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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 18
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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16. Kapitel – Der Wildeprozeß beginnt

An dieser Stelle wird es notwendig sein, die Lücken der vorhergehenden Kapitel auszufüllen, wenn dieser Prozeß, seine Ursachen und Folgen allen verständlich werden soll. Die Geschichte ist seinerzeit so oft erzählt worden, daß ich leicht vergesse, daß nicht alle meine Leser sie kennen. Den Anstoß zum ganzen Streit gab mein Vater, der mich plötzlich eines Tages, nachdem ich Wilde einige Monate kannte, darüber zur Rede stellte und mir sagte, daß Wilde kein geeigneter Verkehr für mich sei. Ich muß meinem Vater die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bekennen, daß er in dieser Zeit noch nicht unfreundlich oder beleidigend war, wie er es später wurde. Ganz nebenbei sagte er mir, ich müsse mit Wilde brechen, und meinte wohl, sein Wunsch wäre mir Befehl. Aber erstens war ich mündig und hatte das Recht, mir meine Freunde selber zu wählen, und zweitens, da mein Vater sich bisher gar nicht um mich gekümmert und niemals etwas anderes als nur ein sehr oberflächliches Interesse für mein Tun und Treiben an den Tag gelegt hatte, ignorierte ich jetzt seine Anweisungen. Ich schrieb ihm, daß ich keinen Grund einsähe, aus dem ich mit meinem Freund brechen sollte, ich dächte auch gar nicht daran. Mein Brief war sehr höflich und ehrerbietig, aber ich bat meinen Vater, sich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen. Er erwiderte, daß ich ein Narr und ein »dummer Junge« sei und mir nicht klarmache, was ich tue.

Der Streit begann verbitterter zu werden, und mein Vater hatte bereits gedroht, mir meine Rente zu entziehen, als er eines Tages, gerade während ich mit Oscar Wilde im Café Royal Mittag aß, eintrat und an einem anderen Tisch Platz nahm. Ich ging sofort zu ihm hin und bat ihn, sich zu mir und Oscar zu setzen. Zuerst weigerte er sich, aber auf mein Drängen hin sagte er schließlich »Schön« und kam herüber, allerdings mit etwas mürrischer Miene. Ich stellte beide einander vor. Oscar gab sich große Mühe, liebenswürdig zu sein. Er hatte seinen guten Tag, und in noch nicht zehn Minuten hatte er meinen Vater so weit, daß dieser lachte und ihm sehr interessiert zuhörte. Das Mittagessen verlief recht friedlich, und als wir bei Mokka und Zigarren angelangt waren, kam mein Vater auf sein Lieblingsthema: das Christentum. Er hatte vor kurzer Zeit öffentliche Reden gegen die christliche Religion gehalten; ein Atheist zu sein, rühmte er sich ja stets. Schließlich begann ich mich zu langweilen und verließ beide um ungefähr drei Uhr, während sie noch eifrig miteinander plauderten. Als ich Oscar am Abend sah, sagte er mir mit ganz verzeihlichem Stolz, daß er meinen Vater »herumgekriegt hätte«; sie seien nunmehr die besten Freunde und hätten verabredet, sich wieder zu treffen; bis nach vier Uhr wären sie zusammengeblieben.

Ich war natürlich entzückt, noch mehr, als ich zwei Tage darauf einen Brief von meinem Vater erhielt, in dem er mir schrieb, daß er alles, was er gegen Oscar gesagt hatte, zurücknehme, er halte ihn für einen reizenden, sehr intelligenten Menschen und wundere sich jetzt gar nicht mehr über meine Zuneigung zu ihn. Er habe auch von seinem alten Freund Lord de Grey (später Lord Ripon) gehört, daß Wilde zu seinen und seiner Frau Freunden gehöre, und daß er in jeder Hinsicht vollkommen »einwandfrei« und zudem ein Genie und amüsanter Erzähler sei. So angenehm standen die Dinge aber leider nur zwei Monate.

