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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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4

Natah-Otann, der Graue Bär

In der Prärie war alles ruhig, und kein Laut unterbrach die Stille der Wildnis. Bei der plötzlichen Erscheinung Natah-Otanns verriet Freikugel – wie groß seine innere Bewegung auch sein mochte – dem Indianer gegenüber kein Zeichen der Unruhe. Das Gesicht des Jägers blieb vollkommen ruhig, und kein Muskel zuckte. »Aha!« sagte er. »Ich heiße den Sachem der Piekanns willkommen. Erscheint er als Freund oder als Feind?«

»Natah-Otann kommt, um sich am Feuer seiner bleichen Brüder niederzulassen und das Kalumet mit ihnen zu rauchen«, antwortete der Häuptling, indem er einen durchdringenden Blick um sich warf.

»Gut; ich werde, wenn der Häuptling kurze Zeit warten will, das Feuer sogleich anzünden.«

»Freikugel kann es anzünden, der Häuptling wird warten. Er hat mit den Bleichgesichtern zu reden; die Unterhaltung wird lange dauern.«

Der Kanadier blickte die Rothaut durchdringend an, aber der Indianer zeigte sich ebenso gefaßt wie er, und es war unmöglich, in seinen Zügen etwas zu lesen. Der Jäger sammelte etliche Bündel trockenen Holzes, schlug Feuer an, und bald loderte die helle Flamme von der Höhe des Hügels gen Himmel.

Der Indianer trat vor das Feuer, kauerte sich davor nieder, zog sein Kalumet und fing gelassen an zu rauchen. Freikugel, der sich nicht beschämen lassen wollte, folgte daher in allen Dingen und mit ebenso vortrefflich erheucheltem Gleichmut seinem Beispiel, und die beiden Männer saßen sich eine Weile schweigend gegenüber und bliesen sich dichte Rauchwolken entgegen.

Natah-Otann brach zuerst das Schweigen. »Der bleiche Jäger ist ein Krieger«, sagte er. »Warum sucht er sich zu verbergen wie eine Wasserratte?«

Freikugel hielt es für geraten, jene Bemerkung nicht zu beachten, und fuhr gelassen fort zu rauchen, wobei er einen verstohlenen Seitenblick auf seinen Gast warf.

»Die Schwarzfüße besitzen das Auge des Adlers«, fuhr Natah-Otann fort; »ihre scharfen Augen entdecken alles, was in der Prärie vorgeht.«

Der Kanadier nickte zustimmend, antwortete aber nicht.

Der Häuptling fuhr fort: »Natah-Otann hat die Spuren seiner Freunde, der Bleichgesichter, gesehen, sein Herz hat vor Freuden in seiner Brust gebebt, und er ist zu ihnen gekommen.«

Freikugel zog langsam das Pfeifenrohr aus dem Mund, drehte den Kopf zu dem Indianer, musterte ihn eine Weile genau und antwortete endlich: »Ich wiederhole meinem Bruder, daß er willkommen ist. Ich weiß, daß er ein großer Häuptling ist, und ich bin glücklich, ihn zu sehen.«

»Uah!« rief der Indianer mit schlauem Lächeln aus. »Ist mein Bruder wirklich so erfreut über meine Gegenwart, wie er sagt?«

»Warum nicht, Häuptling?«

»Mein Bruder grollt den Schwarzfüßen, weil diese ihn an den Marterpfahl gebunden haben.«

Der Kanadier zuckte verächtlich die Achseln und antwortete kalt: »Welcher Einfall, Häuptling! Weshalb sollte ich Euch und Eurem Volk grollen? Krieg ist Krieg – ich habe Euch nichts vorzuwerfen. Ihr habt mich umbringen wollen – ich bin Euch entwischt; wir sind also quitt.«

»Gut, mein Bruder. Ist das die Wahrheit, und habt Ihr wirklich vergessen?« fragte der Häuptling mit einiger Wärme.

