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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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7

Der indianische Häuptling

In dem Augenblick, in dem der Graf de Beaulieu sein Streichhölzchen anzündete und gedankenlos seine Zigarre anbrennen wollte, war er weit entfernt, zu vermuten, daß er den Indianern dadurch so furchtbar erscheinen würde. Sobald er aber die Gewalt des Werkzeugs erkannte, das ihm der Zufall in die Hand gegeben hatte, beschloß er, es zu seinem Nutzen auszubeuten und sich der abergläubischen Furcht der Rothäute zu seinem Vorteil zu bedienen.

Während er innerlich über den Vorteil jubelte, der ihm so unerwartet zuteil geworden war, nahm er äußerlich eine finstere Miene an und redete die Indianer, als er sah, daß sie imstande waren, ihm zuzuhören, in dem überlegenen, gebietenden Ton an, der seinen Eindruck auf die Massen nie verfehlt: »Wollen meine Brüder ihre Ohren öffnen, denn die Worte meines Mundes sollen von allen gehört und verstanden werden: Meine Brüder sind einfache, vom Irrtum befangene Menschen, und die Wahrheit muß wie ein eiserner Keil in ihre Herzen dringen. Meine Güte ist groß, denn ich bin mächtig. Ich habe mich begnügt, meinen Brüdern zu zeigen, was ich vermag, statt sie zu züchtigen; ich bin ein großer Zauberer der Bleichgesichter und besitze alle Geheimnisse der berühmtesten Medizin. Wenn ich es wollte, würden die Vögel vom Himmel und die Fische aus dem Wasser kommen, um mir zu huldigen, weil der Herr des Lebens in mir wohnt und mir den Zauberstab der Medizin verliehen hat. Merkt auf meine Worte, Rothäute, und vergeßt diese nicht!

Als der erste Mensch geboren wurde, erging er sich an den Ufern des Mécha-Chébé; da begegnete er dem Herrn des Lebens. Der Herr des Lebens grüßte ihn und sagte: ›Du bist mein Sohn.‹

›Nein‹, erwiderte der erste Mensch, ›du bist im Gegenteil mein Sohn, und ich bin bereit, es dir zu beweisen, wenn du mir nicht glauben willst. Wir wollen uns setzen und den Medizinstab, den jeder von uns in der Hand trägt, in die Erde pflanzen, und derjenige, der zuerst aufsteht, soll der jüngste sein und der Sohn des anderen.‹

Sie setzten sich also hin und blickten sich lange Zeit an, bis endlich der Herr des Lebens erbleichte, zusammenbrach und das Fleisch von seinen Knochen fiel; worauf der erste Mensch vergnügt ausrief: ›Endlich bist du wirklich tot!‹

Sie blickten sich auf solche Weise zehn Monde lang und noch zehnmal länger an, nach welcher Zeit das Gebein des Herrn vollständig ausgebleicht war, worauf der erste Mensch aufstand und sagte: ›Ja, jetzt bleibt kein Zweifel; er ist sicherlich tot.‹ Dann zog er den Stab des Herrn des Lebens aus der Erde.

Jetzt stand aber der Herr des Lebens auf, nahm ihm den Stab und sagte: ›Halt, hier bin ich! Ich bin dein Vater, und du bist mein Sohn.‹

Und der erste Mensch erkannte ihn an als seinen Vater.

Aber nun fügte der Herr des Lebens hinzu: ›Du bist mein Sohn, der erste Mensch, und kannst nicht sterben; nimm meinen Medizinstab! Sooft ich meinen Söhnen, den Rothäuten, etwas mitzuteilen habe, werde ich dich senden.‹

Hier seht ihr meinen Medizinstab; seid ihr bereit, meine Befehle zu vollstrecken?«

Die Worte waren im Ton so fester Überzeugung gesprochen, und die vom Grafen erzählte Legende war so lebendig wiedergegeben und so allgemein bekannt, daß ihm die Indianer, die durch das Wunder mit dem Streichhölzchen schon zu seinen Gunsten eingenommen worden waren, unbedingten Glauben schenkten und mit der tiefsten Ehrfurcht antworteten: »Unser Vater rede; denn was er will, das wollen wir auch; sind wir doch seine Kinder!«

