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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 15
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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13. Kapitel – Geldfragen

Ich muß vorausschicken, wenn ich näher auf diese widerliche Finanzfrage eingehe, daß ich es nur darum tue, weil mich Wilde durch die Lügen und irrigen Angaben im »unveröffentlichten Teil« seines De Profundis und durch seine mündlichen Äußerungen, die er verschiedenen Menschen gegenüber nach seiner Rückkehr aus dem Zuchthaus machte, dazu gezwungen hat. Wie ich schon im vorigen Kapitel bemerkt habe, wäre der frühere Oscar Wilde dieser Gemeinheit und dieser Geschmacklosigkeit nie fähig gewesen. Bis zur Zeit seiner Verurteilung war er stets sehr freigebig, gastfreundlich und großzügig. Es liegt meines Erachtens nichts Ungewöhnliches darin, daß ein Mann von fast vierzig Jahren, der eine große Sympathie für einen jungen Studenten hegt, ihn fortwährend zum Mittag- oder zum Abendessen in den allerersten Restaurants einlädt, ohne zu erwarten, daß sein junger Freund gewissenhaft darüber Buch führt, damit die entstandenen Unkosten durch ebenso häufige Einladungen seinerseits ausgeglichen werden.

Als ich Oscar Wilde kennenlernte, bezog er ein Einkommen von mindestens zweitausend Pfund Sterling jährlich (in den neunziger Jahren war dies eine ganze Menge Geld, mindestens so viel wie viertausend Pfund heutzutage), während ich von meinem Vater nur eine jährliche Rente von dreihundertfünfzig Pfund bekam. Ich lebte natürlich bei meiner Mutter und hatte weiter keine Ausgaben, weil alles für mich bezahlt wurde, außerdem standen mir stets große Landhäuser offen, und ich bekam so viele Einladungen zu Bällen, Gesellschaften und Diners, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie alle anzunehmen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Es war eigentlich für einen jungen Mann mit meinem Einkommen eine von allen stillschweigend anerkannte Selbstverständlichkeit, daß ich öfter der Gast als der Gastgeber war. Doch da Oscar Wilde in seinem »unveröffentlichten Teil« des De Profundis-Briefs die unwahre Behauptung aufgestellt hat, daß er in der Zeit zwischen unserer ersten Begegnung und seiner Verurteilung, einer Periode von drei Jahren, für Einladungen an mich fünftausend Pfund ausgegeben habe, kann ich nicht umhin, zu sagen, daß fünf- oder sechshundert Pfund viel eher stimmen würden. Auf der anderen Seite der Bilanz hingegen steht, wie man nicht vergessen darf, die Tatsache, daß mein Vater mir ungefähr ein Jahr, nachdem ich Wilde kennengelernt hatte, schrieb, daß er mir meine jährliche kleine Rente entziehen würde, wenn ich nicht sofort mit Oscar Wilde brechen und mein Ehrenwort geben würde, nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Ich weigerte mich natürlich, mit Wilde zu brechen, und sagte meinem Vater, daß, wenn er so niederträchtig wäre, mir meine Rente darum zu entziehen, er es tun möge. Im Jahre 1893 wurde mir auch der Zuschuß nicht mehr ausgezahlt, und ich empfing von dieser Zeit an bis zu meines Vaters Tode im Dezember 1899 nicht einen Pfennig mehr von ihm. Dann erbte ich natürlich den mir zukommenden Teil seines Vermögens. Meine Freundschaft mit Wilde und meine Weigerung, von ihm zu lassen, kostete mich also während jener sieben Jahre zweitausendvierhundertfünfzig Pfund. Das, was ich auf andere Weise durch ihn verlor, wie zum Beispiel meine gesellschaftliche Stellung und der mir bis dahin nie bestrittene Zugang zum engsten Kreis der auserwähltesten und aristokratischsten Gesellschaft, die es damals auf der ganzen Welt gab, ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Ich kann sogar, um bei der Geldfrage zu bleiben, behaupten, wie ich es schon einmal getan habe, und zwar in meinem Buch »Oscar Wilde und Ich«, daß ich in Wirklichkeit einen viel größeren finanziellen Schaden durch ihn erlitt, als umgekehrt. Gleich als er den Prozeß gegen meinen Vater einleitete, gab ich ihm dreihundertsechzig Pfund, um die Kosten zu bestreiten (ich mußte mir natürlich das Geld von meiner Mutter geben lassen; aber seitdem ich von meinem Vater nichts mehr erhielt, bekam ich ja alles Geld von ihr). Später, als ich Wilde in meiner Villa in Neapel zurückließ, schenkte ich ihm zweihundert Pfund. Nicht viel, wird man sagen, aber immerhin war es so viel, wie ich aufbringen konnte, und es bedeutete mir damals eine ganze Menge.

Während der fünf Jahre zwischen Wildes Verhaftung und dem Tode meines Vaters, von dem ich eine kleine Summe erbte, mußte ich mich stets sehr einschränken. Mein Durchschnittseinkommen während jener Jahre, die ich meist im Auslande verbrachte, betrug sicher nicht mehr als vierhundert Pfund jährlich. Ich hatte tatsächlich nur gerade genug zum Leben, und trotzdem gab ich Wilde andauernd von meinem Wenigen soviel ich nur irgend konnte. Im Laufe des Jahres zwischen dem Tode meines Vaters und dem Ableben Wildes schenkte ich Wilde mindestens tausend Pfund. Solange er lebte, hätte ich ihm immer weiter gegeben, soviel ich irgendwie entbehren konnte. Der letzte Scheck, den ich ihm sandte (zehn Pfund), erreichte ihn – wie Robert Ross erstaunlicherweise in seinem Bericht von Wildes Tod in Harris' Buch »Oscar Wilde, eine Lebensbeichte« erwähnt – kurz vor seinem Tode.

