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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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8

Der Geächtete

Wir sehen uns zum Verständnis der folgenden Ereignisse gezwungen, den Faden unserer Erzählung zu unterbrechen, um ein seltsames Abenteuer zu erzählen, das sich in den Prärien des Westens ungefähr dreißig Jahre vor unserer Erzählung zugetragen hat.

Die Indianer, die man unserer Ansicht nach mit Unrecht als Wilde betrachtet, haben gewisse Gewohnheiten, die eine seltene Einsicht und eine tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens verraten. Die Komantschen, die sich zu erinnern scheinen, daß sie in alten Zeiten eine verhältnismäßig sehr verfeinerte Zivilisation besessen haben, sind diejenigen, die die meisten jener Sitten beibehalten haben, die offenbar den Stempel der Eigentümlichkeit tragen.

An einem Tag im Monat Februar – den sie Wame-binni-quisis, den »Mond der wiederkehrenden Adler«, nennen – des Jahres 1795 herrschte in einem Dorf des Stammes der Roten Kuh eine ungewöhnliche Aufregung. Der Hachesto oder öffentliche Ausrufer stand auf dem Dach einer Hütte und berief die Krieger um die siebente Stunde des Tages auf den Marktplatz des Dorfes neben die Arche des ersten Menschen, wo ein großer Rat abgehalten werden sollte. Die Krieger fragten sich vergebens, was der Grund einer so unerwarteten Versammlung sein könne, aber niemand konnte ihnen Auskunft geben – selbst der Hachesto wußte es nicht –, und sie sahen sich daher genötigt, die Stunde der Versammlung abzuwarten, obwohl sich die Auslegungen und Vermutungen nicht unterdrücken ließen.

Die Rothäute, die uns schlecht unterrichtete Schriftsteller als kalte, steife und schweigsame Menschen schildern, sind im Gegenteil unter sich sehr munter und besonders sehr redselig. Ihre Beziehungen zu den Weißen, die besonders durch die Schwierigkeiten der Sprache erschwert werden, die sowohl für sie wie für die Europäer unüberwindlich sind, und das Mißtrauen, das jeder Eingeborene beim Verkehr mit Weißen wegen des Hasses empfindet, der beide Menschenklassen schroff auseinandertrennt, haben Veranlassung zu jener irrigen Meinung gegeben.

Wir haben während unseres langen Aufenthalts unter den Indianerstämmen häufig Gelegenheit gehabt zu erkennen, wie sehr man sich in Hinsicht auf die Rothäute täuscht. Als wir den langen Abendplaudereien in den Dörfern und den Jagdzügen beiwohnten, beobachteten wir ein wahres Kreuzfeuer von Witzen und Scherzen, was häufig stundenlang dauerte; zum größten Entzücken der ausgelassen lachenden Zuhörer, die jenes herzliche indianische Gelächter aufschlugen, das ebenso sorglos wie unbefangen klingt, den Mund bis an die Ohren öffnet und den Augen Freudentränen erpreßt. Jenes Lachen ist wegen seines silbrigen Klanges nur mit dem Lachen der Neger zu vergleichen, obwohl das erstere weit geistreicher ist als das zweite, in dessen Klang stets etwas Tierisches liegt. Gegen das Ende des Tages – welche Zeit zur Versammlung bestimmt worden war – bot das Dorf der Roten Kuh einen außerordentlich lebendigen Anblick. Männer, Weiber, Kinder und Hunde, jene unzertrennlichen Gäste der Rothäute, drängten sich um einen weiten Kreis, in dem das Beratungsfeuer angezündet werden sollte, an dem die vorzüglichsten Häuptlinge des Stammes feierlich kauerten. Auf einen Wink eines alten Sachem, dessen silberweißes Haar auf seine Schultern niederwallte, brachte der Pfeifenträger das große Kalumet herbei, dessen Kopf er in der Hand behielt, während er das Rohr im Kreis herumgehen ließ.

