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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
projectida8ca95a8
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27

Der Sturm

Der Weiße Bison und Natah-Otann hatten ihre strategischen Maßnahmen mit bemerkenswerter Geschicklichkeit getroffen. Sobald die beiden Häuptlinge ihr Lager in der Waldlichtung aufgeschlagen hatten, setzten sie sich mit den Sachems der übrigen Völker in Verbindung, die unfern von ihnen lagerten, damit sie ihre Bewegungen so ausführen konnten, daß sie die Amerikaner von allen Seiten zugleich anzugreifen vermochten. Obwohl die Rothäute sehr durchtrieben sind, war es trotzdem den Amerikanern gelungen, sie vollständig zu täuschen und mit Hilfe der Dunkelheit durch die Stille und die Ruhe zu hintergehen, die im Fort herrschten; man war besorgt, ja kein Bajonett hinter den Festungswällen hervorblitzen zu lassen.

Die Indianer versteckten ihre Pferde, die ihnen jetzt entbehrlich waren, im Gehölz, streckten sich im hohen Gras platt auf den Boden und krochen wie Schlangen über den Platz, der sie von den Festungswerken trennte. Alles war dem Anschein nach öde und tot, während in der Tat 2000 Krieger verstohlen in der Dunkelheit herankrochen, um eine Festung zu stürmen, hinter deren Wällen vierzig entschlossene Männer nur eines Winkes harrten, um den Angriff zu beginnen.

Als die letzten Befehle erteilt und sämtliche Krieger – außer denjenigen, die den Gefangenen zu beaufsichtigen hatten - den Hügel hinabgestiegen waren, beschloß Natah-Otann, der bei den Häuptlingen der verbündeten Stämme eine gewisse bedenkliche Unschlüssigkeit bemerkt hatte, einen letzten Versuch beim Grafen zu wagen und möglicherweise seinen Beistand zu erlangen.

Wir haben bereits gesehen, wie der Versuch ausgefallen war.

Sobald Natah-Otann allein war, gab er das Zeichen zum Angriff, worauf sich die Indianer wie ein Wirbelwind den Hügel hinaufwälzten und mit geschwungenen Waffen und unter lautem Kriegsgeschrei auf die Festung einstürmten.

Plötzlich donnerte eine gewaltige Salve von der Festung her, die mit einem feurigen Gürtel umgeben zu sein schien und gleich dem Berg Sinai in Rauch und helle Flammen gehüllt war.

Die Schlacht hatte begonnen.

Soweit sich die Aussicht erstreckte, war die Ebene mit starken indianischen Truppenabteilungen bedeckt, die alle nach einem gemeinschaftlichen Ziel strebten, indem sie entschlossen gegen das Fort anrückten, das sie fortwährend mit Flintenschüssen begrüßte. Von der Stelle her, wo die Bergkette den Missouri berührt, sah man fortwährend neue Massen Piekanns anrücken. Sie sprengten zu drei bis zwanzig Mann zugleich heran, und ihre schaumbedeckten Pferde ließen vermuten, daß sie bereits einen starken Ritt gemacht haben mußten. Die Schwarzfüße trugen ihre Festkleider, die mit allerlei Zierat geschmückt waren, den Bogen mit den Pfeilen auf dem Rücken, die Flinte in der Hand, den Talisman an der Seite, und ihr Kopf war mit prachtvollen Federn – zum Teil schwarzen und weißen Adlerfedern und dem großen herabwallenden Federbusch – geschmückt. Sie saßen auf kostbaren Decken aus Jaguarfell mit rotem Futter; der obere Teil des Körpers war nackt und nur mit einem langen Streifen Wolfsfell bedeckt, der quer über die Schulter lief, und ihre Schilde waren mit Federn und buntfarbigen Stücken Tuch verziert.

Die auf solche Weise gekleideten Männer boten einen majestätischen und imposanten Anblick, der die Phantasie erfaßte und Schrecken einflößte. Mehrere unter ihnen ritten sofort über die Anhöhen und trieben ihre ermüdeten Pferde mit der Peitsche an, um den Kampfplatz schneller zu erreichen, wobei sie Gesänge anstimmten und ihr Kriegsgeschrei erhoben.

