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Freundschaft mit Oscar Wilde

Alfred Douglas: Freundschaft mit Oscar Wilde - Kapitel 10
Quellenangabe
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typebiography
authorLord Alfred Douglas
titleFreundschaft mit Oscar Wilde
publisherPaul List Verlag
year1929
translatorE. Mc Calman
correctorJosef Muehlgassner
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8. Kapitel – Liebe, Sport, Literatur

Als ich Winchester Weihnachten 1888 verließ, war ich kurz vorher achtzehn Jahre alt geworden. Anfang des Jahres 1889 wurde ich mit meinem Hauslehrer Gerald Campbell ins Ausland geschickt. Er war der jüngere Bruder von Sir Guy Campbell und der Neffe meiner Großtante Madeline (der hochgeborenen Lady Percy Wyndham), die ich bereits erwähnt habe, und war daher ein entfernter Verwandter von mir. Campbell gehört jetzt schon lange zu den Mitarbeitern der Times. Während ich mit ihm in Südfrankreich weilte, hatte ich meine erste Liebesaffäre. Die Dame, eine berühmte Schönheit, war mindestens zwölf Jahre älter als ich und die geschiedene Frau eines Grafen. Sie war mit einem anderen Mann durchgegangen, von dem sie sich aber zur Zeit, als ich sie kennenlernte, endgültig getrennt hatte. Ich wohnte mit meinem Lehrer, der ein entfernter Vetter von ihr war, im selben Hotel. Die Angelegenheit entwickelte sich im klassischen Stil – nur daß es keinen beleidigten Gatten im Hintergrund gab. Hier muß ich mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu erwähnen, daß ich in meinen schlimmsten Zeiten, was die Moral anbetrifft, nie daran dachte, der Frau eines anderen Mannes den Hof zu machen. Der Verlauf dieser Liebesaffäre war ungefähr der gleiche wie der der ersten Episode in Byrons Don Juan.

Die Sache erreichte ihren Höhepunkt in jenem Augenblick, als mein Lehrer eines Nachts (in höchst indiskreter Weise, wie ich damals dachte und noch heute denke) an die Schlafzimmertür der Dame klopfte und die Herausgabe seines verführten Schützlings und unschuldigen Schäfchens forderte. Das unschuldige Schäfchen erschien schließlich nach einer höchst peinlichen Szene, in Tränen der Wut aufgelöst, notdürftig mit einem der vielbebänderten Nachtgewänder der Dame bekleidet, und wurde unter der Begleitmusik ihres kläffenden Schoßhündchens dem Lehrer ausgehändigt. Nach diesem Abenteuer wurde der armen Dame in unbarmherzigster Weise und mit den beleidigendsten Worten von einem Heer entrüsteter Matronen vorgeworfen, »einen unschuldigen Jungen verführt« zu haben.

Ich freue mich jetzt, daß ich schon damals so viel Ritterlichkeit besaß, um laut dagegen zu protestieren und ohne die geringste Rücksicht auf meine eigenen Interessen zu erklären, daß ich nach vier Jahren in Winchester kein unschuldiger Junge und kein Engel sein konnte. Ich glaube zwar kaum, daß meine Proteste ernst genommen wurden; jedenfalls wurde ich auf immer von meiner schönen Dame getrennt und, mit Schimpf und Schande bedeckt, nach England zurückgeschickt. Dies geschah einige Monate, ehe ich nach Oxford kam.

Ich möchte weder frivol noch heuchlerisch erscheinen, doch glaube ich bestimmt, daß mir viel Schlimmeres als diese Liebesaffäre hätte zustoßen können, und daß ich durch meine Angebetete vielleicht vor Ärgerem bewahrt worden wäre, wenn man uns in Frieden gelassen hätte. So aber war es kaum zu vermeiden, daß ich genau wie jeder andere Jüngling in meinem Alter und mit meiner Erziehung in jene Kreise hineingezogen wurde, die den Empireklub bevorzugten (für dessen Erhaltung Winston Churchill seine erste große Redeschlacht lieferte, als dieser Klub von Mrs. Ormiston Chant bedroht wurde) und später den etwas aristokratischen Corinthianklub, die beide die übliche »Ausstaffierung«, wenn ich mich so ausdrücken darf, verlangten. Wenn ich jetzt über diese ganze traurige Geschichte lache, geschieht es nur, wie Figaro sagt, »de peur d'être obligé d'en pleurer«.

