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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 16
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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14. Kapitel – Reisen mit Wilde

Während der drei Jahre zwischen meiner ersten Begegnung mit Oscar Wilde und seiner Verurteilung im Jahre 1895 wohnte ich verschiedene Male bei ihm. Einmal war ich sein Gast im Hause der Lady Mount Temple in Babbacombe (das Haus war ihm und seiner Frau zur Verfügung gestellt worden), wo er »Eine unbedeutende Frau« schrieb, dann einmal in einem kleinen Bauernhaus, das er unweit von Cromer mietete, später in einem Haus in Goring, wo er »Ein idealer Gatte« schrieb, und einmal in Worthing, wo er »Bunbury« verfaßte. Jedesmal war auch seine Frau bei ihm, nur einmal, und zwar während wir das Haus in Goring hatten, war sie drei Wochen verreist. Mein Gast war er zweimal in Oxford in meinen Zimmern in der High-Street 34, die ich mit meinem Freund Lord Encombe teilte. Er wohnte auch einmal bei meiner Mutter in ihrem Haus bei Bracknell. Verschiedene Male reisten wir gemeinschaftlich ins Ausland. Wir waren in Paris, Algier und Florenz zusammen. Im letztgenannten Ort war ich eine ganze Weile allein; meine Mutter hatte mich dorthin geschickt, hauptsächlich, um mich von Oscar Wilde zu entfernen. Aber nachdem ich ungefähr vier Wochen dagewesen war, reiste er mir nach. Während dieser Zeit begann er »Eine florentinische Tragödie«, doch ob er sie dort beendete, weiß ich nicht mehr genau. In den Monaten, die ich bei ihm verbrachte, schrieb ich viele meiner besten Gedichte.

Ich war mindestens ein Vierteljahr von ihm getrennt, als ich in Kairo war, wohin mich Lord und Lady Cromer eingeladen hatten. Lady Cromer, Lord Cromers erste Frau und die Mutter des jetzigen Lord Cromer, war eine der besten Freundinnen meiner Mutter. (Ich habe schon einmal die unwahren Behauptungen erwähnt, die Oscar Wilde in seinem »unveröffentlichten Teil« von De Profundis aufstellt, als er von dieser Zeit, in der eine kleine Entfremdung zwischen uns bestand, spricht.) Meine Freundschaft mit Oscar war auch in dieser Epoche ein ernstes Hindernis für mein Weiterkommen, sowohl in materieller als auch in gesellschaftlicher Beziehung, und zwar wegen folgender Geschichte: Nachdem ich ungefähr drei Monate bei Cromers geweilt hatte, wurde ich, teils durch Beziehungen meines Großvaters, Alfred Montgomery, und teils durch die Liebenswürdigkeit Lord Cromers, zum ehrenamtlichen Attaché des damaligen Gesandten in Konstantinopel, Lord Currie, ernannt.

Als mir die Nachricht von dieser Ernennung von Lord Cromer mitgeteilt wurde, hatte ich den bestimmten Eindruck, daß ich den Posten noch nicht gleich anzutreten brauchte. Ich muß dies betonen, um die folgenden Ereignisse verständlicher zu machen. Ich sagte Lord Cromer gleich, daß ich vorher nach London oder wenigstens nach Paris fahren wollte. Er schien vollkommen einverstanden und gab mir auch mit keinem Wort zu verstehen, daß eine solche Handlungsweise von Lord Currie falsch aufgefaßt oder gar – wie es sich später herausstellte – als eine Unhöflichkeit oder Unverschämtheit angesehen werden könnte.

Meine Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit Oscar Wilde hatte mich dazu bestimmt, erst nach Paris zu fahren. Ich schrieb ihm, daß ich dorthin käme, und bat ihn, sich mit mir zu treffen. Im »unveröffentlichten Teil« von De Profundis stellt er diesen Vorfall so hin, als hätte er sich fest entschlossen, mit mir zu brechen, und wäre nur sehr ungern und widerwillig nach Paris gefahren. Das ist eine glatte Lüge. Sobald ich ihm nur andeutete, daß ich nach Paris kommen wollte, telegraphierte er mir seine große Freude darüber. Ich verließ Kairo und fuhr mit »Dodo« Benson, dem Schriftsteller, mit dem ich damals sehr befreundet war, nach Athen, wo ich kurze Zeit sein Gast war. Ich verbrachte ungefähr acht Tage bei herrlichem Wetter dort, und zwar fast die ganze Zeit in der Akropolis; in Entzücken versunken saß ich vor den griechischen Skulpturen und freute mich an dem Gegensatz, den sie zu den ägyptischen bilden, die ich stets sehr häßlich gefunden habe. Es war für mich eine wunderschöne Zeit in Athen, und Reggie Lester, der an der dortigen Legation als zweiter Sekretär tätig war, bemühte sich in so entgegenkommender Weise wie immer um mich.

