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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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28

Jedem nach seinen Werken

Die Nacht war finster, kalt und traurig, am Himmel zeigte sich kein Stern; die jungen Leute drangen nur mit großer Mühe durch das Gewirr der Lianen und des Buschwerks, in denen sich die Füße ihrer Pferde fortwährend verwickelten. Sie konnten nur sehr langsam fortkommen und waren beiderseits mit ihrer seltsamen Lage und den seltsamen Ereignissen, denen sie teils beigewohnt hatten und in die sie teils verwickelt worden waren, zu sehr beschäftigt, um das Schweigen zu brechen, das sie, seitdem sie die Festung verlassen hatten, einhielten.

Sie mochten ungefähr eine Stunde so fortgeritten sein, als plötzlich ein lautes Geräusch im Gebüsch entstand. Zwei Männer sprangen daraus hervor, ergriffen die Zügel der Pferde und zwangen sie, anzuhalten.

Lianenblüte stieß einen Schrei des Schreckens aus.

»Heda, ihr Räuber«, rief der Graf mit kräftiger Stimme aus, indem er seine Pistolen lud; »zurück oder ich schieße!«

»Donnerwetter, Herr Graf, tun Sie es ja nicht! Sie würden sonst Gefahr laufen, einen Freund umzubringen«, antwortete eine Stimme sofort, die der Graf für die des Jägers erkannte.

»Freikugel!« rief er verwundert aus.

»Haben Sie gar geglaubt, daß ich Sie verlassen hätte?«

»Mein Herr, mein guter Herr!« rief der Bretone aus, indem er den Zügel des Pferdes von Lianenblüte, den er erfaßt hatte, losließ und mit Jubelgeschrei auf den jungen Mann zueilte.

Der junge Mann war glücklich, seinen alten Diener wiederzusehen, und ließ sich dessen Liebkosungen nicht nur gefallen, sondern er erwiderte sie auch.

»Hört«, begann der Graf, als sich der erste Sturm der Freude und der Verwunderung gelegt hatte. »Was, zum Teufel, treibt ihr denn eigentlich? Warum liegt ihr denn auf der Lauer wie Präriepiraten?«

»Kommen Sie mit in unser Lager, Herr Eduard, Sie sollen es dort erfahren!«

»Gut, aber ihr müßt uns führen.«

Sie gelangten bald an den Eingang einer natürlichen Höhle und erblickten beim Schein eines glimmenden Feuers eine große Anzahl weißer Jäger und Mestizen, in deren Mitte der Graf John Bright nebst Sohn, Tochter und Frau erkannte. Der würdige Squatter hatte seine Niederlassung dem Schutz seiner beiden Diener übergeben, und da er fürchtete, daß seine Frau und seine Tochter nicht sicher genug dort sein würden, hatte er ihnen vorgeschlagen, ihn zu begleiten, welchen Vorschlag sie, so sonderbar er auch war, bereitwillig annahmen. Lianenblüte gesellte sich sogleich zu den beiden Damen.

Freikugel, der Squatter und ganz besonders Ivon waren begierig zu erfahren, wie es dem Grafen ergangen und wie es ihm gelungen wäre, aus dem Lager der Rothäute zu entkommen.

Herr de Beaulieu weigerte sich keineswegs, ihre Neugierde zu befriedigen, und zwar um so weniger, als ihn verlangte, zu hören, warum sich seine Freunde in so unmittelbarer Nähe des indianischen Lagers niedergelassen hatten.

Was die Jäger vorhergesehen hatten, war geschehen. Kaum waren die Amerikaner besiegt und die Festung war erstürmt, als auch schon Uneinigkeit unter den Siegern entstand. Mehrere Häuptlinge waren unzufrieden, als sie sahen, daß sich Natah-Otann, der einer der jüngsten der verbündeten Sachems war, rücksichtslos die Früchte des Sieges anmaßte, indem er sich selbst mit seinem Stamm in der Festung niederließ, die sie alle mit soviel Blut und so großer Anstrengung hatten erobern helfen. Eine dumpfe Unzufriedenheit fing an sich unter ihnen zu verbreiten, und vier oder fünf der mächtigsten Führer äußerten sogar die Absicht, sich mit den Ihrigen zurückzuziehen und es Natah-Otann allein zu überlassen, den Krieg gegen die Weißen nach eigenem Ermessen weiterzuführen.

