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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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11. Kapitel – Harris, Ross und andere Freunde

Man hat mich verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, daß für die gegenwärtige oder heranwachsende Generation, die dieses Buch liest, die Namen Frank Harris und Robert Ross wenig oder nichts bedeuten werden. Frank Harris hatte allerdings, ehe er England auf immer verließ – ungefähr drei bis vier Jahre vor dem Kriege –, sich den Ruf eines bedeutenden Literaten und »großen Redners« erworben. Sein Name und sein Ruf sind den älteren Literaten Londons vertraut, doch außerhalb dieses Kreises ist er jetzt gänzlich unbekannt. Seine Bücher werden in England nicht mehr gelesen, und sein Name ist fast in Vergessenheit geraten. Als ich ihn kennen lernte, ungefähr im Jahre 1894, nahm er eine einflußreiche Stellung unter den zeitgenössischen Schriftstellern und Journalisten ein. Er war damals der Herausgeber der Zeitschrift »The Fortnightly Review« und hatte schon einen Band kurzer Erzählungen herausgegeben, die von kompetenten Kritikern sehr gelobt wurden.

Als Herausgeber der »Fortnightly Review« besaß er genügend literarisches Urteil, um Oscar Wildes geistvolle Essays »Der Verfall der Kunst des Lügens« und »Der Kritiker als Künstler« zu veröffentlichen und sie recht anständig zu bezahlen.

Er heiratete eine sehr reiche Dame, die ein Haus im Park Lane besaß, neben George Wyndhams Haus. Während Frank Harris noch mit seiner ersten Frau lebte, war er in literarischen und gesellschaftlichen Kreisen auch wegen seiner Abendgesellschaften bekannt, bei denen die Unterhaltung besondere »Höhen des Geistes« erreicht haben soll.

Seine Herkunft bleibt in »Dunkel gehüllt«, und diejenigen, die seinen eigenen Bericht von seiner Jugend, seiner Herkunft und seinen ersten Abenteuern kennenlernen wollen, können nur in seinem letzten Buch »Mein Leben und meine Lieben« darüber lesen, einem fast rein pornographischen Werke. Die Exemplare, die nach England hineingelangen, werden ihres obszönen Charakters wegen sofort von den Postbehörden beschlagnahmt und vernichtet, und jeder, der versuchte, eins zu verkaufen, würde wahrscheinlich eingesperrt werden.

Während der kurzen Zeit, in der ich wieder nach einer fast fünfzehnjährigen Entfremdung auf freundschaftlichem Fuß mit Frank Harris stand – als er gerade das »Neue Vorwort« zu seinem Buch »Oscar Wilde, eine Lebensbeichte« schrieb –, schickte er mir ein Exemplar seiner Biographie »Mein Leben und meine Lieben« in mein Hotel in Nizza, wo ich mich damals aufhielt. Nachdem ich dreißig bis vierzig Seiten gelesen hatte, schickte ich es ihm durch einen Boten zurück mit einigen Zeilen, in denen ich ihm schrieb, daß es mir unmöglich wäre, ein solches Werk in meinem Besitz zu behalten, und ihn bat, wenn er mein Freund bleiben und nicht die eben neugewonnene »Entente cordiale« zwischen uns zerstören wolle, das Buch nicht mehr zu erwähnen und auch nicht mit mir darüber zu diskutieren. Bis auf eine scherzhafte Bemerkung über meine »Prüderie« hat er auch das Thema nie wieder berührt.

Soviel ich aus Harris' Buch ersehen konnte, glaube ich, daß es, wenn er alle Schweinereien streichen würde, eine sehr interessante Biographie werden könnte, denn sein Leben, abgesehen von seinen gemeinen und unerquicklichen »Liebesaffären«, war – seinen Berichten nach zu urteilen – ein ganz bewegtes und dramatisches. Sein Vater, wenn ich mich recht erinnere, war Schiffer bei der Handelsmarine. Harris lief von zu Hause fort, als er ungefähr sechs Jahre alt war, und fuhr nach Amerika, wo er der Reihe nach »bell-boy«, Kuhhirte, Inseratenakquisiteur und Journalist war. Er scheint einen unstillbaren Wissensdurst und eine echte Liebe für die Literatur gehabt zu haben. Irgendein reicher Mann hat anscheinend seine Ausbildung auf einer Universität bezahlt. Ich glaube, er ist auch ganz belesen. Man kann jedenfalls nicht eine Stunde in seiner Gesellschaft sein, ohne daß er eine lange Stelle aus der Odyssee in griechischer Sprache zitiert. Er tut es stets mit Schwung und sonorer Stimme. Obwohl es immer dieselbe Stelle ist, bin ich doch gern bereit, ihm zu glauben, daß er ein guter griechischer Schüler ist oder vielmehr war.

