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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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26

Der Rote Wolf

Wir sehen uns jetzt zum besseren Verständnis der folgenden Ereignisse genötigt, einige Schritte zurückzugehen und in das Zelt zu treten, das dem Grafen de Beaulieu und Freikugel provisorisch als Wohnung diente.

Die Art, wie die Unterhaltung der beiden Weißen mit dem Häuptling geendet hatte, ließ sie ziemlich betroffen zurück. Der Graf war aber ein zu vollendeter Edelmann, um nicht ehrlich zu gestehen, daß diesmal das Recht nicht auf seiner Seite gewesen wäre und der indianische Sachem ihn beschämt habe; er konnte nicht umhin, dessen Keckheit und besonders seine Gewandtheit zu bewundern. Freikugel hingegen verstieg sich nicht so hoch; der würdige Jäger war über die Niederlage, besonders aber über das verächtliche Benehmen entrüstet, das der Häuptling gegen ihn gebraucht hatte, und er sann, während er vor Wut die Fäuste ballte, über die furchtbarsten Rachepläne nach.

Eine Zeitlang schaute der Graf dem Gebaren seines Gefährten belustigt zu, der brummend auf und ab schritt, die Fäuste ballte, gen Himmel blickte und den Kolben seines Gewehrs mit komischer Verzweiflung auf den Boden stieß; endlich konnte aber der junge Mann nicht länger an sich halten, sondern schlug ein lautes Gelächter auf.

Der Jäger blieb betroffen stehen und blickte sich rings im Zelt um, in der Hoffnung, den Grund zu entdecken, weshalb sich ein so ernster Mann einer so unzeitigen Heiterkeit überließ. »Was ist denn geschehen, Herr Eduard?« fragte er endlich. »Warum lachen Sie so sehr?«

Die in verwundertem Ton gestellte Frage diente nur dazu, die Heiterkeit des Grafen zu erhöhen. »Liebster Freund«, antwortete er, »ich lache über die possierlichen Gesichter, die Sie schneiden, und die heftigen Leibesübungen, denen Sie sich seit etwa zwanzig Minuten überlassen.«

»Wie, Herr Eduard?« antwortete Freikugel. »Können Sie noch scherzen?«

»Ich muß gestehen, mein Freund, daß Sie sich die Sache sehr zu Herzen nehmen, denn ich habe Sie noch nie so heftig aufgeregt gesehen; und fast sollte man glauben, daß Sie das himmlische Vertrauen verloren haben, das Ihnen früher half, über alle Gefahren zu lachen.«

»Nein, nein, Herr Eduard, Sie irren sich! Meine Ansicht steht schon lange fest, und es ist mir so gut wie erwiesen, daß es den roten Schurken nie gelingen wird, mich zu töten. Ich bin aber wütend, weil sie mich so vollständig zum Narren gehabt haben; es drückt meinen Stolz, und ich zerbreche mir den Kopf, um zu entdecken, was ich ihnen auch für einen rechten Streich spielen könnte.«

»Nur zu, lieber Freund; wenn es irgend möglich ist, will ich Ihnen helfen; für den Augenblick aber sind mir die Hände gebunden, und ich muß mich neutral verhalten.«

»Wie?« rief Freikugel verwundert aus. »Sie wollen wirklich hierbleiben, um ihre teuflischen Gaukeleien fördern zu helfen?«

»Ich muß, mein Freund, denn ich habe mein Ehrenwort gegeben.«

»Das haben Sie freilich getan – auch wüßte ich nicht, daß Sie eine andere Wahl gehabt hätten –, aber das Versprechen, das man einem Indianer gibt, ist nicht bindend, Herr Eduard. Die Indianer sind Barbaren, die von Ehre nichts wissen, und ich kann Ihnen versichern, daß sich Natah-Otann in einem ähnlichen Fall keineswegs gebunden fühlen würde.«

»Mag sein, mein Freund, obwohl ich Ihre Meinung nicht teile; jener Häuptling ist kein gewöhnlicher Mann, sondern besitzt bedeutende Verstandeskräfte.«