Es hatte den Roten Wolf wenig Mühe gekostet, das Werk der Zerstörung zu fördern, das er im Schilde führte. Kaum war die Nacht hereingebrochen, so zog er mit seinen Kriegern in das Lager und war bemüht, das Feuer zu schüren, das bereits unter der Asche glimmte und infolge der Bestechungsmittel, deren sich der Häuptling bediente, bald zu verheerenden Flamme werden sollte.

Von allen Zerstörungsmitteln, die die Europäer in Amerika eingeführt haben, sind der Branntwein und die geistigen Getränke überhaupt das wirksamste und verheerendste. Alle Indianer – außer den Komantschen, deren Mäßigkeit sprichwörtlich ist und die sich standhaft geweigert haben, etwas anderes zu trinken als das Wasser aus ihren Bächen – haben eine Leidenschaft für starke Getränke. Bei jenen Naturvölkern ist die Trunkenheit fürchterlich und steigert sich bis zur Tollwut.

Der Rote Wolf, der vor Begierde brannte, sich an Natah-Otann zu rächen, und überdies den Einflüsterungen Margaretes blindlings gehorchte, hatte einen entsetzlichen Plan entworfen, der nur in einem indianischen Kopf entstehen konnte: John Bright hatte eine große Menge Whiskey mitgebracht. Der Rote Wolf ließ sich diesen geben, lud den ganzen Vorrat auf Schlitten und zog so ausgerüstet in das Lager. Sobald die Indianer merkten, welche Ware er bei sich führte, nahmen sie ihn unbedenklich auf das wärmste auf.

Der Häuptling war nicht nur bemüht, Natah-Otann herabzusetzen und ihn als einen Mann zu schildern, der nur aus persönlichen Rücksichten handle und um seinen zügellosen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern er überließ ihnen auch großmütig das mitgebrachte Getränk.

Die Rothäute nahmen das Geschenk, das ihnen der Rote Wolf bot, mit Freuden an und überließen sich ungesäumt dem reichlichen Genuß des Whiskeys. Sobald der Rote Wolf die Indianer in den Zustand der Trunkenheit versetzt hatte, den er wünschte, beeilte er sich, seine Bundesgenossen davon zu benachrichtigen, um einen kecken Handstreich zu wagen und sich der Festung durch Überraschung zu bemächtigen.

Die Jäger stiegen ungesäumt auf ihre Pferde, marschierten nach der Festung und lagerten sich in einer Entfernung von ungefähr zweihundert Schritt vor dieser, um auf das erste Zeichen bereit zu sein. –

Als Natah-Otann, nachdem er die jungen Leute hinausbegleitet hatte, in das Lager zurückkehrte, bemerkte er die Aufregung, die unter seinen Verbündeten herrschte, und mehrere übel klingende Redensarten trafen an sein Ohr. Obwohl er es nicht für möglich hielt, daß die Amerikaner nach der schweren Niederlage, die sie erlitten hatten, imstande sein würden, sofort zu neuen Feindseligkeiten zu schreiten, kannte er doch den Charakter seiner Landsleute gut genug, um einen Verrat zu fürchten, und er beschloß, doppelt vorsichtig zu sein, um einen Konflikt zu vermeiden, dessen verderbliche Folgen für ihn und seine Pläne nicht zu berechnen waren. Von düsteren Ahnungen getrieben, beschleunigte der junge Häuptling seinen Schritt, um die Festung desto schneller zu erreichen.

In dem Augenblick aber, wo er das Tor öffnete und eintreten wollte, legte sich eine Hand schwer auf seine Schulter, und eine rauhe Stimme flüsterte ihm ins Ohr: »Natah-Otann ist ein Verräter!«

Der Häuptling wandte sich um, als habe ihn eine Schlange gebissen; er schwang seine gewichtige Streitaxt über dem Kopf und versetzte dem kecken Einflüsterer einen furchtbaren Schlag, dem dieser aber auswich, indem er auf die Seite sprang, worauf er ebenfalls seine Waffe hob und dem Häuptling mit deren Schärfe einen Hieb versetzte, den dieser mit dem Griff der Axt auffing, worauf sie sich um den Leib faßten und miteinander rangen. Der erbitterte Kampf zwischen den beiden Männern, die stumm wie Gespenster miteinander rangen und deren Zorn nur der dumpf stöhnende Atem verriet, hatte etwas unbeschreiblich Schreckhaftes.

