Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustave Aimard >

Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
Schließen

Navigation:
3

Die Auswanderer

Als der Jäger auf Entdeckung ausging, hatte ihn seine alte Erfahrung nicht getrogen, und die Spuren, die er entdeckt hatte, rührten wirklich von einer Familie Auswanderer her. Da diese berufen ist, in unserer Erzählung eine gewisse Rolle zu spielen, wollen wir den Leser mit ihr bekannt machen und so kurz wie möglich erklären, durch welche Verkettung von Ereignissen sie gegenwärtig ihr Lager in den Prärien des oberen Mississippi oder, um mit den Gelehrten zu sprechen, an den Ufern des Missouri aufgeschlagen hat.

Die Geschichte eines Auswanderers ist die Geschichte aller. Es sind alles Leute, die eine zahlreiche Familie zu erhalten haben und sich in Verlegenheit befinden, wie sie ihren Kindern eine selbständige Existenz gründen sollen; entweder wegen der schlechten Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauen, oder weil die Bevölkerung in solchem Grad zunimmt, daß jener Boden nach wenigen Jahren sehr bedeutend im Preis steigt.

Seit einigen Jahren ist der Mississippi zur Hauptverkehrsstraße für die Reise nach und von allen Marktplätzen der Alten und der Neuen Welt geworden. Jedes Schiff, das vorüberfährt, bietet den neuen Ansiedlern Gelegenheit, sich entweder durch Tausch oder gegen Geld die unentbehrlichsten Bequemlichkeiten des Lebens verschaffen zu können. Die Ansiedler haben sich daher zu beiden Seiten des Stromes ausgebreitet, der die Wasserstraße der Auswanderer ist, da diese die Aussicht haben, an den Ufern nicht nur gutes Land zu finden, sondern dieses auch eine Reihe von Jahren steuerfrei behalten zu können.

Für den Nordamerikaner hat das Wort Heimat in dem Sinne, wie wir es verstehen, keine Bedeutung, denn er ist nicht wie unsere Bauern seit Jahren an dieselbe Scholle gefesselt, die der ganzen Familie als Wohnort gedient hat. Der Boden hat nur in dem Grad Wert für ihn, als er Nutzen daraus zieht; sobald aber dessen Kraft erschöpft ist und sich der Kolonist vergebens bemüht hat, ihm die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, ist sein Entschluß sofort gefaßt. Er entledigt sich der zu umfangreichen oder zu schwer zu transportierenden Gegenstände, behält an Dienern, Pferden und Hausgeräten nur das Allernötigste, nimmt Abschied von seinen Nachbarn, die ihm die Hand drücken – als ob eine solche Reise das einfachste Ding der Welt wäre -, und bricht an einem schönen Frühlingsmorgen beim Aufgang der Sonne munter auf, nachdem er der Stelle, wo er nebst seiner Familie so lange gelebt hat, einen letzten gleichgültigen Blick zugeworfen hat. Seine Gedanken schweifen bereits in die Ferne; er weiß von keiner Vergangenheit mehr, denn nur die Zukunft lächelt ihm verheißungsvoll entgegen und stärkt seinen Mut.

Man kann sich nichts Einfacheres, Malerischeres und Ungekünstelteres denken als die Abreise einer Auswandererfamilie: Die Pferde sind an die Karren gespannt, auf denen die Betten und die kleinsten Kinder aufgeladen sind, während an den Seiten das Spinnrad und der Webstuhl befestigt sind und hinten ein Eimer voll Talg oder Teer hängt. Quer über den Wagen liegen die Beile, und in der Krippe der Pferde klappern Kessel und Kasserolle bunt durcheinander. Unter dem Wagen sind die Zelte und die Mundvorräte an Stricken befestigt. Darin besteht das Mobiliarvermögen des Auswanderers.

Der älteste Sohn oder ein Diener setzt sich auf das vorderste Pferd und die Frau des Auswanderers auf das andere. Der Familienvater schreitet mit seinen Söhnen, die Flinte über der Schulter tragend, bald vor, bald hinter dem Wagen und wacht nebst den nachfolgenden Hunden über das Vieh und die Sicherheit der Familie im allgemeinen. So reisen sie langsam durch ein unerforschtes Land, auf abscheulichen Straßen, die sie sich größtenteils selbst bahnen müssen; so trotzen sie der Kälte, der Hitze, dem Regen und dem Sonnenschein, kämpfen mit Indianern und reißenden Tieren, sehen bei jedem Schritt fast unüberwindliche Hindernisse vor sich, lassen sich aber durch keine Gefahr aufhalten, durch keine scheinbare Unmöglichkeit entmutigen.