Frank Harris behauptet in diesem Buch, daß die »Queensberry-Familie« – wie er sich auszudrücken beliebt – sich verpflichtet hätte, für Oscar Wilde nach dessen Haftentlassung zu sorgen, und er macht mir bittere Vorwürfe, wenn auch nur durch Anspielungen, daß dieses Geld nicht immer vorhanden war. Wie fast alles in Harris' Buch, was mich direkt oder indirekt betrifft, ist diese Geschichte völlig unwahr. Woraus bestand die »Queensberry-Familie« zu jener Zeit? Der Ausdruck könnte sich eigentlich nur auf meinen Vater beziehen, der Wildes Ruin herbeigeführt hat und lieber dem Teufel Geld gegeben hätte als Wilde, oder auf meine Mutter, die wiederum Wilde damals für einen Erzschurken und Schuft hielt und meine Freundschaft mit ihm aufs bitterste beklagte, oder auf meinen Bruder Percy, der Wilde nicht ausstehen konnte, ihm einzig und allein mir zuliebe half (das heißt, er zahlte die Kaution für ihn, als er in Untersuchungshaft kam), aber auch nur, weil ich ihn flehentlich darum bat und er stets bereit war, mich gegen meinen Vater oder gegen die ganze Welt, wenn es darauf ankam, bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Die einzige sehr kümmerliche Grundlage für die unerhörte Behauptung, daß die »Queensberry-Familie« versprochen hätte, Wilde zu unterstützen, liegt vielleicht in der Tatsache, daß ich selbst einmal Wilde gegenüber äußerte, ich würde versuchen, meinen Bruder Percy zu bewegen, ihm zu helfen. Ich hielt auch Wort und flehte meinen Bruder an, »etwas für ihn zu tun«. Percy war der gutmütigste und hilfsbereiteste Mensch, den es überhaupt je gegeben hat, und er hing auch sehr an mir. Aber er war, wie jeder, der ihn kannte, bestätigen wird, ein Phantast, der sich immer einbildete, er stehe kurz davor, ein Riesenvermögen zu erwerben; darum war seine Antwort auf meine Bitte um Hilfe die übliche, nämlich, daß er »im Augenblick in sehr großer Geldverlegenheit« sei, aber in wenigen Monaten hoffe, einen wirklich ganz großen Coup zu machen, und daß, sobald dieser Coup sich verwirklichte, ich so viel Geld von ihm haben könne, wie ich nur wolle, sei es für mich selbst oder für Wilde oder für einen sonstigen Zweck. »Mache Dir keine Sorgen, liebster Junge,« schrieb er, »in kurzer Zeit werde ich ein sehr reicher Mann sein, und wenn ich erst reich bin, wirst Du es selbstverständlich auch sein.« Natürlich gab ich diese frohe Nachricht an Oscar weiter, da ich in jenen Tagen ein großer Optimist war. Auf dieser sehr schwachen Grundlage baute Harris seine Lügengeschichte von dem »Versprechen der Queensberry-Familie, für Oscar Wilde zeitlebens zu sorgen« auf. Ich zweifle nicht einen Augenblick, daß, wenn Percys großer Coup damals oder später gelungen wäre, er mich sofort in großzügigster Weise an seinem Glück beteiligt hätte. Das muß ich bekennen, um meinem lieben Bruder gerecht zu werden; aber der »Coup« kam leider nie zustande, im Gegenteil, anstatt eine große Summe Geld zu gewinnen, verlor mein armer Bruder fast sein gesamtes Vermögen, die dreihunderttausend Pfund einbegriffen, die er von meinem Vater geerbt hatte.

Zur selben Zeit, als er dieses Geld von unserem Vater erhielt, bekam ich mein bescheidenes Erbteil des jüngeren Sohnes, so daß natürlich keine Notwendigkeit vorlag, daß Percy etwas für Wilde tat. Wie ich schon erwähnt habe, genoß Oscar sofort den Nutzen meiner verbesserten Finanzlage. Er lebte nur noch ein Jahr nach meines Vaters Tod, und während dieses Jahres erhielt er so viel Geld von mir und von anderen Freunden, auch von Frank Harris, der ihm tausend Pfund gegeben zu haben behauptet, daß er in größtem Behagen und Luxus hätte existieren können. Mit diesen Tatsachen, die, was mich anbelangt, durch schriftliche, juristisch anerkannte Belege bewiesen werden können Siehe Anhang., sollte sich Mr. Robert Harborough Sherard beschäftigen, der hauptsächlich für das Verbreiten des Märchens verantwortlich ist, daß Wilde »von seinen Freunden dem Hungertod in Paris ausgeliefert wurde«. Auch André Gide und Davray mache ich darauf aufmerksam, weil sie ebenfalls zu der schweren Last unprovozierter und unbegründeter Verleumdungen, Beschimpfungen und Schmähungen beigetragen haben, die auf mich gehäuft worden sind; als Belohnung für meine beständigen Opfer und das Hintansetzen meiner eigenen Interessen Wilde zuliebe, vom Tage seiner Verhaftung an bis zu seinem Tode.

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