»Stirb, Hund!« rief Natah-Otann plötzlich aus, nachdem er seine Axt tief in den Schädel seines Gegners getrieben hatte, der lautlos zu Boden stürzte.

Der Häuptling bückte sich über ihn. »Der Rote Wolf!« murmelte er. »Ich dachte es doch!«

Plötzlich erinnerte ihn ein unmerkliches Rascheln im Gras an die gefährliche Lage, in der er sich befand; er sprang mit gewaltigem Ansatz zurück, trat in die Festung und warf die Tür hinter sich zu.

Es war hohe Zeit! Er war kaum verschwunden, als ungefähr zwanzig Männer hinter ihm hersprangen und mit dumpfen Ausrufen der Wut gegen das geschlossene Tor prallten. Das Zeichen des Aufruhrs war aber gegeben, und der allgemeine Kampf mußte notwendig beginnen.

Kaum hatte Natah-Otann die Festung betreten, als er sich schmerzlich bewußt wurde, daß der teuer erkaufte Sieg ihm wieder entrissen werden sollte. Die Kenhas hatten in der Festung aus eigenem Antrieb getan, was ihre Landsleute in der Prärie auf die Anregung des Roten Wolfs getan hatten. Nach der Einnahme der Festung zerstreuten sie sich nach allen Seiten; die starken Getränke entgingen ihnen nicht lange, und sie rollten die Fässer in den Festungshof und schlugen sie auf. Um diese Tat unverantwortlichen Ungehorsams zu begehen, benützten sie die Zeit, während der der gänzlich erschöpfte Weiße Bison in Abwesenheit Natah-Otanns eine kurze Ruhe genoß, so daß die beiden einzigen Männer, deren Einfluß mächtig genug war, um die Indianer zu ihrer Pflicht anzuhalten, ihnen nicht wehren konnten. Es begann ein schreckliches Gelage, wie es bei den Indianern stattzufinden pflegt, nämlich von Mord und Blutvergießen begleitet.

Die Trunkenheit artet bei den Indianern, wie wir bereits gesagt haben, in den äußersten Grad wahnwitziger Wut aus; es war eine furchtbare Schlägerei entstanden, in deren Folge die Indianer einer über den anderen wegtaumelten und in der Mitte des Hofes über- und untereinander liegend einschliefen.

»Ach«, seufzte der Häuptling verzweifelt, »was ist mit solchen Menschen anzufangen?« Er eilte in das Zimmer, wo er den Weißen Bison gelassen hatte.

Der alte Häuptling lag in einem Armstuhl und schlief friedlich.

»Wehe, wehe!« rief der junge Mann aus, indem er auf ihn zueilte und ihn kräftig schüttelte, um ihn zu wecken.

»Was gibt es?« fragte der Greis erwachend, indem er sich aufrichtete. »Was hast du?«

»Ich habe zu verkünden, daß wir verloren sind!« erwiderte der Häuptling.

»Verloren?« wiederholte der Weiße Bison. »Was ist denn geschehen?«

»Die siebenhundert Mann, die wir hier haben, sind betrunken; unsere übrigen Verbündeten wenden sich gegen uns, und es bleibt uns nichts übrig, als zu sterben.«

»Wenn es sein muß, so sterben wir – aber wie es Männern ziemt!« sagte der Greis, indem er aufstand.

Er verlangte von Natah-Otann einen ausführlichen Bericht von dem, was geschehen war, welcher Aufforderung letzterer sofort entsprach. »Die Lage ist allerdings bedenklich«, sagte er, »doch ist noch nicht alles verloren! Wir müssen die wenigen Mann, die imstande sind, sich zu schlagen, zusammenrufen und dann in Gottes Namen dem Sturm trotzen.«

In dem Augenblick ließ sich ein heftiges Gewehrfeuer vernehmen, untermischt mit Kriegs- und herausforderndem Hurrageschrei.

»Der entscheidende Kampf hat begonnen!« rief Natah-Otann aus.

»Vorwärts!« antwortete der alte Häuptling.

Sie eilten hinaus.

Die Lage war außerordentlich drohend. Major Melville benützte die Trunkenheit der Wächter, um die Tür seines Gefängnisses einzubrechen, und an der Spitze von ungefähr zwanzig Amerikanern hatte er einen Ausfall auf die Rothäute gewagt, während die Jäger von außen versuchten, die Wälle der Festung zu erklettern.