»Entfernt euch«, fuhr der Graf fort, »ich will mit eurem Häuptling allein verkehren!« Natah-Otann hatte die Rede des Grafen mit der größten Aufmerksamkeit angehört; ein Beobachter würde zuweilen einen flüchtigen Ausdruck des Unglaubens auf seinem Gesicht wahrgenommen haben, doch leuchteten im nächsten Augenblick seine klugen, verständigen Augen lebhaft und freudig auf. Als der junge Mann schwieg, ertönte sein Jubel ebenso laut – wenn nicht noch lauter – als der seiner Krieger, und als er hörte, daß der Graf mit ihm allein verkehren wollte, spielte ein Lächeln um seine Lippen. Er gebot den Indianern durch einen Wink, sich zu entfernen, und näherte sich dem Grafen mit einer Sicherheit und einer Anmut, die letzterem unwillkürlich auffiel. In dem Wesen des jungen Häuptlings lag ein angeborener Adel, der auf den ersten Blick für ihn einnahm, die Herzen gewann und Anteil erweckte.

Die Schwarzfußkrieger verneigten sich ehrerbietig, worauf sie den Abhang hinunterstiegen und sich in einer Entfernung von ungefähr zweihundert Ellen aufstellten. Zwei Männer außer den Indianern waren über die improvisierte Rede des Grafen wenigsten ebenso überrascht wie die Indianer. Es waren Freikugel und Ivon Kergollec; weder der eine noch der andere begriff, wo das hinaus wollte. Die indianische Kenntnis des jungen Mannes waren ihnen unbegreiflich, und sie harrten des Ausgangs jenes Auftrittes, dessen Zweck und Bedeutung ihnen vollständig dunkel war, mit ängstlicher Spannung. Als der Franzose und der Indianer allein waren – denn der Jäger und der Bretone hatten sich gleichfalls zurückgezogen –, musterten sie einander mit wahrhaft peinlicher Aufmerksamkeit. So große Mühe sich der Weiße aber auch gab, um die wahre Meinung seines Gegenübers zu ergründen, mußte er sich schließlich eingestehen, daß er es mit einem jener bevorzugten Menschen zu tun habe, auf deren Zügen sich nichts von den Regungen ihres Inneren verrät und die unter allen Umständen ihre Empfindungen zu beherrschen wissen; ja noch mehr: Er empfand unter dem starren, glänzenden Blick des Indianers ein Unbehagen, das er dadurch zu beseitigen suchte, daß er rasch das Wort ergriff, um gewissermaßen den Zauber zu lösen, der ihn gefangenhielt.

»Häuptling«, hob er an, »jetzt haben sich Eure Krieger entfernt –« Natah-Otann tat seiner Rede durch einen Wink Einhalt, verneigte sich höflich vor dem Grafen und sagte mit einem Ausdruck, um den ihn die Eingeborenen an den Ufern der Seine beneidet haben würden: »Verzeihung, Herr Graf, ich glaube, daß die geringe Übung, die Sie im Sprechen unserer Sprache haben, Ihnen deren Gebrauch erschwert; ist es Ihnen gefällig, sich auf französisch auszusprechen, so glaube ich die Sprache genug zu verstehen, um Ihnen folgen zu können.«

»Wie?« rief der Graf verwundert aus. »Was sagt Ihr da?« Herr von Beaulieu hätte nicht bestürzter sein können, wenn der Blitz vor seinen Füßen eingeschlagen hätte, als da er den Wilden, der die vollständige Kleidung der Schwarzfüße trug und dessen Gesicht mit vier verschiedenen Farben bemalt war, ein so reines Französisch sprechen hörte.

