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Freuden des jungen Werthers

Friedrich Nicolai: Freuden des jungen Werthers - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorChristoph Friedrich Nicolai
booktitleVertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S. - Freuden des jungen Werthers
titleFreuden des jungen Werthers
publisherBuchverlag Der Morgen
seriesMärkischer Dichtergarten
editorGünter de Bruyn
year1982
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectidfc2ed8d1
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Voran und zuletzt ein Gespräch

Personen: Hanns, ein Jüngling
Martin, ein Mann

»Die Leiden des jungen Werthers«, sagte Hanns, »das ist, der Henker hol's, ein Buch, das dringt dir durch Mark und Bein, jede Ader schwillt dir, und das Gehirn funkelt dir, daß du gleich auf möchtest ...«

»Ja freilich, das ist so ein Buch«, sagte Martin, »wer's geschrieben hat, kann sich ruhig aufs Haupt legen und braucht nicht zu fürchten, daß über hundert Jahre ein belesener Tölpel davon sagt: Das ist ein rares Buch, ihr Leute, seit neunundneunzig Jahren hat kein Mensch davon was gehört und gesehen.«

Hanns war einundzwanzig Jahre alt und Martin zweiundvierzig.

Hanns fuhr fort: »Was das für ein Junge war, der Werther! Gut, edel, stark. Und wie sie ihn verkannt haben! Da kamen die Schmeißfliegen, setzten sich auf ihn, beschmutzten alles, was er tat. Und auch Albert, sein Freund, verkannte ihn, konnte eifersüchtig werden! Ach, was hat der Albert nicht auf sich! Ich möchte nicht Albert sein, um aller Welt Güter nicht.«

Martin: »Du nicht Albert? Hör, Hanns, du tätest einen großen Sprung, wenn du Albert würdest. War Albert nicht der redlichste, unbescholtenste, nützlichste Mann, der Lotten von ganzer Seele liebte? Sollte er etwa ganz geruhig zusehen, daß ein andrer bei seiner Frau den sterblich Verliebten spielte, ihr den Kopf umdrehte und sie in der Leute Mäuler brächte? Was hat denn wohl Albert getan, warum du nicht Albert sein möchtest?«

Hanns: »Es ist ja ein Greuel! Hast du nicht gelesen, wie er eifersüchtig war? Hatte Werther nicht auch einen Kopf? Und gab ihm das schwarze Blut nicht gar ein, daß er Alberten ermorden wollte und Lotten dazu? Darf Werther alles und Albert nichts? Das wollte Werther selbst nicht. Nein, Hanns, dein Held mag Werther sein, mein Held ist der Autor.«

Hanns: »Da sieht man's: du bist ein alter, kalter, weiser Kerl, der mit Werthern und mit seinen Leiden nicht sympathisieren kann. Du liebst den jungen, braven Burschen voll Feuer und Leben nicht und willst einen steifen, trockenen Aktenkrämer wie Albert loben.«

Martin: »Also bin ich kalt? Habe ich dir nicht gesagt, daß ich den Autor bewundere? Und da sollte ich nicht Werthers Charakter bewundern, der des Autors Meisterstück ist? Wer kann diesem feurigen edlen Charakter Bewunderung und Liebe und seinem Schicksal, zumal wenn's so meisterhaft erzählt, so lebhaft dargestellt wird, seine Tränen versagen? Meinst du nicht, daß sich mir das Blut im innersten Herzen bewegt hat, als ich las: ›Er pflückte Blumen am Wege, fügte sie sehr sorgfältig in einen Strauß und – warf sie in den vorüberfließenden Strom und sah ihnen nach, wie sie leise herunterwallten.‹«

Hanns: »Wenn du denn Werthern liebst, siehst du nicht, wie gut es wäre, wir wären alle so wie Werther, unserer Kräfte uns bewußt, und wir brauchten unsre Kräfte, soweit es ging, und keiner ließe sich durch Gesetz und Wohlstand modeln?«

