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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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5

Die Unbekannte

Wir sehen uns jetzt genötigt, zum Lager der Amerikaner zurückzukehren.

Wie bereits erwähnt, wachte John Bright mit seinem Sohn über die Sicherheit des Lagers. Der Auswanderer war nicht frei von Besorgnis. Obwohl er sich noch nicht die vollständige Erfahrung angeeignet hatte, die das Leben in der Wildnis unbedingt erfordert, war ihm doch während der vier Monate seiner mühseligen, manchen Gefahren ausgesetzten Wanderung eine gewisse Wachsamkeit zur Gewohnheit geworden, die ihm unter den obwaltenden Verhältnissen von großem Nutzen sein konnte, um einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen – wenn er einen solchen auch nicht verhindern konnte.

Die Stelle seines Lagers war übrigens vortrefflich, weil er von dort aus die Prärie auf weite Entfernung überblicken und das Nahen des Feindes beobachten konnte. Vater und Sohn hatten sich neben dem Feuer niedergelassen und standen von Zeit zu Zeit auf, um sich durch einen Blick in die Ebene zu überzeugen, daß ihre Ruhe nicht bedroht wurde.

John Bright besaß einen eisernen Willen und einen wahren Löwenmut. Bisher waren ihm seine Unternehmungen nicht geglückt, und er hatte gelobt, sich um jeden Preis eine ehrenhafte Stellung zu verschaffen. Er stammte von einer alten Squattersfamilie ab. Der Squatter ist eine Menschenklasse, die sich nur in Amerika vorfindet und die man anderswo vergebens suchen würde. Wir wollen ihn mit wenigen Worten näher bezeichnen:

Auf den Ländereien, die den Vereinigten Staaten gehören und zur Zeit weder vermessen noch zum Verkauf angeboten worden sind, leben zahlreiche Volksstämme, die sich in der Hoffnung dort angesiedelt haben, diese bei Gelegenheit eines Verkaufs zu erwerben. Solche Einwohner nennt man Squatter. Wir werden nicht behaupten, daß sie zu den Auserlesensten der Auswanderer des Westens gehören, aber wir wissen, daß sie sich an gewissen Orten zu einer regelrechten Regierung konstituiert und Beamte erwählt haben, die über die Aufrechterhaltung der drakonischen Gesetze wachen, die sie selbst eingesetzt haben, um die Ruhe des Landgebietes zu sichern, dessen sie sich bemächtigt haben.

Aber neben jenen halb ehrbaren Squattern, die sich widerstrebend in ein häufig sehr schweres Joch fügen, gibt es eine andere Art von Squattern, die die Besitzergreifung des Landes im weitesten Sinne des Wortes verstehen. Das heißt, wenn solche Squatter – was häufig geschieht – auf ihren Kreuzundquerzügen urbar gemachtes Land finden, das ihnen zusagt, so lassen sie sich, ohne viel zu fragen, darauf nieder und kümmern sich um den rechtmäßigen Besitzer so wenig, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Wenn nun der Besitzer mit seinen Arbeitern kommt, um das Land anzubauen und auszubeuten, ist er sehr überrascht, sein Eigentum in den Händen eines anderen Menschen zu finden, der sich auf den zweifelhaften Grundsatz stützt, daß die Besitzergreifung so gut sei wie das verbriefte Recht und sich infolgedessen weigert, das angemaßte Gut zurückzugeben. Will der Eigentümer auf seinem Recht bestehen, so vertreibt er diesen mit Flintenschüssen, jener Ultima ratio der Auswanderer.

Es ist uns ein tragikomischer Fall bekannt, wo ein Gentleman mit zweihundert Arbeitern von New York abreiste, um einen Urwald, den er ungefähr zehn Jahre vorher angekauft und bisher ungenützt lassen hatte, urbar zu machen. Als er auf seinem Grundstück anlangte, fand er an der Stelle, wo der Urwald gestanden hatte, eine Stadt von viertausend Einwohnern, und von seinem Wald war kein Stamm mehr übrig. Nach vielem Hinundherreden und unzähligen Verhandlungen mußte sich besagter Gentleman sehr glücklich schätzen, daß er sich wohlbehalten entfernen durfte, ohne genötigt zu sein, denjenigen, die ihn beraubt hatten und die er eine Zeitlang gehofft hatte vertreiben zu können, Entschädigungsgelder zu zahlen.