Natah-Otann bemerkte scheinbar die Bestürzung des Grafen nicht, sondern fuhr kaltblütig fort: »Ich bitte, mir zu verzeihen, Herr Graf, wenn ich Ausdrücke gebraucht habe, die Ihnen wegen deren Gewöhnlichkeit wahrscheinlich anstößig waren, doch muß es mir als Entschuldigung dienen, daß ich in der Wildnis so wenig Gelegenheit gehabt habe, mich im Französischen zu üben.«

Die Verwunderung des Herrn de Beaulieu stieg immer höher, und kaum wußte er noch, ob er wache oder der Spielball eines Traums sei. Was er hörte, kam ihm so unglaublich und unbegreiflich vor, daß er keine Worte fand, um sein Erstaunen auszusprechen. »Aber wer seid Ihr denn eigentlich?« fragte er endlich, als er zu reden imstande war.

»Ich?« fragte Natah-Otann gleichgültig. »Sie sehen es ja, Herr Graf, ich bin ein armer Indianer – weiter nichts.«

»Unmöglich!« entgegnete der junge Mann.

»Ich versichere, mein Herr, daß ich Ihnen die reinste Wahrheit gesagt habe. Sehen Sie«, fuhr er mit liebenswürdiger Unbefangenheit fort, »Sie müssen es mir nicht zum Vorwurf machen, wenn Sie finden sollten, daß ich ein wenig – wie soll ich sagen? –, ein wenig höflicher oder geschliffener bin als die anderen. Das hängt von Umständen ab, die gänzlich außer dem Bereich meines Willens liegen und die ich Ihnen gelegentlich mitteilen will, wenn Ihnen daran liegen sollte.«

Der Graf de Beaulieu war, wie wir bereits gesagt zu haben glauben, ein großherziger Mann, den wenige Dinge aus der Fassung zu bringen vermochten. Nachdem sich sein erstes Erstaunen gelegt hatte, wußte er sich mit großer Ruhe in die neue Lage zu finden und nahm, ohne zu zaudern, das seltsame Abenteuer, das ihm der Zufall bereitet hatte, auf sich. »Die Begegnung ist bei Gott seltsam und vollkommen geeignet, mich in Erstaunen zu setzen; entschuldigen Sie daher, bester Herr, die unschickliche Verwunderung, die ich an den Tag gelegt habe, als ich Sie so reden hörte, wie Sie es getan haben; ich war so weit entfernt, zu erwarten, einem so anständigen Mann wie Ihnen in einer Entfernung von sechshundert Meilen von den zivilisierten Ländern zu begegnen, daß ich offen bekenne, ich wußte anfangs nicht, welchem Heiligen ich meine arme Seele empfehlen sollte.«

»Sie schlagen meine geringen Kenntnisse zu hoch an, Herr Graf; nehmen Sie aber die Versicherung entgegen, daß ich die gute Meinung, die Sie von mir haben, mit Dank anerkenne. Jetzt wollen wir mit Ihrer Erlaubnis zu unseren kleinen Geschäften zurückkehren.«

»Ich bin, auf Ehre, über alles, was mir widerfährt, so bestürzt, daß ich offen bekenne, daß mir der Verstand förmlich stillsteht.«

»Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, ich werde Ihnen bald wieder auf die Sprünge geholfen haben. Doch Sie schienen, nachdem Sie Ihre anziehende Rede beschlossen, zu wünschen, mit mir allein zu sprechen.«

»Ja«, erwiderte der Graf lächelnd, »ich muß jetzt wohl fürchten, daß ich mich in Ihren Augen mit meiner Legende sehr lächerlich gemacht habe, des Wunders mit dem Streichhölzchen gar nicht zu gedenken. Wie konnte ich aber ahnen, daß ich einen solchen Zuhörer hätte?«

Natah-Otann schüttelte traurig den Kopf, und ein Ausdruck der Trauer verdüsterte seine Miene. »Nein«, sagte er, »Sie haben nur getan, was Sie tun mußten. Aber während Sie sprachen, Herr Graf, gedachte ich der armen betörten und in so tiefem Irrtum befangenen Indianer und fragte mich selbst innerlich, ob man wohl hoffen dürfe, sie aufzuklären, ehe es den Weißen gelungen wäre, sie auszurotten.«

Der Häuptling sprach die Worte in einem Ton so aufrichtiger Trauer und bitteren Hasses, daß der Graf bei dem Gedanken tief gerührt war, wieviel jener Mann mit der feurigen Seele darunter leiden müsse, sein Geschlecht so entartet zu sehen. »Fassen Sie Mut!« sagte er, indem er ihm die Hand reichte.

