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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 21
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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19. Kapitel – Treue

Nun aber muß ich zu Oscars Prozeß zurückkommen. Er wurde also für schuldig erklärt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, und zwar vom Richter Wills. Es war ein ganz ungewöhnliches Pech, daß gerade dieser Richter seinen Prozeß leitete, denn Richter Charles hätte höchstens sechs Monate beantragt. Wenn Frank Harris in seinem Buch über Wilde nicht gerade Märchen über mich erfindet, sagt er manchmal Dinge, die ich von ganzem Herzen unterschreiben kann. Wenn er zum Beispiel schreibt, daß die Oscar Wilde zuerteilte Strafe grausam und unerhört war, stimme ich vollkommen mit ihm überein. Ich bezweifle, ob in den letzten fünfunddreißig Jahren ein desselben Vergehens Angeklagter eine so harte Strafe empfangen hat, es sei denn, daß ganz besonders schwerwiegende Gründe vorlagen, so détournement de mineurs oder Sadismus, oder wenn ein Lehrer den Schüler verführt. Wie Harris aber richtig sagt: sogar diese besonders strenge Staatsanwaltschaft hat mit keinem Wort Oscar beschuldigt, ein einziges seiner sogenannten Opfer verführt zu haben. Sie konnten ja beim besten Willen nicht Opfer genannt werden. Alle ohne Ausnahme waren seine Komplizen und hätten von Rechts wegen neben ihm auf der Anklagebank sitzen müssen. Bekanntlich bekam man auch die Aussagen dieser »Opfer« nur, weil sie vor die Wahl gestellt wurden, entweder gegen Wilde auszusagen oder selbst angeklagt zu werden.

Auch Alfred Taylor wurde vor diese Wahl gestellt. Der verstorbene Kriminalbeamte Littlechild aus Scotland Yard versicherte ihm bei der Vernehmung, daß ihm nichts geschehen würde, wenn er gegen Wilde aussagte. Hier möchte ich zur Ehre Taylors erwähnen, daß er sich weigerte, gegen Oscar Wilde auszusagen, und lieber zwei Jahre ins Zuchthaus ging, als seinen Freund zu verraten und seine Ehre zu verlieren, die meiner Meinung nach schon wegen dieser Tat allein viel makelloser geblieben ist als die jener Menschen, die dazu beitrugen, Oscar Wilde ins Verderben zu stürzen.

Alle die anderen sogenannten Zeugen, mit einer Ausnahme, von der ich später sprechen werde, sagten gegen Wilde aus, um sich selbst zu retten. Wenn sie ihre Aussagen verweigert hätten, wäre das ganze Strafverfahren natürlich zusammengebrochen. Oscars Fall lag meines Erachtens ganz anders als die meisten dieser Art, denn hier handelte es sich nicht um einen beleidigten oder geschädigten Kläger (Vater oder Vormund), und nicht einmal um ein wirkliches Opfer. Dies festzustellen, ist sehr wichtig, weil es schließlich doch etwas gibt, was man Gerechtigkeit und fair play nennt, selbst für Oscar Wilde, mag diese Bemerkung auch heute, nachdem Oscar von irregeleiteten Bewunderern in einen Märtyrer und Helden verwandelt worden ist, als ein überflüssiger Gemeinplatz erscheinen. Aber seinerzeit, als diese Dinge geschahen, war ich der einzige Mann in ganz England, der offen und ehrlich Oscar Wildes Partei ergriff und sich standhaft weigerte, einen Zoll von seinem einmal eingenommenen Standpunkt zu weichen. Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß mir der Gedanke, ich könnte anders handeln, niemals in den Sinn gekommen ist. Vielleicht hätte ich doch noch gezaudert, mich so rückhaltlos für Wilde und seine Sache einzusetzen, wenn ich damals gewußt hätte, man würde mir später bei einer Verleumdungsklage den Vorwurf machen, daß ich Wilde »ruiniert« und »im Stich gelassen« hätte. Wie konnte ich auch ahnen, daß meine Ankläger, Oscars sogenannte beste Freunde, Wildes Schmähungen über mich in De Profundis gegen mich verwenden würden, jene Schmähungen, die Oscar zur selben Zeit schrieb, als ich seinetwegen Verbannung, Armut, Schande und Beschimpfungen auf mich nahm?

Doch damals hatte ich keinen anderen Gedanken als den: das feierliche Versprechen zu halten, das ich Wilde gegeben hatte, durch dick und dünn zu ihm zu stehen und mich durch keine Drohungen oder Versprechungen von meinem Entschluß abbringen zu lassen. Dieses Versprechen habe ich auch gehalten. Obgleich ich damals keine Religion und sehr wenig Sinn für Moral besaß, bin ich nie auf den Gedanken gekommen, Oscar Wilde zu verlassen. Im Gegenteil, eine solche Tat – meinen Freund zu verraten – wäre mir unbeschreiblich feige, unehrenhaft und schändlich erschienen. Die Idee, daß es eine »moralische« Handlung sein könnte, ihn zu verleugnen und Frieden mit Wildes Feinden zu machen, deren ärgster mein Vater war, ist mir niemals gekommen. Heute noch bin ich derselben Meinung.

