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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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12. Kapitel – Wilde als Mensch und Künstler

Vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an ist mir Oscar Wilde, wie ich schon sagte, immer »nachgelaufen«. Fortwährend lud er mich ein, mit ihm zu Mittag oder zu Abend zu essen, und schickte mir andauernd Briefe, Zettel und Telegramme. Er schenkte mir seine Bücher mit eigenhändigen Widmungen. Außerdem dichtete er ein Sonett über mich und gab es mir eines Abends im Restaurant beim Essen. Das geschah alles schon innerhalb der ersten sechs Monate unserer Bekanntschaft. Das Gedicht ist in der vollständigen Ausgabe von Wildes Werken bei Methuen erschienen und fängt mit den Worten an: »Die Sünde war mein, doch begriff ich sie nicht.« Jeder, der sich die Mühe macht, dieses Sonett sorgfältig zu lesen, wird deutlich daraus ersehen, daß die »Vertraulichkeiten«, wie Harris sich ausdrückt, damals noch nicht begonnen hatten. Ich möchte über dieses widerliche Thema so schnell wie möglich hinwegkommen. Diese »Vertraulichkeiten« geschahen sehr selten und kamen nur periodisch vor. Sie begannen ungefähr neun Monate nach meiner ersten Begegnung mit Oscar Wilde und nach einem langen, hartnäckigen Kampf gegen meinen Widerstand. Ungefähr sechs Monate vor der Katastrophe hörten sie endgültig auf und wurden, als Wilde aus dem Gefängnis kam, nie wieder aufgenommen. Wilde behauptete immer, daß seine Liebe zu mir eine ideale und geistige gewesen sei. Einmal – es war nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus – sagte ich ihm nach einer etwas erbitterten Diskussion, daß seine Behauptung eigentlich nicht der Wahrheit entspräche und unsere Liebe eine Zeitlang eine andere Seite gehabt hätte. Darauf erwiderte er: »Ach, das war so wenig und dann nur gleichsam zufällig, daß man wirklich sagen kann, sie war immer ein Hinaufstreben nach dem Idealen, und schließlich wurde sie auch tatsächlich eine rein ideale Liebe.« Meiner Meinung nach glaubte er selber fest an seine Worte. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß seine Liebe zu mir, ehe er verhaftet wurde, die reinste und durchgeistigtste Liebe genannt werden kann, deren er fähig war.

Es kostet mich große Selbstüberwindung, diesen wahrheitsgetreuen Bericht über unser Verhältnis zu geben. Jedem steht es frei, mir zu glauben oder nicht, doch kann ich hier feierlich erklären, daß ich nicht im mindesten versucht habe, zu beschönigen oder mich weniger schuldig erscheinen zu lassen, als ich in Wirklichkeit war. Von Sodomiterei kann natürlich keine Rede sein. Dies kann ich vor Gott bei meinem Seelenheil beschwören. Doch das zwischen uns Geschehene war schon schlimm genug. Aber wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe: diese Dinge sind nach meinem sechsjährigen Aufenthalt in einem Internat und in Oxford geschehen; damals waren meine Moral und meine Religion vollkommen verlorengegangen. Viele Jahre später, als ich meine ›Generalbeichte‹ ablegte, zu der jeder Neubekehrte gezwungen ist, ehe er in die katholische Kirche aufgenommen wird, habe ich dies alles gebeichtet, aber ich sagte damals dem Priester, der mir die Beichte abnahm, Monsignore Bickerstaffe Drew: »Damals, als ich diese Dinge tat, hielt ich sie gar nicht für Sünde, sonst hätte ich sie nicht getan.«

Schon ehe ich Oscar Wilde begegnete, hatte ich mir eingeredet, daß ›Sünden des Fleisches‹ keine Sünden seien, und meine Ansicht darin wurde durch Wildes geistreiche Verteidigung dieser Auffassung, die man wohl als das Evangelium seines Lebens bezeichnen könnte, sehr gestärkt und unterstützt. Sein ganzes Leben lang predigte er jene Gedanken, die er in den Mund von Lord Henry Wotton im »Dorian Gray« gelegt hat. Wilde war in der Tat ein sehr mächtiger und überzeugender Heresiarch. Er predigte, daß es die Pflicht jedes Menschen sei, sein Leben »voll auszuleben« und immer »auf der Suche nach neuen Empfindungen« zu sein, den »Mut« zu haben, »Sünden zu begehen«. Ich versuche, Wilde gegenüber gerecht zu sein und ihn nicht verantwortlicher für die Schädigung meiner Moral zu machen, als er es wirklich verdient. Trotzdem muß ich gestehen, daß ich jetzt zu der Überzeugung gekommen bin, daß der Unterschied zwischen uns darin bestand, daß ich damals ein offener, unbewußter Heide war, während er bewußt sündigte, um dadurch ein doppeltes und perverses Vergnügen zu haben. Ich war ein argloser Junge, er war ein blasierter, hochintelligenter und geistreicher Mann, der sehr viel Erfahrung besaß. Es war natürlich unvermeidlich, daß ich seine Ansichten oder wenigstens viele von ihnen annahm. In der Tat war ich so von ihnen besessen, daß sie dieselbe unbewußte Tyrannei auf mich ausübten, wie der Darwinismus heutzutage auf Millionen von Menschen. Ich dachte damals, daß Wildes Argumente unwiderlegbar seien, ebenso wie wirklich vernünftige Menschen vom Darwinismus hypnotisiert sind, der doch tatsächlich nur eine anfechtbare Theorie ist und höchstwahrscheinlich ewig eine solche bleiben wird.