»Mut?« wiederholte der Indianer mit Bitterkeit, wobei er aber doch den Händedruck des Grafen erwiderte. »Das Wort hat mir derjenige, der Vaterstelle an mir vertrat und mich zu meinem Unglück zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin, fortwährend zugerufen, wenn ich mich in dem Kampf, den ich unternommen habe, durch einen Fehlschlag entmutigt fühlte.«

Es folgte eine Pause. Jeder der beiden Männer war in seine eigenen Betrachtungen vertieft. Endlich ergriff Natah-Otann das Wort. »Hören Sie, Herr Graf«, sagte er, »es besteht zwischen Männern von einem gewissen Charakter ein unbeschreibliches Gefühl der Sympathie, das sie unwillkürlich zueinander hinzieht. Ich habe Sie seit den sechs Monaten, während der Sie die Prärie durchstreift haben, keinen Augenblick aus den Augen verloren, und Sie würden längst tot sein, wenn ich Sie nicht heimlich beschützt hätte. Danken Sie mir nicht«, fiel er dem jungen Mann rasch ins Wort, »denn ich habe mehr in meinem als in Ihrem Interesse gehandelt. Sie wundern sich über ein solches Geständnis, nicht wahr? Dem ist aber trotzdem so: Ich habe Absichten auf Sie, was ich mir erlaube, Ihnen mit dem Vorbehalt zu entdecken, das Nähere in einigen Tagen, wenn wir uns erst besser kennen, enthüllen zu dürfen. Für den Augenblick werde ich Ihnen in allem, was Sie wünschen, gehorchen und Ihnen in den Augen meiner Landsleute den wundertätigen Heiligenschein bewahren, der Ihr Haupt umstrahlt. Sie wollen jene amerikanischen Auswanderer verschont wissen – wohlan, so will ich aus Rücksicht für Sie der Schlangenbrut verzeihen und erbitte mir nur eine Gunst.«

»Reden Sie!«

»Sobald Sie sich überzeugt haben werden, daß die Leute, die Sie retten wollen, in Sicherheit sind, wünschte ich, daß Sie mich nach meinem Dorf begleiten – das ist alles. Es wird Sie kein großes Opfer kosten, und zwar um so weniger, da sich mein Stamm kaum eine Tagesreise von hier entfernt aufhält.«

»Ich bin einverstanden und nehme Ihren Vorschlag an, Häuptling! Ich werde Ihnen folgen, wohin Sie wollen, aber erst wenn ich gewiß sein kann, daß meine Schützlinge meiner Hilfe nicht mehr bedürfen.«

»Abgemacht! Jetzt noch ein Wort.«

»Reden Sie!«

»Es bedarf nicht der Erinnerung, daß ich für alle – selbst für die beiden Weißen, die Sie begleiten – nichts anderes bin als ein Indianer wie die übrigen.«

»Wenn Sie es verlangen ...«

»Es geschieht in unserem gemeinschaftlichen Interesse; denn eine Unbesonnenheit, ein unüberlegtes, wenn auch unbedeutendes Wort würde uns beide verderben. Sie kennen die Rothäute noch nicht!« fügte er mit dem schwermütigen Lächeln hinzu, das dem Grafen schon früher aufgefallen war.

»Gut«, antwortete dieser, »seien Sie unbesorgt; ich werde Ihrer Warnung eingedenk sein.«

»Jetzt will ich – wenn es Ihnen recht ist – meine Krieger zurückrufen, denn eine längere Verhandlung zwischen uns könnte ihre Eifersucht erregen.«

»Handeln Sie nach eigener Einsicht; ich verlasse mich vollkommen auf Sie und gebe mich rückhaltlos in Ihre Hand.«

»Sie werden keine Ursache haben, es zu bereuen«, antwortete Natah-Otann in verbindlichem Ton.