Fast immer müssen sie monatelang wandern, doch hegen sie im Grunde ihres Herzens den unerschütterlichen Glauben an ihren Glücksstern, bis sie endlich einen Ort entdecken, der ihnen die Bedingungen des Gedeihens bietet, die sie so lange suchen. Aber ach! Wie viele Familien haben die amerikanischen Städte voll Hoffnung und Mut verlassen und sind verschwunden, ohne eine andere Spur ihrer Gegenwart zu hinterlassen als ihr gebleichtes Gebein und die Trümmer ihrer Geräte. Die Indianer liegen stets am Eingang der Wildnis auf der Lauer, überfallen die Karawanen, hauen die Auswanderer erbarmungslos nieder und schleppen Frauen und junge Mädchen in die Sklaverei. Auf solche Weise rächen sie sich an den Auswanderern für die Schändlichkeiten, deren Opfer sie seit undenklichen Zeiten gewesen sind, und setzen zu ihren Gunsten den mörderischen Kampf fort, den die Weißen bei ihrer Ankunft in Amerika begonnen haben und der seither ununterbrochen fortgedauert hat.

John Bright gehörte zu jener Klasse von Auswanderern, die wir eben geschildert haben. Eines Tages, vor etwa vier Monaten, hatte er sein baufälliges Haus verlassen, seine geringe Habe auf einen Karren gepackt und sich nebst seiner Familie – die aus seiner Frau, seiner Tochter, seinem Sohn und zwei Dienern bestand, die das Schicksal ihrer Herrschaft teilen wollten – auf die Wanderschaft begeben. Seitdem hatten sie nicht wieder gerastet. Sie setzten ihre Wanderung entschlossen fort, bahnten sich mit der Axt einen Weg durch die Urwälder und hatten fest beschlossen, so lange weiter durch die Wildnis zu ziehen, bis sie einen günstigen Ort zu einer neuen Niederlassung gefunden hätten.

Zu der Zeit unserer Erzählung war die Auswanderung weit seltener als jetzt, wo die kürzliche Entdeckung der Metallager in Kalifornien und am Fraserstrom eine solche Auswanderungssucht unter den Menschen verbreitet hat, daß sich die Alte Welt zugunsten der Neuen mehr und mehr entvölkert. Das Gold ist ein Magnet, der die Eigenschaft hat, ohne Unterschied jung und alt, Männer und Frauen anzuziehen, die sich durch die trügerische Hoffnung blenden lassen, sich mit geringer Anstrengung in kurzer Zeit ein Vermögen zu erwerben. Es war daher von seiten John Brights eine seltene Keckheit, sich ohne Aussicht auf irgendwelche Hilfe in ein bisher noch unerforschtes Land zu wagen, das obendrein in den Händen der Indianer war.

John Bright war aus Virginia gebürtig. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren und von mittlerer Größe, dessen kräftiger Bau aber eine ungewöhnliche Kraft verriet; seine Züge erschienen sehr gewöhnlich, zeichneten sich aber durch einen Ausdruck seltener Festigkeit und Entschlossenheit aus.

Seine Frau, die zehn Jahre jünger war als er, schien ein frommes, sanftes Geschöpf zu sein, und obwohl die Anstrengungen und Sorgen schon lange tiefe Furchen in ihre Stirn gegraben hatten, konnte ein Beobachter in ihrem Gesicht noch immer die Spuren großer Schönheit entdecken.

William Bright, der Sohn des Auswanderers, war eine Art Riese, denn er maß über sechs englische Fuß. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, von wahrhaft herkulischer Gestalt, und sein gutmütiges rundes, von dichtem, rötlichblondem Haar umgebenes Gesicht war das Bild von Offenheit und Munterkeit.

Diana Bright, seine Schwester, bildete den grellsten Gegensatz zu ihm. Sie war ein zartes, kaum sechzehnjähriges Mädchen, dessen tiefblaue Augen ein Widerschein des Himmels zu sein schienen, dessen zarte, ätherische Erscheinung sowie die sinnende Stirn und der lachende Mund zugleich an das Weib und an den Engel mahnte und dessen wunderbare Schönheit auf den ersten Blick blendete, während die ersten Worte, die von den Rosenlippen des Mädchens fielen, alle Herzen gewannen. Diana war der Abgott der Familie, der von allen angebetete Liebling, und mit einem Blick oder einem Lächeln beherrschte sie die rauhen Naturen, die sie umgaben und die keinen anderen Lebenszweck zu kennen schienen, als ihren geringsten Wünschen zuvorzukommen.