Als ich noch in Oxford war, konnte ich auch ganz gut Griechisch. Neulich fielen mir die beiden Bände Herodot in die Hände, die ich benutzt hatte, als ich für mein Schlußexamen in Oxford paukte. Ich habe sie damals mit zahlreichen Randbemerkungen und langen Stellen in griechischer Sprache vollgekritzelt. Doch muß ich zu meinem Bedauern gestehen, daß ich heute nicht imstande wäre, ein Wort Griechisch zu lesen oder zu verstehen. Darum bin ich der letzte; Harris zu widersprechen, wenn er sagt, daß er ein guter Schüler im Griechischen gewesen sei. Ich weiß, daß er eine Zeitlang einen Lehrerposten an einer Knabenschule in Brighton innegehabt hat, aber was er dort unterrichtete, entzieht sich meiner Kenntnis.

Sein Hauptreiz, als ich ihn das erstemal in London sah, war (und ist heute noch) seine tiefe, eindrucksvolle Stimme – sein »sucking-dove roar«, wie Crosland es mit den Worten Shakespeares immer nannte. Er und Wilde begegneten sich einmal bei einer Abendgesellschaft, und Harris erzählte eine lange, eindrucksvolle Geschichte von irgendeinem Boxkampf, in dem Slavin, der Australier, von der Menge angegriffen wurde und die ganze Bande, den Rücken gegen die Mauer gestemmt, bekämpfte und besiegte. Oscar, der bis dahin Harris nicht gemocht und ihn immer vermieden hatte, war fasziniert von der wirklich prachtvollen Art, wie Harris die Geschichte vortrug. Er machte ihm ein Kompliment darüber, und von da an waren sie befreundet.

Harris wurde später der Besitzer und Herausgeber der »Saturday Review« und einige Zeit darauf der Zeitschrift »Vanity Fair«. Als er die letztgenannte Zeitschrift noch besaß, schrieb ich ab und zu einmal Beiträge dafür, und er veröffentlichte eine ganze Menge meiner humoristischen Verse, sowie auch einige meiner Sonette.

Harris hat sehr viel über Shakespeare geschrieben. Sein Buch »Shakespeare der Mensch« ist interessant und beweist eine tiefe Kenntnis des Shakespeareschen Textes, doch erscheinen mir die Schlüsse, die er zuweilen daraus zieht, phantastisch und häufig offensichtlich falsch. Wie ich einmal in einem Artikel in der Zeitschrift »Plain English« schrieb, war Harris' Hauptbestreben, zu beweisen, daß er große Ähnlichkeit mit Shakespeare besitze. Diese Ansicht kann ich nicht teilen.

Ganz abgesehen von all den Unwahrheiten, die Harris in seinem Wilde-Buch über mich geschrieben hat, ist es leicht, aus seinen anderen Werken zu beweisen, daß er ein monumentaler Lügner ist und in dieser Hinsicht würdig, an die Seite von Robert Ross und Wilde gestellt zu werden.

Als ich einmal in Nizza Harris' Gast war, beging er den Leichtsinn, mir ein Exemplar seines Buches »Zeitgenössische Porträts – Vierte Serie« zu schenken. Die ersten »Porträts« in diesem Buche sind die von Wilfrid Scawen Blunt und George Wyndham, beide Vettern von mir, mit denen ich sehr eng befreundet war. Ich zitiere den ersten Absatz dieses Kapitels, mehr um ein Beispiel von Harris' Mangel an Grundlagen für seine Behauptungen, als einen Beweis seines Lügens zu geben:

