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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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25

Vor der Schlacht

Nachdem die beiden Häuptlinge das Zelt verlassen hatten, gingen sie eine Weile stumm nebeneinanderher. Beide schienen in ernste Betrachtungen verloren zu sein, deren Gegenstand wahrscheinlich die wichtigen Ereignisse waren, die in nächster Zukunft bevorstanden und deren Ausgang das Schicksal der indianischen Stämme in diesem Teil des amerikanischen Festlands entscheiden würden.

Im Weitergehen waren sie auf einen hohen Punkt des Hügels gelangt, von wo aus der Blick nach allen Richtungen weithin über die Prärie schweifen konnte. Die Nacht war still und die Luft mit Wohlgerüchen erfüllt. Kein Lüftchen regte sich, und am tiefblauen, unbewölkten Himmel glänzte eine Unzahl von Sternen. Über der Wildnis, in der mehrere tausend Mann auf der Lauer lagen und nur eines Wortes oder Winkes harrten, um sich gegenseitig abzuschlachten, ruhte gegenwärtig die tiefste Stille.

Die beiden Männer blieben unwillkürlich stehen und warfen einen sinnenden Blick auf die großartige Landschaft, die sich zu ihren Füßen ausbreitete. Fort Mackenzie erhob sich kaum drei Büchsenschüsse von ihnen entfernt düster und schweigend am Rand des Flusses, der beim Schein des Mondes einem breiten silbernen Band glich, während sich die massiven Festungswerke schwarz und dunkel vom Hintergrund abhoben und ihre langgestreckten Schatten weit über die Ebene ausbreiteten. In den dichtbelaubten Wipfeln der Bäume regte sich ein leiser Windhauch und flüsterte geheimnisvoll in den Zweigen, und am fernen Horizont dehnten sich wie eine erhabene Einrahmung des großartigen Bildes die bewaldeten Gipfel der hohen Berge und die zackigen Spitzen der Hügel aus.

»Bei Sonnenaufgang«, murmelte Natah-Otann, indem er mehr dem Gang seiner eigenen Gedanken folgte, als mit seinem Gefährten sprach, »wird jene stolze Feste in meinen Händen sein, und die Rothäute werden dort herrschen, wo gegenwärtig noch ihre grausamen Bedrücker regieren.«

»Ja«, antwortete der Weiße Bison gedankenvoll, »morgen werdet ihr die Herren der Festung sein; aber wird es euch gelingen, euch zu behaupten? Es ist nicht genug, zu siegen; denn die Weißen sind unzählige Male von den Rothäuten geschlagen worden, und dennoch ist es ihnen gelungen, diese zu knechten, zu unterjochen, zu schwächen und zu verstreuen gleich herbstlichen Blättern, die der Wind verweht.«

»Das ist leider nur zu wahr«, antwortete der Häuptling seufzend; »und seit dem Tag, wo die Weißen den Fuß in unser unglückliches Land gesetzt haben, hat es sich immer so verhalten. Worin besteht die geheimnisvolle Macht, durch die sie stets vor uns geschützt wurden?«

»Mein liebes Kind«, antwortete der Weiße Bison mit traurigem Kopfnicken, »ihr seid selbst eure größten Feinde und dürft eure ständigen Niederlagen niemandem sonst zuschreiben als euch selbst. Ihr bekämpft euch voll Erbitterung gegenseitig wegen der geringfügigsten Ursachen, und die Weißen mußten euren angeborenen Haß nur heimlich anfeuern, um sich dessen geschickt als Waffe gegen euch zu bedienen und euch einzeln zu besiegen.«

»Ja, das habt Ihr mir schon oft gesagt, Vater, und Eure Ermahnungen haben, wie Ihr seht, Früchte getragen. Sämtliche Indianer vom Missouri sind gegenwärtig vereinigt, gehorchen demselben Häuptling und scharen sich unter demselben Totem. Auch könnt Ihr versichert sein, daß jenes Bündnis reich an guten Folgen sein wird. Wir werden die räuberischen Wölfe von unseren Grenzen verjagen, sie zurück nach ihren steinernen Städten treiben, und nur der Mokassin der Rothaut wird fortan den Boden unserer heimischen Prärien betreten, und das Echo der Hügel an den Ufern des Missouri wird nur von dem fröhlichen Lachen der Rothäute widerhallen und das Kriegsgeschrei der Schwarzfüße wiederholen.«

