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Freikugel

Gustave Aimard: Freikugel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorGustave Aimard
titleFreikugel
publisherVerlag Lothar Borowsky
addressMünchen
year1978
illustratorGustave Doré
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060607
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24

Das Lager der Schwarzfüße

Seit den im vergangenen Kapitel mitgeteilten Ereignissen waren zwei Tage verstrichen. Am Abend herrschte im Dorf der Kenhas große Unruhe, denn es wurde alles zu einem großen Kriegszug vorbereitet. Die Nacht war klar und sternenhell. Vor jedem Calli brannten große Feuer, deren rötlicher Schein das ganze Dorf erhellte. Der Anblick, den das Dorf bot, wo eine rastlose Einwohnerschaft beim phantastischen Schimmer der Feuer hin und wider wogte und sich drängte, war ebenso seltsam als ergreifend.

Der Graf de Beaulieu und Freikugel saßen scheinbar frei, mit dem Rücken gegen die Wand eines Calli gelehnt, auf der nackten Erde und unterhielten sich flüsternd miteinander. Die Frist, die der Graf bewilligt hatte, auf Ehrenwort Gefangener zu bleiben, war längst verstrichen, doch hatten sich die indianischen Häuptlinge damit begnügt, sowohl ihm als dem Jäger ihre Waffen zu nehmen, und sie schienen sich nicht weiter um die beiden zu kümmern.

Auf dem freien Platz des Dorfes brannten zwei ungeheure Feuer. An dem ersten, das vor der Beratungshütte bereitet worden war, saßen der Weiße Bison, Natah-Otann, der Rote Wolf und drei oder vier andere der angesehensten Häuptlinge des Stammes. Am zweiten hatten sich ungefähr zwanzig Krieger gelagert und rauchten stillschweigend ihr Kalumet. Das war das Schauspiel, das das Dorf der Kenhas an dem Tag bot, wo wir ungefähr um neun Uhr abends unsere Erzählung wiederaufnehmen.

»Warum läßt man die Bleichgesichter im Dorf umherirren?« fragte der Rote Wolf.

Natah-Otann lächelte. »Besitzen die Weißen die Füße der Gazelle und das Auge des Adlers, um in der Wildnis die verlorene Spur wiederzufinden?«

»In Hinsicht auf das Gläserne Auge«, fuhr der Rote Wolf dringender fort, »hat mein Bruder allerdings recht; aber Freikugel besitzt das Herz der Rothäute!«

»Ja, wenn er allein wäre, würde er versuchen zu entkommen; aber jetzt wird er seinen Freund nicht verlassen.«

»Dieser kann ihm folgen!«

»Das Gläserne Auge hat ein tapferes Herz, aber seine Füße sind schwach; er ist nicht imstande, durch die Wildnis zu wandern.«

Der Rote Wolf ließ, scheinbar überzeugt, den Kopf sinken, antwortete aber nicht.

»Der Augenblick zum Abmarsch ist gekommen; schon eilen die verbündeten Völker nach dem Sammelplatz«, sagte der Weiße Bison in finsterem Ton. »Es ist um neun, das Käuzchen hat zweimal gerufen, und der Mond geht auf.«

»Gut!« sagte Natah-Otann. »Man lasse die Pferde rauchen, um dann gleich aufbrechen zu können.«

Der Rote Wolf ließ einen gellenden Pfiff ertönen.

Auf dieses Zeichen kamen ungefähr zwanzig Reiter herangesprengt und umtanzten mit ihren Pferden das früher erwähnte Feuer, an dem zwanzig bis auf den Gürtel entblößte Krieger schweigend kauerten und rauchten. Jene Männer waren Krieger des Stammes, die ihre Pferde entweder durch einen Unfall oder in der Schlacht oder durch Krankheit eingebüßt hatten; die Reiter, die herbeigekommen waren und sie umtanzten, waren ihre Freunde und kamen, um jedem von ihnen vor dem Abmarsch ins Feld ein Pferd als Geschenk zu überbringen.