Während der Häuptling zu seinen Kriegern zurückkehrte, ging der Graf zu seinen beiden Gefährten.

»Nun«, fragte Freikugel, »haben Sie von dem Mann erhalten, was Sie wünschten?«

»Unbedingt«, antwortete er; »es bedurfte nur weniger Worte.«

Der Jäger warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Ich hätte ihn nicht für so nachgiebig gehalten«, sagte er.

»Warum das, mein Freund?«

»Nun, weil sein Ruf in der Wildnis gut bekannt ist und ich ihn seit langem kenne.«

»So?« entgegnete der junge Mann, dem die Gelegenheit nicht unwillkommen war, nähere Erkundigungen über denjenigen einzuziehen, der seine Neugierde so lebhaft erregt hatte. »In welchem Ruf steht er denn?«

Freikugel schien sich einen Augenblick zu bedenken. »Scheuen Sie sich vielleicht, sich näher über ihn auszusprechen?«

»Ich wüßte nicht, aus welchem Grund; im Gegenteil: Seit dem Tag, an dem er mich bei lebendigem Leibe verbrennen wollte – welches kleine Mißverständnis ich ihm längst verziehen habe –, sind unsere gegenseitigen Beziehungen stets die besten gewesen.«

»Und zwar um so mehr«, sagte der Graf lachend, »als ihr euch, soviel ich weiß, bis zum heutigen Tag nicht wieder begegnet seid.«

»Eben wollte ich es sagen; denn sehen Sie, Natah-Otann ist– unter uns gesagt– einer jener Indianer, dem nicht zu begegnen das Vorteilhafteste ist. Er kommt mir vor wie eine Eule, denn sein Erscheinen verkündet immer ein Unglück.«

»Teufel! Solche Worte sind aus Ihrem Munde, Freikugel, keineswegs trostreich.«

»In dem Fall wollen wir annehmen, daß ich nichts gesagt habe«, erwiderte dieser lebhaft. »Ich bin es gern zufrieden zu schweigen.«

»Wohl möglich; doch hat das wenige, was Ihnen entschlüpft ist, meine Neugierde in solchem Grad erweckt, daß ich gern mehr hören möchte.«

»Unglücklicherweise weiß ich nichts.«

»Sie haben aber von seinem Ruf gesprochen; sollte dieser schlecht sein?«

»Das behaupte ich nicht«, antwortete Freikugel zurückhaltend. »Sie wissen ja, Herr Eduard, daß die indianischen Sitten sehr verschieden von den unsrigen sind. Was uns als Unrecht erscheint, betrachten die Indianer mit ganz anderen Augen, und daher ...«

»Daher«, fiel ihm der Graf ins Wort, »erfreut sich Natah-Otann eines abscheulichen Rufes, nicht wahr?«

»Nein, das versichere ich; es kommt übrigens viel darauf an, von welchem Standpunkt aus man ihn beurteilt.«

»Nun, und was ist Ihre persönliche Meinung?«

»Ach, ich bin, wie Sie wissen, nur ein armer Teufel; es will mich aber bedünken, als ob der Satan von einem Indianer durchtriebener wäre als sein ganzer Stamm. Er gilt – unter uns gesagt – bei seinen Landsleuten für einen Zauberer, und sie haben die entsetzlichste Furcht vor ihm.«

»Ist das alles?«

»So ziemlich.«

»Übrigens«, bemerkte der Graf sorglos, »hat er mich gebeten, ihn nach seinem Dorf zu begleiten, und während der kurzen Zeit, die wir bei ihm zubringen, werden wir Zeit haben, ihn mit Muße zu beobachten.«

Der Jäger fuhr verwundert auf. »Das werden Sie nicht tun, nicht wahr, Herr Graf?«

»Ich wüßte nicht, was mich daran hindern könnte.«

»Sie selbst, Herr Graf, denn Sie werden hoffentlich nicht unbesonnen genug sein, sich in den Rachen des Wolfs zu begeben.«

»Wollen Sie deutlicher reden? Ja oder nein?« rief der Graf mit aufsteigender Ungeduld aus.