»Warum nicht?« antwortete der Kanadier sorglos. »Mein Zunge ist nicht gespalten; die Worte, die mein Mund redet, kommen aus meinem Herzen! Ich habe die Behandlung, die ich bei Euch erduldet habe, nicht vergessen – ich müßte lügen, wenn ich das behaupten wollte –, doch habe ich sie vergeben.«

»Oché; mein Bruder ist großherzig und großmütig.«

»Nein, ich bin nur ein Mann, der die indianischen Sitten kennt, das ist alles. Ihr habt nicht mehr, nicht weniger getan, als die übrigen Rothäute im gleichen Fall getan hätten; ich kann Euch daher nicht grollen, weil Ihr getan habt, wie Eure Natur Euch trieb.«

Es folgte eine Pause; die beiden Männer fingen wieder an zu rauchen.

Der Indianer brach das Schweigen abermals zuerst. »Mein Bruder ist also ein Freund?« fragte er.

»Und Ihr?« fragte der Jäger, indem er eine Frage mit einer anderen beantwortete.

Der Häuptling erhob sich voll Würde und schlug seinen Bisonmantel auseinander. »Würde ein Feind auf solche Weise kommen?« fragte er in sanftem Ton.

Der Kanadier konnte sich einer Bewegung des Erstaunens nicht erwehren: der Schwarzfuß hatte keine Waffen; sein Gürtel war leer; er hatte nicht einmal ein Skalpmesser bei sich. Gewöhnlich trennen sich die Indianer nie von dieser Waffe.

Freikugel reichte ihm die Hand. »Schlagt ein, Häuptling!« sagte er. »Ihr seid ein Ehrenmann. Redet jetzt – ich höre. Wollt Ihr vielleicht vorher einen Schluck Feuerwasser?«

»Das Feuerwasser ist ein schlechter Ratgeber«, antwortete der Häuptling lächelnd; »es nimmt den Indianern den Verstand. Natah-Otann trinkt es nicht!«

»Nun, ich sehe, daß ich mich in bezug auf Euch nicht getäuscht habe, und das freut mich. Redet, meine Ohren stehen offen.«

»Was ich Freikugel zu sagen habe, darf kein anderes Ohr hören.«

»Meine Freunde schlafen fest, Ihr könnt ungescheut reden; aber selbst, wenn sie nicht schliefen, wißt Ihr ja, daß sie Eure Sprache nicht verstehen.«

Der Indianer schüttelte den Kopf. »Das Gläserne Auge weiß alles«, antwortete er; »der Häuptling redet nicht in seiner Nähe.«

»Wie Ihr wollt, Häuptling; nur muß ich bemerken, daß ich Euch nichts zu sagen habe, es Euch daher vollkommen freisteht, zu reden oder zu schweigen.«

Natah-Otann schien eine Weile zu zaudern, dann fuhr er fort: »Freikugel wird seinen Freund an das Ufer des Flusses begleiten und dort die Worte des Häuptlings der Schwarzfüße anhören.«

»Und«, wandte der Jäger ein, »wer wird unterdessen über die Sicherheit meiner Begleiter wachen? Nein, nein«, fügte er hinzu, »das kann ich nicht tun, Häuptling! Die Rothäute besitzen die Schlauheit des Opossums; während ich am Fluß bin, könnten meine Freunde überfallen werden. Wer steht mir für ihre Sicherheit?«

Der Indianer stand auf. »Das Wort eines Häuptlings!« sagte er mit Stolz und begleitete diese Worte mit einer würdevollen Gebärde.

Der Kanadier blickte ihn aufmerksam an. »Hört, Rothaut«, sagt er, »ich zweifle keineswegs an Eurer Ehrlichkeit; nehmt mir daher nicht übel, was ich sagen will.«

»Ich höre, was mein Bruder zu sagen hat«, antwortete der Indianer.

»Ich muß über meine Gefährten wachen. Da Ihr durchaus geheim mit mir reden wollt, bin ich bereit, Euch zu folgen; aber unter einer Bedingung: daß ich nämlich meine Waffen mit mir nehmen kann. Auf solche Weise bin ich für den Fall einer möglichen Gefahr, die man in der Prärie nie voraussehen kann, imstande, mich zu wehren und mein Leben teuer zu verkaufen. Seid Ihr damit zufrieden, so bin ich bereit, Euch zu folgen; im anderen Fall aber nicht.«

»Gut«, sagte der Indianer lächelnd, »mein bleicher Bruder hat recht: Ein echter Jäger trennt sich nie von seinen Waffen; Freikugel mag seinem Freund folgen.«

»So gehen wir«, antwortete der Kanadier entschlossen, indem er seine Büchse über die Schulter warf.