Die Reiter, die fortwährend das Feuer umkreisten, waren den Rauchern bereits ziemlich nahe gekommen, ohne daß diese ihre Nähe zu bemerken schienen; jeder Reiter wählte denjenigen, dem er ein Pferd schenken wollte, worauf man anfing, die nackten Schultern der gleichmütig dasitzenden Krieger mit Peitschenhieben zu bearbeiten. Bei jedem Hieb, den die Reiter austeilten, schrien sie und riefen ihren Freund beim Namen: »Du bist ein Bettler und ein Elender! Du verlangst mein Pferd; ich gebe es dir; dafür sollst du die blutige Spur meiner Peitsche auf deinem Rücken tragen.«

Dieses Manöver dauerte ungefähr eine Viertelstunde, während welcher Zeit die Geschlagenen, obwohl das Blut an ihnen herunterströmte, weder einen Schrei ausstießen noch eine Klage laut werden ließen, sondern ruhig und regungslos blieben, als ob sie Standbilder aus Erz wären.

Endlich pfiff der Rote Wolf ein zweites Mal, worauf die Reiter ebenso schnell verschwanden, als sie gekommen waren. Die Geschlagenen erhoben sich, als ob nichts geschehen wäre, und gingen mit strahlendem Gesicht und festem Tritt, einen prachtvollen, vollständig aufgezäumten Renner in Empfang zu nehmen, den ihre früheren Feinde, die sich jetzt wieder in ihre Freunde verwandelt hatten, beim Zügel hielten.

Das ist, was die Schwarzfüße »die Pferde rauchen lassen« nennen.

Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, die durch den tragikomischen Vorfall hervorgebracht worden war, stieg ein Hachesto oder öffentlicher Ausrufer auf den Rand der Beratungshütte. Die ganze Einwohnerschaft des Dorfes scharte sich stillschweigend auf dem Platz.

»Die Stunde hat geschlagen!« rief der Hachesto. »Ihr Krieger, greift zu euren Lanzen und nach euren Flinten; die Pferde stampfen vor Ungeduld, eure Häuptlinge erwarten euch, und eure Feinde schlafen! Zu den Waffen! Zu den Waffen! Zu den Waffen!«

»Zu den Waffen!« riefen sämtliche Krieger einstimmig aus.

Natah-Otann erschien, gefolgt von seinen Kriegern, die gleich ihm auf feurigen Rossen saßen, auf dem Platz und stieß mit furchtbarer Stimme das entsetzliche Kriegsgeschrei der Schwarzfüße aus. Bei diesem Geschrei eilten alle zu den Waffen, schwangen sich in den Sattel und sammelten sich um die Häuptlinge, die nach kaum zehn Minuten an der Spitze von ungefähr fünfhundert Auserwählten und vollständig bewaffneten und ausgerüsteten Kriegern standen.

Natah-Otann blickte sich triumphierend um; da fielen seine Blicke zufällig auf die beiden Gefangenen, die ruhig sitzen geblieben waren und scheinbar gleichgültig gegen alles, was um sie her vorging, miteinander sprachen. Bei diesem Anblick runzelte der Häuptling die dichten Brauen, neigte sich zum Weißen Bison, der neben ihm stand, und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Greis nickte beifällig und näherte sich den Gefangenen, während sich Natah-Otann an die Spitze der Krieger stellte und das Zeichen zum Aufbruch gab. Er entfernte sich und ließ nur ungefähr zehn Reiter zurück, die beauftragt waren, dem Weißen Bison erforderlichenfalls mit bewaffneter Hand beizustehen.

»Meine Herren«, sagte der Alte in festem Ton, aber mit höflicher Gebärde, »ich bitte Sie, Ihre Pferde zu besteigen und mir gefälligst zu folgen.«

»Ist es etwa ein Befehl, den Sie mir erteilen?« sagte der Graf hochfahrend.