Als sämtliche Häuptlinge etliche Züge getan hatten, neigte der Pfeifenträger das Kalumet nach den vier Weltgegenden, wobei er geheimnisvolle Worte murmelte, die niemand verstand; dann schüttete er die Asche ins Feuer und sagte mit lauter Stimme: »Ihr Häuptlinge, ihr Weiber und Kinder der Roten Kuh, eure Sachems sind versammelt, um eine wichtige Frage zu entscheiden; bittet den Herrn des Lebens, daß er ihnen kluge Worte eingebe.«

»Möge der Herr des Lebens dem Sachem des Volkes kluge Worte eingeben!« antworteten die Anwesenden im Chor.

Hierauf entfernte sich der Pfeifenträger, nachdem er sich vor den Häuptlingen ehrerbietig verneigt hatte, und nahm das Kalumet mit sich. Die Beratung begann.

Auf einen Wink des alten Sachem erhob sich ein Häuptling, grüßte die Anwesenden und ergriff das Wort: »Hochverehrte Sachems, Häuptlinge und Krieger meines Volkes!« sagte er mit lauter Stimme. »Der Auftrag, der mir zuteil geworden ist, fällt meinem Herzen schwer. Hört mich nachsichtig an; laßt euch nicht durch die Leidenschaft verblenden; vielmehr mag die Gerechtigkeit allein das vielleicht harte Urteil sprechen, das ihr euch genötigt seht zu fällen. Der Auftrag, den ich übernommen habe, ist schmerzlich, ich wiederhole es, und erfüllt mein Herz mit Trauer. Ich sehe mich genötigt, zwei berühmte Häuptlinge vor euch anzuklagen, die zwei angesehenen Familien angehören und sich beide in gleichem Grad um uns verdient gemacht haben, indem sie dem Stamm ausgezeichnete Dienste erwiesen. Jene Häuptlinge, die ich euch nennen muß, sind der Springende Jaguar und der Sperber.«

Bei Nennung jener wohlbekannten und mit Recht geachteten Namen lief ein Beben der Verwunderung und des Schmerzes durch die Reihen der Menge. Aber auf einen Wink des ältesten Sachem trat fast augenblicklich die frühere Ruhe ein, und der Häuptling fuhr fort: »Wie hat sich so plötzlich eine Wolke über dem Geist jener beiden Krieger lagern und ihren Verstand in solchem Grad verdunkeln können, daß die beiden Männer, die sich so lange Zeit wie Brüder geliebt hatten und deren Freundschaft im Volk als ein Muster genannt wurde, plötzlich die bittersten Feinde geworden sind? Warum hat sie der Große Geist so vollständig verlassen, daß ihre Augen Blitze schleudern, ihre Brust keucht und ihre Hand nach den Waffen sucht, sooft sie sich erblicken? Niemand vermag es zu sagen, niemand weiß es; ja die Häuptlinge selbst haben, als sie vom Sachem befragt wurden, die Blicke gesenkt und hartnäckig geschwiegen, ohne sich entschließen zu können, den Grund einer so unversöhnlichen Feindschaft, die den Stamm mit Schmerz erfüllt, entdecken zu wollen. Ein so anstößiges Schauspiel darf nicht länger dauern; wir würden unseren Kindern das schädlichste Beispiel geben, wenn wir es dulden wollten. Ich fordere euch, ihr Sachems, Krieger und Häuptlinge, im Namen der Gerechtigkeit auf, jene unversöhnlichen Feinde auf ewig aus dem Stamm zu verbannen, und zwar noch heute abend bei Untergang der Sonne. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?«

Der Häuptling nahm unter einem allgemeinen unheilvollen Schweigen seinen Sitz wieder ein; man hätte in der fast zweitausend Menschen zählenden Versammlung fast das Klopfen der bekümmerten Herzen vernehmen können, so groß waren die Aufmerksamkeit und die Spannung, womit jeder den Worten lauschte, die gesprochen wurden.

»Hat irgendein Häuptling auf die eben erhobene Anklage etwas zu erwidern?« fragte der alte Sachem mit matter Stimme, die aber von allen deutlich vernommen wurde.