»Niemand wird sich über ein solches Resultat mehr freuen als ich; denn es ist mein glühendster Wunsch, die Menschen frei zu sehen, die mir eine so brüderliche Gastfreundschaft geboten haben. Aber ach, wer vermag in die Zukunft zu schauen? Jene Sachems, die deine Bemühungen und deine Geduld vereinigt haben, um gemeinschaftlich das große und volkstümliche Werk zu fördern, brüten über bösen Gedanken, scheuen sich, deinen Befehlen zu gehorchen, und beneiden dich um eine Gewalt, die sie dir selbst eingeräumt haben. Zittere daher, daß sie dich verlassen!«

»Ich werde ihnen keine Zeit dazu lassen, Vater; ich kenne seit mehreren Tagen bereits ihre geheimen Umtriebe und weiß von ihren Plänen. Bisher hat mir die Klugheit den Mund verschlossen, denn ich wollte das Gelingen meines Plans nicht aufs Spiel setzen; aber sobald ich Herr jener Festung dort bin, werde ich – seid dessen versichert! – laut genug reden; denn dann hat meine Stimme ein Ansehen und meine Macht eine Gewalt erlangt, denen sich die Ungestümsten unterwerfen müssen. Der Sieg wird mich ebenso groß als furchtbar machen; mein Fuß soll diejenigen zertreten, die sich insgeheim gegen mich verschworen haben und die sich, wenn ich besiegt würde, nicht scheuen würden, gegen mich aufzutreten. Geht, mein Vater, damit alles für den Sturm vorbereitet sei, sobald ich das Zeichen dazu gebe. Besucht die Posten und beobachtet die Bewegungen des Feindes; in zwei Stunden werde ich mein Kriegsgeschrei erheben.«

Der Weiße Bison betrachtete ihn eine Zeitlang mit einer Miene, in der sich Freundschaft, Furcht und Bewunderung aussprachen; er legte dann die Hand auf seine Schulter und sagte bewegt: »Kind, du bist ein Tor – aber ein bewunderungswürdiger Tor! Das Werk der Wiedergeburt, das du unternimmst, ist unmöglich; dennoch wird deine Tat – du magst nun siegen oder unterliegen – nicht spurlos vorübergehen. Deine irdische Bahn wird eine leuchtende Spur hinterlassen, die einst denjenigen als Leuchtfeuer dienen wird, die dir im Befreiungswerk deines Volkes nachfolgen.«

Nach einem kurzen Schweigen, das beredter war als viele Worte, stürzten die beiden Männer einander in die Arme und hielten sich minutenlang innig umfaßt. Endlich trennten sie sich, und Natah-Otann blieb allein.

Der junge Häuptling täuschte sich keineswegs über die Schwierigkeit seiner Lage und erkannte die Richtigkeit der Bemerkungen seines Pflegevaters vollkommen an. Es war aber jetzt zu spät, um zurückzutreten, und er mußte um jeden Preis vorwärtsgehen. Wir haben im vorhergehenden Kapitel die Ursache näher beleuchtet, die Natah-Otann gewissermaßen zwangen, die Ausführung seines Plans zu beschleunigen, und jetzt, wo der Augenblick gekommen war, endlich in die Schranken zu treten, hatten die Zweifel und die Befürchtungen des jungen Häuptlings plötzlich aufgehört, um einer kaltblütigen und unerschütterlichen Entschlossenheit zu weichen, die seinem Geist die nötige Klarheit verlieh, um den entscheidenden Wurf, von dem das Schicksal seines Volkes abhing, mit Gewandtheit zu führen.

Als der Weiße Bison Natah-Otann verlassen hatte, setzte sich dieser auf einen Felsenvorsprung, stützte die Ellenbogen auf die Knie, ließ den Kopf auf seinen Händen ruhen, überblickte die Ebene und verlor sich in ernste Betrachtungen. Er saß bereits lange in solchen Träumen verloren da und war sich der Außenwelt nur noch undeutlich bewußt, als sich plötzlich leise eine Hand auf seine Schulter legte.