In der nächsten Umgebung der Festung und auf dem Hügel schien der Kampf am erbittertsten zu wüten. Die Schwarzfüße hatten während der Nacht Palisaden errichtet, hinter deren Schutz sie auf die Amerikaner feuerten, was diese lebhaft erwiderten, wobei sie sich mit lautem Geschrei anfeuerten, dem Angriff ihrer unbarmherzigen Feinde tapfer zu widerstehen. Der Widerstand war ebenso energisch wie der Angriff, und der Kampf schien nicht so bald enden zu sollen. Schon bedeckten zahlreiche Leichen die Ebene hier und da; losgerissene Pferde liefen nach allen Richtungen, und das Wehgeschrei der Verwundeten mischte sich von Zeit zu Zeit in das herausfordernde Geschrei der Angreifer.

Sobald das Zeichen zum Kampf gegeben war, eilte Natah-Otann in vollem Lauf zum Zelt seines Gefangenen. »Der Augenblick ist da!« rief er ihm entgegen.

»Ich bin bereit«, antwortete der Graf. »Gehen Sie voran, ich werde an Ihrer Seite bleiben.«

»So kommen Sie denn!«

Sie traten aus dem Zelt und eilten, sich an die Spitze der Angreifer zu stellen.

Herr de Beaulieu war, wie schon gesagt, unbewaffnet. Bei jeder Kugel, die pfeifend über seinen Kopf flog, richtete er sich stolz empor und lächelte dem Tod entgegen, den er vielleicht innerlich herbeisehnte. Trotz seiner Verachtung gegen die Weißen konnte der Indianer nicht umhin, einen so stoischen und selbstvergessenen Heldenmut zu bewundern.

»Sie sind ein Mann!« sagte er zum Grafen.

»Haben Sie daran gezweifelt?« lautete die einfache Antwort.

Der Kampf wurde mit jedem Augenblick erbitterter. Die Indianer stürmten heulend wie Löwen gegen die Festungswerke an und ließen sich töten, ohne einen Zollbreit zu weichen. Ihre Leichen lagen in den Gräben aufgehäuft und füllten diese fast aus.

Die Amerikaner waren zwar gezwungen, sich nach allen Seiten hin zur Wehr zu setzen, verteidigten sich aber mit der besonnenen Entschlossenheit, die ihnen das Bewußtsein verlieh, daß sie auf keine Hilfe rechnen dürften und daher ihr Leben unbedenklich im voraus opfern müßten.

Gleich beim Beginn des Kampfes hatte der Weiße Bison, begleitet von einer auserwählten Schar, den Hügel eingenommen, der das Fort Mackenzie beherrschte, wodurch die ohnehin bedenkliche Lage der Besatzung noch schwieriger wurde, da sie sich schutzlos einem furchtbaren und wohlgezielten Feuer ausgesetzt sah, das den Leuten Verluste verursachte, die für ihre geringe Zahl unersetzlich waren.

Major Melville stand am Fuß des Mastes, von dem die amerikanische Flagge wehte. Blaß, mit über der Brust gekreuzten Armen, sah er, wie seine Leute einer nach dem anderen fielen, und er stampfte zornig mit dem Fuß, weil er ihnen nicht beistehen konnte.

Plötzlich erhob sich aus dem Inneren der Wohnungen ein durchdringendes Wehgeschrei, und Frauen und Kinder der Soldaten eilten in wilder Flucht über den Hof, um sich vor einem noch unsichtbaren Feind zu retten.

Die Indianer hatten unter der Führung des Weißen Bisons die Festung umschlichen und einen geheimen Eingang entdeckt, den der Major nur von ihm gekannt glaubte und der für den Fall, daß der Angriff so heftig würde, daß es unmöglich wäre, sich länger zu halten, dazu dienen sollte, den Rückzug der Mannschaft zu bewerkstelligen.