Und gerade damals hätte ich eine gute Gelegenheit gehabt, mich von meinem Versprechen als befreit zu betrachten, damals, als Ross mir sagte – Oscar saß schon ungefähr neun Monate im Gefängnis –, Oscar könne mich nicht mehr leiden und spreche jetzt nur mit tiefster Verbitterung und Abneigung von mir. Außerdem wünschte er, so sagte mir Ross, keinen Brief mehr von mir zu erhalten, und ich solle auch alle seine Briefe an mich Ross übergeben. Anstatt nun einfach zu erwidern: »Gut, wenn er keinen Wert mehr auf meine Freundschaft legt, dann hat es ja keinen Zweck, mich seinetwegen weiter als Verbannter und Ausgestoßener behandeln zu lassen«, beschloß ich im Gegenteil, noch treuer zu ihm zu halten. Ich sagte sogar zu Ross: »Es ist mir ganz gleichgültig, was Sie behaupten; vielleicht stimmt es, daß Oscar mich nicht mehr mag, aber dann wahrscheinlich nur, weil seine furchtbaren Leiden im Gefängnis ihn halb von Sinnen gebracht haben; und selbst wenn er nichts mehr von mir wissen will, bleibe ich sein Freund. Ich habe ihm mein heiliges Ehrenwort gegeben, treu zu ihm zu halten: das kann ich nicht brechen. Wenn er seine Strafe abgebüßt hat und wieder frei ist und mir persönlich sagt, daß er keinen Wert mehr auf meine Freundschaft legt und seine Briefe zurück haben will, dann ist es etwas anderes; doch inzwischen denke ich nicht daran, solche Botschaften entgegenzunehmen. Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten und lassen Sie mich in Frieden.« Ich glaube, daß Ross' Haß gegen mich aus dieser Zeit stammt, obgleich er damals weiter so tat, als sei er mein Freund. Im Innersten seines Herzens aber grollte er mir, weil es ihm nicht gelungen war, sich zwischen Wilde und mich zu drängen und in den Besitz der mir von Wilde geschriebenen Briefe zu gelangen. Jetzt hege ich gar keinen Zweifel mehr daran. Damals war ich noch nicht auf den Gedanken gekommen, daß er absichtlich Wilde gegen mich beeinflußte, indem er meinen Handlungen falsche Beweggründe unterschob. Ich zweifle nicht, daß er aus Eifersucht handelte.

Ehe ich zu einem anderen Thema übergehe, will ich meine vorhin gemachte Anspielung auf einen der Zeugen näher erklären. Dieser hat, nachdem er in seiner ersten Vernehmung gegen Wilde ausgesagt hatte, sich nachher bei der Beweisaufnahme geweigert, seine Aussage vor dem Richter zu wiederholen. Der junge Mann stammte aus sehr guter Familie und machte einen viel besseren Eindruck als die anderen »Zeugen«. Er hatte sich zuerst terrorisieren lassen und war durch die gleichen Mittel, die man bei den anderen sogenannten Opfern anwandte, dazu gebracht worden, die gewünschte Aussage gegen Wilde zu machen. Ich will natürlich damit nicht sagen, daß seine Worte nicht der Wahrheit entsprachen.

Ich traf ihn zufällig im Korridor des Polizeipräsidiums in der Bow-Street, während er auf seine Vernehmung wartete. Ich ging auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und sagte: »Sie werden doch nicht gegen Oscar aussagen?« Er sah sich ganz erschrocken um und flüsterte dann, als er sah, daß niemand in der Nähe war: »Ja, aber was kann ich tun? Ich wage es nicht, jetzt meine schon einmal gemachte Aussage zurückzunehmen.« Ich sagte: »Um der Barmherzigkeit Gottes willen, bedenken Sie, daß Sie ein Gentleman sind! Stellen Sie sich nicht auf das gleiche Niveau mit diesem Pöbel hier« – und ich zeigte auf zwei Zeugen. »Wenn man Sie vernimmt, leugnen Sie einfach alles ab und sagen, Sie hätten damals die Aussage unter Zwang gemacht, weil die Polizei Sie eingeschüchtert hatte. Man kann Ihnen gar nichts anhaben.« Er ergriff meine Hand und sagte: »Ja, ich danke Ihnen. Ich werde tun, was Sie mir raten.«

Und er tat es auch, und alle Ehre ihm! Zum größten Erstaunen des Staatsanwalts nahm er seine erste Aussage zurück und schwor, daß Wilde ihm niemals etwas anderes gewesen sei als ein guter Freund. Die Staatsanwaltschaft sorgte natürlich für seine sofortige Entfernung, und der »Zeuge« verließ den Saal mit dem Bewußtsein, dem Staatsanwalt einen recht unangenehmen Hieb versetzt zu haben, aus dem ein intelligenter Verteidiger einen Riesenvorteil für seinen Mandanten hätte ziehen können. Ich halte es nicht für ganz fair, den Namen des jungen Mannes zu nennen, doch ein Blick in die damaligen Zeitungsberichte würde jeden natürlich darüber aufklären. Ich erwähne ihn auch nur, weil ich der Meinung bin, daß seine Handlungsweise sehr zu seiner Ehre gereichte und vollkommen gerechtfertigt war. Wenn alle die sogenannten »Zeugen« so gehandelt hätten wie er, wäre der ganze Prozeß schnell erledigt gewesen; damit wäre einer der größten Skandale, der je in England vorgekommen ist und der die katastrophalsten, schwerwiegendsten Folgen hatte, im Keim erstickt worden.

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