Sam und James, die beiden Diener, waren gute, ehrliche Bauern aus Kentucky. Sie besaßen ungewöhnliche Kraft und außerordentliche Gewandtheit, und unter einer harmlosen, beinahe etwas albernen Miene verbargen sie große Schlauheit. Jene wackeren, noch jungen Leute – der eine war erst sechsundzwanzig und der andere kaum dreißig Jahre alt – waren im Hause John Brights aufgewachsen und hatten ihrem Herrn eine unverbrüchliche Treue gewidmet, von der sie schon während der Dauer der Reise häufige Beweise gegeben hatten. Als John sein Haus verließ, um fruchtbareres Land zu suchen, hatte er den beiden Männern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, weil er sie den Gefahren des unsicheren Lebens, das er beginnen wollte, nicht aussetzen mochte; beide hatten aber verneinend den Kopf geschüttelt und auf alle Gegenvorstellungen einfach geantwortet, daß es ihre Pflicht sei, ihrer Herrschaft zu folgen, wohin sie auch gehe, und daß sie bereit seien, diese bis ans Ende der Welt zu begleiten.

Der Auswanderer sah sich genötigt, sich einem so entschieden ausgesprochenen Entschluß zu fügen, und gab ihnen den Bescheid, daß sie mitgehen sollten, da es ihr Wille wäre. Damit war zwischen dem Herrn und den Dienern alles abgemacht. Seit jener Zeit betrachtete man aber die beiden treuen Menschen nicht mehr wie Diener, sondern wie Freunde, und behandelte sie als solche.

Übrigens gleicht nichts die Standesunterschiede besser aus als das Bestehen gemeinschaftlicher Gefahren, und die Familie John Brights hatte seit vier Monaten deren unzählige erlebt.

Der Auswanderer führte eine unzählige Menge Vieh bei sich, wodurch sich nicht vermeiden ließ, daß sie trotz aller angewandten Vorsicht sehr sichtbare Spuren zurückließen, und infolgedessen lief die Karawane fortwährend Gefahr, von den Indianern angefallen zu werden. Sie hatten jedoch bis zu dem Augenblick, wo wir ihnen begegnen, noch nichts Besonderes dieser Art überstanden. Zuweilen waren sie zwar heftig erschreckt worden, doch hatten sich die Indianer stets in gemessener Entfernung gehalten, und zwar feindselige Bewegungen gemacht, doch ohne diesen weitere Folgen zu geben.

Während der ersten Wochen ihrer Reise hatten die Auswanderer, die die Gewohnheiten der Rothäute nicht kannten, in großer Angst gelebt, als sie die Karawane von diesen fortwährend umschwärmt sahen, da sie jeden Augenblick erwarteten, von jenen grausamen Feinden – von deren Taten sie Beispiele gehört hatten, die den Tapfersten mit Schauder erfüllten – angegriffen zu werden. Allmählich aber gewöhnten sie sich, wie es immer zu geschehen pflegt, an die fortwährenden Drohungen, und obwohl sie mit der größten Vorsicht auf ihre Sicherheit bedacht waren, hatten die Gefahren, die sie anfangs so sehr fürchteten, aufgehört, sie zu schrecken, ja sie waren fast geneigt, diese zu verachten, und überließen sich dem Glauben, daß ihre ruhige und entschlossene Haltung die Rothäute eingeschüchtert habe und letztere nicht wagen würden, handgemein mit ihnen zu werden. An dem Tage aber, wo wir ihnen begegnet sind, empfanden sie fast unwillkürlich eine gewisse Unruhe; es schien, als ob sie eine geheime Ahnung von der großen Gefahr hätten, die ihnen drohte. Die Indianer, die gewöhnlich – wie gesagt – die kleine Truppe in der Entfernung eines Büchsenschusses umschwärmten, waren plötzlich unsichtbar geworden. Sie hatten keinen einzigen von ihnen erblickt, seitdem sie ihr letztes Lager verlassen hatten, doch flüsterte ihnen eine unheilverkündende, innere Stimme zu, daß ihre Feinde – wenn auch unsichtbar - nicht nur in der Nähe, sondern wahrscheinlich zahlreicher seien als je zuvor.

