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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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6

Die Verteidigung des Lagers

Die Rothäute haben eine Art zu kämpfen, die allen Mitteln der europäischen Kriegskunst hohnspricht. Um ihr Verfahren richtig aufzufassen, muß man vor allen Dingen den Umstand beherzigen, daß die Indianer die Ehre nicht so verstehen wie wir. Hat man das begriffen, so läßt sich das übrige leicht verstehen. Wir wollen dies deutlicher erklären.

Wenn die Indianer etwas unternehmen, so haben sie dabei nur einen Zweck im Auge: das Gelingen. Für sie ist es das einzige Ziel ihres Strebens, und um es zu erreichen, sind ihnen alle Mittel recht. Sie besitzen unzweifelhaft Mut, sind häufig übermäßig tollkühn, lassen sich durch nichts abschrecken und weichen vor keinem Hindernis zurück; trotzdem räumen sie das Feld ebenso schnell, wie sie es betreten haben, sobald ihnen das Gelingen und mithin der Zweck ihres Unternehmens gefährdet erscheint, und sie glauben ihre Ehre keineswegs dadurch zu gefährden, wenn sie vor einem stärkeren oder vorsichtigen Feind zurückweichen.

Ihre Kriegskunst ist auch äußerst einfach: Sie greifen einen Feind nur aus einem Hinterhalt an.

Die Rothäute können die Spur ihrer Gegner monatelang verfolgen und sie mit beispielloser, unermüdlicher Geduld beobachten, Tag und Nacht ausspähen und nur darauf bedacht sein, sich selbst nicht überrumpeln zu lassen. Wenn endlich der günstige Augenblick gekommen ist und sie meinen, daß die Zeit da sei, um den Plan auszuführen, dessen Aussicht auf Gelingen sie auf das genaueste berechnet haben, treten sie mit einer Gewalt und Wildheit auf, die häufig ihre Feinde aus der Fassung bringt. Werden sie aber nach dem ersten Zusammenstoß zurückgeworfen; sehen sie ein, daß sich ihre Gegner nicht haben schrecken lassen, sondern entschlossen sind, Widerstand zu leisten, so verschwinden sie auf ein verabredetes Zeichen wie durch Zauberei und schämen sich nicht, eine neue Gelegenheit auszuspähen, die ihnen besseren Erfolg verspricht. –

Auf den Rat der Unbekannten stellte sich John Bright mit seinem Sohn und seinem Diener so auf, daß sie die Prärie nach allen Seiten hin überblicken konnten. Der Auswanderer stand mit der Unbekannten in dem Winkel, von wo aus man den Fluß beherrschte, und beide warteten, auf ihre Büchsen gestützt.

Die Prärie bot in dem Augenblick einen seltsamen Anblick. Der Wind, der sich nach Sonnenuntergang stark erhoben hatte, verlor sich allmählich und bewegte die dichtbelaubten Wipfel der Bäume nur noch leise. Der Mond war seinem Untergang nahe und warf nur noch ein ungewisses, schwankendes Licht auf die Umgebung, das die Dunkelheit nicht verdrängte, sondern diese durch die grellen Gegensätze der tiefen Schatten nur noch bemerkbarer machte, die seine matten Strahlen hervorbrachten. Zuweilen unterbrach ein dumpfes Geknurr oder ein kurzes Gebell die ringsum herrschende Stille und mahnte die Auswanderer wie eine unheimliche Stimme an die reißenden Tiere, die unsichtbar und grausam in ihrer Nähe lagerten. Die Klarheit der Luft war so groß, daß man das leiseste Geräusch in ziemlicher Entfernung vernahm und leicht die ungeheuren Granitmassen unterscheiden konnte, die wie schwarze Punkte auf dem Boden erschienen.

»Wißt Ihr aus guter Quelle, daß wir heute nacht angefallen werden sollen?« fragte der Amerikaner leise.

»Ich habe dem letzten Rat der Häuptlinge beigewohnt«, erwiderte die Unbekannte.

Der Auswanderer warf ihr einen forschenden Blick zu, den sie bemerkte und sofort verstand; sie zuckte verächtlich die Achseln.