Der Häuptling schreckte empor, als habe ihn ein elektrischer Schlag getroffen, und blickte auf. »Ochtl!« rief er mit einer Bewegung aus, die er nicht zu unterdrücken vermochte. »Lianenblüte hier zu dieser Stunde?«

Das junge Mädchen lächelte sanft. »Warum wundert sich mein Bruder?« antwortete es. »Weiß der Häuptling nicht, daß es Lianenblüte liebt, des Nachts umherzuirren, wenn die Natur schläft und die Stimme des Großen Geistes vernehmlicher redet? Wir jungen Mädchen lieben es, des Nachts beim geheimnisvollen Schein der Sterne zu träumen, bei deren sanftem Licht unsere Gedanken eine nebelhafte Gestalt anzunehmen scheinen.«

Der Häuptling lächelte, ohne zu antworten.

»Warum«, fragte Lianenblüte sanft, »leidet Ihr, der Ihr der erste Sachem unseres Volkes und der berühmteste Krieger unserer Stämme seid? Weshalb seufzt Ihr?«

Der Häuptling ergriff die zierliche Hand, die ihm das junge Mädchen überließ und die er zärtlich küßte. »Lianenblüte«, sagte er endlich, »weißt du nicht, weshalb ich leide, wenn ich bei dir bin?«

»Wie sollte ich es wissen? Meine Brüder nennen mich wohl die Jungfrau der schönen Liebe, und man meint, daß ich mit den Geistern der Luft und des Wassers einverstanden sei. Ich bin aber leider nur ein unwissendes Mädchen und möchte den Grund Eures Kummers gern wissen, weil ich Euch dann vielleicht davon befreien könnte.«

»Nein«, antwortete der Häuptling kopfschüttelnd, »das steht nicht in deiner Macht, mein Kind; die Schläge deines Herzens müßten denn die des meinigen erwidern, und der kleine Vogel müßte in dir erwacht sein, der so melodisch im Herzen der jungen Mädchen singt und ihnen so süße Worte zuflüstert.«

Das junge Mädchen lächelte errötend, schlug die Augen nieder und bemühte sich, Natah-Otann die Hand zu entziehen, die dieser immer noch festhielt. »Ich habe den kleinen Vogel gesehen, von dem mein Bruder spricht, und er hat sein Lied schon in meiner Nähe angestimmt.«

Der Häuptling sprang hastig auf, blickte das junge Mädchen mit funkelnden Augen an und rief aufgeregt aus: »Wie? Du liebst? Es ist also einem der Krieger unseres Volkes gelungen, dein Herz zu rühren und dir Liebe einzuflößen?«

Lianenblüte schüttelte mutwillig den lieblichen Kopf, und ihre frischen Lippen umschwebte ein reizendes Lächeln. »Ich weiß nicht, ob das, was ich empfinde, dasselbe ist, was Ihr Liebe nennt«, sagte sie.

Natah-Otann hatte mit Anstrengung die Bewegung unterdrückt, die ihn durchzuckte. »Und weshalb sollte es nicht möglich sein?« fuhr er sinnend fort. »Die Gesetze der Natur sind unwandelbar; niemand kann sich ihnen entziehen, und die Stunde jenes Kindes mußte also gleichfalls kommen. Mit welchem Recht dürfte ich tadeln, was geschieht? Ist nicht mein Herz erfüllt von einem heiligen Feuer, vor dem jede andere Regung schweigen muß? Ein Mann in meiner Lage schwebt zu hoch über den niedrigen Leidenschaften, und das Ziel, das er verfolgt, ist zu erhaben, als daß es ihm gestattet wäre, sich von der Liebe einer Frau beherrschen zu lassen. Derjenige, der sich erkühnt, Retter und Befreier eines Volkes zu werden, gehört der Menschheit nicht mehr an. Ich muß mich der Aufgabe würdig zeigen, die ich mir gestellt habe, und womöglich die törichte Leidenschaft zu vergessen suchen, die mich verzehrt. Jenes junge Mädchen kann nie die Meinige werden, denn es trennt uns eine unüberwindliche Schranke. Ich will daher wieder sein, was zu bleiben ich nie hätte aufhören sollen – nämlich ihr Vater.«

Er ließ mutlos den Kopf auf die Brust sinken und vertiefte sich eine Zeitlang in düstere Betrachtungen.

Lianenblüte sah ihn mit zärtlichem Mitleid an. Sie hatte die Worte des Häuptlings nur halb verstanden und deren Sinn nicht begriffen, doch hegte sie eine aufrichtige Freundschaft für ihn, und es betrübte sie, ihn traurig zu sehen. Sie suchte vergebens nach einem tröstenden Wort, das sie ihm hätte sagen können, und wartete beklommen, bis er sich ihrer Gegenwart erinnere und sie anreden würde.