»Wilfrid Blunt ist kürzlich im Alter von ungefähr achtzig Jahren gestorben und hat seiner Sekretärin alle seine Besitzungen hinterlassen ... Diejenigen, die den Verstorbenen und seine näheren Verhältnisse kennen, sind nicht überrascht, doch die anderen, besonders die, die ihn nur flüchtig kannten, waren mehr als erstaunt. Hatte denn Blunt nicht eine Tochter? Warum hatte er also sein Besitztum, vor allem das Gut Crabbett Park, nicht ihr hinterlassen?«

Selbst dem Uneingeweihtesten war es bekannt, daß mein Vetter seiner Tochter Judith, meiner Cousine, früher die Hochgeborene Lady Neville Lytton und jetzt Lady Wentworth, schon bei Lebzeiten das Gut Crabbett Park schenkte. Als er starb, vermachte er das im jakobinischen Stil erbaute kleine Haus, namens Newbuildings Place, und einige Morgen Land seiner Cousine, Miss Dorothy Carleton, die während seiner letzten Jahre seinen Haushalt geführt hatte. Das Haus war kein Familienbesitztum, und er hatte darum das Recht, es zu schenken, wem er wollte. Seine Tochter erbte ja den unveräußerlichen Grundbesitz, und sie hatte auch das ganze Geld ihrer Mutter Lady Anne geerbt, und ferner würde ihr später auch der größte Teil von Lord Lovelaces Besitz zufallen.

Harris spricht weiter von der Zeit, »als ich Blunt kannte, in den achtziger Jahren«, und wie es überhaupt seine Art ist, wenn er von verstorbenen Berühmtheiten redet, tat er auch diesmal so, als sei er wer weiß wie intim mit Blunt befreundet gewesen. In Wahrheit aber existierte diese Freundschaft nur in seiner Phantasie. Trotzdem berichtet er von Unterhaltungen, die er angeblich mit Blunt geführt hatte.

Kurz vor seinem Tode sagte mir Wilfrid Blunt, daß er Harris nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen habe, und zwar als dieser ihn im Auftrag einer Zeitung interviewte. Da habe er aber nach einer Unterhaltung von höchstens fünf Minuten nach dem Diener geklingelt und diesen gebeten, Harris hinauszuführen!

Im selben Kapitel gibt uns Harris eine ausführliche Beschreibung jener Versammlung des Crabbett-Klubs, in der Oscar Wilde in scherzhafter Weise in einer Rede nach dem Abendessen von dem kürzlich verstorbenen Lord Curzon von Kedleston angegriffen wurde, und Oscars Antwort. Harris schildert alles so, als sei er bei der Versammlung zugegen gewesen. Darauf erzählt er von den Vorgängen bei der nächsten jährlichen Versammlung des Crabbett-Klubs, bei der ich zufällig als jüngstes und letzterwähltes Mitglied anwesend war. Wieder stellt er alles so hin, als wäre er zugegen gewesen, und behauptet sogar ausdrücklich, daß er ein Mitglied des Klubs sei.

Das ist natürlich eineunglaubliche Unverschämtheit. Harris hat niemals diesem Klub angehört und war auch niemals bei irgendeiner seiner Versammlungen anwesend. Es leben heute noch mindestens ein Dutzend Mitglieder dieses Klubs, die mir das bestätigen können – zum Beispiel Lord Crewe und Laurence Currie.

Harris beschreibt die ganzen Vorgänge aus dem Gedächtnis nach der Schilderung, die ich seinerzeit ihm und Wilde gab. Ferner gibt er Unterhaltungen mit George Wyndham wieder, deren Verlogenheit auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es stimmt zwar, daß Wyndham Harris flüchtig kannte und einmal, glaube ich, sogar bei ihm und seiner Frau im Park Lane dinierte, aber er empfand immer eine ausgesprochene Abneigung und ein unüberwindliches Mißtrauen gegen Harris, und als ich mich zur Zeit des Burenkrieges mit Harris mehr befreundete, schrieb mir George, der damals Unterstaatssekretär im Kriegsministerium war, einen Brief, in dem er mich vor Harris warnte und mir riet, nichts mit ihm zu tun zu haben, denn er habe eine sehr schlechte Meinung von ihm.