Natah-Otann fing an, den Abhang hinabzugleiten, indem er sich geräuschlos durch Büsche und Bäume wand. Der Kanadier trat buchstäblich in seine Fußstapfen. Obwohl der Jäger den Schein der größten Zuversicht annahm, unterließ er trotzdem nicht, die Umgebung genau zu durchspähen und auf jedes Geräusch zu lauschen.

In der Wildnis herrschte aber die tiefste Stille. Der Mécha-Chébé strömte majestätisch über sein Bett von goldgelbem Sand; zuweilen zeigten sich hier und da dunkle Gestalten – das waren die reißenden Tiere, die ans Wasser zur Tränke kamen.

Kaum zwei Stunden von ihnen glimmte ein verlöschendes Feuer auf einer Anhöhe, und sie sahen es zuweilen zwischen den Ästen der Bäume aufblitzen.

Natah-Otann blieb an der äußersten Spitze einer kleinen Landzunge stehen, die sich ziemlich tief ins Wasser erstreckte. Jene Stelle war fast aller Vegetation beraubt, und der Blick konnte ungehindert weit über die Prärie schweifen und die geringste Bewegung in der Wildnis wahrnehmen. »Ist der Jäger mit der Stelle zufrieden?« fragte der Häuptling. »Vollkommen«, erwiderte Freikugel, wobei er den Kolben seiner Büchse auf den Boden stützte und beide Hände über deren Mündung kreuzte. »Ich bin bereit, die Mitteilung meines Bruders entgegenzunehmen.«

Der Indianer schritt mit gekreuzten Armen und gesenktem Kopf, wie in tiefe Betrachtungen versunken, auf dem Sand auf und ab. Der Jäger folgte ihm mit den Blicken und erwartete gleichmütig, daß er sich ausspreche. Man konnte leicht bemerken, daß sich der Indianer mit einem jener kecken Pläne trug, die die Wilden häufig entwerfen; aber er wußte nicht, wie er anfangen sollte.

Der Jäger beschloß, ein Ende zu machen. »Mein Bruder hat mich veranlaßt, mein Lager zu verlassen, und mich aufgefordert, ihm zu folgen«, sagte er. »Ich habe eingewilligt. Will er jetzt nicht reden, wo wir fern von jedem menschlichen Ohr sind, so mag er es mir sagen, damit ich zu meinen Begleitern zurückkehre.«

Der Indianer blieb vor ihm stehen. »Nein«, erwiderte er, »mein Bruder soll bleiben. Die Stunde ist gekommen, wo wir uns miteinander aussprechen müssen. Liebt mein Bruder das Gläserne Auge?«

Der Jäger blickte sein Gegenüber spottend an. »Wozu die Frage?« fragte er. »Ich glaube, daß es dem Häuptling gleichgültig sein kann, ob ich denjenigen, den er das Gläserne Auge zu nennen beliebt, liebe oder nicht.«

»Ein Häuptling verschwendet seine Zeit nicht mit leeren Worten«, sagte der Indianer. »Die Worte, die seine Lippen reden, sind stets einfach und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet; mein Bruder antworte mir daher so unumwunden, wie ich frage.«

»Ich wüßte nicht, warum ich mich dessen weigern sollte. Ja, ich liebe das Gläserne Auge, und zwar nicht nur, weil er mein Leben gerettet hat, sondern weil er einer der rechtschaffensten Männer ist, die ich je gekannt habe.«

»Gut! Mein Bruder wird ohne Zweifel wissen, in welcher Absicht das Gläserne Auge die Prärie durchstreift?«

»Keineswegs; ich bekenne Euch, Häuptling, daß ich über den Punkt in der größten Unwissenheit schwebe. Ich vermute nur, daß er, des Lebens in den Städten überdrüssig, hergekommen ist, um seine Seele durch den Anblick der großartigen Natur und durch die erhabenen Klänge der Wildnis zu erfrischen.«