Die Indianer der Prärie, die vom Tod des Roten Wolfs nichts wußten und seinem Wunsch zu folgen meinten, drangen ihrerseits in großer Menge auf die Festung ein, in der Absicht, sich dieser zu bemächtigen.

Obgleich Natah-Otann zu gleicher Zeit gegen die äußeren und die inneren Feinde ankämpfen mußte, verlor er doch nicht den Mut. Seine Energie schien mit der Gefahr zu wachsen; er schien allgegenwärtig sein zu können, denn überall sah man ihn, wie er diese ermutigte, jene zurechtwies und alle mit dem Eifer entflammte, der in ihm selbst glühte.

Viele seiner Krieger standen auf seinen Ruf auf und scharten sich um ihn, worauf der Kampf regelmäßig begann und eine wohlgeordnete Schlacht anfing.

Die Jäger, die der Graf und Freikugel anfeuerten, verdoppelten ihren Eifer. Sie klammerten sich an den Unebenheiten der Mauern fest, stiegen mit unerhörter Unerschrockenheit einer auf den anderen und schwangen sich bis zur Spitze der Palisaden, die sie erklettern wollten. Die Amerikaner, die ihre Feinde hatten überraschen wollen und statt dessen selbst überrascht wurden, schlugen sich mit unbeschreiblicher Wut, erneuerten trotz des Kartätschenfeuers, das ihre Reihen lichtete, den Sturm immer von neuem und schienen entschlossen zu sein, sich lieber Mann für Mann niedermetzeln zu lassen, als einen Zollbreit zu weichen.

Während der beiden Stunden der Dunkelheit, die die Nacht hatte, wurde der Kampf von beiden Seiten mit gleichem Erfolg fortgesetzt; sobald aber die Sonne am Himmel aufging, nahmen die Dinge eine andere Wendung. Während der Dunkelheit war es den Indianern unmöglich, die Feinde zu erkennen, gegen die sie sich schlugen; sobald aber der Tag graute, erkannten sie den Mann, in den sie das größte Vertrauen setzten und der sie, wie ihre Häuptlinge und Zauberer verkündet hatten, zum Sieg führen und unverwundbar machen sollte, wie er an der Spitze ihrer Feinde stand und unbarmherzig um sich schlug. Dieser Anblick machte sie unschlüssig; ihre Reihen gerieten in Unordnung, und sie begannen trotz aller Ermahnungen ihrer Häuptlinge zu weichen.

Der Graf, umgeben von Freikugel, Ivon, dem Squatter und dessen Sohn, richtete ein furchtbares Blutbad unter den Indianern an; er rächte sich für die Unbill, die er erlitten hatte, indem er sie niedermähte wie reife Ähren. Er erreichte endlich die Tür der Festung, stieß hier aber auf eine auserwählte Schar, die unter der Führung des Weißen Bisons ihren Rückzug in geschlossenen Reihen und ohne sich umzuschauen bewerkstelligte und von Major Melville, der fast wieder Herr des Inneren der Festung war, heftig verfolgt wurde. Zwischen den beiden Truppen entstand ein kurzer Waffenstillstand – um nicht zu sagen ein Moment der Unschlüssigkeit –; jede der Kriegsscharen war sich bewußt, daß die Entscheidung der Schlacht von der Niederlage der einen oder der anderen abhänge.

Plötzlich erschien Natah-Otann halb sinnlos vor Schmerz und Wut. Er schwang sein Totem in der Hand, lenkte sein Pferd mit dem Druck der Knie und warf sich mit dem prächtigen Tier wiederholt in das dichteste Gewühl, in der vergeblichen Hoffnung, den Mut der Seinigen anzufeuern und sie wieder in den Kampf zurückzuführen. Roß und Reiter waren mit Blut und Schweiß bedeckt; über den entstellten Zügen des Häuptlings schien bereits der Tod seine Schwingen zu regen, aber noch strahlte seine Stirn vor Begeisterung; seine Augen schienen Flammen zu sprühen, und seine bebende Hand schwang eine bis an das Heft gerötete Streitaxt. Eine Anzahl von ungefähr zwanzig Kriegern scharte sich um ihn. Sie waren verwundet wie er, doch wie er entschlossen, ihre Niederlage nicht zu überleben.

