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Freiligrath - Gesamtwerk, Band 1-3

Ferdinand Freiligrath: Freiligrath - Gesamtwerk, Band 1-3 - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorFerdinand Freiligrath
booktitleGesamtwerk
titleFreiligrath - Gesamtwerk, Band 1-3
publisherTh. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig
seriesWerke in neun Bänden
volumeBand 1 - 3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061215
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Biographie

Große Dichter sieht man bei Nennung ihrer Namen im Geiste wie auf dem Piedestal ihres Ruhmes; augenblicks hat man ihre Werke und deren Bedeutung gegenwärtig.

Nennt man den Namen Freiligrath, so weiß man ohne Besinnen, daß er der echteste Volksdichter Deutschlands und als solcher der bedeutendste und eigenartigste unter unseren neueren Dichtern ist. In dieser Hinsicht und auch an Popularität ist er uns, was Béranger dem neueren Frankreich, wie verschieden auch sonst der Charakter beider Poesien sei. Gleich Bérangers Chansons sind auch Freiligraths Lieder nur in Verbindung mit der lebendigen Gegenwart und dem öffentlichen Leben seiner Zeit zu würdigen, denn dadurch gewannen sie bei dem einen wie dem andern im Munde und Herzen des Volks ihre mehr als bloß literarische Bedeutung.

Hermann Ferdinand Freiligrath, am 17. Juni 1810 zu Detmold in Westfalen geboren, war der einzige, seine jüngeren Geschwister überlebende Sohn eines Schullehrers aus dessen erster Ehe. Im siebenten Jahr verlor er seine Mutter, und der Vater heiratete danach ein zweites Mal. Neben dem gewöhnlichen Schulunterricht war der Archivrat Clostermeier, der Schwiegervater des Dichters Grabbe, von Einfluß auf seine Jugendbildung durch Privatunterricht und vielfache Anregungen im Verkehr mit ihm und dessen Familie. Mit sechzehn Jahren kam Freiligrath, wohl sehr gegen seine innerste Neigung, in die kaufmännische Lehre zu einem Verwandten in Soest. Bestimmend bei der Wahl dieses Berufs war die Aussicht, daß der junge Mann später in das Geschäft eines sehr wohlhabenden Onkels in Edinburgh eintreten sollte.

Fünf Jahre währte die Lehrzeit. Sie bildete Freiligrath zu einem tüchtigen Kaufmann, der namentlich durch Erlernen des Englischen und Französischen und eifrig betriebenes Bücherlesen schon früh seinen Gesichtskreis erweiterte. Aber er machte für sich, eigenem Drange folgend, dabei auch seine Lehrzeit als Dichter durch. In den Jugendgedichten, in welchen er sich damals versuchte und die er im Soester Lokalblatt auch schon veröffentlichte, besitzt diese neue Ausgabe der Gesammelten Dichtungen Freiligraths ein wertvolles Material zur Erkenntnis seiner poetischen Entwicklung. Manche andere sind, wenigstens bisher, nicht mehr aufzufinden gewesen. Sie enthalten zunächst etwas krankhafte Betrachtungen über den Tod, eine Hinneigung zu lyrischen Ergüssen düsterer Art, welche allerdings auch wieder von schalkhafter Launigkeit durchbrochen wird. Im ›Moostee‹, im Alter von sechzehn Jahren und während einer Kränklichkeit gedichtet, überrascht dagegen die Macht der Phantasie und ihre künstlerische Bändigung in äußerst beredter, nach malerischen Effekten strebender Naturschilderung, durch welche ein wilder Feuerstrom erwachten Ehrgeizes schießt. Hier haben wir die erste Gestaltung der Eigenartigkeit der Freiligrathschen Poesie, wie sie sich zunächst im Aufsuchen ferner Natur und fremden Volkslebens, im Gelüst nach wilden Szenen und blendenden, farbenglühenden Schilderungen fortentwickeln sollte. Um so merkwürdiger ist die Tatsache, daß in diese Gärungszeit auch die Abfassung des meisterhaften, von zartesten Tönen seelischer Innigkeit getragenen Liedes fällt: ›O lieb', so lang du lieben kannst‹. Freiligrath dichtete es mit neunzehn Jahren, und als eine Klage um seinen kurz zuvor in Soest verstorbenen Vater, nicht, wie vielfach noch angenommen wird, im Liebesweh einer späteren Zeit. Auch in diesem Gedicht haben wir somit schon eine vollendete Grundform seiner Poesie, tief lyrischer Art, welche er erst nach einem großen Umweg, nach einem wilden Ritt durch die Welt, wenn man so sagen darf, wiederfand, wie er es überhaupt erst zwanzig Jahre später als eine kostbare Perle unserer Literatur seiner »Nachlese« einverleibte.

Seine ersten poetischen Anregungen aber verlangten nach markigen, faßbaren Gestaltungen. Ein Bibelbild ohne Zweifel, in seiner Erinnerung aus der Kinderzeit, regte z. B. in ihm das auch in der Form vollendete Gedicht ›Nebo‹ an; er selbst gibt ja überhaupt als die Ursache seiner phantastischen Neigungen nach dem Orient den Umstand an, daß er als Kind von der Mutter oft bei einer Bilderbibel Unterricht erhielt. Von daher stammt offenbar auch das Bestreben, seine Einbildungskraft möglichst zu bestimmten Bildern zu verdichten. Eine andere, patriotische Anregung suchte sich dann wieder derartig in ›Barbarossas erstes Erwachen‹ Genüge zu tun. Die von afrikanischen Schilderungen erfüllte Phantasie drückte sich zum erstenmal in dem Gedicht ›Afrika‹ aus; in Verbindung mit geschichtlichen Vorgängen seiner Zeit entstand infolge der Eroberung Algiers ›der Scheik am Sinai‹. Alle diese Arbeiten sind Jugendgedichte, die in die Jahre 1829 und 1830 fallen. Sie zeigen schon die ganze Originalität der Freiligrathschen Poesie, sowohl nach Inhalt wie Form, selbst in der Anwendung des Alexandriner-Versmaßes, vor welchem die deutschen Dichter eine Art mißächtlicher Scheu hegten, und in dem gerade deswegen der junge Ehrgeiz Freiligraths in keckem Trotz die Fertigkeit seiner Sprachkunst dartun wollte, um damit auch die malerische Wirkung seiner Bilder zu erhöhen.

Im Jahre 1831 ging er als Kaufmannsdiener nach Amsterdam, nachdem ein inzwischen eingetretenes Geschäftsunglück des Onkels in Edinburgh ihm die Hoffnungen auf diesen abgeschnitten hatte. An dem neuen Ort seiner Berufstätigkeit kamen aber auch seinem poetischen Sinn neue, mächtige Eindrücke entgegen: das Meer und die Schiffahrt, welche den holländischen Seehafen in steter Verbindung mit den fernen Ländern hielt. In Gedanken folgte er diesen aussegelnden Schiffen nach Afrika, nach Indien, nach dem Türkenland, nach Amerika. Im Drang der Schaffenslust erstand ihm Gedicht auf Gedicht aus diesen Anregungen. Sie bildeten gleichsam seine Tagebuchblätter; er selber bezeichnete denn auch später einen Teil als solche, und vorweg ist zu bemerken, daß es kaum noch einen anderen Dichter geben möchte, dessen gesamte Gedichte sich so sehr als einzelne Tagebuchblätter, zusammen als eine wirkliche Monographie der eigenen Einbildungskraft und des Gedankenlebens erweisen, wie die seinigen.