»Was hilft es ihm? Zu nichts weiter, als womöglich noch tückischer und niederträchtiger zu sein als seine Landsleute. Glauben Sie mir, machen Sie nicht so viele Umstände mit ihm, sondern nehmen Sie einen französischen Abschied, wie es im Süden heißt, und lassen Sie ihn sitzen. Die Rothäute werden die ersten sein, Sie dafür zu loben.«

»Mein Freund«, antwortete der Graf ernst, »es ist überflüssig, uns weiter über diesen Gegenstand zu verbreiten; wir Edelleute sind die Sklaven unseres Ehrenworts, gleichviel, wem wir es gegeben haben und von welcher Farbe seine Haut ist.«

»Wie Sie wollen, Herr Eduard, handeln Sie nach Ihrer Einsicht; ich maße mir nicht das Recht an, Ihnen einen Rat zu erteilen, und Sie sind jedenfalls der beste Richter über Ihr eigenes Benehmen. Seien Sie unbesorgt, ich werde den Gegenstand nie mehr erwähnen.«

»Ich danke Ihnen dafür, mein Freund.«

»Das ist alles recht gut und schön – was werden wir aber jetzt beginnen?«

»Was wir beginnen werden? Was Sie beginnen werden, wollen Sie sagen!«

»Nein, Herr Eduard, ich wollte genau das sagen, was ich gesagt habe. Sie werden begreifen, daß ich Sie nicht allein hier in dem Schlangennest lassen werde, nicht wahr?«

»Im Gegenteil – das ist eben, was Sie tun sollen, Freund!«

»Ich?« lachte der Jäger.

»Ja, Sie, mein Freund; es ist notwendig!«

»Bah! Warum das, wenn Sie zurückbleiben?«

»Eben darum.«

Der Jäger bedachte sich eine Weile. »Ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, wie Sie das meinen«, sagte er endlich.

»Es ist doch einfach genug!« erwiderte der Graf.

»Mag sein; aber nicht für mich.«

»Wie? Begreifen Sie nicht, daß wir uns rächen müssen?«

»Ja, das begreife ich allerdings, Herr Eduard.«

»Wie sollen wir es aber anfangen, wenn Sie darauf bestehen, hierzubleiben?«

»Sie bleiben ja auch!« antwortete der Jäger hartnäckig.

»Ja, mit mir, lieber Freund, ist es etwas ganz anderes; ich bin durch mein Wort gebunden, während es Ihnen freisteht, ungehindert zu kommen und zu gehen, und Sie müssen diese Freiheit nützen, um das Lager zu verlassen. Sobald Sie wieder in der Prärie sind, wird es Ihnen leicht genug werden, sich mit irgendeinem unserer Freunde in Verbindung zu setzen; offenbar arbeitet mein wackerer Ivon trotz seiner Furchtsamkeit gegenwärtig eifrig an meiner Befreiung. Suchen Sie ihn auf, verständigen Sie sich mit ihm, und obgleich ich nicht von hier fortkann, ist es damit nicht gesagt, daß es meinen Freunden verboten sei, mich zu befreien. Gelingt es ihnen, so bin ich meines Versprechens entbunden, und nichts wird mich abhalten, ihnen zu folgen. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Ja, Herr Eduard; ich gestehe aber, daß ich mich nicht entschließen kann, Sie allein bei den roten Teufeln zu lassen!«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorge, Freikugel; ich laufe unter ihnen keine Gefahr, denn sie haben eine zu große Scheu vor mir, um mir auf irgendeine Weise zu nahe zu treten. Übrigens würde mich Natah-Otann nötigenfalls zu schützen wissen. Glauben Sie mir also, mein Freund, und entfernen Sie sich ungesäumt, denn Sie können mir so besser dienen, als wenn Sie darauf bestehen, hierzubleiben, wo mir Ihre Nähe für den Fall der Gefahr mehr schaden als nützen würde.«

»Sie haben viel mehr Einsicht über all das als ich, Herr Graf, und ich werde gehen, weil Sie es verlangen«, antwortete der Jäger mit traurigem Kopfnicken.