Es ist ebenso unmöglich, einen Squatter aus dem unrechtmäßigen Eigentum zu vertreiben, wie von einem Yankee einen Dollar zurückzuerhalten, den er einmal in Händen hält. Wir begnügen uns, unter zehn weit seltsameren Fällen nur den einen anzuführen.

John Bright gehörte zu der ersten der beiden Menschenklassen, die wir eben angeführt haben. Als er zwanzig Jahre alt war, übergab ihm sein Vater eine Büchse nebst zwanzig Ladungen Pulver, eine Axt und ein Bowiemesser und sagte dabei: »Höre, Junge, jetzt bist du groß und stark, und es wäre eine Schande für dich, wenn du mir länger zur Last fallen wolltest. Ich habe deine sechs Brüder zu erhalten; Amerika ist groß, und an Land fehlt es nicht! Geh mit Gott und laß nichts wieder von dir hören. Du kannst mit den Waffen, die ich dir gebe, und der Erziehung, die du erhalten hast, dein Glück bald machen, wenn du willst. Vermeide vor allen Dingen unangenehme Reibungen und sieh dich vor, daß du nicht gefangen wirst!«

Nach dieser erbaulichen Rede hatte der Vater seinen Sohn zärtlich umarmt, ihn dann bei den Schultern hinausgeschoben und ihm die Tür vor der Nase zugemacht. John Bright hatte seit jener Zeit nichts wieder von seinem Vater gehört; der wackere Junge hatte freilich nie versucht, Nachrichten über ihn einzuziehen.

Am Anfang hatte er mit dem Leben hart kämpfen müssen, aber mit Hilfe seiner Charakterfestigkeit und gewisser lockerer Grundsätze, die das einzige Erbteil waren, das er von seiner Familie erhalten hatte, war es ihm mit Mühe und Not gelungen, zu leben und seine Kinder zu erziehen, ohne selbst zu schwer darunter zu leiden. Vielleicht hatte seine einsame Jugend, vielleicht auch ein anderer Grund dazu beigetragen, John Bright auf das innigste an seine Frau und seine Kinder zu fesseln, von denen er sich unter keiner Bedingung getrennt haben würde.

Als ihn die Notwendigkeit zwang, das Land, das er besessen hatte, zu verlassen und einen anderen Aufenthalt zu suchen, trat er seine Wanderung wohlgemut an, gestützt auf die Liebe seiner Familie, die für die Opfer, die er sich auferlegte, keineswegs undankbar war, und diesmal hatte er beschlossen, so weit zu wandern, daß ihn niemand jemals wieder vertreiben sollte.

Wir müssen hier eingestehen, daß er genötigt gewesen war, dem rechtmäßigen Eigentümer zu weichen, was er auf die einfache Vorzeigung des Besitztitels sofort getan hatte, ohne einen Augenblick daran zu denken, sich zu weigern. Diese Handlungsweise hatten seine Nachbarn alle scharf getadelt. John Bright wollte seine Familie glücklich sehen, die er mit der eifersüchtigen Zärtlichkeit bewachte, mit der eine Henne für ihre Küchlein sorgt. –

An jenem Abend fühlte er sich von einer großen Unruhe befallen, die an ihm zehrte, ohne daß er sich deren Grund erklären konnte; das Verschwinden der Indianer erschien ihm unnatürlich, seine Umgebung kam ihm zu ruhig vor und die Stille der Wildnis zu tief. Er konnte nicht auf derselben Stelle bleiben und stand trotz der wiederholten Vorstellungen seines Sohnes jeden Augenblick auf, um einen prüfenden Blick über die Verschanzungen zu werfen.