»Hütet Euch«, sagte sie mit gewissem Nachdruck zu ihm, »und laßt nicht um eines Wortes willen den Zweifel in Eure Seele dringen. Was könnte ich für ein Interesse haben, Euch zu täuschen?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er nachdenklich; »doch möchte ich ebenfalls fragen, welches Interesse Ihr haben könnt, mir zu helfen.«

»Keins! Was kümmert es mich, wenn Ihr die Frage so stellen wollt, ob man Euch Eure Schätze raubt und Eure Frau, Eure Tochter und Euch selbst skalpiert? Das kann mir ja sehr gleichgültig sein. Darf die Sache aber nur von dem Gesichtspunkt aus betrachtet werden? Meint Ihr, daß materielle Interessen mich sehr beschäftigen oder Einfluß auf meinen Geist haben? Wenn das der Fall ist, so sind wir zu Ende, und ich entferne mich und überlasse es Euch, die Gefahr, in die Ihr Euch gestürzt habt, so gut Ihr könnt zu beschwören.« Sie hatte bei diesen Worten ihre Büchse über die Schulter geworfen und machte eine rasche Bewegung, als wolle sie die Umzäunung übersteigen.

John Bright hielt sie rasch zurück. »Ihr versteht mich nicht«, sagte er. »Jedermann würde an meiner Stelle ebenso handeln, wie ich es tue. Meine Lage ist entsetzlich, das seht Ihr selbst ein; Ihr seid in mein Lager gedrungen, ohne daß ich begreifen kann, auf welche Weise. Trotzdem habe ich Euch, wie Ihr nicht leugnen könnt, bis jetzt das größte Vertrauen geschenkt, obgleich ich weder weiß, wer Ihr seid, noch welcher Beweggrund Euch treibt zu handeln. Eure Worte versetzen mich, statt mich aufzuklären, nur in noch größere Ungewißheit. Es steht für mich das Heil meiner Familie auf dem Spiel, die Gefahr läuft, vor meinen Augen niedergemetzelt zu werden, sowie meine geringe Habe. Wenn Ihr das alles reiflich erwägt, werdet Ihr mich kaum tadeln können, wenn ich Euch nicht das unumschränkte Vertrauen schenke, dessen Ihr ohne Zweifel würdig seid, da ich noch nicht weiß, wer Ihr seid.«

»Ja«, antwortete sie nach kurzem Bedenken, »Ihr habt recht; die Welt denkt so und traut niemandem eher, bis er Namen und Charakter genannt hat. Die Selbstsucht beherrscht den Erdball so unumschränkt, daß man eines Zeugnisses der Ehrlichkeit bedarf, selbst wenn man jemandem einen Dienst erweisen will; denn niemand glaubt an die Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung der edlen Seelen, die von den Menschen als Wahnsinn gedeutet werden. Unglücklicherweise seid Ihr gezwungen, mich – wenn auch gegen Euren Willen – für das zu nehmen, was ich scheine, wenn Ihr nicht Gefahr laufen wollt, mich zu verscheuchen; denn jede Entdeckung von meiner Seite würde überflüssig sein. Ihr müßt mich nach meinen Taten beurteilen; das ist der einzige Beleg für die Reinheit meiner Absichten, den ich aufzuweisen habe. Es steht Euch frei, meinen Beistand anzunehmen oder abzulehnen. Ihr werdet nach überstandenem Kampf Zeit haben, mir zu danken oder zu fluchen nach eigener Wahl.«

John Bright sah sich in größerer Verlegenheit als je. Die Worte der Unbekannten dienten statt zur Aufklärung nur dazu, das Dunkel, das sie umgab, noch undurchdringlicher zu machen. Indessen fühlte er sich unwillkürlich zu ihr hingezogen. Nach kurzem, ernstem Bedenken richtete er sich auf, schlug plötzlich mit der Rechten auf den Lauf seiner Büchse und sagte, indem er die Fremde scharf ansah, in festem, nachdrücklichem Ton: »Hört, ich gebe es auf, zu erraten, ob Ihr von Gott oder vom Teufel geschickt, ein Spion unserer Feinde oder eine treue Freundin seid; der Ausgang des Kampfes wird, wie Ihr selbst gesagt habt, die Frage entscheiden. Nur bedenkt das eine: daß ich nämlich sowohl Eure Bewegungen als jedes Eurer Worte genau beobachten werde. Bei der geringsten verdächtigen Gebärde oder zweifelhaften Rede schieße ich Euch eine Kugel durch den Kopf, wenn ich auch kurz darauf selbst getötet werden sollte.«

»Ich bin es zufrieden«, entgegnete die Unbekannte lachend; daran erkenne ich den Yankee!«

Nach diesen Worten schwiegen die beiden und richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf die Prärie. Es herrschte fortwährend die tiefste Stille. Scheinbar war alles in demselben Zustand wie beim Untergang der Sonne.