Ich bin gezwungen, dies alles über mich zu erzählen, weil es die Antwort (allerdings nicht jene, die ich geben möchte) auf die gegen mich erhobenen Beschuldigungen ist, daß ich geschlechtlich vollkommen anormal und degeneriert sei. Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, daß diese Beschuldigung das letztemal im Jahre 1921 gegen mich erhoben wurde, und zwar von der »Evening News« – sie kostete dieses unternehmungslustige Blatt tausend Pfund Schadenersatz an mich und viele Tausende an Gerichtsunkosten.

Ich kam also im Jahre 1889 kurz vor meinem neunzehnten Geburtstag nach Oxford und trat in das Magdalenen-College ein. Meine Interessen beschränkten sich damals hauptsächlich auf Sport und Geselligkeit, obgleich ich auch wissenschaftliche und künstlerische Neigungen hatte. Als Junge hatte ich oft an den Jagdgesellschaften meines Onkels, des kürzlich verstorbenen George Finch, teilgenommen. Ich war schon damals kein schlechter Schütze, obgleich ich mich erst viele Jahre später rühmen konnte, ein wirklich ausgezeichneter zu sein. An den üblichen Spielen im Freien nahm ich auch gern teil, ruderte viel, obgleich ich das Rudern nie ernstlich betrieb, und es machte mir sehr viel Spaß, zusammen mit Freunden die improvisierten Wettläufe über Land mitzumachen, die wir oft veranstalteten, und bei denen alle gezwungen waren, dem Anführer blindlings zu folgen, und wenn er über irgend etwas sprang, es ihm sofort nachzumachen. Dieser sehr reizvolle Zeitvertreib hat mich einmal beinahe das Leben gekostet. Ich lief zusammen mit sieben oder acht Freunden über Land. Es war kurz nach dem historischen scharfen Frost (im Winter 1890, glaube ich), als die Themse bei Oxford so fest zugefroren war, daß ein Viergespann über den Fluß fahren konnte. An diesem Tag war der Frost zwar nicht mehr so streng, aber es schwammen noch viele Eisblöcke im Fluß umher. Plötzlich hatte ich den Einfall, den Fluß zu überqueren, indem ich von einem Eisblock zum anderen sprang. Ich rief meinen Kameraden zu, mir zu folgen, und kam hinüber. Wie durch ein Wunder kamen wir alle heil an das andere Ufer, worauf ich sofort den Rückweg antrat. Ich sprang auf einen großen schwimmenden Eisblock, der zu meinem Entsetzen, sowie ich ihn betrat, umkippte und mich kopfüber in das eisige wirbelnde Wasser schleuderte. Als ich versuchte, an die Oberfläche zu gelangen, stieß mein Kopf gegen den Eisblock, auf den ich gesprungen war. Inzwischen standen meine Gefährten am Ufer und schüttelten sich vor Lachen über mein Mißgeschick. Fast wäre ich vor ihren Augen ertrunken, ehe einer von ihnen, mein ältester und bester Freund Tyler Reid (der leider schon viele Jahre tot ist), begriff, daß es sich hier um keinen Scherz handelte, und mir zur Hilfe eilte. Er mußte durch das eisige Wasser waten, und mit unendlicher Mühe schleifte er mich ans Ufer. Nachdem ich mich einige Sekunden verpustet hatte, war ich schon wieder so weit, daß ich nach Hause laufen konnte. Ich hatte nichts weiter an als ein Trikothemd und Badehosen. Zu Hause erwärmte ich mich wieder, und dieses unfreiwillige Bad hatte keine bösen Folgen.

Was mein geistiges Leben betrifft, so hatte ich damals schon nur für die allerbesten literarischen Werke Interesse. Als ganz kleiner Junge schon hatte ich Shakespeare geliebt (meine Mutter pflegte ihn mir vorzulesen), und am Schluß meines zweiten Jahres in Oxford hatte ich fast alle die besten englischen Dichtungen gelesen und sie schätzen gelernt. Frank Harris wirft mir in einem seiner periodisch wiederholten Angriffe vor, daß ich in meinem Buch »Oscar Wilde und Ich« Wilde nicht die Anerkennung zolle, die ich ihm für seine geistige Anregung schulde. Dieser Vorwurf ist, wie eigentlich alle anderen, die Harris mir macht, vollkommen unbegründet. Jeder, der das betreffende Buch liest, wird sofort daraus ersehen, daß ich Wilde die Anerkennung, die ihm zukommt, nicht vorenthalte. Zugleich muß ich aber betonen, daß Wilde mich bestimmt nicht Gedichte lieben oder schreiben lehrte, und da Harris selbst in der einzigen wahren Äußerung, die er jemals über mich gemacht hat, ausdrücklichst hervorhebt, daß ich stets ein weit begabterer Dichter als Wilde gewesen sei, verstehe ich nicht ganz, was ich seiner Meinung nach über Wildes »geistige Anregung« hätte mehr sagen müssen, als was ich nicht schon wiederholt gesagt habe.