»Besonders empfehle ich Ihnen die größte Vorsicht! Lassen Sie sich nicht etwa töten, wenn Sie das Lager verlassen.«

Der Jäger lächelte verächtlich. »Sie wissen ja, daß mir die Rothäute nichts anhaben können«, erwiderte er.

»Richtig, das hatte ich vergessen«, antwortete der junge Mann lachend. »Leben Sie also wohl, mein Freund; halten Sie sich nicht länger auf! Gehen Sie; Glück auf den Weg!«

»Auf Wiedersehen, Herr Eduard. Wollen Sie mir nicht die Hand geben, ehe wir uns – wer weiß auf wie lange – trennen?«

»Die Hand geben?« entgegnete der Graf. »Umarmen wir uns, Freund; sind wir nicht Brüder?«

»Das lass' ich gelten!« rief der Jäger erfreut aus, indem er sich in die geöffneten Arme des Herrn de Beaulieu stürzte.

Nach einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Männer endlich; der Graf sank auf sein Lager von Pelzdecken, und der Jäger verließ, nachdem er seine Waffen untersucht und dem jungen Mann ein letztes Lebewohl zugewinkt hatte, das Zelt.

Freikugel warf das Gewehr über die Schulter und schritt mit stolzer Haltung und herausforderndem Blick durch das Lager. Die Indianer schienen sich um die Gegenwart des Jägers in ihrer Mitte keineswegs zu kümmern und ließen ihn ungehindert gehen. Als er sich auf ungefähr zwei Büchsenschüsse vom Lager entfernt hatte, mäßigte er den Schritt und fing an, darüber nachzudenken, wie er die Befreiung des Grafen am zweckmäßigsten fördern könne. Nach kurzem Bedenken war sein Entschluß gefaßt, und er ging mit jenem elastischen Schritt, den sich diejenigen aneignen, die viel in der Prärie umherwandern, und der schneller ist als der Trab eines Pferdes, nach der Ansiedlung des Squatters.

Als Freikugel die Niederlassung erreicht hatte, war eben John Bright mit Ivon und den von Major Melville geschickten Waldläufern in ernster Beratung begriffen, und die Ankunft des Jägers wurde mit lautem Jubelgeschrei begrüßt.

Die Nordamerikaner befanden sich in großer Verlegenheit. So ausführlich der Bericht auch war, den Margarete dem Major abgestattet hatte, und wie genaue Erkundigungen sie auch über die Bewegungen und Absichten der Indianer eingezogen hatte, blieb es doch ein unvollkommenes Ganzes, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die alten Sachems des großen Rates der verbündeten Stämme ihre Beratungen so geheim hielten, daß der Rote Wolf trotz seiner Schlauheit und Hinterlist nur einen kleinen Teil des Plans entdeckt hatte, den die Häuptlinge auszuführen gedachten.

Die Kundschafter, die man nach allen Richtungen aussandte, brachten die schrecklichsten Nachrichten von den Bewegungen der Schwarzfüße. Die Indianer schienen diesmal einen Hauptstreich ausführen zu wollen, denn alle Völker am Missouri waren dem Ruf Natah-Otanns gefolgt; die Stämme kamen einer nach dem anderen herbei, um sich den Verbündeten anzuschließen, deren Anzahl ursprünglich tausend Köpfe nicht überstieg, gegenwärtig aber mehr als viertausend zählte und noch gewaltiger zu werden drohte. Das Fort Mackenzie war von allen Seiten von unsichtbaren Feinden umgeben, die die Kommunikation mit den übrigen Posten der Pelzgesellschaft vollständig abgeschnitten hatten und die Lage Major Melvilles sehr bedenklich machten. Die Jäger waren daher sehr bestürzt und hatten seit mehreren Stunden, während sie Rat hielten, nur unzureichende und unausführbare Mittel entdeckt, um die Blockade der Festung aufzuheben.