Von dem Augenblick an gaben sich die Amerikaner verloren; es hörte auf, eine Schlacht zu sein, und artete in eine wahre Schlachterei aus. Der Major eilte mit mehreren entschlossenen Männern nach den Wohngebäuden. Die Indianer erkletterten die Festungswerke, die ohne Verteidiger waren, von allen Seiten. Die wenigen Amerikaner, die noch lebten, scharten sich um den Mast, der die amerikanische Flagge trug, und wollten ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen, denn ihre größte Furcht war, daß sie lebendig in die Hände ihrer barbarischen Feinde fallen könnten.

Die Indianer beantworteten das Hurra ihrer Feinde mit ihrem furchtbaren Kriegsgeschrei und stürzten mit hoch geschwungenen blutigen Waffen wie Kojoten herbei.

»Nieder mit den Waffen!« rief Natah-Otann, als er auf den Kampfplatz kam.

»Nimmermehr!« antwortete der Major, indem er an der Spitze der wenigen Soldaten, die ihm übrigblieben, auf ihn eindrang.

Das Schlachtgewühl begann noch einmal heißer und erbitterter denn je. Die Indianer fingen an, brennende Fackeln auf die umliegenden Dächer zu werfen, die sofort prasselnd Feuer fingen.

Major Melville sah ein, daß er nicht hoffen dürfe, zu siegen; er fing daher an, den Rückzug zu ordnen. Das war aber keine leichte Sache; man durfte nicht daran denken, die Palisaden zu übersteigen - die Tür blieb daher der einzige Ausgang. Vor jener Tür aber hatten sich die Schwarzfüße in guter Ordnung aufgestellt und schlugen alle diejenigen mit Lanzenhieben zurück, die den Ausgang benützen wollten. Es blieb indessen keine Wahl; der Major sammelte seine Soldaten um sich, um einen letzten Gewaltstreich zu wagen, und stürmte blindlings mit unglaublicher Wut auf den Feind ein.

Der Zusammenstoß war fürchterlich; man konnte es nicht mehr eine Schlacht nennen, sondern eine Metzelei. Die Männer standen sich Brust gegen Brust, Fuß an Fuß gegenüber und rangen entweder miteinander oder erdolchten sich oder zerfleischten sich mit Zähnen und Nägeln. Wer einmal fiel, stand nicht wieder auf, denn selbst die Verwundeten wurden rücksichtslos umgebracht.

Die gräßliche Schlachterei dauerte ungefähr eine Viertelstunde; die Amerikaner verloren zwei Drittel ihrer Leute; die übrigen brachen sich Bahn und flüchteten, von den Indianern eifrig verfolgt, die eine schreckliche Menschenjagd anstellten.

Die Indianer hatten bisher die Weißen noch nie mit soviel Erbitterung und Hartnäckigkeit bekämpft. Die Gegenwart des Grafen, der unbewaffnet und lächelnd an der Seite des Häuptlings in das dichteste Gewühl drang, begeisterte sie, denn die Kugeln pfiffen an ihm vorüber, ohne ihn zu treffen; er schien unverwundbar zu sein, und sie lebten in der festen Überzeugung, daß Natah-Otann wahr gesprochen und er in der Tat jener Motecuhzoma sei, den sie bereits so lange erwarteten und der ihnen die Freiheit zurückgeben sollte, die ihnen die Weißen geraubt hatten. Sie hielten daher ständig ihre Augen auf den jungen Mann gerichtet, begrüßten ihn mit lautem Jubelgeschrei und verdoppelten ihren Eifer, die Feinde zu vernichten.

Natah-Otann eilte auf die amerikanische Flagge zu, erfaßte diese beim Schaft und schwang sie jubelnd über seinem Kopf, indem er rief: »Viktoria! Viktoria!«

Die Schwarzfüße beantworteten seinen Ruf durch lautes Geheul und verstreuten sich nach allen Seiten, um die Plünderung zu beginnen.