Als Natah-Otann vor der Front der Amerikaner stand, runzelte er die Brauen; ein krampfhaftes Lächeln verzog seinen Mund, er richtete den Kopf stolz empor, setzte sich entschlossen im Sattel zurecht und warf einen Herrscherblick um sich. »Schwarzfüße,

meine Brüder!« rief er mit tönender Stimme aus. »Da ihr nicht zu siegen versteht, so lernt wenigstens zu sterben. Herbei, meine Getreuen!« Bei diesen Worten spornte er sein Pferd so hastig an, daß es vor Schmerz wieherte, stürzte sich über die Amerikaner her und drang mit seiner kleinen, aber getreuen Schar auf sie ein.

Bald schlössen sich die Reihen der Jäger um die kleine Truppe; es entstand ein kurzer, versteckter Kampf, ein furchtbares Blutbad, ein Aufundabwogen der Erbitterung, ein wahrhaft titanenhaftes Ringen von fünfzehn halbnackten Männern gegen dreihundert. Allmählich legte sich die Brandung; die Ruhe trat wieder ein, und die Reihen der Jäger traten in die frühere Ordnung zurück.

Die Schwarzfußhelden waren tot, hatten sich aber ein blutiges Begräbnis bereitet, denn 120 Amerikaner lagen erschlagen und begruben ihre Feinde unter ihren Leichen.

Die Truppe des Weißen Bisons leistete allein noch Widerstand; da sie aber von Major Melville von hinten und dem Grafen von vorn angegriffen wurde, hatte auch ihre letzte Stunde geschlagen. Dennoch war der Zusammenstoß furchtbar; die Indianer leisteten hartnäckigen Widerstand, und die Weißen mußten sich ihren Sieg teuer erkaufen. Endlich, von allen Seiten umdrängt und dem sicheren Feuer der Jäger preisgegeben, gerieten ihre Reihen in Unordnung, lösten sich, und die Flucht begann.

Ein einziger Mann blieb ruhig und unerschütterlich auf dem Kampfplatz stehen. Es war der Weiße Bison. Er stand, auf seinen langen Degen gestützt, blaß, aber mit stolzer Haltung da und bot den Feinden, die er nicht mehr bekämpfen konnte, immer noch Trotz.

»Ergebt Euch!« rief ihm Freikugel zu, indem er herbeieilte. »Ergebt Euch, Alter, oder ich haue Euch rücksichtslos nieder!«

Der Häuptling lächelte verächtlich, würdigte ihn aber keiner Antwort.

Der unbarmherzige Jäger ergriff seine Büchse beim Lauf und schwang diese hoch über seinem Kopf.

Der Graf erfaßte ihn hastig am Arm. »Halt, Freikugel!« rief er aus.

»Lassen Sie den Mann gewähren!« sagte der Weiße Bison kaltblütig.

»Er soll Sie aber nicht töten!« entgegnete der junge Mann.

»So wollen Sie mich wohl töten, nicht wahr, mein Herr Graf de Beaulieu?« antwortete er in schneidendem Ton.

»Nein, mein Herr«, antwortete der junge Mann geringschätzig. »Werfen Sie die Waffen weg; ich begnadige Sie!«

Der Verbannte warf ihm einen gehässigen Blick zu. »Warum versuchen Sie nicht lieber, sich diese zu holen?« entgegnete er ironisch.

»Weil mich Ihr Alter und Ihr weißes Haar dauern.«

»Gestehen Sie vielmehr, edler Graf, daß Sie sich fürchten!«

Bei dieser Schmähung erbebte der junge Mann und wurde totenblaß.

Die Amerikaner scharten sich im Kreis um die beiden Männer und erwarteten gespannt, was geschehen würde. »Machen Sie ein Ende«, rief Major Melville, »und töten Sie das tolle Geschöpf!«

»Einen Augenblick, bitte. Lassen Sie mich das Geschäft allein abschließen.«

»Da Sie es wünschen, mein Herr, überlasse ich die Sache Ihrem Ermessen.«

»Sie wollen also einen Kampf?« fuhr der Graf, zu dem Verbannten gewandt, fort.