Es ist den Weißen nur infolge der Zwietracht, die sie unter den eingeborenen Völkern des Festlandes zu unterhalten gewußt haben, gelungen, in Amerika festen Fuß zu fassen. Überall, wo die Urbewohner einig geblieben sind, sind die Europäer gescheitert, und wir führen als Beispiel nur die Araukaner von Chile an, deren kleine, aber tapfere Republik ihre Unabhängigkeit bis zum heutigen Tag zu bewahren gewußt hat; ferner die Seminolen von Louisiana, die erst kürzlich nach einem hartnäckigen, regelrechten Krieg unterlegen sind, und viele andere indianische Völker, die wir nötigenfalls als Beleg für unsere Behauptung anführen könnten.

Die Rothäute schienen diesmal die Notwendigkeit eines aufrichtigen und energischen Zusammenhaltens eingesehen zu haben. Die verschiedenen Häuptlinge der verbündeten Völker hatten wenigstens dem Anschein nach ihren Haß und Neid vergessen, um den gemeinschaftlichen Feind zu vernichten.

Die Amerikaner zitterten daher trotz ihres bewährten Muts bei dem bloßen Gedanken an den mörderischen Kampf, den sie mit einem Feind bestehen sollten, der durch lange Bedrückungen gereizt war; besonders wenn sie ihre Kräfte abschätzten und sahen, wie schwach und unzureichend ihre Zahl sei, verglichen mit den gewaltigen Massen, die sich anschickten, sie zu vernichten.

Die Verhandlung, die durch die Ankunft Freikugeis unterbrochen worden war, wurde wiederaufgenommen.

»Bei Gott«, rief John Bright entrüstet aus, indem er mit der Faust auf seinen Schenkel schlug, »ich muß wahrlich gestehen, daß ich kein Glück habe und sich alles gegen mich wendet. Kaum habe ich mich hier in der Hoffnung auf eine behagliche Zukunft niedergelassen, so werde schon ich wider meinen Willen in einen Krieg gegen jene verwünschten Heiden verwickelt. Wer weiß, wie das enden wird; offenbar werden wir aber samt und sonders unsere Skalps dabei einbüßen. Das ist, by God, eine schöne Aussicht für einen ruhigen Mann, der nur danach trachtet, seine Familie durch seine Arbeit ehrlich zu ernähren.«

»Darum handelt es sich gegenwärtig nicht«, entgegnete Ivon, »sondern darum, meinen Herrn zu befreien, koste es, was es wolle. Wie? Ihr fürchtet Euch vor dem Kampf, da es doch Euer Gewerbe ist und Ihr zeitlebens nichts anderes getrieben habt, wogegen ich, der ich der furchtsamste Mensch bin, keine Bedenken habe, meinen Skalp zu opfern, um meinen Herrn zu retten?«

»Ihr versteht mich nicht, Meister Ivon. Ich habe nicht gesagt, daß ich mich vor dem Kampf gegen die Rothäute fürchte. Gott soll mich bewahren, die Heiden zu fürchten, die ich verachte; ich halte es aber für einen ehrlichen Ackersmann, wie ich es bin, für nicht unangemessen, die Folgen zu beklagen, die ein Krieg mit jenen Teufeln nach sich ziehen wird. Ich bin mir nur zu gut bewußt, was ich und meine Familie Ihrem Herrn schulden, um mich zu bedenken, wenn es gilt, ihn zu retten – was auch daraus entstehen mag. Ich habe by God nicht vergessen, daß das wenige, das ich besitze, mir von ihm gegeben wurde, und will meine Pflicht tun, sollte es mich auch das Leben kosten.«

»So ist's recht; das nenne ich reden!« rief Ivon erfreut aus. »Ich wußte wohl, daß Ihr nicht zurückbleiben würdet.«