Nur wenige Männer waren in der Festung zurückgeblieben; der Major befand sich unter ihnen. Der alte Soldat mochte seine Niederlage nicht überleben. Die Indianer ritten mit wildem Geschrei auf ihn zu und wollten ihn niederhauen. Der Greis erwartete sie mit Fassung und leistete nicht den geringsten Widerstand.

»Halt!« rief der Graf aus, indem er sich zu Natah-Otann wandte. »Werden Sie den wackeren Soldaten kaltblütig zu Tode martern lassen?« fragte er ihn.

»Nein«, antwortete der Sachem, »nicht, wenn er bereit ist, mir seinen Degen zu übergeben.«

»Nimmermehr!« rief der Greis energisch aus, und mit würdevoller Gebärde zerbrach er seinen bis an das Heft blutig gefärbten Degen über dem Knie, warf dem Häuptling die Stücke vor die Füße, kreuzte die Arme über der Brust und sagte, indem er seinem Besieger einen Blick der tiefsten Verachtung zuwarf: »Jetzt könnt ihr mich töten, denn ich bin ohne Waffen.«

»Gut!« rief der Graf aus und eilte, ohne die Folgen seiner Tat zu bedenken, zu dem Major, dessen Hand er schüttelte.

Natah-Otann betrachtete die beiden Männer mit nachdenklichen Blicken. »Ach«, seufzte er, »wir können sie wohl besiegen, aber nie unterjochen! Jene Männer sind stärker als wir und unsere geborenen Herren.« Hierauf hob er die Hand über den Kopf. »Genug!« rief er mit lauter Stimme.

»Genug!« wiederholte der Graf. »Schont die Besiegten.«

Was der Sachem bei den Indianern trotz der Achtung, die sie ihm zollten, nicht imstande gewesen wäre durchzusetzen, wurde dem Grafen dank der abergläubischen Verehrung, die er ihnen einflößte, sofort bewilligt: Sie hielten inne, und das Gemetzel nahm endlich ein Ende. Bald waren die Amerikaner entwaffnet und die Rothäute im Besitz der Festung. Jetzt nahm Natah-Otann sein Totem aus den Händen des Kriegers, der es getragen hatte, schwang es zu wiederholten Malen in der Luft und pflanzte es unter allgemeinem Jubelgeschrei der Menge, deren Entzücken keine Grenzen kannte und die noch kaum wagte, an ihren Sieg zu glauben, anstatt der amerikanischen Flagge auf.

Der Weiße Bison hatte keinen Augenblick versäumt, sich friedlich in den Besitz einer Beute zu setzen, die die Verbündeten soviel Blut und Anstrengung gekostet hatte.

Nachdem die Sachems einige Ordnung unter den Kriegern hergestellt, die Feuersbrunst, die die Festung bedrohte, gelöscht – kurz, alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatten, um einer feindlichen Rückkehr der Amerikaner vorzubeugen – obwohl ein solcher Fall wenig wahrscheinlich war –, zogen sich Natah-Otann und der Weiße Bison in Begleitung des Grafen in das Zimmer zurück, das bisher der Major bewohnt hatte.

»Endlich haben wir«, rief der junge Häuptling erfreut aus, »den stolzen Amerikanern bewiesen, daß sie nicht unüberwindlich sind.«

»Nur eure Schwäche machte mich stark!« sagte der Weiße Bison. »Du hast gut begonnen; fahre nur so fort! Es ist nicht genug, zu siegen; man muß auch seinen Sieg zu benützen wissen.«

»Verzeihen Sie, meine Herren«, sagte der Graf, »wenn ich Sie unterbreche, ich glaube aber, daß die Stunde der Abrechnung gekommen ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Weiße Bison hochfahrend.

»Ich werde mich gleich näher erklären«, sagte der Graf und fuhr, zu Natah-Otann gewandt, fort: »Sie werden mir wohl die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bekennen, daß ich mein Versprechen gewissenhaft gehalten habe. Trotz des Kummers und des Abscheus, die ich empfand, habe ich kein einziges Mal gewankt, und Sie haben mich stets kalt und gefaßt an Ihrer Seite gesehen. Ist das wahr?«

»Es ist wahr«, erwiderte Natah-Otann kalt.