William hegte für seinen Vater eine große, mit Ehrfurcht gepaarte Liebe. Der Zustand, in dem er ihn erblickte, betrübte ihn um so tiefer, als seine übertriebene Besorgnis scheinbar durch nichts bestätigt wurde. »Mein Gott, Vater«, sagte er, »quäle dich doch nicht so sehr, es ist ja traurig anzusehen. Glaubst du denn, daß die Indianer wagen werden, uns bei so hellem Mondschein anzugreifen? Sieh – man unterscheidet die Gegenstände wie am hellen Tag. Ich glaube, daß wir, wenn wir es versuchen wollten, sogar in der Bibel würden lesen können.«

»Du hast für den Augenblick recht, William; die Rothäute sind allerdings zu schlau, um sich bei der Helligkeit unseren Schüssen auszusetzen; aber in einer Stunde wird der Mond untergegangen sein und ihnen die Dunkelheit hinreichenden Schutz gewähren, um die Barrikaden erreichen zu können, ohne entdeckt zu werden.«

»Bah! Glaub nur nicht, daß sie es versuchen werden, lieber Vater! Die roten Teufel haben uns, seitdem sie uns umspähen, nahe genug betrachtet, um zu wissen, daß nichts wie Schläge bei uns zu holen ist.«

»Der Meinung bin ich keineswegs; unser Vieh ist zum Beispiel von großem Wert für sie, und ich bin durchaus nicht gesonnen, es ihnen zu überlassen; und zwar um so weniger, als wir genötigt sein würden, zu den Ansiedlungen zurückzukehren, um uns anderes zu verschaffen, was, wie du zugeben wirst, sehr unangenehm für uns wäre.«

»Das ist wahr, doch werden wir nicht in eine solche Lage kommen.«

»Gott gebe es, mein Sohn! Aber hast du nichts gehört?«

Der junge Mann lauschte aufmerksam. »Nein«, sagte er nach einer Weile. Der Auswanderer seufzte. »Ich habe heute abend die Ufer des Stromes durchforscht«, sagte er, »und selten eine Stellung gefunden, die so günstig für eine Ansiedlung wäre. Der Urwald, der sich hinter uns ausdehnt, würde uns treffliches Brennholz liefern – der prächtigen Bretter nicht zu gedenken, die man dorther beziehen könnte; es liegen dort herum einige hundert Acker Landes, die, wie ich überzeugt bin, wegen der Nähe des Wassers sehr einträglich sein würden.«

»Hast du denn die Absicht, dich hier niederzulassen, Vater?«

»Würde es dir unlieb sein, hier zu bleiben?«

»Mir keineswegs; wenn wir beisammen bleiben und arbeiten können, gilt es mir gleich, wo wir unseren Aufenthalt nehmen. Der Ort ist mir ebenso lieb wie ein anderer, und zwar um so mehr, als er von den Ansiedlungen weit genug entfernt ist, daß wir nicht zu fürchten haben, von hier innerhalb der nächsten Jahre vertrieben zu werden.«

»Das glaube ich auch.«

In diesem Augenblick ließ sich ein leises Rauschen im hohen Gras vernehmen.

»Diesmal bin ich überzeugt, daß ich mich nicht getäuscht habe!« rief der Auswanderer aus. »Ich habe ein Geräusch vernommen.«

»Ich auch«, sagte der junge Mann, indem er eifrig aufstand und nach seiner Büchse griff. Die beiden Männer eilten nach ihren Verschanzungen. Sie konnten nichts Verdächtiges entdecken. Die Prärie war ebenso still wie vorher.

»Es wird irgendein reißendes Tier sein, das zur Tränke geht oder von dort zurückkehrt«, sagte William, um seinen Vater zu beruhigen.

»Nein, nein«, antwortete dieser kopfschüttelnd, »der Lauf rührte von keinem Tier her; es war der Schall eines menschlichen Trittes, ich bin dessen gewiß.«

»Das sicherste wäre zu gehen und nachzusehen.«

»Gehen wir.«

Die beiden Männer erkletterten entschlossen ihre Verschanzungen und machten nach entgegengesetzter Richtung die Runde um das Lager, durchforschten sorgfältig die nächsten Gebüsche und überzeugten sich, daß keine Feinde darin verborgen seien.

»Nun?« riefen beide zu gleicher Zeit, als sie einander wieder begegneten.

»Nichts, und du?«

»Nichts.«

»Das ist seltsam!« murmelte John Bright. »Der Laut war doch sehr vernehmbar.«

»Das ist wahr, aber ich wiederhole es, Vater: Es war nichts anderes als ein Tier, das in der Nähe aufgesprungen ist. Bei einer so ruhigen Nacht wie der gegenwärtigen hört man das geringste Geräusch auf weite Entfernung; wir haben uns übrigens überzeugt, daß sich niemand in unserer Nähe verborgen hält.«

»Wir wollen ins Lager zurückkehren«, sagte der Auswanderer nachdenklich.