»Warum diese Frage?«

»Weil es nicht meine Gewohnheit ist, irgend jemandem zu gehorchen.«

»Mein Herr«, antwortete der alte Häuptling, »es würde ebenso töricht sein, wenn Sie sich widersetzen wollten, als Sie Ihr eigenes Interesse dadurch ernstlich gefährden würden; steigen Sie also ungesäumt aufs Pferd.«

»Der Häuptling hat recht«, sagte Freikugel, indem er dem Grafen einen bedeutsamen Blick zuwarf. »Warum sollten wir unseren Kopf durchsetzen, da wir doch einmal nicht die Stärkeren sind.«

»Aber ...«, wandte der junge Mann ein.

»Da ist Ihr Pferd«, fiel ihm der Jäger rasch ins Wort. »Wir gehorchen dem Häuptling«, fügte er mit lauter Stimme hinzu. Hierauf flüsterte er dem Grafen zu: »Sind Sie von Sinnen, Herr Eduard? Wer weiß, was uns der Zufall während jenes verwünschten Feldzugs für günstige Gelegenheiten bieten kann?«

»Aber ...«

»Aufs Pferd! Aufs Pferd!«

Der junge Mann entschloß sich endlich, obwohl nur halb überzeugt, dem Rat des Jägers zu folgen.

Sobald die Gefangenen im Sattel saßen, wurden sie von den Reitern umringt und in vollem Lauf mit fortgerissen, bis sie die Truppe der Krieger erreicht hatten, an deren Spitze sie sich stellten.

Trotz des Widerstrebens des Grafen de Beaulieu hatten Natah-Otann und der Weiße Bison die Idee, ihn für Motecuhzoma auszugeben und an die Spitze der verbündeten Völker zu stellen, noch nicht aufgegeben. Sie hatten ihren Plan nur insofern geändert, daß sie beschlossen hatten, den Grafen zu der Mitwirkung zu zwingen, die freiwillig zu übernehmen er sich weigerte. Sie dachten folgendermaßen aufzutreten: Es war ihnen gelungen, den Indianern, die der Jagd beigewohnt hatten, einzureden, daß der hartnäckige Kampf der beiden Weißen, bei dem sie zum Schrecken der Indianer allein zwanzig Kriegern Trotz geboten hatten, nur eine Kriegslist der beiden gewesen sei, die sie ersonnen hätten, um ihre Kraft und ihre Gewandtheit vor aller Augen glänzen zu lassen.

Die Rothäute sind wegen ihrer Unwissenheit von einer unglaublichen Leichtgläubigkeit. Die grobe Lüge Natah-Otanns, die bei einem nur einigermaßen zivilisierten Volk nur Verachtung erweckt haben würde, fand unter jenen rohen Menschen den größten Anklang und erhöhte in ihren Augen die persönliche Tapferkeit des Grafen, den sie scheinbar nach wie vor auf das freundschaftlichste mit ihren Häuptlingen verkehren und frei im Dorf umhergehen sahen.

Man war zu weit gegangen, und der zum Ausbruch der Verschwörung bestimmte Tag war zu nahe, als daß die Häuptlinge hätten daran denken können, ihren Alliierten Gegenbefehl zu geben und auf ein Mittel zu sinnen, den Propheten, den sie den Völkern am Missouri verkündet hatten, anderweitig zu ersetzen. Wenn sie bei ihrer Ankunft am Sammelplatz den Erwarteten nicht vorführen konnten, so unterlag es keinem Zweifel, daß jeder Häuptling mit seinem Anhang auf und davon gegangen und alles vielleicht für immer verloren wäre. Einem solchen Unglück mußte um jeden Preis vorgebeugt werden.

Natah-Otann und der Weiße Bison sahen sich daher durch den gebieterischen Drang der Umstände gezwungen, zu einem verzweifelten Mittel ihre Zuflucht zu nehmen und das Gelingen dem Zufall zu überlassen. Es blieb ihnen nichts übrig als die Flucht nach vorn, und die beiden Häuptlinge waren nicht die ersten Leiter einer politischen Bewegung, die sich im letzten Augenblick gegen ihren Willen in die Arme jener unheilvollen Gottheit geworfen haben, die die Alten den »Unbekannten Gott« nannten und dem wir den Namen Zufall gegegeben haben.