»Gut, mein Herr; es kommt mir mithin zu, von Ihnen gleichfalls die Erfüllung Ihres Versprechens zu fordern.«

»Wollen Sie sich näher erklären, mein Herr? Denn ich habe in den letzten Stunden so außerordentliche Dinge vollbracht und vollbringen sehen, daß ich möglicherweise vergessen habe, was ich Ihnen versprochen hatte.«

Der Graf lächelte verächtlich. »Ich war auf solche Ausreden gefaßt«, antwortete er.

»Sie mißverstehen meine Worte, mein Herr; ich kann mein Versprechen vergessen haben, ohne mich deshalb zu weigern, Ihren gerechten Forderungen nachzukommen.«

»Gut, nehmen wir an, daß dem so sei; ich werde Sie also an das erinnern, worüber wir uns geeinigt hatten.«

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür, mein Herr.«

»Ich habe mich verpflichtet, der Schlacht neben Ihnen und ohne Waffen beizuwohnen, Ihnen überall zu folgen und stets an der Spitze der Angreifer zu bleiben.«

»Das ist wahr, mein Herr, und ich halte es für meine Pflicht, hiermit anzuerkennen, daß Sie die gefährliche Aufgabe ehrenvoll gelöst haben.«

»Gut, ich habe damit nur die Pflicht der Ehre erfüllt; Sie sollten mir hingegen – wie auch der Ausgang der Schlacht war – die Freiheit zurückgeben und sich mir als Genugtuung für den schändlichen Verrat, dessen Opfer ich geworden, und für die abscheuliche Rolle, die Sie mir gegen meinen Willen aufgezwungen haben, im ehrlichen Kampf gegenüberstellen.«

»Oho!« rief der Weiße Bison mit gerunzelten Brauen aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Hast du wirklich ein solches Versprechen gegeben, Kind?«

Der Graf wandte sich mit verächtlicher Gebärde zu dem Greis. »Ich glaube, bei Gott«, sagte er, »daß Sie an dem Ehrenwort eines Edelmannes zu zweifeln wagen!«

»Was fällt Ihnen ein, Herr?« antwortete der Alte hohnlachend. »Was reden Sie da von Ehre und Edelleuten? Haben Sie vergessen, daß wir in der Wildnis sind und daß Sie mit rohen Indianern – wie Sie uns zu nennen belieben – reden? Erkennen wir die albernen Standesunterschiede an? Oder haben wir Ihre Gesetze und törichten Vorurteile angenommen?«

»All die Dinge, von denen Sie so leichtfertig reden, mein Herr«, erwiderte der Graf lebhaft, »sind bisher Schutz und Schild der Zivilisation und das Förderungsmittel des intellektuellen Fortschritts gewesen. Doch genug davon – ich bin nicht gesonnen, mich mit Ihnen zu streiten. Ich rede jetzt mit Ihrem Pflegesohn; er hat mir zu antworten mit ja oder nein; ich werde dann wissen, was ich zu tun habe.«

»Es sei«, antwortete der Weiße Bison achselzuckend; »mein Pflegesohn soll Ihnen antworten, und nach der Art, wie er es tut, werde auch ich wissen, was ich zu tun habe.«

»Erlaubt«, sagte Natah-Otann dazwischentretend. »Die Angelegenheit geht mich allein an, und ich müßte Euch aufrichtig zürnen, mein Freund, wenn Ihr Euch in irgendeiner Weise hineinmischtet.«

Der Weiße Bison lächelte verächtlich, antwortete aber nicht.

Natah-Otann fuhr fort: »Herr Graf«, sagte er, »ich werde mich gegen Sie keiner Ausreden bedienen und erkläre, daß Sie wahr gesprochen haben; ich versprach in der Tat, Ihnen die Freiheit zurückzugeben und mich mit Ihnen zu schlagen, und bin bereit, mein Wort zu halten.«

»Oho!« rief der Weiße Bison aus.