Ein Mitglied des Rates erhob sich: »Ich ergreife das Wort«, sagte er. »Nicht um die Anklage von Tigerkatze zu widerlegen; denn leider ist alles, was er angeführt hat, die reinste Wahrheit. Statt die Tatsachen auszuschmücken, hat er mit jener Güte und Klugheit, die in ihm wohnt, das Gehässige noch gemildert, das in besagter Feindschaft liegt; ich will meinen Brüdern nur etwas zu bedenken geben. Die Häuptlinge sind schuldig, das ist leider nur zu klar erwiesen, und eine längere Erörterung des Gegenstands würde nur ermüdend sein. Aber mit der Ehrlichkeit, die ihn auszeichnet, hat uns Tigerkatze selbst gesagt, daß es berühmte Häuptlinge sind - auserlesene Krieger, die dem Volk bedeutende Dienste erwiesen haben. Wir alle lieben und verehren sie aus verschiedenen Gründen; laßt uns daher, wenn auch streng, doch nicht grausam sein, und verstoßen wir sie nicht wie widerwärtige Kojoten aus unserer Mitte. Wir wollen, ehe wir sie züchtigen, noch einen letzten Versuch machen, sie zu versöhnen. Ein solcher angesichts des ganzen Volkes getaner Schritt wird sicherlich ihr Herz rühren, und wir werden das Glück genießen, zwei so ausgezeichnete Häuptlinge zu behalten. Bleiben sie aber taub gegen unsere Bitten, haben unsere Ermahnungen keinen Erfolg, so ist das Übel in der Tat unheilbar, und unsere Pflicht fordert, daß wir eine Verblendung, die durch nichts zu beseitigen ist, ohne Nachsicht verdammen und einem Ärgernis Einhalt tun, das bereits zu lange währt, und daß wir sie, wie Tigerkatze vorschlägt, aus einem Volk ausweisen, das sie entehren. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?«

Der Häuptling ließ sich, nachdem er sich vor dem Sachem verbeugt hatte, wieder nieder, und ein beifälliges Gemurmel folgte seinen warmen Worten.

Obwohl beide Reden unbedingt zu der Feierlichkeit gehörten und jedermann wußte, wie der Ausgang der Sitzung sein würde, genossen doch die angeklagten Häuptlinge ein so allgemeines Ansehen im Volk, daß noch manche hofften, sie würden sich im letzten Augenblick aussöhnen, wenn sie sähen, daß die Verbannung über sie ausgesprochen werden sollte. Der Umstand, daß die Ursache jener Feindschaft vollkommen unbekannt war und niemand wußte, was er davon denken sollte, machte die Sache noch sonderbarer.

Als die Ruhe wieder eingetreten war, ergriff der älteste Sachem, nachdem er sich mit seinen Kollegen beraten hatte, das Wort: »Man führte den Springenden Jaguar und den Sperber vor unser Angesicht.«

Da teilte sich die Menge an zwei entgegengesetzten Seiten wie eine überreife Frucht und ließ eine kleine Anzahl von vier bis fünf Häuptlingen, in deren Mitte sich die Angeklagten befanden, hereintreten. Sie blieben unerschütterlich, als sie sich begegneten, und ein leichtes Stirnrunzeln war das einzige Zeichen der Bewegung, das sie verrieten, als sie sich gegenüberstanden.

Es waren zwei Männer von ungefähr fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, von hohem, wohlgestaltetem Wuchs und kriegerischem Ansehen. Sie trugen das volllständige Kriegskleid und waren kriegsmäßig bemalt. Ihre jeweiligen Freunde trugen ihre Waffen. Sie traten mit achtungsvoller Miene und bescheidener Haltung vor den versammelten Rat, was ihnen den einstimmigen Beifall der Anwesenden zuzog.

Nachdem sie der älteste Sachem eine geraume Zeit mit trauriger, aber wohlwollender Miene betrachtet hatte, stand er mühsam mit Hilfe zweier Kollegen auf, die ihn unter den Armen stützten; hierauf ergriff er endlich in schwermütigem Ton mit schwacher, stockender Stimme das Wort: »Krieger, meine geliebten Kinder«, sagte er, »ihr habt von der Stelle, wo ihr standet, die gegen euch erhobene Klage angehört. Was habt ihr zu eurer Verteidigung anzuführen? Ist jene Aussage wahr? Hegt ihr wirklich gegenseitig einen so bitteren und unversöhnlichen Haß aufeinander? Antwortet!«

Die beiden Häuptlinge senkten schweigend den Kopf.