Der Graf de Beaulieu und sein Begleiter sollten während des ganzen Feldzugs an der Spitze der Streitkräfte und – dem Anschein nach frei, aber ohne Waffen – unter der besonderen Aufsicht von zehn auserwählten Kriegern stehen, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen und sie bei der geringsten verdächtigen Bewegung erschlagen sollten. Der Plan war zwar so abgeschmackt, daß er anderen als den Indianern gegenüber kaum eine Stunde lang hätte ausgeführt werden können; aber gerade in seiner Unwahrscheinlichkeit lag seine Aussicht auf Erfolg, und die Indianer begründeten dies nicht nur mit dessen Verwegenheit, sondern auch mit der festen Überzeugung, daß dem Grafen keine Freunde zur Seite stünden, die bereit wären, seine Rettung zu wagen.

Die Flucht Ivons hatte zwar Natah-Otann eine Zeitlang besorgt gemacht, doch hatte man später in demselben Gehölz, in das der Diener des Grafen geflüchtet war, den halb zerrissenen Leichnam eines Mannes gefunden, der die gleiche Kleidung trug, und dieser Umstand diente dazu, den Häuptling vollkommen zu beruhigen, da er von der Treue des armen Menschen nun nichts mehr zu fürchten haben würde.

Drei Stunden vor dem Aufbruch der Truppe nach dem Sammelplatz hatte der Häuptling auf Anstiften des Weißen Bisons fünf Spione erwürgen lassen. Der Rote Wolf, in den sowohl Natah-Otann als der Weiße Bison das vollkommenste Vertrauen setzte und dessen bewährter Mut nicht in Zweifel gezogen werden konnte, war zum Anführer der Krieger ernannt worden, die die Gefangenen zu beaufsichtigen hatten. Die Lage der Dinge war mithin so günstig, als immer zu erwarten stand.

Die Häuptlinge ritten ihren Kriegern fünfzig Schritt voran; sie unterhielten sich flüsternd und faßten ihre letzten Beschlüsse.

Der Weiße Bison faßte die Lage der Dinge und die Hoffnungen auf Erfolg in wenigen Worten folgendermaßen zusammen: »Unser Plan verzweifelt«, sagte er; »ein Zufall kann ihn scheitern, ein Zufall kann ihn gelingen lassen – es hängt alles vom ersten Angriff ab.

Gelingt es uns – wie ich es hoffe –, die amerikanische Besatzung zu überraschen und uns des Forts Mackenzie zu bemächtigen, so bedürfen wir jenes Grafen nicht mehr und können ihn leicht verschwinden lassen, indem wir vorschützen, daß er wieder gen Himmel aufgestiegen sei, weil wir gesiegt haben! Wenn nicht, so müssen wir weitersehen; in wenigen Stunden wird alles entschieden sein. Bis dahin seien wir guten Mutes und vorsichtig.«

Natah-Otann antwortete nicht, sondern warf einen Blick auf Lianenblüte, die scheinbar sorglos neben der Truppe, die zu begleiten sie verlangt hatte, hertrabte; denn der Häuptling hatte ihr Verlangen mit Freude erfüllt.

Die Krieger marschierten in langer Reihe und verfolgten schweigend die unzähligen Windungen des geschlängelten Pfades, den die wilden Tiere bereits seit Jahrhunderten durch die Prärie gebahnt hatten. Die Armee glich bei dem silbernen Licht des Mondes einer ungeheuren Schlange, die sich durch die Ebene windet. Die Nacht war klar und mild. Vom reich bestirnten Himmel floß ein mattes und phantastisches Licht, das mit der Großartigkeit und der ursprünglichen Erhabenheit der Wildnis vollkommen in Einklang stand.