Während meines ersten Jahrs in Oxford begann ich bereits dichterisch tätig zu sein. Ich hatte schon während meiner Schulzeit Gedichte verfaßt, hauptsächlich humoristischer Art, aber nichts, was besonderen Wert gehabt hätte. Die einzigen noch existierenden Proben meines damaligen Könnens sind in einer Schulzeitschrift, die »The Pentagram« hieß und wöchentlich erschien, zu finden. Ich gab sie zusammen mit meinen Freunden »Sal« Phipps und Lidderdale im Sommerhalbjahr 1888 in Winchester heraus. Ich besitze noch ein gebundenes Exemplar dieser Zeitschrift, die seinerzeit zwölf Wochen lang erschien. Sie war ein Riesenerfolg, und die Zahl der Abonnenten war zuletzt viel höher als die Zahl der Schüler, weil mehrere frühere »Wykehamisten« sie hielten. Seinerzeit befand sich ein gebundenes Exemplar in der Bibliothek unseres Schulhauses, es wird wahrscheinlich noch da sein.

In meinem zweiten Jahr in Oxford schrieb ich mein erstes ernstes Gedicht. Es hieß »Herbsttage« und erschien im Oxford-Magazin. Mr. (jetzt Sir Herbert) Warren, der Präsident des Magdalen-College, fand es so gut, daß er mich in einem Brief dazu beglückwünschte. Ich habe diesen Brief zwar nicht aufbewahrt, aber ich erinnere mich genau an folgende Worte, die er enthielt: »Ich fand Ihr Gedicht wirklich wunderbar, so voll echten Empfindens; ich muß gestehen, ich hätte nie gedacht, daß Sie etwas so Wertvolles schreiben könnten.« Diese Worte sind mir zufällig im Gedächtnis geblieben, weil ich sieben oder acht Jahre später, als mein Gedichtband »Die Stadt der Seele« (»The City of the Soul«) anonym herauskam, Sir Herbert Warren ein Exemplar davon schickte, das er mir jedoch mit den Worten zurücksandte: »Ich bedaure, aber ich kann dieses Buch nicht annehmen.« Das erschien mir seinerzeit als eine etwas brutale und unnötig gemütlose Handlung, und ich erinnere mich noch, daß ich den Brief von ihm über »Herbsttage« heraussuchte und noch einmal las, ehe ich ihn zerriß. Ich erwähne diese Episode als ein Beispiel der vielen Kränkungen, die ich wegen meiner Freundschaft mit Oscar Wilde mein ganzes Leben lang habe ertragen müssen; er war übrigens auch ein langjähriger Freund von Sir Herbert Warren, der nie versäumte, ihn aufzusuchen, wenn er zu mir nach Oxford kam.

Außer meiner wirklich echten Liebe für Gedichte und Literatur, besonders für Gedichte, besaß ich auch eine große Vorliebe für Musik. Obgleich ich schon lange, ehe ich nach Oxford kam, allen Glauben an Gott verloren hatte, versäumte ich selten, dem Abendgottesdienst in der Kapelle des Magdalen-College beizuwohnen. Der berühmte Chor dieser Kapelle, damals der beste der Welt (er ist es, glaube ich, noch und müßte es auch sein, denn er wird von einer besonderen Stiftung unterhalten und hat eine jährliche Summe von fünftausend Pfund zu seiner Verfügung), war eine Lockung, der ich nicht widerstehen konnte. Auf diese Weise lernte ich vieles der besten Kirchenmusik der Welt kennen. Diese Gewohnheit führte auch zu meiner Freundschaft mit Frank Marshall, einem ausgezeichneten Kammermusiker und Pianisten; sie besteht zu meiner großen Freude noch heute. Ich hatte auch noch einen anderen Freund im Chor namens Tapsfield, der jetzt Domherr an der St. Pauls-Kirche in London ist; er besaß eine prachtvolle Baßstimme und war ein vollendeter Musiker. Ich war ebenfalls innig mit dem lieben alten Dr. Roberts befreundet, dem Organisten, dem gütigsten und treuesten aller Menschen. Er erlaubte mir, auf seiner Orgel zu spielen, sooft ich wollte.

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