»Unglücklicherweise«, wandte Freikugel ein, »hilft uns das alles nicht viel, und ich sehe wahrlich nicht ein, wie wir unserem Freund helfen sollen; denn jene Teufel werden über uns herfallen wie die Heuschrecken im Juli, und wie viele wir von ihnen auch töten, so müssen wir schließlich doch der Überzahl erliegen!«

Die Anwesenden sahen die Wahrheit jener Worte so vollständig ein, daß sie darüber in die tiefste Kümmernis gerieten. Eine materielle Unmöglichkeit läßt sich nicht wegstreiten, sondern muß ertragen werden. Die Amerikaner waren sich der Nähe einer drohenden Gefahr bewußt, und ihre Verzweiflung wuchs mit dem Gefühl ihrer Ohnmacht. Plötzlich ertönte draußen der Ruf: »Zu den Waffen!« – und sie sprangen hastig von ihren Sitzen auf, griffen nach ihren Waffen und stürzten hinaus.

Der Ruf, der die Beratung unterbrach, war von William, dem Sohn des Squatters, ausgegangen.

John Bright hatte seine Stellung auf der Höhe des Hügels behalten, wo er zuerst nach seiner Ankunft gelagert hatte. Mit Hilfe der Arbeitskräfte der Nordamerikaner war jene Anhöhe aber in eine wahre Festung umgewandelt worden, die nicht nur den Angriffen umherstreifender Indianer, sondern sogar einer ganz ansehnlichen Streitmacht zu widerstehen vermochte.

Aller Augen waren auf die Prärie gerichtet, deren wellige Ebene in einem Umkreis von fünf bis sechs Stunden nach allen Richtungen sichtbar war. Mit geheimem Entsetzen wurden die Jäger gewahr, daß sich William nicht getäuscht habe, denn ein größerer Trupp indianischer Krieger sprengte in voller Kriegsausrüstung durch die Ebene auf die Niederlassung zu.

»Teufel«, brummte Freikugel zwischen den Zähnen, »das sieht böse aus! Ich muß freilich gestehen, daß die verwünschten Heiden ungeheure Fortschritte in der Kriegskunst gemacht haben und uns, wenn es so fortgeht, bald übertreffen werden.«

»Glauben Sie?« fragte John Bright besorgt.

»Bei Gott«, entgegnete der Jäger, »es ist offenbar, daß man uns angreifen wird, denn ich durchschaue jetzt die Absicht der Rothäute so vollständig, als ob sie sie mir selbst auseinandergesetzt hätten.«

»So?« fragte Ivon neugierig.

»Urteilen Sie selbst«, fuhr der Jäger fort. »Die Indianer wollen sämtliche Posten der Weißen zu gleicher Zeit angreifen, um ihnen die Möglichkeit zu benehmen, sich gegenseitig beizustehen. Das haben sie außerordentlich schlau gemacht; auf solche Weise werden sie bald mit uns fertig und können uns mit Muße abschlachten. Der Mann, der sie befehligt, ist ein furchtbarer Gegner für uns. Wir sind verloren, meine Jungens, und müssen uns getrost darein zu schicken wissen; ich bin davon so fest überzeugt, als ob ich das Skalpiermesser schon unter meinen Haaren fühlte, und es bleibt uns nichts übrig, als wacker zu sterben.«

Jene Worte, die der Jäger in seinem gewohnten gelassenen Ton sprach, machten die Anwesenden erbeben.

»Vielleicht werde ich allein dem Schicksal der übrigen entgehen«, fügte Freikugel sorglos hinzu.

»Bah!« sagte Ivon. »Warum denn Ihr, alter Jäger?«

»Nun«, erwiderte er mit spöttischem Lächeln, »weil Sie wohl wissen, daß mich die Indianer nicht töten können!«

»Wahrhaftig!« sagte Ivon, betroffen über diese Antwort, und blickte seinen Freund bewundernd an.

»So ist es«, schloß Freikugel seine Rede, indem er den Kolben seiner Büchse auf den Boden stützte und sich gegen deren Lauf lehnte.