Gegen vier Uhr morgens machte Natah-Otann auf der Höhe eines bewaldeten Hügels halt. Der Hügel lag in einer ungeheuren Waldlichtung, in der sich die Mannschaft vertiefte und spurlos verschwand. In der Entfernung eines Kanonenschusses erhob sich das Fort Mackenzie finster und majestätisch vor ihren Blicken. Die Indianer hatten ihren Marsch so behutsam durchgeführt, daß die amerikanische Garnison nicht das kleinste Zeichen der Unruhe gegeben hatte.

Natah-Otann ließ ein Zelt aufschlagen, in das einzutreten er seine Gefangenen höflich bat. Diese gehorchten.

»Wozu die große Höflichkeit?« fragte der Graf.

»Sind Sie nicht mein Gast?« antwortete der Häuptling mit ironischem Lächeln, worauf er sich entfernte.

Sobald sich der Graf und sein Begleiter allein sahen, ließen sie sich auf einem Stoß aufgehäufter Pelze nieder, der ihnen als Bett dienen sollte.

»Was ist zu tun?« murmelte der Graf mutlos.

»Schlafen wir erst«, antwortete der Jäger gelassen. »Ich müßte mich sehr irren, wenn wir nicht bald etwas Neues erfahren sollten.«

»Gott gebe es!«

»Amen!« lachte Freikugel. »Nur getrost; wir werden diesmal noch nicht sterben!«

»Ich hoffe es«, erwiderte der Graf, um etwas zu sagen.

»Und ich bin davon überzeugt. Es wäre wahrlich sehr drollig«, fuhr der Jäger lachend fort, »wenn die roten Hunde mich, der ich schon so lange in der Wildnis herumschweife, endlich doch noch töten wollten.«

Der junge Mann konnte sich nicht enthalten, die arglose Zuversicht zu bewundern, mit der der Kanadier eine so unerhörte Behauptung hinstellte.

In dem Augenblick vernahmen die Gefangenen ein Geräusch in ihrer Nähe.

»Still!« flüsterte Freikugel.

Sie lauschten aufmerksam. Eine melodische Stimme sang nach einer sanften Weise die erste Strophe des allerliebsten Liedes der Schwarzfüße, die folgendermaßen lautet: »Ich vertraue dir mein Herz im Namen des Herrn des Lebens. Ich bin unglücklich, doch hat niemand Mitleid mit mir; und doch ist für mich der Herr des Lebens groß.«

»Ach«, murmelte der Graf erfreut, »die Stimme kenne ich, mein Freund.«

»Bei Gott – ich auch! Es ist die Stimme von Lianenblüte.«

»Was beabsichtigt sie?«

»Sie will uns ein Zeichen geben.«

»Glauben Sie?«

»Lianenblüte liebt Sie, Herr Eduard.«

»Das arme Kind! Ich liebe sie auch, aber ach ...«

»Bah! Auf den Regen folgt Sonnenschein!«

»Wenn ich sie sehen könnte!«

»Wozu das? Sie wird sich schon zeigen, wenn es notwendig ist. Glauben Sir mir, sowohl bei den Wilden als in der zivilisierten Welt sind die Frauen überall dieselben. Aber Achtung, es kommt jemand!«

Sie warfen sich hastig auf ihr Lager und stellten sich schlafend.

Ein Mann hatte den Türvorhang leise zurückgeschoben. Beim Mondenstrahl, der durch die Öffnung fiel, erkannten die Gefangenen den Roten Wolf. Der Indianer warf einen Blick nach draußen, und als ihn die ringsum herrschende Stille wahrscheinlich hinreichend beruhigt hatte, ließ er den Vorhang fallen und tat einige Schritte in das Zelt. »Der Jaguar ist stark und mutig«, sagte er mit lauter Stimme, als spreche er mit sich selbst; »der Fuchs ist listig, aber der Mensch, dessen Herz groß ist, übertrifft den Jaguar an Kraft und den Fuchs an List, wenn er Waffen hat, um sich zu verteidigen. Wer sagt, daß sich das Gläserne Auge und Freikugel erwürgen lassen wie schüchterne Gazellen?«

Hierauf ließ der Häuptling, ohne die Gefangenen anzusehen, zwei Flinten nebst Pulverhorn und Kugeln und zwei Messer zu ihren Füßen fallen, worauf er das Zelt ebenso gelassen und ruhig verließ, als ob er das einfachste Ding der Welt getan hätte.