Endlich hob er den Kopf. »Meine Schwester hat mir denjenigen unter unseren jungen Kriegern nicht genannt, den sie den übrigen vorzieht.«

»Hat es der Sachem nicht erraten?« fragte sie schüchtern.

»Natah-Otann ist ein Häuptling; er ist zwar der Vater seiner Krieger, doch belauscht er weder ihre Taten noch ihre Gedanken.«

»Derjenige, den ich meine, ist kein Kenhakrieger«, erwiderte sie.

»So?« sagte er verwundert und warf ihr einen forschenden Blick zu. »Ist es etwa eines der Bleichgesichter, die Natah-Otanns Gäste sind?«

»Mein Bruder will sagen seine Gefangenen«, murmelte sie.

»Was bedeuten solche Worte, Mädchen? Ziemt es einem Kind wie dir, meine Taten beurteilen zu wollen? Ha«, fügte er mit gerunzelten Brauen hinzu, »jetzt begreife ich, wie die Häuptlinge der Bleichgesichter zu den Waffen gekommen sind, die ich vor einer Stunde bei ihnen gefunden habe. Meine Tochter braucht mir den Namen desjenigen, den sie liebt, nicht zu nennen – ich kenne ihn jetzt.«

Das junge Mädchen senkte errötend den Kopf.

»Acht'sett! – Es ist gut!« fuhr er in rauhem Ton fort. »Meine Schwester kann ihre Neigung verschenken, an wen sie will, doch sollte sie sich durch ihre Liebe nicht hinreißen lassen, um den Bleichgesichtern zu folgen, diejenigen zu verraten, die sie erzogen haben. Sie ist eine Tochter der Kenhas. Ist sie deshalb hergekommen, um mir das mitzuteilen?«

»Nein«, antwortete sie scheu, »jemand anderer hat mir befohlen, hierher zu kommen, um mich zu treffen und mir in Gegenwart des Sachem ein wichtiges Geheimnis zu entdecken.«

»Ein wichtiges Geheimnis?« erwiderte Natah-Otann. »Was willst du damit sagen? Von wem redet meine Schwester?«

»Ich rede von derjenigen, die man die Wölfin der Prärien nennt; sie ist gegen mich stets sanft, gut und liebevoll gewesen, obwohl sie die Indianer so bitter haßt.«

»Das ist sonderbar«, murmelte der Häuptling. »Sie ist es also, die du erwartest?«

»Ja, ich erwarte sie.«

»Jene Frau also hat dich hierher beschieden?« rief der Häuptling aus. »Aber sie ist ja verrückt!«

»Der Große Geist raubt denjenigen, die er beschützen will, den Verstand, damit sie den Schmerz nicht fühlen«, antwortete sie sanft.

Seit einiger Zeit ließ sich ein fast unmerkliches Rauschen im Laub vernehmen. Das geübte Ohr des Häuptlings würde jenen Laut, so leise er auch war, vernommen haben, wenn er nicht vollständig in sein Gespräch mit dem jungen Mädchen vertieft gewesen wäre.

Plötzlich wurden die Zweige heftig auseinandergebogen, mehrere Männer unter der Führung der Wölfin der Prärien stürzten über den Häuptling her, und ehe er sich von seinem Erstaunen über einen so unerwarteten Angriff erholt hatte, lag er am Boden und war gefesselt.

»Die Verrückte!« rief er aus.

»Jaja, die Verrückte!« wiederholte sie wild. »Jetzt halte ich endlich meine Rache! Sie ist mein! Ich danke euch«, fügte sie hinzu, indem sie sich zu ihren Begleitern wandte; »ich übernehme die Aufsicht über ihn, er soll mir nicht entgehen! Geht!«

Die Männer entfernten sich, ohne zu antworten. Sie trugen zwar indianische Kleidung, doch war ihr Gesicht durch ein Pantherfell verdeckt. Es blieben nur drei Personen auf der Anhöhe zurück; nämlich Lianenblüte, Margarete und Natah-Otann, der sich in seinen Fesseln wand und dumpfe, unartikulierte Laute ausstieß.

Die Wölfin verschlang den zu ihren Füßen hingeworfenen Feind mit gierigen Blicken, in denen eine unheimliche Freude blitzte. Lianenblüte stand unbeweglich neben dem Häuptling und betrachtete ihn traurig und nachdenklich.