Noch lange nach Wildes Tod, nachdem ich verheiratet war und mich völlig von Wildes Anschauungen freigemacht hatte, fuhr ich unbewußt fort zu glauben, daß Oscar ein Prophet sei, und seine Ansichten über Moral, ob man sie billigte oder nicht, auf Wahrheit begründet und unwiderlegbar wären. Erst ungefähr acht Jahre nach seinem Tod, und während ich sein Andenken noch hoch in Ehren hielt (ich wußte noch nicht, wie er sich im De Profundis gegen mich ausgesprochen hatte), kam mir der Gedanke, daß er ein skrupelloser Mensch gewesen sein mußte, ganz abgesehen von seinen geschlechtlichen Verirrungen. Ich begann damals die christliche Ethik, die ich so lange verachtet hatte, zu begreifen. Ungefähr zwei Jahre war ich Mitglied der anglikanischen Hochkirche, in der Zeit, als ich »The Academy« herausgab; im Jahre 1911 wurde ich dann Katholik.

Die Erwägung aller dieser Tatsachen hat es mir unmöglich gemacht, zuzugeben, obgleich ich es sehr gern täte (nur um Frank Harris einen Gefallen zu erweisen), daß Wildes Freundschaft mir in irgendeiner Beziehung ein Segen war, oder daß ich ihm etwas verdanke, was ich gern entbehrt hätte. Wie ich bereits gesagt habe, hat er mich gewiß nicht gelehrt, Gedichte zu lieben oder sie zu schreiben. In den Artikeln, die ich in meiner Oxforder Zeitschrift veröffentlichte, und selbst in manchen meiner ersten Artikel in der »Academy« (ungefähr um 1907/1908) ist es leicht, den Einfluß, den er bis zu einem gewissen Grad auf meinen Stil und meine Auffassung ausübte, zu erkennen; aber heute könnte ich mit jedermann eine Wette eingehen, daß in meinen Prosaschriften aus den letzten beiden Jahren, in denen ich »The Academy« herausgab, oder in den Beiträgen, die ich in der Zeitschrift »Plain English« (1920-1921) veröffentlichte, nichts mehr davon zu merken ist, während ich von meinen Gedichten, die meine stärkste Äußerung sind, wohl behaupten kann, ohne Furcht vor Widerspruch, daß Wilde glücklicherweise gar keinen Einfluß auf sie ausübte.

Seine Ansichten über Dichtung und überhaupt über die Literatur im allgemeinen waren im großen und ganzen viel gesünder, als man bei ihm hätte annehmen können. Unter den nicht mehr lebenden Dichtern liebte er nur die allerbesten und geruhte sogar zuzugeben, daß Dickens ein Genie gewesen sei. Wilde besaß außerdem ein so sicheres literarisches Urteil, daß er gute neue literarische Arbeiten auf den ersten Blick zu erkennen vermochte. Er war auch fähig, die Leistungen von Menschen zu bewundern, die er persönlich nicht mochte – etwas, was die Kritiker heutzutage anscheinend nicht fertig bringen. Überdies sprach er immer in sehr anerkennender Weise von seinen Zeitgenossen, vorausgesetzt natürlich, daß sein Künstlergewissen, das viel mächtiger in ihm war als sein moralisches, es ihm gestattete. Für Pater hegte er eine grenzenlose Bewunderung, auch für Swinburne. Einmal sagte er mir, daß er alles darum gäbe, die erste Serie von Swinburnes Gedichten und Balladen geschrieben zu haben; er hielt sie für das Beste, was zu seinen Lebzeiten in der ganzen englischen Literatur geschrieben worden war. Meredith schätzte er sehr, höher sogar als Tennyson, und er bewunderte Frank Harris' Erzählungen, vor allem »Elder Conklin« mehr, als ich es jemals getan habe. Mit Robert Louis Stevenson trieb er eine Zeitlang einen wahren Kult; manchmal war er sogar von Kipling entzückt. Er war weitherzig genug, auch Anatole France, Paul Bourget und Huysmans anzuerkennen.