Der Indianer schüttelte den Kopf. Die Bedeutung und der poetische Schwung der Worte des Jägers waren für ihn verloren – er verstand ihn nicht. »Natah-Otann ist ein Häuptling«, sagte er. »Seine Zunge ist nicht gespalten; die Worte, die seine Lippen reden, sind klar wie das Blut in seinen Adern. Warum redet der Jäger nicht seine Sprache?«

»Ich beantworte Eure Frage, Häuptling, das ist alles. Meint Ihr etwa, daß ich meinen Freund über seine etwaigen Absichten, die mich ja nichts angehen, ausgefragt habe? Ich glaube nicht das Recht zu haben, im Herzen eines Menschen nach den Gründen zu forschen, die ihn zum Handeln treiben.«

»Gut! Mein Bruder redet gut; sein Kopf ist grau, seine Erfahrung groß.«

»Wohl möglich, Häuptling; jedenfalls kennen wir uns beide nicht genau genug, um uns ohne Rückhalt unsere Gedanken zu offenbaren. Ihr habt mich schon über eine Stunde hier festgehalten und mir noch nichts gesagt; es ist daher wohl das beste, wenn wir uns trennen.«

»Noch nicht!«

»Warum das? Glaubt Ihr, daß ich es mache wie Ihr und – statt während der Nacht zu schlafen, wie es jedem guten Christen ziemt – in der Prärie umherschweife wie ein Jaguar, der auf Beute ausgeht?«

Der Indianer lachte. »Uah! Mein Bruder ist sehr geschickt, und es entgeht ihm nichts«, sagte er.

»Es gehört bei Gott kein großes Geschick dazu, um zu erraten, was Ihr hier treibt.«

»Gut! Mein Bruder höre mich also an.«

»Ich bin einverstanden unter der Bedingung, daß Ihr Eure indianischen Umschweife vermeidet, hinter denen Ihr Eure wahre Meinung so schlau zu verbergen wißt.«

»Mein Bruder wird die Ohren öffnen, und die Worte seines Freundes werden zu seinem Herzen dringen.«

»Gut, kommt zur Sache!«

»Da mein Bruder das Gläserne Auge liebt, wird er diesem im Namen Natah-Otanns sagen, daß ihm eine große Gefahr drohe.«

»So?« sagte der Kanadier und blickte den Indianer mißtrauisch an. »Welche Gefahr?«

»Mehr kann ich nicht sagen.«

»Schön«, erwiderte Freikugel hohnlachend; »der Wink ist gut, wenn auch nicht sehr klar. Und was müssen wir tun, um die größte Gefahr zu bannen, die uns droht?«

»Mein Bruder wird seinen Freund wecken; sie werden auf ihre Pferde steigen und mit möglichster Eile davonsprengen und erst auf dem entgegengesetzten Ufer des Stromes haltmachen.«

»So? Wenn wir das also getan haben, ist nichts mehr zu befürchten?« fragte Freikugel.

»Nichts mehr.«

»Schau, schau«, erwiderte der Jäger höhnisch. »Und wann müssen wir denn fort?«

»Sogleich.«

»Immer besser!« Freikugel schritt eine Zeitlang nachdenklich auf und ab und trat dann vor den Häuptling hin, dessen Augen wie Tigeraugen in der Dunkelheit glühten und der allen seinen Bewegungen aufmerksam folgte. »Ihr könnt mir also nicht sagen, weshalb wir fort müssen?«

»Nein.«

»Es ist Euch ebenso unmöglich, nicht wahr, mir die Gefahr, die uns droht, näher zu bezeichnen?«

»Ja.«

»Ist das Euer letztes Wort?«

Der Indianer nickte bejahend.

»Wohlan – wenn das der Fall ist«, entgegnete Freikugel, indem er mit dem Kolben seiner Büchse auf den Boden stampfte, »so werde ich es Euch sagen.«

»Ihr?«

»Ja, hört mich aufmerksam an. Ich werde nicht viele Worte machen, doch hoffe ich, daß Euch meine Mitteilung interessieren wird.«

Der Häuptling lächelte ironisch. »Meine Ohren stehen offen«, sagte er.

»Desto besser, denn ich werde sie Euch mit Nachrichten anfüllen, die Euch wahrscheinlich nicht gefallen werden.«

»Ich höre«, wiederholte der Indianer gleichgültig.