»Mein Gott, was würde es mir helfen, deutlicher zu werden? Meine Worte würden Sie nicht zurückhalten, davon bin ich überzeugt. Sie sehen also selbst, daß es überflüssig wäre, wenn ich mehr sagen wollte; es ist überdies jetzt zu spät, denn dort kommt der Häuptling wieder.«

Dem Grafen entschlüpfte eine sofort unterdrückte Äußerung des Unmuts, die aber Natah-Otann, der wirklich in dem Augenblick auf der Anhöhe erschien, nicht entgangen war.

Der junge Mann trat zu ihm. »Nun?« fragte er eifrig.

»Meine jungen Leute sind bereit, zu tun, was unser Vater, das Bleichgesicht, wünscht. Wenn er sein Pferd besteigen und uns folgen will, kann er sich selbst überzeugen, daß unsere Absichten ehrlich sind.«

»Ich folge Euch, Häuptling«, antwortete der Graf, indem er Ivon winkte, ihm sein Pferd zu bringen.

Die Schwarzfüße nahmen die drei Jäger mit unzweideutigen Beweisen der Freude auf. »Vorwärts!« sagte der junge Mann.

Natah-Otann hob den Arm. Auf dieses Zeichen drückten die Krieger ihre Knie in die Weichen der Pferde, worauf diese davonjagten, wie vom Sturm getrieben.

Es kann sich niemand, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, eine Vorstellung von einem indianischen Ritt machen. Nichts vermag die Rothäute aufzuhalten; kein Hindernis ist imstande, sie von ihrem Weg abzubringen, sie verfolgen unaufhaltsam die geradeste Richtung, fliegen wie ein menschlicher Sturmwind über die Prärie, überspringen Abgründe, Schluchten und Felsen mit schwindelnder Eile.

Natah-Otann, der Graf und seine beiden Begleiter ritten an der Spitze des Zuges, und die Krieger folgten ihnen auf dem Fuß. Plötzlich hielt der Häuptling sein Pferd hastig an und rief mit lauter Stimme: »Halt!«

Alle gehorchten; die Pferde standen wie auf einen Zauberschlag unbeweglich, wie in die Erde gewurzelt.

»Warum halten wir?« fragte der Graf. »Laßt uns im Gegenteil weitereilen!«

»Das ist unnötig«, antwortete der Häuptling in ruhigem Ton. »Mein Bruder sehe sich um.«

Der Graf neigte sich über den Hals seines Pferdes. »Ich sehe nichts«, entgegnete er.

»Ganz recht«, sagte der Indianer. »Ich vergaß, daß mein Bruder die Augen der Bleichgesichter hat; in wenigen Minuten wird er sehen.«

Die Schwarzfüße scharten sich ängstlich um ihren Häuptling und blickten ihn fragend an. Letzterer schien äußerlich vollkommen gefaßt, blickte aber starr vor sich hin und schien in der Dunkelheit Gegenstände zu unterscheiden, die allen anderen unsichtbar waren. Die Ungewißheit der Indianer dauerte nicht lange, bald erblickten sie eine Anzahl Reiter, die mit verhängtem Zügel heransprengten. Als sie die Truppe Natah-Otanns erreicht hatten, machten sie halt.

»Was ist geschehen?« fragte der Häuptling in strengem Ton. »Warum flüchten meine Söhne? Ich sehe keine Krieger vor mir, sondern furchtsame Weiber.«

Bei diesem Vorwurf senkten die Indianer demütig den Kopf, antworteten aber nicht. Der Häuptling fuhr fort: »Will mir niemand sagen, was geschehen ist und weshalb auserlesene Krieger fliehen wie aufgescheuchte Antilopen? Wo ist das Langhorn?«

Ein Krieger trat aus den dichten Reihen seiner Gefährten. »Das Langhorn ist tot«, sagte er in traurigem Ton.

»Er war ein kluger und berühmter Krieger, er ist in die seligen Prärien des Herrn des Lebens eingegangen, um mit den gerechten Kriegern zu jagen. Warum hat, da er tot ist, nicht der Schwarze Vogel an seiner Statt den Totem in die Hand genommen?«

»Weil der Schwarze Vogel tot ist«, antwortete der Krieger in demselben Ton.