»Recht so«, sagte die Wölfin mit dem Ausdruck befriedigten Hasses. »Tobe nur, Jaguar; suche die Fesseln zu zerreißen, die du nicht lösen kannst. Endlich habe ich dich! Jetzt ist die Reihe an mir, dich zu quälen und dir die Leiden zu vergelten, mit denen du mich überschüttest hast. Ach, ich werde mich an dir, dem Henker meiner ganzen Familie, nie genug rächen können. Gott ist gerecht! Jetzt heißt es Zahn um Zahn und Aug' um Auge, du Elender!« Sie hob jetzt einen Dolch auf, der neben ihr am Boden lag, und fing an, ihn damit am ganzen Leib zu stacheln. »Rede! Fühlst du nicht, wie der kalte Stahl in dein Fleisch dringt?« fuhr sie fort. »Ach, ich möchte dich tausendmal töten, wenn es möglich wäre, dir einen tausendfachen Tod zu bereiten!«

Der Häuptling lächelte verächtlich, und die aufgebrachte Wölfin schwang den Dolch und wollte ihn durchbohren, als Lianenblüte ihren Arm zurückhielt.

Margarete sprang zurück wie eine Tigerin; als sie aber das junge Mädchen erkannte, entfiel die Waffe ihrer zitternden Hand, und ihr Gesicht nahm einen unaussprechlich sanften und zärtlichen Ausdruck an.

»Du? Du hier?« rief sie aus. »Armes Kind, du hast also die Zusammenkunft nicht vergessen, die ich dir hier versprochen hatte! Du bist ein Bote des Himmels!«

»Ja«, fuhr das junge Mädchen fort, »der Große Geist sieht alles. Meine Mutter ist gut, Lianenblüte liebt sie; warum quält sie den Mann, der das verlassene Kind wie ein Vater aufgenommen hat? Der Häuptling ist stets gut gegen Lianenblüte gewesen; meine Mutter wird ihm verzeihen.«

Margarete blickte das mitleidige Kind mit dem Ausdruck wahnsinniger Bestürzung an, ihre Züge verzerrten sich plötzlich, und sie stieß ein kurzes, gellendes Gelächter aus.

»Wie?« rief sie in schneidendem Ton aus. »Du – du, Lianenblüte, verwendest dich für jenen Mann?«

»Er ist ein Vater für Lianenblüte gewesen«, antwortete das junge Mädchen einfach.

»Aber du kennst ihn nicht!«

»Er ist stets gut gewesen.«

»Schweig, Kind, flehe die Wölfin nicht an!« sagte der Häuptling finster. »Natah-Otann ist ein Krieger und wird zu sterben wissen.«

»Nein, der Häuptling soll nicht sterben!« antwortete die Indianerin entschlossen.

»Jetzt bin ich gerächt!« stöhnte Natah-Otann.

»Hund!« rief die Wölfin aus und schlug ihn mit der Ferse ins Gesicht. »Schweig, sonst reiße ich dir die giftige Zunge aus.«

Der Indianer lächelte verächtlich.

»Meine Mutter wird mir folgen«, sagte das junge Mädchen. »Ich werde den Häuptling losbinden, damit er zu seinen Kriegern zurückkehre, die ins Feld rücken wollen.« Sie hob bei diesen Worten den Dolch auf und kniete neben dem Häuptling nieder.

Jetzt wurde sie von der Wölfin zurückgehalten. »Höre mich an, Kind, ehe du seine Fesseln zerschneidest!« sagte sie.

»Ich will dich nachher hören«, sagte das junge Mädchen, »denn ein Häuptling muß während der Schlacht bei seinen Kriegern sein.«

»Schenke mir nur fünf Minuten Gehör!« fuhr die Wölfin dringend fort. »Ich beschwöre dich, Lianenblüte, im Namen all dessen, was ich für dich getan habe. Wenn ich ausgeredet habe, kannst du den Mann immer noch befreien, wenn du willst; ich schwöre dir, daß ich dich nicht daran hindern werde!«

Das junge Mädchen warf ihr einen sinnenden Blick zu. »Rede«, sagte sie mit ihrer sanften, einnehmenden Stimme; »Lianenblüte hört.«

Die Wölfin seufzte erleichtert auf.

Es entstand ein kurzes Schweigen. Man hörte nur das dumpfe Zähneknirschen des Gefangenen.