Abgesehen von einigen Veröffentlichungen in kleineren Provinzialblättern erschienen die ersten Gedichte Freiligraths 1835 in dem von Chamisso und Schwab (Leipzig, bei Weidmann) herausgegebenen »Deutschen Musenalmanach.« Es waren: ›Scipio‹, ›Löwenritt‹, ›Moostee‹ und › Anno Domini‹. In demselben Jahrgang des Cottaschen Morgenblatts erschienen ferner von ihm: ›An das Meer‹ und ›Schiffbruch‹. Mit einem Schlag machten ihn diese Dichtungen berühmt. Chamisso selber, der als ein anerkannter Nestor somit den jungen Poeten in den Literatursaal einführte, war gleich beim Lesen der Gedichte im Manuskript einig darüber, daß sie einer echt dichterischen Seele entflossen waren, welche sich im Ungestüm ihrer Kraft nur vor der Verlockung zum Gräßlichen und Wilden hüten müßte. Die bedeutendsten Kritiker bezeichneten schon diese erwähnten Beiträge im »Musenalmanach« als eigenartige, höchst bedeutende Leistungen eines vielverheißenden Talents. Gutzkow feierte ihn darüber als den deutschen Victor Hugo. Auch gingen diese Erstlinge sogleich in Schulbücher und Anthologien über, um die schnell errungene Popularität Freiligraths noch besonders zu bezeugen.

Die Folge davon war die Aufforderung Cottas an den jungen Mann, eine größere Sammlung seiner Gedichte zu veranstalten und ihm in Verlag zu geben. Diesem ehrenvollen Ruf, der in ihm die kühnsten Hoffnungen erwecken mußte, zu entsprechen, verließ Freiligrath im Jahre 1836 seine Stellung in Amsterdam und begab sich nach Soest zurück, um die Herausgabe des Werkes sorgfältig vorzubereiten. Im Jahre 1838 erschien das Buch endlich, längst mit Ungeduld vom Publikum erwartet und von ihm, wie von den bedeutendsten kritischen Stimmen in der deutschen Presse mit einem förmlichen Jubelruf begrüßt.

Diese Sammlung, welcher noch eine stattliche Unzahl von Übersetzungen neuerer französischer und englischer Dichter angefügt war, enthielt überwiegend Meer- und ferne Zonenbilder, die das Spiel der Freiligrathschen Phantasie in den gewaltigsten Wirkungen aufwiesen. Sie glichen Romanen ganz neuer Art, die den Leser in fremde, von der Poesie bisher nicht betretene Gebiete versetzten: auf das Meer, in den Orient, in die Wüste. Vom Gräßlichsten bis zum Lieblichsten, vom Schlachtengewühl bis zur idyllischen Träumerei, vom Leidenschaftlichsten bis zum zart Märchenhaften, betätigte sich hier eine ungemein malerische Kraft. Was schon vorher das Entzücken des Publikums, vor allem der Jugend, an Freiligraths Gedichten gebildet: die Neuheit und Fremdartigkeit der Stoffe, entfaltete sich in dieser Sammlung nun in einer Fülle farbenglühendster Bilder aus dem Meerleben, wie ›Florida of Boston‹, ›Meerfabel‹, ›Sandlieder‹, ›Geisterschau‹, ›die Toten im Meere‹, ›Leviathan‹, oder aus dem afrikanisch-arabischen Phantasiegebiet, wie, außer dem schon allbekannten ›Löwenritt‹, ›der Mohrenfürst‹, ›Am Kongo‹, ›Mirage‹, ›die seidene Schnur‹, ›Schwertfeger von Damaskus‹, ›Piratenromanze‹, ›Gesicht des Reisenden‹. In diesem letzteren Gedicht schilderte die Phantasie Freiligraths, nebenbei erwähnt, den Inhalt einer Sage unter den Wüstenwanderern, ohne daß er sie zuvor gekannt hatte. Es war eben in allen diesen Bildern, wie manche auch künstlerische Fehlgriffe darstellten, ein ahnungsvolles Erfassen, eine poetische Wahrhaftigkeit, die sie greifbar, naturfrisch, voll mächtig pulsierenden Lebens erscheinen ließen. Einen eigentümlichen Hauch jeder Natur fühlte man daraus sich anwehen, die Schauer der Wüste, die brennende Glut des Südens, den Reiz der Meerflut. Dazu ein neuer, kecker, in fremden, nie gehörten Reimen kunstvoll gehaltener Stil, welcher trotz zuweilen absichtlicher Überbürdung mit Metaphern doch die Wirkung all dieser Schilderungen mächtig erhöhte, weil er zur Charaktervertiefung derselben mit vollendetem Sprachgeschick beitrug. Ein ethnographischer Stil, wie ihn ein geistreicher Kritiker nannte.

Nicht dies allein, auch nicht diese Meer-, Tier- und Wüstenbilder allein übten ihren Zauber auf das Publikum aus. Es lag mehr darin, und es sprach ein berufener Dichter auch noch in anderen Zungen. Zunächst in einer warmen, hinreißenden Begeisterung, die alle diese Stoffe beseelte. Eine lyrische Grundstimmung umhauchte die Beschreibung, die energisch bewegte Handlung, um sich künstlerisch mit derselben zu einem bestimmten Empfindungsausdruck zu vereinigen. Es war eine Freude an der Welt in allen ihren Gebilden, welche die Herzen mit sich riß, denen hier ein neuer, weiter Horizont eröffnet wurde.

In diesem Weltganzen fühlte man die Atemzüge des Natur- und Völkerlebens. Alle diese Stoffe, welche dem wirklichen Erdentreiben entnommen waren, riefen in jener lyrischen Durchsetzung ein Mitgefühl für alles Menschliche auf, welches auf die innere Verwandtschaft alles Menschlichen hinwies. Schon dies berührte die feinfühligen Zeitnerven; denn die Geister, welche eben die Tragweite des Dampfes und die Umgestaltung aller bisher beschränkten Verkehrsverhältnisse durch Eisenbahnen und Dampfschiffe erkannten, begriffen auch, daß nun ein Austausch zwischen Volk und Volk bis in die weitesten Fernen erfolgen werde, daß damit das Menschentum eine universelle Bedeutung erlange. So klang es aus manchem Gedicht Freiligraths mahnend heraus, z. B. im ›Leben des Negers‹ und auch in ›die Schiffe‹.

Dann legte der Dichter ferner seinen Finger in die Wunde der politisch-sozialen Übelstände und suchte aus den Mißbildungen der Kultur in die Jungfräulichkeit der Natur zurückzuführen, wie in ›Audubon‹ und der ›irischen Witwe‹. Ein schmerzdurchdrungenes Empfinden, falscher, sentimentaler Weltschmerzelei fremd, sprach ergreifend aus dem ›Banditenbegräbnis‹ nachfühlend in echter Humanität. Innig und wehmutvoll ließ in Bildern wie ›der Tod des Führers‹, ›die Auswanderer‹, ›der ausgewanderte Dichter‹ das deutsche Gemüt sich in herrlichen Tönen und freiheitsdurstig vernehmen; die deutsche Seele wurde hier in die außereuropäische Welt hineingetragen.

Dies alles waren neue Klänge, neue Anregungen. Die Poesie trat hier mitten in den Realismus des Weltgetriebes, in die lebendige Wirklichkeit; sie entschwebte der holden, einlullenden Lyrik, der irrenden, in die Vergangenheit versetzenden Romantik, um als Pfadfinderin durch die Gebiete weiter Fernen zu schweifen. Ihr Zauberstab ließ frische Quellen aus den Felsen springen, an denen man bisher gleichgiltig vorüber gegangen war. Sie rückte, was Menscheninteresse erregen konnte, in ein Licht von ungekannter Farbenpracht, stellte sich in den Dienst des Volksgeistes, der darüber wie Dornröschen aus dem Schlaf erwachte. Eine mächtige Sehnsucht drückte sich außerdem in einzelnen Liedern, wie in dem: 'Wär' ich im Bann von Mekkas Toren' und in 'Amphitrite',aus, die aus der Beengung entsprang, welche der Dichter beim feinen Instinkt seiner ursprünglichen, ungefälschten Natur in den Zuständen der Heimat empfand. Eine dumpfe Schwüle, mit noch unklaren Hoffnungen erfüllt, harrte in ganz Europa dem reinigenden Wetter einer neuen Zeit entgegen. Dieses Freiligrathsche Sehnen nach seinem Ideal, und in Verbindung damit dieser Kriegsruf in manchem Lied, in ,Fieber', in ,Zwei Feldherrngräber', rüttelten das Volksgemüt auf wie wilde Lockungen in die Freiheit, wie Windstöße aus einer frischen, Tatlust erregenden Atmosphäre.