Indessen unterschieden die scharfen Augen der Unbekannten etliche wilde Tiere am Ufer des Flusses, die eiligst flüchteten, während andere, statt zu trinken, hastig über den Strom setzten.

Eines der bewährtesten Sprichwörter in der Wildnis ist, daß es keine Wirkung ohne Ursache geben könne. Jeder Vorfall in der Prärie hat seinen Grund, der ergründet und ausgelegt wird: Kein Blatt fällt vom Baum, kein Vogel schwingt sich auf, ohne daß man vermutete oder erriet, aus welchem Grund das geschehen sei.

Nach einer kurzen, aber scharfen Musterung erfaßte die Unbekannte den Arm des Auswanderers, neigte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm kaum hörbar ein einziges Wort zu, das ihn erbeben machte, wobei sie den Arm nach der Ebene ausstreckte: »Seht!« John Bright neigte sich vor. »Was?« murmelte er nach einer Weile. »Was soll das heißen?« Die Prärie war, wie wir früher häufig erwähnt haben, hin und wieder mit einer Menge von Granitblöcken und vielen umgestürzten Baumstämmen besät, die aus der Ferne wie schwarze Punkte erschienen. Seltsamerweise schienen jene schwarzen Punkte, die anfangs ziemlich entfernt waren, dem Lager allmählich näher gerückt zu sein, von dem sie jetzt nur noch wenig entfernt waren. Da es rein undenkbar ist, daß sich die Felsblöcke oder Bäume von selbst in Bewegung gesetzt hatten, so mußte jener Annäherung eine andere Ursache zugrunde liegen, die zu entdecken sich der wenig erfinderische Geist des Auswanderers vergebens abmühte. Jener neue Wald des Macbeth, der von selbst herankam, machte ihn im höchsten Grad besorgt. Sein Sohn und seine Diener hatten ihrerseits das Wunder beobachtet, ohne imstande zu sein, die Ursache zu erraten.

John Bright bemerkte unter anderem, daß ein Baum, den er, wie er sich genau entsann, noch an demselben Abend in einer Entfernung von mehr als hundertfünfzig Fuß von der Anhöhe gesehen hatte, jetzt so nahe gerückt war, daß er kaum noch vier Fuß entfernt schien.

Die Unbekannte antwortete ihm gelassen mit leiser Stimme: »Es sind die Indianer.«

»Die Indianer?« entgegnete er. »Unmöglich!«

»Ich will Euch den Beweis dafür geben.«

Sie kniete hinter der Verschanzung nieder, legte ihre Büchse an und drückte, nachdem sie kurze Zeit gezielt hatte, ab. Ein Blitz leuchtete auf. Im selben Augenblick sprang der vermeintliche Baum auf wie ein Hirsch. Ein furchtbares Geschrei erhob sich, und die Rothäute eilten, wie eine Herde Wölfe heulend, einander pfeifend und die Waffen schwingend, auf das Lager zu.

Die Amerikaner, die wie alle Yankees sehr abergläubisch waren, fühlten sich beruhigt, als sie sahen, daß sie es doch nur mit Menschen zu tun hatten, wo sie schon Zauberei zu sehen geglaubt hatten, und sie empfingen ihre Feinde standhaft mit einer wohlgezielten Salve.

Aber die Indianer, die wahrscheinlich die geringe Zahl der Weißen kannten, ließen sich nicht im geringsten abschrecken, sondern drangen entschlossen vor. Sie waren bereits bis auf einige Klafter herangerückt und schickten sich an, die Verschanzungen zu stürmen, als ein letzter Schuß aus dem Lauf der Unbekannten einen Indianer traf, der weiter vorgedrungen war als seine Gefährten und sich eben umdrehte, sie zu ermuntern, ihm zu folgen.