»Wie Ihr eben gesagt habt. Übrigens war, nebenbei gesagt, Eure Eröffnung gänzlich überflüssig, denn ich kenne Euch seit langer Zeit; die Rothäute haben in der Prärie das Auge des Adlers, sie sind mit einem Wort Raubvögel, denen nichts entgeht.«

»Weiter?«

»Eben komme ich zur Sache. Eure Späher haben die Fährte einer Auswandererfamilie ausgewittert – die übrigens leicht genug zu finden war –, und ihr verfolgt jene Fährte schon lange, um euch eure Beute nicht entgehen zu lassen. Da ihr meint, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen sei, haben sich Komantschen, Sioux und Schwarzfüße, die alle zu demselben Teufelsgelichter gehören, vereinigt, um heute nacht jene Leute anzufallen, denen ihr seit so lange nachspürt und deren Reichtümer, die ihr für bedeutend haltet, ihr begehrt. Ist es nicht so?«

Das Gesicht Natah-Otanns verriet keine Bewegung, und er blieb vollkommen gefaßt, obwohl er innerlich Unruhe und Zorn empfand, als er sich so vollkommen durchschaut sah. »An den Worten des Jägers ist etwas Wahres«, antwortete er kalt.

»Es ist alles wahr«, bestätigte Freikugel.

»Vielleicht; doch sehe ich darin noch keinen Grund, weshalb ich hätte kommen und meinen Bruder warnen sollen.«

»So, das seht Ihr nicht ein? Es soll mir leicht genug werden, Euch auch das zu erklären. Ihr seid zu mir gekommen, weil Ihr sehr gut wißt, daß das Gläserne Auge, wie Ihr ihn nennt, nicht der Mann ist, der ein solches Verbrechen wie das, das Ihr vorhabt, ungestraft hingehen lassen würde.«

Der Häuptling zuckte die Achseln. »Kann ein Krieger – wie tapfer er auch sein möge – deren fünfhundert die Spitze bieten?« sagte er.

»Nein, gewiß nicht«, erwiderte Freikugel. »Er kann sie aber durch seine Nähe einschüchtern, seinen Einfluß auf sie dazu anwenden, sie von ihrer Absicht abzubringen, und das wird das Gläserne Auge ohne Zweifel tun. Aus einem Grund, den ich nicht kenne, zollt ihr ihm alle eine unbegreifliche Ehrerbietung, und da ihr fürchtet, daß er beim ersten Schuß drohend wie der Engel des Gerichts über euch hereinbrechen werde, sucht ihr ihn unter irgendeinem Vorwand zu entfernen, der jedem anderen einleuchten würde, auf ihn aber keine andere Wirkung haben wird, als ihn zu bestimmen, sich der Sache anzunehmen. Nun, antwortet mir – habe ich richtig geraten?«

»Mein Bruder weiß alles; ich wiederhole es: Seine Weisheit ist groß.«

»Habt Ihr nichts weiter hinzuzufügen? Dann wünsche ich gute Nacht.«

»Einen Augenblick.«

»Immer noch?«

»Es muß sein!«

»Laßt hören, aber faßt Euch kurz!«

»Mein Bruder hat in seinem Namen gesprochen, nicht in dem des Gläsernen Auges. Er mag hingehen, seinen Freund wecken und ihm unsere Unterhaltung mitteilen; vielleicht hat er sich in ihm geirrt.«

»Das glaube ich nicht, Häuptling«, antwortete der Jäger kopfschüttelnd.

»Wohl möglich«, entgegnete der Indianer; »doch mag mein Bruder tun, was ich verlange.«

»Liegt Euch viel daran, Häuptling?«

»Sehr viel.«

»Ich will Euch wegen einer solchen Kleinigkeit nicht abweisen; Ihr werdet aber sehen, daß ich recht hatte.«

»Das ist möglich; doch werde ich eine Stunde lang die Antwort meines Bruders erwarten.«

»Gut. Wohin soll ich diese bringen?«

»Nirgends hin«, erwiderte der Indianer lebhaft. »Wenn ich recht habe, so wird mein Bruder zu zwei wiederholten Malen den Schrei der Elster nachahmen, und wenn ich mich geirrt habe, den des Käuzchens.«

»Gut, abgemacht. Bald sollt Ihr von mir hören, Häuptling!«

Der Indianer verneigte sich anmutig. »Möge der Waconda meinen Bruder geleiten«, sagte er.

