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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 19
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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17. Kapitel – Wilde im Gefängnis

Der alte Sir George Lewis war mit Oscar und dessen Frau befreundet. Er kannte ihn gut und war damals, außer vielleicht Arthur Newton, der einzige Anwalt in ganz London, der wirklich fähig gewesen wäre, den Prozeß erfolgreich für Wilde zu führen. Nachdem Oscar den Prozeß gegen meinen Vater verloren hatte, weil Sir Edward Clarke die Flinte ins Korn warf, fuhr ich mit Oscar nach dem Bureau von George Lewis. Aber es war schon zu spät. George Lewis hatte meinen Vater verteidigen wollen und war sogar mit ihm auf dem Polizeipräsidium gewesen, aber dann sagte er, daß er wegen seiner Freundschaft mit Oscar und dessen Frau den Fall nicht weiter führen könne, und übergab die Akten sowie meine gestohlenen Briefe Charles Russel.

Als wir zum alten George Lewis kamen, sagte er zu Wilde: »Warum sind Sie nicht eher zu mir gekommen? Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Hätten Sie mir Lord Queensberrys Visitenkarte gleich gezeigt, hätte ich sie zerrissen und ins Feuer geworfen und Ihnen gesagt, Sie sollten ihn laufen lassen und sich nicht blamieren.« Natürlich war es sehr leicht, nachher klug zu reden, aber trotzdem halte ich es für sehr wahrscheinlich, daß, wenn Oscar sofort zu Lewis gegangen wäre, dieser die Angelegenheit geregelt hätte, ohne daß sie erst vor Gericht kam. Im Gegensatz zu seinem Sohn, der seinen Klienten immer zu Klagen riet, war der alte Lewis ein Meister in der Kunst, heikle Streitigkeiten ohne Gerichtsverfahren zu schlichten. Gerade diese Fähigkeit hatte ihn so berühmt gemacht, ihm den großen Mandantenkreis verschafft und das Vertrauen so vieler prominenter Persönlichkeiten gewonnen.

Ich hatte zwar Oscar Wilde immer geraten, meinen Vater zu verklagen, aber ich war stets der Vernunft zugänglich, und wenn der alte George Lewis Wilde versichert hätte, daß er keine Aussicht habe, seinen Prozeß zu gewinnen und dieser höchstens verhängnisvoll für ihn werden könnte und meinem Vater die gewünschte Gelegenheit geben würde, ihn zu vernichten, hätte ich mich wahrscheinlich überzeugen lassen. Harris und sein Freund Bernard Shaw, der größte Farceur des Jahrhunderts, machen mich für alles, was Wilde tat oder nicht tat, verantwortlich, aber hatte ich, der Vierundzwanzigjährige, die Macht, Oscar Wilde zu veranlassen, den Rat seiner Anwälte zu ignorieren?

Wie dem auch sei, der Prozeß war von Anfang an hoffnungslos für Wilde. Sir Edward Clarke »eröffnete« die Verhandlung in ungefähr derselben Weise, wie er es getan hätte, wenn sein Mandant der Erzbischof von Canterbury gewesen wäre, und dann überließ er ihn ruhig den Klauen Carsons, der ihn buchstäblich in Stücke zerriß. Als der arme Oscar vernommen wurde, war er sehr schlagfertig und geistreich. Seine Antworten funkelten förmlich vor Geist, und in dieser Beziehung übertrumpfte er Carson immer wieder. Doch wenn es sich darum handelte, die Geschworenen auf seine Seite zu bekommen – was das Ziel jedes Angeklagten sein muß –, redete er einfach aussichtslos. Carson gehört zufällig zu den wenigen »eminenten« Verteidigern, die wirklich eminent sind. Die meisten »gefürchteten« Verteidiger (ich spreche aus Erfahrung), die angeblich so »gefährlich« sind, verdienen diesen Ruf nicht und sind Männer, mit denen ich es jederzeit mit Freuden aufnehmen würde. Doch Carson ist unter den mir bekannten der einzige Verteidiger, der wirklich selbst für den Intelligentesten »gefährlich« sein kann. Er ist sogar so klug, daß er sich nichts daraus macht, wenn man ihn einmal blamiert.