Die Auswanderer verlebten daher den Tag in trüber, schweigsamer Stimmung; sie schritten mit spähenden Blicken und aufmerksamen Ohren nebeneinanderher und hielten ihre Flinten schußfertig. Übrigens wagten sie nicht, sich gegenseitig ihre Befürchtungen mitzuteilen, sondern wanderten, wie die Spanier sagen, »mit dem Kinn auf der Achsel« weiter, gleich Menschen, die fortwährend darauf gefaßt sind, angegriffen zu werden. Der Tag verstrich indessen, ohne daß ihre Befürchtungen im geringsten bestätigt wurden. Bei Sonnenuntergang befanden sich die Reisenden am Fuß eines jener zahlreichen Hügel, die wir früher erwähnt haben und die an jener Stelle die Ufer des Stromes in so großer Anzahl einfaßten. John Bright winkte seinem Sohn, der den Karren lenkte, anzuhalten, abzusteigen und zu ihm zu kommen. Während sich die beiden Frauen besorgt umsahen, standen die vier Männer in geringer Entfernung beisammen und redeten eifrig miteinander.

»Kinder«, sagte John Bright zu seinen Begleitern, die ihn aufmerksam anhörten, »der Tag ist zu Ende; dort unten geht die Sonne hinter den Bergen unter, es ist daher Zeit, an die Nachtruhe zu denken. Unsere Tiere sind ermüdet, wir selbst müssen frische Kräfte schöpfen, um dem morgigen Tagwerk gewachsen zu sein; ich bin daher unmaßgeblich der Meinung, daß wir wohl tun werden, die wenige Zeit, die uns noch bleibt, zu nützen, um unser Lager aufzuschlagen.«

»Ja«, antwortete James, »wir haben eine Anhöhe vor uns, auf deren Gipfel wir uns leicht niederlassen können.«

»Und die wir«, fiel ihm William ins Wort,, »binnen wenigen Stunden in eine fast unüberwindliche Festung verwandeln können.«

»Es wird ein saures Stück Arbeit sein, den Karren da hinaufzubringen«, entgegnete der Vater kopfschüttelnd.

»Es ist nicht so schwer, wie Ihr meint, Master Bright«, bemerkte Sam. »Wir müssen uns nur ein wenig Mühe geben.«

»Wieso?«

»Wir brauchen ja den Karren nur abzuladen«, erwiderte der Diener. »Das ist wahr; sobald er leer ist, wird es leicht genug sein, ihn hinaufzuschaffen.« »Aber«, wandte William ein, »glaubst du denn, Vater, daß es so sehr nötig ist, uns soviel Mühe zu geben? Eine Nacht ist bald vorüber, und ich glaube, daß wir besser täten, zu bleiben, wo wir sind. Die Stellung ist vortrefflich, und es sind nur wenige Schritte bis zum Strom, wo wir unser Vieh tränken können!«

»Nein, hier dürfen wir nicht bleiben! Der Ort ist hier zu frei und bietet uns keinen Schutz, wenn uns die Indianer angreifen sollten.«

»Die Indianer?« rief der junge Mann lachend aus. »Wir haben ja den ganzen Tag keinen einzigen zu Gesicht bekommen!«

»Ja, du hast recht, William, die Rothäute sind verschwunden. Wenn ich aber sagen soll, was ich denke, so gestehe ich, daß mir gerade das unbegreiflich ist und Sorge macht.«

»Warum das, Vater?«

»Sie werden sicher einen Hinterhalt aufgestellt haben, weil sie sich so versteckt halten, und wollen uns nicht verraten, welche Richtung sie eingeschlagen haben.«

»Glaubst du das wirklich, Vater?« antwortete der junge Mann sorglos.

»Ich bin davon überzeugt!« antwortete der Auswanderer ernst.

Die beiden Diener nickten zustimmend.

»Du wirst mir verzeihen, Vater«, antwortete der junge Mann, »wenn ich deine Ansichten nicht teile. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß die roten Teufel, die uns schon so lange verfolgen, endlich eingesehen haben, daß bei uns nichts zu holen ist als Schläge; und als vorsichtige Leute haben sie es aufgegeben, uns länger zu verfolgen.«

»Nein, nein, mein Sohn, du irrst dich! Das ist es nicht.«

»Erlaube mir«, fuhr der junge Mann mit einiger Wärme fort, »dir eine Entgegnung zu machen, die dich, wie ich glaube, zu meiner Meinung bekehren wird.«