»Ja«, antwortete dieser zwischen den Zähnen, »einen Kampf auf Tod und Leben! Es werden sich nicht zwei Menschen schlagen, sondern zwei Vorurteile, denn ich hasse Ihren Stand ebenso wie Sie den meinen.«

»Es sei, mein Herr!«

Der Graf nahm aus der Hand eines der Zunächststehenden zwei Degen, warf einen davon vor die Füße des Verbannten, und in dem Augenblick, wo sich letzterer, nachdem er die Waffe aufgehoben hatte, in die Höhe richtete, nahm ihn Ivon aufs Korn und zerschmetterte ihm den Schädel mit einer Pistolenkugel.

Der junge Mann wandte sich zornig zu seinem Diener. »Unglücklicher«, rief er aus, »was hast du getan?«

»Sie können mich töten, wenn Sie wollen, lieber Herr«, antwortete der Bretone unschuldig. »Ich konnte aber nichts anders – die Furcht übermannte mich.«

Der Verbannte war auf der Stelle tot und nahm das Geheimnis seines Namens mit in das Grab.

»Nun, nun«, sagte der Major dazwischentretend, »Sie dürfen dem armen Burschen deshalb nicht zürnen; er hat geglaubt, recht zu handeln, und meiner Ansicht nach ist es auch der Fall.«

Der Vorfall hatte keine weiteren Folgen. –

Während im Hof dieser Auftritt stattfand, war John Bright, der seine Frau zu beruhigen wünschte, gegangen, sie zu suchen. Soviel er aber in den Zimmern und Nebengebäuden der Festung umhersuchte, konnte er sie, trotzdem er sie kurz vorher selbst dort versteckt hatte, nicht wiederfinden. Der arme Squatter kam mit bestürzter Miene und Verzweiflung im Herzen zurück, und verkündete dem Major das Verschwinden seiner Frau und seiner Tochter, die die Indianer wahrscheinlich entführt hatten.

Der Major erteilte sofort zehn Jägern Befehl, die Frauen zu suchen. Aber in dem Augenblick, als die Truppe aufbrechen wollte, kamen die Vermißten unter der Führung Freikugels herbei. Zwei amerikanische Jäger folgten ihnen, und Margarete nebst ihrer Tochter begleitete sie.

Sobald Lianenblüte den Grafen erblickte, stieß sie einen Freudenschrei aus, und mit dem Ausruf »Gerettet!« eilte sie zu ihm. Plötzlich aber errötete sie, bebte zusammen und kehrte verwirrt und beschämt zu ihrer Mutter zurück.

Der Graf trat heran, faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sagte sanft: »Lianenblüte, haben Sie aufgehört, mich zu lieben, weil ich jetzt frei bin?«

Das junge Mädchen richtete sich auf, blickte ihn mit tränenfeuchten Augen an und antwortete: »Ach nein! Immer – ewig!«

»Du siehst, meine Tochter«, sagte Mrs. Bright zu Diana.

»Mutter«, antwortete diese in festem Ton, »habe ich dir nicht gesagt, daß ich ihn vergessen würde?«

Die Frau des Squatters nickte, ohne zu antworten.

Die Indianer waren spurlos vom Kampfplatz verschwunden. Einige Stunden später war in der Festung alles zur früheren Ordnung zurückgekehrt.

Am selben Tag nahm John Bright auf Veranlassung seiner Frau Abschied vom Grafen und vom Major und kehrte zu seiner Ansiedlung zurück.

Der Winter verstrich ohne weitere Ereignisse, denn die Indianer waren durch die harte Lehre, die sie empfangen hatten, abgeschreckt worden.

Lianenblüte wurde von ihrem Onkel anerkannt und blieb im Fort Mackenzie. Das Mädchen war traurig, träumerisch, blieb oft stundenlang an den Festungswall gelehnt und schaute in die Prärie und nach den Wäldern hinaus, die wieder anfingen, sich grün zu kleiden.

Ihre Mutter und der Major, die sie liebten, konnten nicht begreifen, was der Grund ihrer düsteren Schwermut sei; wenn man mit Fragen in sie drang, um zu erfahren, was ihr Kummer mache, antwortete sie stets, daß ihr nichts fehle.

Eines Tages heiterte sich ihre Miene auf, und sie lächelte wieder. Drei Reisende kamen in der Festung an. Es waren der Graf de Beaulieu, Ivon und Freikugel; sie kehrten von einem Streifzug nach dem Felsengebirge zurück.