Ich fuhr dann weiter nach Paris. Dort verbrachte ich acht Tage bei Oscar und reiste dann zu meiner Mutter nach London. Ich hatte die feste Absicht, nachdem ich einige Tage bei ihr geblieben war, die Reise nach Konstantinopel anzutreten. Aber kaum war ich in London, als ich erfuhr, daß Lord Currie sehr aufgebracht gegen mich sei, weil ich nicht sofort und direkt nach Konstantinopel gefahren war, und daß er mein Benehmen als eine unerhörte Frechheit betrachte und darum jetzt auf meine Dienste als ehrenamtlicher Attaché verzichte. Ich war zwar erstaunt, dies alles zu hören, aber nicht weiter unglücklich darüber. Die Mißbilligung Lord Curries ließ mich vollkommen kalt. Ich hatte niemals die Ehre gehabt, seine Bekanntschaft zu machen, obgleich ich seinen Bruder (Bertram Currie, das Haupt der Familie) sehr gut kannte. Bertram Currie war ein Freund meiner Mutter und stets sehr nett zu mir gewesen. Ich muß gestehen, daß ich Lord Curries Entrüstung einfach als einen »Ausbruch spießbürgerlicher Pedanterie« betrachtete. Seine Aufregung war mir vollkommen unverständlich, und im Innersten meines Herzens war ich sogar sehr froh, nicht nach Konstantinopel fahren zu müssen und in London bleiben zu können. Wenn ich jetzt auf die Angelegenheit zurückblicke, kann ich noch immer nicht begreifen, weshalb Lord Currie so böse war. Die einzig mögliche Erklärung dafür ist meiner Meinung nach, daß jemand ihm mit der Absicht, mir zu schaden, eine irrige Darstellung der Tatsachen gegeben und mein Benehmen ihm gegenüber als »aristokratische Arroganz« (wie Frank Harris sich auszudrücken beliebt) hingestellt hatte.

Ich kann nur noch einmal betonen, daß ich nicht die geringste Absicht hatte, unhöflich gegen Lord Currie zu sein, und wirklich erfreut über die Ernennung gewesen war, da das diplomatische Leben mir, soweit ich es schon kennengelernt hatte, sehr gefiel. In Kairo hatte ich mich viel in der »Kanzlei« aufgehalten und mich mit den Sekretären und Attachés, besonders mit Mitchell-Innes, recht befreundet. Ich wäre natürlich sofort nach Konstantinopel gefahren, wenn ich gewußt hätte, daß man es von mir erwartete. Da aber Lord Cromer von meiner Reise nach Paris und London gewußt und sie gebilligt hatte, kann ich nicht einsehen, daß ich im Unrecht war. Diese ganze Angelegenheit ist wieder einer jener Fälle, in denen meine harmlosesten Handlungen falsch ausgelegt und mißdeutet worden sind und man mich mit Vorwürfen überhäuft hat. Wenn Lord Currie – der, um Wilde zu zitieren, »nicht den Kreisen der Aristokratie entsprungen, sondern im Purpurgewand der Handelsfürsten geboren war« – ein ganz klein wenig mehr ›Grandseigneur‹ gewesen wäre, hätte er nicht ein so lächerliches Aufheben von der ganzen Sache gemacht, und es wäre ihm nicht im Traume eingefallen, daß irgendein Angriff gegen seine Würde (er war eben zum Pair ernannt worden) gemeint oder beabsichtigt war. Damit endete also meine diplomatische Karriere, und der Schluß davon war, daß ich in Ungnade bei meinem Großvater, Lord Alfred Montgomery, fiel und von neuem den wilden Drohungen meines Vaters ausgesetzt war. Dieser hatte mich und Oscar Wilde wieder seit einiger Zeit mit Drohungen verfolgt, weil wir häufig in Restaurants und anderen öffentlichen Orten gesehen worden waren.

Die unerquickliche Geschichte, wie mein Vater absichtlich seinen Sohn ruinierte, und noch dazu unter dem heuchlerischen Vorwand, ihn zu »retten«, ist schon oft genug mehr oder minder genau erzählt worden. Ich habe meinen endgültigen und offiziellen Bericht über diese Angelegenheit in dem Brief niedergelegt, den ich im Jahre 1925 an Frank Harris nach Nizza schrieb, und der seinem »Neuen Vorwort« zu seinem Buch über Wilde angeschlossen und auch in jeder neuen Auflage dieses Buches veröffentlicht werden sollte; zugleich verpflichtete er sich, in diesem »Neuen Vorwort« alle jene Behauptungen, die er in dem Buch über mich macht, als falsch zu bezeichnen oder sie zu entfernen. Es widerstrebt mir, die Geschichte noch einmal zu wiederholen. Das einfachste ist also, jenen Teil des Briefes an Harris wiederzugeben, der sich auf den Prozeß mit meinem Vater bezieht. Der Brief folgt im nächsten Kapitel.

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