Nachdem sich beide Männer höflich gegrüßt hatten, trennten sie sich. Der Kanadier warf sorglos seine Büchse über die Schulter und eilte mit raschen Schritten seinem Lager zu, während ihm der Indianer aufmerksam mit den Augen folgte, wobei er scheinbar vollkommen ruhig blieb; sobald der Jäger aber verschwunden war, streckte sich der Häuptling auf den Boden, bewegte sich wie eine Schlange im Dunkeln weiter und verschwand unter den hohen Bäumen, wobei er – obgleich in gemessener Entfernung – dieselbe Richtung einschlug wie Freikugel. Letzterer glaubte sich nicht beobachtet, schenkte daher dem, was um ihn her vorging, keine Aufmerksamkeit und erreichte wieder das Lager, ohne daß ihm etwas Besonderes aufgefallen wäre.

Wäre der Geist des Kanadiers nicht anderweitig beschäftigt gewesen und seine bewährte Erfahrung dadurch auf einen Augenblick eingeschläfert worden, so würde er mit dem Scharfblick, der ihm eigen war, bald erkannt haben, daß in der Wildnis nicht die gewohnte Ruhe herrschte. Er würde im Laub ein unerklärliches Rauschen vernommen, ja vielleicht im hohen Gras ein Paar Augen haben funkeln sehen.

Bald erreichte er das Lager; der Graf und Ivon schliefen hart und fest. Freikugel war einen Augenblick unschlüssig, ob er den friedlichen Schlummer des jungen Mannes stören solle; da er aber bedachte, daß die geringste Unbesonnenheit schreckliche Folgen haben könne, deren Tragweite nicht zu berechnen wäre, berührte er ihn leise an der Schulter.

So leise die Berührung auch gewesen war, reichte sie doch hin, den Grafen zu wecken. Er öffnete die Augen, richtete sich auf und sagte, indem er den Jäger erblickte: »Ist etwas Neues vorgefallen, Freikugel?«

»Ja, Herr Graf«, antwortete der Kanadier ernst.

»Oho, Ihr seht ja schrecklich feierlich aus, mein Freund«, sagte der junge Mann lachend. »Was geht denn vor?«

»Bis jetzt noch nichts; vielleicht werden wir aber bald mit den Rothäuten zu schaffen haben.«

»Desto besser; dann können wir uns erwärmen, denn es ist eine Hundekälte«, antwortete er fröstelnd. »Woher wissen Sie es aber?«

»Ich habe, während Sie schliefen, einen Besuch bekommen.«

»So?«

»Ja.«

»Und wer hat einen so ungünstigen Augenblick gewählt, um Ihnen seinen Besuch zu machen?«

»Der Sachem der Schwarzfüße.«

»Natah-Otann?«

»Er selbst.«

»Er ist wohl ein Nachtwandler, daß er bei nächtlicher Zeit in der Wildnis herumschweift?«

»Er schweift nicht herum – er liegt auf der Lauer!«

»Das dacht' ich mir. Lassen Sie mich nicht länger in Ungewißheit, sondern erzählen Sie mir, was zwischen Ihnen und Natah-Otann vorgefallen ist; denn er ist nicht der Mann, der sich ohne guten Grund aus der Ruhe bringen läßt, und ich brenne vor Verlangen, diesen zu erfahren.«

»Sie sollen sogleich selbst urteilen.« Der Jäger erzählte hierauf ohne weitere Umschweife sehr ausführlich das Gespräch, das er mit dem Häuptling gehabt hatte.

»Das klingt ja bedenklich«, sagte der Graf, als Freikugel seine Erzählung beendet hatte. »Jener Natah-Otann ist ein geheimnisvoller Bursche, dessen Absichten Sie vollständig an den Tag gebracht haben; Sie haben vollkommen recht gehabt, ihm kurz und bündig zu antworten. Was denkt denn der Bursche von mir? Er bildet sich wohl gar ein, daß ich ihm als Helfershelfer dienen werde. Sobald er sich untersteht, jene armen Teufel von Auswanderern anzugreifen, so schwöre ich bei Gott, daß Blut fließen wird, wenn Sie mir helfen wollen, Freikugel!«

»Zweifeln Sie daran?«

»Nein, mein Freund, ich danke Ihnen; mit Ihnen und meinem hasenherzigen Ivon werden wir imstande sein, sie in die Flucht zu schlagen.«

»Haben mich der Herr Graf gerufen?« fragte der Diener, indem er sich aufrichtete.