Das wirkte anders, wie Uhlands romantische Lieder, wie Rückerts orientalische Weisen, wie Heines süßes Gift der weichmütigen Spötterei; anders auch wie die politischer ausgespitzten Dichtungen von Anastasius Grün und Karl Beck, wie bedeutungsvoll auch alle diese Klänge waren. Die Freiligrathschen, bald so leidenschaftlichen, bald so unnachahmlich innigen Rhythmen riefen seltsamere Empfindungen auf, die lange und mächtig im Gemüt nachbebten. Man fühlte sich einem Dichter gegenüber, welcher aus der Seele seines Volks die innigsten, geheimmsvollsten Töne aufrief und der sein letztes Wort noch nicht gesprochen hatte. Im Lied: »Meine Stoffe«, in »Vorgefühl« in dem Nachruf auf Grabbe, in dem auf Platen, im »Reiter« selbst in dem Meisterstück virtuoser Gestaltungskraft, im »Alexandriner« verriet er die Qualen und die Verzehrung, welche der »Dichtung Flamme« ihm bereitete. Es war kein Lenausches, kein Byronsches Verzweifeln, auch kein unwahres Kokettieren; sondern es brachten diese Geständnisse jedem die Überzeugung bei, daß aus diesem Dichterherzen sich das Lied als etwas Mitdurchlebtes, Durchempfundenes, emporgerungen habe. Der wahre Poet leidet von dem Feuer, welches ihn erfaßt und in dem er seine Gebilde formt. Was als Fertiges anderen Genuß, Anregung, Erkenntnis gewährt, der Dichter fühlt es oft als eine Qual, daß er es durch eine unwiderstehliche Macht zu formen gezwungen wird. Und in Freiligrath mußte man den wahren Dichter in den verschiedensten Austönungen erkennen. Welche plastische Kraft entfaltete er nicht in der Ballade: »Eine Geusenwacht«! Welche innere Beseelung sprach sich nicht in dem duftvollen Märchen von ,der Blumen Rache' aus? Gegen solche dichterische Macht und Schönheit wogen alle Schwächen, die man im oft zu weiten Ausspinnen eines Gedankens, in der Neigung zum Gräßlichen, in der Gesuchtheit fremdartiger Reime erkannte, ungemein leicht. Die schnelle, gewaltige Popularität, welche Freiligrath seine Gedichtsammlung eintrug und die bald auch über das Meer drang, hatte Wohl ihre tieferen Gründe, und die Zukunft sollte dieselben dem deutschen Volke und auch dem Dichter erst noch offenbaren. Noch ehe diese Gedichtsammlung veröffentlich war, hatte Freiligrath, anfangs des Jahres 1837, eine neue Comptoirstellung in einem Barmer Geschäft angenommen. Erst als sein Erfolg als Dichter keinem Zweifel mehr unterlag, entschloß er sich, aus der kaufmännischen Laufbahn abzuschwenken und aus seinem Ruhm fortan das Instrument einer freien Existenz zu machen. Zahlreiche Freundschaften mit geistverwandten jungen Männern und Dichtern, wie Wolfgang Müller, Matzerath, Pfarrius, Hackländer, Simrock, Immermann, hatte er bereits während seines Barmer Aufenthalts geschlossen; nunmehr setzte er sich, im Herbst 1839, im romantisch gelegenen Städtchen Unkel am Rhein fest und wurde dort selbst der Mittelpunkt eines immer wachsenden Freundeskreises, den sein Ruhm und die herzige, bescheidene Liebenswürdigkeit seines Wesens an sich zog.

Es öffneten sich ihm die Jahre des heitersten, sonneerfüllten Glücks gerade in der Blüte seines Lebens. Ein freies Poetendasein gestaltete sich für ihn, welches förmlich der Sammelpunkt einer entstandenen rheinischen Dichterschule wurde. Auf Antrag des Buchhändlers Langewiesche in Barmen hatte er die Abfassung des Textes zu einem Prachtwerk: »Das malerische und romantische Westfalen«, übernommen und daraufhin im Sommer 1839 dies Land studienhalber durchstreift. Er kam freilich über eine poetische Einleitung zu jener Arbeit, wie sie sein Gedicht ›Freistuhl von Dortmund‹ bildet, nicht hinaus; in Prosa zu schreiben, war nicht seine Neigung, und er überließ dies daher für das erwähnte Werk seinem neugewonnenen Freunde Levin Schücking. Für ein anderes Unternehmen, ein »Rheinisches Odeon«, vereinigte er sich mit J. Hub und A. Schnezler; dieser Almanach erschien in Koblenz 1839, ohne eine weitere Fortsetzung zu erhalten. – Es schloß sich daran vielmehr ein mit Simrock und Matzerath zusammen herausgegebenes »Rheinisches Jahrbuch« (1840 und 1841). Ein echtes, schönes Poetenstück war die ebenfalls 1840 erfolgte Herausgabe der Rolandslieder, um damit eine allgemeine Beisteuer für Wiederherstellung des eben eingestürzten Bogens der malerischen und sagenumwehten Ruine Rolandseck zu bewirken, ein Zweck, der in glänzender Weise erreicht wurde. Um dieselbe Zeit lernte Freiligrath in Unkel auch seine künftige Gattin, Ida Melos aus Weimar, damals Erzieherin im Hause eines pensionierten preußischen Offiziers kennen, deren Herz wie Geist ihn mächtig gefangen nahm. Nach einer im Sommer 1840 unternommenen Wanderung durch Schwaben, um außer Cotta auch die schwäbischen Dichter Kerner, Schwab, Karl Mayer und den von ihm hochverehrten Uhland kennen zu lernen, lebte er einen Teil des folgenden Winters in Weimar, in der Nähe seiner nun ihm Braut gewordenen Geliebten. Im Mai 1841 führte er diese als seine Gattin heim.

Unmerklich war inzwischen eine Wandlung im Geiste Freiligraths vor sich gegangen, die allerdings gerade bei einer so lauteren Natur nur folgerichtig genannt werden konnte. Schon in der letzten Zeit seines Amsterdamer Aufenthalts waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob er in seiner Wüsten- und Meerträumerei dem poetischen Drange seines Herzens wirklich volles Genüge tue. ('Meine Stoffe', 'Im Herbst', unter den ersten Gedichten.) Ja, schon damals, wie die Gedichte für Dullers Phönix bezeugen, kam ein Ahnen über ihn, daß eine andere Sonne sein Auge auf sich ziehen werde, als die bisherige einer fremden Welt. Die Studienfahrt durch Westfalen, ebenso der Umgang mit den Dichtern am Rhein, vor allem mit Immermann und Simrock, ließ dann sein Herz in hoher Freude und Lust am Heimischen aufgehen. Sein deutsches Gemüt überwältigte die phantastische Neigung in die weiten Fernen; die Wirklichkeit des Nächsten übte ihren poetischen Reiz darauf aus. »Ans Herz der Heimat wirft sich der Poet, ein anderer und doch derselbe!« rief er im Freistuhl schon aus. Hinzu kamen der Ruhm und die Sympathien, die ihm sein Vaterland entgegenbrachte, die Romantik der Sagen am Rhein – »ins Leben riß mich dieser Strand;« – ferner das volle Glück, welches er hier in der Liebe fand. Auch die Begegnung mit den schwäbischen Dichtern war dieser inneren Wandlung förderlich. Freiligrath entwand sich den Träumen früherer Zeit. Noch ein paar Phantasien alter Art lockten ihn, wie im schrecklichen ›Schahingirai‹, im ›Hospitalschiff‹, ›In der Nordsee‹, in ›Klänge des Memnon‹ – dann wandte er sich energisch von ihnen ab und wünschte die Kamele und Leuen »zum Teufel«. Er hielt Einkehr in die deutsche Welt, in die Romantik, welche noch im Abendsonnenschein um deutsche Burgen webte, in die engere Liebe zu seinem Vaterlande.