Martin: »Schau, Hanns, dazu hat, wenn ich's recht sehe, der Autor die ›Leiden des jungen Werthers‹ nicht geschrieben, dir und deinesgleichen nicht! Er kennt euch besser, euch junge Burschen (Hanns, du bist auch einer davon!), die ihr eben flügge seid und anfangt, aus der hohen Schule in die Welt zu gucken. Euch Kerlchen ist nichts recht. Alles wißt ihr besser. Was der Welt nützt, möchtet ihr nicht lernen, denn es wäre Brotwissenschaft. Eingeführter guter Ordnung wollt ihr euch nicht fügen, denn das wäre Einschränkung. Was andre tun, möchtet ihr nicht, wollt Originale sein, wollt es anders haben; es ist lange genug so gewesen. Was kümmern euch Gesetze und Ordnungen und Staaten und Reiche und Könige und Fürsten. Prätorianische Garden wollt ihr haben und ein bißchen Faustrecht und Keulen und Völkerwanderungen. Da wäre noch Selbständigkeit in den Menschen, da ginge es doch fein kunterbunt zu. Sa, sa, wär's nicht ein Leben, wenn ihr dann so zusehen könntet, wie das alles passiert, und ließet eure winzigen Seelchen drob erschüttern und könntet schreien: He, da ist Kraft und Tat! Ja, zusehen und drob schreien würdet ihr Bürschchen, und nichts weiter. Denn was auch in der Welt vorginge: Ihr tätet's nicht! Es ist doch in euern lappigen Mäuslein keine Schnellkraft, noch Festigkeit in euern leeren Geistern. Ihr plaudert da viel von Kraft und Stetigkeit und seid arme lässige, herumtrollende Flittchen. Ihr habt ein weidlich Geschwätz von Einschränkung und Modelung und Polierung und Nachahmung und gäbt doch nicht ein Polsterchen von eurem Sorgenstuhl oder ein Schleifchen von eurem Haarbeutel weg, damit es anders würde. Euch Püppchen würde es auch frommen, wenn das Faustrecht gälte: ihr müßtet dann aus dem Lande laufen. Daß ihr Springinsfelde Werther würdet, damit hat es nicht not, dazu habt ihr das Zeug nicht. Aber wohl könnt ihr am guten Werther von weitem sehen, wohin es führen muß, wenn einer auch beim besten Kopfe und beim edelsten Herzen immer allein für sich sein, immer Kräfte anstrengen und immer dabei außerm Gleise ziehen will. Wenn dabei Kraft und Stetigkeit in der Seele ist (ist die aber nicht da, so ist's eitel lächerlich), und ein Unglück stemmt sich darwider, wo will da Trost oder Entschluß herkommen, muß da nicht, wie der Autor vortrefflich sagt: ›... die ganz in sich gedrängte sich selbst ermangelnde und unaufhaltsam hinabstürzende Kreatur in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte knirschen?‹ Das würde euch nicht frommen, ihr Füllen, die ihr Rosse wollt sein, ehe es Zeit ist! Zieht denn nur ruhig am Seil, an das ihr gespannt seid, und laßt euch füttern, und wähnt nicht, daß es euch im Walde besser wäre.«

Hanns: »Hast du ausgeredet, Prediger? Dir deucht's wohl, jeder ginge geblendet im Zirkel wie ein Roß in der Mühle und dächte nicht: Auf und davon, jenseits ist Licht und ein freier Sprung? So dachte Werther und ließ die Welt, als es nicht mehr ging. War's nicht ein großer Streich, he?«

Martin: »Ein großer Streich? Wenn du den tätest, Hanns, ich sagte, du hättest dich übertroffen.«

Hanns: »Geh! Du hast nur eine halbe Seele. Es lodert nur ein schwaches Fünkchen himmlischen Feuers in deiner engen Brust. Du spottest über Edeltat! ›Daß ich diesen Kerker verlassen kann, wenn ich will‹, ist's nicht ein süßes Gefühl von Freiheit? Kannst du's leugnen?«

Martin: »Wäre der Körper der Seele ein Kerker und nicht ein nötiges Werkzeug, so möcht's drum sein, aber ...«

Hanns: »Aber, Mensch! Du bist kalt wie ein Stein. Mußt du nicht Werthern bedauern, inniglich im Herzen bedauern?«

Martin: »Bedauern? Ja. Lieben und bedauern! Wo so viele edle Kräfte, bloß zur unruhigen Lässigkeit verwendet, ungenutzt vermodern, wo einer, der so viele wichtige Zwecke sehen und erfüllen konnte, tobender endloser Leidenschaft folgt, bis Natur unter Anstrengung erliegt: wer will da nicht bedauern! Aber bloß bedauern? Was meinst du: wenn Werther den Menschen im schlechten grünen Rocke, der zwischen den Felsen Blumen suchte, anstatt der Blumen mit der Pistole in der Hand gefunden hätte, wie er sich eben die Mündung übers rechte Auge an die Stirn drückte, hätte er da ruhig warten sollen, bis der Schuß geschehen wäre, hernach die Achseln zucken und sagen: ›Der Mensch hat das Maß seines Leidens nicht ausdauern können‹?«

Hanns: »Ei, nun freilich ...«

Martin: »Ei, nun freilich! Was Werther einem andern schuldig war, war er's nicht vielmehr sich selbst schuldig?«