»Nein, nein, Ivon, mein Freund, ich sagte nur, daß wir uns wahrscheinlich bald werden schlagen müssen.«

Ivon stieß einen tiefen Seufzer aus und murmelte, indem er sich wieder hinstreckte: »Ja, wenn ich soviel Mut wie guten Willen hätte, Herr Graf ... Aber leider wissen Sie ja, daß ich ein unheilbarer Feigling bin und Ihnen eher hinderlich als förderlich sein werde.«

»Du wirst tun, was du kannst, mein Freund; das wird genügen.«

Ivon seufzte, ohne zu antworten. Freikugel hatte das Zwiegespräch lachend mit angehört. Der würdige Bretone besaß die Gabe, ihn stets in Erstaunen zu setzen; er konnte dessen seltsamen Charakter nicht begreifen.

Der Graf wandte sich zu ihm. »Abgemacht also?«

»Abgemacht«, antwortete der Jäger.

»Dann geben Sie das Zeichen, mein Freund.«

»Das Käuzchen, nicht wahr?«

»Das wollte ich meinen!« entgegnete der Graf.

Freikugel legte die Finger an den Mund und ahmte, wie er es mit Natah-Otann verabredet hatte, mit seltener Vollkommenheit zweimal den Schrei des Käuzchens nach.

Kaum war der zweite Schrei verhallt, als im Gebüsch ein lautes Rauschen entstand, und ehe die drei Männer Zeit hatten, sich zur Wehr zu setzen, wurden sie von ungefähr zwanzig Indianern angefallen, die ihnen im Nu ihre Waffen nahmen und ihnen dadurch jeden Widerstand unmöglich machten.

Der Graf de Beaulieu zuckte die Achseln, lehnte sich an einen Baum, klemmte sein Lorgnon ins Auge und sagte: »Das ist höchst possierlich!«

»Das finde ich nicht!« murmelte Ivon in sich hinein.

Unter jenen Indianern, die man leicht für Schwarzfüße erkannte, befand sich Natah-Otann. Nachdem er die Waffen der Weißen hatte beiseite schaffen lassen, damit sie sich dieser auch nicht durch Hinterlist wieder bemächtigen könnten, trat er zu dem Jäger und sagte: »Ich habe Freikugel gewarnt.«

Der Jäger lächelte verächtlich. »Ihr habt mich nach der Art der Rothäute gewarnt«, antwortete er.

»Was will mein Bruder damit sagen?«

»Ich will sagen, daß Ihr mich vor einer Gefahr gewarnt habt, die uns droht, mir aber nicht gesagt habt, daß Ihr eine Verräterei im Schilde führt.«

»Das kommt auf dasselbe heraus«, entgegnete der Indianer gleichmütig.

»Freikugel, lieber Freund, streiten Sie sich doch nicht mit den Schlingeln herum!« bemerkte der Graf. Hierauf wandte er sich mit hochmütiger Miene an den Häuptling und fragte: »Was wollt ihr denn eigentlich von uns?« Der Graf war, seitdem er die Prärie durchstreifte, in so häufige Berührung mit den Indianern gekommen, daß er ihre Sprache unmerklich geläufig sprechen gelernt hatte.

»Wir wollen euch keinen Schaden zufügen, sondern nur verhindern, daß ihr euch in unsere Angelegenheiten mischt«, antwortete Natah-Otann ehrerbietig, »und es würde uns aufrichtig leid tun, wenn wir gewaltsame Maßnahmen ergreifen müßten.«

Der junge Mann lachte. »Ihr seid Dummköpfe. Ich werde euch trotz eurer Vorsicht zu entwischen wissen.«

»Mein Bruder kann es versuchen.«

»Wenn der Augenblick gekommen sein wird; jetzt ist es nicht der Mühe wert.«

Während der junge Mann diese Worte in sorglosem Ton sprach, zog er ein Etui aus der Tasche, wählte eine Zigarre aus, zog dann ein Streichhölzchen aus seinem Feuerzeug und strich damit gegen einen Stein. Die Indianer, die seine Absicht nicht begriffen, folgten voll ängstlicher Spannung all seinen Bewegungen. Plötzlich stießen sie einen Schrei des Entsetzens aus und wichen einige Schritte zurück.