Der Fall jenes Mannes verursachte eine Wirkung, die sich die Amerikaner, die sich verloren glaubten, nicht vorgestellt hatten. Die Indianer verschwanden wie auf einen Zauberschlag, das Geschrei verstummte, und die frühere Stille trat wieder ein. Man hätte glauben können, daß alles nur ein böser Traum gewesen sei.

Die Amerikaner sahen sich verwundert an und wußten nicht, was sie von dem plötzlichen Rückzug denken sollten.

»Das ist wirklich unbegreiflich«, sagte John Bright, nachdem er sich durch einen raschen Blick überzeugt hatte, daß all die Seinen wohlbehalten und ohne Wunden waren. »Könnt Ihr uns das erklären, die Ihr unser guter Engel zu sein scheint? Denn Eurer letzten Kugel verdanken wir die Ruhe, deren wir uns jetzt erfreuen.«

»Ja«, antwortete sie mit spöttischem Lächeln, »jetzt fangt Ihr wohl an, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?«

»Reden wir nicht mehr davon«, erwiderte der Auswanderer unmutig. »Ich war ein Dummkopf; verzeiht mir und vergeßt mein Mißtrauen!«

»Ich habe es bereits vergessen«, erwiderte sie. »Und was Euch in Erstaunen setzt, ist etwas sehr Einfaches: Der Mann, den ich getötet oder doch verwundet habe, ist ein indianischer Häuptling von bedeutendem Ruf. Seine Krieger haben den Mut verloren, als sie ihn fallen sahen, und haben sich beeilt, ihn mit sich zu nehmen, damit sein Skalp nicht in eure Hände falle.«

»Wie?« rief John Bright mit einer Gebärde des Abscheus aus. »Bilden sich denn jene Heiden ein, daß wir es machen wie sie? Nein, nein – ich würde sie, um mich zu wehren, bis auf den letzten Mann unbedenklich töten, und es könnte mich darum niemand tadeln; aber mit dem Skalpieren ist es etwas anderes. Ich bin ein wackerer Virginier, und in meinen Adern fließt kein Tropfen gemischten Blutes; der Sohn meines Vaters wird nie eine solche Niederträchtigkeit begehen!«

»Ich stimme Euch bei«, antwortete die Unbekannte in traurigem Ton; »das Skalpieren ist eine schreckliche Marter. Es gibt aber leider viele Weiße in der Prärie, die nicht so denken wie Ihr; sie haben vielmehr die indianische Sitte angenommen und skalpieren ohne Umstände die Feinde, die sie getötet haben.«

»Sie haben unrecht!«

»Wohl möglich; und ich bin weit entfernt, das Gegenteil zu behaupten.«

»Wir sind also die roten Teufel los!« rief John Bright vergnügt aus.

»Freut Euch nicht vor der Zeit, Ihr werdet sie bald wiederkehren sehen!«

»Noch einmal?«

»Sie haben den Angriff nur so lange verschoben, bis sie ihre Toten und Verwundeten fortgeschafft und wahrscheinlich auch auf ein anderes Mittel gesonnen haben, euch zu bezwingen.«

»Das wird ihnen leider nicht schwerfallen; denn trotz unserer Anstrengungen wird es unmöglich sein, jener Unzahl von Raubvögeln zu widerstehen, die uns wie eine sichere Beute von allen Seiten umringen. Was können fünf Büchsen gegen eine solche Legion von Teufeln ausrichten?«

»Viel, wenn ihr den Mut nicht verliert.«

»Was das betrifft, könnt Ihr ruhig sein; wir werden keinen Fußbreit weichen, sondern sind entschlossen, auf unserem Posten zu sterben.«

»Eine solche Sprache gefällt mir«, entgegnete die Unbekannte. »Vielleicht wird alles besser ablaufen, als wir meinen.«

»Das gebe Gott, beste Frau!«

»Wir dürfen aber unsere Zeit nicht länger verlieren; die Indianer können jeden Augenblick ihren Sturm erneuern, und wir müssen uns bemühen, ihn ebenso erfolgreich zurückzuschlagen wie das erstemal.«

»Ich werde mir die größte Mühe geben.«

»Gut. Seid Ihr ein Mann von Entschlossenheit?«

»Das glaube ich bereits bewiesen zu haben.«

»Ganz recht. Auf wie viele Tage habt ihr Vorräte bei euch?«

»Auf wenigstens vier Tage.«

»Das heißt für den Fall der Not auf acht, nicht wahr?«

»So ziemlich.«

»Gut; ich werde euch, wenn Ihr einwilligt, auf lange Zeit von euren indianischen Feinden befreien.«

»Das bin ich sehr zufrieden.«

Plötzlich ertönte das Kriegsgeschrei der Rothäute von neuem, und zwar gellender und durchdringender denn je.

