meine Haltung verstehen und auch begreifen, daß ich nur deswegen mit Wilde in Zusammenhang bliebe, um ihm finanziell helfen zu können. Außerdem hätte ich meiner Mutter mein Ehrenwort gegeben, nie wieder im selben Haus mit ihm zu wohnen oder eine Nacht unter einem Dache mit ihm zu verbringen. Ich gab meiner Mutter dieses Versprechen, als ich Wilde in meiner Villa in Neapel zurückließ, dafür schenkte sie mir zweihundert Pfund für ihn. Ferner schrieb ich, daß Algie meinen Vater bitten möchte, zu bedenken, welches Hundeleben ich die letzten Jahre geführt hätte, mir entgegenzukommen und die Versöhnung, die ich schon lange herbeigesehnt hatte, nicht unmöglich zu machen.

Algie, der wirklich ein gütiger und hilfreicher Mensch ist, führte sofort eine Zusammenkunft mit meinem Vater herbei und zeigte ihm meinen Brief, und vierundzwanzig Stunden nach Empfang meines Briefes schrieb er mir bereits, daß mein Vater sich sehr freuen würde, mich zu sehen, und in liebevollster Weise von mir gesprochen habe. Die vorhin geschilderte Unterredung fand also zwischen uns statt. Es muß, glaube ich, im Jahre 1898 gewesen sein. Die Versöhnung dauerte ungefähr acht Tage und kam zu einem jähen Ende, als mein Vater den erwähnten Brief schrieb. Ich gab ihm die richtige Antwort und erklärte, ich hätte eingesehen, wie unmöglich ein dauernder Friede zwischen uns sei; die schon legendenhaft gewordene »Rente« warf ich ihm nun noch einmal vor die Füße.

Das war dumm und töricht von mir, ohne Zweifel. Wenn ich klüger gewesen wäre, hätte ich geschwiegen und gewartet, bis mein Vater wieder zur Vernunft kam. Doch damals war ich eben das, was man dumm nennt, und außerdem lag ich gerade an Influenza krank zu Bett im Hause meiner Mutter, als der Brief ankam. Ich steigerte mich in eine wahre Wut hinein und antwortete in Ausdrücken, die dazu geeignet waren, den neuen Bruch unheilbar zu machen. Mein Vater war, glaube ich, sehr unglücklich über meinen Brief. Ich sah ihn nur noch einmal vor seinem Tode, und zwar viele Monate später auf der Straße. Ich fuhr in einer Droschke an ihm vorbei. Mir fiel sein schlechtes Aussehen auf; er machte einen kranken, verstörten und vergrämten Eindruck. Nachher hörte ich von meinem Schwager, St. George Fox-Pitt, der vielleicht das einzige Mitglied der Familie war, mit dem er noch verkehrte, daß er unter einer Art Verfolgungswahn litt und glaubte, ich haßte ihn und wäre für seine verschiedenen rein eingebildeten Unannehmlichkeiten verantwortlich. Er erzählte meinem Schwager, daß er von der Oscar Wilde-Gesellschaft »verfolgt« würde; sie habe ihn schon aus vielen Hotels vertrieben und seine Nachtruhe gestört, indem sie ihn mit lauter Stimme beschimpfte.

Diese Nachricht bekümmerte mich sehr, und da es mir ganz klar war, daß mein Vater krank sei, hielt ich es für das beste, meinem Schwager einen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, diesen Brief meinem Vater zu zeigen. Darin schrieb ich, daß mein Vater sich in einem großen Irrtum befände, wenn er sich einbilde, daß ich ihn hasse oder nicht liebevolle Gefühle für ihn hege. Ich erklärte ferner, daß mein letzter Brief lediglich durch sein eigenes aufreizendes Schreiben an mich provoziert worden sei und daß ich außerdem, gerade als ich es empfing, mit hohem Fieber zu Bett gelegen hätte und darum zur Zeit kaum verantwortlich für den Inhalt gewesen sei. Jedenfalls sei es gar nicht so gemeint gewesen, und alles, was ich gesagt hatte, nähme ich jetzt zurück. Ich ließ ihn auch herzlich grüßen. St. George gab den Brief meinem Vater. Er las ihn, und meine Worte schienen ihn beruhigt zu haben, denn von dieser Zeit ab war er von seinem Verfolgungswahn geheilt. Sonst machte er keine Bemerkung weiter, aber mein Schwager sagte mir nachher: »Ich glaube, er hat sich darüber gefreut.« Bald darauf starb er im Alter von dreiundfünfzig Jahren. Mein Onkel Archie, der katholische Priester, schrieb mir zwölf Jahre später, nachdem ich inzwischen Katholik geworden war, daß er bei meinem Vater gewesen sei, als dies er starb. In den letzten Minuten vor seinem Tod, sei eine Art Wolke, die auf dem Gemüt meines Vaters gelastet hatte, gewichen. Er widerrief alle seine atheistischen Ansichten und legte Zeugnis von seiner gläubigen Liebe zu Jesu Christu ab, »dem ich«, wie er sagte, »alle meine Sünden gebeichtet habe.« Mein Onkel erteilte ihm die Absolution, und er starb friedlich und glücklich. Meine liebe Mutter besuchte ihn kurz vor seinem Tod, und er versicherte ihr, daß sie die einzige Frau gewesen sei, die er jemals geliebt habe. Seine Seele ruhe in Frieden! Trotz aller harten Dinge, die ich gezwungen war in diesem Buch über ihn zu sagen, habe ich doch in letzter Zeit viel von jener Liebe zurückgewonnen, die ich als Kind für ihn empfand. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ich täglich für seine Seele bete und zuversichtlich hoffe, ihn in einer besseren Welt wiederzusehen, in der es keine Mißverständnisse und keine Lieblosigkeiten mehr gibt.

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