»Rede, mein Sohn! Wir stehen hier, um unsere Ansichten offen auszusprechen und uns der vernünftigsten anzuschließen. Das Wohlergehen aller steht auf dem Spiel, es handelt sich um das Heil der Familie, und ich würde es in einer so ernsten Angelegenheit nicht verzeihen, wenn ich einen guten Rat mißachtete, gleichviel, von wem er kommt. Rede daher ohne Furcht!«

»Du weißt, mein Vater«, antwortete der junge Mann, »daß die Indianer andere Begriffe von Ehre haben als wir; das heißt, wenn sie nicht mit Gewißheit von dem Gelingen eines Unternehmens überzeugt sind, schämen sie sich nicht, es aufzugeben, weil sie vor allen Dingen nach Gewinn trachten.«

»Das weiß ich alles, mein Sohn; ich begreife aber nicht, was du damit sagen willst.«

»Du wirst mich gleich verstehen. Seit bereits zwei Monaten verfolgen uns die Rothäute von Tagesanbruch, wo wir unsere Wanderung antreten, bis zum Untergang der Sonne, wo wir haltmachen, ohne daß es nur einen Augenblick möglich gewesen wäre, die unbequemen Nachbarn, denen keine unserer Bewegungen entgeht, loszuwerden.«

»Ganz recht«, sagte John Bright. »Was folgerst du aber daraus, mein Sohn?«

»Mein Gott, etwas sehr Einfaches: Sie haben gesehen, daß wir fortwährend auf unserer Hut sind und sie geschlagen werden würden, wenn sie uns angreifen wollten; deshalb haben sie sich zurückgezogen. Das ist alles.«

»Unglücklicherweise, mein Sohn, hast du einen Umstand vergessen.«

»Welchen?«

»Folgenden: Die Indianer sind in der Regel weniger gut bewaffnet als die Weißen; sie scheuen sich daher, diese anzugreifen, besonders, wenn sie es mit einer gleichen Anzahl als der ihrigen zu tun haben und sich der Feind hinter Karren und Warenballen verschanzen kann. Hier ist das keineswegs der Fall, und die Indianer haben, seitdem sie uns verfolgen, oft genug Gelegenheit gehabt, uns zu zählen, was sie sicher bereits getan haben.«

»Ja«, bestätigte Sam.

»Sie wissen mithin, daß wir nur vier sind; sie sind hingegen fünfzig, wenn nicht noch mehr; was können vier Männer bei allem Mut gegen eine so bedeutende Mehrheit ausrichten? Nichts! Das wissen die Rothäute recht gut und werden sich demgemäß benehmen; das heißt, sie werden sich bei der ersten passenden Gelegenheit unserer bemächtigen.«

»Aber ...«, entgegnete der junge Mann.

»Noch einen Umstand hast du nicht bedacht«, fiel ihm John Bright eifrig ins Wort; »daß nämlich die Indianer, wie groß oder gering ihre Anzahl auch sein mag, den Feind niemals aufgeben, ohne wenigstens einmal versucht zu haben, ihn zu überfallen.«

»Das wundert mich allerdings«, antwortete William, »daß sie es bis jetzt nicht versucht haben. Übrigens gebe ich dir recht, Vater; wenn auch jene Vorsichtsmaßregeln zu weiter nichts dienen sollten, als unsere Mutter und Schwester zu beruhigen, was wir nicht versäumen dürfen.«

»Richtig bemerkt, mein Sohn«, antwortete der Auswanderer. »Gehen wir also ungesäumt an die Arbeit!«

Die Männer traten auseinander, warfen ihre Flinten über die Schultern und waren emsig mit den Vorbereitungen zum Aufschlagen des Lagers beschäftigt. Sam sammelte mit Hilfe der Hunde das Vieh und trieb es zur Tränke nach dem Fluß.

Während dieser Zeit war John zum Karren zurückgekehrt. »Nun, mein Freund«, fragte ihn seine Frau, »wozu der Aufenthalt und die lange Beratung? Ist etwas Neues vorgefallen?«

»Nichts besonders Bedenkliches, Lucy«, antwortete der Auswanderer. »Wir wollen das Lager aufschlagen, weiter nichts.«

»Ach Gott – ich weiß nicht warum, aber ich fürchtete, daß ein Unglück geschehen wäre.«

»Im Gegenteil: Wir sind ruhiger, als wir es seit langer Zeit gewesen sind.«

»Wieso, Vater?« fragte Diana, indem sie das liebliche Gesicht hinter dem leinenen Verdeck hervorsteckte, wo sie sich bisher verborgen gehalten hatte.