»Still!« entgegnete Natah-Otann in befehlendem Ton. »Still, mein Freund; erlaubt, daß ich jenen Europäern, die auf ihre sogenannte Zivilisation so stolz sind, beweise, daß die Rothäute keine wilden Tiere sind, wie sie glauben, sondern daß die Pflichten der Ehre in allen Klassen der Gesellschaft, ja sogar bei den Völkern geachtet werden, die man gewöhnlich als die rohesten schildert. Sie sind frei, Herr Graf, und ich selbst werde Sie, wenn Sie es wünschen, in Sicherheit und außerhalb des Bereiches unserer Krieger führen. Was den Zweikampf betrifft, den Sie fordern, bin ich gleichfalls bereit, mich ihm in der Weise zu unterwerfen, wie Sie es fordern werden.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr«, antwortete der Graf mit einer Verbeugung; »Ihr Entschluß macht mich glücklich.«

»Erlauben Sie mir jetzt, wo wir uns über unser Geschäft geeinigt haben, noch einige Worte hinzuzufügen.«

»Ich höre, mein Herr.«

»Bin ich etwa überflüssig?« fragte der Weiße Bison ironisch.

»Im Gegenteil«, antwortete Natah-Otann mit Absicht; »Ihre Gegenwart ist jetzt erwünschter denn je.«

»Wirklich?« entgegnete der Weiße Bison höhnisch. »Was soll denn vor sich gehen?«

»Ihr sollt es erfahren«, antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit und Gelassenheit, »wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, mir während fünf Minuten Gehör zu schenken.«

»Es sei. Rede!«

Natah-Otann schien sich eine Weile zu bedenken und begann dann in einem Ton, der trotz seiner Gewalt über sich selbst vor innerer Bewegung bebte, folgendermaßen: »Mein Herr, ich bin durch eine Verkettung von Ereignissen, die näher anzudeuten zu weit führen und Ihnen schwerlich interessant sein dürfte, der Vormund eines Kindes geworden, das jetzt zu einem schönen jungen Mädchen herangeblüht ist; ich glaube, daß Sie jenes junge Mädchen, dem ich stets die gewissenhafteste Pflege gewidmet habe und das ich liebe wie ein Vater, kennen – es heißt Lianenblüte.«

Der Graf erbebte unmerklich und antwortete nur durch eine stumme Bejahung.

Natah-Otann fuhr fort: »Jetzt, wo ich in ein gewagtes Unternehmen verwickelt bin, das mir den Tod bringen kann, ist es mir unmöglich, länger über das Kind zu wachen; es würde mich schmerzen, es ohne Stütze und Schutz allein bei meinem Stamm zu lassen, wenn mir ein Unglück zustoßen sollte. Ich weiß, daß Lianenblüte Sie liebt, Herr Graf, und vertraue es Ihnen offen und ehrlich an, denn ich verlasse mich auf Ihre Ehre. Wollen Sie ihr Beschützer werden? Ich weiß, daß Sie das Vertrauen, das ich in Sie setze, nicht mißbrauchen werden. Ich bin zwar nur ein ungeleckter Barbar – wohl gar ein Ungeheuer vom Standpunkt Ihrer zivilisierten Begriffe aus –, aber ich kann Ihnen versichern, mein Herr, daß die Lehren, die mir ein würdiger Mann erteilt hat, nicht vollständig verloren sind und mein Herz für edle Regungen nicht so unzugänglich ist, wie Sie zu glauben scheinen.«

»Recht so, Natah-Otann!« rief der Weiße Bison entzückt aus. » Recht so, mein Sohn! Jetzt erkenne ich dich als meinen Zögling und bin stolz auf dich. Wer sich selbst so vollkommen zu beherrschen weiß, ist wahrhaftig würdig, über andere zu herrschen.«