Natah-Otann runzelte die Brauen, und seine Stirn umdüsterte sich bei der Anstrengung, die es ihn kostete, sich zu überwinden. »Ach«, sagte er mit Bitterkeit, »die großen Herzen des Westens haben sich gut geschlagen, und ihre Büchsen haben das Ziel nicht verfehlt, denn die zwei besten Häuptlinge des Volkes sind gefallen. Aber der Rote Wolf war ja noch da; warum hat er seine Brüder nicht gerächt?«

»Weil auch er gefallen ist«, sagte der Krieger in düsterem Ton.

Ein Beben des Zorns durchlief die Reihen der Anwesenden.

»Uah!« rief Natah-Otann schmerzlich aus. »Was höre ich? Auch er ist tot?«

»Nein, aber schwer verwundet.«

Auf diese Worte folgte tiefes Schweigen.

»Es haben also vier Bleichgesichter«, sagte der Häuptling, »zweihundert Schwarzfußkriegern die Spitze geboten und ihnen ihre tapfersten Häuptlinge getötet oder verwundet, ohne daß ihre Krieger versucht hätten, diese zu rächen? Was wird der Weiße Bison sagen, wenn er es erfährt? Er wird meinen Söhnen Weiberröcke geben und ihnen befehlen, die Speisen für die tapferen Krieger zuzubereiten, anstatt sie wieder auf den Kriegspfad zu senden.«

»Das Lager der Großen Messer war in unserer Gewalt«, antwortete der Indianer, der bisher für seine Gefährten das Wort geführt hatte. »Schon lagen sie auf dem Boden, und wir knieten auf ihrer Brust; ein Teil ihres Viehs war geraubt, und wir standen im Begriff, die Skalps der Bleichgesichter an unserem Gürtel zu befestigen, als der Böse Geist plötzlich in ihrer Mitte erschien und das Glück des Kampfes wandte.«

Bei dieser Eröffnung nahm der Häuptling eine noch strengere Miene an, was die Krieger mit unverkennbaren Zeichen des Schreckens bemerkten. »Der Böse Geist?« sagte er. »Von welchem Bösen Geist redet mein Sohn?«

»Welchen anderen könnte ich meinen, wenn nicht die lügenhafte Wölfin der Prärien?« entgegnete der Indianer mit leise stockender Stimme.

»Oho!« antwortete Natah-Otann. »War es also die Wölfin, die meine Söhne gesehen haben?«

»Ja, das können wir bezeugen«, riefen die Schwarzfüße einstimmig aus und schätzten sich glücklich, auf diese Weise den Vorwurf der Feigheit abstreifen zu können.

Natah-Otann schien sich kurze Zeit zu bedenken. »Wo ist das Vieh, das meine Söhne den Großen Messern geraubt haben?« fragte er.

»Wir haben es mit uns genommen«, antwortete ein Krieger; »hier ist es.«

»Gut«, erwiderte Natah-Otann. »Meine Söhne mögen ihre Ohren öffnen, um die Worte zu vernehmen, die mir der Große Geist eingibt: Die Großen Messer werden von der Wölfin beschützt; unsere Bemühungen würden fruchtlos sein, denn meine Söhne sind nicht imstande, sie zu besiegen. Ich werde, sobald wir in unserem Dorf wieder angekommen sind, eine große Medizin unternehmen, die den Zauber lösen wird, dem die Wölfin ihre Kraft verdankt. Bis dahin aber müssen wir große List anwenden, um die Wölfin zu täuschen und zu verhindern, daß sie Verdacht schöpft und auf ihrer Hut ist. Wollen meine Söhne den Rat eines erfahrenen Kriegers befolgen?«

»Mein Vater spreche seine Gedanken aus«, antwortete ein Krieger im Namen aller; »er ist sehr klug; wir werden tun, was er will, denn er wird es besser verstehen als wir, die Wölfin zu hintergehen.«