Die Gefangenen sahen ihm verwundert zu.

»Was sagen Sie dazu?« fragte Freikugel betroffen.

»Es ist eine Falle!« antwortete der Graf.

»Nun, Falle oder nicht– die Waffen liegen da, und ich nehme sie an mich.« Der Jäger griff nach den Flinten und den Messern und versteckte sie unter den Decken.

Kaum waren die Waffen in Sicherheit, als der Vorhang des Zelts zurückgeschlagen wurde. Die Gefangenen hatten kaum Zeit, ihre frühere Stellung wieder einzunehmen.

Der Mann, der jetzt eintrat, war Natah-Otann; er hielt einen Ast aus Ocote oder Lichterholz angezündet in der Hand, und bei dessen Schein hatte sein sorgenvolles Gesicht einen unheimlichen Ausdruck. Er grub mit seinem Messer ein Loch in den Boden, pflanzte seine Fackel hinein und näherte sich den Gefangenen.

»Meine Herren«, begann er nach einer kleinen Pause, »ich komme, Sie um eine kurze Unterhaltung zu bitten.«

»Reden Sie, mein Herr; wir sind Ihre Gefangenen und als solche genötigt, Sie anzuhören – wenn auch nicht, Ihnen zuzuhören«, antwortete der Graf trocken, indem er sich mit dem Ellenbogen auf sein Lager stemmte, während Freikugel gelassen aufstand und sich an der Fackel eine Pfeife anbrannte.

»Sie haben sich, solange Sie meine Gefangenen sind, meine Herren«, fuhr der Häuptling fort, »nicht über mein Benehmen gegen Sie zu beschweren gehabt.«

»Es kommt darauf an; und vor allen Dingen erkenne ich keineswegs an, daß ich Ihr rechtmäßiger Gefangener bin.«

»Ach, Herr Graf«, antwortete Natah-Otann mit spöttischem Lächeln, »wie können Sie mit uns armen Indianern von rechtmäßig und unrechtmäßig reden? Sie wissen ja, daß wir nicht einmal das Wort, viel weniger dessen Begriff kennen.«

»Ganz recht; fahren Sie fort!«

»Ich bin gekommen ...«

»Warum?« unterbrach ihn der Graf ungeduldig. »Erklären Sie sich näher!«

»Ich habe Ihnen einen Vertrag vorzuschlagen.«

»Nun, ich bekenne offen, daß mir die Art, wie Sie mich bisher behandelt haben, kein großes Vertrauen dazu gibt.«

Der Indianer machte eine Bewegung.

»Gleichviel«, fuhr der Graf fort; »lassen Sie immerhin hören!«

»Mein Herr, ich wünschte der Notwendigkeit entledigt zu sein, Sie wieder knebeln zu müssen, wie ich es tun mußte, als man Sie gefangennahm.«

»Sehr verbunden.«

»Gegenwärtig kann ich aber durchaus keinen meiner Krieger entbehren und mithin auch niemanden zurücklassen, um Sie und Ihren Begleiter zu bewachen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß ich Ihnen Ihr Ehrenwort abfordere, von jetzt an vierundzwanzig Stunden lang nicht zu flüchten.«

»Das ist ja kein Vertrag!«

»Warten Sie; ich wollte eben darauf zu sprechen kommen.«

»Gut, ich warte.«

»Hingegen verpflichte ich mich ...«

»Aha!« sagte der Graf in spottendem Ton. »Lassen Sie doch hören, wozu Sie sich verpflichten; darauf bin ich wirklich gespannt.«

»Ich verpflichte mich«, fuhr der Häuptling kaltblütig und gelassen fort, »Ihnen nach Verlauf jener vierundzwanzig Stunden Ihre Freiheit zurückzugeben.«

»Meinem Gefährten auch?«

Der Indianer nickte bejahend.