Ganz abgesehen von seiner Klugheit, hatte er das wertvollste Material für die Vernehmung Oscar Wildes, das jemals ein Verteidiger das Glück gehabt hat zu besitzen. Sir Edward Clarke machte nicht den geringsten Versuch, wie er es hätte tun müssen, Carson seines Vorteils zu berauben, indem er Wilde bei seiner Hauptvernehmung dieselben Fragen in einer gemilderten Form stellte, die bei dem Kreuzverhör zu erwarten waren. Darin hegt meiner Meinung nach das ganze Geheimnis einer guten Verteidigung. Clarke überließ aber alles Carson und lieferte ihm seinen unglücklichen Mandanten völlig aus. Je geistreicher und witziger Oscar wurde, desto unsympathischer wurde er den Geschworenen. Als Carson fertig war, nahm Clarke die Vernehmung wieder auf, aber ohne den angerichteten Schaden im geringsten gutzumachen, und am folgenden Tag legte er einfach die Verteidigung nieder und überließ seinen Mandanten den Klauen der Polizei und denen des Staatsanwalts! Stolzerhobenen Hauptes und mit Siegermiene verließ mein Vater das Gericht. Während der ganzen Verhandlung hatte Sir Edward Clarke nichts gegen meinen Vater zu sagen gewußt, was ihm eine Sekunde hätte Unruhe verursachen können. Er spielte ungestört weiter die Rolle des liebevollen Vaters mit dem gebrochenen Herzen, der in edelster Weise kämpft, um seinen Sohn zu »retten«, und Sir Edward Clarke rührte keinen Finger, um die klassischen Falten dieses Mantels der Liebe zu zerstören.

Am selben Abend wurde Oscar in meinem Zimmer im Cadogan-Hotel in der Sloane-Street verhaftet. Ich war bei ihm gewesen von dem Augenblick an, als Clarke den Prozeß hinwarf, bis zu einer Stunde vor seiner Verhaftung. Als er verhaftet wurde, war ich gerade im Unterhaus, um da meinen Vetter George Wyndham aufzusuchen und ihn zu fragen, ob überhaupt ein Strafverfahren gegen Wilde eingeleitet werden könnte. Als ich nach dem Hotel zurückkam, war Oscar schon vor einer halben Stunde von der Kriminalpolizei verhaftet worden. Ich fuhr sogleich in einer Droschke nach der Bow-Street und versuchte ihn durch Stellung einer Kaution freizubekommen – ein nutzloses Unternehmen natürlich, aber damals verstand ich nichts von allen diesen Dingen. Ich war in einer furchtbaren Gemütsverfassung, völlig verzweifelt und trostlos. Keine Sekunde lang dachte ich daran, »auszureißen«, wie Ross und Oscar Wildes ganze »Entourage« es taten. Alle diese »treuen Freunde« kniffen aus und blieben im Auslande bis nach Wildes Verurteilung.

Mir selbst kam es nie in den Sinn, daß auch ich verhaftet werden könnte, doch wurde ich tatsächlich einige Male sowohl von meinen Freunden als auch von meinen »Feinden« vor der »großen Gefahr« gewarnt, in der ich schwebte, und alle rieten mir, das Land zu verlassen. Aber ich blieb weiter im Cadogan-Hotel wohnen. Mein Bruder Percy tauchte gleich am Tage nach Oscars Verhaftung auf und gab mir zweihundertfünfzig Pfund. Ich war ohne einen Pfennig, da ich mein ganzes Geld für Oscars Anwälte und seine Verteidigung ausgegeben hatte. Er sagte mir auch, daß er durch dick und dünn zu mir halten würde, und versprach mir, wenn Oscar später gegen Kaution freizubekommen wäre, jede Summe bis zu zehntausend Pfund für ihn aufzubringen, ein Betrag, der damals sein ganzes Vermögen bedeutete. Seine Empörung gegen meinen Vater war grenzenlos.