Sie schickten sich an, die Verschanzung wieder zu erklettern, als plötzlich beide innehielten und nur mit Mühe einen Schrei der Verwunderung, fast des Entsetzens unterdrückten. Sie hatten ein menschliches Wesen erblickt, das vor dem Feuer kauerte, dessen Gestalt aber in solcher Entfernung nicht deutlich zu erkennen war.

»Diesmal will ich der Sache auf den Grund gehen«, rief der Auswanderer aus, indem er mit einem weiten Satz in das Lager sprang.

»Ich auch!« murmelte sein Sohn, während er seinem Beispiel folgte.

Als sie sich ihrem seltsamen Gast gegenüber befanden, nahm ihr Erstaunen noch zu. Sie blieben unwillkürlich stehen und musterten die Gestalt neugierig, ohne daran zu denken, sie anzureden oder zu fragen, wie und mit welchem Recht sie in ihr Lager eingedrungen sei.

Soviel sich erraten ließ, war das sonderbare Geschöpf, das sie vor sich sahen, eine Frau; aber das Alter, die Lebensweise, die sie führte, vielleicht auch der Kummer hatte ihre Züge mit einem so unentwirrbaren Netz von Runzeln bedeckt, daß es unmöglich war, weder ihr Alter näher zu bestimmen noch zu erraten, ob sie je schön gewesen sei. Ihre schönen schwarzen Augen funkelten hinter dichten Brauen, die sich über der gebogenen Nase vereinigten, mit düsterem Glanz aus ihren tiefen Höhlen hervor; ihre vorspringenden, bläulich gefärbten Backenknochen, ihr breiter, mit blendendweißen Zähnen versehener Mund mit den dünnen Lippen und ihr eckiges Kinn verliehen ihr ein Ansehen, das auf den ersten Blick keineswegs geeignet schien, Teilnahme oder Vertrauen einzuflößen. Ihr langes schwarzes, wirres Haar hing nachlässig auf ihre Schultern herab und war mit Grashalmen und Blättern untermischt.

Ihre Kleidung schien ebensogut für einen Mann als für eine Frau geeignet. Sie bestand aus einem langen Kleid aus Bisonfell mit weiten, offenen Ärmeln, das um die Hüften durch einen mit bunten Glasscherben verzierten Gürtel festgehalten wurde. Jenes Kleid war mit Haaren, die hier und da zusammengeknüpft waren, genäht, und an seinem Saum befand sich eine Franse aus seltsam zugeschnittenen Federn. Das Kleid reichte nur bis an die Knie. Ihre Mitassen oder Beinkleider waren an den Knöcheln befestigt und über dem Knie mit Riemen aus Bisonleder festgebunden. Ihre Humpès oder Schuhe waren glatt und ohne Verzierung.

An den Handgelenken trug sie eiserne Ringe, um den Hals drei Schnüre Glasperlen und überdies Ohrgehänge. An ihrem Gürtel hingen von der einen Seite ein Pulverhorn, eine Axt und ein Bowiemesser und von der anderen ein Beutel mit Kugeln und eine lange indianische Pfeife herab. Ein schönes Gewehr von englischer Arbeit lag quer über ihren Knien.

Sie hatte sich vor dem Feuer hingekauert, in das sie starr hineinschaute, während sie das Kinn in die Hand stützte. Sie ließ sich durch die Ankunft der Amerikaner nicht stören, ja sie schien deren Gegenwart gar nicht bemerkt zu haben.

Nachdem John Bright die Unbekannte geraume Zeit aufmerksam gemustert hatte, trat er zu ihr und berührte leicht ihre Schulter. »Seid willkommen, Frau!« sagte er. »Wie es scheint, findet Ihr es kalt, und die Nähe des Feuers sagt Euch zu.«

Sie hob bei der Berührung langsam den Kopf, heftete einen düsteren Blick, der ein wenig irre aussah, auf den Sprecher und sagte in hohlem Kehlton auf englisch: »Die Bleichgesichter sind Toren und glauben stets, daß sie in ihren Städten sind; sie bedenken nie, daß in der Prärie die Bäume Ohren und die Blätter Augen haben, um alles zu sehen und zu hören, was vor sich geht. Die Schwarzfußindianer sind sehr geschickt im Skalpieren.«

Die beiden Männer sahen sich bei diesen Worten, deren Sinn so dunkel erschien, daß sie sich scheuten, auf den Grund zu gehen, unschlüssig an.