Der Sachem fuhr fort: »Ich war schon sehr alt, meine lieben Kinder – ich, der ich beinahe hundert Winter zähle –, als euch eure Mutter, die ich von Kindheit auf gekannt hatte, gebar. Ich war der erste, der euch den Gebrauch der Waffen lehrte, die später in euren kräftigen Händen so gefürchtet werden sollten. Gebt mir, der ich meinem Ende so nahe und im Begriff bin einzuschlafen, um in den seligen Prärien zu wachen, einen letzten Trost, der mich zum glücklichsten Menschen machen und mich für den Kummer entschädigen wird, den ihr mir bereitet habt. Hört, meine Kinder, folgt einer guten Regung eures Herzens; ihr seid jung, unternehmend und solltet nur der Liebe Raum geben in eurem Innern; der Haß ist eine Leidenschaft des reiferen Alters und steht der Jugend übel an. Reicht euch die biederen Hände, umarmt euch wie zwei Brüder, die ihr seid, und laßt zwischen euch alles vergeben und vergessen sein; ich bitte euch darum. Die Bitten eines Greises am Rande des Grabes, wie ich es bin, verdienen Erhörung.«

Unter der Menge herrschte die peinlichste Spannung, und jeder harrte atemlos und mit ängstlich kopfendem Herzen der Dinge, die da kommen sollten. Die beiden Häuptlinge blickten den alten Sachem gerührt an, der sie mit tränenden Augen betrachtete, und wandten einander den Kopf zu. Ihre Lippen bebten, als wollten sie reden. Ein krampfhaftes Zittern schüttelte ihre Glieder, doch drang kein Laut über ihre Lippen, und ihre Arme hingen schlaff an ihrer Seite herab.

»Antwortet mir!« fuhr der Greis fort. »Ja oder nein – es muß sein; ich will es, ich befehle es!«

»Nein!« sagten sie mit dumpfer, aber fester Stimme.

Der Sachem richtete sich auf: »Gut«, sagte er. »Da jedes bessere Gefühl in euch erstorben ist und der Haß alles andere verzehrt hat, seid ihr keine Menschen mehr, sondern Ungeheuer; hört das unwiderrufliche Urteil an, das eure Sachems, eure Gefährten, Verwandten und Freunde über euch fällen. Das Volk verstößt euch aus seiner Mitte; ihr seid nicht mehr die Kinder des Stammes; man wird euch in den Jagdgebieten unseres Stammes Feuer und Wasser verweigern; wir kennen euch nicht mehr. Etliche Häuptlinge, die mit ihrem Kopf für euch haften, werden euch fünfundzwanzig Stunden vom Dorf wegführen; dich, Springender Jaguar, nach Süden – dich, Sperber, nach Norden. Es ist euch bei Todesstrafe untersagt, das Gebiet des Volkes wieder zu betreten, und eure fluchwürdigen Mokassins sollen den heimischen Boden nicht wieder aufsuchen. Jeder von euch nehme einen der beiden Pfeile, die mit verschiedenen Farben bemalt sind; sie werden euch bei den verschiedenen Völkern, die ihr antrefft, als Reisepaß dienen. Sucht ein Volk, das euch adoptiert, denn ihr habt fortan weder Heimat noch Familie mehr. Geht, Verfluchte; die Pfeile sind das letzte Geschenk, das euch eure Brüder machen! Geht, und möge der Herr des Lebens eure harten Herzen erweichen! Wir kennen euch nicht mehr. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?«

Der Greis setzte sich unter der allgemeinen Rührung wieder hin, bedeckte das Gesicht mit einem Teil seines Bisonmantels und blieb unbeweglich. Er weinte. Die Häuptlinge entfernten sich taumelnd wie Trunkene und wurden nach entgegengesetzten Stellen des Platzes geführt. Von den Häuptlingen, die sie hergebracht hatten, gestützt und fortgeschleppt, durchschritten sie die Reihen ihrer Landsleute unter der Last der Verwünschungen, die man ihnen zurief.

Am Ausgang des Dorfes standen Pferde für sie bereit; sie schwangen sich in den Sattel und sprengten davon, gefolgt von ihren Begleitern, die sie erst fünfundzwanzig Stunden vom Dorf verlassen durften.