Die Zeugnisse dieser Umwandlung, welche aus Freiligrath ausschließlicher für die deutsche Heimat machte, was er bisher für die weite Welt gewesen, aus dem allgemeinen Völkerleben ihn dem eigenen Volksleben zuführte, haben wir in den Gedichten aus jener Zeit, wie sie einzeln damals erschienen, aber erst 1849 in besonderer Sammlung »Zwischen den Garben« von ihm als eine »Nachlese« herausgegeben wurden. Das deutschpatriotische Gefühl spricht sich in Gedichten wie ›Freistuhl zu Dortmund‹ und ›Zum Besten des Kölner Domes‹ (im Anhang) aus; die romantischen Eindrücke des Rheines sind in den Liedern auf ›Rolandseck‹, ›Auf dem Drachenfels‹, in der ›Rheinsage‹ ausgetönt; die Leidenschaft der Liebe in den Gedichten auf seine Braut: ›Mit Unkraut‹, Vogelsteller, ›Ruhe in der Geliebten‹. Von seinem innigen Gemüt und dem Bewußtsein seiner inneren Läuterung zeugen die Verse auf Immermanns Tod. Der Dichter ist in allem mehr poetisch als phantasievoll geworden; reine Naturlaute des Herzens, wie in den herrlichen Liebesliedern, beweisen die Vertiefung seiner Innenwelt. Das Gedicht ›Kreuzigung‹ ist ein hoher Flug in die Region der geschichtlichen Idee, dramatisch bewegt, genial im Ausklang, ebenfalls mit einem stolzen Hinblick auf die Rolle Deutschlands in der Kulturentwicklung. Andere Gedichte wieder, wie das ›an Carl Buchner‹, ›zum Kölner Karneval‹, sind in ihrer heiteren Laune Ausdrücke des friedlichen Glücks, welches diese zweite Periode seines Schaffens durchzieht. Sie ist die der Klärung der wilden Phantasien, eine Zeit künstlerischer Vervollkommnung, deren poetische Arbeit denn auch die früheren Mängel fast völlig abgestreift hat und wie eine innere ästhetische Sammlung erscheint.

Seinen ersten Wohnsitz nach der Verheiratung hatte Freiligrath in Darmstadt genommen, weil er daselbst eine Zeitschrift »Britannia« zur Vermittlung englischen Lebens und englischer Literatur begründen wollte. Der Plan scheiterte durch den Rücktritt des dafür schon gewonnenen Verlegers. Einer anderen Aussicht, die ihm General von Radowitz durch ein literarisches Anerbieten eröffnete, glaubte der Dichter sich entschlagen zu müssen. Die Wogen des Zeitgeistes gingen höher, die politische Gereiztheit nahm mächtig zu, die Lyrik vor allem drückte ungeduldiges Hoffen und Wünschen aus. Herwegh, Prutz, Dingelstedt stellten sich in die vordersten Reihen dieser stürmenden Kämpfer. Fast verdroß es Freiligrath, in den poetischen Frieden, den er eben erst errungen, diese wilden Rufe einschallen zu hören. Er richtete gegen die Tendenzdichter daher in dem Lied auf Diego Leon die Verse:

»Der Dichter steht auf einer höhern Warte,
Als auf den Zinnen der Partei.«

Die Wirkung dieser Parole war im literarischen Lager wie außerhalb desselben außerordentlich; die einen bejubelten, die anderen verwarfen sie. Herwegh selbst schleuderte darauf seinen Blitzstrahl nach Darmstadt; anderseits sandte dahin Emanuel Geibel seinen gleichgesinnten Dichtergruß. Wie um sich mit der Auffassung Freiligraths einverstanden zu erklären, zeichnete der König Friedrich Wilhelm IV. ihn durch Verleihung einer Jahrespension von 300 Talern aus. Es geschah zu Neujahr 1842, einige Wochen, nachdem die erwähnten Verse veröffentlicht waren. Freiligrath wurde davon aufs höchste überrascht; aber er hatte keinen Grund, diese königliche Auszeichnung abzuweisen, welche ihm keinerlei Verpflichtung auferlegte. Er war kein politischer Poet, wollte es nicht sein; er konnte denken, daß der freigebig und hochherzig sich zeigende Monarch in ihm nur den berühmten, und vielleicht auch den um die Wiederherstellung des Rolandsbogens verdienten Dichter ehren wollte. Dieser Bogen gehörte ja überdies einer preußischen Prinzessin; der König selbst hegte ein besonderes Interesse an dergleichen architektonischer Romantik. Nichts lag näher, als hierin eine unverfängliche Ursache der königlichen Auszeichnung zu finden, wie deren sich auch Gries, Tieck und Rückert schon erfreut hatten.

In Erinnerung der schönen Tage von Unkel übersiedelte Freiligrath im Sommer 1842 wieder an den geliebten Rhein, diesmal nach St. Goar. Noch einmal schien das frühere sorglose Poetenleben daselbst sich fortzusetzen, St. Goar wie vordem Unkel eine Art Mittelpunkt der jungen Dichterwelt zu werden. Geibel verweilte den ganzen Sommer; Auerbach und viele andere kamen und gingen; Ausflüge nach Düsseldorf, Bonn, galten den alten Freunden und brachten deren neue in den Kreis. Umfangen von dem Zauber der Romantik, sah Freiligrath die Wirklichkeit um sich noch immer mit den Augen des zufriedenen Dichters. Aber die Angriffe der politischen Freiheitssänger und deren Anhänger lockten ihn mehr und mehr aus seinem poetischen Hinträumen und entführten ihn auf den Boden des Wirklichen. Die ernsten Fragen der Zeit machten ihn nachdenklich; als Pensionär des Königs von Preußen verkannt in seiner Gesinnung zu sein, erzürnte ihn. Mit sich selber, wie er es in inneren Kämpfen zu tun pflegte, suchte er in der Stille sich ins klare zu setzen; Gespräche mit den Freunden förderten immer mehr diesen Selbsterkenntnisprozeß. Indem er, durchaus nur Gefühlsmensch, sein Herz befragte, fand er, daß es in der Romantik der Empfindungen nicht mehr Befriedigung fand; eine Tatlust überkam ihn, welche sich notwendig mit all den Hoffnungen und Wünschen waffnete, die alle Welt erfüllten, die dann zunächst nur auf Enttäuschungen auslief und damit in Klagen. Er sah ein, daß er mitkämpfen müsse und zwar für das Volk; er gestand sich selbst, daß er dann nicht mehr eine königliche Huld genießen könne. Seit Neujahr 1844 verzichtete er deshalb auf die ihm gewährte Pension und brach vollständig mit all den Täuschungen, in denen er sich mit hoffnungsfrohem Herzen bisher ergangen. Die Plackereien mit der Zensur, die er selbst erfuhr, taten das ihrige, um ihn den herrschenden Geistesdruck persönlich fühlen zu lassen. Der freie Dichter erkannte, was er für sein Volk zu tun berufen sei. Im Mai 1844 stellte er die Gedichte, die sein Glaubensbekenntnis bilden sollten, im Gasthof zur Krone in Asmannshausen zusammen, schrieb dort Vorwort und Motto dazu, und ließ es darauf in Mainz bei Victor v. Zabern erscheinen.