»Du hast recht, Mädchen«, sagte die Wölfin endlich in traurigem Ton, »der Mann hat dich in deiner Kindheit gepflegt, ist gut mit dir gewesen, hat dich sorgfältig erzogen. Du siehst, daß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse, nicht wahr? Er hat dir nie erzählt, auf welche Weise du in seine Hände geraten bist?«

»Niemals!« sagte das Mädchen in schwermütigem Ton.

»Wohlan«, fuhr die Wölfin fort, »ich will dir das Geheimnis entdecken, das er nicht gewagt hat dir zu offenbaren. Derjenige, den du deinen Vater nennst, hat deinen wirklichen Vater während einer Nacht gleich der gegenwärtigen überfallen, sich seiner und seiner Familie bemächtigt, und während auf den Befehl jenes Ungeheuers dort deine beiden Brüder über langsamem Feuer verbrannten, wurde dein Vater neben ihnen an einen Baumstamm gebunden und lebendig geschunden.«

»Entsetzlich!« rief das junge Mädchen, indem es plötzlich aufsprang.

»Und wenn du mir nicht glauben willst«, fuhr sie in schneidendem Ton fort, »so reiße das Band von deinem Hals, öffne das Futteral, das aus der Haut deines unglücklichen Vaters gefertigt ist, und du wirst finden, was noch von ihm übrig ist.«

Lianenblüte zerriß das Band mit fieberhafter Hast und hielt das Futteral krampfhaft in ihrer Hand. »Ach!« schluchzte sie. »Nein, nein, es ist unmöglich, so viele Greuel können nicht begangen worden sein!« Plötzlich trocknete sie ihre Tränen, blickte die Wölfin starr an und schrie mit schrecklicher Stimme: »Und du? Du? Woher weißt du das? Wer es dir sagte, hat gelogen!«

»Ich war zugegen«, sagte die Wölfin kaltblütig.

»Du warst zugegen? Du hast der furchtbaren Hinrichtung beigewohnt?«

»Ja, ich habe ihr beigewohnt.«

»Warum?« rief sie zornig aus. »Antworte! Warum?«

»Warum?« antwortete sie mit würdevoller Gebärde. »Warum? Weil ich deine Mutter bin, Kind!«

Bei dieser unerwarteten Eröffnung verwandelte sich das Gesicht des jungen Mädchens, die Stimme versagte ihm, die Augen schienen ihm aus den Höhlen treten zu wollen, ein krampfhaftes Zittern erschütterte seine Glieder, und eine Zeitlang bemühte es sich vergebens, einen Laut hervorzubringen; dann brach es plötzlich in Tränen aus, stürzte sich in die Arme Margaretes und rief in herzzerreißendem Ton: »Mutter! Meine Mutter!«

»Kind!« stöhnte die Wölfin mit wahnsinnigem Entzücken. »Ich habe dich; du bist mein!«

Mutter und Tochter vergaßen eine Zeitlang im Übermaß ihrer Freude die ganze übrige Welt.

Natah-Otann wollte die Gelegenheit benützen, eine Rettung, die ihm möglich schien, zu versuchen. Er rollte geräuschlos um sich selbst herum in der Absicht, den Abhang des Hügels zu erreichen.

Plötzlich bemerkte ihn Lianenblüte; sie fuhr empor, als habe sie eine Schlange gebissen, und eilte zu ihm. »Halt, Natah-Otann!« rief sie aus.

Der Häuptling blieb unbeweglich liegen. An dem Klang der Stimme des jungen Mädchens glaubte er zu erkennen, daß er verloren sei, und er ergab sich mit indianischer Fassung in sein Schicksal.

Er hatte sich aber geirrt. Lianenblüte stand blaß, mit funkelnden Augen da, ihr irrer Blick schweifte von ihrer Mutter auf den Mann, der zu ihren Füßen lag, und sie fragte sich innerlich, ob es wohl ihr, die nur Wohltaten vom Häuptling genossen hatte, zukomme, den Tod ihres Vaters an ihm zu rächen. Sie fühlte, daß ihr Arm zu schwach und ihr Herz zu weich sei, um es zu können.

Eine Zeitlang schwebte über den drei an dem furchtbaren Auftritt Beteiligten ein finsteres Schweigen, das nur durch die dumpfen, geheimnisvollen Laute der Nacht unterbrochen wurde.