Das Streichhölzchen hatte sich entzündet, und eine blaue Flamme zeigte sich an dessen Ende. Der Graf drehte nachlässig das Hölzchen in den Fingern hin und her, bis sich der Schwefel verzehrt hatte. Er bemerkte das Entsetzen der Indianer nicht. Diese bückten sich blitzschnell, ergriffen jeder ein Stückchen Holz und fingen an, damit gegen einen Stein zu streichen. Der Graf sah ihnen verwundert zu, denn er begriff nicht, was das heißen sollte.

Natah-Otann schien einen Augenblick zu zaudern; ein seltsames Lächeln erhellte flüchtig seine düstere Miene, doch nahm er bald wieder seinen gewöhnlichen kaltblütigen Gleichmut an und verneigte sich ehrerbietig vor dem Grafen, indem er mit dem Anschein abergläubischer Furcht auf das Streichhölzchen deutete und fragte: »Kann mein Vater über das Feuer der Sonne verfügen?«

Der junge Mann lächelte. Er hatte alles erraten. »Wer unter euch dürfte wagen, sich mit mir zu messen?« antwortete er hochfahrend.

Die Indianer sahen einander sprachlos an. Die unerschrockenen Männer, die gewohnt waren, den größten Gefahren zu trotzen, fühlten sich durch die unbegreifliche Gewalt überwunden, die ihr Gefangener besaß.

Da der Graf sein Streichhölzchen, während er mit dem Häuptling sprach, nicht beachtet hatte, war dieses verkohlt, ohne daß er es benützen konnte, und er warf es daher weg. Die Indianer stürzten sich darauf, um sich zu überzeugen, daß die Flamme wirklich vorhanden gewesen sei. Ohne seiner Handlung besondere Wichtigkeit beizulegen, zog der Graf ein zweites Streichhölzchen aus seinem Feuerzeug und wiederholte das Experiment.

Sein Triumph war vollständig. Die Rothäute stürzten auf ihre Knie und flehten ihn um Verzeihung an. Er durfte von jetzt an alles wagen. Jene rohen Menschen betrachteten ihn, nachdem sie ihn zweimal dasselbe Wunder hatten verrichten sehen, als ein Wesen, das ihnen bei weitem überlegen war und dem sie sich unbedingt unterwarfen.

Freikugel mußte innerlich über die Einfalt der Indianer lachen. Der junge Mann aber verstand seinen Einfluß geschickt zu nützen. »Ihr seht, was ich vermag«, sagte er.

»Wir sehen es«, entgegnete Natah-Otann.

»Wann wollt ihr die Auswanderer angreifen?«

»Sobald der Mond untergegangen ist, werden unsere Krieger das Lager stürmen.«

»Und ihr?«

»Wir hatten Auftrag, unseren Bruder zu bewachen.«

»Glaubt ihr jetzt noch, daß ihr es könnt?« fragte der junge Mann stolz.

Die Rothäute erbebten vor dem Feuer seiner Augen. »Unser Bruder wird uns verzeihen«, antwortete der Häuptling, »denn wir kannten ihn nur unvollkommen.«

»Und jetzt?«

»Jetzt wissen wir, daß er unser Herr ist; er mag befehlen – wir werden gehorchen.«

»Seht euch vor«, sagte der Graf in einem Ton, der sie zittern machte, »denn ich werde euren Gehorsam auf eine harte Probe stellen.«

»Unsere Ohren stehen offen, um die Worte unseres Bruders entgegenzunehmen.«

»Tretet näher!«

Die Schwarzfüße gehorchten zögernd, denn sie trauten ihm noch nicht ganz.

»Jetzt hört mich aufmerksam an«, sagte er; »und wenn Ihr meine Befehle vernommen habt, bemüht euch, diese pünktlich zu vollbringen!«

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