In dieser Gedichtsammlung haben wir denn auch alle Beweise von der Art, wie sich die innere Umwandlung Freiligraths von 1842 bis 1844 fortsetzte: einige, später von ihm in »Zwischen den Garben« gereihte Lieder gehören noch dazu; es sind: »Kindermärchen« mit dem grollenden Angriff auf den König von Hannover wegen Absetzung der Gebrüder Grimm, »Die Linde von Hirzenach« mit dem darin ausgetönten Wunsch nach Freiheit, »Vision« und »Bei Koblenz« an Schenkendorfs Grab. In ihrer ideellen Verbindung mit dem Inhalt des »Glaubensbekenntnisses« zeigen sie den Gang der Entwicklung, welche Freiligrath durchgemacht hatte. Im »Flecken am Rheine« entsagt er der Romantik, um sich kampflustig in den Dienst seines Volkes zu stellen. In »Flottenträume«, »Hamlet«, »Im Himmel« drücken sich seine getäuschten Erwartungen auf Preußen für die Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes aus. Freiligrath ist nur deutscher Patriot; von einer Parteistellung kann bei ihm nicht anders die Rede sein, als daß er sich mit Leidenschaft dem deutschen Patriotismus in die Arme warf. In prächtigen, ergreifenden, wahrhaft poetischen Akkorden haucht er diese Leidenschaft in dem Gedicht: »Am Baum der Menschheit« aus. Deutschland soll ihm die Wunderblume an diesem Völkerbaume werden. Daher fordert er Freiheit und Recht, daher brandmarkt er die Zensur, daher richtet sich dieselbe Humanität, dasselbe Mitgefühl mit den Bedrückten – dieser Grundzug seiner Empfindungen – welche vorher für den armen Indianer und die irische Witwe sich erhoben hatten, nun auf das Elend im eigenen Vaterlande, auf die soziale Not, wie in den erschütternden Gedichten »Vom Harze«, im markigen »Trotz alledem« und namentlich »Aus dem schlesischen Gebirge«. Es ist durchaus derselbe Freiligrath wie in der ersten Periode; nur hat er die sehn- süchtigen Blicke in die Ferne bestimmt und kampflustig auf das Nächste konzentriert, sich wesentlich dem deutschen Volksgewissen zum Rufer bestellt. Auch ist die Art seiner poetischen Gestaltung dieselbe; er greift den Kern der Zeitfragen heraus und formt ihn zu einem lebendigen, sprechenden Bilde, greifbar wahr, echt menschlich in jedem Zug, durchhaucht von seinen lyrischen Empfindungen.

Als eine letzte Gruppe dieser Lieder in seinem »Glaubensbekenntnis« müssen auch diejenigen hervorgehoben werden, welche wie »An Hoffmann von Fallersleben«, »Guten Morgen«, »Hohes Wasser«, die Geständnisse über sich selbst, über seinen inneren Kampf enthalten. Sie endigen in den Versen: »Vorläufig zum Schluß«, in dem Motto des Glaubensbekenntnisses, welches er als einen »kecken Schuß« in die »Stickluft« jener Tage senden wollte, und in der Vorrede zu dieser Sammlung, in welcher er von seinem Übergang zur politischen Dichtung und zur entschiedenen Opposition Rechenschaft ablegt.

In der Tat war die Wirkung dieses »kecken Schusses« eine ungeheure. Freiligrath, kurz zuvor noch wegen seiner, scheinbaren Gleichgültigkeit inmitten des Parteikampfes angegriffen, wurde jetzt als der mächtigste unter den dichterischen Vorstürmern gepriesen. Seine Popularität war außerordentlich, nicht so sehr wegen seiner liberalen Parteinahme und Verzichtleistung auf die königliche Pension, sondern wegen der nach innerem Kampf so gewaltig sich offenbarenden begeisterten Hingabe an die höchsten Interessen seines Volks. In einzelnem tat ja die Tendenz in diesen neuen Liedern ihrem poetischen Wert Abbruch; aber im ganzen hatte man es doch hier auch wieder mit dem echten Dichter zu tun, der den Inhalt seiner Zeit in sich aufnahm und ihn in meisterhaften, formvollendeten, echt poetischen Gebilden zur klaren Anschauung brachte.

Des Bleibens in Deutschland war nach der Ausgabe dieses herausfordernden Glaubensbekenntnisses allerdings nicht mehr für Freiligrath. Denn so groß seine Popularität auf der einen Seite dadurch geworden, so groß war auch der Zorn, den er damit auf der andern erregte. Er entzog sich daher allen zu erwartenden Regierungsverfolgungen zunächst durch eine Flucht nach Brüssel, wo er mit Heinzen, Marx und Bürgers in Verkehr trat. Mit der Gattin suchte er danach ein sicheres Asyl am Züricher See, in Rapperschwyl. Als Flüchtling überreizte sich naturgemäß seine Stimmung. Außerdem vermochte seine leidenschaftliche, stürmische, mächtige Natur nicht anders zur Beruhigung zu kommen, als bis sie sich ihrer elektrischen Beladung in schweren Wettern völlig entäußert hatte. Die Wahrhaftigkeit seines Wesens glich demjenigen einer Naturgewalt. Je heftiger in Deutschland wie ringsum die Leidenschaften sich gegen die Bollwerke des alten Regiments aufbäumten, um so gewaltiger rührten die Zeitstürme die Seele des Dichters bis in ihre Tiefen auf. Er hatte es übernommen, für sein Volk mit Donnerworten zu sprechen und zu fordern; er vermochte diesem Drang auch keinen Zügel mehr anzulegen, wollte es auch nicht. So ließ er denn 1846 in Herisau sechs neue Lieder unter dem Titel »Ca ira« erscheinen. Sie waren Tubastöße der Revolution gegen die Mauern der Polizeiburg in Deutschland, furchtbare Trommelwirbel, um das Volk zum Sturm dagegen aufzurufen, im Geiste voraus erschaute Ereignisse der Zukunft. Ingrimmig reizte so das düstere, aus späterer Sammlung hier hinein zu beziehende Requiem auf »Leipzigs Toten« die Revolution veranschaulichten »Vor der Fahrt« und »Eispalast«, auch in eigentümlich kecker Art ›Der Springer‹. Der heißblütige Tatendrang, der einst in den Wüstenbildern so sehr fortgerissen, stürmte hier auf klar erkannte Ziele der Wirklichkeit los. Förmliche Vorverkündigungen waren ›Freie Presse‹ und ›Wie man's macht‹. An Kühnheit und schlagend durchgeführtem Vergleich, an Kraft der Schilderung, die bis in die, dem kurzen Kolbenschlagen der Maschine gleichenden, hastigen Rhythmen geht, eins der bezeichnendsten Gedichte aus der revolutionären Zeit Freiligraths, befindet sich hierunter auch das: ›Von unten aus‹. Was einst in › Anno Domini‹ sich in einer wilden Lust an Vernichtung ausgetobt, hier zuckte es blitzartig in einem packenden Bilde sozial-politischer Poesie. Der Kampf der Naturmächte, wie er vordem von der Phantasie des Dichters in allen Zonen aufgesucht worden, jetzt übersetzte er ihn in den Zusammenprall der Geister mit deren Bedrücker.

In Besorgnis, daß die Veröffentlichung ihm auch in der Schweiz Ungelegenheiten bereiten könnte, entschloß sich Freiligrath im Sommer 1846, mit der Gattin und dem ersten, ihm in Rapperschwyl geborenen Töchterchen nach London auszuwandern und wieder Kaufmann zu werden. Er trat daselbst in das Geschäft von Huth und Co. mit einem Gehalt von 200 Pfd. Sterling jährlich. Erwähnenswert ist, daß schon damals in der deutschen Presse der Vorwurf laut wurde, ihm von seiten des deutschen Volkes nicht seine Zukunft gesichert zu haben.

Das freiwillige Exil sollte indessen keine Abdankung des Dichters bedeuten. Er hielt sich vielmehr nach wie vor berufen, wie er einmal sagte, der »Trompeter der Revolution« zu sein. In ihm arbeitete der Idealismus seiner Zeit mit Leidenschaft weiter, und der Dichter wurde deshalb ein Republikaner und Sozialist von schwärmerischer Begeisterung, welcher von irgend einem Vertrag mit der bestehenden Ordnung der Dinge nach so herben Enttäuschungen sich nichts mehr für die Sache des Volks versprach. Das soziale Elend, welches er in England mit eigenen Augen sah, erbitterte ihn; nicht minder, daß die Revolution und mit ihr die Erlösung von allen Übeln nicht kommen wollte. Als sie dann wirklich in einer Folge von Wettern losbrach, da jauchzte er in dem ganzen hinreißenden Ungestüm seiner Natur ihr zu, erst der französischen, dann der deutschen. Aber zu mäßig war ihm der Lauf der Ereignisse in seinem Vaterlande; in seinen Vorstellungen sah er kein Heil von der Revolution, die vor den Thronen Halt machte. Alles erschien ihm halb; mißtrauisch witterte er schon, als das Volk noch im Taumel seines Sieges lebte, die lauernden Geier der Reaktion unter dem preußischen Thronsessel. Einen neuen Kampf hielt er deshalb für unvermeidlich, und um nicht abseiten desselben nur ein Zuschauer, sondern unter dem von ihm so verherrlichten Banner der Revolution selber ein Mitstreiter zu sein, trat er im Mai 1848 mit den Seinen wieder »in die Reiseschuh«.