Als jeder die Stelle erreicht hatte, wo er verlassen werden sollte, stiegen die Krieger ab, warfen stumm ihre Waffen auf die Erde und jagten mit verhängtem Zügel davon. Während des langen Rittes, der vierzehn Stunden gedauert hatte, war kein Wort gesprochen worden. –

Wir wollen dem Sperber folgen. Niemand hat je erfahren, was aus dem Springenden Jaguar geworden ist; seine Spur ging so vollständig verloren, daß es unmöglich war, sie wieder aufzufinden.

Der Sperber war ein Mann von unerschütterlicher Energie und bewährtem Mut; als er sich aber allein, verlassen von allen sah, die er geliebt hatte, erfaßten ihn eine vorübergehende Mutlosigkeit und eine kalte Wut, die ihn beinahe um den Verstand brachten. Bald aber empörte sich sein Stolz; er sträubte sich gegen den Schmerz und setzte, nachdem er seinem Pferd die notwendige Ruhe gegönnt hatte, seine Reise entschlossen fort.

Länger als einen Monat schweifte er, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, umher, wobei er vom Ertrag seiner Jagd lebte und sich weder darum kümmerte, wohin er käme, noch mit welchen Menschen ihn der Zufall zusammenführen würde.

Eines Tages, als er einen Hirsch lange und vergeblich verfolgt hatte, ohne ihn, von einem eigenen Unstern verfolgt, erreichen zu können, stand er plötzlich vor einem toten Pferd; er schaute sich um – in geringer Entfernung davon erblickte er ein zweites, neben dem eine Leiche am Boden lag, die, der Kleidung nach zu schließen, einem Europäer oder wenigstens einem Weißen gehören mußte.

Die Neugierde des Sperbers erwachte. Er fing mit der den Indianern angeborenen Umsicht sofort an, überall umherzustöbern. Seine Nachforschungen hatten sehr bald einen unerwarteten Erfolg. Er erblickte am Fuß eines Baumes einen Mann mit grauschimmerndem Haar, verwildertem, dichtem Bart und zerlumpter Kleidung, der regungslos dalag.

Der Indianer trat rasch heran, um den Zustand des Unbekannten näher zu untersuchen und ihm für den Fall, daß er nicht tot wäre, die nötige Pflege zu widmen. Vor allen Dingen legte der Sperber seine Hand auf das Herz desjenigen, den er zu retten hoffte. Er fühlte es schlagen, aber so unmerklich, daß es jeden Augenblick stillstehen zu wollen schien.

Alle Indianer haben einige ärztliche Kenntnisse, d. h. sie kennen gewisse Pflanzen, mittels derer sie häufig höchst wunderbare Kuren vollbringen.

Während der Indianer bemüht war, den Unbekannten ins Leben zurückzurufen, betrachtete er ihn aufmerksam. Trotz des grauschimmernden Haares war jener Mann noch jung und höchstens vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt; sein Wuchs war hoch und wohlgebildet, seine Stirn breit und vorspringend, die Nase gebogen, der Mund groß und das Kinn eckig. Seine Kleider waren zwar zerlumpt, aber von gefälliger Form und feinem Tuch, woraus hervorging, daß er zu den Wohlhabenden gehörte.

Der Leser wird begreifen, daß diese feinen Merkmale dem Indianer entgingen; er erblickte in dem Fremden nur einen geistig befähigten Menschen, dessen Lebenslicht im Begriff war zu verlöschen, und obwohl er der weißen Rasse angehörte, die der Indianer gleich allen seinen Landsleuten verabscheute – und zwar nicht ohne Grund –, vergaß er doch beim Anblick einer so großen Not seine Abneigung, um nur auf Mittel zu sinnen, ihm zu helfen. Neben dem Unbekannten lagen chirurgische Instrumente, eine Zange, Pistolen, eine Flinte, ein Säbel und ein offenes Buch bunt durcheinander im Gras.