Die Rothäute rückten indessen, wie bereits gesagt, rasch heran; die Truppe bestand aus 150 Reitern, die größtenteils mit Flinten bewaffnet waren, woraus hervorging, daß es auserlesene Leute waren. An der Spitze der Truppe ritten, zehn Schritte voraus, zwei Reiter, die wahrscheinlich Häuptlinge waren. Sobald die Indianer die Festungswerke bis auf anderthalb Büchsenschußlängen erreicht hatten, machten sie halt; sie berieten sich untereinander, sandten dann einen einzelnen Reiter ab, der herangesprengt kam, und als der in einer Entfernung von einem Pistolenschuß vor der Umzäunung stand, entrollte er ein Bisonfell.

»Heda, Meister John Bright!« sagte Freikugel mit neckender Miene. »Ihr seid der Kommandant der Festung, und diese Botschaft gilt Euch; die Rothäute verlangen zu unterhandeln.«

»Aoh«, sagte der Amerikaner, »ich bin statt der Antwort nicht übel willens, dem Schurken dort, der sich auf dem Pferd brüstet, eine Kugel zu schicken.« Bei diesen Worten richtete er seine Büchse in die Höhe.

»Unterlaßt es ja«, versetzte der Jäger; »Ihr kennt die Rothäute nicht! Solange der erste Schuß noch nicht gefallen ist, kann man sich noch mit ihnen vergleichen.«

»Sagt einmal, alter Jäger«, bemerkte Ivon, »wie wäre es, wenn Ihr die Unterhandlung anknüpftet?«

»Warum denn, mein vorsichtiger Freund?« antwortete der Kanadier.

»Nun, Ihr fürchtet Euch ja nicht vor den Rothäuten! Könnt Ihr nicht hingehen? Vielleicht wäre die Sache beizulegen.«

»Das ist wahrlich kein schlechter Einfall; man kann nicht wissen, was geschieht. Es ist am Ende doch das beste, wenn ich hingehe; wollt Ihr mich begleiten, Ivon?«

»Warum nicht?« erwiderte dieser. »Mit Euch fürchte ich mich nicht.«

»Abgemacht also. Öffnet uns die Tür, Meister John Bright, und seid wachsam während unserer Abwesenheit. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung der Heiden laßt Ihr Feuer geben.«

»Seid unbesorgt, alter Jäger«, antwortete dieser und drückte ihm herzlich die Hand; »ich möchte wahrhaftig nicht, daß Euch irgendein Unglück zustieße, denn Ihr seid – by God! – ein Mann!«

»Das glaube ich auch«, antwortete der Kanadier lachend, »und ich bin viel mehr auf das Wohl jenes wackeren Burschen bedacht gewesen als auf mein eigenes, denn ich kann versichern, daß ich für meine Person nicht in Sorge bin.«

»Gleichviel – ich werde die Teufelskerle gehörig überwachen.«

»Das kann wenigstens nichts schaden.«

Die Tür öffnete sich, Freikugel und Ivon ritten den Hügel hinunter und näherten sich dem Reiter, der sie in stolzer Haltung erwartete.

»Oho!« murmelte Freikugel, sobald sie nahe genug waren, um den Reiter zu erkennen.

»Ich fange an zu glauben, daß es nicht so schlimm um unsere Angelegenheiten steht, wie ich anfangs dachte.«

»Warum denn?« fragte Ivon.

»Seht Euch doch den Reiter näher an; erkennt Ihr nicht den Roten Wolf?«

»Das ist wahr, er ist es wirklich! Nun?«

»Nun? Ich habe guten Grund, zu glauben, daß uns der Rote Wolf nicht so feindlich gesinnt ist, als wir meinen.«

»Glaubt Ihr das?«

»Still! Wir werden hören.«

Die drei Männer begrüßten sich auf indianische Weise, indem sie nämlich die rechte Hand auf das Herz legten und die linke mit ausgespreizten Fingern und nach außen gekehrten Ballen ausgestreckt hielten.