Er kehrte an den Rhein, seine zweite, seine eigentliche Dichterheimat zurück, nach Düsseldorf. Mit Jubel hieß ihn das Volk daselbst willkommen, und die am Rhein sehr starke demokratische Partei stellte ihn an ihre Spitze. Mit ihr teilte er nun die Leidenschaften und auch das Geschick im Ringkampf mit der allerdings von Tag zu Tag erstarkenden Reaktion. Wohl aber ist nicht außer acht zu lassen, daß Freiligrath zu einem Politiker, einem Parteimann, Klubführer und Agitator im gewöhnlichen Sinne, gar nicht das Zeug besaß. Er blieb nach wie vor nichts als der Dichter der revolutionären Leidenschaften, welche das Volk erregten, und man haßte ihn auf der politischen Gegenseite deshalb so sehr, weil sein Liedermund diesen Leidenschaften eine großartige poetische Weihe zu geben wußte und sie dadurch um so gefährlicher machte. Wenn in irgend einem der flammenden Lieder aus jenen Tagen, so in dem gewaltigen: ›Die Toten an die Lebenden‹. Er hatte es zum Besten der Kasse des Volksklubs, dem er angehörte, im Juli gedichtet und es wurde das Exemplar zu 1 Sgr. verkauft. Der Absatz war reißend, das Aufsehen darüber ungeheuer. Ganz Deutschland, kann man behaupten, wurde davon elektrisiert.

Aber die Regierung ihrerseits nahm nun nicht länger Anstand, einen Schlag nach dem gefürchteten Dichter zu führen. Am 29. August ließ sie ihn verhaften; am 3. Oktober fand der Prozeß wegen Versuchs zur Aufreizung der Bürger und zum Umsturz der bestehenden Staatsverfassung vor dem Assisenhof zu Düsseldorf statt. Es handelte sich um Tod und Leben. Aber die Geschworenen sprachen ihn frei und unter unermeßlicher Freudenbezeigung führte das harrende Volk den geliebten Sänger nach seiner Wohnung.

Wenige Tage später übersiedelte Freiligrath nach Köln, um der Reaktion der demokratischen Neuen Rheinischen Zeitung, wiewohl ohne eigentliche Lust an solcher Arbeit, als Mitglied anzugehören. Bald überließ man ihn denn auch wieder seiner freien dichterischen Tätigkeit, deren Früchte aber dem Feuilleton jener Zeitung zunächst zugute kamen. Nach und nach, die einzelnen Niederlagen der Revolution mit seinem Ingrimm und racheglühenden Drohungen verkündend, veröffentlichte er hier die Gedichte ›Wien‹, ›Blum‹, ›Ungarn‹, ›Reveille‹, und am 18. Mai 1849 das furchtbar trotzige Rebellengedicht, mit dem die bedrohte Neue Rheinische Zeitung in roter Schrift Abschied von ihrem Dasein nahm. Auch seine Übersetzung von Shakespeares »Venus und Adonis «, sowie das Gedicht ›Nach England‹ 1846 war an dieser Stelle zuerst erschienen.

Freiligrath verblieb noch in Köln bis Sommer 1850, dann zog er sich mit seiner, nun schon vier Kinder zählenden Familie in die Einsamkeit nach Bilk bei Düsseldorf zurück. Er hatte inmitten der politischen Aufregung in Köln noch die »Nachlese« unter seinen früheren Gedichten gehalten und auch dabei das Sträußchen der zartesten Blüten seiner Gefühlspoesie gebunden. Im »Kummer um das zertretene Vaterland« gab er diese Nachlese »Zwischen den Garben« heraus. Gleichzeitig fast erschien auch in seinem Selbstverlag, Köln und Düsseldorf 1849, ein erstes Heft seiner »Neueren politischen und sozialen Gedichte«. In Bilk bereitete er nun die Ausgabe eines zweiten Heftes solcher Lieder, zumeist der in der N. Rhein. Ztg. veröffentlichten, vor. Er konnte wohl befürchten, daß ihm dadurch neue Verfolgung bevorstand, denn die Reaktion war inzwischen auf der ganzen Linie zum vollen Siege gekommen und begann schonungslos ihre Rachegerichte. Schon war ein Ausweisungsbefehl an Freiligrath gelangt, der erst auf seinen Rekurs bei der Regierung und auf den allgemeinen Unwillen der öffentlichen Meinung hin zurückgezogen wurde. Aber der Dichter traute diesem Siege nicht und zog es vor, sich aller Gefahr rechtzeitig zu entziehen. Er ging im Mai 1851 abermals ins Exil nach London. Und in der Tat, kaum war im Juli das zweite Heft seiner Revolutionsgedichte (auch im angeblichen Selbstverlag, Düsseldorf) erschienen, so wurde es konfisziert und ein Steckbrief wegen Majestätsbeleidigung hinter ihm erlassen. Ein zweiter folgte dann 1852 noch gänzlich unbegründet »wegen Teilnahme an einem Komplott zum Umsturz der Staatsregierung« (der demokratischen Zentralbehörde in Köln), und diese Anklage gegen seine Person wurde dann auch noch nach Austrag des großen Prozesses aufrecht erhalten, um ihm die Rückkehr nach Deutschland ohne sofortige Stellung vor Gericht unmöglich zu machen. Die Antwort auf jenen ersten Steckbrief war vom britischen Boden das letzte seiner Trotz- und Zornlieder: ›Die Revolution‹.

Alle diese Gedichte seit dem Erscheinen des »Ça ira« sind als die vollen Entfaltungen der Keime anzusehen, welche im »Glaubensbekenntnis« sich geöffnet. Sie machen die Charakterisierung der Freiligrathschen Poesie vollständig nach der revolutionären Richtung hin, die in engster Fühlung mit dem Geist jener Jahre war. Diese Poesie erstarkte im Sturm der Zeit, denn sie hatte noch nie zuvor einen so erhabenen Schwung der Sprache, einen so lodernden Zorn gefunden, um für Freiheit und Vaterland und Menschenglück zu streiten. Keine Phrasen bloßer Tendenz tönten sich darin aus; sondern, wenn auch oft nur in Ekstase, entströmte einem bis in die tiefsten Tiefen erregten Herzen der heiße Odem jener Zeit. In der Kraft seiner Empfindungen leistete Freiligrath hier das Höchste, wahrhaft Überwältigendes; aber auch sein poetisches Talent entfaltete sich in diesen vulkanischen Ausbrüchen zu seiner vollen Höhe. Er machte es streitbar für seine Ideale, die auch die ewigen der Menschheit bleiben werden, und kannte keine Schonung in einem Kampf der Geister, in den sich ihm alles zusammen zu drängen schien, weil aus ihm auch die Entscheidung der größten Kulturfragen hervorgehen müsse. Als Dichter erfaßte er so den Inhalt dieser Zeit, mit Herzblut schrieb er seine Lieder, mit der Wahrheit darin entflammte er die Herzen der einen, erschreckte er die der anderen. An echter politischer Poesie in solcher Großartigkeit haben wir nirgends ihresgleichen; bei jedem neuen Freiheitssehnen wird man sich daran wieder begeistern. Dichtungen wie ›Im Hochland fiel der erste Schuß‹, ›Die Toten an die Lebenden‹, ›Wien‹, ›Die Revolution‹, dann das visionäre ›Am Birkenbaum‹, werden namentlich immer als denkwürdige Blätter in unserer poetischen Literatur gelten, weil sie den gewaltigsten Ausdruck einer sittlichen Bewegung des deutschen Volks im Durchgangspunkt einer neuen Zeit mit großen politisch-sozialen Aufgaben getreulich wiedergeben.

In London fand sich für den geflüchteten Dichter das zweite Mal nicht so leicht eine kaufmännische Stellung, in welche er nun wieder seinen Rückzug nehmen wollte, nachdem der schwere Kampf zu Ende. Erst nach sorgenvollem Harren bot sich ihm ein Platz im Comptoir von Mr. Joseph Oxford, einem jüdischen Kaufmann. Hartes Tagewerk fiel ihm zu, um Weib und Kinder zu ernähren. Erst später, 1857, erhielt er eine vorteilhaftere Stellung als Vertreter der schweizer Bank- Kommandite in London.