Ich besuchte Oscar Wilde jeden Tag im Holloway-Gefängnis, bis die Verhandlung gegen ihn begann, den Tag natürlich ausgenommen, an dem ich ihn auf der Polizeiwache in der Bow-Street besuchte. Die Polizeibeamten waren sehr freundlich (wie sie es immer sind, Gott segne sie!). In den Pausen bei Oscars Vernehmung verbrachte ich viele Stunden bei ihm in einem ganz behaglichen Zimmer mit Zigaretten und Whisky-Soda. Sir Edward Clarke setzte seinen Leistungen bei diesem Prozeß die Krone auf, indem er es versäumte, die Zeugen auf der Polizeiwache zu vernehmen, und Oscar Wilde und Alfred Taylor kamen in Untersuchungshaft. Damals wußte ich natürlich nichts von Gerichtshöfen, und Oscar auch nicht. Wir waren in jener Lage, die die Richter meistens als die ideale bezeichnen, das heißt »ganz in den Händen unseres Rechtsbeistandes«. Eine trostlosere Situation für einen Angeklagten kann ich mir kaum vorstellen. Wenn ich damals die Erfahrungen besessen hätte, die ich jetzt habe, hätte ich Oscar geraten, Sir Edward Clarke zu bitten, falls er die Zeugen nicht vernehmen wolle, die Verteidigung niederzulegen und jemand anders (jeder halbwegs intelligente junge Anwalt hätte es gekonnt) damit zu beauftragen. Zu jener Zeit waren wir beide so ahnungslos in juristischen Angelegenheiten, daß wir glaubten, Sir Edward Clarke sei fabelhaft tüchtig! Ich kann mich sogar erinnern, daß ich ihm nach Oscars Verurteilung einen langen, ganz gerührten Dankesbrief schrieb und meine Anerkennung aussprach für alles, was er getan hatte. Ich kann gar nicht daran denken!

Ich sah Oscar täglich im Holloway-Gefängnis, das heißt nur auf jene grauenhafte Weise, wie »Besuche« in Gefängnissen stets vor sich gehen. Der Besucher wird in eine der kleinen Zellen geführt, die in einer Reihe hegen, und in jeder Zelle steht ein Besucher und ihm gegenüber der Gefangene, den er besucht. Sie sind durch einen etwa einen Meter breiten Korridor oder Gang getrennt, und ein Gefängniswärter geht währenddessen in diesem Korridor auf und ab. Der »Besuch« dauert, soweit ich mich erinnere, eine Viertelstunde. Der Besucher und der betreffende Gefangene müssen förmlich schreien, um ihr eigenes Wort bei dem Lärm der anderen Besucher und Gefangenen zu verstehen. Die menschliche Spitzfindigkeit hätte wohl kaum etwas Abstoßenderes, Grausameres und Boshafteres als diese Einrichtung ausdenken können. Man darf außerdem nicht vergessen, daß dies ein Untersuchungsgefängnis war, wo die Gefangenen auf die Gerichtsverhandlung warten und vielleicht vollkommen unschuldig sind. Der arme Oscar hörte immer etwas schwer. Er konnte kaum verstehen, was ich ihm in dem Höllenlärm zuschrie. Wir sahen uns an, während die Tränen ihm die Wangen herunterliefen. Trotzdem schrieb er mir in fast jedem Brief (er schrieb mir täglich mit einer fabelhaften Regelmäßigkeit), daß diese »Besuche« der einzige Lichtstrahl seiner Tage seien. Er freute sich in rührendster Weise auf sie. Es war leider Gottes buchstäblich alles, was ich damals für ihn tun konnte. Die Zeitungen heulten förmlich nach seinem Blut wie ein Rudel Wölfe. Eine der Abendzeitungen brachte eine (natürlich völlig erdichtete) Schilderung von seinem ersten Abend in der Zelle in der Bow-Street, in der er die Nacht nach seiner Verhaftung verbrachte. Mit boshafter Schadenfreude beschrieb der betreffende Journalist, wie Wilde die ganze Nacht auf- und abgegangen sei. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so abstoßenden Artikel so voll teuflischer Bosheit und brutaler Grausamkeit gelesen zu haben. Eins steht jedenfalls fest: vom Augenblick an, da die Tore des Gefängnisses sich hinter dem armen Oscar schlossen, begann seine Läuterung, und im Gegensatz zu seinen Feinden war er fast ein Heiliger.

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