»Es ist zu spät!« rief die Unbekannte schmerzlich aus. »Es bleibt uns nichts übrig, als wacker zu sterben.«

»By God! So wollen wir sterben; zuvor aber so viele von jenen Heiden töten, als nur immer möglich ist«, rief John Bright aus. »Auf, Kinder – hurra für Uncle SamDie Vereinigten Staaten Nordamerikas schreiben auf die Tornister ihrer Soldaten und über ihre Bekanntmachungen die zwei Buchstaben U.S., was United States heißt, von den Amerikanern aber durch Uncle Sam übersetzt wird; von da her schreibt sich der seltsame Spitzname, den sie sich selbst gegeben haben.

»Hurra!« riefen die übrigen und schwangen ihre Waffen.

Die Rothäute beantworteten den Schrei der Herausforderung durch einen Schrei der Wut, und der Kampf begann von neuem. Diesmal schien er aber ernster werden zu wollen. Nachdem sich die Indianer erhoben hatten, um ihr entsetzliches Kriegsgeschrei auszustoßen, verstreuten sie sich wieder und kamen langsam auf dem Boden herangekrochen. Sooft sie auf ihrem Weg auf einen Baumstamm oder ein Gebüsch stießen, das ihnen Schutz zu bieten vermochte, hielten sie inne, um einen Pfeil abzuschießen oder eine Kugel abzufeuern.

Dieses neue Verfahren ihrer Feinde brachte die Amerikaner in Verlegenheit, da ihre Kugeln nur selten treffen konnten, weil die Indianer unglücklicherweise im Dunkel fast unsichtbar waren und mit der Arglist, die ihnen eigen ist, das hohe Gras so geschickt in Bewegung zu setzen wußten, daß die Auswanderer, dadurch getäuscht, kein bestimmtes Ziel ins Auge zu fassen vermochten.

»Wir sind verloren!« rief John Bright mutlos aus.

»Die Lage wird allerdings bedenklich, doch dürfen wir noch nicht verweifeln«, erwiderte die Unbekannte. »Es bleibt uns noch ein – wenn auch schwaches – Rettungsmittel, das ich entschlossen bin anzuwenden, sobald der Augenblick gekommen ist; wir wollen uns auf einen Kampf Mann gegen Mann gefaßt machen.«

»Nun, der Schurke dort unten soll wenigstens nicht viel weiter kommen«, bemerkte der Auswanderer, indem er seine Büchse anlegte. Die Kugel des Amerikaners zerschmetterte bei diesen Worten den Schädel eines Schwarzfußkriegers, der sich ein wenig über das hohe Gras erhoben hatte.

Die Rothäute richteten sich plötzlich auf und stürmten heulend auf die Verschanzungen zu. Die Amerikaner erwarteten sie, ohne zu wanken. Eine wohlgezielte Salve empfing die Indianer, worauf der Kampf Mann gegen Mann begann. Die Amerikaner standen auf der Höhe ihrer Verschanzungen und schmetterten mit den Kolben ihrer Büchse jeden zu Boden, der in ihren Bereich kam.

Der Kampf, den nur zuweilen das Geschrei der Verwundeten unterbrach – denn die Amerikaner schlugen sich, ohne etwas zu reden –, hatte etwas Unheimliches. Plötzlich, in dem Augenblick, wo die Amerikaner, von der Übermacht überwältigt, unwillkürlich anfingen zu weichen, stürzte sich die Unbekannte, eine brennende Fackel in der Hand schwingend, mit einem derart wilden Schrei auf die Verschanzung, daß die Kämpfenden schaudernd innehielten. Die Fackel beleuchtete das Gesicht der Unbekannten mit einem grellen Schein, der ihr einen entsetzlichen Ausdruck verlieh; sie stand mit hochaufgerichtetem Kopf da, während sie den Arm feierlich und gebietend ausgestreckt hielt. »Zurück!« rief sie mit gellender Stimme. »Zurück, ihr Teufel!«

Bei dieser seltsamen Erscheinung blieben die Rothäute einen Augenblick starr vor Schrecken stehen, worauf sie den Abhang des Hügels in der größten Unordnung hinuntereilten und, von der größten Furcht erfaßt, flüchteten.