Da bekam ich eines Tages einen Brief von meinem Vater, in dem er seine früheren Beschuldigungen gegen Wilde wiederholte und mein Ehrenwort forderte, sofort mit Oscar zu brechen und nie wieder mit ihm zu reden. Widrigenfalls würde er mir meine Rente entziehen. Ich antwortete sehr ärgerlich, daß ich gar nicht daran dächte, mit Wilde zu brechen. Außerdem erinnerte ich ihn daran, wie wenig er sich früher um seine Kinder gekümmert hatte und daß er darum kein Recht besäße, jetzt in mein Leben einzugreifen. Wenn er »niederträchtig« genug sei, mir meine Rente zu entziehen, könne ich ihn nicht daran hindern. Die Folge davon war, daß er sofort die Zahlungen an mich einstellte. Ich will mein Benehmen keineswegs rechtfertigen oder beschönigen. Ich erzähle nur Tatsachen. Ohne Zweifel wäre es für mich viel besser gewesen, wenn ich meinem Vater gehorcht hätte. Andererseits bin ich wohl berechtigt, zu sagen – und diese Ansicht teilen auch meine Mutter und mein Onkel, meines Vaters einzig noch lebender Bruder, Seine Hochehrwürden der Kanonikus Lord Archibald Douglas, Priester der römisch-katholischen Kirche –, daß die Hauptverantwortung für das ganze Unglück meinem Vater zuzuschreiben ist. Sein brutales Benehmen gegen meine Mutter, seine öffentlichen Schmähungen der christlichen Religion und sein bekannt unmoralisches Leben hatten ihm natürlich jede Spur von Autorität uns gegenüber geraubt. Da er außerdem vor ganz kurzer Zeit erst von Wilde geschwärmt und mir geschrieben hatte, daß er seine Schmähungen gegen ihn zurücknehme und mir seine volle Erlaubnis erteile, weiter mit Oscar befreundet zu bleiben, war ich der Ansicht, daß er nicht das Recht habe, plötzlich diese herrische, tyrannische Haltung einzunehmen. Ich bin der letzte, den man durch Tyrannei zu etwas zwingen kann. Darin ähnle ich meinem Vater. Keiner von uns wollte nachgeben. Er schrieb mir in sehr beleidigenden Ausdrücken; ich erwiderte im selben Ton. Als er dann in dem unerhörtesten Brief, den ich je erhalten habe, eine vollkommen unwahre Behauptung über etwas machte, was er angeblich »mit seinen eigenen Augen gesehen« hatte, sandte ich ihm das bewußte Telegramm: »Was für ein komischer kleiner Mann bist du!« Daß ihn das am empfindlichsten treffen würde, wußte ich. Ich brauche wohl kaum erst zu sagen, daß seine Briefe immer wieder gegen mich vorgebracht worden sind.

Harris sagt in seinem Buch über Oscar Wilde, daß ich beim Ausklügeln dieses Telegramms »weibische Spitzfindigkeit« gezeigt hätte. Typisch für Harris und seine boshaften Methoden, die im übrigen viel »weibischer« sind als meine! Mein Vater war damals, wie während seines ganzen Lebens, eine gefürchtete Persönlichkeit. Er hatte sogar den Ruf, ein gefährlicher Mann zu sein, der vor nichts zurückschrecken würde, wenn man ihn reizte. Eine Zeitlang war er Amateur-Leichtgewicht-Preisboxer gewesen. Wiederholt hatte er gedroht, mich zu verprügeln, wenn er mich in Wildes Gesellschaft träfe. In allen Restaurants, deren Stammgast er war, verkündete er seine Absicht, sowohl mich als auch Wilde tätlich anzugreifen, wenn er uns »zusammen erwischte«. Als ich dies erfuhr, ging ich absichtlich gerade in alle jene Restaurants, die er aufzusuchen pflegte. Mehr als einmal schrieb ich ihm sogar vorher, daß ich an dem und dem Tag zu der und der Zeit in dem und dem Restaurant essen würde, und er möge nur kommen, er würde »sehen, was ihm passieren« würde. Ein solches Benehmen kann man doch wirklich nicht »weibisch« nennen. Ohne Zweifel hatte ich unrecht, meinen Vater so herauszufordern, immerhin glaube ich kaum, daß Harris, trotz seiner zur Schau getragenen Furchtlosigkeit, denselben Mut gehabt hätte. Alle außer mir fürchteten meinen Vater; und weil niemand den Mut hatte, ihn zur Rede zu stellen, gestattete er sich ein Benehmen, das man bei keinem anderen Menschen geduldet hätte. Um Oscar gerecht zu werden, muß ich zugeben, daß er sich von ihm in keiner Weise einschüchtern ließ. Er wurde zwar durch solche Drohungen etwas unruhig und nervös, aber zu Kreuze gekrochen ist er nie und hat nie die Waffen vor ihm gestreckt. Mein ganzes Leben habe ich die Erfahrung gemacht, daß gerade die Menschen, die andauernd von Verprügeln reden und vor Dingen warnen, die sie tun werden, in Wirklichkeit nie gefährlich sind. Wenn mein Vater tatsächlich die Absicht gehabt hätte, mich oder Wilde in einem Restaurant tätlich anzugreifen, hätte er es erst getan und dann darüber geredet und nicht umgekehrt. So schickte ich ihm denn das oben zitierte Telegramm, um ihm zu zeigen, daß ich keine Angst vor ihm und seinen Drohungen hatte. Er war bestimmt wütend darüber, aber es hatte die gewünschte Wirkung, weil es ihm zeigte, daß ich mich nicht durch seine Bluffs ins Bockshorn jagen ließ. Von dem Tag an hörten wir dann auch nichts mehr von »Prügeln« oder »herauswerfen« aus Restaurants.