Harris' Buch enthält nur noch Porträts von Menschen, mit denen ich persönlich nicht bekannt bin, aber ex pede Herculem.

Als ich Robert Ross kennenlernte, machte er eigentlich einen rührenden Eindruck auf mich; äußerlich erinnerte er etwas an ein Kätzchen. Er war der Sohn eines kanadischen Rechtsanwalts, der eine Zeitlang eine prominente Stellung im politischen Leben Kanadas eingenommen haben soll, aber der Zusammenbruch der Grand-Trunk-Eisenbahngesellschaft führte seinen finanziellen Ruin herbei. Robert Ross (seine Freunde nannten ihn Bobbie oder Robbie) lebte damals bei seiner Mutter, Mrs. Ross, einer reizenden alten Dame, die ein Haus in Onslow Gardens besaß. Er besuchte die Universität in Cambridge, aber nachdem er ein Jahr dort gewesen war, wurde er eines Tages von seinen Kameraden unbarmherzig verhauen und in den Brunnen getaucht. Den Grund seiner Unbeliebtheit weiß ich nicht, aber jedenfalls verließ er Cambridge ganz plötzlich. Als ich ihn kennenlernte, ungefähr ein Jahr nach dieser Episode, kannte er Oscar Wilde bereits anderthalb Jahre. Inzwischen hatte er Zimmer in der Church-Street in Kensington gemietet –, ein winziges Schlafzimmer und ein ebenso kleines Wohnzimmer. Er bekam eine jährliche Rente von zweihundert Pfund von seiner Mutter. Außerdem verdiente er etwas durch seine Beiträge für die »Saturday Review«, als diese von dem kürzlich verstorbenen Mr. Pollock geleitet wurde.

Er kannte auch den Dichter und Literaten Henley und machte mich mit ihm in seinem Lieblingsaufenthalt, dem Solferino-Café, das jetzt nicht mehr existiert, bekannt. Henley mochte Ross damals ganz gern und gab ihm, glaube ich, auch Arbeit. Nachher führte der Haß, den Henley gegen Wilde empfand, einen Bruch zwischen den beiden herbei. Aus demselben Grund konnte Henley meine »Ballade von Perkin Warbeck«, die er sehr schön fand, in seiner vierzehntägig erscheinenden Zeitschrift »The New Review« nicht veröffentlichen. Der Essayist George Street, der damals mit mir befreundet war, hatte ihm das Gedicht gezeigt.

Zu dieser Zeit legte Robert Ross eine große Liebe für mich an den Tag. Wäre ich seinem Beispiel gefolgt und hätte seine Briefe an mich aufgehoben, so hätte ich beweisen können, daß er in genau denselben überschwenglichen Worten wie Oscar Wilde seine Liebe und Bewunderung für mich ausdrückte. Mir allein verdankt Ross seine gesellschaftliche Stellung. Ohne mich wäre er niemals in die höchsten Kreise der Gesellschaft hineingekommen, deren Einfluß und Protektion er später, um mir zu schaden, benutzte. Bei meiner Mutter lernte er eine Menge Leute kennen, von denen ich nur sagen kann – selbst auf die Gefahr hin, für einen Snob gehalten zu werden –, daß sie durchweg viel höhern Kreisen angehörten als er. Später brachte ich ihn auch mit Glenconners zusammen, durch welche er wiederum Mrs. Asquiths Bekanntschaft machte, die zur Zeit seines Débâcle im Jahre 1914 seine Hauptstütze war und auch das berühmte »Leumundszeugnis« unterschrieb, das man ihm nach seiner skandalösen Affäre im Old-Bailey-Gericht ausstellte.

Zu Beginn unserer Bekanntschaft mochte ich Ross sehr gern, und ich kann es heute manchmal kaum glauben, daß derselbe Mann sich später so unglaublich gemein gegen mich benahm. Ich kann mich nicht besinnen, jemals bei einem Menschen eine so radikale Veränderung beobachtet zu haben, wie bei diesem nervösen, sentimentalen und sonst so gemütvollen kleinen Kerl. Ich sah ihn das letztemal im Jahre 1914 im Old-Bailey-Gericht; damals bot er keinen angenehmen Anblick. In dem finster dreinschauenden, verkommen aussehenden kleinen Mann mit der Glatze, dem listigen Blick, dem negerhaften Mund, dem aufgeschwemmten Gesicht und Körper war der schlanke, hübsche, impulsive junge Mensch von einst nicht mehr wiederzuerkennen.