Die Amerikaner, die Zeugen des Auftritts waren, stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, denn sie waren gerettet! Durch ein Wunder gerettet! Jetzt wollten sie zu ihrer Befreierin eilen, um ihr zu danken.

Sie war verschwunden!

Die Amerikaner erforschten vergebens jeden Winkel, um sie zu finden – sie war spurlos verschwunden. Die Fackel, die sie in der Hand gehalten hatte, während sie die Indianer anrief, lag noch rauchend am Boden. Es war die einzige Spur ihrer Gegenwart, die sie im Lager der Auswanderer zurückgelassen hatte.

John Bright und seine Gefährten erschöpften sich in Vermutungen über das Schicksal der Unbekannten, während sie, so gut es ging, die während des Kampfes erhaltenen Wunden verbanden, als plötzlich die Frau und die Tochter des Auswanderers im Lager erschienen. John Bright eilte ihnen entgegen. »Welche Unvorsichtigkeit!« rief er aus. »Warum habt ihr euer Versteck trotz der erhaltenen Weisungen verlassen?«

Seine Frau blickte ihn verwundert an. »Aber«, antwortete sie, »wir kommen ja nur auf Veranlassung der unbekannten Frau, der wir alle in der vergangenen Nacht zu so großem Dank verpflichtet wurden.«

»Wie?« rief John Bright aus. »Du hast sie also wiedergesehen?«

»Gewiß; sie ist vor wenigen Augenblicken bei uns gewesen; wir waren vor Schrecken halb tot, denn das Getöse des Kampfes drang bis zu uns, und doch wußten wir nicht, was vor sich ging. Nachdem sie uns beruhigt hatte, versicherte sie, daß alles beendet sei und wir nichts mehr zu fürchten hätten und, wenn wir wollten, zu euch zurückkehren könnten.«

»Was hat sie aber getan?«

»Sie hat uns bis hierher geführt, dann hat sie sich trotz unserer Bitten entfernt, indem sie sagte, daß wir ihrer nicht mehr bedürften, ihre Gegenwart mithin überflüssig sei, während dringende Gründe sie zwingen würden, fortzueilen.«

Der Auswanderer erzählte seiner Frau und seiner Tochter jetzt mit großer Genauigkeit alles, was geschehen war, und wie großen Dank er der seltsamen Frau schuldig sei. Die beiden Frauen hörten seine Erzählung mit der größten Aufmerksamkeit an, und ihre Neugierde war durch das Benehmen des sonderbaren Geschöpfs aufs höchste gespannt, denn sie wußten nicht, was sie davon denken sollten. Unglücklicherweise schien in der auffallenden Art, wie sich die Unbekannte entfernt hatte, keineswegs das Verlangen ausgesprochen zu liegen, in nähere Beziehungen zu den Auswanderern zu treten. Nachdem sich letztere in Vermutungen erschöpft hatten, zu denen die jüngsten Ereignisse Veranlassung gaben, sahen sie sich gezwungen, sich in die Umstände zu schicken und es der Zeit zu überlassen, das Dunkel, das ihre Retterin umgab, aufzuklären.

Man hat in der Wildnis wenig Zeit zu müßigen Betrachtungen und leeren Vermutungen; die Handlung fordert alle Kräfte, und man muß stets daran denken, für seinen Lebensunterhalt und seine Sicherheit zu sorgen. John Bright war daher eifrig bemüht, statt die Lösung eines Rätsels zu suchen, die für den Augenblick nicht zu finden zu sein schien, die in den Verschanzungen entstandenen Lücken auszubessern und sein Lager soviel wie möglich noch besser zu befestigen, indem er alle Gegenstände, die er entbehren konnte, auf die Umzäunung türmte. Nachdem auf diese Weise für die allgemeine Sicherheit Sorge getragen worden war, sah er sich nach seinem Vieh um. Er hatte es so aufgestellt, daß es die Kugeln nicht erreichen konnten, nämlich in nächster Nähe des Zeltes, das die Frauen jetzt wieder bewohnten; den Raum, wo die Tiere standen, hatte er mit ineinandergeflochtenen Zweigen eingezäunt.