Lange schwieg deshalb und in der natürlichen Rückwirkung nach dem durchlebten Sturm die Muse des Dichters. Jahrelang wenigstens ließ sie sich nicht mehr öffentlich vernehmen. Sein Ruhm breitete sich gleichwohl unterdessen noch weiter aus; er zog über das Meer, nach Amerika; er drang im Vaterlande tiefer in die Herzen, denen Freiligraths Gesänge die Quellen der Erfrischung und die Echos freiheitlicher Empfindungen blieben. Die Leidenschaften hatten sich mehr und mehr beruhigt, und trotzdem, eben ihres poetischen Wertes wegen, waren die Lieder Freiligraths auch aus seiner letzten Zeit in dem Geist seines Volks lebendig. Als dann endlich wieder von ihm eins oder das andere Lied über das Meer geflogen kam, wirkte es erhebend wie Weckruf und Trostwort. Auch im Exil, das war unleugbar, blieb Freiligrath mit seinem Volke geistig aufs innigste verbunden. Er verbitterte und vereinsamte sich dort nicht, sondern er lauschte dem Leben in seinem Vaterlande, und was er davon in Gedichten ausklingen ließ, bewies von neuem das feine, reine Saitenspiel seines Innern.

Fassen wir die Gruppe dieser Exillieder in kritischem Überblick kurz zusammen, so bezeigen sie vor allem wieder die lautere Vaterlandsliebe des Dichters in seiner bei allem würdigen Mannessinn wehmütigen, rührenden Sehnsucht; es ist vor allem die Klage um Kinkels gestorbene Gattin ein Gedicht von perlendem Tau der zartesten Innigkeit in fester, markiger Umrahmung; nicht minder stimmungsvoll ist das Lied des Verbannten auf den kranken Dichter Julius Möser. Die Schillerfeier, zu welchem die Deutschen in London ihn um ein Festgedicht angegangen hatten, ließ wieder seine deutsche Seele in hohen, sinnvollen Klängen zu Schillers Ehren, als des Genius des Schönen, schwingen, und in dem aus gleichem Anlaß entstandenen ›Festlied der Deutschen in Amerika‹ brachte er den Stolz auf die Kulturmission des deutschen Volks, welches wie eine Geisterkette sich über die Welt zieht, zum beredten Ausdruck. Auch hierin die Vaterlandsliebe Hand in Hand mit der zur Freiheit; im ›Westfälischen Sommerlied‹ dann verdüstert über den Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich, in ›Nadel und Draht‹ noch einmal im Aufzucken früheren Zornes mahnend an die Freiheit, im Liede auf ›Gutenbergs 400jährigem Todestage‹ hoffend und der Zukunft vertrauend. Das Mitgefühl für die Armen sprach sich ebenfalls wieder in dem schönen Lied ›Fürs Schwarze Land‹ aus; anderseits gewährte die Epistel an Andersen einen Einblick in den Menschen Freiligrath, der im Selbstbewußtsein seiner Pflicht das herbe Geschick seines Lebens nur als eine Prüfung auffaßte, die ihn »fester schüttelt«. Die Leidenschaft hatte den dichterischen Geist Freiligraths ins Ungemessene gerissen; die Innigkeit der Empfindungen führte ihn wieder in die Tiefen des Gemüts. Eine Reinheit der schönsten Naturlaute ist durchweg diesen Exilliedern, der Sammlung »Neueres und Neuestes« angehörig, eigen, welche sie als die Fortsetzung jener Gattung erscheinen läßt, deren Eröffnung das Jugendgedicht auf den Tod des Vaters bildete. Die funkelnde Bilderpracht der Sprache hat sich hier verloren, und dennoch übt deren Einfachheit keinen geringeren Zauber aus. In allem muß man die Beweise künstlerischer Klärung einer immer fortarbeitenden Dichterkraft erkennen.

Im Jahre 1867 löste die schweizer Bank ihr Geschäft in London auf, und damit wurde Freiligrath, den Sechzigern schon nahe, vor die ungewisse Zukunft gestellt. Kaum aber hatten seine Freunde in Deutschland, besonders am Rhein, davon gehört, als sie einen öffentlichen Aufruf für einen Nationaldank in Form einer Dotation für den Dichter ergehen ließen. Der Ruf fand allgemeinen Widerhall; nach einem Jahre schon konnte die Sammlung geschlossen werden. Freiligrath zögerte nun auch nicht mehr, nach Deutschland zurückzukommen. Im Juni 1868 verließ er England mit seiner Familie – seine älteste Tochter hatte sich kurz zuvor in London verheiratet. Wie im Triumph empfing man ihn auf seiner Fahrt den Rhein hinauf; selbst seine früheren politischen Gegner ehrten diese Huldigungen des Volkes, welche dem ihm teuersten Dichter galten. Er nahm seinen Wohnsitz erst in Cannstatt, dann in Stuttgart, zuletzt wieder in der Schwesterstadt desselben am Neckar. Eine Reise im Sommer 1869 in seine westfälische Heimat bildete von neuem Veranlassung zu den herzlichsten Auszeichnungen seitens seiner Verehrer daselbst. Er dankte darauf mit dem innigen Gedicht: ›Im Teutoburger Walde‹. Der Krieg von 1870 entflammte noch einmal den Patriotismus des Dichters. In kriegerischen Gesängen schmetterte er den Geist des deutschen Volkes in jenen Tagen aus, da es sich um Sein oder Nichtsein der nationalen Selbständigkeit handelte. ›Hurra, Germania‹! Damit rief er mit der hinreißenden Macht seines Wortes das Volk zur Einheit und zum Kampf um seinen Herd auf. Er sandte mit einem weihevollen Liedersegen seinen ältesten Sohn selber ins Feld als freiwilligen Krankenpfleger »im Dienst der Menschlichkeit«. Den Toten, den Gefallenen, rief er die Klage des Vaterlandes um sie in dem prächtigen, an poetischem Wert seinen vollendetsten Bildern früherer Zeit ebenbürtigen Gedicht: ›Die Trompete von Gravelotte‹, nach. Dem Besten voran, was damals deutschem Liedermund entströmte, stehen auch diese Lieder Freiligraths, die schönen, vollen Ausklänge des vaterländischen Dichters. Zu ihnen gehört noch ›An Deutschland‹, womit er im Oktober 1870 »zum Friedensfest« nach den großen Schlachten, in alter Freiheitshoffnung, seine gesammelten Dichtungen, »seines Lebens Liederbuch«, einleitete.

Ein reich bewegtes Dichterwirken fand derartig einen Abschluß des vollkommensten Einklangs. Es nahm den Geist seiner Zeit bedeutsam in sich auf, erfaßte in fünfzigjährigem Dienst jede Regung der arbeitenden Ideen im Volke und gab ihnen den treffendsten Ausdruck in poetischer Charakterdarstellung. Um alle Klassen der Nation schlang sich das Band seiner Poesie, und damit erfüllte Freiligrath wirklich den vermittelnden Beruf eines Volksdichters im höchsten Sinne

Verhältnismäßig schuf er zwar wenig und trat auch niemals aus dem Kreis des einzelnen, von ihm sich eroberten Gebiets der Poesie hinaus; aber dafür ist alles, was er gegeben, wahrhaft Durchempfundenes, Durchkämpftes, im Innersten Durchlebtes, und niemals ist die heilige Flamme der Poesie von ihm gemißbraucht worden. Er begriff seinen dichterischen Beruf nur im höchsten sittlichen Ernst. In völliger Originalität schuf er eine neue Gattung episch-lyrischer Dichtung von moderner Malerei in wuchtiger Lebenswahrheit, zumeist in glänzender Farbenbehandlung, doch nicht minder wirkungsvoll in der keuschesten Einfachheit, in welcher sich die innigste Beseelung zu äußern wußte. Einzig in dieser Art steht Freiligrath in der deutschen Poesie da, gerade in dem Moment, da die moderne Lyrik, wie nach Vollendung ihrer Aufgabe, verstummte und statt ihrer die Kunst der Malerei in der reinen Lyrik der Farbentöne eine glänzende Epoche eröffnete. In der Tat finden sich alle jene realistischen Vorzüge, die Freiligrath in der Poesie entfaltete, nur neben ihm in der modernen Malerei. Das Weltganze, das Menschentum, umfaßte in echter Humanität seinen Sinn; doch sein Wesen beruhte ganz in den Tiefen echt deutschen Charakters, und dadurch haben alle seine Dichtungen ein inneres geistiges Verhältnis zueinander.