»Es freut mich, daß Ihr zufrieden seid«, antwortete der Häuptling. »Und Sie, mein Herr– ich erwarte Ihre Antwort!«

»Ich nehme das heilige Vermächtnis an, das Sie mir übergeben, und werde mich Ihres Vertrauens würdig zeigen«, antwortete der Graf bewegt. »Ich erkenne mir nicht das Recht zu, über Ihre Taten zu richten, aber eins kann ich Ihnen versichern, mein Herr: Was auch geschehen möge – es wird stets einen Mann geben, der Ihren Ruf verteidigen und die Großmut Ihres Herzens laut verkünden wird.«

Der Häuptling schlug, ohne zu antworten, in seine Hände; die Tür öffnete sich, und Lianenblüte erschien an der Hand einer indianischen Frau. »Kind«, sagte Natah-Otann in einem Ton, der den Aufruhr seines Inneren nicht entfernt verriet, »du weißt, aus welchem Grund du fortan nicht mehr unter uns weilen kannst. Jener Häuptling der Bleichgesichter ist von jetzt an bereit, über dich zu wachen. Folge ihm, und wenn du künftig deines Aufenthalts bei den Kenhas gedenkst, so fluche weder ihnen noch ihrem Häuptling, denn sie haben sich alle gut gegen dich gezeigt.«

Das junge Mädchen errötete, seine Augen füllten sich mit Tränen, ein krampfhaftes Zittern schüttelte seine Glieder, und es ging, ohne ein Wort zu reden, zu dem Grafen und stellte sich neben ihn.

Natah-Otann lächelte trübe. »Folgt mir«, sagte er; »ich will euch aus dem Lager geleiten.« Er entfernte sich hierauf, gefolgt von den jungen Leuten.

»Wir werden uns bald wiedersehen, edler Graf, nicht wahr?« rief der Weiße Bison Herrn de Beaulieu nach.

»Ich hoffe es«, lautete die einfache Antwort.

Der Graf verließ mit seiner Begleiterin unter der Führung Natah-Otanns das Lager und betrat die Prärie. Die Rothäute, an denen er vorüberkam, traten ehrerbietig beiseite.

Sie wanderten ungefähr eine halbe Stunde lang schweigend weiter; endlich blieb der Häuptling stehen. »Hier habt ihr nichts mehr zu fürchten«, sagte er und bog bei diesen Worten die Zweige eines dichten Gebüsches auseinander. »Hier stehen zwei Pferde, die ich für euch habe bereithalten lassen, und hier – nehmt auch diese Waffen, Ihr werdet ihrer vielleicht bedürfen. Wenn Sie jetzt noch Lust haben, sich mit mir zu schlagen, Herr Graf, bin ich dazu bereit.«

»Nein«, antwortete der Graf mit Würde, »zwischen uns ist kein Kampf mehr möglich, denn ich kann nicht länger der Feind eines Mannes sein, den hochzuachten mir die Ehre gebietet. Hier meine Hand – ich werde sie nie gegen Euch erheben und reiche sie Euch aufrichtig und ohne Arg. Unglücklicherweise besteht zwischen unseren beiden Rassen ein zu bitterer Haß, als daß uns die nächste Zeit einander friedlich gegenüberstellen könnte; aber wenn ich auch gegen Eure Brüder kämpfe, bleibe ich nichtsdestoweniger Euer persönlicher Freund.«

»Mehr verlange ich nicht«, antwortete der Häuptling, indem er die dargereichte Hand drückte. »Lebt wohl! Seid glücklich!« Hierauf wandte er sich ohne weiteres ab, um den Rückweg anzutreten, und war bald in der Dunkelheit verschwunden.

»Fort«, sagte der Graf zu Lianenblüte, die dem Mann sinnend nachschaute, den sie so lange wie einen Vater geliebt hatte und den zu hassen sie nicht den Mut hatte.

Sie schwangen sich in den Sattel und entfernten sich, nachdem sie einen letzten Blick auf die verstreut in der Ferne brennenden Lagerfeuer der Schwarzfüße geworfen hatten.

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