Die Bemühungen des Sperbers blieben lange Zeit erfolglos. Schon gab er es auf, das fliehende Leben aufzuhalten, als sich auf den Wangen des Ohnmächtigen eine leichte, kaum wahrnehmbare Röte zeigte, während die Herzschläge schneller und stärker wurden. Bei dieser unverhofften Besserung legte der Sperber seine Freude an den Tag. Seltsamerweise empfand jener Krieger, dessen Lebensziel es bisher gewesen war, die Weißen mit Schlauheit und Hinterlist zu bekriegen, und an den unglücklichen Spaniern, die in seine Hände fielen, Taten der durchdachtesten und grausamsten Roheit zu begehen, eine aufrichtige Freude, als es ihm gelang, einen Menschen ins Leben zurückzurufen, der nach seinen Begriffen sein natürlicher Feind war.

Nach wenigen Augenblicken öffnete der Unbekannte langsam die Augen; wahrscheinlich aber blendete ihn das Tageslicht, denn er schloß sie augenblicklich wieder.

Der Sperber ließ sich nicht abschrecken, sondern war entschlossen, das begonnene Werk zu vollenden. Seine Hoffnung wurde nicht getäuscht – bald öffnete der Unbekannte die Augen von neuem und machte eine Bewegung, als wolle er sich aufrichten; er war aber zu schwach dazu. Der Indianer richtete ihn nun behutsam bei den Schultern in die Höhe und lehnte ihn gegen den Stamm des Catalpas, an dessen Fuß er ihn gefunden hatte.

Der Unbekannte nickte ihm einen stummen Dank zu und murmelte mit kaum vernehmbarer Stimme: »Beber – trinken.«

Die Komantschen, die oft Raubzüge auf spanisches Gebiet unternehmen, verstehen alle einige Worte der spanischen Sprache. Der Sperber sprach diese ziemlich geläufig; er griff nach der Feldflasche, die an seinem Sattelknopf hing und die er eine halbe Stunde vorher gefüllt hatte, und brachte deren Öffnung zwischen die Lippen des Kranken.

Sobald letzterer von dem Wasser gekostet hatte, fing er an, in tiefen Zügen zu trinken. Aber der Indianer, der erriet, was dem Kranken zugestoßen sein mochte, ließ ihn nur wenige Züge tun und entzog ihm dann die Flasche.

Der Unbekannte verlangte mehr zu trinken, aber der Sperber verweigerte es. »Nein«, sagte er, »das darf nicht sein; mein Bruder, das Bleichgesicht ist zu schwach, er muß vorher etwas essen.«

Der Kranke lächelte und drückte ihm die Hand. Der Indianer stand sehr erfreut auf, nahm etliche Früchte aus seinem Sack mit Vorräten und reichte sie demjenigen, den er gewissermaßen von den Toten erweckt hatte.

Dank jener verständigen Pflege erholte sich der Kranke nach etwa einer Stunde so weit, daß er aufstehen konnte. Er erzählte nun dem Sperber in gebrochenem Spanisch, daß er mit einem Freund gemeinsam gereist wäre, daß ihre Pferde vor Anstrengung gestürzt seien und er und sein Freund in der Einöde an allem Mangel gelitten und sich in der Unmöglichkeit befunden hätten, sich Wasser oder Lebensmittel zu verschaffen, weshalb sein Freund nach unerhörten Leiden schon vor einem Tag in seinen Armen verschieden und er im Begriff gewesen wäre, seinem Beispiel zu folgen, als sein guter Stern – oder vielmehr die Vorsehung – ihm einen Retter in Gestalt des Indianers geschickt habe.

»Gut«, antwortete der Indianer, als der Unbekannte seine Erzählung beendet hatte. »Mein Vater ist jetzt stark; ich werde ihm mit meinem Lasso ein Pferd einfangen und ihn bis zu den ersten Häusern der Leute seiner Farbe bringen.«

Bei diesem Vorschlag runzelte der Unbekannte die Brauen, während seine Züge Haß und Geringschätzung ausdrückten. »Nein«, sagte er, »ich mag nicht zu den Menschen meiner Farbe zurückkehren, denn sie haben mich ausgewiesen und geächtet, und ich hasse sie. Ich will fortan nur die Wildnis bewohnen.«