Mir gegenüber behauptete er immer, eine große Bewunderung für meine Gedichte zu hegen. Trotzdem spricht er im »unveröffentlichten Teil« von De Profundis – ich nenne ihn den »unveröffentlichten Teil«, um ihn von dem bekannten Buch dieses Namens zu unterscheiden, obgleich er in englischen Zeitungen und in Buchform in Amerika, Deutschland und Frankreich schon herausgebracht worden ist – in verächtlicher Weise von ihnen und nennt sie »Studentenergüsse«. Doch da er fast im selben Atemzug abfällige Bemerkungen über mein Äußeres macht und in höhnischen Ausdrücken meine »kleine Statur« verspottet (ich bin ungefähr 1,80 groß, was für einen Mann meines grazilen Körperbaues und meiner Schlankheit gerade die normale Größe ist), nehme ich seine Äußerungen nicht ernst. Wenn er sich also beim Schreiben des De Profundis in diese unglaubliche Gemütsverfassung hineingesteigert hatte, daß er es über sich gewann, »Hylas« und »Hyacinthus« (die »schönste Rose auf der ganzen Welt« nicht zu vergessen, wie er mich einmal in einem Brief nannte) zu verunglimpfen, so kann man annehmen, daß seine abfälligen Bemerkungen über meine Gedichte, die er einstmals aufrichtig zu bewundern vorgab, ungefähr dasselbe Niveau von Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit hatten wie seine anderen Äußerungen.

Um in einigen Worten das, was ich sagen möchte, kurz zusammenzufassen, will ich noch einmal wiederholen, daß, während Wilde meinen Geschmack in der Literatur nicht verdarb und mich auch vom literarischen Standpunkt aus nicht schädlich beeinflußte, ich mir durchaus nicht bewußt bin, daß ich irgendwie in dieser Hinsicht in seiner Schuld stehe. Dagegen hat er in moralischer Hinsicht einen sehr schlechten Einfluß auf mich ausgeübt, dessen Folgen ich erst nach vielen Jahren überwand.

Wie kann ich also Dankbarkeit gegen ihn empfinden für das, was er mir antat? Alles was ich mit voller Aufrichtigkeit sagen kann, ist, daß ich eine Zeitlang sehr an ihm hing, wie er zweifellos an mir, und daß es in jener Zeit meine größte Freude war, in seiner Nähe zu sein. Er war, ehe ihn das Gefängnis demoralisierte und alles Gute in ihm vernichtete, gütig, gastfrei und meistens sehr verträglich. Die grauenhafte Geschmacklosigkeit seiner Anspielungen im »unveröffentlichten Teil« von De Profundis auf das Geld, das er für mich, den »Liebling seines Herzens und seiner Seele«, ausgab, wäre bei dem früheren Oscar Wilde, den ich kannte, einfach undenkbar gewesen, selbst wenn seine immer sehr schwungvolle Phantasie damals fähig gewesen wäre, jenen Betrag in die ganz hübsche Summe von fünftausend Pfund aufzubauschen; das tat er im Gefängnis einfach dadurch, daß er fast das ganze Geld, das er seit seiner ersten Begegnung mit mir zur Verfügung gehabt, als die Summe angab, die er an mich verschwendet hatte!

In einem der Sonette, das ich nach seinem Tod über ihn schrieb, »Der tote Dichter«, habe ich den Zauber seiner Unterhaltungsgabe geschildert:

I dreamed of him last night, I saw his face
All radiant and unshadowed of distress,
And as of old, in music measureless,
I heard his golden voice, and marked him trace
Under the common thing, the hidden grace,
And conjure wonder out of emptiness,
Till mean things put on Beauty like a dress
And all the world was an enchanted place.

And then methought outside a fast locked gate
I mourned the loss of unrecorded words,
Forgotten tales and mysteries half said,
Wonders that might have been articulate,
And voiceless thoughts like murdered singing birds.
And so I woke and knew that he was dead Ich träumte heute nacht von ihm. Ich sah
Sein Antlitz licht und aller Qualen bloß,
Und wie dereinst, in Wohllaut grenzenlos,
Hört' ich die goldne Stimme klar und nah.

Und alle Schönheit war mit einmal da,
Alles Gewohnte stand beglänzt und groß,
Und Wunder sproßten aus der Öde Schoß,
Und Wunder war's, was aller Welt geschah.

Dann wie verjagt auf grausames Gebot
Kniet' ich und klagte um verwehtes Wort,
Um Leidenschaft, die stumm ins Nichts verloht,

Traumblüten, die verwelkt, eh' sie noch rot,
Singvögelstimmen, ohne Laut verdorrt.
So wacht' ich auf und wußte, er war tot.

Er hatte tatsächlich die Gabe, einen Zauber auszuüben. Man lauschte ihm wie gebannt. Alles was aus seinem Munde kam, schien Weisheit und Macht und Schönheit und Charme. Es war Zauberei und nichts anderes. Wenn man sich aber einmal vom Bann befreit hat, vermag man den zerstörten Zauber und die verlorenen Illusionen nicht wieder einzufangen. Man kann höchstens, wenn man darauf zurückblickt, sich erinnern, daß es einmal anders war, und sich, vielleicht ein wenig erschauernd, darüber wundern.

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