»Habt Ihr Hunger? Wollt Ihr essen?« fuhr John Bright fort. »Oder ist es der Durst, der Euch plagt? Ich kann Euch einen guten Schluck Feuerwasser geben, um Eure Glieder zu erwärmen, wenn Ihr wollt.«

Die Frau runzelte die Brauen. »Das Feuerwasser ist gut für die indianischen Squaws«, sagte sie. »Was würde es mir helfen, davon zu trinken? Es werden andere kommen, die es schnell genug vertun. Wißt ihr denn, wie viele Stunden ihr noch zu leben habt?«

Bei dieser versteckten Drohung erbebte der Auswanderer unwillkürlich. »Warum redet Ihr so zu mir?« antwortete er. »Habt Ihr über mich zu klagen?«

»Das gilt mir gleich«, entgegnete sie, »da ich, weil mein Herz gestorben ist, nicht mehr zu den Lebenden gehöre!« Bei diesen Worten drehte sie den Kopf langsam und feierlich nach allen Seiten und betrachtete die Landschaft aufmerksam. »Seht«, fuhr sie fort, indem sie mit den dürren Armen auf einen in der Nähe gelegenen Grashügel deutete, »dort ist er gefallen, dort ruht er jetzt. Sein Kopf ist ihm gespalten worden; man hat ihm, während er schlief, zwei Schläge mit der Axt gegeben ... armer James! Wißt ihr nicht, daß auf der Stelle ein Fluch ruht? Nur die Geier und die Raben rasten zuweilen hier. Warum seid ihr hergekommen? Seid ihr des Lebens überdrüssig? Hört ihr sie? Bald werden sie da sein, denn sie rücken immer näher.«

Vater und Sohn wechselten einen Blick. »Sie ist wahnsinnig, das arme Geschöpf!« murmelte John Bright.

»Ja, das sagen sie alle in der Prärie«, rief sie in etwas erhöhtem Ton aus. »Sie haben mich Oma-hanck-Chiké – das heißt die Häßliche der Erde – wie ihren Bösen Geist genannt und fürchten mich. Ihr haltet mich also auch für verrückt, nicht wahr? Ha, ha, ha!« Sie schlug ein gellendes Gelächter an, das mit einem Schluchzen endete; dann barg sie das Gesicht in den Händen und weinte.

Die beiden Männer fühlten sich von unwillkürlicher Rührung erfaßt. Der seltsame Schmerz, die unzusammenhängenden Reden, kurz das ganze Benehmen der Frau erweckte ihre Anteilnahme für ein Wesen, das scheinbar so unglücklich war. In ihrem Herzen regte sich das Mitleid, und sie betrachteten sie schweigend, ohne es zu wagen, sie zu stören.

Nach einiger Zeit hob sie den Kopf, wischte sich mit dem Rücken der Hand die Tränen aus den Augen und ergriff wieder das Wort. Der irre Ausdruck ihrer Augen war verschwunden, selbst der Ton ihrer Stimme schien verwandelt, ihr ganzes Wesen schien wie durch einen Zauberschlag verändert zu sein. »Vergebt mir«, sagte sie traurig, »die unsinnigen Worte, die ich gesprochen haben mag! Die Einsamkeit, in der ich lebe, und der schwere Kummer, dessen Last mich beugt, verwirren zuweilen meinen Verstand, und überdies erweckt der Ort, an dem wir uns befinden, die Erinnerung an schreckliche Auftritte, die ich nie vergessen werde.«

»Ich versichere Euch ...«, stammelte John Bright, ohne zu wissen, was er sagte, denn sein Erstaunen kannte keine Grenzen.

»Jetzt ist der Anfall vorüber«, unterbrach sie ihn mit einem sanften, trüben Lächeln, das ihrem Gesicht einen ganz anderen Ausdruck gab, als die Amerikaner bisher an ihr wahrgenommen hatten. »Ich folge euch bereits seit zwei Tagen nach, um euch beizustehen, denn die Rothäute stehen im Begriff, euch anzufallen.«

Die beiden Männer erbebten und warfen, vor der drohenden Gefahr alles andere vergessend, besorgte Blicke um sich. »Wißt Ihr es gewiß?« fragte John Bright.