Sobald John Bright jene Umzäunung betreten hatte, stieß er einen Schrei der Verwunderung aus, der sich bald in einen Ausruf der Wut verwandelte. Sein Sohn und seine Diener eilten herbei.

Die Pferde und die Hälfte der Ochsen waren verschwunden. Die Indianer hatten sie während des Kampfes geraubt, und wahrscheinlich hatte das Getöse der Schlacht verhindert, daß der Diebstahl bemerkt wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte nur das Erscheinen der Unbekannten, die die Indianer in Schrecken versetzte, die Entführung sämtlicher Tiere verhindert. Der Verlust war für den Auswanderer unersetzlich; und obwohl nicht das ganze Vieh geraubt worden war, sah er sich doch vor die Unmöglichkeit gestellt, weiterzuziehen.

Sein Entschluß war mit der Schnelligkeit gefaßt, die den Nordamerikanern eigen ist. »Unser Vieh ist gestohlen«, sagte er. »Wir können es nicht entbehren; ich bin also entschlossen, es wiederzuerlangen.«

»Ganz recht«, entgegnete William. »Wir wollen uns bei Sonnenuntergang auf seine Fährte begeben.«

»Ich, aber nicht du, mein Sohn; Sam soll mich begleiten.«

»Was soll ich unterdessen tun?«

»Du, mein Junge, wirst im Lager bleiben, um über deine Mutter und deine Schwester zu wachen. Ich lasse dir James da.«

Der junge Mann verneigte sich, ohne zu antworten.

»Die Heiden sollen sich nicht rühmen können, meine Ochsen gegessen zu haben«, fuhr John Bright zornig fort. »Ich will meine Tiere wiederfinden oder meinen Skalp einbüßen, das schwöre ich beim Andenken meines Vaters!«

Die Nacht war unterdessen verflossen, und als die Befestigungsarbeiten beendet waren, war die Sonne zwar noch nicht sichtbar, doch fing der Himmel bereits an, sich mit einem purpurnen Schein zu färben.

»Seht, da bricht der Tag an«, bemerkte John Bright; »verlieren wir keine Zeit, sondern brechen wir ungesäumt auf! Ich empfehle dir also deine Mutter und deine Schwester, William, nebst allem, was ich sonst hier zurücklasse.

»Geh, mein Vater«, antwortete der junge Mann, »ich werde während deiner Abwesenheit wachsam sein; du kannst deswegen unbesorgt sein!«

Der Auswanderer drückte seinem Sohn die Hand, warf seine Büchse über die Schulter, winkte Sam, ihm zu folgen, und schritt auf die Umzäunung des Lagers zu. »Es ist unnötig, deine Mutter zu wecken«, sagte er im Weitergehen. »Wenn sie ihr Zelt verläßt, wirst du ihr erzählen, was geschehen ist und was ich getan habe; ich bin überzeugt, daß sie damit einverstanden sein wird. Nun sei guten Mutes, mein Junge, und halte besonders strenge Wacht!«

»Und dir wünsche ich guten Erfolg, Vater!«

»Gott gebe es, mein Junge, Gott gebe es!« sagte der Auswanderer in traurigem Ton. »So prächtiges Vieh!«

»Sieh doch einmal!« rief der junge Mann aus, indem er seinen Vater zurückhielt. »Was erblicke ich da?«

Der Auswanderer drehte sich rasch um. »Was siehst du denn, William? Wo denn?« »Dort, Vater, in der Richtung! Was soll das heißen? Das sieht ja aus, als wären es unsere Tiere!«

Der Auswanderer sah sich in der angegebenen Richtung um. »Was sagst du? Daß es beinahe aussieht, als wäre es unser Vieh? Das ist es ja! Wo, zum Teufel, kommt es denn her, und wer bringt es denn zurück?«

In weiter Entfernung wurde in der Tat das Vieh des Amerikaners in der Prärie sichtbar, das auf das Lager zueilte, wobei es eine dichte Staubwolke um sich verbreitete.

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