Bald nach seiner Ankunft trat der Graf zu Lianenblüte, erfaßte ihre Hand, wie er es drei Monate früher getan hatte, und fragte wieder: »Lieben Sie mich nicht mehr, Lianenblüte?«

»Gewiß – immer!« antwortete das arme Kind, das, seitdem es die Wildnis verlassen hatte, ganz scheu geworden war.

»Danke«, antwortete er. Hierauf wandte er sich zu Major Melville und dessen Schwester, die ängstlich dabeistanden, und sagte, ohne die ergriffene Hand loszulassen: »Major Melville und Sie, Madame – ich bitte Sie um die Hand des Fräuleins.«

Acht Tage später fand die Hochzeit statt. Der Squatter wohnte mit seiner Familie der Trauung bei; Diana hatte einen Monat zuvor James geheiratet. Als indessen das feierliche Ja gesprochen wurde, konnte sie sich eines Seufzers nicht erwehren.

»Sie sehen wohl, Ivon, daß man von den Indianern nicht umgebracht wird; eben haben wir den Beweis dafür geliefert«, sagte Freikugel zu dem Bretonen, als sie von der Hochzeitsfeier kamen.

»Ich fange allerdings selbst an, es zu glauben«, antwortete dieser. »Aber gleichviel, lieber Freund – ich werde mich nie an das abscheuliche Land gewöhnen können; ich fürchte mich zu sehr hier.«

»Sie Spaßmacher«, antwortete der Kanadier, »Sie bleiben immer der alte.«

Um schließlich der Neugierde gewisser Leser zu genügen, die alles wissen wollen, fügen wir noch die folgende Bemerkung hinzu:

Einige Monate nach dem neunten Thermidor wurden mehrere Mitglieder des Konvents trotz der Rolle, die sie an dem Tag gespielt hatten, zur Deportation nach Französisch-Guayana verurteilt. Es gelang zweien von ihnen - Collot d'Herbois und Villaud Varenne –, aus Sinnamari zu entkommen und in die Wildnis zu flüchten, wo sie furchtbare Leiden zu ertragen hatten. Collot d'Herbois erlag der Anstrengung; die Geschichte seines Begleiters haben wir eben erzählt.

»Die Rothäute haben eine Art zu kämpfen, die allen Mitteln der europäischen Kriegskunst hohnspricht. Um ihr Verfahren richtig aufzufassen, muß man vor allen Dingen den Umstand beherzigen, daß die Indianer die Ehre nicht so verstehen wie wir. Hat man das begriffen, so läßt sich das übrige leicht verstehen. Wir wollen dies deutlicher erklären.

Wenn die Indianer etwas unternehmen, so haben sie dabei nur einen Zweck im Auge: das Gelingen. Für sie ist es das einzige Ziel ihres Strebens, und um es zu erreichen, sind ihnen alle Mittel recht. Sie besitzen unzweifelhaft Mut, sind häufig übermäßig tollkühn, lassen sich durch nichts abschrecken und weichen vor keinem Hindernis zurück; trotzdem räumen sie das Feld ebenso schnell, als sie es betreten haben, sobald ihnen das Gelingen und mithin der Zweck ihres Unternehmens gefährdet erscheint, und sie glauben ihre Ehre keineswegs dadurch zu gefährden, wenn sie vor einem stärkeren oder vorsichtigen Feind zurückweichen.

Ihre Kriegskunst ist auch äußerst einfach: Sie greifen einen Feind nur aus einem Hinterhalt an.

Die Rothäute können die Spur ihrer Gegner monatelang verfolgen und sie mit beispielloser, unermüdlicher Geduld beobachten, Tag und Nacht ausspähen und nur darauf bedacht sein, sich selbst nicht überrumpeln zu lassen. Wenn endlich der günstige Augenblick gekommen ist und sie meinen, daß die Zeit da sei, um den Plan auszuführen, dessen Aussicht auf Gelingen sie auf das genaueste berechnet haben, treten sie mit einer Gewalt und Wildheit auf, die häufig ihre Feinde aus der Fassung bringt. Werden sie aber nach dem ersten Zusammenstoß zurückgeworfen; sehen sie ein, daß sich ihre Gegner nicht haben schrecken lassen, sondern entschlossen sind, Widerstand zu leisten, so verschwinden sie auf ein verabredetes Zeichen wie durch Zauberei und schämen sich nicht, eine neue Gelegenheit auszuspähen, die ihnen besseren Erfolg verspricht.«

Gustave Aimard

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