»Mein Bruder ist willkommen bei seinen Freunden, den Bleichgesichtern«, sagte Freikugel. »Will er sich am Beratungsfeuer niederlassen und das Kalumetin meinem Wigwam rauchen?«

»Darüber wird der Jäger entscheiden; der Rote Wolf kommt als Freund«, antwortete der Indianer.

»Gut«, entgegnete der Kanadier. »Hat der Rote Wolf von seiten seiner Freunde etwa Verrat gefürchtet, weil er sich von so vielen Kriegern begleiten läßt?«

Der Schwarzfuß lächelte schlau. »Der Rote Wolf ist ein Häuptling unter den Kenhas«, sagte er; »seine Zunge ist nicht gespalten, und die Worte seines Mundes kommen aus seinem Herzen. Der Häuptling will seinen bleichen Freunden gefällig sein.«

»Uah!« erwiderte Freikugel. »Der Häuptling hat gut gesprochen; seine Worte lauten meinen Ohren wohlgefällig. Was wünscht mein Bruder?«

»Sich am Beratungsfeuer der Bleichgesichter niederzulassen, um ihnen die Gründe auseinanderzusetzen, die ihn herführen.«

»Gut! Wird mein Bruder allein zu den Weißen kommen?«

»Nein! Eine andere Person wird den Häuptling begleiten.«

»Und wem hat ein so großer Häuptling wie mein Bruder sein Vertrauen geschenkt?«

»Der Wölfin der Prärien!«

Freikugel unterdrückte eine Äußerung der Freude. »Gut!« entgegnete er. »Mein Bruder kann mit der Wölfin kommen; die Bleichgesichter werden ihn gut aufnehmen.«

»Mein Bruder, der Jäger, wird den Besuch seiner Freunde anmelden.«

»Ja, Häuptling, ich will den Auftrag sofort ausrichten.«

Die Unterhaltung war beendet, und die drei Männer trennten sich, nachdem sie sich von neuem begrüßt hatten. Freikugel und Ivon beeilten sich, die Festung wieder zu erreichen.

»Viktoria!« rief der Jäger, als er zurückkam, aus. »Wir sind gerettet!«

Alle umdrängten ihn, denn sie waren begierig, Näheres zu erfahren; der Kanadier befriedigte die allgemeine Neugierde ungesäumt.

» Aoh!« sagte John Bright. » Wenn die alte Dame dabei ist, so sind wir in der Tat gerettet.« Bei diesen Worten rieb er sich vergnügt die Hände.

Nachdem die erste Falle, die Mrs. Margarete Natah-Otann gestellt hatte, unglücklicherweise nichts gefruchtet hatte, war sie keineswegs mutlos geworden, sondern ihr Durst nach Rache hatte sich noch vergrößert, und weit entfernt, die Zeit in müßigen Klagen wegen der erlittenen Niederlage zu verlieren, rüstete sie sich sofort zum neuen Kampf und war entschlossen, einen entscheidenden Schlag zu wagen. Sie hatte jenen Grad blinder Wut erreicht, wo sie der Haß vollständig verblendete, und schritt ihrem Ziel zu, ohne die Folgen ihrer Tat zu berechnen. Zehn Minuten später, als sie den Sachem verlassen hatte, hatte sie sich mit dem Roten Wolf aus dem Lager entfernt, der auf ihre Weisung die unter seinem Befehl stehenden Krieger mitgenommen und mit ihnen den Weg nach der Ansiedlung des Squatters eingeschlagen hatte.

Kaum hatte Freikugel seinen Freunden die gewünschte Auskunft erteilt, als auch schon Mrs. Margarete und der Rote Wolf in die Festung traten, wo sie von den Amerikanern, besonders aber von John Bright mit großer Herzlichkeit aufgenommen wurden, denn letzterer wußte sich nicht vor Entzücken zu fassen, daß seine Ansiedlung verschont werden und das Gewitter sich anderswo entladen sollte. –

Wir kehren jetzt zum Fort Mackenzie zurück, wo sich in dem Augenblick sehr wichtige Ereignisse zutrugen.

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