»Gut, meine Söhne haben gut gesprochen! Wir wollen folgendes tun: Zuerst kehren wir nach dem Lager der Bleichgesichter zurück, um ihnen ihr Vieh wiederzugeben. Ein solcher Schritt wird die Bleichgesichter täuschen und ihnen das Mißtrauen gegen uns nehmen. Sobald wir die große Medizin vollbracht haben, können wir uns ihres Lagers mit allem, was es enthält, bemächtigen, ohne daß es die lügenhafte Wölfin verhindern kann. Ich habe gesprochen – was denken meine Söhne?«

»Mein Vater ist sehr schlau«, antwortete der Krieger. »Seine Söhne werden ausführen, was er gesagt hat.«

Natah-Otann warf dem Grafen de Beaulieu einen triumphierenden Blick zu, und letzterer mußte innerlich über die Gewandtheit des Häuptlings staunen, dem es unter dem Anschein, die Indianer wegen ihrer Niederlage zur Rede zu stellen und den heftigsten Zorn gegen die Amerikaner zu empfinden, in so kurzer Zeit gelungen war, sie ohne den geringsten Widerstand für seine geheimen Pläne zu gewinnen.

»Oho!« murmelte der junge Graf für sich. »Der Indianer ist kein gewöhnlicher Mensch und verdient, näher beobachtet zu werden.«

Auf die Worte des Häuptlings folgte ein Augenblick der Unruhe. Die Schwarzfüße, die den panischen Schrecken überwunden hatten, der sie mit der Schnelligkeit der Gazellen aus der Nähe des unheilvollen Lagers vertrieben hatte, wo sie eine vollständige Niederlage erlitten, stiegen von ihren Pferden, um teils ihre Wunden mit zerkauten Oreganoblättern zu verbinden, teils die Rinder und Pferde zusammenzutreiben, die sie den Bleichgesichtern gestohlen hatten und die hier und da verstreut waren.

»Wer ist denn jene ›lügenhafte Wölfin der Prärien‹, die jenen Männern so große Furcht einjagt?« fragte der Graf den Jäger.

»Niemand kennt sie«, antwortete Freikugel leise. »Bisher ist es noch niemandem gelungen, das Geheimnis aufzuklären, das über dem Leben jener rätselhaften Frau schwebt. Sie sucht nur den Indianern zu schaden, deren unerbittliche Feindin sie zu sein scheint. Die Rothäute versichern, daß sie unverwundbar sei und sowohl die Pfeile wie die Kugeln von ihr abprallten, ohne sie zu verletzen. Ich habe sie häufig gesehen, ohne je Gelegenheit gefunden zu haben, mit ihr zu sprechen. Ich halte sie für wahnsinnig, denn soviel ich bei gewissen Gelegenheiten aus ihren sonderbaren Gebärden habe schließen können, scheint sie ihren Verstand verloren zu haben, obwohl sie zu anderen Zeiten bei vollkommen klarem Bewußtsein zu sein scheint. Kurz, sie ist ein unbegreifliches Wesen, das in der Prärie ein sonderbares und rätselhaftes Dasein führt.«

»Ist sie allein?«

»Immer.«

»Sie erregen meine Neugierde in höchstem Grad«, sagte der Graf. »Sind Sie gewiß, daß niemand über jene Frau Auskunft zu geben vermöchte?«

»Eine einzige Person könnte es, wenn sie wollte, vielleicht tun.«

»Wer denn?«

»Natah-Otann«, antwortete der Jäger in dumpfem Ton.

»Das ist sonderbar«, murmelte der Graf. »Was kann er mit jener Frau gemein haben?«

Freikugel antwortete nur durch eine bedeutsame Gebärde.

Hier wurde ihre Unterhaltung gewaltsam unterbrochen – auf den Befehl des Häuptlings waren die Schwarzfüße wieder auf ihre Pferde gestiegen. »Vorwärts!« sagte Natah-Otann, indem er sich mit dem Grafen und dessen Gefährten wieder an die Spitze des Zuges stellte.

Der ganze Zug sprengte in Richtung des amerikanischen Lagers davon und nahm das Vieh in seine Mitte.

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