Natah-Otann fürchtete nicht den Tod, aber der Gedanke, daß das glorreiche Werk, das er unternommen hatte, unvollendet bleiben würde, machte ihn erzittern, und er schämte sich, in eine so grobe Schlinge geraten zu sein, in die ihn ein halb wahnwitziges Geschöpf gelockt hatte. Er verfolgte mit ausgestrecktem Hals und gerunzelten Brauen voll ängstlicher Spannung den Wechsel der Gefühle, die sich auf dem Gesicht des jungen Mädchens malten, um danach zu berechnen, inwiefern er noch hoffen dürfe, ein Leben zu retten, das soviel Wert für diejenigen hatte, die er befreien wollte. Obwohl er sich – wie alle kräftigen Naturen – in sein Schicksal ergeben hatte, gab er sich doch noch nicht auf, sondern wollte im Gegenteil bis zum letzten Augenblick kämpfen.

Endlich hob Lianenblüte den Kopf; ihr schönes Gesicht hatte einen eigentümlichen Ausdruck angenommen; ihre Stirn war heiter, und ihre sonst so sanften blauen Augen schienen Flammen zu sprühen. »Mutter«, sagte sie mit ihrer wohlklingenden Stimme, »gib mir die Pistolen, die du in deiner Hand hältst!«

»Was willst du damit machen, Kind?« fragte die Wölfin, unwillkürlich besänftigt.

»Meinen Vater rächen! Hast du mich nicht deshalb hierher beschieden?«

Die Wölfin überreichte ihr, ohne zu antworten, die Waffen, die das junge Mädchen blitzschnell in den Abgrund schleuderte.

»Unglückselige!« rief Margarete aus. »Was tust du?«

»Ich räche meinen Vater!« antwortete sie voll Hoheit.

»Er ist aber der Mörder deines Vaters, du Verblendete!«

»Ich weiß es, du hast es mir gesagt; aber trotz seiner Verbrechen ist jener Mann gut zu mir gewesen; er hat sich meiner verlassenen Kindheit angenommen, und wenn er auch, indem er meinen Vater ermordete, dem Haß gehorchte, den sein Volk gegen die Bleichgesichter hegt, so hat er seine Schuld an mir soviel wie möglich gesühnt und fast seine indianische Natur verleugnet, um mich zu leiten und zu schützen. Der Große Geist, dessen Auge fortwährend auf die Erde gerichtet ist, wird zwischen uns entscheiden.«

»Unselige! Verblendete!« rief die Wölfin aus, indem sie verzweifelt die Hände rang.

Das junge Mädchen hatte sich unterdessen zu dem Häuptling niedergebückt und seine Fesseln zerschnitten; Natah-Otann sprang auf wie ein Jaguar und stand im nächsten Augenblick vor ihnen.

Die Wölfin machte eine Bewegung, als wolle sie auf ihn zuspringen, bedachte sich aber eines Besseren. »Es ist noch nicht alles vorüber!« rief sie aus. »Und ich werde meine Rache befriedigen; es koste, was es wolle!« Bei diesen Worten sprang sie in das Dickicht und verschwand.

»Natah-Otann«, fuhr das junge Mädchen zum Häuptling gewandt fort, der gelassen und gleichmütig, als wäre nichts geschehen, vor ihr stand, »ich überlasse die Rache dem Großen Geist; ein Weib hat nur Tränen. Lebe wohl; ich habe dich geliebt wie den Vater, den du mir geraubt hast; ich habe nicht den Mut, dich zu hassen, werde mich aber bemühen, dich zu vergessen.«

»Armes Kind«, antwortete er bewegt, »ich muß dir sehr verworfen erscheinen, und – ach! – ich erkenne erst jetzt, wie verabscheuungswürdig das Verbrechen ist, dessen ich mich schuldig gemacht habe. Vielleicht gelingt es mir dereinst, deine Verzeihung zu erhalten.«

Lianenblüte lächelte trübe. »Die Verzeihung hängt nicht von mir ab«, entgegnete sie, »nur der Waconda allein kann dich begnadigen.« Nachdem sie ihm einen letzten schwermütigen Blick zugeworfen hatte, entfernte sie sich langsamen Schrittes und verschwand gedankenvoll im Wald.

Natah-Otann folgte ihr lange mit den Blicken. »Sollten die Christen recht haben«, murmelte er für sich, als er sich allein sah, »und gibt es wirklich einen Engel?« Er schüttelte wiederholt den Kopf, betrachtete dann aufmerksam den Himmel, an dem die Sterne anfingen zu verbleichen, und sagte dumpf: »Die Stunde ist da – werde ich siegen?«

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