Der Graf schlug ein lautes Gelächter auf. »Und wenn wir den Vorschlag nicht annehmen?« fragte er.

»Wenn Sie ihn nicht annehmen?«

»Ja.«

»Sie werden ihn aber annehmen«, fügte er mit ironischem Lächeln hinzu.

»Wohl möglich; nehmen Sie aber die Möglichkeit an, daß ich es nicht täte.«

»So wird man Sie mit Tagesanbruch beide an den Pfahl binden und bis zum Abend martern.«

»Wahrhaftig? Ist das Ihr letztes Wort?«

»Das letzte; ich werde in einer halben Stunde wiederkommen, um mir die Antwort zu holen.« Bei diesen Worten wandte er sich, um zu gehen.

Der Graf sprang auf wie ein Jaguar und stand plötzlich vor dem Häuptling, die Flinte in der einen, das Messer in der anderen Hand. »Einen Augenblick!« rief er ihm entgegen.

»Uah!« rief der Häuptling aus, indem er seine Arme über der breiten Brust kreuzte und ihn spöttisch betrachtete. »Sie hatten sich, wie ich sehe, bereits vorgesehen.«

»Bei Gott!« rief Freikugel hohnlachend aus. »Jetzt ist, wie mir scheint, die Reihe an uns, Vorschriften zu machen.«

»Vielleicht«, erwiderte Natah-Otann kaltblütig. »Da ich aber keine Zeit habe, müßige Reden zu führen, bitte ich, mir Platz zu machen, meine Herren.«

Freikugel trat rasch vor die Tür. »Was fällt Euch ein, Häuptling?« sagte er. »Die Sache kann nicht so enden, denn wir sind keine alten Weiber, die sich leicht schrecken lassen; und ehe man uns an den Marterpfahl bindet, werden wir uns selbst töten.«

Der Häuptling zuckte verächtlich die Achseln. »Ihr seid verrückt!« sagte er. »Macht mir Platz, alter Jäger, und zwingt mich nicht, Gewalt zu gebrauchen.«

»Nein, mein Häuptling«, lachte Freikugel, »wir können uns so nicht trennen, und es ist um so schlimmer für Sie, wenn Sie sich in die Höhle des Löwen gewagt haben.«

Natah-Otann machte eine ungeduldige Gebärde. »Ihr besteht darauf!« sagte er. »Wohlan, so seht!« Bei diesen Worten legte er die Kriegspfeife, die er am Hals trug, an den Mund und tat einen gellenden, kurzen Pfiff.

Ehe die beiden Weißen recht begriffen hatten, was geschah, spalteten sich die Wände des Zeltes, die Schwarzfüße drangen hinein, ergriffen Freikugel und den Grafen und entwaffneten sie. Der Sachem stand, die Arme über der Brust gekreuzt, kaltblütig da und wohnte dem Auftritt ruhig bei. Die Kenhas blickten auf ihren Häuptling, schwangen den Tomahawk über ihrem Kopf und schienen einen letzten Befehl zu erwarten.

Es trat eine kurze, aber bange Pause ein; so tapfer die beiden Weißen auch waren, so kam ihnen der Angriff doch so unerwartet, daß sie sich eines geheimen Schauders nicht erwehren konnten.

Der Häuptling weidete sich eine Zeitlang an seinem Sieg; hierauf erhob er die Hand mit befehlender Gebärde und sagte: »Geht, gebt jenen Kriegern ihre Waffen zurück; sie sind die Gäste Natah-Otanns.«

Die Schwarzfüße entfernten sich ebenso schnell, wie sie gekommen waren.