»Ich weiß alles«, antwortete sie. »Aber beruhigt euch, es wird noch zwei Stunden dauern, ehe ihr das furchtbare Kriegsgeschrei vernehmt. Das ist länger, als ihr braucht, um euch in Sicherheit zu bringen.«

»Ach, wir haben vortreffliche Büchsen und einen sicheren Blick«, erwiderte William, indem er seine Waffe in der nervigen Faust schwang.

»Was können vier Büchsen – so trefflich sie auch sein mögen – gegen dreihundert blutdürstige wilde Tiere ausrichten, wie diejenigen sind, die ihr bekämpfen wollt? Ihr kennt die Rothäute nicht, junger Mann!«

»Das ist wohl wahr«, murmelte jener; »was ist aber zu tun?«

»Wohin sollen wir flüchten, wo Hilfe suchen in dieser ungeheuren Einöde?« fügte John Bright hinzu, indem er einen trostlosen Blick um sich warf.

»Habe ich euch nicht gesagt, daß ich euch beistehen wolle?« versetzte sie lebhaft.

»Das habt Ihr wohl, doch suche ich vergebens zu erraten, wie Ihr uns helfen wollt.«

Sie lächelte schwermütig. »Euer guter Engel hat euch hier an diese Stelle geführt. Als ich euch heute folgte, zitterte ich bei dem Gedanken, daß ihr möglicherweise nicht hier lagern könntet. Kommt!«

Die beiden Männer fühlten sich von dem Einfluß, den das seltsame Wesen in so kurzer Zeit über sie gewonnen hatte, so beherrscht, daß sie stillschweigend gehorchten.

Nachdem sie kaum zehn Schritte gegangen waren, blieb sie stehen und wandte sich zu ihnen. »Seht«, sagte sie, indem sie den abgezehrten Arm in nordwestlicher Richtung ausstreckte, »dort lagern – kaum zwei Stunden von hier – eure Feinde im hohen Gras. Ich habe ihren Plan gehört und, ohne daß sie meine Nähe ahnten, an ihren Beratungen teilgenommen. Sie warten nur auf den Untergang des Mondes, um euch anzugreifen. Ihr habt kaum noch eine Stunde Zeit.«

»Meine arme Frau!« murmelte John Bright.

»Es ist mir nicht möglich, euch alle retten zu wollen, und würde Torheit sein, es zu versuchen; aber wenn Ihr wollt, kann ich versuchen, Eure Frau und Eure Tochter dem Schicksal zu entreißen, das ihnen droht.«

»Redet! Redet!«

»Der Baum, unter dem wir stehen, ist, obwohl äußerlich grün und frisch, im Innern so hohl, daß ihn nur noch die Rinde aufrecht erhält. Eure Frau und Eure Tochter werden sich mit einigen Mundvorräten im Innern des hohlen Stammes verstecken und dort ruhig warten, bis die Gefahr vorüber ist. Ihr hingegen ...«

»Wir«, fiel ihr John Bright eifrig ins Wort, »sind Männer, die an die Gefahren gewöhnt sind; unser Schicksal liegt in Gottes Hand.«

»Gut, doch dürft ihr noch nicht verzweifeln, denn es ist nicht alles verloren.«

Der Amerikaner schüttelte den Kopf. »Ihr habt ja selbst gesagt, daß vier Männer gegen eine Legion von Teufeln wie die, die auf uns lauern, nichts vermögen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum; ich sehe keine Öffnung, durch die meine Frau und meine Tochter in den hohlen Baum dringen könnten.«

»Diese befindet sich in einer Entfernung von zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß hinter den Zweigen und Blättern versteckt.«

»Gott sei Dank! Sie werden in Sicherheit sein.«

»Ja; beeilt Euch aber, es ihnen mitzuteilen, während ich mit Eurem Sohn alles Nötige vorbereiten werde.«

John Bright, der die Notwendigkeit einsah, sich zu beeilen, entfernte sich in schnellem Lauf.

William errichtete nun mit Hilfe der Unbekannten, so rasch es die Nähe der drohenden Gefahr erforderte, eine Art ziemlich bequeme Leiter, deren sich die beiden Frauen nicht nur zum Hinaufsteigen, sondern auch zum Herunterklettern in dem Baum bedienen sollten.