Hanns: »Steht er nicht da und spricht weise wie ein Buch? Als wenn Werther beim Sturme seiner Leiden so vorsichtig hätte handeln können! Da stirbt einer am hitzigen Fieber! Sagst du, Mensch, nicht auch wie Lukas in der Komödie: Warum hat er sich doch nicht kurieren lassen! Hätte der Tor nicht warten können? Er starb zu schnell!«

Martin: »Gut, daß du gestehst, daß der Mensch, der seinen Körper zerstören will, sich in einem ebenso unnatürlichen Zustand befindet wie einer, der ein hitziges Fieber hat. Aber ich sage dem Kranken doch nicht: Warte, ehe du stirbst, bis sich deine Säfte verbessert, deine Kräfte erholt haben. Ich sage: Freund, du liegst in einer engen Stube voll fauler Dünste; öffne das Fenster, draußen ist des lieben Gottes reine Luft, die alle Kreaturen erquickt; trink einen Julep, der dein Blut abkühlt; nimm einen Chinatrank, der Fäulnis hindert und Kraft gibt. Dies war Werther auch sich selbst schuldig. Die ganze Welt lag ja vor ihm. Und war er, der Edelsten einer, der Welt nichts zu leisten schuldig? Warum wollte er einzeln sein? Wenn ihn Menschen haben mochten, sich an ihn hängten, deren Weg nur so eine kleine Strecke mit seinem ging, warum schlenderte er nicht ihren Weg mit ihnen eine kleine Strecke weiter, bloß weil's Menschen, eine recht gute Art Volks waren? Er würde viel besser mit sich gestanden haben. Die vielerlei Menschen, die allerlei neuen Gestalten, die dem in sich und in seine Leidenschaften eingeschlossenen gleichgültigen Werther sonst nur ein buntes Marionettenspiel machten, würden ein heilsames Kühlungs- und Stärkungsmittel geworden sein, wenn er teilgenommen und bedacht hätte: Sie sind ja was ich bin, Menschen. Die Kräfte, die in ihm ungenutzt ruhten: hätte er sie entwickelt und gebraucht, so würde ihm in Kürze die Welt wenigstens so gefallen haben wie der kleine Knabe, den er ungeachtet seines Rotznäschens küßte. Und die Welt würde ihm die Hand geboten haben wie das freimütige Kind.«

Hanns: »Das ist alles schön und gut, aber es war mit Werthern zu weit, es konnte nun nicht anders werden, mußte notwendig so kommen.«

Martin: »Versteh mich! Wenn du Werthern betrachtest wie den Ton in der Hand des Töpfers, wie einen Charakter in der Hand des Dichters, so mußte es so kommen. Der Autor hat freilich mit seltener Kenntnis alle Züge dieses schwärmerischen Charakters so zusammengesetzt, mit bewundernswürdiger Feinheit alle Begebenheiten, auch die kleinsten, so eingeleitet, daß die schreckliche Katastrophe natürlich erfolgt, die uns das herbe Ach! auspressen soll. Stellst du dir aber Werthern vor als einen Menschen, der in der Gesellschaft lebt, so hat er unrecht, daß er einzeln sein und die Menschen um sich als Fremde ansehen wollte. Er hatte, seit er an der Mutter Brust lag, die Wohltaten der Gesellschaft genossen, er war ihr dagegen Pflichten schuldig. Sich ihnen entziehen war Undank und Laster; sie ausüben würde Tugend und Beruhigung gewesen sein. Selbst nachdem er schon die hoffnungslosen Todesbriefe geschrieben hatte, selbst da noch (hätte er gedacht, daß er noch Sohn, Bürger, Vater, Freund sein könnte, sein müßte) konnte noch Trost und Zufriedenheit von vielen Seiten her auf seine bedrängte Seele fließen, wenn er nicht mit einem Stoße die Tür zuwarf.«

Hanns: »Ich wüßte wahrlich nicht, wie Werther da noch glücklich hätte werden können; war ja seines Leidens kein Ende zu finden.«

Martin: »Wollen's mal sehen. Die geringste Veränderung tut's wohl: gibt Freuden, Leiden, wieder Freuden und allerlei. Setze z. B. den einzigen kleinen Umstand: als Albert, des lange verschobenen Geschäfts wegen, wegritt und Werther Lotten zuletzt besuchte, waren Albert und Lotte noch nicht verheiratet, nur so gut als verlobt; die Hochzeit sollte in Weihnachten sein. Du siehst, ich denk mir's so, weil die Szene um Worms liegt, wo man sich nicht so leicht scheiden kann wie in Brandenburg. Wär's da, änderte ich auch dies nicht. Lotte mag in einem Hause mit Albert wohnen oder dicht daneben bei ihrer Tante oder bei wem du sonst willst. Albert ist wiedergekommen, hat gehört, daß Werther seine Zeit wohl nahm und gestern eine Stunde da war.

Und nun ...«

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