»Nun«, fragte der Häuptling mit einem Anflug von Ironie, »haben Sie mich endlich verstanden? Wähnen Sie immer noch, daß ich in Ihrer Gewalt sei?«

»Schon gut, mein Herr«, antwortete der Graf kurz, denn der Kampf, den er zu bestehen gehabt hatte, bebte noch in seinem Innern nach; »ich sehe mich gezwungen, anzuerkennen, daß Ihnen der Zufall Vorteile über mich gibt; jeder Widerstand wäre überflüssig, und ich bin bereit, mich Ihrem Willen zu unterwerfen, aber unter zwei Bedingungen.«

»Die ich im voraus annehme, Herr Graf«, antwortete Natah-Otann.

»Gehen Sie noch keine Verpflichtung ein; Sie wissen ja noch nicht, was ich verlange.«

»Ich sehe Ihrer Erklärung entgegen, Herr Graf.«

»Ich werde, da ich nicht anders kann, an der Spitze Ihrer Männer marschieren – aber allein, ohne Waffen und ohne daß Sie mir unter irgendeinem Vorwand einen anderen Anteil an dem blutigen Trauerspiel aufzwingen können, zu dem Sie sich vorbereiten.«

Der Häuptling runzelte die Brauen. »Und wenn ich die Bedingungen nicht annehme, Herr Graf?« erwiderte er in dumpfem Ton.

»Wenn Sie meine Bedingungen nicht annehmen«, antwortete Herr de Beaulieu im ruhigsten Ton und mit der gelassensten Miene, »werde ich Sie durch ein sicheres, unfehlbar wirkendes Mittel dazu zwingen.«

»Was heißt das mit anderen Worten, Herr Graf?« fragte jener.

»Das heißt, mein Herr, daß ich mich vor den Augen Ihrer Krieger erschießen werde.«

Der Häuptling warf ihm einen giftigen Blick zu. »Gut«, sagte er nach einer Weile, »die erste Bedingung nehme ich an; lassen Sie mich jetzt die zweite wissen.«

»Die zweite ist, daß Ihr mir versprecht, Ihr mögt gesiegt haben oder nicht – obwohl ich, nebenbei gesagt, das letztere lieber sehen würde als das erste –«

»Sehr verbunden«, fiel ihm der Häuptling mit einer spöttischen Verbeugung ins Wort.

»Nach beendeter Schlacht also – gleichviel, wie deren Ausgang ist – sollen Sie sich in ehrlichem Kampf mit mir messen!«

»Oho! Das ist ja ein Duell, wie ihr Weißen sagt, was Sie mir da vorschlagen.«

»Ja; wollen Sie nicht darauf eingehen?«

»Warum nicht? Ich nehme die Herausforderung sehr gern an, und zwar um so lieber, als bei uns Indianern vom Blut dergleichen Kämpfe ebenfalls gebräuchlich sind, wenn wir einen persönlichen Streit auszukämpfen haben.«

»Sie nehmen also meine Bedingungen an?«

»Ich nehme sie an, Herr Graf.«

»Wer verbürgt mir aber die Ehrlichkeit Ihres Wortes?«

»Ich, mein Herr«, antwortete eine kräftige Stimme.

Die drei Männer drehten sich um – der Weiße Bison stand unbeweglich im Eingang des Zeltes.

Als der Graf jenen seltsamen Mann erblickte, dessen Gebärde voll Hoheit und Würde war, fühlte er sich unwillkürlich überwältigt und verneigte sich, ohne zu antworten.

»Meine Herren«, fuhr Natah-Otann fort, »innerhalb des Lagers sind Sie frei!«

»Schönen Dank«, antwortete Freikugel in barschem Ton. »Ich habe aber nichts versprochen.«

»Ihr?« erwiderte der Häuptling gleichgültig. »Geht oder bleibt – das ist mir einerlei.«

Nachdem die beiden Häuptlinge Herrn de Beaulieu ehrerbietig gegrüßt hatten, entfernten sie sich.

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