»Uah!« rief der Indianer verwundert aus. »Hat mein Vater kein Volk mehr?«

»Nein«, antwortete dieser, »ich bin allein und habe weder Heimat noch Verwandte, noch Freunde; der Anblick eines Mannes meiner Farbe erweckt meinen Haß und meine Verachtung; sie sind alle undankbar, und ich will fern von ihnen leben.«

»Gut«, sagte der Indianer. »Auch ich bin allein und von meinem Volk ausgestoßen; ich werde bei meinem Vater bleiben und sein Sohn sein.«

»Wie?« rief der Unbekannte aus, der meinte, nicht recht verstanden zu haben. »Wäre es möglich? Wird auch bei euren wandernden Stämmen die Verbannung ausgesprochen? Ihr seid wie ich von Euren Landsleuten, Euren Blutsverwandten ausgewiesen, seid verlassen, ohne Freunde und fortan verdammt, allein, immer allein umherzuirren?«

»Ja«, murmelte der Sperber und senkte traurig den Kopf.

»Ach«, rief der Unbekannte aus, wobei er mit seltsamem Ausdruck gen Himmel blickte, »was ist der Mensch! Er ist derselbe überall, ist grausam, entartet und herzlos.« Er schritt eine Zeitlang auf und ab, indem er gewisse Worte in einer Sprache murmelte, die der Indianer nicht verstand, worauf er rasch zu dem letzteren zurückkehrte, ihm kräftig die Hände drückte und mit fieberhafter Hast sagte: » Wohlan, ich nehme Euren Vorschlag an; unser Schicksal ist das gleiche, und wir dürfen uns nicht mehr trennen. Da wir beide das Opfer menschlicher Bosheit sind, wollen wir vereint leben. Ihr habt mir das Leben gerettet, Rothaut – im ersten Augenblick war es mir nicht recht, aber jetzt danke ich der Vorsehung dafür, da ich dadurch Gelegenheit finde, ferner Gutes zu tun, und ich die Menschen wegen ihrer Undankbarkeit beschämen kann.«

Diese Worte waren viel zu gekünstelt und mit zu tiefsinnigen Philosophien durchflochten, als daß sie der Sperber hätte vollkommen verstehen können; doch erfaßte er so ziemlich deren Sinn, und das genügte ihm, denn auch er schätzte sich glücklich, einen Gefährten zu finden, einen Mann, den dasselbe Schicksal betroffen hatte wie ihn. »Mein Vater, öffne die Ohren«, sagte er; »er wird hierbleiben, während ich gehe, ein Pferd für ihn zu suchen! Es gibt zahlreiche Manadas in der Nähe; ich werde bald gefunden haben, was ich suche. Während der Abwesenheit des Sperbers wird sich mein Vater in Geduld fassen – ich lasse ihm übrigens Lebensmittel und Trinkwasser da.«

»Geht!« erwiderte der Unbekannte.

Nach zwei Stunden kehrte der Indianer mit einem prächtigen Pferd zurück. – Mehrere Tage verstrichen in Kreuzundquerzügen, die aber alle in der Richtung der Wildnis unternommen wurden. Der Unbekannte schien die Begegnung mit einem Weißen zu scheuen; doch verharrte er außer der Erzählung seines Abenteuers, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte, in hartnäckigstem Schweigen über alle näheren Umstände seines vergangenen Lebens. Der Indianer wußte weder, wer er war, noch, was er früher getrieben hatte, noch, warum er sich in die Wildnis begeben hatte, auf die Gefahr hin, sein Leben einzubüßen. Sooft der Sperber nach seinem früheren Leben fragte, brach er die Unterhaltung ab oder gab dieser so geschickt eine andere Wendung, daß der Indianer auf den Gegenstand seiner Forschung nicht zurückkommen konnte.

Eines Tages ritten beide plaudernd nebeneinanderher, und der Sperber, der sich innerlich über das geringe Vertrauen verletzt fühlte, das ihm der Fremde zeigte, fragte plötzlich und ohne Umschweife: »War mein Vater ein großer Häuptling in seinem Volk?«

Der Unbekannte lächelte trübe. »Vielleicht«, antwortete er; »jetzt aber bin ich nichts mehr.«

»Mein Vater irrt sich«, sagte der Indianer mit Ernst. »Vielleicht haben ihn die Krieger seines Volkes verkannt, doch bleibt sein wahrer Wert deswegen doch derselbe.«

»Das ist nichts als Dunst«, seufzte der Unbekannte.