Als Ross starb, hinterließ er ungefähr vierzigtausend Pfund. Wie er zu diesem Geld gekommen ist, weiß ich nicht, ich kann es nur erraten. Als ich ihn kennenlernte, besaß er nichts weiter als seine kleine Rente von seiner Mutter und war immer »furchtbar knapp«. Nach ihrem Tode erbte er ein bescheidenes Einkommen, sicherlich nicht mehr als fünfhundert Pfund jährlich. Dann eröffnete er ein kleines Bildergeschäft in der Ryder-Street, das sich später zu einem größeren in der Bury-Street entwickelte und allgemein unter dem Namen »Carfax« bekannt war. Er hat mir aber wiederholt selbst gesagt, daß dieses Geschäft ihm niemals viel eingebracht habe. Doch freundete er sich mit den Asquiths an, und als der kürzlich verstorbene Lord Oxford Premierminister wurde, verschaffte dieser ihm einen Posten als Bildertaxator an der Handelskammer.

Nach dem kläglichen Ausgang seines Prozesses gegen mich mußte er diesen Posten aufgeben. Später bekam er unter Lloyd George eine andere Stellung, aber er starb plötzlich, kurz nachdem er sie bekommen hatte und ehe er ihre Vorteile genießen konnte. Sein bester Freund war zur Zeit meiner Bekanntschaft mit ihm ein Mr. More Adey, der eine Zeitlang auch mein Freund war. Nachdem Ross seine Zimmer in der Church-Street, Kensington, aufgab, teilten Adey und ich eine Wohnung in der Hornton-Street und nachher noch einmal in einem anderen Haus in der Church-Street. Ross starb in einem Haus in der Moon-Street, in dem er schon mehrere Jahre wohnte. Er soll in der Nacht nach einem Diner, das er seinen Freunden in Princes Restaurant gegeben hatte, um seine neue Anstellung zu ›feiern‹, gestorben sein. Am Morgen darauf wurde er von seinem Diener im Schlafzimmer tot aufgefunden.

Er war unzweifelhaft ein sehr intelligenter und tüchtiger Mann und ein guter Redner. Nach Wildes Tod bemühte er sich, und anscheinend mit Erfolg, Wildes Nachfolger als gewandter Erzähler zu werden. Sein literarischer Nachlaß bestand nur aus einigen ›Papieren‹. Ich selbst veröffentlichte eine seiner Erzählungen in meiner Oxforder Zeitschrift »The Spirit Lamp«. Sie hieß »Wie wir das Buch Jasher verloren«. Es war eine ganz gute Erzählung, aber Ross konnte keine Ansprüche auf wirklich literarisches Können erheben und wäre nie ohne seine Bekanntschaft mit Wilde, dessen literarischen Nachlaß er ordnete, als Literat bekannt geworden.

Er nutzte natürlich diese Beziehungen in sehr geschickter Weise aus und freundete sich mit vielen, mehr oder minder prominenten Leuten an. Sein System war Schmeichelei, »dick aufgetragen«.

Wenn er wollte, konnte er sehr liebenswürdig und reizend sein; er verstand es, den Menschen, um dessen Gunst er warb, glauben zu machen, daß er eine tiefe Verehrung für ihn empfinde. Wenn man sich zehn Minuten mit ihm unterhalten hatte, ging man mit dem angenehmen Gefühl fort, daß man eine wirklich wichtige Persönlichkeit sei und daß Ross diese Tatsache anerkenne und niemals vergessen würde. Die daraus entstehende Empfindung der Genugtuung, ins Hundertfache vervielfältigt, schuf jene Atmosphäre, die es Ross ermöglichte, eine gesellschaftliche Stellung zu erringen, die weit über seine kühnsten Jugendträume hinausging.