In den verschiedenen Briefen meines Vaters an mich standen so viele böswillige Verleumdungen über Wilde, daß dieser ihn schon viel früher hätte verklagen müssen. Ich schäme mich nicht, daß ich von Anfang an Oscar dazu riet. Ich sagte ihm sogar, daß er meinen Vater sofort, ohne ihm Zeit zu lassen, Beweismaterial zu sammeln, verklagen müsse. Wäre er meinem Rat gefolgt, dann hätte mein Vater nicht die geringste Aussicht gehabt, den Prozeß zu gewinnen. Die »Zeugen«, die er später zur Verfügung hatte, hätte er damals noch nicht gehabt. Es dauerte auch tatsächlich sehr lange, ehe er sie alle beisammen hatte. Seltsamerweise erging es Ross viele Jahre später, als ich ihn angriff, ebenso wie Wilde jetzt. Wenn Ross mich sogleich verklagt hätte, als ich anfing, Schmähungen über ihn zu verbreiten, wäre es ihm sicher oder fast sicher gelungen, den Prozeß zu gewinnen, denn die schwer belastenden Beweise gegen ihn bekam ich erst viel später.

Der Streit zwischen Wilde und meinem Vater erreichte seinen Höhepunkt bald nach der ersten Aufführung von Oscars Stück »Bunbury« im St. James-Theater. Mein Vater ging mit einem Bündel Karotten in der Tasche ins Theater, um sie Oscar Wilde an den Kopf zu werfen, sobald er vor dem Vorhang erschien. Man verweigerte ihm aber den Eintritt. Zu jener Zeit war ich gerade verreist – in Biskra –, aber als ich Oscars Brief erhielt, in dem er mir diese Vorgänge schilderte, fuhr ich sofort nach London zurück. Kurz nach dieser Episode gab mein Vater seine Visitenkarte bei einem der Klubs, dem Oscar angehörte, mit der Aufschrift ab, »Oscar Wilde spielt sich als Sodomit auf.« Wegen dieser Karte verklagte Wilde meinen Vater. Das Buch »Oscar Wilde und Ich«, das ich zusammen mit Crosland geschrieben habe, enthält eine Schilderung von diesem Vorfall; leider ist es eine ganz falsche Darstellung meiner Handlungsweise zu dieser Zeit. Ich bin natürlich für diesen Irrtum verantwortlich, da ich Crosland gebeten hatte, jenen Teil des Buches zu übernehmen; damals war ich infolge der furchtbaren Aufregungen des Ransome-Prozesses so elend, daß ich mich nicht entschließen konnte, darüber zu schreiben. Crosland schrieb die Geschichte, und ich las sie flüchtig, ehe ich das Buch in Druck gab. Erst als es veröffentlicht war, wurde mir klar, daß die Schilderung Ungenauigkeiten enthielt. In dem Buch »Oscar Wilde und Ich« wird nämlich behauptet, daß ich Wilde nach der Bow-Street begleitete, als er die Klage gegen meinen Vater einreichte. Das war nicht der Fall. Ich erfuhr sogar erst am Tage darauf, daß er dagewesen war und die Klage gegen ihn eingeleitet hatte.

Im übrigen war damals Robert Ross Wildes Ratgeber. Ross war es, der ihn überredete, zu seinem Anwalt, Mr. Humphreys, zu gehen, einem sehr sympathischen Menschen und recht geschickten Advokaten, dem allerletzten aber, der geeignet gewesen wäre, Wilde zum Sieg zu verhelfen. Humphreys war ein feiner Mensch, besaß aber gar keine Erfahrungen in dieser Art Prozessen. Natürlich kannte er auch Oscar nicht näher. Ich erwähne dies, nicht weil ich die Verantwortung dafür, daß ich Oscar riet, meinen Vater zu verklagen, ablehnen will, sondern weil es wichtig ist, festzustellen, daß ich sofort, als Oscar mir sagte, er habe meinen Vater verklagt und Ross' Anwalt, Humphreys, zu seinem Verteidiger gewählt, ausrief: »Warum um Himmels willen nicht George Lewis?« Ich meinte natürlich den alten George Lewis und nicht seinen Sohn, den kürzlich verstorbenen Sir George Lewis, Ross' intimen Freund, der mich so viele Jahre bei allen Gerichten verfolgte.

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