»Die Vaterlandsliebe ist die größte und edelste Leidenschaft, die der Herr des Lebens in das Herz des Menschen gepflanzt hat; mein Vater hatte unter den Seinen einen geachteten Namen.«

Der Unbekannte runzelte die Brauen, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, den der Indianer früher niemals an ihm bemerkt hatte. »Mein Name ist ein Fluch, und niemand soll ihn wieder nennen hören; die Anhänger desjenigen, den ich Unwürdiger habe stürzen helfen, brannten ihn wie ein Feuerzeichen auf meiner Stirn ein.«

Der Sperber äußerte eine Gebärde der tiefsten Verachtung. »Der Häuptling eines Volkes gehört seinen Kriegern an; wenn er sie verrät, liefert er ihnen selbst seinen Skalp in die Hände«, sagte er in festem Ton.

Der Unbekannte war erstaunt, sich so richtig verstanden zu sehen, und lächelte befriedigt. »Indem ich seinen Kopf verlangte«, fuhr er mit Überzeugung fort, »setzte ich den meinigen aufs Spiel; aber ich wollte mein Vaterland retten - wer durfte mich tadeln?«

»Niemand!« antwortete der Sperber eifrig. »Ein Verräter muß unbedingt sterben.« Es folgte eine lange Pause.

Der Sperber ergriff zuerst das Wort. »Wir müssen stets vereint leben«, sagte er. »Mein Vater will, daß mir sein Name unbekannt bleibe; ich werde daher nicht darauf bestehen, ihn zu erfahren; wir können aber nicht länger zwecklos umherschweifen, wir müssen von einem Stamm aufgenommen und von Menschen als ihre Brüder anerkannt werden.«

»Wozu?« fragte der Unbekannte.

»Um stark und allgemein geachtet zu sein; wir gehören unseren Brüdern so gut wie sie uns. Das Leben ist uns vom Herrn der Welt nur unter der Bedingung verliehen worden, daß wir es zum Nutzen unserer Umgebung verwenden. Unter welchem Namen soll ich meinen Vater denjenigen vorstellen, die wir um Schutz und Aufnahme bitten wollen?«

»Unter welchem Ihr wollt, mein Sohn; da ich den meinen nicht mehr tragen kann, ist es mir gleichgültig, welchen anderen ich führe.«

Der Sperber bedachte sich kurze Zeit. »Mein Vater ist stark«, sagte er, »und sein Haar fängt an, die Farbe des winterlichen Schnees anzunehmen; er soll fortan der Weiße Bison heißen.«

»Der Weiße Bison? Es sei«, antwortete der Unbekannte seufzend. »Der Name ist so gut wie jeder andere; vielleicht gelingt es mir auf solche Weise, den Nachstellungen derjenigen zu entgehen, die meinen Tod geschworen haben.«

Der Indianer war erfreut, einen Namen gefunden zu haben, bei dem er seinen Freund nennen konnte, und er sagte in munterem Ton: »In Kürze werden wir ein Dorf erreichen, das von den Blut- oder Kenha-Indianern bewohnt wird, wo man uns aufnehmen wird, als ob wir Kinder des Volkes wären. Mein Vater ist klug – ich bin stark, die Kenhas werden sich glücklich schätzen, uns aufnehmen zu können. Nur Mut gefaßt, alter Vater, die neue Heimat wird Euch vielleicht die alte ersetzen.«

»Frankreich, leb wohl!« murmelte der Unbekannte mit erstickter Stimme. –

Vier Tage später hatten sie in der Tat das Dorf der Kenhas erreicht; sie fanden freundliche Aufnahme dort.

»Nun«, sagte der Sperber zu seinem Gefährten, als sie mit allen üblichen indianischen Feierlichkeiten aufgenommen worden waren, »was denkt mein Vater? Ist er nicht glücklich?«

»Ich denke«, antwortete jener schwermütig, »daß dem Verbannten die verlorene Heimat durch nichts ersetzt werden kann.«

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