John Bright weckte seine Frau und seine Tochter und rief seine Diener; mit wenigen Worten teilte er seiner Umgebung mit, um was es sich handelte. Hierauf versah er die beiden Frauen mit Mundvorräten, Pelzdecken und anderen unentbehrlichen Gegenständen und führte sie nach der Stelle, wo die Unbekannte ihrer harrte. »Hier bringe ich, was ich Kostbarstes besitze«, sagte John Bright. »Wenn ich diese Kleinodien rette, so habe ich es Ihnen allein zu verdanken!«

Die beiden Damen wollten sich bei ihrer geheimnisvollen Gönnerin bedanken.

Letztere aber gebot ihnen mit heftiger und befehlender Gebärde Schweigen. »Später, später«, sagte sie. »Wenn wir entkommen, haben wir Zeit genug, uns gegenseitig Glück zu wünschen; gegenwärtig haben wir aber andere und wichtigere Dinge zu tun, als uns schöne Dinge zu sagen, denn es ist hohe Zeit, an unsere Sicherheit zu denken.«

Die beiden Frauen fuhren verletzt und erschrocken über eine so unfreundliche Begegnung zurück und empfanden eine Art von Furcht vor dem seltsamen Geschöpf. Die Alte aber blieb unerschütterlich ruhig und schien den Schrecken der Frauen nicht zu bemerken; sie setzte in wenigen, aber klaren Worten auseinander, welches Mittel sie entdeckt habe, um die Damen unsichtbar zu machen; sie empfahl ihnen während ihres Aufenthaltes in dem hohlen Stamm das tiefste Schweigen, wobei sie bemerkte, daß es ihnen keineswegs an Raum fehlen werde, da sie darin hin und her gehen könnten, und befahl ihnen dann hinaufzusteigen.

Die Unbekannte übte vielleicht unbewußt einen solchen Einfluß auf ihre Umgebung aus, und die Auswanderer waren von der Notwendigkeit eines schnellen Gehorsams so tief überzeugt, daß die zwei Frauen, nachdem sie John Bright und seinen Sohn zärtlich umarmt hatten, entschlossen die Sprossen der improvisierten Leiter hinaufklommen. Nach wenigen Sekunden gelangten sie an einen ungeheuren Ast, auf dem sie nach dem Rat der Unbekannten, die ihnen gefolgt war, warteten.

John Bright warf nun die mitgebrachten Pelzdecken und die Mundvorräte durch die Öffnung – die in dieser Höhe vollkommen sichtbar war, da sie sich kaum zwei Fuß höher befand – in das Innere des Baumes. Hierauf setzte man die Leiter an, und beide Frauen glitten in die Öffnung hinein.

» Wir lassen euch die Leiter, die uns nichts nützt«, sagte die Unbekannte, »aber hütet euch, herauszusteigen, ehe ihr mich wiedergesehen habt! Die geringste Unbesonnenheit in dieser Hinsicht könnte euch das Leben kosten. Beruhigt euch übrigens, denn eure Gefangenschaft wird nicht lange dauern, sondern nach wenigen Stunden überstanden sein; faßt also Mut!

Die Frauen versuchten wieder ihren Dank auszusprechen, aber ohne auf sie zu hören, winkte sie John Bright, ihr zu folgen, und stieg schnell den Baum hinab. Mit Hilfe der Amerikaner beeilte sie sich, die Spuren zu verwischen, die die beiden Frauen hinterlassen hatten.

Nachdem sich die Unbekannte durch einen letzten Blick überzeugt hatte, daß alles in Ordnung sei und nichts das Versteck der so wunderbar Geretteten verraten werde, seufzte sie und ging, gefolgt von den beiden Männern, sich hinter die Verschanzungen zu stellen. »Jetzt«, sagte sie, »laßt uns genau aufmerken, denn wahrscheinlich winden sich die Rothäute wenige Schritte von hier durch das Dunkel; ihr seid ehrliche, treuherzige Amerikaner, zeigt jenen verwünschten Indianern, was ihr zu tun imstande seid.«

»Sie sollen nur kommen!« murmelte John Bright in dumpfem Ton.

»Sie werden nicht auf sich warten lassen«, fuhr sie fort und deutete bei diesen Worten mit dem Finger auf mehrere kaum sichtbare schwarze Punkte, die immer größer wurden und sich dem Lager zusehends näherten.

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