In den letzten Jahren seines Lebens kam nur noch selten ein Lied von ihm in die Öffentlichkeit. Nach dem Kriegswetter und der Errichtung des Deutschen Reichs, vor welcher idealere Wünsche noch zurückhaltend sein mußten, hatte der Dichter seinem Volke, mit dem er sich eins auf dem gefestigten Boden des Vaterlandes fühlte, zunächst nichts mehr zu sagen. Dennoch beschäftigte er sich fort und fort literarisch, hauptsächlich durch die Herausgabe des Illustrated Magazine (Stuttgart, Hallberger), welches eine Auswahl des Besten aus der modernen englischen Literatur den gebildeten deutschen Leserkreisen bot. Daneben entfloß ihm dies und jenes Gelegenheitsgedicht oder eine neue Übersetzung ausländischer Dichtwerke.

Diese Gelegenheitsgedichte dürfen nicht unbeachtet bleiben. Sie durchziehen das gesamte Schaffen Freiligraths von der frühen Jugend an bis zum Abend seines Lebens. Vom Jahre 1837 befindet sich in dieser vermehrten Ausgabe seiner Werke schon ein derartiges auf Rocholls Hochzeit; ein paar Wochen vor seinem Tode dichtete er das letzte auf Victor Scheffel. In erster Reihe sind es Dichtergrüße, an Lenau, UhIand, Grabbe, Platen, Immermann, Goethe, Schiller, Karl Mayer, Hölderlin, Mosen, Auerbach, Moritz Hartmann und Scheffel. Sie geben oft aufs sinnigste die Anregungen wieder, die er ihnen verdankte und in allem die freudige, neidlose Anerkennung, die er anderem Verdienst zu zollen liebte. Eine zweite Gattung umfaßt die gemütstiefen Lieder, dem eigenen Familienkreis gewidmet, wie ›An Karl Buchner‹, ›Meiner Frau zum Geburtstag‹, ›Weihnachtslied für meine Kinder‹, ›Für die Töchter‹ zu ihrer Vermählung, das elegische, an den Tod seines Sohnes Otto anknüpfend, ›Otto zu Wolfgangs Hochzeit‹ und ›Drei Lieder an meine Enkel‹. In all diesen und manchen anderen verwandten Auslassungen kennzeichnet sich die zarte Empfindungsweise, der bescheidene, treffliche, liebenswürdige Mannescharakter Freiligraths in der unverfälschtesten Natürlichkeit. Andere Gedichte wieder, an Freunde, zu Wohltätigkeitszwecken, auf öffentliche oder Familienfeste, an Kinder, ergänzen diese Züge namentlich nach der humoristischen Seite hin. Sie sind besonders zahlreich aus der letzten Lebenszeit des Dichters und zeugen von jenem echten Humor des erfahrungsreichen Herzens, welches nach durchlebten Kämpfen in Selbstlosigkeit und Menschenliebe seine Beruhigung gefunden hat, und der deshalb auch erst dem alternden Menschen zu eigen wird. Bis zum Übermut, oft in Inhalt wie Reimspiel tummelt sich die frohe Laune, die warme Herzigkeit, die sinnlich-heitere Lust in diesen verschiedenen Hochzeits-, Tauf-, Paten- und Freundschaftsgrüßen. In seiner Bescheidenheit und kritischen Strenge gegen sich selbst hat Freiligrath die meisten dieser Blätter immer beiseite geschoben; aber wie sehr sie die Sammlung seiner Dichtungen bereichern, wird jeder würdigen, der sie durchlesen.

Um endlich seinen Übersetzungen noch eine besondere Würdigung zu Teil werden zu lassen, so bilden auch diese zunächst die Früchte einer Lieblingsbeschäftigung, welche sein ganzes Arbeitsleben begleitete. Schon 1835 – noch vor seinen eigenen Gedichten – erschien von ihm bei Sauerländer in Frankfurt ein Bändchen lyrischer Gedichte von Victor Hugo; andere von französischen, italienischen, dann mehr und mehr von englischen und amerikanischen Poeten wurden zusammen mit einzelnen seiner Liederhefte herausgegeben und sind bis zu den allerletzten selbstverständlich der Gesamtausgabe seiner Werke einverleibt. Denn sie sind nicht allein in der Verdollmetschung wahre Meisterwerke, insofern sie sprachgewandt bei aller gewissenhaftesten Treue in der Wiedergabe aus dem Geist des fremden Gedichts heraus- und in dessen Geist hineinzudichten wußten; sondern sie waren auch für Freiligrath Quellen vieler poetischen Anregungen und weisen deshalb auf die ihm geistesverwandte Poesie außerhalb der deutschen Literatur hin. Für ihn wurden die drei großen Kultursprachen ein einziges Weltgebiet, auf dem er sich heimisch bewegte. Er gab daher mit gleicher Liebe »englische Gedichte aus neuerer Zeit« (1846) in der Verdeutschung, wie auch in ihrer Originalsprache, mit seiner Hand in ihrem Charakteristischen zusammengestellt, heraus (› The Rose, Thistle and Shamrock‹).In »Dichtung und Dichter«, einer 1854 erschienenen Anthologie, stellte er zusammen, was Dichtermund über andere Poeten gesungen; des Amerikaners Longfellow »Sang von Hiawatha« übersetzte er während seines Exils in London 1857. Noch zuletzt übertrug er Gedichte der neuesten amerikanischen Dichter Walt Whitman, Bret Harte und Aldrich. In solcher Art war er auch ein Bereicherer der deutschen Sprache und führte die Dichtungen eines Hugo, Lamartine, Musset, Barbier, Manzoni, Burns, Moore, Scott, Coleridge, Good, Tennyson, Longfellow und noch anderer der bedeutendsten ausländischen Dichter in die deutsche Literatur ein. Es war dies neben seiner eigenen poetischem eine andere, nicht minder hoch beachtenswerte Betätigung der Universalität seines Geistes. Wie er die Fäden seiner Lyrik nach allen Völkerleben ausgesponnen, so zog er aus diesen auch das Lyrische wieder auf einen Punkt zusammen, gleichsam die Menschheit in ihrer Volksseele damit erfassend. Dies ist ein hohes, ein einziges Verdienst Freiligraths, welches noch weit über den Rahmen des bloß Poetischen hinaustritt.

Am Morgen des 18. März 1876 entschlummerte er im Alter von noch nicht 66 Jahren schmerzlos an einer Herzkrankheit, die sich im letzten Jahre rasch entwickelt hatte. Die allgemeine, tiefgehende Teilnahme war eines Dichters, der so tief in die Gemütswelt des Volks gegriffen hatte, würdig. In unzähligen Zeitungsaufsätzen, die lange nach seinem Tode noch sich fast ununterbrochen folgten, wurden seine Verdienste, seine Lebensschicksale, seine Beziehungen zu Freunden und Familie in der pietätvollsten Weise geschildert. Auch vom Auslande, vor allem von den zahlreichen Deutschen in Nordamerika, hallte die Klage um den Toten zurück. Als einen noch nicht bekannten Beweis seiner außerordentlichen Volkstümlichkeit in den Arbeiterkreisen jenes anderen Weltteils darf man wohl auch den rührenden Beileidsbrief eines Kranken-Unterstützungsvereins in Newyork gelten lassen, welcher an die Hinterbliebenen auf die Nachricht von Freiligraths Ableben gerichtet wurde. Dieser Verein war 1868 gegründet worden, hatte den Dichter ausdrücklich für seinen »Patron« erklärt und führte auch öffentlich dessen Namen in Stempel und Unterschrift als den seinigen. Von diesem »Freiligrath« aber hatte der heimgegangene Sängerfürst nichts gewußt.

Schmidt-Weißenfels








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