Der Karikaturist und Schriftsteller Max Beerbohm war zur selben Zeit in Oxford wie ich, und wir waren sehr befreundet. Sein bester Freund Reggie Turner, der zu meiner Zeit in Oxford studierte und auch mein Freund war, machte mich mit ihm bekannt. Beide waren mit Ross und Adey befreundet. In meiner Studentenzeitschrift »The Spirit Lamp« veröffentlichte ich Max Beerbohms ersten Artikel. Es war ein Essay über das Thema »Die unvergleichliche Schönheit der modernen Kleidung«. Die für ihn äußerst charakteristische, geschickte und oberflächliche Plauderei rief natürlich große Empörung bei den »Philistern« jener Zeit hervor. Ich glaube nicht, daß der Artikel jemals wieder im Druck erschienen ist. Als ich mich mit Ross entzweite, verlor ich die Fühlung mit Turner und auch mit Beerbohm. Dies bedauerte ich lebhaft, besonders um Turner tat es mir leid, denn ich hatte ihn recht gern, und er hing eine Zeitlang wenigstens sehr an mir. Während ich als Gast von Lord und Lady Cromer in Kairo weilte, war Reggie Turner auch dort. Er wohnte bei seinem Stiefbruder auf dessen Dahabeeyah, damals »le dernier cri« des Luxus und der Eleganz. Ich verbrachte sehr viele Stunden als Reggies Gast auf diesem Boot. Reggie Turner hat eine Menge Romane geschrieben, aber das einzige Gedicht, das er, glaube ich, jemals verfaßte, war an mich gerichtet. Es war ein ›Sonett‹ und wurde nach unsäglicher Pein an Bord der Dahabeeyah zustande gebracht. Ich kann mich nur noch an die ersten beiden Zeilen erinnern:

»Schöner als jede Blume ist dein Gesicht,
Und deine Glieder sind unvergleichlich.«

Reggie Turner, Robert Hichens und E. F. Benson waren alle zur gleichen Zeit mit mir in Luxor und wohnten im selben Hotel wie ich. Wir machten eine gemeinsame Partie auf einem Postdampfer den Nil hinauf. Ich war sehr viel mit Hichens in Luxor zusammen, und sein parodistischer Roman »Die grüne Nelke« war das Ergebnis seiner Bekanntschaft mit mir, denn damals kannte er Oscar Wilde noch gar nicht. Das Buch schadete mir ungemein; daß er es überhaupt schrieb und sich dabei viele meiner Aussprüche aneignete, war ein Treubruch, für den ich jetzt dem Urheber keinen Vorwurf mehr machen will, da er sein Bedauern darüber öffentlich geäußert hat.

Freddie Benson hingegen war ein echter Freund, der sein möglichstes tat, mich gut zu beeinflussen und sich auch bemühte, seinen Verleger Methuen zu bewegen, meine Gedichte zu veröffentlichen. Methuen lehnte sie ab, nachdem er so freundlich gewesen war, zu sagen, daß sie »eine gewisse Aussicht auf spätere wertvollere Arbeit versprächen«; sie wurden nachher von vielen anderen Verlegern, unter andern auch von Heinemann, abgelehnt. Wie ich schon berichtet habe, wurden sie zuerst im Jahre 1896 vom »Mercure de France« und drei Jahre später in London von Grant Richards veröffentlicht. Als ich Katholik wurde, war ich mit Hugh Benson, dem Monsignore Benson, sehr befreundet, und war öfter sein Gast in seinem Hause unweit von Huntingford.

Auch Aubrey Beardsley kannte ich und traf ihn öfter in London zusammen mit Wilde und Ross, doch wenn ich ganz offen sein darf, muß ich sagen, daß er mir nicht sympathisch war, obgleich ich einige seiner Zeichnungen sehr schön fand. Aber den unglücklichen Dawson mochte ich gern, und ich bedaure lebhaft, daß ich in den letzten beiden Jahren seines Lebens, als er von einer sehr kleinen Rente, die ihm sein Verleger Smithers aussetzte, kümmerlich lebte, nicht alles tat, was in meiner Macht stand, um ihm zu helfen. Arthur Symons begegnete ich auch ziemlich häufig, aber ich war niemals das, was man befreundet nennt, mit ihm. Heute erkenne ich seine große Begabung mehr an. Doch vom Standpunkt des Dichters aus muß ich gestehen, daß er einer Richtung angehört, die mir nie sehr sympathisch war.

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