»Die abscheulichen Indianer, vor denen du dich so sehr fürchtest, Diana, haben sich endlich entschlossen, uns zu verlassen; wir haben während des ganzen Tages keinen einzigen erblickt.«

»Desto besser!« rief das junge Mädchen vergnügt aus, wobei es die niedlichen Hände zusammenschlug. »Ich gestehe, daß ich keinen Mut habe, und jene häßlichen roten Männer haben mir keine geringe Furcht verursacht.«

»Nun, ich hoffe sehr, daß du sie nie wiedersehen wirst«, entgegnete John Bright aufgeräumt, obwohl er selbst an die tröstenden Worte, die er seiner Tochter sagte, nicht glaubte. »Jetzt aber«, fügte er hinzu, »steigt ein wenig aus, damit wir den Karren abladen können.«

»Den Karren abladen?« rief die alte Dame verwundert aus. »Warum das?« »Es wäre möglich«, antwortete ihr Mann, der ihr den wahren Grund nicht entdecken wollte, »daß wir einige Tage hierblieben, um das Vieh rasten zu lassen.«

»Ach so«, sagte sie. Hierauf stieg sie nebst ihrer Tochter aus. Kaum waren die Frauen abgestiegen, als sie auch schon anfingen, den Wagen abzuladen. Diese Arbeit dauerte beinahe eine Stunde. Sem hatte Zeit gehabt, das Vieh von der Tränke zurückzubringen und auf dem Gipfel des Hügels einzupferchen.

»Hier werden wir also lagern?« fragte Mrs. Bright.

»Ja«, antwortete ihr Mann.

»Komm her, Diana«, sagte die Mutter.

Die Frauen beluden sich mit einigen Küchengeräten und erstiegen den Hügel, wo sie sich, nachdem sie ein Feuer angezündet hatten, anschickten, die Mahlzeit zu bereiten.

Sobald der Karren abgeladen war, schoben ihn die beiden Diener mit Hilfe Williams an, während John Bright bei den Pferden stand und anfing, diese anzutreiben. Der Abhang war ziemlich steil. Mit Hilfe der kräftigen Tiere und der Geduld der Männer, die nach jedem Schritt Klötze hinter die Räder legten, gelang es, das Fuhrwerk hinaufzubringen. Das übrige war bald geschehen. In weniger als einer Stunde war das Lager in folgender Weise errichtet: Mit den Ballen, die sie bei sich führten, und den Stämmen umgeschlagener Bäume bildeten die Auswanderer einen weiten Kreis, in dessen Mitte das Vieh angebunden wurde, worauf man ein Zelt zum Schutz für die Frauen aufschlug.

Nachdem die Arbeit soweit beendet war, warf John Bright einen befriedigten Blick um sich. Seine Familie war vorderhand vor einem Überfall gesichert; und so wie die Ballen und die Baumstämme verteilt waren, konnten die Auswanderer geschützt auf ihre Feinde schießen und sich für den Fall eines Angriffs ziemlich lange Zeit mit Erfolg verteidigen.

Die Sonne war bereits seit einer Stunde untergegangen, als sämtliche Vorbereitungen beendet waren. Die Abendmahlzeit stand bereit. Die Amerikaner lagerten sich im Kreis um das Feuer und verzehrten ihr Abendbrot mit der gesunden Eßlust von Menschen, die so vertraut sind mit der Gefahr, daß sie selbst in der bedenklichsten Lage der Appetit nicht verläßt.

Nach beendeter Mahlzeit sprach John Bright wie gewohnt das Gebet; die Anwesenden standen mit entblößtem Haupt da und hörten das Gebet voll Andacht an; nachdem dieses beendet war, zogen sich die beiden Damen in das für sie bestimmte Zelt zurück.

»Jetzt«, bemerkte John Bright, »müssen wir wachsam sein; die Nacht ist dunkel, der Mond geht erst spät auf, und ihr wißt, daß die Indianer ihre Angriffe besonders des Morgens unternehmen, wo gewöhnlich der Schlaf am festesten ist.«

Man deckte das Feuer zu, damit dessen Schein nicht genau verrate, an welcher Stelle sich das Lager befinde, und die beiden Diener streckten sich nebeneinander auf den Rasen, wo sie bald einschliefen, während Vater und Sohn an entgegengesetzten Punkten des Lagers über die allgemeine Sicherheit wachten.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.